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Full text of "Gesammelte Schriften Briefe"

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Walter  Benjamin 
Briefe  i 

Herausgegeben  und  mit  Anmerkungen 
versehen  von  Gershom  Scholem 
und  Theodor  W.  Adorno 


Suhrkamp  Verlag 


edition  suhrkamp  930 

Erste  Auflage  1978 

©  Suhrkamp  Verlag,  Frankfurt  am  Main  1966.  Printed  in  Germany-.  Alle 

Rechte   vorbehalten,    insbesondere    das    der   Obersetzung,    des    offentlichen 

Vortrags  und  der  Obertragung  durdi  Rundfunk  und  Fernsehen,  audi  ein- 

zelner  Teile.  Druck  Nomos  Verlagsgesellsdiaft,  Baden-Baden,*  Gesamtaus- 

stattung  "Willy  Fleckhaus. 

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VORREDEN  DER  HERAUSGEBER 


Als  ichTheodor  Adornovorschlug,  gemeinsam  eine  Samm- 
lung  der  Brief e  Walter  Benjamins  zu  veroffentlichen,  dessen 
natiirliche  und  ungemeineBegabung  zum  Briefschreiben  eine 
der  bezauberndsten  Facetten  seiner  Natur  war,  konnte  ich 
davon  ausgehen,  daB  in  der  ausfuhrlichen  Korrespondenz,  die 
Benjamin  durch  25  Jahremitmir  gefiihrt  hatte,  und  in  seinen 
Brief  en  an  die  Mitglieder  des  Instituts  fur  Sozialforschung  in 
den  Jahren  seiner  Emigration,  vor  allem  an  Max  Horkheimer 
und  Adorno,  ein  bedeutender  und  durchaus  charakteristischer 
Grundstock  vorlag,  um  den  sich  eine  solche  Auswahl  wiirde 
gruppieren  konnen.  Wir  wuBten  von  anderem  Material,  das 
erhalten  war,  Briefen  an  Florens  Christian  Rang,  Hofmanns- 
thal  und  den  spateren  Briefen  an  Werner  Kraft,  die  uns  zu- 
ganglich  sein  wiirden.  Als  wir  den  Plan  aufnahmen,  konnten 
wir  damit  rechnen,  daB  auch  anderes  sich  noch  finden  wiirde, 
das  die  Stiirme  dieser  Jahrzehnte  und  deren  Katastrophen 
iiberstanden  hatte.  In  dieser  Erwartung  sind  wir  nicht  ge- 
tauscht  worden.  Benjamin  war  wohl  fast  alien,  die  ihn  naher 
gekannt  haben,  eine  viel  zu  eindrucksvolle  und  bedeutende 
Erscheinung,  als  daB  sie  nicht  Schriftliches  von  ihm  ganz 
oder  teilweise  aufbewahrt  hatten,  Dazu  kam  die  natiirliche 
Anmut  und  der  Glanz  einer  noch  in  der  spontanen  Mitteilung 
sich  niederschlagenden  Kraft  der  Formulierung,  die  diese 
Briefe  den  Adressaten  kostbar  machen  muBten.  So  kamen 
wir  dazu,  iiber  ein,  trotz  allem,  iiberraschend  reiches  Material 
verfiigen  zu  konnen,  aus  dem  diese  Bande  eine  Auswahl  von 
erheblichem  Umfang  vorlegen.  Durch  die,  in  sich  sehr  ver- 
schiedenartigen  Briefe,  an  Freunde  seiner  Jugendjahre  und 
an  Manner  und  Frauen,  mit  denen  er  spater  literarische  und 
personliche  Beziehungen  unterhielt,  ergab  sich  so  fur  uns  die 
gliickliche  Situation,  eine  fast  liickenlose  Reihe  von  Briefen 
bringen  zu  konnen,  die  sich  iiber  dreiBig  Jahre  erstreckt,  von 
seinem  achtzehnten  Geburtstag  bis  kurz  vor  seinen  Selbst- 
mord  auf  der  Flucht  vor  den  Mordern.  Diese  Briefe  bieten 


eine  reiche  Dokumentation  zu  seiner  persbnlichen  und  intel- 
lektuellen  Biographie  und  lassen  zugleich  das  Bild  seiner 
Person,  das  sich  uns  so  unvergeBlich  eingepragt  hat,  auch  fur 
den  Leser,  wie  wir  hoff  en,  in  genauen  Konturen  hervortreten. 
Von  der  „Jugendbewegung"  der  letzten  Jahre  vor  dem  ersten 
Weltkrieg,  in  der  Benjamin  an  einer  besonders  sichtbaren 
Stelle,  als  Hauptmitarbeiter  des  von  Gustav  Wyneken  her- 
ausgegebenen  „Anfang",  als  Hauptsprecher  des  Berliner 
„Sprechsaal  der  Jugend"  und  als  President  der  Freien  Stu- 
dentenschaft  an  der  Universitat  Berlin  eine  bei  allem  Uber- 
schwang  und  jugendlicher  Unklarheit  doch  scharf  profilierte 
Haltung  einnahm,  fiihren  diese  Brief e  durch  die  Jahre  vol- 
liger  Zuriickgezogenheit,  man  konnte  sagen  Verborgenheit, 
hiniiber  zu  den  Jahren  seines  literarischen  und  publizistischen 
Wirkens.  Sie  begleiten  seine  Auseinandersetzungen  mit  gro- 
Ben  geistigen  Bewegungen  und  Phanomenen  dieser  Jahre  und 
bezeugen  eindringlich  die  Wandlungen  seines  Genius,  vora 
Metaphysiker,  der  von  einer  Kommentierung  groBer  hebra- 
ischer  Texte  traumte,  zum  Marxisten,  der  er  in  seinen  spate- 
ren  Jahren  sein  wollte.  *  Es  ist  die  Absicht  dieser  Sammlung, 
den  Lebensgang  und  die  Physiognomie  eines  der  tiefsten  und 
zugleich  ausdrucksmachtigsten  Menschen  sichtbarzumachen, 
den  die  Judenheit  des  deutschen  Sprachkreises  in  der  Genera- 
tion vor  ihrer  Vernichtung  hervorgebracht  hat. 

Natiirlich  ist  sehr  vieles  verloren  gegangen.  Dazu  gehoren 
Benjamins  Brief e  an  seine  Eltern  und  Geschwister  Georg 
und  Dora,  an  Kurt  Tuchler,  Franz  Sachs,  Gustav  Wyneken, 
Fritz  Heinle  und  Georg  Barbizon  aus  der  Zeit  der  Jugend- 
bewegung,  an  Wolf  Heinle,  Erich  Gutkind,  Ernst  Bloch  und 
Siegfried  Kracauer  aus  der  Zeit  des  ersten  Weltkrieges  und 
den  zwanziger  und  dreiBiger  Jahren.  Was  Brecht  aufbewahrt 
hat,  war  von  uns  aus  nicht  zu  ixbersehen.  Von  Briefen  an 
Frauen,  die  ihm  nahestanden,  sind  die  an  Grete  Cohn-Radt, 
seine  erste  Verlobte  und  an  Dora  Benjamin,  seine  1964  ver- 
storbene  Frau,  vollstandig  verloren.  DaB  seine  Freundin  Asja 
Lacis,  der  die  „EinbahnstraBe"  gewidmet  ist,  in  Riga  lebt, 
gelangte  erst  unmittelbar  vorDruckbeginn  zu  unsererKennt- 
nis.  Von  denen  an  Jula  Cohn,  die  Schwester  seines  Jugend- 

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freundes  Alfred  Cohn,  der  er  sich  Jahre  hindurch  besonders 
nahe  fiihlte,  haben  sich  nur  eine  Anzahl  Brief e  aus  der  Zeit 
nach  ihrer  Eheschliefiung  mit  Fritz  Radt  (1925)  erhalten. 
Von  Brief  en  an  franzosische  Korrespondenten  sind  zum  Bei- 
spiel  die  an  Andre  Breton  verloren  oder  nicht  auffindbar,  und 
nur  sehr  weniges  an  franzosische  Bekannte  ist  erhalten  oder 
ims  zuganglich  geworden.  Mit  Werner  Kraft  unterhielt  Ben- 
jamin zwischen  1915  und  1921  einen  zeitweise  intensiven 
Briefwechsel,  in  dem  er  sich  vor  allem  auch  uber  literarische 
Fragen  ausfuhrlich  auBerte,  ja  er  dachte  manchmal  daran, 
wie  er  mir  damals  sagte,  sie  als  Grundlage  fur  eine  Folge  von 
„  Brief  en  zur  neuern  Literatur"  zu  verwenden.  Diese  Brief  e 
sind  durch  besonders  ungliickliche  Umstande  verloren  gegan- 
gen,  und  erst  Benjamins  Brief e  aus  der  Zeit  der  Wiederauf- 
nahme  ihrer  Beziehung  in  den  dreiBiger  Jahren  sind  erhalten. 
Ich  mochte  hier  ein  Wort  iiber  seine  Briefe  an  mich  sagen, 
die  fur  viele  Jahre  eine  Art  Ruckgrat  der  vorliegenden  Aus- 
wahl  bilden.  Ich  lernte  Walter  Benjamin  drei  Monate  nach 
seinem  endgiiltigen  Bruch  mit  Wyneken  kennen,  und  meine 
leidenschaftliche  Bindung  an  das  Judentum  und  die  Sache 
des  Zionismus  eroffnete  mir  den  Weg  zu  seiner  Person  nicht 
weniger  als  das  intensive  Interesse  an  philosophischen  und 
literarischen  Dingen,  in  dem  wir  uns  trafen.  Ich  war  damals 
sehr  jung,  studierte  Mathematik  und  Hebraisch  mit  gleicher 
Intensitat  und  iiberschuttete  ihn  mit  Mitteilungen,  Fragen 
und  Gedanken,  die  meine  jxidischen  Studien,  aber  auch  meine 
jugendliche  Auseinandersetzung  mit  der  Mathematik  und 
Philosophie  betrafen.  In  unserm  Briefwechsel  vereinigten 
sich  von  vornherein  sachliche  und  personliche  Interessen,  und 
diese  Verbindung  bestimmt  die  etwa  300  Briefe,  die  ich  von 
ihm  besitze.  Da  wir  meistens  nicht  am  gleichen  Orte  lebten 
und  besonders,  seitdem  ich  1923  nach  Palastina  ging,  fast 
ausschliefilich  auf  briefliche  Mitteilung  angewiesen  waren, 
bildeten  Briefe  in  besonders  exemplarischer  Weise  das  Medium 
unserer  spateren  Beziehung,  fur  das  personliches  Gesprach 
nur  noch  zweimal  wieder  substituiert  werden  konnte.  Wah- 
rend  daher  in  seinen  Beziehungen  zu  anderen  Menschen  das 
meiste  sich  im  Medium  des  produktiven  Gesprachs  und  der 


spontanen  Miindlichkeit  vollzog,  muBten  die  Briefe  an  mich 
fur  alles  einstehen,  was  uns  an  persbnlichem  Zusammensein 
versagt  war.  Dadurch  ist  ebenso  vieles  von  seinen  Berichten 
und  Reflexionen  iiber  sich  selbst  erhalten  geblieben,  was  sonst 
wohl  verloren  ware,  wie  freilich  auch,  eben  der  raumlichen 
Entfernung  wegen,  vieles  doch  in  diesem  Medium  nicht  zur 
Sprache  zu  bringen  war.  Ich  bin  auch  iiberzeugt,  daB  er  sich 
mit  demselben  kritischen  Freimut  und  derselben  ironischen 
Scharfe,  mit  der  er  sich  iiber  andere  in  Briefen  an  mich 
geauBert  hat,  zu  andern  iiber  mich  ausgesprochen  haben  wird. 
Wir  wuBten  stets,  woran  wir  dabei  waren. 

Aus  dem  uns  vorliegenden  Material  von  etwa  600  Briefen 
haben  wir  mehr  als  300  ausgewahlt,  die,  wie  wir  glauben, 
sich  zu  einem  Ganzen  fugen.  Gerade  die  verschiedene  Far- 
bung,  ja  der  verschiedene  Tonfall,  den  diese  Briefe,  je  nach 
der  Person  der  Adressaten,  haben,  spiegeln  den  Reichtum 
von  Benjamins  Personlichkeit,  in  ihm  gemaBen  Medien  ge- 
brochen,  wider.  Die  Briefe  sind  zum  groBen  Teile  lang,  wie 
das  seinem  Reflexions-  und  Mitteilungsbediirfnis  seinen 
Freunden  gegeniiber  entsprach.  Kurze  Briefe  sind  oft  nur 
technischer  Natur  und  konnten  ohne  Verlust  ausgeschieden 
werden.  Bei  anderm  muBten  wir,  wo  es  um  minder  wichtige 
Mitteilungen  oder  um  Wiederholungen  von  Dingen  ging, 
die  in  hier  vorliegenden  Briefen  geniigend  behandelt  sind, 
verzichten.  Besonders  von  den  Briefen  an  mich  habe  ich, 
schon  aus  Raumgriinden,  vieles  zuriickstellen  miissen.  Aus- 
lassungen  in  den  auf genommenen  Briefen  wurden  stets  durch 
Punkte  in  eckigen  Klammern  [. . .]  sichtbar  gemacht.  Sie  be- 
treffen  rein  Technisches,  Finanzielles,  seine  Beziehungen  zu 
seinen  Eltern  und  personliche  AuBerungen  iiber  Lebende,  zu 
deren  Mitteilung  wir  uns  nicht  befugt  hielten.  Sachliche 
Kritik  an  Personen,  auch  solche  ironischen  Charakters,  haben 
wir  aufgenommen;  dariiber  hinaus  schien  uns  Zuriickhaltung 
geboten. 

In  den  Anmerkungen  haben  wir  uns  auf  das  Notwendige 
beschrankt.  Benjamins  Satze  in  seinem  Brief  an  Ernst  Schoen 
vom  19.  September  1919  gegen  Anmerkungen  zu  Briefwech- 
seln  als  einem  AderlaB  an  der  Korrespondenz  muBten  von 

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uns  als  eine  an  die  Herausgeber  gerichtete  Warnung  auf- 
gefaBt  werderi,  vorsichtig  zu  verfahren.  Der  Erklarung  von 
literarisch  allgemein  Eekanntem  haben  wir  keinen  Raum 
gegeben.  Bei  manchen  Stellen,  die  eine  Erklarung  verlangt 
hatten,  waren  die  genauen  Umstande,  die  vorausgesetzt  wer- 
den,  nicht  mehr  festzustellen.  Das  gilt  vor  allem  von  den 
Brief  en  bis  1915,  bevor  ich  Benjamin  naher  kennenlernte. 
Von  da  an  konnte  ich  fur  die  nachsten  fiinfzehn  Jahre  auf 
meine  eigene,  fur  die  weitere  Zeit  auf  Adornos  und  meine 
ziemlich  prazise  Erinnerung  sowie  auf  anderes  Schriftliches 
(wie  meine  Tagebiicher  von  1915  bis  1919)  zuriickgreifen. 
Vieles  hat  mir  im  Lauf  der  Jahre  auch  seine  Frau,  die  wah- 
rend  des  zweitenWeltkrieges  und  nachher  bis  zu  ihrem  Tode 
in  London  lebte,  erzahlt.  Fur  die  Jugendbriefe  verdanke  ich 
zudem  Herbert  Belmore  (Rom),  Franz  Sachs  (Johannesburg) 
und  Jula  Radt-Cohn  (Naarden,  Holland)  wertvolle  Auskiinf te 
liber  Einzelheiten.  Leider  starb  Ernst  Schoen,  der  mit  Benja- 
min noch  von  jenen  friihen  Jahren  her  befreundet  war,  bevor 
die  Sammlung  des  Briefmaterials  vorlag  und  er  iiber  Details, 
die  nur  er  in  der  Lage  war  aufzuklaren,  befragt  werden 
konnte. 

Das  Datum  ist  in  alien  Brief  en  einheitlich  an  die  rechte 
Kopfseite  gesetzt  worden.  Benjamin  selbst  pflegte  es  meistens 
links  unten  neb  en  seine  Unterschrift  zu  setzen.  Die  Zeichen- 
setzung  des  Kommas  nach  der  Anrede  haben  wir  vereinheit- 
licht.  Die  Interpunktion  der  Brief e  selbst  bildete  ein  schwie- 
riges  Problem.  Jahre  hindurch,  vor  allem  zwischen  1914  und 
1924,  hielt  sich  Benjamin  prinzipiell  nicht  an  die  „amtliche 
Rechtschreibung"  und  verfuhr  vollig  nach  seinem  Gefiihl, 
das  sich  besonders  gegen  den  Gebrauch  des  Kommas  in  Pri- 
vatbriefen  sperrte.  Nur  wo  es  sich  um  mehr  oder  weniger 
formelle  Brief e  handelte,  benutzte  er  einigermaBen  konven- 
tionelle  Interpunktion.  Nach  1921  begann  er,  zuerst  sehr  zo- 
gernd,  dann  fortschreitend,  der  orthographischen  Konvention 
sich  auch  hierin  anzupassen.  Ich  habe  daher  in  den  Brief  en  bis 
1921  nur  sehr  selten,  wo  es  durch  syntaktische  Verhaltnisse 
durchaus  geboten  schien,  die  Interpunktion  verbessert;  spater 
haben  wir  sie  starker  der  Konvention  angeglichen. 

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Die  Briefe  an  Benjamin  sind  bisher  so  gut  wie  vollstandig 
verloren,  soweit  nicht  aus  seinen  allerletzten  Jahren  Briefe 
Horkheimers  und  Adornos,  die  mit  der  Maschine  geschrieben 
waren,  in  Durchschlagen  erhalten  geblieben  sind.  Von  den 
hunderten  Briefen,  die  ich  an  ihn  gerichtet  habe,  besitze  ich 
abschriftlich  nur  noch  fiinf.  Im  Zusammenhang  der  vorlie- 
genden  Verbffentlichung  haben  wir  uns  entschlossen,  in  den 
zweiten  Band  drei  Briefe  von  mir  und  zwei  von  Adorno  auf- 
zunehmen  und  an  den  jeweiligen  Daten  einzureihen,  weil  sie 
fur  die  zwischen  uns  und  ihm  verhandelten  theoretischen 
Fragen  von  besonderem  Gewicht  schienen,  fiir  das  Verstand- 
nis  seiner  eigenen  Briefe,  ja  dariiber  hinaus  seiner  Person 
selbst,  Wichtiges  beizutragen  haben  und  ein  Bild  von  der 
lebendigen  Rede  und  Gegenrede  in  dieser  Korrespondenz 
iiberliefern.  AuBerdem  habe  ich  zwei  Gedichte  von  mir,  auf 
die  in  mehreren  Briefen  Benjamins  Bezug  genommen  wird, 
an  den  betreffenden  Stellen  eingeschaltet:  ein  Gedicht  iiber 
das  Bild  „Angelus  Novus"  von  Paul  Klee,  nach  dem  Benja- 
min die  von  ihm  geplante  Zeitschrift  nennen  wollte,  sowie 
ein  „Lehrgedicht"  iiber  Kafkas  „ProzeB". 

In  die  Bearbeitung  haben  wir  uns  folgendermaBen  geteilt 
und  tragen  dementsprechend  die  Verantwortung  fiir  die  Ge- 
staltung  der  Briefe  und  die  Anmerkungen:  Ich  habe  samt- 
liche  Briefe  bis  1921  sowie  die  weiteren  Briefe  an  mich,  Max 
Rychner,  Martin  Buber,  Alfred  Cohn,  Jula  Radt,  Werner 
Kraft,  Fritz  Li eb,  Kitty  Steinschneider-Marx  und  Hannah 
Arendt  bearbeitet.  Adorno  hat  die  Briefe  anFlorens  Christian 
Rang,  Hofmannsthal,  Brecht  und  Personen  aus  dem  Kreise 
von  Brecht,  an  Karl  Thieme,  Adrienne  Monnier,  sowie  die 
Briefe  an  Horkheimer  und  ihn  selbst  und  seine  Frau  zu  ver- 
antworten.  Zu  den  Anmerkungen  des  von  Adorno  bearbei- 
teten  Teils  trug  Rolf  Tiedemann  Wesentliches  bei.  Jeder 
von  uns  hat  die  von  dem  andern  bearbeiteten  Teile  gelesen 
und  seine  Bemerkungen  dazu  gemacht. 

Ich  mochte  schlieBlich  all  denen,  die  durch  Beistellung  von 
Briefen  zum  Zustandekommen  dieses  Buches  geholfen  haben, 
den  herzlichen  Dank  der  Herausgeber  sagen,  vor  allem  Herrn 
Herbert  Belmore  (Rom),  Frau  Hansi  Schoen  (Grafin  Johanna 

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Rogendorf*  London),  Frau  Jula  Radt-Cohn  (Naarden),  Frau 
Grete  Cohn-Radt  (Paris),  Herrn  Dr.  Werner  Kraft  (Jeru- 
salem), Frau  Dr.  Kitty  Steinschneider  (Jerusalem),  Professor 
Fritz  Lieb  (Basel),  Frau  Susanne  Thieme  (Lorrach),  sowie 
den  Erben  und  NachlaBverwaltungen  von  Brecht,  Hof- 
mannsthal  und  Rang.  Unser  warmster  Dank  gilt  dem  Suhr- 
kamp  Verlag,  der  unsern  Anregungen  und  Wiinschen  bereit- 
willig  entgegengekommen  ist,  und  seinem  Lektor  Walter 
Boehlicb,  der  uns  in  vielen  Dingen  sehr  geholfen  hat.  Die 
Arbeit  an  der  Sammlung  des  Materials,  der  Vorbereitung  des 
Manuskripts  und  der  Drucklegung  hat  mehr  als  vier  Jahre 
in  Anspruch  genommen.  Nicht  wenige  Briefe  sind  uns  erst 
wahrend  der  Drucklegung,  ja  noch  nach  Abschlufl  der  Fah- 
nenkorrekturen  zur  Verfiigung  gestellt  worden.  So  erscheint 
denn  diese  Sammlung,  die  unserm  toten  Freund  ein  leben- 
diges  Denkmal  setzen  soil,  f  iinfundzwanzig  Jahre  nach  seinem 
Tode. 

Jerusalem  Gershom  Gerhard  Scholem 

1  Eingehender  iiber  Benjamin  haben  sich  Adorno,  „Charakteristik 
Walter  Benjamins"  in  „Prismen",  und  in  der  Vorrede  zu  den  „Schrif- 
ten";  Scholem,  „Walter  Benjamin"  in  der  „Neuen  Rundschau"  1965, 
S.  1-21,  geauflert. 


13 


II 


Walter  Benjamins  Person  war  von  Anbeginn  derart  Medium 
des  Werkes,  sein  Gliick  hatte  er  so  sehr  an  seinem  Geist,  daB, 
was  immer  sonst  Unmittelbarkeit  des  Lebens  heiBt,  gebrochen 
wurde.  Ohne  daB  er  asketisch  gewesen  ware,  auch  nur  in 
seiner  Erscheinung  so  gewirkt  hatte,  eignete  ihm  ein  fast 
Korperloses.  Der  seines  Ichs  machtig  war  wie  wenige,  schien 
der  eigenen  Physis  entfremdet.  Das  ist  vielleicht  eine  der 
Wurzeln  der  Intention  seiner  Philosophic,  mit  rationalen 
Mitteln  heimzubringen,  was  an  Erfahrung  in  der  Schizo- 
phrenie  sich  anmeldet.  Wie  sein  Denken  die  Antithesis  bildet 
zum  Personbegriff  des  Existentialismus,  scheint  er  empirisch, 
trotz  extremer  Individuation,  kaum  Person  sondern  Schau- 
platz  der  Bewegung  des  Gehalts,  der  durch  ihn  hindurch  zur 
Sprache  drangte.  MiiBig  waren  Reflexionen  iiber  den  psycho  - 
logischen  Ursprung  jenes  Zuges;  setzten  sie  doch  jene  Nor- 
mal vorstellung  vom  Lebendigen  voraus,  die  Benjamins  Spe- 
culation sprengte  und  an  der  das  allgemeine  Einverstandnis 
desto  verstockter  festhalt,  je  weniger  das  Leben  noch  eines  ist. 
Eine  AuBerung  von  ihm  iiber  seine  eigene  Handschrift  —  er 
war  ein  guter  Graphologe  — :  sie  sei  vor  allem  darauf  an- 
gelegt,  nichts  merken  zu  lassen,  bezeugt  zumindest,  wie  er  zu 
sich  in  dieser  Dimension  stand,  ohne  daB  er  im  iibrigen  um 
seine  Psychologie  viel  sich  gekummert  hatte. 

Schwerlich  ist  es  einem  anderen  gelungen,  die  eigene  Neu- 
rose,  wenn  es  denn  eine  war,  so  produktiv  zu  machen,  wie 
ihm.  Zum  psychoanalytischen  Begriff  der  Neurose  gehort  die 
Fesselung  der  Produktivkraft,  die  Fehlleitung  der  Energien. 
Nichts  dergleichen  bei  Benjamin.  Die  Produktivitat  des  sich 
selbst  Entfremdeten  ist  erklarbar  nur  dadurch,  daB  in  seiner 
diffizilen  subjektiven  Reaktionsform  ein  objektiv  Geschicht- 
liches  sich  niederschlug,  das  ihn  befahigte,  sich  umzuschaffen 
zum  Organ  von  Objektivitat.  Was  ihm  an  Unmittelbarkeit 
mangeln  mochte  oder  was  zu  verbergen  ihm  von  friih  zur 
zweiten  Natur  muB  geworden  sein,  ist  in  der  vom  abstrakten 

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Gesetz  der  Beziehungen  zwischen  den  Menschen  beherrschten 
Welt  verloren.  Nur  urn  den  Preis  des  bittersten  Sch'merzes 
oder  nur  unwahr,  als  tolerierte  Natur,  darf  es  sich  zeigen. 
Benjamin  hat  daraus,  langst  ehe  ihm  dergleichen  Zusam- 
menhange  bewuBt  waren,  die  Konsequenz  gezogen.  In  sich 
und  seinem  Verhaltnis  zu  anderen  setzte  er  riickhaltlos  den 
Primat  des  Geistes  durch,  der  anstelle  von  Unmittelbarkeit 
sein  Unmittelbares  wurde.  Seine  private  Haltung  naherte  zu- 
weilen  dem  Ritual  sich  an.  Man  wird  den  EinfluB  Stefan 
Georges  und  seiner  Schule,  von  der  ihn  philosophisch  schon 
in  seiner  Jugend  alles  trennte,  darin  zu  suchen  haben:  er 
lernte  von  George  Schemata  des  Rituals.  In  den  Brief  en  reicht 
es  bis  ins  typographische  Bild  hinein,  ja  bis  in  die  Wahl  des 
Papiers,  das  fur  ihn  eine  ungemeine  Rolle  spielte;  noch  wah- 
rend  der  Emigrationszeit  beschenkte  ihn  sein  Freund  Alfred 
Cohn,  wie  langst,  mit  einer  bestimmten  Papiersorte.  Die 
ritualen  Ziige  sind  am  starksten  in  der  Jugend;  erst  gegen 
Ende  seines  Lebens  lockerten  sie  sich,  als  hatte  die  Angst  vor 
der  Katastrophe,  vor  Schlimmerem  als  dem  Tod,  die  tief  ver- 
grabene  Spontaneitat  des  Ausdrucks  erweckt,  die  er  durch 
Mimesis  an  den  Tod  bannte. 

Benjamin  war  ein  groBer  Briefschreiber;  offensichtlich  hat 
er  passioniert  Briefe  geschrieben.  Trotz  der  beiden  Kriege, 
des  Hitlerreichs  und  der  Emigration  erhielten  sichsehr  viele; 
auszuwahlen  war  schwierig.  Der  Brief  wurde  ihm  zur  Form. 
Die  primaren  Impulse  laBt  sie  durch,  schiebt  aber  zwischen 
diese  und  den  Adressaten  ein  Drittes,  die  Gestaltung  des  Ge- 
schriebenen  gleichwie  unterm  Gesetz  von  Objektivation,  trotz 
der  Anlasse  von  Ort  und  Stunde  und  dank  ihrer,  als  wiirde 
dadurch  erst  die  Regung  legitimiert.  Wie  bei  Denkern  von 
bedeutender  Kraft  Einsichten,  die  aufs  treueste  ihr  Objekt 
treffen,  vielfach  zugleich  solche  iiber  den  Denkenden  selbst 
sind,  so  bei  Benjamin:  ein  Modell  dafiir  ist  die  beruhmt  ge- 
wordene  Formel  iiber  den  alten  Goethe  als  Kanzlisten  des 
eigenen  Inneren.  Solche  zweite  Natur  hatte  nichts  Posiertes; 
iibrigens  hatte  er  den  Vorwurf  gleichmiitig  hingenommen. 
Der  Brief  war  ihm  darum  so  gemaB,  weil  er  vorweg  zur  ver- 
mittelten,   objektivierten  Unmittelbarkeit  ermutigt.   Briefe 

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schreiben  fingiert  Lebendiges  im  Medium  des  erstarrten 
Worts.  Im  Brief  vermag  man  die  Abgeschiedenheit  zu  ver- 
leugnen  und  gleichwohl  der  Feme,  Abgeschiedene  zu  bleiben. 

Auf  das  Spezifische  des  Brief schreibers  Benjamin  mag  ein 
Detail  Lictit  werfen,  das  mit  Korrespondenz  zunachst  gar 
nichts  zu  tun  hat.  Die  Unterhaltung  fiihrte  einmal  auf  Un- 
terschiede  zwischen  dem  geschriebenen  und  dem  gesproche- 
nen  Wort  wie  den,  dafi  man  in  der  lebendigen  Konversation, 
aus  Humanitat,  an  sprachlicher  Form  etwas  nachlaBt  und  des 
bequemeren  Perfekts  sich  bedient,  wo  grammatisch  das  Pra- 
teritum  gefordert  ware.  Benjamin,  der  das  feinste  Organ  fur 
sprachliche  Nuancen  besaB,  machte  gegen  den  Unterschied 
sich  sprode  und  bestritt  ihn  mit  einem  gewissen  Affekt,  so 
als  ob  eine  Wunde  beriihrt  worden  ware.  Seine  Briefe  sind 
Figuren  einer  redenden  Stimme,  die  schreibt,  indem  sie 
spricht. 

Fur  den  Verzicht,  der  sie  tragt,  sind  aber  diese  Briefe  aufs 
reichste  belohnt  worden.  Das  rechtfertigt,  sie  einem  groBen 
Leserkreis  zuganglich  zu  machen.  Der  das  gegenwartige 
Leben  wahrhaft  an  seinem  farbigen  Abglanz  hatte;  dem  war 
Macht  gegeben  iiber  die  Vergangenheit.  Die  Form  des  Briefes 
ist  anachronistisch  und  begann  es  schon  zu  seinen  Lebzeiten 
zu  werden;  die  seinen  ficht  das  nicht  an.  Bezeichnend,  daB  er, 
wenn  irgend  es  moglich  war,  seine  Briefe,  als  langst  die 
Schreibmaschine  dominierte,  mit  der  Hand  zu  Papier  brachte; 
ebenso  bereitete  ihm  der  physische  Akt  des  Schreibens  Lust 
-  er  fertigte  gern  Exzerpte  und  Reinschriften  an  —  ,wie  ihn 
Abneigung  beseelte  gegen  mechanische  Hilf smittel :  die  Ab- 
handlung  iiber  das  Kunstwerk  im  Zeitalter  seiner  technischen 
Reproduzierbarkeit  war  insofern,  wie  manches  in  seiner  gei- 
stigen  Geschichte,  Identifikation  mit  dem  Angreifer.  Das 
Briefschreiben  meldet  einen  Anspruch  des  Individuums  an, 
dem  es  heute  so  wenig  mehr  gerecht  wird,  wie  die  Welt  ihn 
honoriert.  Als  Benjamin  bemerkte,  daB  man  von  keinem 
Menschen  mehr  eine  Karikatur  machen  konne,  kam  er  jenem 
Sachverhalt  nahe;  auch  in  der  Abhandlung  iiber  den  Erzah- 
ler.  In  einer  gesellschaftlichen  Gesamtverfassung,  die  jeden 
Einzelnen  zur  Funktion  herabsetzt,  ist  keiner  langer  legiti- 

16 


miert,  so  im  Brief  von  sich  selbst  zu  berichten,  als  ware  er 
noch  der  unerfaBte  Einzelne,  wie  der  Brief  es  doch  sagt:  das 
Ich  im  Brief  hat  bereits  etwas  Scheinhaftes. 

Subjektiv  aber  sind  die  Menschen,  im  Zeitalter  des  Zerfalls 
der  Erfahrung,  zum  Briefs chreiben  nicht  mehr  aufgelegt. 
Einstweilen  sieht  es  aus,  als  entzoge  die  Tecbnik  den  Brief  en 
ihre  Voraussetzung.  Weil  Briefe,  angesichts  der  prompteren 
Moglichkeiten  der  Kommunikation,  der  Schrumpfung  zeit- 
raumlicher  Distanzen,  nicht  mehr  notwendig  sind,  zergeht 
auch  ihre  Substanz  an  sich.  Benjamin  brachte  fur  sie  eine  an- 
tiquarische  und  ungehemmte  Begabung  mit;  ein  Vergehen- 
des  vermahlte  sich  ihm  mit  der  Utopie  seiner  Wiederherstel- 
lung.  Was  ihn  verlockte,  Brief e  zu  schreiben,  hing  wohl  auch 
insofern  mit  seiner  Erfahrungsweise  zusammen,  als  er  ge- 
schichtliche  Formen  -  und  der  Brief  ist  eine  -  wie  Natur  sah, 
die  zu  entratseln,  deren  Gebot  zu  folgen  sei.  Seine  Haltung 
als  Briefschreiber  neigt  sich  der  des  Allegorikers  zu:  Brief e 
waren  ihm  naturgeschichtliche  Bilder  dessen,  was  Vergangnis 
iiberdauert.  Dadurch,  daB  die  seinen  eigentlich  gar  nicht 
ephemeren  AuBerungen  des  Lebendigen  gleichen,  gewinnen 
sie  ihre  gegenstandliche  Kraft,  die  zu  menschenwurdiger  Pra- 
gung  und  Differenzierung.  Noch  ruht  das  Auge,  trauernd  um 
ihren  heraufdammernden  Verlust,  so  geduldig  und  intensiv 
auf  den  Dingen,  wie  es  wieder  einmal  moglich  sein  imiBte. 
Eine  private  AuBerung  Benjamins  fiihrt  ins  Geheimnis  sei- 
ner Brief e:  ich  interessiere  mich  nicht  fiir  Menschen,  ich 
interessiere  mich  nur  fiir  Dinge.  Die  Kraft  der  Negation,  die 
davon  ausgeht,  ist  eins  mit  seiner  Produktivkraft. 

Die  friihen  Briefe  sind  durchweg  an  Freunde  und  Freun- 
dinnen  aus  der  Freideutschen  Jugendbewegung  gerichtet, 
einer  radikalen,  von  Gustav  Wyneken  geleiteten  Gruppe, 
deren  Vorstellungen  die  Wickersdorfer  Freie  Schulgemeinde 
am  nachsten  kam.  Auch  am  „Anfang",  'der  Zeitschrift  jenes 
Kreises,  die  1913—14  viel  Aufsehen  machte,  arbeitete  ermaB- 
gebend  mit.  Paradox,  den  durch  und  durch  idiosynkratisch 
reagierenden  Benjamin  in  einer  solchen  Bewegung,  iiber- 
haupt  in  irgendeiner,  sich  vorzustellen.  DaB  er  so  vorbehaltlos 
sich  hineinsturzte,  die  heute  dem  AuBenstehenden  nicht  mehr 


17 


verstandlichen  Auseinandersetzungen  innerhalb  der  ,Sprech- 
sale'  und  alle  Beteiligten  so  ungemein  wichtig  nahm,  war 
wohl  ein  Kompensationsphanomen.  Geschaffen,  das  Allge- 
meine  durchs  Extrem  des  Besonderen,  sein  Eigenes  auszu- 
driicken,  litt  Benjamin  daran  so  sehr,  daB  er,  gewiB  vergeb- 
lich,  kramphaft  nach  Kollektiven  suchte;  auch  noch  in  seiner 
reifen  Zeit.  Uberdies  teilte  er  die  selbst  wiederum  allgemeine 
Neigung  des  jungen  Geistes,  die  Menschen,  mit  denen  er  zu- 
nachst  zusammentraf ,  zu  iiberschatzen.  Die  Anspannung  zum 
AuBersten,  die  ihn  vom  ersten  bis  zum  letzten  Tag  seiner 
intellektuellen  Existenz  beseelte,  ubertrug  er,  wie  es  dem 
reinen  Willen  ansteht,  als  ein  Selbstverstandliches  auf  seine 
Freunde.  Nicht  die  geringfiigigste  unter  seinen  schmerzlichen 
Erfahrungen  muB  gewesen  sein,  daB  nicht  nur  die  meisten 
nicht  die  Kraft  der  Elevation  haben,  auf  die  er  von  sich  aus 
schloB,  sondern  jenes  Aufierste  gar  nicht  wollen,  das  er  ihnen 
zutraute,  weil  es  das  Potential  der  Menschheit  ist. 

Dabei  erfuhr  er  die  Jugend,  mit  der  er  instandig  sich  iden- 
tifizierte,  und  auch  sich  selbst  als  Jungen,  bereits  in  der  Refle- 
xion. Jungsein  wird  ihm  zu  einer  Position  des  BewuBtseins. 
Er  war  souveran  gleichgiiltig  gegen  den  Widerspruch  darin; 
daB  der  Naivetat  negiert,  welcher  sie  als  Standpunkt  bezieht 
und  gar  eine  ,Metaphysik  der  Jugend'  plant.  Spater  hat  Ben- 
jamin, was  den  Jugendbriefen  ihre  Signatur  verlieh,  schwer- 
miitig  auf  seine  Wahrheit  gebracht  mit  dem  Satz,  er  habe 
Ehrfurcht  vor  der  Jugend.  Die  Kluft  zwischen  seiner  eigenen 
Beschaffenheit  und  dem  Kreis,  dem  er  sich  anschloB,  scheint 
er  versucht  zu  haben,  durch  Herrschbediirfnis  zu  iiberbruk- 
ken;  noch  wahrend  der  Arbeit  am  Barockbuch  sagte  er  ein- 
mal,  ein  Bild  wie  das  des  Konigs  habe  ihm  urspriinglich  sehr 
viel  bedeutet.  Herrische  Anwandlungen  durchfahren  das  viel- 
fach  Wolkige  der  Jugendbriefe  wie  Blitze,  die  ziinden  wollen; 
die  Gebarde  antizipiert,  was  spater  die  geistige  Kraft  leistet. 
Prototypisch  muB  fiir  ihn  gegolten  haben,  was  junge  Men- 
schen, etwa  Studenten,  leicht  und  gem  an  den  Begabtesten 
unter  ihnen  tadeln:  sie  seien  arrogant.  Solche  Arroganz  ist 
nicht  zu  verleugnen.  Sie  markiert  den  Unterschied  zwischen 
dem,  was  Menschen  obersten  geistigen  Ranges  als  ihre  Mog- 

18 


lichkeit  wissen,  und  dem,  was  sie  bereits  sind;  jenen  Unter- 
schied  gleichen  sie  durch  ein  Verhalten  aus,  das  von  auBen 
notwendig  AnmaBung  diinkt.  Der  reife  Benjamin  lieB  so 
wenig  mehr  Arroganz  wie  Herrschbegierde  erkennen.  Er  war 
von  vollkommener,  iiberaus  anmutiger  Hof  lichkeit;  sie  hat 
audi  in  den  Brief  en  sich  dokumentiert.  Darin  ahnelte  er 
Brecht;  ohne  jene  Eigenschaft  ware  die  Freundschaft  zwi- 
schen  den  beiden  kaum  bestandig  gewesen. 

Mit  der  Scham,  die  Menschen  solchen  Anspruchs  an  sich 
selbst  vor  der  Unzulanglichkeit  ihrer  Anfange  haufig  befallt 
—  einer  Scham,  die  ihrer  friiheren  Selbsteinschatzung  gleich- 
kommt  — ,  hat  Benjamin  unter  die  Periode  seiner  Teilnahme 
an  der  Jugendbewegung  den  SchluBstrich  gezogen,  als  er 
seiner  selbst  ganz  innewurde.  Nur  mit  wenigen,  wie  Alfred 
Cohn,  blieb  der  Kontakt  erhalten.  Freilich  auch  der  mit  Ernst 
Schoen;  die  Freundschaft  dauerte  bis  zum  Tod.  Die  unbe- 
schreibliche  Vornehmheit  und  Sensibilitat  Schoens  muB  ihn 
bis  ins  Innerste  betroffen  haben;  sicherlich  war  er  einer  der 
ersten  ihm  Ebenburtigen,  die  er  kennenlernte.  Die  wenigen 
Jahre,  die  Benjamin  spater,  nach  dem  Scheitern  seiner  akade- 
mischen  Plane  und  bis  zum  Ausbruch  des  Faschismus,  einiger- 
maBen  sorgenf  rei  existieren  konnte,  hatte  er  in  nicht  gerin- 
gem  MaB  der  Solidaritat  Schoens  zu  verdanken,  der,  als 
Programmleiter  des  Radios  Frankfurt,  ihm  die  Moglichkeit 
dauernder  und  haufiger  Mitarbeit  gewahrte.  Schoen  war 
einer  der  Menschen,  die,  tief  ihres  eigenen  Wesens  sicher, 
ohne  alles  Ressentiment  zuriickzutreten  liebten  bis  zur  Selbst- 
ausloschung;  um  so  mehr  AnlaB,  seiner  zu  gedenken,  wenn 
vom  Personlichen  bei  Benjamin  die  Rede  ist. 

Entscheidend  war,  in  der  Zeit  der  Emanzipation.  auBer  der 
Heirat  mit  Dora  Kellner  die  Freundschaft  mit  Scholem,  der 
ihm  geistig  gewachsen  war;  wohl  die  engste  im  Leben  Benja- 
mins. Dessen  Begabung  zur  Freundschaft  glich  in  vielem  der 
szum  Brief schreiben,  noch  in  exzentrischen  Ziigen  wie  der 
Geheimniskramerei,  die  ihn  dazu  bewog,  soweit  es  nur  an- 
ging,  seine  Freunde  voneinander  f ernzuhalten,  die  dann  regel- 
maBig,  innerhalb  eines  notwendig  begrenzten  Kreises,  doch 
einander  kennenlernten.   Wehrte   Benj  amin,   aus   Aversion 

19 


gegen  geisteswissenschaftliche  Cliches,  den  Gedanken  einer 
En twicklung  seiner  Arbeit  von  sich  ab,  so  zeigt  der  Unterschied 
der  ersten  Brief  e  an  Scholem  von  alien  vorhergehenden,  neben 
der  Kurve  des  Werkes  selbst,  wie  sehr  er  sich  entwickelte;  hier 
plotzlich  ist  er  von  aller  veranstalteten  Superioritat  frei.  An 
ihre  Stelle  tritt  jene  unendlich  zarte  Ironie,  die  ihm,  trotz  des 
seltsam  Objektivierten,  Unberiihrbaren  der  Gestalt,  ebenso 
im  privaten  Umgang  den  auBerordentlichen  Reiz  verlieh. 
Eines  ihrer  Element e  war,  daB  der  empfindlich  Wahlerische 
mit  Volkstumlichem,  etwa  Berliner  oder  judisch-idiomati- 
schen  Redewendungen,  spielte. 

Die  Briefe  seit  den  friihen  zwanziger  Jahren  sind  nicht  so 
fern  geriickt  wie  die  vor  dem  Ersten  Krieg  geschriebenen.  In 
ihnen  entfaltet  Benjamin,  sich  in  liebevollen  Berichten  und 
Erzahlungen,  in  prazisen  epigrammatischen  Formeln,  zuwei- 
len  auch  —  nicht  gar  zu  oft  —  in  theoretischen  Argumenta- 
tionen;  zu  ihnen  fiihlte  er  sich  gedrangt,  wo  dem  Vielgerei- 
sten  groBe  raumliche  Entfernung  die  miindliche  Diskussion 
mit  dem  Korrespondenten  verwehrte.  Die  literarischen  Bezie- 
hungen  sind  weit  verzweigt.  Benjamin  war  alles  andere  als 
ein  jetzt  erst  wiederentdeckter  Verkannter.  Seine  Qualitat 
konnte  nur  dem  Neid  verborgen  bleiben;  durch  publizistische 
Medien  wie  die  Frankfurter  Zeitung  und  die  Literarische 
Welt  wurde  sie  allgemein  sichtbar.  Erst  im  Vorfaschismus 
wurde  er  zuriickgedrangt;  noch  in  den  ersten  Jahren  der  Hit- 
lerdiktatur  vermochte  er,  pseudonym,  in  Deutschland  weiter 
manches  zu  verbffentlichen.  Fortschreitend  vermitteln  die 
Briefe  ein  Bild  nicht  nur  von  ihm,  sondern  auch  vom  geistigen 
Klima  der  Epoche.  Die  Breite  seiner  sachlichen  und  privaten 
Kontakte  war  von  keiner  Politik  beeintrachtigt.  Sie  reichte 
von  Florens  Christian  Rang  und  Hofmannsthal  bis  Brecht; 
die  Komplexion  theologischer  und  gesellschaftlicher  Motive 
wird  in  der  Korrespondenz  durchsichtig.  Vielfach  hat  er,  ohne 
daB  sein  Eigentumliches  dariiber  gemindert  worden  ware, 
den  Korrespondenten  sich  angepaBt ;  Formgef  iihl  und  Distanz, 
Konstituentien  des  Benjaminschen  Brief es  uberhaupt,  treten 
dann  in  den  Dienst  einer  gewissen  Diplomatie.  Sie  hat  etwas 
Riihrendes,  vergegenwartigt  man  sich,  wie  wenig  die  zuwei- 

20 


len  kunstvoll  bedachten  Satze  ihm  tatsachlich  das  Leben  er- 
leichterten ;  wie  inkommensurabel  und  unannehmbar  er  dem 
Bestehenden  trotz  seiner  temporaren  Erfolge  blieb. 

Erlaubt  sei  der  Hinweis  darauf,  mit  welcher  Wiirde  und, 
solange  es  nicht  urns  nackte  Leben  ging,  mit  welcher  Gelas- 
senheit  Benjamin  die  Emigration  ertrug,  obwohl  sie  ihm 
wahrend  der  ersten  Jahre  die  armlichsten  materiellen  Bedin- 
gungen  auferlegte,  und  obwohl  er  keinen  Augenblick  sich 
tauschte  iiber  die  Gefahr  seines  Verbleibs  in  Frankreich.  Um 
des  Hauptwerks,  der  Pariser  Passagen  willen  hat  er  sie  in 
Kauf  genommen.  Seiner  Haltung  damals  schlug  das  Unpri- 
vate,  fast  Apersonale  zum  Segen  an;  wie  er  sich  als  Instru- 
ment seiner  Gedanken,  nicht  sein  Leben  als  Selbstzweck  ver- 
stand,  trotz  oder  gerade  wegen  des  unfafilichen  Reichtums  an 
Gehalt  und  Erfahrung,  den  er  verkbrperte^  so  hat  er  sein 
Schicksal  nicht  als  privates  Ungliick  beklagt.  DaB  er  es  in 
seinen  objektiven  Bedingungen  durchschaute,  verlieh  ihm  die 
Kraft,  dariiber  sich  zu  erheben;  jene  Kraft,  die  ihm  noch 
1940,  fraglos  im  Gedanken  an  seinen  Tod,  die  Formulierung 
der  Thesen  iiber  den  Begriff  der  Geschichte  gestattete. 

Nur  urns  Opfer  des  Lebendigen  wurde  Benjamin  der  Geist, 
der  lebte  von  der  Idee  des  opferlosen  Standes. 

Frankfurt  Theodor  W.  Adorno 


21 


BRIEFE  1910-1928 


Paris  1927 


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1  An  Herbert  Belmore 

[Vaduz],  15.7.  101 

Lieber  Herbert, 

Warum  soil  ich  Dir  nicbt  einmal  einen  Brief  schreiben? 
Warum  nicht?  Das  ist  leicht  zu  sagen.  Auf  so  und  soviel  Post- 
karten  habe  ich  noch  keine  Zeile  Antwort  von  Dir.  Indes  in 
meines  Herzens  unbeschrankter  Giite  und  alldieweil  den 
ersten  Tag  des  neuen  Lebensjahres  ich  segnen  will  durch  eine 
gute  Tat,  so  will  ich's  tun  und  iiber  mich  gewinnen  und 
schreiben  einen  piinktlichen,  genauen  und  langen,  regelrech- 
ten  Schreibebrief.  Und  also  nun  zum  ersten  kiinde  ich,  daB 
ich  auf  diesen  Brief  will  Antwort  haben,  postlagernd  auf  der 
Post:  St.  Moritz  (Dorf).  Denn  Sonntag  will  ich  scheiden  von 
Vaduz,  allwo  ich  viele  schone  Zeit  verlebt,  sei's,  daB  ich  [sic!] 
kiihlen  Tale  ich  spaziert  und  sei's,  daB  ich  geklettert  auf  des 
Berges  Gipfel.  Von  hier  nun  werden  meine  Fiifie  mich,  und 
auch  vielleicht  die  rauch'ge  Eisenbahn  verpflanzen  nach 
Ragaz,  von  wo  aus  ich  in  wengen  Stunden  nach  St.  Moritz 
reise.  Von  hier  aus  herrscht  noch  Dunkel:  Ob  vielleicht  ich 
nach  Italien  reise  oder  auch  in  kurzem  mich  zurlick  nach 
Deutschland  wende.  -  So  die  Realien.  Was  den  Geist  betrifft, 
so  hat  er  reiche  Nahrung  heut  erhalten  zur  Feier  meines  18ten 
Geburtstags.  Ich  wiirde  gern  Dir  davon  nahr'  berichten,  je- 
doch  vertragen  diese  Stoffe  nicht  den  Zwang  der  strengen 
Rhythmen,  die  ich  iibe.  -  Und  also  drangt  zum  unfreiwillgen 
SchluB  mich  meiner  Dichtkunst  technische  Beschrankung. 

1  An  W.  B.s  18.  Geburtstag  geschrieben.  Herbert  B.  war  sein  Mit- 
schiiler  auf  dem  Kaiser-Friedrich- Gymnasium  in  Berlin. 


25 


2  An  Herbert  Belmore 

St.  Moritz,  27.  7.  10 
Lieber  Herbert, 

Mit  meiner  „Romantika"  gehts  zu  Ende.  Teils  aus  Uberfulle 
von  Stoff  (den  ich  nicht  meistern  kann),  teils  aus  Mangel  an 
Zeit  (die  ich  nicht  habe),  teils  weil  ich  Dir  eine  ganze  Menge 
anderes  schreiben  muB  (was  ich  nicht  tue).  Also  muB  ich  doch 
die  „Romantika"  weiterschreiben.  Zunachst  aber  eine  redak- 
tionelle  und  eine  geographische  Bemerkung. 

1)  Ich  hoffe,  daB  Du  auch  meine  iibrigen  Brief e  und  Kar- 
ten  (denn  Du  schreibst  -  glaub'  mir  -  immer  nur  von  den 
ersten)  bekommen  hast.  Sie  waren  sammtlich  an  Deine  Privat- 
wohnung  adressiert. 

2)  Liechtenstein  liegt  nicht  in  Osterreich,  sondern  ist  ein 
souveranes  Fiirstentumchen  und  hat  nur  osterreichische  Brief - 
marken.  (Porto  5  Pf.)  Das  kommt  jedoch  jetzt  nicht  mehr  in 
Betracht,  daichinderSchweizbin.  Meine  Adresse :  St.  Moritz. 
Hotel  Petersburg.  Bis  cr.  Donnerstag,  d.  29.  bin  ich  hier. 
(Porto  Karte  10,  Brief  20  Pf.  ttber  d.  Porto  doppelter  Brief e 
muBt  Du  dich  bei  der  Post  informieren) 

Also: 

Am  Morgen  des  17.  Juli  anno  domini  1910  rollte  ein 
zweispanniges  Fuhrwerk  aus  dem  Dorfchen  Vaduz  heraus 
iiber  die  LandstraBe  hin,  die  im  Sonnenglanze  dalag.  In  der 
Luft  jubelten  die  Lerchen,  der  Himmel  war  blau  und  die 
Bergspitzen  funkelten  im  Sonnenlichte.  Schon  lange  wird  die 
aufmerksame  Leserin  erraten  haben,  wer  in  dem  Wagen  saB 

—  kein  anderer  uns  [sic]  unser  wohlbekannter  Walter.  Male- 
risch  verdeckte  ein  gelber  Panama  zur  Halfte  sein  sonnen- 
gebrauntes  Gesicht  aus  dem  hinter  den  dunklen  Brauen  zwei 
stahlblaue  unverzagte  Augen  ihre  Blitze  schossen.  -  Die  auf- 
merksame Leserin,  die  schon  2-3  Dutzend  Romane  gelesen 
hat,  wird  wissen,  daB  selbiger  Walter  nach  1— 2stiindiger 
Fahrt  sein  Ziel  (in  dies  em  Falle  Balzers  in  der  Nahe  der 
Schweizer   Grenze)    erreichte,   daB   er   seine[n]    Schlapphut 

—  pardon,  Panama  —  tiefer  ins  Gesicht  driickte,  seine  Stirn  in 

26 


Falten  legt'e  und  in  das  einsame  Wirtshaus  an  der  LandstraBe 
(in  diesemFalle:  Wirtshaus  zurPost)  einkehrte.  Sie  wird  wis- 
sen,  daB  er  sich  dort  nur  eine  kurze  Rast  gonnte  und  bald 
aufbrach  um  noch  vor  Abend  die  feindliche  Stadt  (in  diesem 
Falle:  Bad  Ragaz)  zu  erreichen.  Was  sie  aber  nicht  wissen 
wird  ist,  daB  er  zwei  Stunden  lang  in  gliihendster  Sonne 
gegen  den  furchterlichsten  Fohnwind  marschieren  muBte, 
bis  er  sich  in  einem  Gasthaus  an  der  LandstraBe  erlaben 
konnte.  Kurz:  Gegen  Abend  war  er  in  Ragaz.  Hier  hatte 
unser  Held  den  Eindruck,  daB  Ragaz  ein  schon  gelegenes, 
schauerlich  odes  Fremdenbad  ist,  das  er  nur  deshalb  besuchte, 
weil  er  die  1  Stunde  weit  entfernte  Tamina-Schlucht  besu- 
chen  wollte.  Dies  tat  er  am  folgenden  Tage  und  berichtete 
von  dem  groBartigen  Eindruck  den  staunenden  Genossen 
nach  seiner  Riickkehr  in  die  Heimatstadt.  Seit  gestern  abend 
ist  unser  Held  in  St.  Moritz.  DaB  er  wahrend  der  Fahrt  auf 
der  groBartigen  Albula-Bahn  die  grauenhaftesten  Zahn- 
schmerzen  hatte,  braucht  denen,  die  ihn  und  die  Tiicke  des 
Objekts  naher  kennen,  nicht  gesagt  zu  werden.  In  St.  Moritz 
hat  er  Boninger  noch  nicht  gesprochen,  aber  er  ist  noch  hier.1 
Heute  vormittag  beobachtete  er  bei  der  Kurmusik  das  Bade- 
leben,  aus  welcher  Beobachtung  einige  Apercus  resultieren, 
die  jedoch  aus  Platzmangel  hier  keine  Stelle  finden  konnen.  - 
Zeitweise  macht  er  immer  noch  Aphorismen,  welche  Be- 
schaftigung  bei  geistzerriittenden  Zahnschmerzen  angemes- 
sen  und  zu  empfehlen  ist.  Heut  nachmittag  wird  er  hier  ins 
Segantini-Museum  gehen.  Und  weil  auf  diesen  Gegenstand 
dieser  Stil  nicht  mehr  passen  wiirde  schlieBt  er  freudigen 
Herzens  diesen  Abschnitt  der  „Romantika"  mit  der  Hoff- 
nung  eine  „Antiromantika"  bald  zu  erhalten  von 

Herbert  Bl.2 

1  Theodor  Boninger,  Klassenkamerad  von  W.  B.  und  Herbert  B.  1914 
im  Kriege  gefallen,  Sohn  eines  hohen  Beamten,  Nichtjude. 

2  Als  Unterschrift  geschrieben. 


27 


3  An  Herbert  Belmore 

St.  Moritz,  22.  7.  10. 
Lieber  Herbert, 

Ich  erhebe  mich  von  der  Lektiire  von:  „Mauthner:  Die  Spra- 
che",  welches  Buch  ich  zum  Geburtstag  auf  meinen  Wunsch 
bekommen  habe,  um  Dir  zu  schreiben.  Und  zwar  erhebe  ich 
mich  freudigen  Herzens.  Weniger  deswegen,  weil  ich  Dir 
schreiben  will,  als  weil  ich  nicht  mehr  lesen  muB.  Es  ist 
furchterlich  schwer,  und  ich  werde  wohl  vorlaufig  verzichten. 
AuBerdem  habe  ich  von  Gurlitt:  Die  Schule  bekommen,  von 
Burkhard:  Das  Theater1,  von  Spitteler  die  zweibandige  (neue) 
Ausgabe  des  olympischen  Friihlings,  2  Bande  Storm.  Und 
„das  zweite  Buch  der  Ernte".  Pompos!  Unvergleichlich!  Die 
Vorrede,  wie  gewohnlich  auf  denUmschlaggedrucktbeginnt: 
„Zwei  Jahre  sammelnder  und  sichtender  Vertiefung  haben 
dieses,  der  Ernte  zweites  und  letztes  Buch  gezeitigt"  Oder  so 
ahnlich.  Kathe  Vesper-Waentig  hat  ein  paar  neue  Rosenkrin- 
gel  gezeichnet;  sonst  sind  die  alten  drin.  Zwei  Gedichte  von 
Will-Vesper  [sic]  sind  auch  wieder  drin,  iibrigens  gut.  Sonst 
ist  auch  manches  merkwiirdige  dabei:  Will  Vesper  hat  u.  a. 
fur  diese  zweite  Sammlung  (es  ist  namlich  nicht  eine  Weiter- 
fiihrung  nach  der  Moderne,  sondern  fangt  wieder  bei  5000 
v.  Chr.  an)  Eichendorff  u.  Holderlin  entdeckt  —  zufallig 
gleichzeitig  mit  mir.  Was  von  Goethe  noch  nicht  im  ersten 
Band  stand,  steht  im  zweiten.  Woraus  man  zweierlei  sieht. 
Erstens,  daB  Goethe  ein  genialer  Dichter  ist,  zweitens,  daB 
er  nicht  in  eine  Anthologie  gehort,  sondern,  daB  man  sich 
besser  seine  gesammelten  Werke  anschafft.  In  der  Zwischen- 
zeit  zwischen  dem  ersten  u.  zweiten  Erntebuch  sind  -  wie  Du 
vielleicht  weiBt  -  bei  Diederichs  die  Gedichte  des  Angelus 
Silesius  (mittelalterlicher  Dichter)  herausgekommen.  Selbi- 
ger  ist  nun  plotzlich  durch  einen  merkwiirdigen  Zufall  auch 
von  Will  Vesper  in  „zwei  Jahren  sammelnder  u.  sichtender 
Vertiefung"  entdeckt  worden.  Seine  Sachen,  soweit  sie  in  der 
Ernte  abgedruckt  sind,  sind  iibrigens  wundervoll,  nur  keine 
Lyrik.  DaB  Will  Vesper  ferner  zwei  Jahre  gebraucht  hat,  um 

28 


von  Nietzsche  u.  Hoffmannstal  [sic]  ein  paar  Gedichte  zu 
entdecken,  die  in  alien  anderen  Sammlungen  schon  stehen, 
ist  traurig.  Ferner  ist  im  Gegensatz  zum  ersten  Band  auch 
nicht  alles,  was  abgedruckt  ist,  einwandsfrei.  Sonst  ist  wohl 
—  ich  habe  noch  nicht  sehr  viel  gelesen,  sondern  mehr  durch- 
blattert,  manches  Gute  drin.  Sehr  gut  —  viel  besser  als  im 
ersten  Band,  sind  diesmal  die  mittelalterlichen  Dichtungen. 

Das  ware  ein  St.  Moritzer  Literaturbrief.  Jetzt  kommt  ein 
St.  Moritzer  Naturbrief.  -  Da  kann  ich  garnichts  schreiben. 
Zuerst  kam  mir  manches  hier  ein  bischen  zu  zivilisiert  vor, 
aber  wenn  man  ein  paar  Schritte  von  hier  entfernt  ist,  ist 
alles  wundervoll.  Manchmal  frage  ich  mich,  wenn  ich  so  die 
Berge  sehe,  wozu  uberhaupt  noch  die  ganze  Kultur  da  ist, 
aber  man  denkt  doch  nicht  daran,  wie  sehr  einen  gerade  die 
Kultur  (und  sogar  t)ber-Kultur)  zum  NaturgenuB  befahigt. 

Gestern  hat  sich  Berlin  W  hier  ein  Rendevous  [sic]  gege- 
ben.  Wir  (d.  h.  unsere  Familie)  haben  mit  Teddy2  einen  Aus- 
flug  gemacht  und  haben  Deine  Eltern,  Deine  Schwester  und 
ein  fremdes  Individuum  mit  ihnen  getroffen.  Deine  Eltern 
haben  mir  eine  Birne  geschenkt.  Ich  erfuhr  zu  meinem 
Schrecken,  daB  all  meine  Brief e  an  Dich  D einen  Eltern  hier- 
her  nachgeschickt  worden  sind  —  kein  Wunder,  daB  ich  keine 
Antwort  von  Dir  bekommen  habe.  Gestern  gab  mir  Dein 
Vater  noch  eine  Karte,  die  ich  von  Vaduz  an  Dich  geschrie- 
ben  hatte.  Das  ist  sicher  eine  der  merkwiirdigsten  Korrespon- 
denzen  gewesen,  die  es  gibt.  Ist  Deinen  Eltern  librigens  durch 
viel  Strafporto  etwas  teuer  zu  stehen  gekommen. 

Ich  habe  erfahren,  daB  Du  die  Aufraumungsarbeiten  bei 
Euch  zu  Hause  beaufsichtigst.  Ich  bemitleide  Dich  und  die 
aufraumenden  Leute  auf's  herzlichste. 

Dein  Walter  Benjamin. 

*  Alles  Bande  der  Sammlung  „Die  Gesellschaft". 
2  Boninger. 


29 


4  An  Herbert  Belmore 

Weggis,  den  18.  7.  11 

Gliicklicher!  Doppelt  Glucklicher, 

Namlich  1)  der  Du  schon  in  Sils-Maria  weiltest,  als  ich  in  der 
Aula  (!)  der  Kaiser-Friedrich-Schule  meine  Zensur  (IIB)  in 
Empfang  nehmen  durfte.  Nochmals  Glucklicher,  dem  es  zu 
Gute  kommt,  daft  ich  zu  faul  bin,  meine  Ansichtspostkarten 
herunterzuholen  und  der  auf  diese  Weise  ein  langeres  Schrei- 
ben  (Brief)  erhalt.  Ich  teile  Dir  mit:  Zuvorderst,  daB  auch 
ich  in  der  Schweiz  bin  und  zwar  heute  zum  letzten  Male  in 
Weggis  (in  dem  Hotel  [Albana],  das  mir  so  freigebig  die 
Briefbogen  zur  Verfugung  stellt)  morgen  aber,  soweit  der 
sterbliche,  reisende  Mensch  voraussehen  kann,  in  Wengen 
(Berner  Oberland).  Landschaftliche  Schilderungen  hiesiger 
Gegend  unterlasse  ich,  denn  sie  wiirden  dem  engadinbewoh- 
nenden  Reisesnob  doch  nur  ein  welkes  Lacheln  auf  den  fah- 
len  Lippen  (sic!),hervorlocken.  Daher  nur  das  Pragmatische 
(Exzerpt  aus  einem  noch  zu  verfassenden  Reisetagebuch) : 

Der  Vierwaldstatter  See  ahnelt  einem  verschobenen  Kreuz 
(schreibt  Badecker)  Dampfer  sorgen  fiir  die  Reisenden  und 
den  Verkehr  auf  der  Wasserflache  (sagt  Karlchen1)  Dieser 
Stil  ist  ode  (sagst  Du)  Pardon!  ... 

Also: ::  Der  junge  Morgen  fand  mich  in  Luzern.  Es  ist  der 
groBartigste  Badeort,  den  ich  kennengelernt  habe  (und  zwar 
in  3/4  Std.)  und  ich  bin  iiberzeugt,  daB  man  in  gewissem  Al- 
ter, an  gewissen  Orten  (falls  es  Dich  interessiert:  an  der  Kur- 
promenade)  keine  100  Schritt  gehen  kann,  ohne  sich  zu  ver- 
loben.  Die  Alpen  sind  in  dieser  Gegend  noch  auffallend  zu- 
riickhaltend.  —  Mittag  aB  ich  schon  in  Weggis.  (Wie  soil  sich 
der  Mensch  auf  Reisen  anders  orientieren  als  an  den  fiinf 
(heiligen)  Mahlzeiten;  da  die  Stundenmuhle  des  Berufs  ver- 
sagt)  In  Weggis  sind  die  Alpen  schon  konkreter.  Der  Rigi  ist 
hoch  und  hat  **.  Hier,  wie  fast  uberail  waren  wir  nicht  oben. 
Hier,  wie  fast  uberail  fiihrt  eine  Bergbahn  hinauf.  (Ich  glau- 
be  kein  Land  der  ganzen  Erde  ist  fiir  Lahme  und  Gebrech- 
liche  so  bequem,  wie  die  gebirgige  Schweiz.)  —  Heute  bin  ich 

30 


die  schonste  Strecke  der  beruhmten  Axen-StraBe  am  Vier- 
waldstatter2  See  entlang  gegangen,  die  iiber  der  Gotthard- 
bahn  entlang  fiihrt  und  stellenweise  in  den  Felsen  gesprengt 
ist.  Wundervolle  Ausblicke.  Man  geht  an  den  ganz  hohen 
Bergwanden  entlang,  auf  der  anderen  Seite  bewaldete  Berge, 
Schneeberge  und  Gletscher,  dazwischen  der  See  mit  fortwah- 
rendem,  sehr  deutlichem  Ubergang  von  Dunkelgriin  in  blau- 
oder  hell-grim;  je  nach  der  Sonne.  In  Fliielen  (Ende  des  Sees) 
ist  ein  alkoholfreies  Restaurant.  Meine  Tageseinteilung  f  angt 
urn  9  Uhr  an.  Der  Vormittag  vergeht  meist  auf  einer  schat- 
tigen  Terrasse  oder  im  Hotelpark,  traumend  mit  den  Elemen- 
ten  der  lateinischen  Sprache  in  der  Hand  (beachte  den  viel- 
benutzten  „poetischen  Kontrast" !)  oder  hochst  angeregt  mit 
„Der  Kultur  der  Renaissance  in  Italien"  (Burkhardt  [sic].) 
Ich  habe  leider  nur  den  ersten  Band  mit,  da  ich  nicht  einmal 
diesen  zu  beendigen  hoffte.  Doch  jetzt  habe  ich  ihn  bald  aus. 
Spannend  und  oft  unglaublich.  (Pietro  Aretino  bekam  von 
Karl  V  und  Franz  I  eine  Jahrespension,  damit  er  sie  mit 
Spottgedichten  verschone.)  cf.  Bruhn3.  AuBerdem  beendige 
ich  allmahlig  „Anna  Karenina"  und  ebenso  allmahlig  aber 
sicher  wird  mir  Tolstoi  interessanter  als  seine  Heldin.  Dann 
habe  ich  noch  manches  Scheme  mit,  u.  a.  Kaspar  Hauser4. 

Zum  SchluB  gebe  ich  Dir  folgenden  guten,  wahrschein- 
lich  (iberfliissigen  Rat.  Nach  langjahriger  Erfahrung  bin  ich 
mir  neulich  bewufit  geworden,  wieviel  eigenartiger,  vor  alien 
Dingen,  wie  ganz  anders  die  Natur  nach  Sonnenuntergang 
(3/4  9  bis  1/4  10)  aussieht.  Schon  und  seltsam.  Also  hast  Du 
es  noch  nicht  beobachtet,  so  tu's.  Deine  Antwort  erwarte  ich 
Wengen,  postlagernd. 

Dein  Walter  Benjamin 

1  Gemeint  ist  wohl  der  damals  populare  Humorist  „Karlchen"  [Ett- 
linger]. 

2  Als  Rebus  gezeichnet:  die  Ziffer  4,  Baume,  ein  Stadter. 

3  Herausgeber  einer  Berliner  Zeitung,  uber  der  en  Gebaren  ahnliche 
Geriichte  im  Unolauf  waren. 

4  Wassermanns  Roman. 


51 


5  An  Herbert  Belmore 

Wengen,  19.  7.  1911 

Isis  .  .  .  Pythia  .  .  .  Demeter, 

Siehe,  offen  und  frei  begab  sich  meine  Seele  zu  Euch,  von 
Weggis  in  den  Engadin.  Doch  sie  fand  kein  liebliches  Schwei- 
zerhaus,  sondern  inmitten  der  ewigen  Gletscher  erhob  sich 
ein  Altar  (auf  dem  Sockel  zwar  erblickte  ich  nichts)  aber  dar- 
unter  stand  „Isis  Moralitas"  Und  meine  Seele  legte  ihren 
Panzer  an  und  spendete  Weihrauch  .  .  .  Und  begab  sich  von 
hinnen,  schwang  sich  auf  die  Jungfrau,  und  die  Jungfrau 
redete  f iir  sie : 

„Erhabene  miitterliche  Demeter!  meinen  GruB  zuvor  und 
alle  schuldige  Achtung;  denn  aus  Deiner  unendlichen  Hohe 
neigst  Du  Dich  und  wirkst  fur  die  Mannertracht. 

Aber  hore,  o  miitterliche  Demeter!  Dein  Sang  von  der  Mo- 
ral dringt  nur  verworren  und  schal  zu  mir,  und  ob  er  auch 
aus  der  Feme  kommt,  so  kommt  er  doch  aus  der  Tiefe.  (Und 
in  Sils,  wo  ein  Mensch  „jenseits  von  Gut  und  Bose"  dachte 
und  schrieb  erhebst  Du  die  Gottin  die  Messingtrompete  der 
Moral) 

(Und  mehr  darf  ich  Dir  nicht  sagen,  denn  die  Jungfrau 
spricht  fiir  mich) 

Die  Jungfrau  lost  das  Orakel  der  Pythia: 

Die  Pythia  spricht  doppelsinnig  und  wenn  sie  meint,  daB 
die  Materie  nichts  wiegt  und  der  Geist  allzuviel,  so  ist  dies 
ein  Zeichen,  dafi  sie  die  neuere  philosophische  Terminologie 
nicht  beherrscht,  denn  sie  meint,  die  Materie  wiegt  noch  zu 
viel  und  des  Geistes  ist  allzuwenig.  Wenn  die  Pythia  aber 
meint,  das  Eine  sei  erdbeerfarbig,  so  ist  dies  erkliirlich,  denn 
sie  hat  eine  Binde  vor  den  Augen,  und  die  Farbe  ist  iiber- 
haupt  schwer  zu  definieren.  Anwendbar  aber  ist  dieses  Eine, 
und  zwar  als  kunstgewerblicher  Entwurf  der  neuen  Secession. 

Dieses  also  ist  das  Eine  und  ich  habe  es  schon  bekommen, 
denn  die  bunte  Tafel  steckte  im  Brief. 

Das  andere  aber  ist  wirklich  unanwendbar,  und  es  ist  nur 
loblich  und  natiirlich,  daB  die  Pythia  dariiber  schweigt. 

32 


Und  ich  habe  es  auch  schon  bekommen  und  es  ist  die  an- 
dere  Postkarte.  So  dafi  ich  Gott  und  der  Pythia  danke,  wenn 
ich  nichts  mehr  bekomme. 

—  Jedoch  mein  Herz  ist  weich  und  der  eisige  Ton  der  Jung- 
frau  verwirrt  es  und  es  steigt  hernieder  und  redet  menschlich 
unter  Bestien.  Denn  daB  vor  allem  die  Bestie  im  Menschen 
reist,  deB  fordere  ich  zum  Zeugnis  die  Musik,  die  das  berliner 
Opernrepertoire  importiert  und  vermittelt.  Zwar  im  Billard- 
saal  vernahm  ich  sie  nicht,  sondern  da  spielte  ich  Billard  und 
habe  unter  AusschluB  der  Offentlichkeit  meine  ersten  Balle 
gewagt.  - 

Fur  die  Ausschnitte  danke  ich,  ich  habe  noch  nicht  alles 
gelesen.  Sehr  interessiert  hat  mich  die  Kritik  des  Schaffner- 
schen  Aufsatzes.  In  der  Volksbibliothek  hatte  ich  keine  Zeit 
mich  in  dies  Labyrinth  zu  versenken.  Einen  Punkt  Deiner 
Festschrift1  iibergehe  ich  absichtlich:  ich  habe  fur  dies  Gebiet 
zu  viele  Wiinsche  erhalten  und  bin  einigermaBen  deprimiert. 

Romantische  Schilderungen  von  Wengen  irgendwelcher  Art 
vermag  ich  nicht  zu.entwerfen,  verstehe  mich  auch  nicht  auf 
Postkartenfabrikation  aus  freier  Hand.  Namlich  ich  bin  erst 
seit  zwei  Stunden  hier.  Im  schonen,  dichten  Regen  erblickt 
man  die  Jungfrau. 

Und  nun  hat  sich  mein  Rache durst  geklihlt  und  ich  schlieBe 
mit  einem  herzlichen: 

Vergelt's  Gott! 
Dein  Walter 

1  Offenbar  ein  Brief  zu  W.  B.s  Geburtstag. 


6  An  Herbert  Belmore 

Wengen,  24.  Juli  1911 

Lieber  Herbert  I 

Die  fortwahrenden  Bulletins  iiber  meinen  Seelenzustand  ver- 
dankst  Du  weder  Deinen  see]envollen  Erbauungsschriften, 


33 


noch  den  hamischen  Morgengaben  an  meine  Zeitungsmappe 
noch  auch  den  am  Rand  des  verderblichen  Abgrunds  gepfluck- 
ten  getrockneten  Alpenblumlein.  Sondern  einzig  meiner 
grauenhaften  Vereinsamung.  Ernstlich :  Ich,  dem  ein  lebhaf - 
terVerkehr  (wie  ich  bei  dieser  Gelegenheit  merke)  leider  zum 
Bedtirfnis  geworden  ist,  bin  hier  dermaBen  verlassen,  daB 
ich  fiirchte,  interessant  zu  werden  und  im  Laufe  der  Zeit 
seelenvolle  Augen  zu  kriegen.  Welchem  Zustand  auch  nicht 
eine  vom  maitre  d'hote!  veranstaltete  Reunion  abhelf en 
konnte,  weil  ich  sie  namlich  nicht  besuchte.  Da  ich  nun  ande- 
rerseits  (abgesehen  vielleicht  von  meinem  Bruder1)  so  ziem- 
lich  der  einzige  „junge  Mann"  des  Hotels  bin,  so  muBte  ich 
heute,  in  einer  Unterhaltung,  die  sich  in  einiger  Entfernung 
von  mir  abspielte,  vernichtende  Worte  liber  die  Blasiertheit 
der  heutigen  Jugend  vernehmen.  Die  Reunion  war  namlich 
auch  sonst  schwach  besucht. 

Dabei  ist  sogar  ein  weiblicher  Mensch  hier,  mit  dem  eine 
Unterhaltung  moglich  ware.  Jedoch  man  iBt  an  kleinen  Ti- 
schen!  Und  so  schlage  ich  mich  denn,  soweit  ich  nicht  drauBen 
oder  tagebuchend  am  Schreibtisch  sitze  mit  Biichern  herum. 
D.  h.  hauptsachlich  mit  einem  Buch,  einem  Damon  und  Aus- 
bund  (einem  Stuck  von  einem  Buch,  wiirde  Horazio-Schlegel 
sagen)  mit  einer  Schlange  von  einem  Buch,  auf  der  ich  aber 
seit  10  Min.  stehe  wie  weiland  St.  Georg  auf  der  diesbeziig- 
lichen.  Ich  habe  es  aus!  Aus  habe  ich  Anna  Karenina  von 
Graf  Leo  Tolstoi!  Den  zweiten  Band:  499  Seiten.  Und  bei 
diesem  Buch  habe  ich  es  erlebt,  daB  ich  wirklich  eine  Wut  auf 
das  blaue,  dickbauchige  Ungeheuer  in  Reclamformat  faBte, 
das  ich  taglich  auf  die  Weide  fiihrte  resp.  in  den  Wald  und 
das  doch  scheinbar  immer  dicker  anstatt  magerer  in  den  Stall 
(sc.  meine  Westentasche)  zuriickkam.  Besagtes  Unbuch  nahrt 
sich  von  russischer  Politik.  Von  der  neuen  Methode  der 
Okonomie,  von  der  Selbstverwaltung,  von  der  Serbenfrage, 
den  Semstwos,  und  noch  einigen  Dutzend  anderen  Fragen, 
worunter  bes.  hervorzuheben  die  religiose.  Und  dies  alles  laBt 
sich  der  Leser  1000  Seiten  lang  gef alien  in  der  stillen,  leider 
unbegriindeten  Vermutung,  es  gehbre  irgendwie  zum  Schick- 
sal  der  Anna  Karenina.  Als  dann  aber  nach  1000  Seiten  die 


34 


Heldin  tod  ist  und  weitere  100  sich  mit  neuen  Diskussionen 
iiber  politische  und  soziale  Angelegenheiten  beschaftigen 
(weiBt  Du :  mit  russischen  Diskussionen,  a  la  Steinfeld2)  als  auf 
ebendiesen  100  Seiten  eine  Handlung  beendet  wird,  die  all- 
mahlich  und  in  homerischer  Breite  aus  der  Haupthandlung 
hervorkroch,  ohne  wieder  in  sie  zu  miinden,  da  erfaBt  selbst 
den  gewissenhaftesten  Leser  die  Begier,  1-20  Seiten  zu  uber- 
schlagen.  Aber  ich  hielt  mannhaft  stand.  Und  am  SchluB 
muB  ich  sagen :  So  mangelhaft  auch  die  Anlage  des  Romanes 
ist,  so  viel  im  Sinne  eines  Romans  Unnotiges,  soviel  auch  an 
sich  UnersprieBliches  wieder  in  den  einzelnen  Diskussionen 
und  Abschweifungen  zum  Vorschein  kommt,  so  gewaltig  ist 
das  russische  Kultur-  und  Seelengemalde,  das  sich  scheinbar 
absichtslos  vollig  organisch  aus  allem  loslost.  Kein  Seelen- 
gemalde mit  unabsehbaren  Regionen  von  Schmutz  oder 
wenigstens  von  Elend  und  Dumpfheit  (vorgebracht  in  psy- 
chologischer  Schilderung)  wie  doch  zum  groBen  Teil  bei  den 
modernen  Russen.  Jedenfalls  das  nur  seiten.  Der  Roman 
spielt  im  russischen  Adel.  Aber  schlieBlich  liegt  doch  der 
soziale  Zustand  und  die  Seele  des  Adels  und  des  Bauern  klar, 
und  von  der  seelischen  Eigenart  der  ubrigen  Bevolkerung 
laBt  sich  die  Hauptsache  ahnen.  Vielleicht  miindlich  iiber 
letzteres  mehr.  Es  ist  weitlaufig  und  schwer  auszudriicken. 

Schrieb  ich  Dir  schon  iiber  die  „Kultur  der  Renaissance"  ? 
Den  ersten  Band  habe  ich  zu  Ende  gelesen,  den  zweiten  nicht 
hier.  Es  f ehlt  mir  zum  vollen  GenuB  historisches  Wissen ;  bei 
Burkhard  [sic]  vermisse  ich  eine  Darstellung  der  Griinde 
einer  Bewegung,  die  er  selbst  fortwahrend  als  „notwendig" 
hinstellt.  Das  Buch  ist  auBerordentlich  sachlich.  Zu  sachlich 
fast  fur  einen  Laien,  der  hier  und  da  etwas  mehr  uberschau- 
ende  und  zusammenfassende  Riickblicke  wiinschte.  Wo  sie 
sind,  sind  sie  sehr  klar;  und  aus  alien  Einzelheiten  des 
Buches  wird  sich  doch  (besonders  fur  den,  der  geschichtliches 
Wissen  in  groBer  Menge  hat)  ein  farbiges  Bild  ergeben. 

AuBerdem  (!)  aber  habe  ich  mich  auch  noch  gebildet. 
(Jetzt  sehe  ich  denn  doch  in  erschauernder  Achtung  Dein 
Haupt  sich  beugen.)  Eine  Novelle  von  Zschokke  las  ich.  „Ein 
Buckliger".  Das  Riistzeug  und  Thermometer  des  Kritikers 

35 


erweist  sich  als  unbrauchbar  und  er  muB  ins  Gebiet  des  Per- 
sonlichen  hiniibergreifen.  Also  stelle  Dir  eine  Novelle  des 
sanften  menschenfreundlichen  Korschel3  vor,  und  Du  wirst 
einen  richtigen  Eindruck  haben. 

Und  schlieBlich  geniefie  ich  die  unteren  Regionen  der  Zei- 
tungen  des  In-  und  Auslandes.  Die  oberen  sollen  ja  bedroh- 
lich  aussehen!  Also  fern  von  Marokko  vertiefe  ich  mich  in 
„Naturphilosophie"  „DasZuchthaus  imDiinensande"  (Tage- 
blatt)  „Die  Grenzen  der  Psychoanalyse"  (Frankfurter  Zei- 
tung).  Wichtige  Ecken  und  heute  kam  mir  in  einer  der  letz- 
ten  Nummern  der  „Neuen  Zurcher  Zeitung"  ein  Artikel 
Spittelers  liber  Poesie  und  Literatur  in  die  Hand.  Der  Ge- 
danke,  die  literatenmaBige  Beschaftigung  mit  der  Poesie  sei 
ein  Hindernis  ihrer  kraftvollen  Entwicklung,  ist  schon  bfter 
in  den  „lachenden  Wahrheiten"  angedeutet.  Auch  aus  die- 
sem  Artikel  spricht  eine  gewaltige  Verbitterung.  Anscheinend 
wird  der  Artikel  fortgesetzt  und  bringt  vielleicht  dann  mehr 
Neues  in  Beispielen. 

Mit  Schr ecken  liberblicke  ich  mein  Scriptum  und  vernehme 
vor  dem  Forum  des  Leseabends4  bereits  einen  mit  freund- 
schaftlichem  Lacheln  verbramten  Vortrag  iiber  den  „Stuben- 
hocker",  erwarte  auch  in  Deinem  nachsten  Schreiben  einen 
Wink  dariiber,  „wie  der  Aufenthalt  in  freyer  Natur  zur 
Niitze  des  Leibes  und  Sterkung  der  Glieder  angenehm  und 
fruchtsam  zu  machen  sey". 

Also  bleibt  mir  nichts  weiter  iibrig,  als  eine  groBangelegte 
Schilderung  abenteuerlicherFahrten  und  Bergbeklimmungen 
zu  entwerfen.  (Falls  ich  nicht  etwa  Nachrichten  iiber  verhee- 
rende  Gewitterregen  sende,  die  durch  die  Wetterberichte  ent- 
larvt  werden  konnten.) 

Zugestanden!  Das  Wetter  .ist  schon.  Bei  schonem  Wetter 
also  ein  steiler  (!!)  Abstieg  ins  Lauterbrunner  Tal.  Von  da 
nach  Griitschalp  eine  Steigung  von  stellenweise  90%  an 
einem  gliihendheiBen  Vormittag  (welche  mittelst  der  Berg- 
bahn  zu  bewaltigen  ist).  Von  Griitschalp  nach  Myrrhen  ein 
rich  tiger  Engadin-Weg.  Das  leuchtete  mir  ganz  plotzlich, 
nachdem  ich  schon  langere  Zeit  gegangen  war,  ein.  Und  da- 
mit  glaube  ich  ein  Hauptcharakteristikum  der  Engadin-Land- 

56 


schaft  gefunden  zu  haben.  Namlich  das  Spiel  groBartiger 
Elemente  die  einander  erganzen  und  harmonisch  abschwa- 
chen.  Denn  das  wirst  Du  mir  wohl  zugeben,  daB  man  nur  in 
wenigen  Fallen  von  GroBartig-Uberwaltigendem  schlecht- 
weg  reden  kann;  daB  vielmehr  eine  herbe  Art  von  Lieblich- 
keit  vorherrscht.  Und,  wie  gesagt,  meiner  Meinung  nach 
beruhend  inKontrasten:  hauptsachlich  derKontrast  von  hell  - 
griin  zu  weiB,  ferner  das  Gegeneinander  kahler  Felspartien 
und  heller  Schneemassen  (wobeidieGletscherlieblich  erschei- 
nen);  das  Gras  der  Matten,  ganz  dunkelblauer  Himmel  und 
graue  Felsen  ergeben  wieder  ein  Zusammenspiel,  das  ich 
mit  „herber  Lieblichkeit"  bezeichnen  wiirde.  Nicht  zu  ver- 
gessen  natiirlich  die  Seen. 

Einzelne  dieser  Elemente  nun  machten  den  Weg  von 
Gnitsch-  Alp  nach  Myrrhen  so  schon.  Vorn  die  Gletscher  und 
unter  ihnen  dunkler  Tannenwald  und  wieder  davor  der  Weg 
und  helle  Grasmatten  .  .  .  zur  einen  Seite  das  Tal,  dahinter 
Felsberge  und  vor  allem  zur  anderen  die  aufsteigende  Matte, 
die  hier  und  da  dunklere  Felspartien  freilaBt  (bewachsen  von 
einzelnen  dunklen  Nadelhblzern)  und  der  ganz  tiefblaue 
Himmel.  Dies  iibrigens  in  Mittagshitze.  Erinnerst  Du  Dich 
an  die  Stelle  iiber  „die  sogenannte  Mittagshitze"  in  „Gerold 
und  Hansli"?5  Je  heiBer,  desto  mehr  Farben  zwischen  Him- 
mel und  Erde  .  .  .  oder  so  ahnlich.  Als  ich  dann  schlieBlich  in 
der  Nahe  von  Myrrhen  immer  mehr  auf  die  Gletscher  hinzu 
wanderte,  und  eigentlich  immer  nur  ihr  WeiB  im  Gesichts- 
feld  lag,  hatte  ich  lange  Zeit  (unbewuBt)  das  Gefuhl  als 
machte  ich  eine  Wanderung  an  einem  wunderschonen  Win- 
termorgen. 

Dem  schwelgenden  Naturfreund  liegt  nichts  ferner,  als 
pedantische  Chronologie.  Und  so  malt  er  denn  jetzt  die  Reize 
einer  Wanderung,  die  nach  mitteleuropaischer  Zeit  wohl 
80  Std.  vor  jener,  soeben  beriihrten,  lag.  Es  war  die  Jungfrau- 
Wanderung,  fur  die  Deine  Warnungen  und  Ratschlage  zu 
spat  kamen. 

Die  Wengernalpbahn,  die  wir  bis  Scheidegg  benutzten, 
muB  sehr  schon  sein;  und  besonders  hervorragend  wirken 
wohl  ihre  landschaftlichen  Reize  wenn  man  nicht  riickwarts 


37 


sitzt  -  wie  natiirlich  bei  mir  der  Fall.  Von  Scheidegg  bis 
Eiger-Gletscher  emanzipierten  wir  uns  einmal  von  der  Bahn, 
die  als  „Jungfrau-Bahn"  in  ihrem  Anfang  sicn  unerwartet 
harmlos  ausnimmt.  Von  einer  Restauration  steigt  man  zum 
Eiger-Gletscher  hinunter,  den  man  nun  ganz  dicht  vor  sich 
hat,  ein  sehr  groBes  Massiv,  von  drei  Seiten  ist  man  von 
Schnee  eingeschlossen.  Eine  Eisgrotte  (auf  deren  Besuch  wir 
verzichteten)  Fiihrer,  Leute  mit  Rodelschlitten. 

Dann  die  Jungfrau-Bahn.  (Die  Schilderung  wird  infolge 
der  spaten  Stunde  summarisch  und  darf  ja  auch  auf  alles 
lyrische  verzichten,  da  Du  mit  dem  untriiglichen  Auge  des 
Journalist  en  die  Gegend  ja  schon  analysiert  hast.)  Ich  fuhr 
mit  meiner  Schwester6  nur  bis  „Eigerwand",  da  meine 
Eltern  ein  en  zu  plotzlichen  starken  Hohenwechsel  wegen 
meines  Herzens  nicht  wiinschten.  An  den  [sic]  Tunnel  finde 
ich  schon,  daB  man  das  BewuBtsein  hat,  er  fuhre  zur  Jung- 
frau.  Damit  jedoch  ist  die  Schonheit  der  Fahrt  schon  er- 
schopft.  Auf  Eigerwand  verbrachte  ich  eine  melancholische 
halbe  Stunde,  allein  mit  einem  Bahnhofsinspektor,  einem 
ZeiB-Fernrohr  und  meiner  Schwester.  Stimmungsmalerei 
(Hauptf aktor :  Kalte)  miindlich.  Ein  schoner  Riickweg  von 
Eigergletscher  bis  Wengen.  Bisweilen  beobachtete  man  in 
einem  Fernrohr  am  Wege  eine  Besteigung  der  Jungfrau; 
sehr  oft  vernimmt  man  das  Donnern  von  Lawinen  und  sieht 
auch  anscheinend  kleine  Mengen  von  Schneestaub  am  Berg- 
massiv,  dem  gegeniiber  und  parallel  der  Weg  2  Std.  hinfiihrt. 
(Ich  sehe  mit  Schrecken,  daB  ich  auch  hier  vergessen  habe, 
eine  aufregendeBergbesteigung  rniteinzuflechten;  vergib!) 

Vergib  auch  nochmals,  daB  weder  Alpenblumen  noch  Zei- 
tungsfetzen  diese  Schrift  begleiten.  Erstere  vom  Abgrunde  zu 
pfliicken,  habe  ich  weder  Geld  noch  Phantasie  (pfui!  wie 
gemein!),  um  die  Zeitungen,  die  das  Hotel  halt,  zu  zerschnei- 
den  bin  ich  zu  feige.  (O!  wie  abscheulich!) 

Ich  warne  Dich  freundschaftlich  vor  der  Verbreitung  von 
Unsinn  in  Wort  und  Bild  durch  ganz  Europa!  Eine  baldige 
Erwiderung  fiirchtend  gegengez: 

Walter 


38 


Entschuldige    die   Handschrift;    das    Schreibmaterial   ist 
schlecht. 

1  Georg  Benjamin. 

2  Alfred  Steinfeld,  Mitschiiler  W.B.S. 

3  Ein  anderer  Mitschiiler. 

4  Benjamin,  Belmore,  Steinfeld,  Franz  Sachs  und  Willi  Wolfradt  (der 
spatere  Kunstschriftsteller),  die  alle  Klassengenossen  waren,  hatten 
von  1908,  als  Walter  Benjamin  aus  Han'binda  zuriickkam  und  in  die 
Kaiser-Friedrich-Schule  wieder  eintrat,  bis  zum  Anfang  des  ersten 
Weltkrieges  einen  wbchentlichen  Leseabend^  in  dem  mit  verteilten 
Rollen  Stiicke  von  Shakespeare,  Hebbel,  Ibsen,  Strindberg,  Wedekind 
u.  a.  gelesen  wurden.  Die  Teilnehmer  lasen  sich  auch  Kritiken  vor, 
die  sie  nach  Theaterbesuchen  schrieben,  „die  oft  druckreif  waren, 
aber  nie  gedruckt  wurden"  (Brief  von  Dr.  Franz  Sachs,  Johannes- 
burg). 

5  Erzahlung  von  Carl  Spitteler. 

6  Dora  Benjamin  (1899-1946). 


7  An  Herbert  Belmore 

[Freiburg,  14.  5.  1912] 
Im  Jahre 

MVII  zehn  C88zich 
ein  Jahr  vor  der  groflen  frz. 
Revolution. 

Mein  teuerer  Freund, 

Wie  ist  die  Welt  doch  so  mannichfach!  Auch  heute  Nacht 
mufite  ich  wieder  Deiner,  oDu  meinTeurer,gedenken,  da  der 
Mond  mit  vollen  Backen  in  mein  Zimmer  schien.  Du  meine 
Gottin!  Luna,  Geliebte  der  stillen  Nachte.  Die  Silberwolken 

Ziehen  am  dunklen  Himmel  wie  runde  Taler. Verzeih, 

mein  Lieber,  den  Sturz  der  Gefiihle,  der  wie  in  einem  brau- 
senden  Katarakte  die  Feder  mir  entfuhrt.  Doch  sage  selbst, 
wessen  Brust  vermochte  zu  schweigen  beim  Anblick  der  ewig 
erhabenen  Natur!  Natur,  Du  Zauberwort,  auch  in  Deinem 
Geiste,  oh,  ich  weiB  es  genau,  weckt  dieses  Wort  ein  Gotter- 
bild,  Friedrich  Mathisson  steigt  auf  in  Deinem  Geiste.  O 
mein  Teurer!  ich  schweige,  denn  ich  bin  bei  weitem  viel  zu 
stark  ergriffen.  Ich  auch.1 

39 


Lieber  Herr  Bert,2 

Verzeihen  Sie  diesen  unartikulierten  Choral  der  seelischen 
Gefuhle,  zu  dem  mich  Ihrfreundschaftgliihendesgefl.Schrei- 
ben,  das  ich  mit  der  heutigen  Kaffeepost  erhielt,  verfiihrte. 
Ich  will  mich  fassen.  Hier  ist  es  sehr  schon.  Wie  geht  es 

Dir?  Oh  mein  Teurer halt!!  bandige  die  Wogen  meiner 

Gefuhle.  —  Der  Friihling  lacht  aus  den  Hausern.  Der  Him- 
mel  ist  blau  und  nur  zur  Nacht  dunkel,  wenn  die  Sonne  ihr 
liebliches  Licht  nicht  verbreitet.  Auch  die  freie  Studenten- 
schaft  ist  hier  und  die  Stadt,  absolut  genommen,  als  Universi- 
tatsstadt  zu  bezeichnen.  Doch  liegt  sie  nur  zum  kleineren 
Teile  auf  der  vorstellbaren,  zum  iiberwiegenden  auf  der  un- 
vorstellbaren  Welt.  Das  laBt  sich  vor  allem  durch  die  eigen- 
tiimliche  Konsistenz  der  Freiburger  Zeit  erweisen.  Nicht 
genug  damit,  daB  sie  nicht  mitteleuropaisch  ist.  Zeit  ist  ja 
nirgends  ein  Konkretum.  Sie  ist  von  seltsam  fliichtiger  Be- 
schaffenheit.  Aber  die  Nahe  der  hiesigen  philosophischen 
Fakultat3  zwingt  sie  durchaus,  ihr  wahres  Wesen  anzuneh- 
men  -  d.  h.  immer  nur  in  Vergangenheit  und  Zukunft,  nie 
aber  inderGegenwartzubestehen.  BezeichnetmandieMenge 
der  in  jedem  Augenblick  verfiigbaren  Zeit  mit  x,  so  ergibt 
sich  die  Gleichung 

x=16-327  +  311. 
Desgleichen  iibt  die  fille  de  Sophie  (d.h.  Tochter  der  Weis- 
heit  [frz.])  ihren  demoralisierenden  EinfluB  auf  die  Manner 
aus.  Sie  kommen  —  als  echte  Liebhaber  -  immer  erst  abends 
zum  BewuBtsein  -  und  ihre  Eigenart  entspricht  dem  Lieb- 
haber auch  in  sofern,  als  sie  viel  mehr  in  der  Geliebten  (Phre- 
nologie,  Kunst,  Literatur,  Schulref orm,  PistolenschieBen  etc.) 
leben,  als  selber  eine  irgendwie  betrachtliche  Personlichkeit 
darstellen.  So  sitzen  sie  urn  die  Abendspaten  in  den  Cafees 
und  man  macht  die  Beobachtung,  daB  [es]  viel  wertvolle 
Dinge  und  umgekehrt  proportional  wenig  wertvolle  Men- 
schen  gibt. 
Lieber  Herbert: 

Die  Wissenschaft  ist  eine  Kuh 

Sie  macht:  muh 

.Ich  sitze  im  Horsaal  und  hbre  zu! 


40 


(tatsachlich  komme  ich  hier  lOx  weniger  wie  in  Berlin  zu 
eigenem  wissenschaftlichen  Denken.) 

Und  nun  verzeihe  diesen  verriickten  Brief.  Willst  Du 
Pragmatisches  erfahren,  so  laB  Dir  von  meinen  Eltern  einen 
20seiten  langen  Brief  zeigen.  Du  kannst  nicht  verlangen, 
daB  ich  mich  in  Schilderungen  von  tatsachlichem  wiederhole. 
Auch  wirst  Du  wissen,  daB  em  erstes  Semester  in  jeder  Be- 
ziehung  eine  Zeit  des  Anfangs  und  des  Chaotischen  (cum 
grano  salis  .  . .  mit  etwas  Sonne)  ist  -  und  daB  nichts  schwerer 
ist,  als  verniinftige  Briefe  in  solchem  Zustand  zu  schreiben. 

Hingegen  muB  Dir  ein  solches  leicht  fallen. 

GriiBlichst  Dein  Walter 

1  In  andrer  Handschrift. 

2  Scherzhaft  fiir  Herbert. 

3  W.  B.  studierte  bei  Heinrich  Rickert  Philosophie. 


8  An  Herbert  Belmore 

[Freiburg,  21.  6.  1912] 

Lieber  Herbert, 

Ich  habe  von  je  her  eine  moralische  Achillesferse  besessen  - 
und  aus  reiner  Not,  um  nicht  todlicher  getroffen  zu  werden, 
bedecke  ich  sie  mit  einer  5  Pf.  Postkarte  -  nicht  etwa  um  Dir 
irgend  etwas  aus  Freiburg,  geschweige  denn  Italien  zum  Ge- 
nuB  mitzuteilen.  Noch  dazu  weiB  ich  leider,  daB  jede  Zeile, 
und  noch  vielmehr  jeder  nicht  geschriebene  Brief  von  mir, 
die  ungeheuerlichsten  Erwartungen  in  Dir  weckt  von  einem 
Heros  der  Schulreform  und  einem  Opfer  der  Wissenschaft  - 
Der  Anhalter  Bahnhof  drbhnt  von  den  Schritten  des  Heim- 
kehrenden  -  und  die  Satze  Kants  flieBen  aus  seinem  Munde  - 
„wie  Limonade  aus  dem  Schlund  des  Raben".  (Dies  zum  Zei- 
chen,  daB  ich  mich  auch  dichterisch  nicht  weiterentwickelt 
habe!  Keine  Zeile  habe  ich  hier  geschrieben:  nichts,  oooev, 
nothing,  nihil,  rien!)  Dagegen  kann  ich  Dir  nur  die  Erwar- 
tungen mitteilen,  mit  denen  ich  in  Berlin  ankommen  werde: 

41 


in  eine  hochst  heilsame  Arbeitsmaschine  zwischen  Biicher  ge- 
preBt  zu  werden  und  aufzustohnen  in  verniinftigen  Ge- 
sprachen. 

Urn  mich  gleichnisweise  darzustellen:  Es  kann  nicht  ge- 
erntet  werden,  wenn  gepfliigt  wird.  Oder  mit  anderen  Wor- 
ten :  Die  Freiburger  Luft. 

Du  hast  hoffentlich  eingesehen,  daB  ich  in  einer  Antwort 
auf  Deine  Schreiben  nur  das  miiBige  und  sinnlose  Geschaft 
betreibe,  mich  selbst  interessant  zu  machen,  anstatt  es  als  Be- 
richterstatter  zu  sein.  Duwirst  daraus  dieLehre  Ziehen,  kiinf- 
tig  bildende  Berliner  Briefe  in  groBerer  Zahl  hierher  zu  rich- 
ten  -  ohne  Erpressungen  innen  und  auBen.  Denn,  o  Gott! 
kein  Saft  kommt  heraus. 

Eine  italienische  Reise  wachst  langsam.  In  einem  Schul- 
reform-Heft  an  die  Studentenschaft,  das  sehr  bald  erscheint 
ist  ein  Aufsatz  „Die  Schulreform,  eine  Kulturbewegung"  von 
mir.1  Zwei  grbBere  Romane  habe  ich  hier  gelesen:  Bildnis 
des  Dorian  Gray  —  es  ist  vollkommen  und  ein  gefahrliches 
Buch  -  und  Gosta  Berling  -  problematisch  in  seiner  Anlage, 
voller  Schonheiten  im  einzelnen. 
Viele  GriiBe.  Bitte  schreibe! 

Dein  Walter. 

1  Erschien  unter  dem  Pseudonym  „Eckart,  phil."  in  dem  Heft  „Stu- 
dent  und  Schulreform",  herausgegeben  von  der  . . .  freien  Studenten- 
schaft Freiburg  i.  B.,  1912. 


9  An  Herbert  Belmore 


Stolpmiinde,  Park-Hotel.  12.  8.  12 


Vorgestern  erreichte  mich  Dein  letzter  nach  Freiburg  ge- 
sandter  Brief,  der,  auBer  manch  Interessantem,  zwischen  den 
Zeilen  ersehen  lieB,  daB  ein  Freiburger  Dank-Brief  an  Dich 
sich  im  hohen  Norden  nicht  zurechtfand.  Oder  sollte  bose 
Absicht  meine  Briefe  ignorieren? 

Schon  diese  zusammenhangende  Einleitung  wird  Dir  den 

42 


Gedanken  nalie  gelegt  haben,  daB  meine  A.  N.  G.  (Allge- 
meine  normale  Geistigkeit)  aus  den  Fluten  des  ersten"  Seme- 
sters ihr  Haupt  wieder  erhebt,  Schlangen  des  Blbdsinns  noch 
im  Haare,  aber  ein  schucht  ernes  Liicheln  reiferer  Erfahrung 
um  die  Mundspitzen. 

DeB  zum  Zeichen: 

Hier  geht  es  hoch  her  mit  Wolfflins  „Klassischer  Kunst" 
und  den  Brief  en  der  Ninon.  Wolfflins  Buch  ist  f  iir  mich  eines 
der  brauchbarsten,  die  ich  liber  konkrete  Kunst  gelesen  habe. 
Ich  stelle  gleich  hoch:  Dilthey,  Hblderlin1,  einzelne  Shake- 
speare-Kommentare  und  nichts,  was  ich  sonst  je  iiberbildende 
Kunst  (in  concreto)  las. 

So  rette  ich  mich  aus  den  Meeren  der  Untatigkeit  in  den 
Hafen  der  Arbeit  und  werde  gastlich  empfangen  von  meinem 
Guten  Gewissen,  das  nicht  miide  wurde,  wahrend  dreier 
Monate  auf  mich  zu  warten. 

Wen  fiihre  ich  ihm  entgegen.  Eine  kluge  und  kluge  .  .  . 
liebenswiirdige  junge  Dame  (Erzieherin?)  Ich  lernte  sie  ken- 
nen  in  den  Scharen  der  cote  d'esprit.  Trotz  ihrer  Jugend  wird 
ihr  Alter  allgemein  auf  300  Jahre  geschatzt  -  also  ein  Grad 
jugendlicher  Gesundheit,  den  die  Metaphysiker  mit  „Un- 
sterblichkeit"  (athanasiasempiterna)bezeichnen.  — Die  Brief  e, 
die  Ninon  an  mich  richtet,  (in  Anerkennung  meiner  Ver- 
dienste  schreibt  sie  „cher  Marquis")  sagen  alles  Kluge  und 
Irrationelle,  was  sich  iiber  eine  so  -  im  Grunde  so  verniinf- 
tige  Sache  wie  die  Galanterie  sagen  laBt  —  unter  Vermeidung 
einiger  wirklich  ungalanter  [(Akzidentien)]  der  Liebe. 
Eine  Dreieinigkeit  von  Tiefe,  Nuchternheit,  Schonheit,  daB 
wir  Ninon  eine  Weisin  nennen. 

Fefner  und  eifrigstens  lese  ich  die  sehr  ausfiihrliche  Ent- 
stehungsgeschichte  eines  Dramas  „ Andrea  Sezno".  Lieber 
Herbert,  obwohl  ich  taglich  lese,  ist  der  SchluB  noch  garni cht 
abzusehen,  da  die  ausgezeichnet  erhaltenenManuscripte  [sic!] 
des  anscheinend  noch  wenig  bekannten  Verfassers  die  erste 
Scene  des  3ten  Aktes  in  immer  neuen  Varianten  wiederholen. 
Immerhin  scharft  man  bei  so  genauem  Eindringen  in  die 
Werkstatt  eines  Verfassers  sein  oft  viel  zu  nachsichtiges 
asthetisches  Urteil.  —  N.  B.  Ich  hatte  beinahe  vergessen,  auf 

43 


den  bibliophilen  Wert  dieser  Entstehungsgeschichte,  die  nur 
in  einem  Exemplar  hergestellt  wird,  zu  verweisen. 

Nattirlich  glaubst  Du  das  alles  nicht,  mit  einem  diaboli- 
schen  Lacheln  fliisterst  Du  „  Stolpmiinde"  und  die  innere 
Verlogenheit  obiger  Behauptungen  ist  erwiesen. 

Ich  kann  nur  soviel  gestehen,  daB  Stolpmiinde  allerdings 
meine  ehrlichen  Rehabilitierungsversuche  in  einem  Rahmen 
strandiger  Vormittage  stand  [sic]  und  die  Bilder  meiner 
Tatigkeit  auf  den  Grund  kaffeedurchfeuchteter  Nachmittage 
wirkt. 

Einen  ernsten  EinfluB  kann  Stolpmiinde  auf  mich  viel- 
leicht  noch  ausiiben.  Hier  zum  ersten  Male  ist  Zionismus 
und  zionistisches  Wirken  als  Moglichkeit  und  damit  vielleicht 
als  Verpflichtung  mir  entgegen  getreten.2 

Wie  ich  trotzdem  —  wie  naturlich  —  ganz  bei  der  Wickers  - 
dorfer  Sache3  bleiben  wiirde  —  das  in  Berlin. 

Wenn  Freiburg  jetzt  anfangt,  der  Vergangenheit  anzu- 
gehoren,  wirst  Du  bald  etwas  davon  erfahren. 

Dein  Walter. 

(Nachste  Woche  komme  ich  nach  Berlin)4 

1  In  „Das  Erlebnis  und  die  Dichtung"(1905). 

2  In  Gesprachen  mit  Kurt  Tuchler  aus  Stolp  (geb.  1894),  der  damals 
Oberprimaner  war.  Tuchler  sclireibt:  „Franz  Sachs,  brachte  in  den 
Sommerferien  Walter  Benjamin  mit  nach  Stolpmiinde.  Wahrend  die- 
ser ganz  en  Ferien  war  ich  taglich,  um  nicht  zu  sagen  stiindlich,  mit 
Benjamin  zusammen,und  wir  hatten  einen  unerschopflichen  Gesprachs- 
stoff.  Ich  versuchte,  ihn  in  meinen  zionistischen  Vorstellungskreis  ein- 
zufuhren.  Er  versuchte  seinerseits,  mich  in  seinen  Gedankenkreis  zu 
Ziehen.  Wir  setzten  unseren  Gedankenaustausch  brieflich  mit  groBer 
Intensitat  fort."  Dieser  Briefwechsel  ist  in  der  Nazizeit  yerloren  gegan- 
gen.  (Brief  Tuchlers  vom  26.  2. 1963,  Tel  Aviv).  Wohl'  aber  hat  sich 
in  Jerusalem  die  direkt  diese  Frage  des  Zionismus  umschliefiende 
Folge  von  Brief  en  Benjamins  an  Ludwig  Strauss  erhalten;  Brief  e 
vom  11.  September,  10.  Oktober,  21.  November  1912  und  7.  Januar 
1913  sind  der  Auseinandersetzung  mit  dem  Zionismus  gewidmet.  W. 
B.  hat  sich  in  dies  en  Brief  en  auch  uber  die  „Kunstwart"-Debatte 
1912  geaufjert.  Zuletzt  lehnte  er  hier  den  politischen  Zionismus  ab. 

3  Der  Bewegung  um  Wyneken  und  die  radikale  Schulreform. 

4  Wo  er  bis  April  1913  war. 


44 


10  An  Herbert  Belmore 

[Freiburg,  29.  4.  1913] 

Lieber  Herbert,  gewiB:  ich  sollte  Dir  schreiben.  Was  nur? 
Ich  fiihle  rnich  so  unzurechnungsfahig!  Der  Kirchplatz  vor 
meinem  Fenster  mit  einer  hohen  Pappel  (in  ihrem  Grim 
liegt  die  gelbe  Sonne)  davor  ein  alter  Brunnen  und  sonnige 
Hauserwande,  lassen  mich  viertelstundenlang  hinstarren. 
Dann  —  nicht  wahr— lege  ich  mich  etwas  aufs  Sofa  und  nehme 
einen  Band  Goethe.  Wenn  ich  auf  ein  Wort  wie  „Breite  der 
Gottheit"  gerate,  bin  ich  schon  wieder  auBer  Fassung.  Du 
weiBt:  in  „GroB  ist  die  Diana  der  Epheser"  -  vielleicht  der 
schonste  deutsche  Gedichttitel.  LaB  Dir  von  Franz1  sagen, 
was  ich  von  meinem  Zimmer  schrieb.  Keller2  sagte  sehr 
schon  „hier  ist  man  immer  zu  Besuch."  Diese  sonnige  Ge- 
raumigkeit  mit  soliden  Heiligen  an  den  Wanden.  Ich  sitze  in 
einem  kleinen  Sessel  und  kenne  keinen  bessern  Ort  fur 
Philosophie. 

Mit  was  fiir  Menschen  gehe  ich  doch  urn!  Auch  davon 
wirst  Du  von  Sachs  horen.  Da  ist  Keller  mit  dem  Anfang 
eines  neuen  Romans  der  bedeutend  ist;  mit  einer  schonen 
Freundin,  die  ich  oft  sehe.  Da  ist  Heinle3,  ein  guter  Junge. 
„Sauft,  friBt  und  macht  Gedichte".  Die  sollen  sehr  schon 
sein  —  ich  werde  bald  welche  horen.  Ewig  traumerisch  und 
deutsch.  Nicht  gut  angezogen. 

Englert  -  ist  noch  schlechter  angezogen.  Auch  eine  Freun- 
din. Seine  Kindlichkeit  hat  ungeheure  Dimensioned  Er  ver- 
ehrt  Keller  als  Gott  und  mich  schatzt  er  als  Damon. 

Da  ist  letztens  Manning.  Ein  Berliner.  Beachte,  daB  es  nur 
Christen  sind,  mit  denen  ich  hier  umgehe  und  sage  mir,  was 
das  bedeutet.  Ich  selbst  kann  es  garnicht  bestimmen.  Mit 
Manning  spreche  ich  meist  iiber  Madchen  und  B'rauen.  Ich 
wundere  mich,  daB  ich  ihm  (wie  im  ersten  Semester  Keller) 
hier  vieles  sagen  kann,  ohne  konkrete  Erfahrungen  zu  haben. 
Die  gibt  er  mir  wiederum  und  ich  komme  so  weiter. 

All  dieses  zwingt  mich  naturlich  viel  zu  arbeiten,  denn 
sonst  wiirde  ich  dieses  Klima  nicht  vertragen. 

Heut  abend  bin  ich  im  Akademikerheim.  Dort  ist  unser 


45 


Kreis,  noch  ein  oder  der  andere  Gast  und  manche  Studen- 
tinnen.  Keller  herrscht  despotisch  und  liest  dauernd  vor.  Ich 
werde  mich  bemiihen,  audi  Diskussion  laut  werden  zu  lassen. 
Morgen  wird  hier  Ewers  „Wundermadchen  von  Berlin"  ur- 
aufgefiihrt  —  und  iibermorgen  werde  ich  mit  Heinle  einen 
Berg  beklettern. 

Abends  hat  man  die  langen  Gesprache  in  sehr  dunkler, 
warmer  Luft.  Wenn  Du  sonst  etwas  wissen  willst,  frage. 
Denn  wollte  ich  nicht  50  Seiten  schreiben,  so  kann  ich  nicht 
mehr  als  solche  Aphorismen  Dir  geben.  Aber  damit  Du  siehst, 
daB  ich  wirklich  alles  tue,  was  ich  kann,  indem  ich  diese 
Erlebnisfetzen  Dir  vorwerfe,  schicke  ich  Dir  eine  Art  „Ge- 
dicht"  mit,  das  Du  eben  so  gut  fur  Wahnsinn  halten  kannst. 

Herzlichen  GruB  Walter. 

Entfremdetes  Land  liegt  voller  Provinzen. 

Darinnen  betteln  die  blinden  Gefuhle, 

Sie  gehen  schwankend,  wie  in  hohen  Stuben. 

Planet  des  Ichs! 

Sinnbilderliche 

Bewegsamkeit,  wie  du  zur  Leerheit  wortlos  stiirzest, 

und  wo  Du  fallst,  wird  aus  Aonen  Raum, 

glotzende  Bildlichkeit  wird  mich  umwogen, 

Gedanken  zehrend  haben  alle  Zonen 

Dahingegeben  ihr  „dennoch"  und  „kaum". 

Verwitternd  sendet  letztliche  Geriiche 

Verniinftigkeit  —  und  ihre  buntgebanderten  Fliiche 

sind  fliigelschmetternd  mitten  innen 

starr  geworden  und  heimlich  von  hinnen. 

Die  Blindheit  hat  einen  gottlichen  Riicken, 

und  tragt  den  Hymnischen  iiber  holzerne  Briicken. 

Bitte  schreib  mal.  GruB 

4 


i   Franz  Sachs. 

2  Philip p  Keller,  mit  dem  W.  B.  in  Freiburg  umging,  Autor  eines 
Romans  „Gemischte  Gefuhle",  Leipzig  1913,  den  W.  B.  audi  spa'ter 
noch  ruhmte.  Vgl.  Gesamraelte  Schriften  Bd.  Ill,  1972,  S.  173. 

46 


3  Friedrich  C.  Heinle,  an  den  sich  W.  B.  damals  enger  anschloB. 

4  Ein  Wort  unleserlich. 


11  An  Carla  Seligson 

Freiburg  i.  B.,  30.  April  1913 

Sehr  geehrtes  Fraulein  Seligson, 

Sie  sahen,  daB  ich,  entgegen  meinen  Worten,  nach  meiner 
Riickkehr  von  Schreiberhau1,  nichts  von  mir  verlauten  lieB. 
Das  tut  mir  selbst  sehr  leid,  ich  konnte  es  aber  nicht  andern. 
Mich  hatten  namlich  die  paar  Tage  in  einem  schbnen  Friih- 
ling,  der  im  Tal  war  (und  tiefer  Schnee  auf  dem  Kamm),  in 
einen  Zustand  gebracht,  in  dem  ich  nach  Mbglichkeit  mensch- 
liche  Gemeinschaft  meiden  muBte.  Ich  war  ganz  zergriibelt, 
mit  intellektuellen  Sprengstoff  en  angefullt,  die  jeder  ahnungs- 
los  zur  Explosion  hatte  bringen  konnen.  Sie  fragen  sich,  ob 
dies  vielleicht  regelmaBig  die  Wirkung  schbner  Landschaft 
auf  mieh  sei?  Nein  -  sondern  ich  hatte  es  in  Schreiberhau  so 
angefangen:  den  halben  Tag  ging  ich  spazieren  und  den 
andern  las  ich.  Lektiire:  Kant,  Grundlegung  zur  Metaphysik 
der  Sitten.  Kierkegaard:  Entweder  -  Oder.  Gottfried  Keller: 
DasSinngedicht.  Aber  kein  normalerMensch  kann  die  gigan- 
tische  und  ausschliefiliche  Gemeinschaft  mit  diesen  Schriften 
eine  Woche  aushalten,  Wenn  ein  paar  Seiten  im  Kant  mich 
ermiidet  hatten,  fliichtete  ich  zu  Kierkegaard.  Sie  wissen  wohl, 
daB  er  auf  dem  Boden  der  christlichen  Ethik  (oder  wenn  Sie 
wollen,  der  judischen)  so  rucksichtslos  und  Heroisches  fordert 
wie  Nietzsche  auf  anderem  Boden  und  daB  er  psychologisch 
so  vernichtend  analysiert  wie  er.  Entweder  —  Oder  ist  das 
Ultimatum :  Asthetentum  oder  Sittlichkeit?  Kurz,  dieses  Buch, 
das  mir  Frage  auf  Frage  stellte,  die  ich  stets  geahnt  und  nie 
mir  ausgesprochen  hatte,  regte  mich  (selbst)  mehr  auf  als 
irgendein  andres.  Und  danach  ist  es  wiederum  nicht  leicht, 
auf  Kellers  schweren  Stil  sich  zu  spannen,  der  jeden  Satz 
langsam  zu  lesen  verlangt. 

47 


Kierkegaard  und  der  Brief  eines  Freundes  veranlaBten 
mich  auch  nach  Freiburg  zu  gehen  -  aber,  wie  gesagt,  nach 
solchem  Aufenthalt  in  Schreiberhau  war  ich  zu  einem  Ge- 
sprach  vollkommen  unfahig. 

Jetzt  bin  ich  hier  in  einem  wundervollen  Sommer  zur 
Ruhe  gekommen;  und  wenn  ich  auf  den  Kirchplatz  vor  mei- 
nem  Fenster  sehe,  ein  alter  Brunnen,  eine  einzige  ganz  hohe 
Pappel  in  der  Sonne,  dahinter  Hauser  wie  aus  dem  goethe- 
schen  Weimar  (ganz  klein)  —  kann  ich  mir  kaum  mehr  das 
Ungeheuerliche  vorstellen,  daB  ich  fast  (wenn  mich  die  Fr. 
St.  gewahlt  hatte)  in  Berlin  geblieben  ware. 

Ich  habe  hier  wenige  aber  gute  Bekannte,  ganz  andere  als 
meine  Berliner  Freunde  und  meist  alter  als  ich.  Nachdem  ich 
mich  gewohnt  habe,  ist  es  nun  sehr  schon.  Wir  haben  hier  — 
ganz  abseits  von  der  fr.  Studentenschaft,  die  arbeitsunfahig 
ist  —  ein  Akademikerheim,  wo  wir  —  Studenten  und  Studen- 
tinnen  -  Dienstag  abend  zusammenkommen.  Es  wird  vor- 
gelesen  und  wir  unterhalten  uns.  Jeder  von  uns  kann  Gaste 
mitbringen,  aber  das  g^schieht  selten,  meist  sind  wir  immer 
dieselben,  sieben  bis  neun. 

Wie  gesagt  -  mit  der  freien  Studentenschaft  ist  garnichts 
zu  machen.  Schon  in  Berlin  sagte  ich  Dr.  Wyneken,  daB  ich 
nur  dann  die  Abt.  fur  Schulreform  leiten  wiirde,  wenn  ich 
eine  gut  organisierte  fr.  Studentenschaft  schon  vorfande. 
Davon  nicht  die  Spur.  Man  sieht  hier  keine  Anschlage  am 
schwarzen  Brett,  keine  Abteilungen  -  keine  Vortrage.  -  Jetzt, 
im  Abstand  von  Berlin  bin  ich  mir  auch  iiber  die  Freistuden- 
tenschaft  im  allgemeinen  klarer  geworden.  In  Berlin  will  ich 
Ihnen  einmal  meine  Meinung  dariiber  sagen. 

Jetzt  noch  eines,  was  Sie  f reuen  wird :  vor  meiner  Abreise 
besuchte  ich  Frau  Lesser.  Aus  dem  gleichen  Grunde,  aus  dem 
ich  Ihnen  nicht  schrieb,  war  vielleicht  auch  unser  Gesprach 
nicht  so,  wie  es  das  erste  Mai  war  -  aber  das  mag  auch  am 
Ort  gelegen  haben.  Jedenfalls  habe  ich  mich  doch  wie  der  sehr 
gefreut.  Sie  fragte  mich  nach  Ihnen  und  sagte  mir,  daB  Sie 
ihr  sehr  gut  gefallen  hatten  und  „wenn  ich  so  viel  Zeit  fur 
Menschen  hatte,  wie  ich  es  nicht  habe"  wiirde  sie  Sie  zu  sich 
bitten.  Aber  sie  hoffte,  daB  wir  doch  gelegentlich  zusammen- 

48 


sein  wiirden  —  was  ja  auch  moglich  ist  —  wenn  sie  im  Winter 
ihren  Jour  hat. 

In  wenigen  Tagen  wird  wohl  das  erste  Heft  des  Anfang 
erscheinen.  Ich  wiirde  mich  sehr  freuen,  wenn  Sie  mir  schrie- 
ben,  vielleicht  auch  vom  „Anfang"  wenn  er  erschienen  ist. 

Ich  hoffe  Ihnen  in  einigen  Wochen  eine  Arbeit  von  mir 
zuschicken  zu  konnen.  Ich  habe  diesen  Winter  einen  „  Dialog 
iiber  die  Religiositat  der  Gegenwart"2  geschrieben,  den  ich 
jetzt  typen  lasse.  Davon  gelegentlich. 

Mit  den  besten  GriiBen  und  der  Bitte,  mich  Ihrer  Frau 
Mutter  zu  empfehlen 

Ihr  Walter  Benjamin 
PS  Wenn  die  Schrift  schlecht  ist  —  ich  glaube  es  —  entschul- 
digen  Sie  es  bitte. 

1  Dort  war  W,  B.  mit  Bruder  und  Mutter  in  groBerem  Familienkreis 
der  Joseephys  uber  Ostern  gewesen. 

2  Im  NachlaB  erhalten. 


12  An  Herbert  Belmore 

[Freiburg,  2.  5.  1913] 

Lieber  Herbert, 

mich,  einen  Untatigen  und  Abwartenden,  der  bei  Philosophic 
und  Regen  vielleicht  einen  Pfingsten  in  Freiburg  erduldet 
hatte  (und  ruhig  erduldet)  hat  ein  Schicksal  ereilt.  Ich  werde 
sehr  wahrscheinlich  am  9ten  hier  abreisen  und  bis  zum  22ten 
in  Paris  mich  aufhalten.  Dies  in  Gemeinschaft  mit  Kurt 
Tuchler  und  einem  gewissen  Herrn  [Siegfried]  Lehmann1,  der 
jetzt  Tuchlers  Bundesbruder  und  vor  12  Jahren  mein  Spiel- 
freund  war.  Wieder  einmal,  wie  so  oft,  trifft  ein  EntschluB 
mich  nicht  kindlich  verfreut,  sondern  wird  abwartend  und 
scharf  kontrolliert  eingelassen,  wie  an  der  Douane.  Dieses  sei 
in  einem  spatern  Brief  begrundet.  An  Dich  richte  ich  dieses, 
um  Literatur  zu  erfahren  und  vielleicht  auch  sonst  Winke 
fiir  Paris.  Karl  Schefflers  „Paris"  wird  zunachst  auf  gemein- 
same  Kosten  beschafft.  Aber  weiter.  Enthalt  der  „gefuhlvolle 

49 


Badecker"2  ein  Kapitel  iiber  Paris?  1st  es  gut,  so  schreib  mir 
die  Essenz,  ich  kann  ihn  hier  nicht  bekommen.  Welche  gut  en 
Kunstfiihrer  gibt  es  fiir  Paris.  Gute  Essays.  Biicher  iiber  Pa- 
riser  Kultur  und  Impressionismus.  ttber  Paris erinnen?  Bitte 
schreib  schleunig.  -  Meine  Eltern  brauchen  nicht  gleich  nach 
Empfang  dieser  Karte  etwas  von  ihr  zu  erfahren.  Ich  werde 
ihnen  meine  Absicht  wohl  erst  etwas  spater  schreiben,  da  ich 
einen  Brief  von  Haus  noch  erwarte.  Andrerseits  sollen  sie 
meine  EntschlieBung  zuforderst  von  mir  horen. 

Gestern  war  ich  mit  dem  19jahrigen  Dichter  -  jungen 
Heinle  auf  dem  Kandel.  Wir  vertragen  uns  gut.  In  der  Anto- 
logie  [sic!]  „ Mistral",  die  bei  A.  R.  Meyer  bald  erscheint, 
steht  von  ihm 3  und  Quentin4  je  ein  Gedicht. 

Aus  meinem  Wohlbefinden  griifie  ich  Dich. 

Dein  Walter 

1  Er  griindete  spater  das  jiidische  Volksheim  in  Berlin  und  das  Kin- 
derdorf  Ben-Schenaen  in  Palastina. 

2  Kurt  Miinzer,  Der  gefiihlvolle  Baedecker.  Berlin  1911.  (1892-1953). 

3  „Tannenwald  im  Schnee",  Der  Mistral,  S.  22. 

4  Franz  Quentin,  das  zeitweise  von  Ludwig  StrauB  gebrauchte  litera- 
rische  Pseudonym. 


1}  An  Herbert  Belmore 

Freiburg,  am  5.  Mai  1913 
Lieber  Herbert, 

zwar  steht  die  Einleitung  zur  „Kritik  der  Urteilskraft"  fiir 
diesen  Morgen  auf  dem  Programm.  Doch  ich  verschiebe  sie 
einen  Augenblick  —  urn  Dir  fiir  Deinen  Brief  zu  danken  um 
Dir  aber  zu  sagen,  da8  ich  mich  nicht  ganz  wohl  f utile  bei 
der  groBen  Mystik,  so  Ihr  in  Berlin  um  mich  hiillet.  Ich  bin 
ein  einf  aches  Menschenkind.  Nun  will  auch  ich  Euch  ein  paar 
Thesen  entgegnen,  damit  die  Euern  mich  nicht  erdriicken. 
Zuforderst  aber  verweise  ich  auf  den  letzten  24  Seiten  langen 
Brief  an  Franz,  der  nicht  nur  Tagebuch  enthalt,  sondern 
eine  Beilage,  auf  der  ahnliches  steht,  als  hier  an  Dich.  Seit- 
dem  allerdings  fiel  noch  ein  Gesprach  vor,  das  mir  mehr  sagte, 

50 


als  ich  wuBte  und  Ihr  ahnt :  Ich  rette  mich  nicht  —  ich  steige 
nicht  auf,  sondern  ich  siege  auf  diesem  Boden. 
Nun  zu  den  Thesen. 

I  Ich  bin  und  fiihle  mich  imZustand  der  6ppi<; ,  der  frevel- 
haftesten  Sicherheit  iiber  Gottern  und  Menschen 

II  Ich  kam  zu  fremden  Volkern,  die  mich  nicht  ehren,  und 
sehe,  daB  mein  Wesen  auch  ohne  geehrt  zu  werden  bleibt. 

III  Ich  sehe  es  sich  bewahren,  endlich  geht  es  in  die  Breite 
und  materialisiert  sich  im  Irdischen,  anstatt  steil  zu  steigen. 
Dieses  geschah  durch  sinnliche  Widerstande. 

IV  Ich  sehe,  daB  es  nicht  mein  Gewissen,  sondern  meine 
Natur  ist,  die  mich  beschrankt.  Mein  Gewissen  ist  meine 
Natur.  Ich  kann  nicht  dagegen  handeln:  so  ist  es  kein  Gewis- 
sen mehr.  Auf  der  Schule  schrieb  ich  nie  ab :  Das  war  nicht 
Gewissen,  sondern  Klugheit,  Kurzsichtigkeit  (Natur). 

V  Wenn  man  diese  Natur  einmal  resignierend  anerkennt, 
gewinnt  sie  Krafte,  die  sie  nicht  ahnte:  sie  gewinnt  ihre 
eigene  Sinnlichkeit,  lost  sich  von  Thesen. 

VI  Daher  gehe  ich  ohne  Schaden  des  Leibes  und  der  Seele 
mit  Christen  und  solchen  um,  und  bin  ihnen  iiberlegen.  Bis 
auf  Keller,  dem  ich  gleich  bin,  an  einem  andern  Pol,  dem  ich 
jetzt  dennoch  begegne  (Konnt  Ihr  denn  dies  nicht  verstehen?) 
weil  ich  ihm  gewachsen  bin,  weil  wir  wissen,  daB  wir  nichts 
Gemeinsames  haben,  als  dies:  daB  wir  ich  sind.  Das  Ich  ist 
keine  Gabe,  sondern  eine  Beschrankung.  Diese  eben  ist  Reife. 

VII  Aber  es  bleibt  dabei:  ich  bin  erst  frei  (sinnlich),  ich 
bin  erst  selbst,  wenn  ich  die  Grenzen  kenne.  Das  Gewissen 
wohnt  innerhalb  dieser  Grenzen.  Abgesteckt  sind  sie  von  der 
Natur  (und  mag  diese  Natur  friiher  einmal  Gewissen  gewe- 
sen  sein)  (s.  These  IV) 

Mehr  kann  ich  nicht  wissen  und  dies  ist  die  Erleuchtung 
von  3  Wochen. 

Anschaulicher  Teil:  ich  bin  gestern  in  Littenweiler  tanzen 
gewesen  mit  Keller,  Englert,  Manning,  Heinle  —  es  ist  mir 
vor  ihnen  gleichgiltig  gewesen,  ob  ich  gut  oder  schlecht  tanze. 
Ich  ging,  wann  ich  wollte.  Weiter:  es  wachst  hier  eine  Revo- 
lution, die  ich  mit  Sicherheit  befehle.  Ich  bin  der  Gegenpol 
Kellers  und  befreie  die  Leute  von  ihm,  nachdem  ich  mich 


51 


selbst  von  ihm  befreite.  Ich  kann  dies  nur,  weil  ich  ihn  achte 
—  als  Kiinstler  (nicht  als  Bohemien,  denn  das  ist  er  nicht)  Ich 
habe  hier  die  Parole  der  Jugendlichkeit  ausgegeben.  Folgen- 
des  geschah: 

ich  hatte  ein  Gesprach  mit  Manning,  in  dem  sagte  ich :  eins 
trennt  uns^von  Keller:  er  nimmt  die  Gesten  des  40jahrigen 
an, ohne  den  Inhalt  zu  haben.  (U.  dgl.,  was  Du  nur  verstehen 
konntest,  wenn  ich  Dir  seinen  jetzigen  Zustand:  er  ist  in 
einerKrisis,ausfuhrlich  zeichnenkonnte)  Plbtzlich  sagt  Man- 
ning, der  seine  gleiche  Erfahrung  mit  Keller  gegen  mich  zu 
betonen  liebte :  aber  wir  sind  doch  jung.  Wir  wollen  doch  nur 
21  sein.  Ich:  „Ich  habe  garni chts  mehr  dazu  zu  sagen,  Sie 
sagen,  was  ich  denke."  Diesen  Menschen  habe  ich  an  einem 
Abend  von  IO-V22  befreit.  Einmal  sieht  er  mich  entgeistert 
an:  „Wie  konnen  Sie  mir  das  sagen.  Damit  haben  Sie  den 
Schliissel  zu  meinem  Leben  in  Handen,  bevor  Sie  es  kennen." 
.  .  .  Sprichst  du  nur  das  Zauberwort1.  .  .  Seitdem  weiB  ich, 
datf  ich  mich  immanent  in  der  Mission  Wynekens  hier  befinde 
und  die  Leute  zu  ihrer  Jugendlichkeit  zuruckbringe.  /  Am 
gleichen  Abend  frage  ich  Manning:  Woher  haben  Sie  diese 
grafiliche  Angst  vor  der  Sentimentalitat.  „Ja,  die  hat  auch 
Keller  mit  Gewalt  in  mich  hineingepreBt".  Solche  Antworten 
erhalte  ich,  Ich  gebe  ihm  den  Mut  zur  Sentimentalitat  —  er 
■liest  aus  seinen  (tatsachlich  ungeheuren)  Tagebuchern  des 
15jahrigen  vor.  All  diese  werden  befreit,  damit  sie  dazu  kom- 
men,  sich  aus  zu  bilden,  unsentimental  und  nuchtern  nach 
Ideen,  statt  sich  zu  ubertunchen  nach  Gesten. 

Ein  ahnlicher  Fall,  nur  leichter,  liegt  mit  dem  jungen 
Heinle  vor,  mit  dem  ich  neulich  ein  lstiindiges  Gesprach 
liber  den  Literaten  hatte.  —  Ich  sehe,  daB  diese,  wenigstens 
Heinle,  Keller  entfernt  nicht  so  tief  achten,  wie  ich  —  weil  sie 
ihm  noch  nachgehen. 

Hoff  entlich  hat  es  nicht  den  Herbst  gebraucht,  Euch  und  mir 
zu  beweisen  „wie  durchaus  notwendig  und  heilsam  diese 
Station  der  Entwicklung  war". 

Ich  verstehe  zum  ersten  Male  in  meinem  Leben  Goethes: 
„Nur  wo  du  bist  sei  alles  —  immer  kindlich 
So  bist  du  alles  -  bist  uniiberwindlich."2 


52 


Ich  weiB:  als  anstandiger  Mensch  muB  man  diese  Weis- 
heit  (denn  es  ist  eine  Weisheit)  unendlich  oft  vergessen  —  un- 
endlich  oft  wieder  begreifen.  Ich  begriff  sie  zum  ersten  Male, 

Ob  das  Semester  noch  Prinzipielles  gibt  —  glaub  ich  kaum. 
Viel  Arbeit.  Viel  Vergniigen. 

Gestern  in  Littenweiler  bewundert  Manning  meine  kind- 
liche  Vergniigtheit.  Ich  werde  sie  ihm  wiedergeben.  Keller 
und  ich  sind  vorlaufig  hier  die  einzig  Kindlichen.  Darum  ver- 
wandt. 

GriiBe  Franz  und  Willi3!  Mogen  Wellen  dieser  schonen 
Erfahrung  auch  ihn  erreichen.  Im  Augenblick  kann  ich  ihm 
nicht  schreiben. 

Und  deswegen  kam  ich  her.  Nur  anders  lernte  ich  sie  be- 
greifen, als  ich  dachte. 

Dein  Walter 

PS  Franz  soil  diesen  Brief  sehen. 

1  Triffst  du  nur  das  Zauberwort.  Eichendorff,  „Schlaft  ein  Lied  in 
alien  Dingen". 

2  Marienbader  Elegie. 

3  Franz  Sachs  und  Willi  Wolfradt. 


14  An  Franz  Sachs 

Freiburg,  den  4.  Juni  1913 

Lieber  Franz, 

Diesen  Vormittag  habe  ich  kein  Colleg  und  will  Brief e  schrei- 
ben: den  ersten  an  Dich.  Die  „Epistel  der  Sommernacht"  ist 
ein  schones  Dokument  Eurer  gegenseitigen  Annaherung. 
Allein  hatte  sie  keiner  von  Euch  geschrieben;  so  sicher  seid 
Ihr  denn  doch  nicht! 

In  Sachen  des  „Anfang" x.  Ich  weiB  nicht,  ob  Du  des  of  tern 
mit  Barbizon2  zusammenkommst ;  jedenfalls  wiinschte  ich  es. 
Wenn  Du  ein  Wort  mitsprachest,  so  ware  es  wohl  kaum  zur 
Ablehnung  der  dichterischen  und  jugendlichen  Oden  Heinles 
gekommen,  die  Barbizon  „ungeeignet"  nennt.  Wenn  eine 

53 


durchaus  sichere  Personlichkeit  die  Leitung  des  „Anfang" 
hatte,  so  ware  es  wohl  moglich,  daB  Wyneken  sich  vollig  von 
der  Geschaftstatigkeit  zuriickzoge.  Aber  jetzt  sollte  er  nur 
scharf  revidieren.  Und  was  ist  das  mit  [Wilhelm]  Ostwald? 
Ich  schrieb  an  Barbizon:  wie  ist  es  moglich  einem  so  notori- 
schen  „Schulreformer"  und  Vielschreiber  in  unserm  Anfang 
das  Wort  zu  geben.  Jetzt  hat  die  Offentlichkeit  was  sie  will: 
das  bequeme  Schlagwort,  um  den  Anfang  ins  groBe  Massen- 
grab  der  „Schulreform"  zu  weisen.  Menschen  und  Schreiber 
wie  Ostwald  sind  die  groBten  Feinde  unsrer  Sache,  denn  wir 
wollen  eben  endlich  nicht  Schulref  orm,  sondern  etwas  andres, 
wovon  er  sich  nichts  traumt.  Oder  doch?  Wenn  der  Artikel 
des  zweiten  Heftes  uns  versteht  (ich  glaubs  nicht!)  gut  —  so 
mag  er  drinstehn.  Sonst  ist  schwerer  Schaden  angerichtet. 
Also  kummere  Dich  bitte  um  die  Redaktion.  Dein  Urteil 
iibrigens  iiber  die  Gedichte  von  Eleutheros  im  ersten  Heft 
teile  ich  garnicht.  Ich,  Heinle,  Manning  —  sogar  Keller  fan- 
den  sie  ganz  selten  schon.  Naturlich  darf  man  sowenig  jede 
Zeile  betrachten  wie  in  Goethes  Mailied;  aber  denselben 
Schwung  hat  dieses  Gedicht  und  dabei  den  schweren  geruhi- 
genAusgang: 

„Hebt  die  Stunde  stark  und  stolz 
Aus  dem  Krug  der  Zeiten." 

AuBerdem  geht  es  gefuhlisch  betrachtlich  in  die  Tiefe: 
.  .  .  darf  nicht  driiber  klagen, 
daB  er  nur  erst  willenlos 

ward  emporgetragen"  Du  kennst  meine 

Anschauungen  und  weiBt,  daB  ich  diese  Einsicht  bejahe. 
Wenn  ich  den  Anfang  hier  hatte,  konnte  ich  es  eher  analy- 
sieren.  Auch  das  zweite  Gedicht  -  nicht  gleich  dem  ersten  - 
ist  tiefer,  je  ofter  man  es  liest. 

Demnachst  will  ich  Dir  eine  Abschrift  der  Heinleschen 
Oden  schicken,  damit  Du  sie  in  der  Redaktion  durchsetzt.  Die 
nichtsbedeutende  Kritik  von  Matthias  im  Tageblatt,  der  auch 
kein  Ohr  mehr  hat  fur  den  Rhythmus  der  Gedichte,  las  ich. 
Die  ubrigen  noch  nicht. 

Wie  Barbizon,  so  bitte  auch  ich  Dich  den  Berliner  Sprech- 
saal  zu  ubernehmen3.  Das  ist  eine  wichtige  Einrichtung,  die 

54 


Anfang  einer  schonen  Geselligkeit  werden  kann.  Natilrlich 
soil  Wyneken  nichts  damit  zu  tun  haben.  Neulich  schrieb 
Quentin  einen  Collektivbrief  an  die  Freiburger4,  in  dem  er 
mitteilt,  Moritz  Heimann5  plane  eine  jiidische  Freie  Schul- 
gemeinde  fiir  Deutschland.  Viel  Konsequenz!  Was  weiBt  oder 
erfahrst  Du  davon? 

Paul  Hoffmann  hat  mit  mir  korrespondiert,  interessiert 
sich  fiir  uns,  wollte  kurz  vor  meiner  Abreise  mich  nodi  per- 
sonlich  sprechen,  doch  war  es  zu  spat.  Ich  mutmafie,  da£  er 
aus  dem  Kunstwartkreise  kommt,  also  vorsichtig  anzufassen! 
Nicht  zu  radikal. 

Berichte  mir  von  Herberts  Vortrag  in  der  Abteilung! 

Und  jetzt  komme  ich  meinem  „ Brief"  (dessen  ungewohnte 
Bogen  mich  erheblich  stbren)  schon  naher.  Wynekens  Be- 
griindung  der  Abstinenz.  Du  nennst  sie  „wundervoH";  ahn- 
lich  schreibt  mir  mein  Bruder:  so  muB  sie  auf  jeden  wirken, 
der  mit  reinem  Gewissen  dasitzt  und  abstinent  ist.  Nicht  so 
ich.  Was  hilft  Dir 

[SchluB  f  ehlt] 

1  Die  von  Gustav  Wyneken  herausgegebene  „Zeitschrift  der  Jugend", 
an  der  W.  B.  unter  dem  Pseudonym  Ardor  mitarbeitete.  Das  erste  Heft 
war  gerade  erschienen. 

2  Georg  Barbizon  (eigentlich  G.  Gretor),  einer  der  zwei  Redakteure  des 
„Anfang", 

3  Der  „Sprechsaal"  war  eine  1912  von  W,  B.  und  seinen  Freunden 
begrundete  Veranstaltung  zur  Aussprache  iiber  die  Probleme  der  Jugend 
im  Geiste  Wynekens,  die  vor  allem  1915  und  1914  viele  Schiiler  und 
Student  en  anzog.  Eine  Schilderung  hat  z.  B.  Martin  Gumpert  in  seiner 
Autobiographie  gegeben. 

4  Die  Abteilung  fiir  Schulreform  in  der  Freien  Studentenschaft. 

5  Der  Erzahler  und  Lektor  des  S.  Fischer  Verlages,  der  in  der  Tat  leb- 
haftes  Interesse  an  jiidischen  Dingen  nahm. 


55 


IS  An  Carta  Seligson 

Freiburg,  5 .  Juni  1913 

Liebes  Fraulein  Seligson, 

ich  kam  ein.es  Abends  nach  Pfingsten  aus  Paris  zuriick  und 
fand  unter  vielen  Brief  en  den  Ihren  vor,  der  mich  sehr  freute. 
Vielen  Dank!  —  Ja,  ich  bin  Pfingsten  14  Tage  nach  Paris 
hiniibergef ahren ;  an  diese  Stadt  habe  ich  wenige  einzelne 
Erinnerungen,  von  denen  ich  sagen  konnte,  sondern  nur  das 
BewuBtsein  14  Tage  so  intensiv  gelebt  zu  haben,  wie  man 
nur  als  Kind  lebt.  Ich  war  den  ganzen  Tag  unterwegs,  ging 
fast  nie  vor  2  Uhr  zu  Bett.  Die  Vormittage  im  Louvre,  in 
Versailles,  Fontainebleau  oder  im  Bois  de  Boulogne,  nachmit- 
tags  in  den  StraBen,  in  einer  Kirche  —  im  Cafe.  Abends  mit 
Bekannten  oder  in  irgend  einem  Theater:  vor  allem  dann 
jeden  Abend  auf  dem  Grand  Boulevard,  das  man  ein  wenig 
mit  den  Linden  vergleichen  konnte,  wenn  es  nicht  weniger 
breit  (germitlicher!)  ware  und  wenn  nicht  durch  die  ganze 
innere  Stadt  diese  StraBen  sich  ziehen  wiirden,  deren  Hauser 
nicht  zum  Wohnen  zu  sein  scheinen,  sondern  steinerne  Cou- 
lissen  zwischen  denen  man  geht.  Im  Louvre  und  im  Grand 
Boulevard  bin  ich  heimischer  fast  geworden  als  im  Kaiser - 
Friedrich-Museum  oder  in  Berliner  StraBen.  Ich  ging  zuletzt 
(ich  war  sehr  oft  im  Louvre)  nur  noch  spazierend  durch  die 
Sammlungen  und  blieb  immer  wieder  vor  denselben  Bildern 
stehen,  die  ich  schon  kannte  und  die  ich  mir  sehr  eingepragt 
habe,  indem  ich  sie  jeden  Tag  schoner  sah.  Ich  habe  niemals 
so  leicht  Kunst  verstehen  kbnnen,  Zum  ersten  Mai  bekam  ich 
eine  Vorstellung  vom  franzbsischen  Rokokko  —  von  Frago- 
nard,  der  der  kiihnste  und  sinnlichste  unter  diesen  Malern 
ist.  Boucher,  Watteau,  Chardin  und  viele  unbedeutendere 
fiillen  da  die  Wande  in  der  GrbBe  von  2  m.  Ich  gehe  haufig 
durch  den  Saal,  allmahlich  gewohne  ich  mich,  die  Bilder  zu 
isolieren  und  sehe  sie  dann  beim  nachsten  Male  schon  von 
weitem. 

Die  Verehrung  unserer  Zeit  fur  Greco  ist  kein  leerer 
Schwindel.  Zweimal  ging  ich  durch  Bildersammlungen,  fand 

56 


mich  vor  ein  Bild  gerissen  und  eswar  Greco.  Einmal  in  der 
Berliner  Galerie  Koster  (sie  wird  im  Juni  von  der  fr.  St.  be- 
sichtigt  -  gehen  Sie  doch  hin!)  und  einmal  im  Louvre,  wo  das 
konigliche  Bild  Ferdinands  des  Ersten  hangt,  schwermiitig 
und  pathetisch.  Greco  ist.der  pathetischste  Maler  den  ich 
kenne  (pathetisch  natiirlich  ohne  Leere). 

Auf  dem  Grand  Boulevard  kannte  ich  die  Laden,  die  Licht- 
reklamen,  die  Menschen  als  ich  Paris  verlieB.  In  der  Oper 
sah  ich  das  altmodischste  Ballet,  das  sich  denken  laBt,  das 
uns  nicht  mehr  kunstlerisch  beruhrt,  aber  ich  bewunderte  die 
individuelle  Zucht  der'  Tanzerinnen,  die  ich  in  Berliner 
Opernauffuhrungen  nie  so  bemerkte,  Im  Foyer  sah  ich  die 
schonsten  Toiletten  -  in  Paris  schminken  sich  ubrigens  auch 
die  vornehmsten  Frauen. 

Als  ich  dann  wieder  in  Freiburg  war,  glaubte  ich  ein  vier- 
tel  Jahr  fort  gewesen  zu  sein  —  aber  Paris  liegt  so  wundervoll 
abgeschlossen  hinter  mir,  dafl  ich  keine  Unzufriedenheit 
fuhlte,  vielmehr  die  Freude,  daB  sich . . .  alles  so  gut  beendete. 
Im  Brand  steht  das  sehr  wahre  Wort,  das  Sie  natiirlich  hier 
nicht  so  feierlich  verstehen  diirfen: 

Gliick  wird  aus  Verlust  geboren 
ewig  bleibt  nur,  was  verloren.  * 

Inzwischen  war  hier  manches  anders  geworden.  Vor  allem : 
Sommer.  In  Paris  war  es  meist  kuhl.  Sehr  schon  war  es  vori- 
gen  Sonntag,  als  ich  in  der  Hitze  oben  auf  einem  Berg  an- 
komme  und  plotzlich  im  Ausblick  beschneit  den  Feldberg  vor 
mir  habe. 

Unsere  Abende,  von  denen  ich  Ihnen  schrieb,  haben  sich 
auch  geandert.  Herr  Keller,  der  sie  leitete,  hat  sich  zuruck- 
gezogen.  Da  er  viele  Menschen  anzog  sind  wir  jetzt  ziemlich 
allein  und  befinden  uns  besser,  weil  vorher  der  Kreis  nicht 
groB  und  nicht  klein  genug  war,  um  Geselligkeit  moglich  zu 
machen.  Ich  spreche  dort  manchmal  uber  Spitteler,  oder  lese 
Aufsatze  von  Wyneken  vor.  Sein  neues  Buch:  „Schule  und 
Jugendkultur"  ist  bei  Diederichs  jetzt  erschienen.  Heute  be- 
stelle  ich  es. 

Fur  den  „Anfang"  werbe  ich  hier,  habe  einen  neuen  Mit- 
arbeiter  gewonnen  und  bin  ziemlich  zuversichtlich  fur  die 

57 


Zukunft.  Es  ist  so  wichtig,  daB  hier  unsere  Ideen  endlich  frei 
werden  von  der  Dogmatik,  die  ihnen  auBerlich  anhaftet:  das 
ist  es  im  Grunde,  was  ich  von  der  Zeitschrift  erwarte.  Ob 
man  in  Berlin  auf  dem  durchaus  richtigen  Wege  ist,  weiB 
ich  nicht  -  mit  Befremden  hore  ich,  daB  [Wilhelrri]  Ost- 
wald  (l)  im  nachsten  Heft  einen  Leitartikel  schreiben  soil. 
Was  hat,  um  Gottes  willen,  Ostwald  mit  dem  „Anfang" 
zu  tun! 

Der  „Anfang"  immerhin  hat  mich  nun  auch  wieder  in  die 
freie  Studentenschaft  hier  hineingetrieben.  Ich  darf  mir  in 
diesem  Semester  keine  zu  hohen  Ziele  setzen;  wie  ich  Ihnen 
schon  schrieb  ist  die  Organisation  hier  unsicher.  Nichts  wei- 
ter  soil  geschehen,  als  daB  aus  der  Abteilung  am  Ende  des 
Semesters  einige  Leute  gehen,  die  uns  soweit  verstanden,  daB 
sie  den  „Anfang"  abbonieren,  wenn  auch  zuerst  vielleicht 
noch  mehr  aus  Achtung  (die  sie  jedenfalls  empfinden  sollen) 
als  aus  Interesse.  Ich  habe  hier  nur  einen  treuen  und  tuch- 
tigen  Heifer. 

Auch  ich  denke  an  die  „Mitjugend"  in  dem  Sinn,  in  dem 
Sie  schreiben,  aber  mein-e  Arbeit  ist  hier  eben  unpersonlicher, 
abstrakter  als  in  Berlin,  wo  ich  mehr,  wo  ich  jiingere  Men- 
schen  kannte.  Hier  habe  ich  in  den  ersten  seltsamen  Wochen 
des  Semesters  den  einen  jungen  Menschen2  kennen  gelernt, 
von  dem  ich  Ihnen  schreibe,  seitdem  arbeiten  wir  zusammen. 
Aber  auch  unsere  Bekannten  schon  sind  „reif",  haben  schon 
zuviel  Leben  hinter  sich,  daB  sie  kaum  mehr  unmittelbaren 
Zugang  zu  Ideen  haben,  hochstens  viel  Sympathie,  die  uns 
folgt.  Aber  dann  ist  die  groBe  abstrakte  freistudentische 
Masse  da,  an  deren  Geschichte  man  einfach  glauben  muB 
ohne  daB  oft  ein  einzelner  Student  uns  unsere  Arbeit  durch 
nahes  Verstandnis  bewahrt. 

Daher  entschloB  ich  mich  so  schwer  zur  Neugriindung  der 
Abteilung,  tue  es  nun  doch  fur  den  Anfang  und  erwarte  was 
daraus  wird  mit  groBer  Fassung. 

Zu  dem,  was  Sie  schreiben:  woraus  sind  diese  schonen 
Worte  „voll  Weite,  Gliick  und  Wind".  Ich  erinnere  mich,  sie 
gelesen  zu  haben  und  weiB  durchaus  nicht,  wo?3 

Horen  Sie  zum  SchluB,  da  ich  nun  einmal  Philosophie 

58 


studiere  -  zwar  nichts  von  Philpsophie  (ich  lese  Kant,  Schiller, 
Bergson  fur  Seminarien)  -  aber  von  Philosophen. 

Gestern  geschah  es  zum  ersten  Mai  solange  ich  studiere, 
daB  ich  mich  in  einem  kleinen  Kreise  von  Fachphilosophen 
fand,  eingeladen  zumEmpfangsabend  bei  einem  Privatdozen- 
ten4.  Dies  ist  ein  groteskes  Schauspiel  gewesen,  von  innen 
und  auBen.  Innen,  das  bin  ich:  ich  fiihle  mich  natiirlich  ganz 
unziinftig,  weil  ich  zwar  viel  philosophiere  aber  dies  ist  bei 
mir  doch  ganz  anders :  mein  Denken  geht  immer  wieder  von 
meinem  ersten  Lehrer  Wyneken  aus,  kommt  immer  wieder 
dahin  zuriick.  Auch  bei  den  abstrakten  Fragen  sehe  ich  im 
Gefiihl  immer  die  Antwort  in  ihm  vorgedeutet.  Und  wenn 
ich  philosophiere,  so  ist  es  mit  Freunden,  Dilettanten.  Also 
vollig  verlassen  unter  diesen  Menschen,  die  mit  etwas  mehr 
Bedacht  (vielleicht?)  und  mehr  Wissen,  denn  sie  haben  schon 
ausstudiert,  reden. 

Aber  nun  von  auBen  ist  es  doch  ebenso  seltsam.  Ich  habe 
kaum  etwas  so  heiter  Tragisches  gesehen!  Hier  im  Gesprach, 
wo  sie  sich  natiirlich  offener,  freier  als  Persbnlichkeiten,  jeder 
als  der  Denker,  der  er  ist,  bewegen:  da  sehe  ich  die  kindliche 
Urspriinglichkeit,  mit  der  jeder  von  vorn  anfangt.  Die  „Schu- 
len",  denen  ich  in  den  Zeitschriften  begegne  und  von  denen 
man  weiB,  losen  sich  in  lauter  Einzelmenschen  auf,  die  sich 
frohlich  oder  erbittert  bekampfen.  Leute,  die  nach  auBen,  im 
Colleg,  Rationalisten  sind,  sagen  gestern:  das  ist  ja  alles 
gleich;  Ideen  brauchen  wir,  produktive  Ideen!  Sie  sehen  diese 
Lebendigkeit  und  dabei  immer  das  Streben  zur  „Wissen- 
schaft",  und  dagegen  wieder  der  Drang,  eine  Idee  zu  fassen, 
die  unser  Leben  heute  weiterfuhrt. 

Ich  hielt  mich  sehr  zuriick  und  stutze  mich  nur  auf  den 
Trost:  manche  unausgedachte  Gedanken,  immerhin:  von 
denen  ich  weiB,  daB  es  Gedanken  sind,  habe  ich  im  Hinter- 
halt.  Dann  fand  ich  auch  einen  alteren  Studenten,  der  viel 
von  Philosophie  wuBte  und  mit  dem  ich  mich  im  Gesprach 
verstiindigte.  Aber  mein  tragisches  Schicksal  verfolgt  mich: 
im  Hauptf  ach  war  er  Historiker ! 

Bitte  entschuldigen  Sie  einen  Brief  von  so  Vielerlei.  Aber 
soil  er  schon  einheitlich  sein,  dann  miiBte  ich  Ihnen  viermal 

59 


die  Woche  schreiben  wie  Herrn  Sachs,  der  gestern  28  (!)  Sei- 
ten  von  mir  bekam. 

Entschuldigen  Sie  auch  meine  schlechte  Schrift  —  ich 
schreibe  auf  Bogen,  die  mir  ungewohnt  sind  —  und  warten 
Sie  mit  Ihrer  Antwort  bitte  nicht,  bis  Sie  den  „ Dialog  iiber 
die  Religion"  haben.  Zwar  bekommen  Sie  ihn,  doch  ich  fand 
immer  noch  nicht  Zeit,  den  zweiten  Teil  typen  zu  lassen. 

Herzlich  gruBend  Ihr  Walter  Benjamin 

1  SchluBverse  des  4.  Aktes. 

2  Heinle. 

3  Der  Vers  ist  aus  dem  dritten  Teil  von  Rilkes  „Stundenbuch". 

4  Richard  Kroner. 


16  An  Herbert  Belmore 

Freiburg  [7.  6.  1913] 

Lieber  Herbert! 

Dieser  Brief  erreicht  Dich  von  der  Hbhe  der  Ereignislosig- 
keit.  Ich  habe  namlich  in  diesem  Semester  nur  inhaltliche 
(um  nicht  zu  sagen  inhaltvolle)  Briefe  geschickt,  fiihle  mich 
aber  endlich  verpflichtet,  die  Sache  mir  weniger  leicht  zu 
machen,  Euch  also  von  gleicher  Hohe  her  zu  erwidern.  Ich 
ertappe  mich  also  im  Zustand  vollstandiger  Seelenlosigkeit 
undversuche: 

Hier  ist  sehr  schones  Wetter jetzt  schon  nicht  mehr, 

es  ist  etwas  wolkiger.  Wie  ist  die  Prognose  fiir  morgen? 
(Antworte  umgehend!)  Neulich  —  Anfang  Juni  —  gab  man 
im  Stadttheater  noch  die  zuckersiiBe  „Maienkonigin"  von 
Gluck.  Die  Kulisse  hatte  Frau  Oppler  Leyband  [?]  gemalt. 
Am  besten  spielte  der  Philinth.  -  Nachher  tanzten  die  drei 
Schwestern  Wiesenthal  (auBer  Grete). 

Ich  aber  las  gestern  an  einem  literarischen  Abend  ein 
wenig  Rilke  vor,  auBer  diesem  lasen  Keller  und  Heinle.  Du 
weiBt  noch  nicht,  wie  Heinle  dichtet;  hore  sein  Letztes: 


60 


Portrait. 
Aus  gelben  Linnen  steigt  gebraunt  und  klar 
Der  schmale  Hals  grad.  Aber  sehr  bewuBt 
Verschenkter  Feste  sinkt  versengtes  Paar 
In  schonen  Bogen  zu  geschweifter  Lust. 
Wie  dunkle  Trauben  springt  der  Lippen  Paar 
Vor  jaher  Reife  zu  bewegter  Brust. 
Natiirlicb  ist  dies  Manuscript!  Liest  Du  Ludwig  StrauB' 
herrliche  Gedichte  in  der  „Freistatt"?J 

Schicke  mir  doch  das  Manuskr.  Deines  Vortrags  in  der 
Abt.  f.  Schulrfeform].  War  er  gut  besucht? 

Heute  abend  sehe  ich  vielleicht  Tegernseer  Bauern:  Die 
Medaille,  erster  Klasse. 

Heute  nachmittag  fing  ich  eine  Novelle  an  zu  schriftstel- 
lern  mit  dem  schtinen  Titel:  Der  Tod  des  Vaters.  Vorwurf : 
ein  junger  Mann  verfiihrt  bald  nach  dem  Tode  seines  Vaters 
das  Dienstmadchen.  Wie  dann  diese  beiden  Ereignisse  zu- 
sammenflieBen  und  eine  Schwere  die  andere  (Schwanger- 
scbaft  des  Madchens)  in  der  Wage  halt. 

Der  Stoff  ist  aus  dem  Leben  von  Herrn  Manning,  das  ich 
in  Mitternachtsstunden  ab  und  zu  nach  dieser  oder  jener 
seiner  unendlichen  Dimensionen  kennen  lerne.  Kellers  neuer 
Roman  geht  jetzt  sehr  langsam  vorwarts,  was  aber  geschrie- 
ben  ist,  ungefahr  10  Druckseiten,  ist  gut.  Neulich  war  ich 
zum  jour  beim  Philosophen  [Richard]  Kroner  und  war  horf- 
nungslos  unziinftig  in  dem  Kreise  der  Fachleute.  Ich  lernte 
ein  Exemplar  einer  bisher  mir  fabelhaften  Gattung  kennen, 
ca  26jahrige  Jiidin,  die  Kunstgeschichte  studiert  und  3  Kate- 
gorien  von  Kunsturteilen  hat:  wundervoll,  suB,  groBartig. 

[Jonas]  Cohns  Seminar  iiber  die  „Kritik  der  Urteilskraft" 
und  Schillers  Asthetik  ist  chemisch  gedankenrein.  Man  hat 
nicht  mehr,  als  daB  man  die  Schriften  liest.  Spater  einmal 
werde  ich  iiber  sie  nachdenken.  In  Rickerts  Seminar  sitze  ich 
auch  da  und  knabbere  meine  besondere  Wurst.  Nach  dem 
Seminar  gehen  dann  Keller  und  ich  ins  Marienbad  und  sind 
uns  einig  und  glauben  mehr  einzudringen  als  Rickert.  In 
seinem  Colleg  ist  jetzt  das  literarische  Freiburg;  er  liest 
augenblicklich  als  Einleitung  in  seine  Logik  eine  Skizze  sei- 

61 


seines  Systems,  welches  eine  vollkommen  neue  philosophische 
Disziplin  begriindet:  Philosophie  des  vollkommnen  Lebens. 
(Die  Frau  als  seine  Reprasentantin)  So  interessant  wie  pro- 
blematisch. 

Betriibt  schlieBe  ich  in  der  Erkenntnis,  daB  auch  dieser 
Brief  einzelne  interessante  und  inhaltliche  Stellen  enthalten. 
wird. 

GriiBe  Willi.  GruB.  GriiBe  Franz. 
GriiBend  Dich 
Dein 

ich:  Walter 

Benjamin  (d.  h.  ich). 

1  Einer  jiidischen  Zeitschrift.  Gemeint  sind  die  Gedichte  in  Band  I, 
S. 118-120. 


17  An  Herbert  Belmore 

[Freiburg]  23.  Juni  1913 

Lieber  Herbert, 

es  will  mir  hoflich  scheinen,  Dir  wieder  einmal  zu  schrei- 
ben,  —  obwohl  Du  die  letzte  Nachricht  von  mir  empfingst. 
Aber  ich  fiille  damit  einige  Minuten  aus  und  entziehe  mich 
so  anstrengenderer  Arbeit.  Es  fehlt  uns  ein  Gesprachsthema 

-  nicht  wahr?  —  So  daB  ich  jedesmal  unverhaltnismaBig  viel 
Geist  konzentrieren  muB,  um  an  Dich  zu  schreiben. 

Diesmal  sei  es  ein  Hinweis  auf  Hauptmanns  jugendhaft 
gottliches  Jubilaumsdrama.  DaB  eine  solche  unsterbliche  und 
frohliche  Schopfung  entstehen  konnte  und  Hauptmanns  Pro- 
blematik  nun  endgiiltig  zum  groBen  Dich'ter  und  freien 
Menschen  lost  —  das  als  einziges  versohnt  mich  mit  dem 
Jubilaum,  unter  dem  ich  allerdings  nicht  gelitten  habe.  Wenn 
Du  dies  Drama  noch  nicht  gelesen  hast,  dann  erlebe  nur  mog- 
lichst  bald  eine  der  schonsten  Stunden.  Seit  sehr  langer  Zeit 

-  ich  glaube  seit  Spitteler— hat  mich  Kunst  nicht  mehr  geistig 
so  erschiittert  d.  h.  gehoben.  Schon  und  erfreulich  ist  es,  daB 

62 


man  dies  Stuck  verboten  hat:  eine  historisch  angemessenere 
Einsicht  in  seine  Gro.Be  kann  ich  mir  nicht  vorstellen.  Damit 
ist  nicht  nur  ein  Stuck  Vergangenheit,  sondern  Gegenwart 
rationalisiert. 

Morgen  schreibe  ich  an  Wyneken.  Ich  wiederhole  ihm  auf 
das  dringendste  einen  Vorschlag,  den  ich  machte  als  ich  von 
dem  Verbot  erfuhr  und  erst  wenige  Zeilen  kannte:  Das 
August-Heft  des  „Anfang"  als  Hauptmann-Heft  diesem 
Festspiel  zu  widmen.  Die  Jugend  moge  einer  politisch  ver- 
kalkten  Offentlichkeit  antworten.  Wir  sind  tatig :  Heinle  hat 
seinen  Artikel  iiber  das  Festspiel  bereits  [!]  (pathetisch- 
agitorisch)  ich  schreibe  morgen  den  meinigen:  mein  Gedan- 
kengang  ist  schon  aufgezeichnet:  Das  Jahrhundertfestspiel 
oder  die  Jugend  und  die  Geschichte1.  Ich  glaube  einiges  We- 
sentliche  zu  sagen  zu  haben.  DaB  Ihr  Berliner  das  Stuck 
sogleich  lest  und  unsern  (Heinles  und  meinen)  Plan  fur  das 
August-Heft  energisch  unterstiitzt,  darauf  rechne  ich  fest. 
Ich  bin  nun  einmal  nicht  in  Berlin.  Aber  werden  wir  sob  aid 
wieder  Gelegenheit  finden,  zu  zeigen,  was  jugendliches  Urteil 
in  der  Offentlichkeit  soil?  Dieses  Heft  wird  fur  die  Sache 
wirken.  Fur  unsere  vor  allem,  auch  Hauptmanns,  es  wird 
aktuell.sein  und  viel  gekauft  werden!  Schreibt  Ihr,  was  Ihr 
iiber  die  Angelegenheit  des  Jahrhundertspiels  zu  sagen  habt! 
Moglichst  grundlich  und  zugleich  moglich[s]t  wenig  tech- 
nisch-asthetisch. 

Morgen  wie  gesagt  schreibe  ich  Wyneken,  spatestens  iiber  - 
morgen,  jedenfalls  so,  daB  ich  ihm  meinen  und  Heinle [s] 
Artikel  beilegen  kann.  Dann  erwarte  ich  baldige  Antwort 
auch  von  Euch.  Ihr  werdet  Euch  mit  Wyneken  in  Verbin- 
dung  setzen  und  auch  mit  Barbizon.  Uns  ist  die  Sache  so 
wichtig  wie  hoffentlich  Euch. 

Gestern  schrieb  ich  hier  einen  Artikel  „Erfahrung"  2.  Ver- 
mutlich  das  Beste,  was  ich  bisher  fur  den  Anfang  schrieb.  Er 
soil  ins  Septemberheft.  Werbt!  Werbt!  Wir  konnen  garni cht 
wissen,  wie  viel  wir  bewegen.  Unbedingt  muB  der  „ Anfang" 
erhalten  bleiben  als  erstes  rein  geistiges  (nicht  asthetisches 
od.  sonst  wie)  Blatt,  dennoch  fernstehend  der  Politik. 

Ich  muB  schlieBen;  wenn  ich  Dir  sage,  daB  ich  gegenwar- 

63 


tig  in  diesen  Dingen  lebe,  verbunden  mit  weitern  Gedanken 
zur  Ethik  des  Intellektualism.  u.  s.  f .  so  weiBt  Du  auch  per- 
sonlich  das  Wichtigste. 

Was?  Im  August  nach  Gibraltar?  Dann  sehen  wir  uns  ja 
nie  mehr! 

Salve,  scriba,  valeas 

Walter. 

1  Erschien  unter  dem  Titel :  Gedanken  iiber  Gerhart  Hauptmanns  Fest- 
spiel,  von  Ardor,  im  Augustheft  1913  des  „Anfang". 

2  Erschien  dort  im  Oktoberheft. 


18  An  Herbert  Belmore 


Freiburg,  23.  Juni  1913 


Lieber  Freund,  Dein  Brief  erheischt  dringend  Beantwortung. 
So  schreibe  ich  und  lasse  michs  nicht  kummern,  daB  ich  schon 
heute  vormittag  Dir  schrieb. 

Adressen  sind  keine  Illusion.  Indem  ich  den  vorigen  Brief, 
auf  den  Du  vor  allem  Dich  beziehst,  Franz  schickte,  war  das 
nicht  der  gleichgiiltige  Empfanger  irgendeines  gelehrten 
Theorems.  Dieses  muB  ich  schreiben,  damit  Du  Dich  er- 
innerst,  daB  ein  Brief,  dessen  Schwall  und  Unklarheit  Dich 
so  sehr  stort,  nicht  an  Dich  war.  Ich  schrieb  diesen  Brief  und 
diese  Satze  an  Franz.  Hatte  ich  diese  Ansichten  iibrigens 
erst  in  reiferm  Stadium  ihrer  Entwicklung  —  Dir  geschrie- 
ben,  so  waren  sie  anders  geformt.  Fur  die  Ansichten  aber  bin 
ich  Dir  natiirlich  Rechenschaft  schuldig.  Warum  aber  ant- 
wortete  Franz  nicht?  Oder  tat  ers  durch  Dich?  1st  er  schon 
ebenso  sicher  wie  Du?  -  Dann  hatte  ich  mich  getauscht,  da 
ich  doch  grade  bei  ihm  tiefere  Unklarheit  und  Zweifel,  und 
also  auch  mehr  Bereitwilligkeit  voraussetzte  als  bei  Dir.  Dir, 
wie  gesagt,  waren  diese  Gedanken  erst  in  entwickelterem  Sta- 
dium vor  Augen  getreten.  Aber  das  hilft  nichts. 

Lang  wird  dieser  Brief  wohl  nicht  werden,  denn  diese 
Zeilen  sollen  nur  Dir  die  fruhern  klarer  machen.  „Herzlichu 


64 


aber  (bei  aller  immanenten  Herzlichkeit)  kann  dieser  Brief 
auch  nicht  werden,  lieber  Herbert  —  sondern  vielleicht  ein 
bischen  polemisch.  Denn  ich  mochte  doch  nicht,  daB  Du  etwa 
ira  Herb st  eine  tTberraschung  erlebest,  und  daB  doch  etwa 
nicht  alles  was  Du  einem  bosen  Klima  und  der  heillosen  Ent- 
fernung  zuschreibst,  sich  als  voriibergehende  Erscheinung 
erwiese.  Zuvor  erfahre  noch,  daB  mir,  der  ich  iiber  diese 
Dinge  nachgedacht  habe,  wenig  damit  gedient  ist,  daB  Du 
mir  „gereizte  Notwehr"  diagnostizierst.  Und  iiber  meine 
Stimmungen  ist  zu  sagen:  LaB  diese  ersten  Freiburger  Brief e 
nicht  langer  in  Deiner  Schublade  nachwirken,  als  in  meinem 
Gehirn.  Jetzt  bin  ich  zwar  einmal  sehr  ernstfljich1  gewesen 
—  wie  in  Franzens  Brief  zu  lesen  —  niemals  aber  „zum  Tode 
betriibt". 

Und  noch  eins :  Der  Auf satz  „Romantik"  ist  unverandert, 
wie  Du  ihn  kanntest,  gedruckt.2 

Zur  Sache:  was  Du  iiber  die  Frau  zuerst  sagst,  das  ist  im 
ganzen  auch  meine  Meinung.  „Je  weniger  wir  durch  die  so 
iiblen  ,pers6nlichen4  Erf ahrungen  getriibt  und  verwirrt  sind." 
Wie  sehr  das  meine  Ansicht  trifft,  wirst  Du  wissen,  wenn  Du 
meinen  Auf  satz  „Erfahrung"  kennen  wirst.  Und  sehr  schon 
sagst  du  „der  Mann  muB  zart  sein,  muB  weiblich  werden 
wenn  die  Frau  mannlich  wird."  So  fiihlte  ich  schon  lange. 
Auch  Deine  einfachen  Formeln  fur  Mann  und  Frau:  Geist- 
Natur/Natur-Geist  mogen  wahr  sein  —  ich  allerdings  ver- 
meide  hier  konkret  zu  reden  und  spreche  vom  Mannlichen 
und  Weiblichen  lieber:  Denn  wie  sehr  durchdringen  sich 
beide  im  Menschen!  Und  so  verstehst  Du,  daB  ich  die  Typen 
„Mann"  „Weibu  fiir  etwas  primitiv  imDenken  einerKultur- 
menschheit  erachte.  Warum  bleiben  wir  allermeist  bei  dieser 
Teilung  stehen  (als  Begriffsprinzipien?  gut!)  Aber  wenn  man 
Konkretes  meint,  so  muB  die  Atomisierung  viel  weiter  gehen, 
bis  ins  Einzelnste  Individuum  hinein.  Europa  besteht  aus 
Individuen  (in  denen  Mannliches  und  Weibliches  ist)  nicht 
aus  Mannern  und  Weibern. 

Wie  weit  die  Geistigkeit  des  Weibes  geht,  wer  weiB  es? 
Was  wissen  wir  vom  Weibe?  So  wenig  wie  von  der  Jugend. 
Wir  erlebten  noch  keine  Kultur  der  Frau,  so  wenig  wir  eine 

65 


Jugendkultur  kennen.  Aber  Du,  Herbert,  forderst  das  „un- 
bedingte  Ja".  Wer  von  uns  ist  nun  eigentlich  der  Unbedingte? 
Ich,  der  ich  sage:  Ananke  moge  es  gefiigt  haben,  wie  auch 
immer,  der  ich  jede  Wirklichkeit  verleugne,  die  sich  nicht  der 
Idee  fiigt?  Oder  Du,  der  seine  Meinung  der  Frau  auf  Wirk- 
lichkeit griinden  muB  und  den  dazu  erforderlichen  Welt- 
plan  Ananke  in  die  Schuhe  schiebt?  „Es  ware  ja  Danaiden- 
qual,  das  Unerlosbare  erlosen  zu  wollen."  Wir  wissen  von 
Unerlosbarkeit  so  wenig  wie  von  Erlosbarkeit.  Und  unsere 
Erlosung  geschieht  durch  die  Liebe!  -  Aber,  gewifi;  Du 
magst  es  Danaidenqual  nennen.  Und  sicher  ist  das  Dasein 
der  Menschheit  Danaidenqual,  welche  einen  unerdlichen, 
selbst-zweckhaften  Geist  zu  erzeugen  hat  —  und  einst  wird 
der  Menschheitstod  eintreten  -  oder  auch  nie.  Beides  gleich 
trostlos.  DaB  jenes  „als-ob"  und  die  Erlosung  des  Unerlos- 
baren  Weltsinn  ist,  den  wir  verhangen,  das  sollten  wir  doch 
von  Wyneken  wissen. 

Aber:  durch  Deinen  Brief  geht  schlecht  verhaltene  Ent- 
riistung  iiber  meine  Ansichten  liber  Prostitution  —  jedenfalls 
mache  nur  meine  Gedanken  dafur  verantwortlich  nicht 
andres.  Die  Ansichten  kann  ich  Dir  nun  augenblicklich  (wie 
niemals!)  nicht  beweisen.  Aber  zeigen  kann  ich  Dir,  daB  Du 
selber  Dich  mit  Unklarem  begniigst,  daB  wir  bei  solchen  Be- 
quemlichkeiten  wie  erst  Franz  sie  schrieb  und  nun  Du,  nicht 
stehen  bleiben  diirf en.  Wirklich  mir  scheint,  daB  ich  das 
Wesentliche  schon  schrieb. 

Welchen  sittlichen  Sinn  hat  das  Leben  der  Dime? 
Oder  glaubst  Du,  daB  wir  um  diese  Frage  herum  kommen. 
Wir  fur  uns  —  nicht  wahr?  -  nehmen  Sittlichkeit  und  Per- 
sonenwiirde  in  Anspruch.  Aber  wir  sollen  es  wagen  uns  vor 
die  Dime  zu  stellen  und  nennen  sie  Priesterinnen,  Tempel- 
gerate,  Koniginnen  und  Symbol.  Du  muBt  wissen,  daB  mich 
das  so  sehr  emport,  wie  Franzens  „Mitleidu.  Noch  viel  mehr. 
Denn  mit  diesem  Mitleid,  (das  immer  noch  el  end  genug 
bleibt  fur  den  der  mit  ihr  schlaft  —  aber  es  kann  wenigstens 
ehrlich  sein)  ist  die  Dime  doch  noch  sittlicher  Mensch.  Und 
der  hat  noch  mehr  Gewissen,  der  sie  zum  Sittlich-Schlechten 
macht  als  der,  der  sie  unmenschlich,  unsittlich  macht.  Irgend 

66 


ein  schones  Ding  ist  Dir  die  Dime.  Du  achtest  sie  wie  die 
Mona  Lisa,  vor  der  man  auch  keine  gemeine  Gebarde  maclit. 
Aber  Du  denkst  Dir  nichts  dabei,  tausende  von  Frauen  zu 
entseelen  und  sie  in  die  Galerie  der  Kunstwerke  hiniiber  zu 
schieben.  Als  ob  wir  gar  so  kunstwerksam  mit  ihnen  verfuh- 
ren!  Sind  wir  ehrlich,  wenn  wir  die  Prostitution  „poetisch" 
nennen.  Ich  protestiere  im  Namen  der  Poesie.  Und  unendlicb 
bequem  sind  wir,  wenn  wir  glauben  mit  subjektiven  Selbst- 
Erhebungen  der  Dime  einen  Lebenssinn  geben  zu  konnen. 
—  Ich  mochte,  Du  sahest  den  schalen  Asthetizismus  in  dem 
was  Du  schreibst.  Du  selber  willst  nicht  auf  Menschlichkeit 
verzichten.  Aber  doch  soil  es  Menschen  geben,  die  Sachen 
sind.  Du  privilegierst  Dir  die  Menschenwiirde.  Das  andere 
sind  schone  Dinge.  Und  warum?  Damit  wir  eine  edle  Geste 
fur  unedle  Taten  haben. 

Wenn  wir  selber  sittlich  sein  wollen,  wenn  wir  zugleich 
die  Prostitution  anerkennen  wollen,  so  gibt  es  nur  eine  Frage : 
Welchen  sittlichen  Sinn  hat  das  Leben  der  Dime?  —  Indem  es 
ein  sittlicher  ist,  kann  es  kein  andrer  sein,  als  der  unsres  eig- 
nen  Lebens.  Denn  Du  fragst  noch  zu  schuchtem:  „Entweder 
sind  alle  Frauen  Prostituierte  oder  keine?"  Nein:  „Entweder 
sind  alle  Menschen  Prostituierte  oder  keiner."  Nun,  ant- 
worte  wie  Du  willst.  Ich  aber  sage:  wir  alle  sind  es.  Oder  sol- 
len  es  sein.  Wir  sollen  Ding  und  Sache  sein  vor  der  Kultur. 
Wahrlich :  Wenn  wir  selber  so  eine  Art  privater  Personlich- 
keitswiirde  uns  reservieren  wollen,  so  verstehen  wir  nie  die 
Dime.  Aber  wenn  wir  selbst  all  uns  ere  Menschlichkeit  als  ein 
Preisgeben  vordemGeist  empfinden  und  kein  privates  Gemiit, 
keinen  privaten  Willen  und  Geist  dulden  -  so  werden  wir  die 
Dime  ehren.  Sie  wird  sein  was  wir  sind.  Jetzt  wird  das,  was 
Du  dunkel  meinst  mit  „Priesterin  und  Symbol"  wahr  werden. 
Die  Dime  stellt  dar  den  vollendeten  Kulturtrieb.  Ich  schrieb: 
sie  vertreibt  die  Natur  aus  ihrem  letzten  Heiligtum,  der  Sexu- 
alitat.  Wir  wollen  eine  zeitlang  schweigen  von  der  Vergei- 
stigung  des  Geschlechtlichen.  Diesem  kbstlichen  Manner  - 
inventar.  Und  wir  reden  von  der  Vergeschlechtlichung  des 
Geistigen:  Dies  ist  die  Sittlichkeit  der  Dime.  Sie  stellt  im 
Eros  die  Kultur  da[r],  Eros  der  der  gewaltigste  Individualist, 

67 


der  kulturfeindlichste  ist,  auch  er  kann  pervertiert  werden, 
auch  er  der  Kultur  dienen. 

Damit  glaube  ich  meine  Meinung  kurz  und  klar  gesagt  zu 
haben.  Ohne  sie  verstehen  zu  wollen,  kannst  Du  sie  nicht  ver- 
stehen,  sondern  — .  Die  Jammerleute  [?]  reden  von  „Verherr- 
lichung  des  Dirnentums."  Sie  haben  einen  guten  Instinkt. 

Ich  aber  hore  vielleicht  von  Dir,  daB  Deine  merkwiirdige 
Koordination  (einmal)  poetisch  dann  priesterlich  — imGrunde 
dieses  meinte. 

Dein  Walter 

PS  Sire,  geben  Sie  Gedankenfreiheit! 

Was  Deine  „chaotische  Schamlosigkeit"  heiBt,  weiB  ich 
nicht  -  Du  hast  wohl  nur  weniges  von  meinem  letzten  Briefe 
verstanden. 

2tes  ps  Heute  friih  erhielt  ich  einen  Brief  von  Franz;  da- 
mit gilt  alles  vorstehende  auch  fur  ihn.  Mit  gleicher  Post 
kam  ein  Brief  von  Wyneken  „betreff  end  die  weibliche  Psyche 
stimme  ich  mit  Ihnen  iiberein:  „als  ob".  Biologisch-psycholo- 
gisch  ja,  das  mag  Gott  wissen." 

Denkt  iiber  die  Schriften  Wynekens,  der  vorlaufig  noch 
uns  alien  iiberlegen  ist,  nach. 

Mit  ihm  werde  ich  gelegentlich  Eure  Briefe  besprechen. 

1  Vielleicht  ist  aber  „frohlich"  zu  lesen. 

2  Im  „Anfang",  Juni  1915. 


19  An  Herbert  Belmore 

3.  Juli  1913 

Lieber  Herbert, 

nichts  sollte  Dich  kranken  in  meinem  Brief.  DaB  ich  Dir  erst 
entwickeltere  Gedanken  geschrieben  hatte  ist  keines  —  Kran- 
kung  oder  Ehre  -  sondern  ein  Instinkt  meines  Verstandes. 
Nur  -  um  gotteswillen  -  erbffnet  keine  Geheimniskramerei 

68 


mit  meinen  Brief  en:  nach  wie  vor  geht  Alles  an  Euch  alle. 
Und  damit  gut! 

Nicht  ersparen  kann  ich  Dir  diesen  Schmerz:  auch  meinen 
letzten  Brief  hast  Du  nicht  verstanden.  Aber  keine  neuen 
Widerlegungen.  Nachdem  ich  vieles  erwogen,  beschloB  ich, 
Euch  auf  eine  Novelle  zu  vertrbsten,  die  ich  augenblicklich 
schreibe.  Wenn  sie  gelingt,  so  werdet  Ihr  sie  erhalten;  und 
vielleicht  in  sehr  versch[w]iegner  Sprache  verstehen,  was 
ausgesprochen  unverstandlich  zu  sein  scheint.  Das  wird  bes- 
ser  sein  als  hoffnungslose  Brief erklarungen.  Nur  dies:  stets 
handelte  es  sich  fiir  mich  darum :  schon  der  jetzigen  Prostitu- 
tion einen  absoluten  Sinn  zu  geben.  Magst  Du  dies  iibereilt 
nennen!  ich  denke  nun  einmal  nicht  anders.  Und  schlieBe  bis 
auf  mtindliche  Besprechung  oder  bis  die  Novelle  kommt  mit 
den  schonen  Worten  der  Marion  aus  „Danton's  Tod":  „Es 
lauft  auf  eins  hinaus,  an  was  man  seine  Freude  hat,  an  Lei- 
bern,  Christusbildern,  Weinglasern,  an  Blumen  oder  Kinder- 
spielsachen;  es  ist  das  namliche  Gefiihl;  wer  am  meisten 
genieBt,  betet  am  meisten." 

Aber:  sich  freuen  konnen  und  zu  tun,  als  sei  man  freund- 
lich  -  dies  ist  die  hohe  Tugend  der  Dime.  So  deute  ich  Ma- 
rion —  sonst  magst  Du  ihre  Worte  getrost  fiir  Dich  bean- 
spruchen. 

DaB  Du  mir  aber  das  zutraust:  der  Mann  soil  sich  bei  der 
Dime  befriedigen,  damit  er  frisch  gestarkt  (und  friedlich- 
heiter)  an  seine  Arbeit  geht!  Hal[t]st  Du  mich  fiir  einen 
Botokuden? 

Wegen  eines  Hauptmann-Heftes  setze  Dich  mit  Barbizon 
in  Verbindung.  Nach  langen  Erwagungen  sind  die  Griinde 
pro  und  contra  fiir  mich  gleich  stark.  Bei  Barbizon  wirst  Du 
Heinles  und  meinen  Artikel  iiber  das  Festspiel  fiir  die  nach- 
ste  Nummer  finden.  Desgleichen  meinen  Artikel  „Erfah- 
rung".  Die  Hauptmann- Artikel  jedenfalls  sind  schon  jetzt 
Fundament  einer  Besprechung  mit  Barbizon:  ich  verwies 
ihn  auf  Dich  —  wie  Dich  auf  ihn. 

Wie  froh  ich  bin,  keine  Zeitungen  zu  lesen:  wenn  mir  der 
Schmutz  wegen  Hauptmanns  oder  des  Anfangs  einmal  durch 
Euch  zu  Gesicht  kommt. 


69 


Von  Freiburg  ein  weniges  (aus  Pflichtgefiihi). 

Endgiltig  ist  Heinle  der  einzige  Verkehr  von  Studenten 
geworden,  den  ich  wirklich  personlich  fiihre.  Keller  ist  jetzt 
neurasthenisch  —  selten  sehen  wir  uns  und  dann  sprechen  wir 
mit  BewuBtsein  vorsichtig.  Neulich  wurde  ich  Zeuge  einer 
furchtbar  peinlichen  Szene,  in  der  Freiburger  Klatsch  zwi- 
schen  Manning,  Englert  und  Keller  ausgetragen  wurde  -  Be- 
leidigungen,  Verdachtigungen  u.s.w.  Dinge,  die  man  schrift- 
lich  garnicht  ohne  viel  Gewasch  wiedergeben  kann.  DaB 
Heinle  und  ich  garnicht s  hiermit  zu  tun  hatten  —  sondern 
von  beiden  Parteien  als  Unbeteiligte  geachtet  werden,  mag 
Dir  fur  unsere  sichere  und  ganzlich  isolierte  Stellung  zeu- 
gen. 

Zu  unsern  treuen  Gasten  am  literarischen  Abend  und  in 
der  Schulreform  u.  am  Dienstag  gehbren  2  altere  Studenten, 
die  an  Wyneken  und  uns  in  riihrender  Weise  beginnen,  ihren 
geistigen  Menschen  aufzubauen,  ernst  und  unentwegt.  Die 
eine  von  ihnen  ist  vielleicht  nicht  einmal  klug.  Die  Abende 
fur  Schulreform  (8-10  Besucher)  sind  standig  auf  hohem 
Niveau.  Wesentlich  ist,  daB  Abend  fur  Abend  Wyneken  be- 
sprochen  wird,  daB  wir  mit  unsrer  unbedingten  Schuler- 
schaft  nicht  hinterm  Berge  halten  —  daraus  folgt  alles. 

Neulich  lernte  ich  eine  Studentin  aus  Essen  hier  kennen, 
die  Benjamin  heiBt.  Wir  machten  einen  Spaziergang  auf  den 
Schonberg,  den  ich  erst  in  diesem  Semester  entdeckte  und  der 
einer  der  schonsten  Gipfel  ist  die  ich  kenne.  Nachstens  will 
ich  nachts  mit  Heinle  hingehen. 

Wir  sprachen  vielerlei  unangestrengt  und  frbhlich  —  jedes- 
mal  wenn  ich  an  dies  en  Spaziergang  denke,  merke  ich,  wie 
sehr  mir  hier  Menschen  fehlen.  Denn  Heinle  ist  eben  der 
einzige. 

Solchen  Spaziergang  machte  ich  einmal  mit  der  Schwester 
von  Wolfgang  Brandt,  die  nicht  schon  ist  aber  ein  braunlich 
feines  Gesicht  hat.  Am  Sonntag  iiber  14  Tage  werde  ich  mit 
ihr  (und  leider  noch  einem  Scheusal  von  Studentin)  eine 
Tour  auf  den  Plauen  machen. 

Willst  Du  wissen,  daB  gestern  hier  Versammlung  wegen 
Hauptmann  war?  Es  war  schandlich.  Ein  philosophisch  ge- 

70 


bildeter  Banause  schwatz[t]e  Unsinn  ohne  Ehrerbietung. 
„Und  speziell  wir  Breslauer  hatten  gewiinscht,  daB  .  .  .  (die 
Stadt  Breslau  als  Mutter  der  Bewegung  auch  vorgekommen 
ware)"  „Man  umgeht  nicht  ungestraft  die  geliebten  Anekdo- 
ten  u.  Erinnerungen  des  Volkes"  sonst  -  u.  im  Ganzen 
natiirlich  dafiir.  Pfui  Teufel! 

In  der  Diskussion:  Keller.  Schlecht  aufgelegt  -  man 
merkte,  daB  er  wirken  wollte.  Esgelang  nicht— man  rumorte. 
Heinle  und  ich  trampeln.  Umgeben  von  Scharrenden.  Im 
ubrigen  sprach  Keller  die  einzigen  hoffnungslos  verniinfti- 
gen  Worte.  Ich  sagte  zu  Heinle:  „Wenn  ich  diese  Menschen 
hier  im  Saal  naher  kennte  -  ich  miiBte  doch  empfmden:  so- 
viel  Menschen,  soviel  erbitterte  personliche  Feinde." 

Ich  schlieBe:  unsere  Arbeit  geht  vorwarts  —  ich  arbeite 
einige  Philosophie  (nicht  sehr  viel,  leider)  lese  Heinrich 
Manns:  kleine  Stadt,  die  fliichtige  Lobpreisungen  verbietet  — 
und  versuche  mich  an  meiner  2ten  Novelle. 

Dein  Walter. 


20  An  Carta  Seligson 

Freiburg,  den  8.  Juli  1913 

Sehr  geehrtes  Fraulein  Seligson, 

Haben  Sie  Dank  fur  Ihren  Brief.  -  Er  traf  mich  nicht  unvor- 
bereitet  hier  in  Freiburg.  Was  Sie  schrieben  und  was  ich  hier 
erlebte,  das  fasse  ich  in  die  Eine  Frage:  Wie  retten  wir  uns 
selbst  aus  dem  Erlebnis  unsrer  zwanziger  Jahre? 

Vielleicht  wissen  Sie  nicht,  wie  sehr  Sie  recht  haben  —  aber 
wir  merken  wirklich  eines  Tages,  daB  uns  etwas  genommen 
wird  (nicht,  daB  wir  es  zu  lange  hatten,  aber  daB  man  es  uns 
nicht  mehr  laBt).  Wir  sehen  all  die  um  uns,  die  das  Gleiche 
einmal  erlitten  und  sich  in  Kalte  und  Oberlegenheit  hinein- 
retteten.  Wir  fiirchten  garnicht  etwas,  was  wir  erleben,  son- 
dern  die  verzweifelte  Folge:  daB  wir  danach  erstarren,  eine 

71 


ewig  gleiche  und  feige  Geste  annehmen.  Ich  erinnere  mich 
in  diesen  Tagen  oft  an  Hof mannsthals  Verse : 

„und  dafl  mein  eignes  Ich,  durch  nichts  gehemmt 

heriiberglitt  aus  einem  kleinen  Kind 

mir  wie  ein  Hund,  unheimlich  stumm  und  fremd"1 

Nicht  wahr?  jetzt  handelt  es  sich  fur  uns  darum,  ob  dieses 
Wort  ganz  wahr  werden  soil,  und  ob  wir  uns  selbst  zu  solchem 
Dasein  entschliefien  miissen,  nur  um  uns  zu  wehren  vor  den 
andern,  die  auch  so  „unheimlich  stumm  und  fremd"  sind. 

Wie  konnen  wir  uns  treu  bleiben,  ohne  grenzenlos  hoch- 
miitig  und  iiberspannt  zu  werden?  Man  verlangt  von  uns 
unpathetische  Einpassung  und  wir  sind  ganz  lacherlich  in 
unserm  Allein -Sein,  das  wir  bewahren  wollen  —  und  das  kon- 
nen wir  nicht  begrxinden. 

Dieses  fiihlte  ich,  als  ich  aus  dem  gewohnten  Kreise  Berli- 
ner Freunde  hier  heriiber  kani;  ich  fand  Distanzierung,  MiB- 
verhaltnisse,  Nervositat  —  ich  habe  jetzt  zum  ersten  Mai  die 
Einsamkeit  kennen  gelernt,  ich  machte  sie  mir  zur  Lehre: 
indem  ich  4  Tage  allein  durch  den  Schweizer  Jura  eine  Wan- 
derung  machte;  ganz  allein  mit  meinem  angestrengten 
Korper. 

Ich  kann  Ihnen  noch  nicht  sagen,  bis  zu  welcher  Ruhe  ich 
dieses  Alleinsein  gebracht  habe.  Aber  wenn  ich  Ihnen  in 
meinem  ersten  Brief  so  sehr  mein  Zimmer  mit  seinem  Fen- 
ster  auf  den  Kirchplatz  hinaus  pries,  so  bedeutet  das  nichts 
andres,  als  eben  diese  Ruhe. 

Ich  trennte  mich  hier  ganz  von  einem  Menschen2  wegen 
dessen  ich  her  gekbmmen  war;  denn  er  wollte  mit  22  Jahren 
der  40jahrige  sein,  wie  viele  der  geistigsten  jungen  Menschen 
um  uns.  Es  ist  auch  sehr  wahr,  daB  ich  mit  20  Jahren  jetzt 
nicht  die  geringste  Gewahr  fur  den  Erfolg  eines  Lebens  habe, 
wie  ich  es  jetzt  fiihre:  sehr  mit  der  Unterstiitzung  des  „An- 
f ang"  mit  Abteilungsorganisationen  beschaftigt  und  getrennt 
von  meinen  Freunden.  Diese  bekamen  in  den  ersten  Freibur- 
ger  Wochen  Briefe,  die  ungleich,  verwirrt,  manchmal  nieder- 
geschlagen  waren,  und  an  2  Tagen  hier  in  Freiburg  war  ich 
ganz  vollendet  ungliicklich. 

In  den  letzten  Wochen  also  habe  ich  sehr  ruhig  fur  den 

72 


„Anfang"  gearbeitet.  Im  nachsten  Heft  werden  Sie  von  mir 
„Gedanken  iiber  Gerhart  Hauptmanns  Festspiel"  lesen,  im 
Septemberheft  einen  Aufsatz  „Erfahrung". 

Vor  ein  paar  Tagen  besuchte  mich  hier  mein  Vater,  und 
ich  war  iiberrascht,  wie  sehr  zuriickgezogen  und  freundlich 
ich  war.  (Mein  Vater  steht  naturlich  meinem  Wollen  fremd 
gegeniiber).  Ich  versichere  Sie  daB  dies  ohne  alien  Hochmut 
so  ist. 

Wie  kommt  es?  /  Neulich  sah  ich  auf  der  Strafie  einen 
Schuljungen.  Ich  dachte:  fiir  den  arbeitest  du  jetzt  —  und  wie 
fremd  ist  er  dir,  wie  unpersonlich  deine  Arbeit.  Indem  sah 
ich  ihn  noch  einmal  an.  Er  trug  Biicher  in  der  Hand,  hatte 
ein  offnes  kindliches  Gesicht,  nur  von  einer  leichten  Schul- 
betriibnis  iiberzogen.  Er  erinnerte  mich  an  ,  meine  eigne 
Schulzeit:  garnicht  abstrakt,  garnicht  unpersonlich  mehr 
schien  mir  meine  Arbeit  am  „Anfang". 

Ich  glaube  wirklich,  wir  werden  zum  zweiten  Male  in 
unsrer  Kindheit  heimisch,  die  zu  vergessen  uns  diese  Tage 
lehren  wollen.  Wir  miissen  nur  ein  wenig  unbekiimmert  um 
diese  schwierige  Gegenwart  und  um  uns  selbst  ein  verniinf- 
tiges  Allein-Sein  leben,  wir  werden  uns  ganz  fest  auf  die 
Jugend  verlassen,  die  die  Formen  fur  die  Zeit  zwischen  Kind 
und  Erwachsenem  finden,  schaffen  wird.  Diese  Zeit  leben  wir 
noch  ohne  Formen,  ohne  gegenseitiges  Sich-Tragen  —  eben: 
allein.  Ich  glaube  aber,  daB  wir  eines  Tages  sehr  frei  und 
sicher  unter  die  andern  gehen  diirfen.  Weil  wir  wissen,  daB 
diese  in  ihrer  Menge  so  wenig  „unheimlich  stumm  und 
fremd"  sind  wie  wir  selbst.  Woher  wissen  wir  das? 

Weil  wir  die  Offenheit  und  Herzlichkeit  von  Kindern,  die 
spater  auch  20  Jahre  sein  werden,  vorbereiten  wollten. 

Denken  Sie  an  die  heimlich-edlen  Gesten  der  Menschen 
auf  den  Bildern  der  Fruh- Renaissance. 

Moge  es  Sie  nicht  verstimmen,  wenn  ich  mit  diesen  Wor- 
ten,  die  ich  nur  von  mir  aus  sagen  konnte,  nichts  traf,  was 
Ihnen  wesentlich  ist,  wenn  ich  im  Irrtum  zu  allgemein 
sprach,3  Aber  auch  Sie  werden  fuhlen,  daB  alles  darauf  an- 
kommt,  uns  nichts  von  unsrer  Warme  zu  Menschen  nehmen 
zu  lassen.  Mag  es  auch  sein,  daB  wir  sie  fiir  eine  Zeit  aus- 

73 


drucksloser  und  abstrakter  bewahren  miissen;  sie  wird  blei- 
ben  und  doch  Gestalt  finden. 
Seien  Sie  herzlichst  gegriiBt! 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Terzinen  I  (Ober  Verganglichkeit). 

2  Philipp  Keller. 

3  Carla  S.  hatte  em  schweres  Erlebnis  gehabt,  von  dem  sie  in  ihrem 
Brief  am  2.  Juli  geschrieben  hatte. 

21  An  Franz  Sacks 

11.  Juli  13 
Lieber  Franz, 

sicher  haben  wir  alien  Grund,  uns  iiber  die  dritte  Anfang- 
Nummer  zu  freuen;  Barbizon  erhielt  meine  Kritik  schon. 
Die  Nummer  eignet  sich  alles  in  allem  sehr  zur  Propaganda, 
ist  zugleicb  aber  doch  sichrer  und  interner  als  die  vorherigen. 
In  Deinen  Einzelurteilen  gebe  ich  Dir  Recht  bis  auf  Heinle. 
Es  geniigt  doch,  daB  sein  Aufsatz,  wie  Du  zugibst,  charak- 
teristisch  ist  -  wie  oft  haben  wir  auf  der  Schule  ungesagt 
jenen  maBlosen  Zorn  gefiihlt,  der  hier  ausgedriickt  ist.  Als 
Ausdruck  dieser  Stimmung  hat  Heinles  Aufsatz1  sein  gutes 
theoretisches  (und  hygienisches)  Recht.  Er  gibt  nicht  Tat- 
sachen  sondern  Gefiihle.  Wynekens  Redaktionsbemerkung 
besteht  gleichwohl  zu  Recht.  —  Aber  Du  sprichst  von  einem 
„herauszubildenden  Ton"  des  Anfang.  Wir  werden  uns  hier 
wohl  einig  sein:  aber  allgemein  muB  man  sich  huten,  allzu 
bestimmte  Begriffe  von  dem  was  Jugend  und  Anfang  ist,  mit- 
zubringen.  So  schrieb  ich  auch  Fritz  StrauB  2  auf  seine  Kritik 
von  Heft  2. 

Ich  bitte  Herbert,  wenn  moglich,  mir  jetzt  schon  seinen 
Aufsatz  zu  schicken;  ich  habe  hohe  Erwartungen  und  mochte 
ihn  hier  vielleicht  in  kleinem  Kreise  schon  vor  seinem  Er- 
scheinen  im  Anfang  vorlesen.  Also  soil  er  ihn  bitte  senden! 

Nun  freut  es  mich  sehr,  und  ich  finde  es  sehr  anstandig 
von  Dir,  daB  Du  das  1.  Presidium3  in  Berlin  ubernehmen 
willst.  Hoffentlich  wirst  Du  gewahlt! 

74 


Bei  der  weitsichtigen  Art,  mit  der  ich  solche  Uberlegun- 
gen  anstelle  und  Konsequenzen  bis  in  feme  Semester  hinein 
bedenke,  hatte  ich  ja  keine  durchgreifenden  Griinde:  weder 
abzulehnen  noch  anzunehmen.  Nur  weifi  ich,  daB  ich  jetzt 
so  ein  Semester  fiir  hoffentlich  einigermaBen  intensive  philo- 
sophische  Arbeit  gewinne.  DaB  Du  eins  der  Deinigen  opferst, 
ist  jedenfalls  ein  Ersatz  fiir  mein  Wirken  dort;  und  von  der 
anderen  Seite  gesehen:  es  ist  auch  verniinftig,  daB  Du  Dir 
(da  Du  nun  einmal  in  Berlin  studierst)  so  Dein  Semester  mit 
studentischer  Tatigkeit  einmal  intensiv  erfiillst.  Einen  Rat- 
schlag  gebe  ich  Dir  mit,  simpel  wie  der  eines  morgenlandi- 
schen*  Weisen:  sei  immer  klug  bisweilen  kiihn. 

Sicherlich  konnen  wir  die  Fr.St.  jetzt  auch  ideell  vertreten. 
Vielmehr,  sie  wartet  formlich  darauf,  dafi  die  aus  unserm 
Lager  sich  ihrer  annehmen,  wir  werden  von  uns  aus  der  Fr.St. 
eine  Theorie  bauen  (im  auBern  Gewande  des  Zweckverbandes 
vielleicht,  s.  Kranold  u.4  Kiihnert  „Wege  zur  Universitats- 
reform").  Daher  wird  es  gut  sein,  wenn  Du  bisweilen  eine 
kluge  Kuhnheit,  einen  wohl  durchdachten  Radikalismus 
manifestierst.  Man  muB  immer  imGrunde  dasGefiihlhaben, 
daB  Du  zu  reich  an  Einfallen  (nicht  an  Launen)  bist,  um 
ganz  berechenbar  zu  sein.  Und  wenn  die  p.p.  Universitats- 
behorden  einen  solchen  unmaBgeblichen  aber  durchaus  per- 
sonlichen  Eindruck  von  Dir  bekommen,  dann  wird  das  Dei- 
nem  Wirken  nur  mitzlich  sein.  -  Mit  groBem  Interesse  las 
ich  Deine  Universitatsmitteilungen,  aber  -  soweit  ich  von 
hier  urteilen  kann,  —  eine  Candidatur  Cohen  ware  mir  (von 
der  Deinigen  natiirl.  abgesehen)  sehr  einleuchtend.  Sie  ist 
ein  durchaus  resoluter  Mensch  und  wenn  jemand  ihre  Be- 
ziehungen  zu  Miiller-Jabusch5  iiberwachte,  so  schiene  sie  mir 
sehr  geeignet  (wie  gesagt,  indem  ich  stetig  Deine  President  - 
schaft  als  das  beste  voraussetze)  denn  man  darf  eines  durch- 
aus nicht  vergessen:  die  p.p.  Universitatsbehorden  werden 
eine  junge  Dame  von  der  Freundlichkeit  Frl.  Cohens  viel 
schwerer  iiber  den  Loffel  barbieren  als  Herrn  Saturnus  od. 
Schneider.  Soviet  Gewandtheit  traue  ich  ihnen  durchaus  nicht 


besser  wohl:  griechischen  (?) 

75 


zu;  und  sie  werden  die  Intelligenz  einer  jungen  Dame  viel- 
leicht  in  fur  uns  sehr  forderlicher  Weise  unterbewerten. 
-  Im  iibrigen  ist  es  mir  natiirlich  viel  lieber,  wenn  ich  in 
Miinchen  mit  ihr  zusammenarbeiten  kann.  Deiner  Meinung 
bin  ich  auch:  schon  aus  programmatischen  Grtmden  ist  eine 
Frau  als  Prasidentin  der  BerL  Freien  [Studentenschaft]  sehr 
wiinschenswert. 

Warum  sind  die  Deutsch-Volkischen  aufgelost?  Wegen  des 
Flugblatts  vom  vorigen  Semester? 

—  —  Im  Sommer  fahre  ich  mit  meiner  Mutter  einige 
Wochen  in  die  Schweiz  oder  nach  Tirol  oder  Italien.  Anfang 
September  od.  Ende  August  denke  ich  in  Berlin  zu  sein. 
Hoffentlich  sind  wir  wenigstens  in  diesem  Monat  zusammen. 

Das  Schulreform-Rundschreiben  beschleunige  bitte,  zugl. 
bitte  ich  Dich  um  Mitteilung,  an  welch  en  Frei  student  en  - 
schaften  es  Abt.  fur  Schulreform  gibt,  damit  ich  iiberall 
dorthin  schicke.  Morgen  wahrsch.  geht  der  Bericht  an  Euch 
ab,  den  in  der  Abt.  zu  verlesen  ich  Dich  bitte. 

Hier  ist  Hundewetter.  Mittwoch  in  Basel  gewesen.  Ich  sah 
die  Originale  der  beriihmtesten  Dlirerschen  Graphik:  Ritter, 
Tod  u.  Teufel,  Melancholie,  Hieronymus  u.  vieles  andere. 
Zufallig  waren  sie  ausgestellt.  Erst  jetzt  habe  ich  eine  Vor- 
stellung  von  Diirers  Gewalt  und  vor  allem  die  Melancholie 
ist  ein  unsagbar  tiefes  ausdrucksvolles  Blatt.  Daneben  iiber- 
rascht  die  primitive  Gewalt  Holbeins  des  alteren.  Endlich, 
das  GroBte  der  Gemalde  dort,  Griinewalds  Christus  am 
Kreuz,  der  mich  diesmal  noch  viel  starker  ergriff  als  voriges 
Jahr.  Ich  nahere  mich  immer  mehr  der  dtsch.  Kunst  der 
Renaissance,  sowie  ich  in  Paris  bemerkte,  daB  mich  die  ita- 
lienische  Friihrenaissance  beriihrte.  Da  ist  ein  Maler:  Kon- 
rad  Witz,  seine  Menschen  sind  alle  wie  Kinder  in  Kostiimen 
erwachsen  (von  jenem  ungliicklich-sprechenden  Ausdruck 
der  Bauernkinder,  die  in  den  Trachten  der  Alten  stecken.) 
Er  malt  einen  unsaglich  glucklichen  Johannes,  der  doch  von 
seinem  Gliick  garnichts  weiB :  in  sich  hinein  lachelnd  wie  ein 
spielendes  Kind.  Und  ein Christof orus  vom  albernstenLacheln, 
der  einen kugelrunden  kleinen  Christus  voll  ebenso  ausdrucks- 
losen,  aber  griindlichem  unbewuBten  Ernstes  tragt. 

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Welti,  Albert  u.  Keller.  Damit  sind  meine  groflten  oder 
vollkornmensten  Eindriicke  benannt.  Dabei  das  prachtige 
Spiel  der  Najaden  von  Bo[c]klin.  2  St.  war  ich  dort. 

Gestern  habe  ich  bei  Ungers  in  sehr  hiibscher  Gesellschaft 
gelacht,  wie  lange  nicht  mehr.  Frl.  Brandt  und  noch  eine 
stupide  Dame  (aber  niidlich)  u.  ein  Herr  waren  anwesend. 
Die  Scherze  trugen  sich  zu  angesichts  der  bibliophilen  Biiche- 
rei  Ungers,  in  schwarzen  Gestellen  viele  weiBe  Pergament- 
bande  und  bunte  Biicherriicken.  Der  Ton  war  durchaus 
erotisch  frei  und  heiter  (wie  ich  es  wirklich  sehr  selten  oder 
nie  fand)  Dr.  Unger  und  seine  Frau  haben  sich  in  ihrer  Frei- 
burger  Studienzeit  verlobt;  das  ermoglicht  dies. 

Ich  las:  Heinrich  Manns  Kleine  Stadt,  mit  innigem 
menschlichem  und  artistischem  Anteil. 

Ich  lese:  die  Nachtwachen  des  Bonaventura,  die  viel  mehr 
sind  als  „Bildung"  -  und  den  vorziiglichen  Hyperion-Alma- 
nach  von  1910.  Dazu  jetzt  einen  Aufsatz  von  Husserl.6  — 

Neulich  erhielt  ich  einen  Brief  von  Carla  Seligson,  trauri- 
gen  (aber  nicht  trostlosen)  Inhalts,  der  schbnste,  den  mir  je- 
mals  jemand  schrieb  -  einer  der  schonsten  Briefe,  die  ich 
kenne.  Es  ist  ein  ganz  auBerordentlicher  Mensch.  Du  wirst 
den  Brief  in  Berlin  sehen;  da  er  fast  inhaltlos  ist,  ist  nichts 
zu  berichten.  Selbstverstiindlich  (solltest  Du  sie  einmal  sehen) 
erwahnst  Du  nicht,  daB  ich  Dir  davon  schrieb. 

Viele  GruBe!  Dein  Walter. 

PS  Entschuldige  das  ramponierte  Couvert:  ich  lege  noch  fol- 
gendes  fur  Barbizon  bei,  was  er  mir  schickte.  Gib  es  ihm, 
wenn  Du  ihn  siehst! 

1  C.  F.  Heinle,  „Meine  Klasse".  Im  „Anfang"  1913. 

2  Klassenkamerad  von  W.  B.,  der  mit  Franz  Sachs  und  ihm  das  erste 
Semester,  Sommer  1912,  in  Freiburg  studiert  hatte;  geboren  am  18. 
Nov.  1894,  lebt  in  Tel  Aviv. 

3  Der  Freien  Studentenschaft. 

4  Hermann  Kranold  und  Herbert  Kuhnert,  „Wege  zur  Universitats- 
reform  =  Wege  zur  Kulturbeherrschung",  Heft  3.  Miinchen  1913. 

5  Maximilian  Miiller-Jabusch  (1889-1961). 

6  OfTenbar  „Philosophie  als  strenge  Wissenschaft"  im  „Logos"  1910. 


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22  An  Herbert  Belmore 

Freiburg  i.  B.,  17.  Juli  1915 

Lieber  Herbert, 

erst  gestern  abend  kam  ich  von  Freudenstadt  zuriick,  wo  ich 
am  15ten  mit  meinen  Eltern  und  Geschwistern  zusammen 
war.  Darum  danke  ich  Dir  erst  heute.  Fiir  Brief  und  Buch. 
Der  Titel  wirkte  auf  mich  nicht  weniger  abenteuerhaft  als 
auf  Dich:  es  ist  ein  Titel,  der  geradezu  Mut  macht,  ein  unbe- 
kanntes  Buch,  nicht  nur  zu  lesen  —  auch  zu  kauf  en.  Ich  danke 
Dir  sehr  dafiir:  nicht  weil  das  Buch  gute  Gedichte  enthalt; 
es  sindderen  nur  sehr  wenige.  Aber  ichbesitzejetzt  ein  Buch, 
das  Dehmel  in  diesen  Tagen  herausgab  -  manche  dieser 
„neuen"  Gedichte  sind  allerdings  schon  lange  bekannt.  Und 
so  bin  ich  — im  legitimen  Besitze  dieses  Buches  —  ein  wenig  zur 
Ruhe  gekommen  iiber  das  Problem  Dehmel.  Ich  kann  nun 
nicht  mehr  anders  als  mit  MiBtrauen  kiinftig  seine  Bucher 
aufschlagen.  Gestern  abend  noch  las  ich  in  der  „schonen  wil- 
den  Welt"  in  der  Erwartung  nun  endlich  den  einfachen 
schonen  unproblematischen  Dehmel  zu  finden.  Was  ich  fand 
war  zum  groBenTeil  nicht  einmalproblematisch.  Er  meistert 
den  Rhythmus.  Aber  seine  Gefuhle  sind  garnicht  ungebro- 
chen  und  gegen  Realitaten  gespannt,  sondern  fast  konsequent 
entwickelt  er  die  Gefuhle.  -  Bitte  aber  bereue  nicht  im  ge- 
ringsten  mich  so  beschenkt  zu  haben,  so  wenig  ich  es  bereue, 
dies  Buch  zu  besitzen.  ImGegenteil  habe  ich  wie  gesagt  damit 
zum  ersten  Male  einige  Sicherheit  gegeniiber  Dehmel. 

Mein  Bruder  schenkte  mir  die  Auswahl  der  100  Gedichte 
von  ihm.  Ich  kannte  sie  schon  und  beschloB,  sie  umtauschen 
zu  lassen,  weil  ich  damals  wenig  wertvollen  Inhalt  in  ihnen 
fand.  Wohlmeinende  Verwandte  beschenkten  mich  mit  Kel- 
lermanns  ^Tunnel"1.  Er  soil  schlecht  sein  und  ich  werde 
mich  vielleicht  kaum  entschlieBen  ihn  zu  lesen.  Denn  ich  bin 
pedantisch  darin,  mir  nur  gute  Lektiire  zu  leisten. 

Halms  Buch2  erhielt  ich  2mal  (Du  siehst:  die  Furie  der 
Konfusion  bestiirmt  meine  Bibliothek!)  es  bleiben:  Hueber, 
Organisierung   der   Intelligenz.3   Kierkegaard:    Begrifl   der 

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Angst.  Manches  werde  ich  selbst  mir  anschaffen.  Du  liest 
doch  Kierkegaard  in  der  Diederichschen  [sic]  Ausgabe;  die 
andere  Ubersetzung  ist  unleidlich.  Aber  auch  so  wirst  Du 
wohl  kaum  das  Buch  in  einem  lesen.  Besonders  im  2ten  Teil 
wird  es  sehr  schwer  und  dialektisch  —  wo  ich  denn  auch  ab- 
brechen  muBte.  Ich  glaube  in  wenigen  andern  Biichern 
kommt  so  hohe  Kunst  im  Darstellen  und  in  der  Gesamt- 
anschauung  als  Nebenprodukt  zum  Vorschein  wie  bei  Kierke- 
gaard. Er  hat  wohl  einen  melancholischen  Zyniker  in  sich 
im  Leben  gewaltig  bezwungen,  um  dieses  „Entweder"  —  vor 
allem  das  „Tagebuch  des  Verfiihrers"  zu  schreiben.  — 

In  Freudenstadt  las  ich  meinem  Bruder  einige  Zeilen  aus 
meinem  Hauptmann  Artikel  vor.  In  diesem  Augenblick  tat 
es  mir  sehr  leid,  daB  ich  den  Aufsatz  nicht  noch  hatte  lagern 
lassen  und  sofort  Barbizon  sandte.  Ich  merkte,  daB  damals 
mein  eigener  Anteil  mich  an  einer  breitern,  lebhaftera  Ver- 
arbeitung  verhindert  hatte.  Alles  schien  zu  geniigen.  Heinle 
ist  kein  Kritiker,  der  fehlt  mir  hier.  Sicher  ware  vieles  besser 
geworden,  hatte  ich  mir  mehr  MuBe  genommen.  Wyneken 
hat  recht.  Ich  bereue  — 

Lies  bitte  „Erfahrung"  meinen  Aufsatz  furs  September- 
heft.  Geniigt  er  nicht  und  ist  er  verbesserungsfahig,  so 
schicke  ihn  mit  Bemerkungen  zu  mir.  Ab  50ten  nach  Freu- 
denstadt, Villa  Johanna.  Denn  Barbizon,  der  ihn  annahm, 
ist  ja  garnicht  kritisch.  Langere  Zeit  will  ich  mich  jetzt,  bis 
etwa  auf  die  Niederschrift  einer  Novelle,  ganz  rezeptiv  in 
Kunst  und  Philosophie  verhalten.  Vor  allem:  nicht  fur  den 
Anfang  schreiben.  Es  besteht  Gefahr,  daB  Gedanken,  die  ich 
noch  nicht  in  den  konkreten  Konsequenzen  beherrsche,  mir 
selbstverstandlich  werden. 

Heinle  will  ich  auch  gegen  Wyneken  verteidigen.  Sein 
Gedicht  ist  schwer  verstiindlich,  auch  nicht  vollkommen.  Es 
hat  groBe  Ahnlichkeit  mit  den  Lizenzen,  die  Goethe  sich  im 
2ten  Faust  gibt.  Sein  Jahrhundertfestspiel  sollte  ein  Aufruf 
an  die  Gemiiter  sein  und  ist  es.  Er  hat  hier,  nicht  nur  auf 
mich,  Eindruck  gemacht.  Gedanken  stehen  nicht  darin  und 
gehoren  nicht  in  einen  Aufruf,  wenigstens  nicht  unbedingt. 

Haltet  Ihr  einen  Aufruf  fur  unwiirdig,  verschmaht  Ihr 

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ein  Pathos,  was  man  einmal  unbegriindet  formt,  so  ist  es 
strittig.  Vielleicht  denkt  Wyneken  so.  Aber  dann  geht  es 
gegen  Heinles  Tendenz  und  Unfahigkeit  ist  darum  nicht  zu 
konstatieren. 

In  Berlin  werde  ich  Euch  Gedichte  von  Heinle  zeigen,  die 
Euch  vielleicht  doch  gewinnen.  Wir  sind  hier  wohl  aggres- 
siver,  pathetischer,  un-besonnener  (wortlich!)  vielmehr:  er  ist 
es  und  ich  fiihle  es  nach,  mit  und  bin  es  oft  auch.  Daher  auch 
konnten  wir  uns  nicht  iiber  Prostitution  verstandigen.  (Doch 
wehe!  MiBverstandnisse  drohn  von  Neuem-) 

Was  Du  Franz  sagtest,  scheint  fiir  ihn  notig  —  fur  mich 
ist  es  erfrischend  geradezu.  Wie  lange  habe  ich  so  etwas  nicht 
gehort,  da  sich  gar  keine  Ethiker  in  der  Umgegend  hier  be- 
finden.  Dafiir  Zionisten. 

Das  Wichtigste:  wirst  Du  nicht  wenigstens  gegen  Mitte 
September  wieder  in  Berlin  sein?  Denn  Anfang  Oktober  mufi 
ich  nach  Breslau  -  oder  kommst  Du  mit?  —  und  bin  dann 
wohl  nur  noch  bis  gegen  den  14.  od.  17.  in  Berlin.  Aber:  Ich 
fahre  im  August  mit  meiner  Mutter  nach  Tirol.  Wir  beab- 
sichtigen  vielleicht  Oberitalien  vor  allem  Venedig  gegen 
Ende  August.  Es  ware  ja  herrlich  -  von  allem  Nutzen  zu 
schweigen  —  wenn  wir  zusammen  in  der  Academia  sein  kon- 
nen.  Ich  weiB  noch  nichts  bestimmtes  iiber  unsre  Plane;  aber 
wiiBte  ich,  daB  Du  etwa  am  20ten  in  Venedig  bist,  so  wiirde 
ich  naturlich  wenn  nur  mdglich,  Dich  mit  meiner  Mutter 
dort  treffen.  Also  berichte! 

DamitSchluB! 

Willst  Du  eine  Vorstellung  von  mir  fiir  die  letzten  zwei 
Wochen,  so  denke  Dir  mich  in  meinem  Zimmer,  moglichst 
zuriickgezogen,  lesend. 

GriiBe  auch  Deine  Eltern  und  Helmut4 

Dein  Walter 

1  Damals  ein  ausgesprochener  „bestseller". 

2  „Wege  zur  Musik"  (1913).  August  Halm  (1869-1929),  der  Schwa- 
ger  Wynekens,  war  die  musikalische  Autoritat  des  Wynekenschen 
Kreises. 

3  Von  Victor  Hueber,  erschien  Leipzig  1910.  Der  Autor  gehort e  dem 
Kreis  urn  Pfemferts  „Aktion"  an. 

<  Bruder  des  Adressaten. 


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23  An  Herbert  Belmore 


Lieber  Herbert. 


Freiburg,  30.  Juli  1915 
(leider!) 


hiermit  erhal[t]st  Du  den  letzten  Brief  aus  Freiburg.  Am 
Freitag  um  9  Uhr  friih  fahre  ich  ab;  ich  werde  dann  noch 
8  Tage  in  Freudenstadt  sein  und  schlieBlich  mit  meiner  Mut- 
ter und  wahrscheinlich  auch  mit  meiner  Tante  Frau  Joseephy1 
reisen.  Zunachst  wohl  nach  San  Martino  in  Tirol.  Aber  auch 
an  Venedig  denke  ich  ernstlich  fur  den  SchluB  der  Reise, 
wenn  ich  Euch  nun  auch  da  nicht  treffen  werden  [sic].  "Qbri- 
gens  gratuliere  ich  Euch  zu  Erich  Katz  als  Reisegefahrten. 
Auf  unsrer  italienischen  Reise  erfuhr  ich,  daB  er  der  launen- 
loseste  und  liebenswiirdigste  Begleiter  ist,  den  man  denken 
kann.  Also  vorlaufig  im  August  werden  wir  ja  noch  in  recht 
entf  ernten  Gegenden  sein  aber  —  wenn  ich  Zeit  haben  sollte  — 
will  ich  im  September  gern  mit  Willi  und  Dir  nach  Dresden 
heriiber  fahren. 

Meine  Reiselektiire  1st  abenteuerlich  geplant.  WeiBt  Du, 
daB  ich  mit  nachstem  anfange  die  Kritik  der  reinen  Vernunft 
mit  Kommentaren  zu  lesen:  also  habe  ich  Kant  und  Riehl 
mit.  Daneben  will  ich  den  Tunnel2  lesen  —  nun  doch  —  Kurt 
Pinthus  empfahl  ihn  neulich  in  der  „Zeitschrift  fur  Bucher- 
freunde["],  iibrigens  gleich  kritisch  wie  Du.  Auch  mit  ein 
paar  Inselbiichern  habe  ich  mich  umgeben;  Du  wirst  Dich 
freuen,  daB  auch  Stendhals  „Rbmerinnen"  dabei  sind;  denn 
unter  diesem  anziehenden  Titel  entdeckte  ich  jene  unmog- 
lichen  Erzahlungen,  die  ungelesen  zu  Hause  unter  meinen 
Reclams  stehen.  Danach  soil  der  Sturm  versucht  werden. 

In  den  letzten  Tagen  las  ich  viel.  Erstens  in  den  fruhern 
Jahrgangen  des  Logos,  besonders  Rickerts  Aufsatz  zur  Logik 
der  Zahl3,  der  hier  unter  seinen  Schulern  als  sein  Genialstes 
gilt  und  den  man  hier  kennen  muB.  Guy  de  Maupassant: 
Unser  Herz.  Ein  Roman  mit  unfaBlich  schonen  Satzen,  ich 
hatte  manche  auswendig  lernen  mogen.  Einmal  schreibt  er 
„Und  sie,  das  verlorne,  arme,  irrende  Wesen,  das  keinen  An- 

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halt  hatte,  aber  heiter  war,  weil  sie  jung  war  .  .  ."  (!)  auf 
dies  besinne  ich  mich  eben.  Die  Geschichte  ist  ganz  einfach, 
fast  abstrakt  erzahlt  mit  einer  Psychologie,  die  die  Menschen 
durch  und  durch  sieht  und  trotzdem  sie  beriihrt  wie  die  Hand 
eines  giitigen  alten  Arztes.  Jetzt  erst  hat  der  Name  Maupas- 
sant fur  mich  Inhalt  und  ich  freue  mich  auf  alles  andre,  was 
ich  von  ihm  lesen  werden  [sic].  Von  Hesse  habe  ich  den 
Novellenband:  „Diesseits"  auf  dem  Zimmer.  Er  kann  sehr 
viel,  wenn  auch  vielleicht  nur  das  Eine:  Landschaft  zu  geben, 
ohne  sie  zU  beseelen  und  dennoch  sie  zum  Mittelpunkt 
machen,  nicht  zur  Staffage.  Sein  Schauen  halt  eine  eigene 
Mitte  zwischen  der  Kontemplation  eines  Mystikers  und  dem 
Scharfblick  eines  Amerikaners. 

DaB  es  mir  nicht  schlecht  gehen  kann,  wenn  ich  solche 
Bucher  lese,  weiBt  Du.  Es  geht  mir  aber  noch  viel  besser. 
Allmahlich  habe  ich  es  wirklich  erfaBt,  daB  Sonne  ist.  Von 
einem  altmeisterlichen  Nachmittag  in  Badenweiler  bekamst 
Du  eine  Karte.  Auf  der  Riickfahrt  fand  ich  unwillkommne 
Bekannte.  Ein  schwatzhafter  Student  (Rudolf  Goldfeld)  mit 
einem  gewissen  Frl.  Seligson,  welche  ganz  unangenehm  bur- 
schikos  war.  Es  ist  doch  Tatsache,  daB  nur  wenige  junge 
Madchen  mit  Geist  unbefangen  sein  kbnnen.  Am  schonsten 
Kathe  Miillerheim. 

Am  Montag  abend  hatte  ich  mich  fur  10  Uhr  mit  Heinle 
auf  dem  Loretto  verabredet,  Heinle  wollte  einen  Herrn  mit- 
bringen.  Oben  saBen  wir  in  maBiger  Dunkelheit  zusammen, 
Heinle,  ich  und  der  Herr,  so  daB  ich  ihn  garnicht  recht  sehen 
konnte.  Raketen  eines  verendenden  Kinderfestes  fuhren  von 
der  andern  Hiigelseite  in  den  Himmel.  Meist  sprach  ich  mit 
Heinle  -  der  Herr  horte  mehr  zu.  (Du  weiBt,  daB  Dr.  Wyne- 
ken  fur  Breslau4  die  Berichterstattung  von  der  Frankf.  Ztg. 
bekommt;  er  geht  also  hin)  Ich  besprach  mit  Heinle,  wie  man 
irgendeine  Dankbezeugung  fur  Wyneken  in  Breslau  finden 
konnte.  Es  darf  garnichts  ofTentliches  sein;  es  ist  Zeit,  daB 
man  ihm  einmal  anders  gegeniibertritt,  als  dem  Griinder  von 
Wickersdorf.  Es  muB  sich  um  einen  personlichen  Akt  han- 
deln.  Ein  Abend  in  kleinem  Kreis  (hochstens  12  Menschen 
-  ich  konnte  aber  von  den  niichsten  nicht  einmal  12  zahlen) 


82 


scheint  mir  gut.  Im  Laufe  wird  einer  einfach  liber  ihn  spre- 
chen,  dieses  vor  allem  betonend:  daB  wir  durch  ihn  in  unsrer 
Zeit  das  Gliick  gehabt  hatten,  im  BewuBtsein  eines  Fuhrers 
aufzuwachsen. 

Die  Notwendigkeit,  etwas  zu  tun,  wird  Dir  jedenfalls  audi 
klar  sein.  Und  ebenso  klar  die  Verfehltheit  einer  Offentlich- 
keit,  der  er  immer  der  stellungslose  Gninder  von  Wickers - 
dorf  sein  wiirde. 

Nachher  gingen  wir  noch  im  Walde  und  sprachen  iiber  die 
Giite. 

Gestern  kam  Heinle  zu  mir  und  brachte  mir  zwei  Ge- 
dichte, nicht  von  sich.  Ich  las  sie  und  sagte:  Das  kann  doch 
nur  [Ernst]  BlaB5  schreiben.  Es  war  aber  nicht  BlaB,  son- 
dern  Muller.  Wir  stellten  fest,  daB  die  Gedichte  uns  sehr  lieb 
waren,  daB  sie  auch  weit  hinaus  gehen  in  die  Freiheit  der 
Rhythmik  iiber  BlaB  (in  Berlin  sollst  Du  sie  sehen).  Muller 
war  aber  der  Herr,  mit  dem  wir  zusammen  gewesen  waren. 
Seine  Gedichte  sprachen  beide  (alles  andere  von  sich  lehnt  er 
ab  und  billigt  nur  2  Gedichte)  von  Gladys,  die  in  Paris  lebt. 
Er  selber  aber  ist  der  Sohn  des  Mannes,  der  den  „Freiburger 
Boten"  redigiert,  das  ultramontane  Blatt.  Er  sitzt  am  Tage 
in  der  Redaktion,  artikelschreibend  —  er  hat  nur  das  Einjah- 
rige  gemacht.  Heinle  telefonierte  ihn  gestern  an,  wir  wollten 
wieder  mit  ihm  zusammen  sein.  Auch  heut  abend  sind  wir 
es.  Sehr  schade,  daB  wir  den  Dritten,  der  zu  zweien  gehort, 
erst  jetzt  fanden.  Wir  brauchen  keine  Anstrengung,  uns  mit 
ihm  zu  verstehen;  er  spricht  wenig,  niemals  Leeres  und  hat 
ein  wirklich  gliihend  starkes  Kunstempfinden  -  auch  Begriffe. 
Gestern  stiegen  wir  von  10-12  V2  im  Wald  herum  und  spra- 
chen von  derErbsiinde-wir  fanden  wichtigeGedanken-und 
vom  Grauen.  Ich  meinte,  daB  Grauen  .vor  der  Natur  die 
Probe  auf  wahrhaftes  Naturempfinden  ist.  Wer  kein  Grauen 
vor  der  Natur  empfinden  kann,  der  weiB  uberhaupt  nichts 
mit  ihr  anzufangen.  Die  „Idylle"  ist  garkein  NaturgenuB 
—  sondern  eine  Pseudo-Kunst-Naturempfindung. 

Das  Semester  hat  das  fortissimo  warmer  tatiger  Tage  am 
SchluB  —  es  tut  mir  leid  zu  reisen. 

Dank  fur  Deine  Sendung.  Deine  Entwiirfe6  gefallen  mir 

83 


sehr  -  heut  zeige  ich  sie  Heinle,  ich  vergaB  es  bisher.  Der  mit 
dem  armen  schwarzen  Schulknaben  freilich  noch  besser  als 
der  David;  wunderschon  ist  die  bizarre  Landschaft.  Aber 
kliiger  (als  Marke)  wird  der  David  sein,  audi  „positiver" 
(Quatsch!).  Weil  der  David  einen  harten,  schlafrigen  Aus- 
druck  hat,  der  sehr  schon  ist,  mag  man  ihn  nehmen. 

Wie  ich  zwischen  Euch  und  Heinle  vermittle,  so  zwischen 
Heinle  und  Euch.  Heinle  vermiBt  noch  Rhythmik  in  Deinem 
Aufsatz.  Ich  driicke  dies  folgendermaBen  aus:  daB  mir  die 
sichere,  fast  klassische  Art,  „festzustellen"  etwas  eines  apo- 
strophischen  d.  h.  anredenden,  den  Einzelnen  betreffenden 
Tones  ermangelt.  Was  Du  sagst  scheint  mehr  fiir  Erwachsene 
als  fiir  Junge.  Der  Aufsatz  ist  sehr  gut  (denn  obiges  sind  nur 
Zweckerwagungen).  Aber  aus  den  angedeuteten  Griinden 
weiB  ich  nicht,  ob  Du  nicht  lieber1  einen  neutralern  Titel  neh- 
men sollst,  der  das  programmatische  starker  betont.  Etwa: 
Vom  (Zum)  Gedankenkreis  des  „Anfang". 

Heinle  braucht  den  Aufsatz  noch  zuPropaganda-Zwecken; 
er  schickt  ihn  morgen  oder  iibermorgen  ab.  Namlich  er  be- 
miiht  sich  hier  mit  geringer  Aussicht  auf  Erfolg  um  einen 
Sprechsaal.  Es  sind  Ferien  —  und  die  Wandervogel,  die  ihm 
am  zuganglichsten  sind,  Individualisten. 

Viele  GriiBe  Dein  Walter 

1  Friederike  J.,  eine  Sch wester  seines  Vaters,  die  W.  B.  in  seiner  Ju- 
gend  unter  den  Verwandten  am  nachsten  stand,  nahm.  sich  1916  das 
Leben. 

2  Von  Bernhard  Kellermann,  erschien  1913. 

3  Im  „Logos",  2.  Jahrgang,  Heft  la  (1911). 

4  Gemeint  ist  die  „Erste  studentisch-padagogische  Tagung"  in  Bres- 
lau,  6.-7.  Oktober  1915. 

5  Ernst  Blafl  (1890-1939),  u.  a.  Herausgeber  der  spater  erwahnten 
„Argonauten". 

6  Belmore  war  Student  der  Innenarchitektur  an  der  Kunstgewerbe- 
schule  in  Berlin,  zeichnete  und  malte  daneben. 


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24  An  Carta  Seligson 

Freudenstadt,  4.  August  1915 

Liebes  Fraulein  Seligson. 

Das  Semester  ist  nun  zu  Ende,  ich  bin  ein  paar  Tage  hier  mit 
meinen  Eltern  und  Geschwistern  und  fahre  dann  mit  meiner 
Mutter  bis  Anfang  September  nach  Tirol  -  vielleicht  kon- 
nen  wir  bei  ertraglichem  Wetter  nach  Venedig.  Der  Abschied 
von  Freiburg  -  von  diesem  Semester  -  ist  mir  schlieBlich 
doch  schwer  geworden,  was  ich  so  leicht  von  keinem  der  letz- 
ten  Jahre  sagen  kann.  Da  war  mein  Fenster,  das  Sie  kennen, 
mit  der  Pappel  und  den  spielenden  Kindern,  ein  Fenster  vor 
dem  man  sich  reif  und  erfahren  fuhlt,  wenn  man  noch  nichts 
geleistet  hat,  also  gefahrlich,  aber  doch  so  lieb,  dafi  ich  dort 
wieder  wohne,  wenn  ich  noch  einmal  nach  Freiburg  komme. 
Da  war  Herr  Heinle,  von  dem  ich  weiB,  daB  wir  iiber  Nacht 
Freunde  geworden  sind.  Ich  las  hier  gestern  abend  seine 
Gedichte  aus  diesem  Semester  und  finde  sie,  entfernt  von 
ihm,  fast  doppelt  schon.  Endlich  war  es  auch  das  Leben  dort, 
das  mit  dem  Ende  des  Semesters  plotzlich  schon  und  soramer- 
lich  bei  sonnigem  Wetter  wurde.  Die  vier  letzten  Abende 
waren  wir  (Heinle  und  ich)  stets  iiber  Mitternacht  hinaus  zu- 
sammen,  meist  im  Walde.  Mit  uns  immer  ein  junger  Mensch 
meines  Alters,  den  wir  durch  Zuf  all  eben  in  den  letzten  Tagen 
kennen  lernten,  von  dem  wir  uns  sagten,  dafl  er  der  dritte 
sei,  der  zu  zweien  gehort.  Kein  Student,  sondern  er  hatte  nur 
das  Einjahrige,  arbeitet  in  der  Redaktion  seines  Vaters,  der 
die  ultramontane  Zeitung  Freiburgs  herausgibt. 

Damit  endigte  dies  Semester  schon  -  ich  weiB  von  ihm 
wie  von  keinem  andern,  daB  ich  es  garnicht  ubersehe,  son- 
dern daB  es  in  Jahren  fruchtbar  sein  wird,  etwa  wie  meine 
Pariser  Reise  vielleicht  in  Monaten. 

Sie  haben  vielleicht  von  dem  padagogisch  studentischen 
KongreB  gehort,  der  am  7.  Oktober  in  Breslau  sein  wird.  In 
den  letzten  Tagen  erfuhr  ich,  daB  ich  dort  redenwerde;  auBer 
mir  noch  [Siegfried]  Bernfeld,  Leiter  des  Acad.  Comitees  fur 
Schulreform  in  Wien.  Drittens  ein  Herr  Mann,  der  zur 


85 


Gegengruppe  gehort.  Zum  ersten  Male  werden  auf  diesem 
CongreB  die  beiden  studentischen  Richtungen  sich  begeg- 
nen,  die  zu  Wyneken  und  auf  der  anderen  Seite  zu  Prof.  Stern 
(meinem  Vetter)  gehoren.1  In  Breslau  werden  wir  zum  ersten 
Male  die  Schar  (denn  ich  glaube,  davon  darf  man  reden) 
unsrer  weitern  Freunde  iibersehen.  Bis  zum  KongreB  werden 
noch  5  Anfanghefte  herauskommen;  auch  auf  die  darf  man 
hoffen,  soweit  ich  die  Beitrage  kenne.  — 

Nun  muB  ich  Ihnen,  so  schwer  es  ist,  noch  antworten  auf 
das,  was  Sie  iiber  die  Form  neuer  Jugendlichkeit  schreiben. 
Ich  habe  dariiber  nachgedacht,  bis  ich  hoffte,  einigermaBen 
klar  das  sagen  zu  konnen,  was  ich  von  jeher  dachte.  Es  gehort 
schon  nicht  mehr  im  engen  Sinne  zu  unserer  Arbeit  —  es  ist 
wohl  Geschichtsphilosophie,  aber  was  Sie  sagen,  beweist  ja 
den  Zusammenhang  mit  unserm  nachsten  Gedanken. 

Werden  wir  mit  unserm  Wollen  dem  jungen  Menschen, 
dem  Einzelnen,  das  Geringste  nehmen?  (Werden  wir  ihm 
—  diese  Frage  ist  noch  ernster  —  das  Geringste  geben?) 

Aber  vor  allem:  wird  eine  neue  Jugendlichkeit,  wie  wir 
sie  wollen,  den  Einzelnen  weriiger  einsam  machen?  Ich  sehe 
nicht,  wie  wir  diese  Frage,  mit  allem  Ernst  aufgefaBt,  ver- 
neinen  konnen.  Ja,  ich  glaube,  daB  wir  in  dem,  was  wir  er- 
streben,  die  Not  der  Einsamkeit  (die  gewiB  wenn  nicht  eine 
Sonne,  so  ein  geheimnisvoller  Mond  ist)  nicht  haben  werden, 
wir  wollen  sie  sogar  vernichten,  heben. 

So  konnen  wir  sagen -dennochdiirf  en  wir  noch  etwasganz 
andres,  scheinbar  das  Gegenteil  behaupten.  Denn,  sehen  wir 
uns  in  unserer  Gegenwart  urn.  Nietzsche  sagteinmal:  „Meine 
Schriften  sollen  so  schwer  sein.  Ich  sollte  meinen,  daB  alle 
mich  verstehen,  die  in  der  Not  sind.  Aber  wo  sind  die,  die  in 
der  Not  sind?"  Ich  glaube  wir  diirfen  fragen:  wo  sind  die, 
die  heute  einsam  sind?  Auch  dazu,  zur  Einsamkeit,  kann  erst 
eine  Idee  und  eine  Gemeinschaft  in  der  Idee  sie  fiihren.  Ich 
glaube  es  ist  wahr,  daB  sogar  nur  ein  Mensch,  der  die  Idee 
(gleichviel  „welche")  aufgenommen  hat,  einsam  sein  kann; 
dieser  muB  glaube  ich  einsam  sein.  Ich  glaube,  daB  nur  in 
der  Gemeinschaft,  und  zwar  in  der  innigsten  Gemeinschaft 
der  Glaubigen  ein  Mensch  wirklich  einsam  sein  kann:  in 

86 


einer  Einsamkeit,  in  der  sein  Ich  gegen  die  Idee  sich  erhebt, 
um  zu  sich  zu  kommen.  Kennen  Sie  Rilkes  „Jeremia",  dort 
ist  es  wundervoll  gesagt.  Ich  mochte  Einsamkeit  nicht  die 
Beziehung  des  idealen  Menschen  zu  den  Mitmenschen  nen- 
nen.  Obwohl  gewifi  auch  dies  eine  Einsamkeit  sein  kann  — 
(diese  aber  verlieren  wir  in  der  idealen  Gemeinschaft).  Son- 
dern  die  tiefste  Einsamkeit  ist  die  des  idealen  Menschen  in 
der  Beziehung  zur  Idee,  die  sein  Menschliches  vernichtet. 
Und  diese  Einsamkeit,  die  tiefere,  haben  wir  erst  von  einer 
vollkommenen  Gemeinschaft  zu  erwarten. 

Aber  wie  wir  auch  uber  Einsamkeit  denken  mogen  -  heute 
gibt  es  weder  die  eine,  noch  die  andere.  Jene  „andere"  Ein- 
samkeit, glaube  ich  werden  nur  die  Grofiten  je  vollig  errei- 
chen.*  Fiir  die  Einsamkeit  unter  Menschen,  die  heute  nur  so 
ganz  wenige  kennen,  sind  die  Bedingungen  zu  schaff en.  Diese 
Bedingungen  sind  „Empfindung  der  Idee"  und  „Empfindung 
des  Ich"  und  die  eine  ist  unsrer  Zeit  so  unbekannt,  wie  die 
andere. 

Ich  muB  das  von  der  Einsamkeit  zusammenf assen :  indem 
wir  Einzelne  uns  von  der  Einsamkeit  unter  Menschen  be- 
freien  wollen,  vererben  wir  dieses  unser  Alleinsein  den  Vie- 
len,  die  es  noch  nicht  kannten.  Und  wir  selbst  lernen  eine 
neue  Einsamkeit:  die  der  ganz  kleinen  Gemeinschaft  vor 
ihrer  Idee  kennen.** 

Im  Grunde  ist  ja  Ihre  Frage  und  Ihr  Einwand  der  ernste- 
ste,  der  gegen  den  Anfang  zu  erheben  ist  —  nicht  nur  gegen 
den  Anfang.2  Und  schon  bevor  diese  Zeitschrift  erschien, 
habe  ich  ihn  oft  bedacht.  Mit  diesem  schreibe  ich  zum  erst  en 
Male  davon,  also  nur  ganz  unvollstandig  und  abgebrochen. 
Man  hat  diesen  Einwand  abstrakter  ausgesprochen  und  ge- 
sagt (oder  vielmehr  gemeint):  der  Anfang  nimmt  der  Jugend 


*  Ja,  wenn  sie  —  wie  der  Mystiker  —  ganz  eins  mit  dem  "Dber- 
sinnlichen  wurden,  dann  haben  sie  sie  schon  verloren,  zu- 
gleich  mit  dem  Ich. 

**  Das  klingt  hochmutiger  als  es  ist.  Denn  in  Wirklichkeit 
sind  fast  in  jedem  Menschen  2  Einsamkeiten  und  bleiben  es. 

87 


ein  selbstverstandliches  Gefuhl  der  Unbefangenheit,  nimmt 
ihr  Natiirliches  -  kurz  das,  was  man  vielleicht  Unschuld  nen- 
nen  darf.  Dies  ware  wahr,  wenn  die  Jugend  jetzt  Unschuld 
hatte.  Aber  sie  steht  jenseits  von  Gut  und  Bose  und  dieser 
Standort,  der  fur  das  Tier  erlaubt  ist,  fiihrt  den  Menschen 
immer  zur  Siinde.  Dies  mag  die  groBte  Hemmung  sein,  die 
die  heutige  Jugend  zu  iiberwinden  hat:  ihre  Einschatzung 
als  —  Tier,  d.  h.  als  das  reuelos  Unschuldige,  Triebgute.  Fur 
die  Menschen  aber  (wir  erleben  das  taglich)  erwachst  aus 
soldier  unbewuBten  Jugend  eine  trage  Mannheit.  Es  ist 
wahr,  daB  die  Jugend  die  Unschuld  verlieren  muB  (die  tieri- 
sche  Unschuld),  um  schuldig  zu  werden.  Die  Erkenntnis,  das 
SelbstbewuBtsein  einer  Berufung,  ist  immer  Schuld.  Sie  kann 
nur  durch  die  tatigste,  heiBeste  und  blinde  Pflichterfullung 
gesiihnt  werden.  Ich  glaube-,  es  ist  nicht  zu  abstrakt  gespro- 
chen:  alle  Erkenntnis  ist  Schuld,  wenigstens  alle  Erkenntnis 
vom  Gut  en  oder  Bosen  —  so  sagt  auch  die  Bib  el  —  aber  alles 
Handeln  ist  Unschuld: 

Goethe  sagt  im  Divan  Verse,  deren  Tiefe  ich  immer  hoch 
nicht  ermesse: 

Denn  das  wahre  Leben  ist  des  Handelns  ewge  Unschuld, 

die  sich  so  erweiset,  dafi  sie  niemand  schadet  als  sich  sel- 

ber.3 

Aber:  der  Unschuldige  kann  nicht  gut  handeln,  und  der 
Schuldige  muB  es. 

Bitte  entschuldigen  Sie  wirklich,  wenn  ich  Ihnen  auf  eine 
einfache  Frage  eine  Metaphysik  antworte.  Aber  vielleicht 
sehen  Sie  diese  Gedanken  eben  so  einfach  und  selbstverstand- 
lich,  wie  sie  mir  erscheinen.  Fur  den  Menschen  muB  auch  die 
Unschuld  taglich  neu  und  als  eine  andre  erworben  werden. 
Wie  auch  seine  Einsamkeiten  immer  einander  aufgeben  und 
erlosen  —  um  immer  tiefer  zu  werden.  Die  Einsamkeit  des 
Tieres*  wird  erlost  von  der  Geselligkeit  des  Menschen;  der 
Mensch,  der  in  der  Geselligkeit  einsam  ist,  griindet  die  Ge- 


*  Dies  ist  eine  dritte  Einsamkeit,  von  der  ich  noch  nicht 
schrieb:  ich  nenne  sie  „physiologische".  Von  ihr  sind  Strind- 
bergs  Menschen  gequalt. 

88 


sellschaft.  Und  nur  wenige  erst  sind  sogar  mit  ihrer  Gemein- 
schaft  einsam? 

Ich  kann  aber  nicht  schlieBen,  ohne  Ihnen  noch  einen  ganz 
anderen  Gedanken  zu  sagen,  den  ich  auf  Ihre  Frage  nach  der 
formellen  Sicherheit  und  allzu  groBen  Leichtigkeit  einer 
kommenden  Jugend  antworte.  Ich  bitte  Sie,  meinen  Aufsatz  4 
in  der  Juli-Nummer  der  „Freien  Schulgemeinde"  zu  lesen 
—  ich  will  ihn  beif  tigen.  Dort  versuche  ich  zu  erklaren,  daB  es 
keine  GewiBheit  einer  sittlichen  Erziehung  gibt,  denn  der 
reine  Wille,  der  das  Gute  urn  des  Guten  willen  tut,  ist  nicht 
zu  erfassen  mit  Mitteln  des  Erziehers. 

Ich  glaube,  wir  miissen  immer  darauf  gefaBt  sein,  daB 
kein  einzelner  Mensch  in  Gegenwart  und  Zukunft  in  seiner 
Seele,  da  wo  er  frei  ist,  von  unserm  Willen  beeinfluBt  und 
bezwungen  wird.  Wir  haben  dafiir  keine  Gewahr;  wir  diir- 
f  en  es  auch  nicht  wiinschen  —  denn  das  Gute  geschieht  nur 
aus  Freiheit.  SchlieBlich  ist  jede  guteTat  nur  das  Symbol  der 
Freiheit  dessen,  der  sie  wirkte,  Taten,  Reden,  Zeitschriften 
andern  keines  Mensch  en  Willen,  nur  sein  Verhalten,  seine 
Einsicht  u.  s.  f .  (Das  ist  aber  im  Sittlichen  ganz  gleichgiltig) 
Der  Anfang  ist  nur  ein  Symbol,  alles  was  er  dariiber  hinaus 
innerlich  ivirksam  ist,  ist  Gnade,  Unbegreifliches,  Sehr  wohl 
ware  es  denkbar  (und  sicher  ist  es  so),  daB  allmahlich  das,  was 
wir  wollen,  geschieht,  ohne  daB  die  seelische  Jugend,  die  wir 
wollten,  in  den  einzelnen  erschienen  ware.  So  war  es  wohl 
immer  in  der  Geschichte:  ihr  sittlicher  Fortschritt  war  nur 
die  freie  Tat  ganz  weniger.  Die  Gemeinschaft  der  Vielen 
wurde  das  iiber-  und  auBer-menschliche  Symbol  einer  neu- 
erfiillten  Sittlichkeit.  Wahrend  die  alte  Sittlichkeit  genau  so 
symbolische  Form  war,  von  wenigen  Freien  gebaut.  Ware  es 
anders,  so  hatten  niemals  „neue"  Sittlichkeiten  entstehen 
konnen,  „neue"  gibt  es  nur  fur  den  Unsittlichen,  triebhaften 
Menschen.  —  Wahrend  die  seelischen  Menschen  ein  ganz 
Gleiches  wollten,  ewig  es  verandernd,  damit  die  andern, 
schlafend,  ohne  es  zu  wissen,  sich  in  jene  symbolische  Ge- 
meinschaft einfiigten.  (Alles  andere  war  ein  Einzelakt  der 
Gnade  im  Einzelnen)  Die  Sittlichkeit  der  Gemeinschaft  ist 
etwas,  das  unabhangig  von  der  Sittlichkeit  ihrer  Glieder, 

89 


trotz  deren  Unsittlichkeit,  besteht.  Also  ist  sie  -  vom  Men- 
schen  aus  gesehen  -  nur  Symbol.  Aber  in  denen,  die  den 
symbolischen,  unniitzlichen  Wert  der  Gemeinscbaft  fiihlen, 
die  eine  Gemeinschaft  griindeten,  „als  ob"  der  einzelne  sitt- 
lich  ware  —  in  diesen  Schopfern  der  Geraeinschaften  allein 
wurde  die  sittliche  Idee  wirklich;  sie  waren  frei.  Was  ein  „als 
ob"  der  Erkenntnis  ist,  ist  ein  Absolutes  im  Handeln.  - 

Nun  bedenken  Sie  bitte,  daB  ich  mit  diesen  Gedanken  noch 
lange  nicht  f  ertig  bin,  daB  sie  mir  nur  notig  erscheinen,  um 
unsre  Idee  von  allem  Utopischen  zu  befreien  und  noch  gegen 
das  brutalste  der  Wirklichkeit  Recht  zu  behalten. 

Meinen  Dialog5,  obwohl  er  f ertig  getypt  ist,  sende  ich 
Ihnen  ein  andres  Mai,  denn  ich  habe  Sie  mit  Philosophic  schon 
unbillig  uberschiittet,  und  wenn  sie  unverstandlich  ist,  so 
schieben  Sie  es  mir  zu,  nicht  Ihnen. 

Verleben  Sie  Ihre  Ferien  recht  froh! 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  William  Stern  (1871-1958),  bekaxmter  Psychology 

2  Sie  hatte  gefragt,  ob  die  neue  Jugend  nicht  ein  wenig  zu  fest  und 
sicher  stehen  wurde.  „Uns  wird  das  Alleinsein  fehlen"  (Brief  von 
C.S.  vom  20.  7.  1913). 

3  Der  Deutsche  dankt. 

4  „Der  Moralunterricht". 

5  Uber  Religion. 


25  An  Ernst  Schoen 

San  Martino  di  Castrozza,  30.  August  1913 

Lieber  Herr  Schbn, 

es  gibt  im  „Orympischen  Friihling"  von  Spitteler  die  wun- 
derhiibsche  Geschichte  mit  dem  Gartchen  „Warumdennnicht" 
zu  dem  die  StraBe  „K6nntichm6chtich(t  fiihrt;  in  diesen  Gar- 
ten kommt  man  nie. 

Das  ist  die  Mythologie,  die  ich  zu  unsrer  sommerlichen 
Korrespondenz  geben  mpchte  und  alles  weitere  bliebe  einer 

90 


Metaphysik  des  Schweigens,  Schreibens  und  der  Faulheit 
iiberlassen.  Ich  war  sehr  erstaunt,  als  ich  heut  vor  allem 
andern  das  Bild  von  Trafoi  auf  Ihrer  Karte  sah  und  gern 
bescheinige  ich  seine  Naturtreue,  denn  vor  ungef ahr  2  Wochen 
bin  ich  selbst  in  Trafoi  angekommen  und  dort  eine  Woche 
geblieben.  Namlich:  ich  reise  mit  meiner  Mutter  und  einer 
Tante  durch  Siidtirol.  Vermutlich  geschieht  dies,  um  einige 
Ordnung  in  mein  Leben  zu  bringen  und  eine  halbjahrige 
Periode  der  Untatigkeit  Mai-September  zu  stabili[si]eren. 
Immerhin  ist  weniges  an  dieser  Untatigkeit  freiwillig  —  ich 
erfuhr  viel  „Schicksal". 

Vor  allem  eine  fast  humoristisch  wirkende  Vereinsamung 
in  Freiburg,  aus  der  ich  mir  schlieBlich  einen  guten  Freund 
und  viele  schlechte  Wochen  gewann.  Dann  die  Kaiserfeiern 
dieses  Sommers,  die  ich  in  der  Einsamkeit  des  Schweizer  Jura 
iiberstand.  Zu  Pfingsten  floh  ich  nach  Paris:  Das  war  das 
Schonste,  vor  allem  Restaurants,  Louvre  und  Boulevard. 

Vielleicht  haben  Sie  in  der  Zwischenzeit  einmal  den  An- 
fang  zu  Gesicht  bekommen  und  da  haben  Sie  denn  gesehen, 
daB  „Ardor"  eine  Ordnung  seiner  Begeisterung  und  Denk- 
gedanken  sehr  nbtig  hat. 

Da  auch  Sie  in  diesen  Zeiten  sich  irgendwo  mit  irgendwas 
herumzuschlagen  haben  —  vermutlich?  -  so  mogen  Sie  iiber- 
zeugt  sein,  dafi  Manches  mitzuteilen  ist,  wenn  Sie  mich  in 
der  Delbriickstr.  23  aufsuchen.  Das  moge  bald  geschehen, 
am  12.  spatestens  bin  ich  zu  Hause,  Sollten  Sie  sonst  keinen 
Grund  haben,  so  bringen  Sie  Imago1  zuriick. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Von  Spitteler. 


91 


26  An  Carta  Seligson 

Berlin- Grunewald,  den  15.  September  1913 

Liebe  Freundin, 

Sie  werden  mir  dieses  Wort  erlauben,  nicht  wahr?  Ich  muB 
Ihnen  so  schreiben  nach  den  Worten,  die  Sie  mir  gestern  und 
friiher  sandten  und  es  ware  unfein,  wenn  wir,  die  wir  eine 
neue  Jugend  sein  wollen,  anders  zu  einander  sprachen,  als  wir 
fiihlen. 

Als  ich  heute  friih  Ihren  Brief  gelesen  hatte,  ging  ich  hin- 
aus,  dahin  wo  die  Hauser  aufhoren  und  die  freien  Bauplatze 
mit  Gittern  abgegrenzt  sind.  Zum  ersten  Mai  dachte  ich  ernst- 
haft  iiberdas  nach,  was  Sie  michfragten:  Wie  ist  es  moglich? 
Denn  vorher  war  meine  Freude,  Hueber  zu  verstehen,  so 
groB,  daB  ich  an  die  Menge  nicht  dachte,  die  seine  Stimnie 
nicht  vernimmt.  Ich  konnte  lange  nicht s  denken,  weil  mich 
auch  ganz  die  Freude  erfullte,  den  ersten  Menschen  zu  fin- 
den,  der  dieses  Buch  so  begreift  wie  ich.  -  Noch  keiner  meiner 
Freunde  hat  es  gelesen.  Aber  dann  fand  ich  schlieBlich  die 
einfache  Antwort:  wir,  die  wir  Hueber  verstehen,  fiihlen  erst 
vor  seinen  Gedanken  so  ganz  unsere  Jugend  —  die  andern, 
die  nichts  fiihlen,  sind  nicht  jung.  Sie  sind  eben  niemals  jung 
gewesen.  Sie  freuten  sich  erst  an  ihrer  Jugend  als  sie  vorbei 
war  in  der  Erinnerung.  Das  groBe  Gliick  ihrer  Gegenwart, 
das  wir  jetzt  fiihlen  und  das  ich  mit  Ihren  Worten  fiihlte, 
kannten  sie  nicht.  Alsoglaube  ich  wirklich,  daB  esdarinliegt, 
daB  es  noch  schlimmer  steht,  als  Hueber  denkt.  Aber  in  jedem 
einzigen  Menschen,  der  irgend  wo  geboren  wird  und  jung 
sein  wird,  liegt  -  nicht  die  „Besserung",  sondern  schon  die 
Vollendung,  das  Ziel,  von  dem  Hueber  so  messianisch  emp- 
findet,  wie  nahe  es  uns  ist.  Heute  fiihlte  ich  die  ungeheure 
Wahrheit  des  Wortes  Christi :  Siehe  das  Reich  Gottes  ist  nicht 
hier  und  nicht  dort,  sondern  in  uns.  Ich  mochte  mit  Ihnen 
Platos  Gesprach  iiber  die  Liebe  lesen,  wo  das  so  schon  gesagt 
und  tief  gedacht  ist,  wie  sonst  wohl  nirgends. 

Ich  dachte  heute  Vormittag  weiter:  jung  sein  heiBt  nicht 
so  sehr  dem  Geist  dienen,  als  ihnerwarten.  Ihn  in  jedem  Men- 

92 


schen  und  im  fernsten  Gedanken  zu  erblicken.  Das  ist  das 
wichtigste:  wir  diirfen  uns  nicht  auf  einen  bestimmten  Ge- 
danken festlegen,  auch  der  Gedanke  der  Jugendkultur  soil 
eben  fiir  uns  nur  die  Erleuchtung  sein,  die  noch  den  fernsten 
Geist  in  den  Lichtschein  zieht.  Aber  fiir  viele  wird  eben  auch 
Wyneken,  auch  der  Sprechsaal,  eine  „Bewegung"  sein,  sie 
werden  sich  festgelegt  haben,  und  den  Geist  nicht  mehr 
sehen,  wo  er  noch  freier,  abstrakter  erscheint. 

Dies  standige  vibrierende  Gefiihl  fiir  die  Abstraktheit  des 
reinen  Geistes  mochte  ich  Jugend  nennen.  Dann  namlich 
(wenn  wir  uns  nicht  zum  bloBen  Arbeiter  einer  Bewegung 
machen)  wenn  wir  uns  den  Blick  frei  halten,  den  Geist  wo 
immer  zu  schauen,  werden  wir  die  sein,  die  ihnverwirklichen. 
Fast  alle  vergessen,  daB  sie  selber  der  Ort  sind,  wo  Geist  sich 
verwirklicht.  Weil  sie  sich  aber  starr  machten,  zu  Pfeilern 
eines  Gebaudes  statt  zu  GefaBen,  Schalen,  die  einen  immer 
reinern  Inhalt  empfangen  und  bergen  konnen,  darum  ver- 
zweifeln  sie  an  der  Verwirklichung,  die  wir  in  uns  fiihlen. 
Diese  Seele  ist  das  Ewig-Verwirklichende.  Jeder  Mensch,  jede 
Seele  die  geboren  wird,  kann  die  neue  Wirklichkeit  bringen. 
Wir  empfinden  sie  in  uns  und  wir  wollen  sie  auch  aus  uns 
herausstellen.  — 

Neulich  erkundigte  ich  mich  beim  Verlag  *  nach  Huebers 
Adresse,  urn  mich  ihm  fiir  seine  Sache  anzubieten.  Ich  erfuhr, 
daB  alles  traurig  steht.  So  lesen  Sie  die  „Wirkung  des  Auf- 
rufes"  nur  nicht  mit  Anteilnahme,  sondern  mit  Trotz! 

Ich  mochte  von  alledem  mit  Ihnen  sprechen.  Bitte  sagen 
Sie  mir  telefonisch  oder  schriftlich  Bescheid,  ob  Sie  mich 
Donnerstag  oder  Sonnabend  nachmittag  besuchen  konnen. 
Wenn  es  Ihnen  lieber  ist,  konnen  wir  auch  einen  Spazier- 
gang  machen. 

Ich  danke  Ihnen  —  wofiir?  Fiir  Ihre  Freude  an  dem  Buche 
und  daB  Sie  mir  schrieben,  und  ich  griiBe  Sie  herzlich 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Johann  Anibrosius  Barth,  Leipzig. 


93 


27  An  Carla  Seligson 

Berlin-  Grunewald,  25.  September  1915 

Liebe  Freundin, 

Sie  brauchen  nichts  aus  sich  heraus  zu  stellen,  anders  als  in 
wesenhaften  Taten.  Und  das  haben  Sie  ja  schon  immer  getan, 
mehr  als  einer  von  uns.  Denn  wer  von  uns  hatte  den  Willen 
gehabt,  den  Sie  hatten?  -  Wenn  ich  mit  Worten  fast  zu  viel 
von  unsern  Gedanken  spreche,  so  stelle  ich  im  Grunde  doch 
nichts  aus  mir  heraus,  sondem  ich  sage  das,  wovon  ich  hoffe, 
es  spater  einmal  als  Philosophie  denken  zu  konnen;  und  also 
stelle  ich  es  eigentlich  in  mich  hinein  und  baue  mich  daran 
auf. 

Aber  glauben  Sie  nicht,  ich  hatte  Sie  nicht  verstanden.  Nur 
sage  ich:  Sie  haben  in  Ihrem  Leben  schon .  unendlich  viel 
mehr  getan,  als  einer  von  uns.  Und  wir  abstrahieren  nichts 
von  unserm  Wesen,  jeder  von  uns  stellt  das  Geistige  anders 
in  sein  Leben  hinein:  Sie  indem  Sie  studieren,  ich  mit  Wor- 
ten. Keinem  von  uns  soil  es  leicht  sein.  Am  wenigsten  leicht 
sollen  die  Worte  sein. 

Ich  griiBe  Sie  mit  einem  unausgesprochnen  GruBe! 

Ihr  Walter  Benjamin 


28  An  Carla  Seligson 


17.  November  1913 


Liebe  Carla  -  ich  schreibe  im  Arbeitsraum  der  Kgl.  Biblio- 
thek,  die  „ernster  Berufsarbeit  dient"  und  habe  ein  paar 
Biicher  um  mich  aufgebaut.  Eben  ist  mein  Colleg  abgesagt, 
daher  kann  ich  Ihnen  sogleich  schreiben.  Gestern  abend 
fuhrte  Heinle  und  mich  der  Weg  bis  zum  Bahnhof  Bellevue 
zusammen.  Wir  sprachen  von  Nichtigem.  Auf  einmal  sagte 

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er:  „Ich  hatte  Ihnen  wohl  eigentlich  sehr  vieles  zu  sagen". 
Darauf  bat  ich  ihn,  das  gleich  zu  tun,  weil  es  hohe  Zeit  sei. 
Und  da  wirklich  er  mir  etwas  sagen  wollte,  so  wollte  ich  es 
hbren  und  ging  zu  ihm  hinauf  auf  seine  Bitte. 

Zuerst  qualten  wir  uns  beide  um  das  Geschehene  herum 
und  suchten  zu  erklaren  und  so  fort.  Aber  wir  fiihlten  sehr 
schnell,  worauf  es  ankam  und  sagten  es  audi:  daB  es  uns  bei- 
den  sehr  schwer  wurde,  uns  zu  trennen.  Aber  ich  sah  eines, 
was  das  Wichtigste  dieses  Gespraches  war:  er  wuBte  sehr 
genau,  was  er  getan  hatte,  oder  vielmehr,  es  gab  hier  fur  ihn 
garkein  „Wissen"  mehr,  er  sah  unsern  Gegensatz  wirklich 
so  streng  und  so  notwendig,  wie  ich  es  von  ihm  erwartet  hatte. 
Er  stellte  sich  mir  gegeniiber  im  Namen  der  Liebe  und  ich 
setzte  ihm  das  Symbol  entgegen.  Sie  werden  die  Einfachheit 
und  Fiille  der  Beziehung  fur  uns  verstehen,  die  beides  fur 
uns  hat.  Es  kam  ein  Augenblick,  da  wir  beide  gestanden,  auf 
Schicksal  zu  stoBen;  wir  sagten  uns:  jeder  konnte  an  der 
Stelle  des  andern  stehen. 

Mit  diesem  Gesprach,  das  ich  Ihnen  eigentlich  in  diesem 
Briefe  kaum  sagen  kann,  haben  wir  beide  die  siiBeste  Ver- 
suchung  bestanden.  Er  bestand  die  Versuchung  der  Feind- 
schaft,  und  bot  mir  Freundschaft  mindestens  Briiderschaft 
von  neuem  an.  Ich  bestand,  indem  ich  zuriickwies,  was  ich 
—  Sie  sehen  es  "-  nicht  annehmen  durfte. 

Manchmal  dachte  ich,  daB  wir,  Heinle  und  ich,  von  alien 
die  wir  kennen,  uns  am  meisten  verstehen.  Das  ist  so  nicht 
richtig.  Aber  es  ist  dieses:  trotzdem  jeder  der  andere  ist,  muB 
er  aus  Notwendigkeit  bei  seinem  eignen  Geist  bleiben. 

Noch  einmal  sah  ich  die  Notwendigkeit  der  Idee,  die  mich 
gegen  Heinle  stellt.  Ich  will  die  Erfiillung,  die  man  nur  er- 
warten  kann  und  er  erfullen.  Aber  die  Erfiillung  ist  etwas 
zu  Ruhiges  und  Gottliches,  als  daB  sie  anders,  als  aus  bren- 
nendem  Winde  folgen  konnte.  Gestern  sagte  ich  zu  Heinle: 
jeder  von  uns  ist  glaubig,  aber  es  kommt  darauf  an,  wie  man 
an  seinen  Glauben  glaubt.  Ich  denke  (nicht  sozialistisch,  son- 
dern  in  irgend  einem  andern  Sinne)  an  die  Menge  der  Ausge- 
schlossenen  und  an  den  Geist,  der  mit  den  Schlafenden  im 
Bunde  ist,  nicht  mit  den  Briidern.  Heinle  erziihlte  mir  ein 

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Wort  Ihrer  Schwester1  „Bniderschaft,  fast  wieder  [sic]  bes- 
seres  Wissen."  Sie  erinnern  sich,  dafi  ich  schon  in  meinem 
Aktions-Vortrag  sagte:  „keine  Freundschaft  der  Briider  und 
Genossen,  sondern  eine  Freundschaft  der  fremden  Freunde." 

Ich  sehe  wahrend  ich  schreibe,  daB  sich  das  vielleicht  doch 
nur  sagen  laBt  —  aber  Sie  verstehen  es  auch  hieraus. 

Die  Bewegungen  gehen  in  innern  Kampfen  vor  sich. 
Gestern  sahen  Heinle  und  ich  die  Art  der  Jugendbewegung, 
die  solche  Kampfe,  wie  zwischen  uns,  bereitet.  Noch  kenne 
ich  garkein  Wort,  das  mein  Verhaltnis  zu  Heinle  befaBt, 
aber  inzwischen  werde  ich  die  reine  Freude  an  dem  reinen 
Kampf  haben.  Ich  weiB  noch  nicht  viel  von  ihm,  aber  ich 
werde  ihn  bedenken.  Denn  es  bleibt  das  Ziel:  Heinle  aus  der 
Bewegung  zu  stoBen  und  dem  Geist  das  iibrige  zu  uberlassen. 

Sie  waren  gestern  unverandert,  als  ich  Ihnen  dankte.  Aber 
in  diesen  Gedanken  darf  man  auch  fur  die  Wahrheit  danken, 
ja  man  muB  nur  fur  sie  danken. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Rika  (Erika)  Seligson,  mit  der  zusammen  er  nach  Kriegsausbruch 
aus  dem  Leben  schied. 


29  An  Carta  Seligson 

[Berlin-Grunewald23.  Nov.  1913] 

Liebe  Carla, 

nun  ist  alles  wieder  ganz  einfach.  Sie  wollen  zuriicktreten. x 

Die  letzten  Wochen  hatten  mich  miide  gemacht,  endlich 
hatte  ich  zur  Bewegung  zuriickgefunden,  aber  ich  war  er- 
schopft,  nachdem  ich  in  der  Versammlung  am  Dienstag 
Abend  so  schrankenlos  und  wie  besinnungslos,  gewaltsam 
der  Sache  und  mir  vertrauend  gesprochen  hatte.  Es  war  ge- 
lungen  und  ich  war  enttauscht,  niedergedriickt.  Dann  war  es 
am  Mittwoch,  als  ich  mich  ratios  zeigte,  wie  wir  von  Ihrer 
Schwester  sprachen.  Am  nachsten  Morgen  las  ich 
„kein  Gefiihl  ist  das  fernste" 

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Am  Nachmittag,  als  Sie  mit  mir  sprachen,  war  das  Wort 
erfullt.  Ich  bin  weiter  gegangen;  konnten  Sie  alles  so  einfach 
nach  den  verwirrten  Tagen  sehen,  wie  ich  durch  Ihre  Worte. 

Das  nahe  und  fernste  Gefiihl  laBt  mich  so  sehen  und  ich 
habe  Ihnen,  meine  Freundin,  noch  niemals  so  frei  geschrie- 
ben  wie  heute. 

Sie  treten  ja  nicht  Ihrer  Mutter  wegen  zurtick,  nicht  wahr? 
—  Dem  allein  lieBe  sich  wohl  auch  sonst  abhelfen.  Sie  haben 
sich  von  sich  selbst  her  entschlossen.  Worte  haben  Sie  wohl 
mtide  gemacht  —  und  Sie  fuhlen  sich  allein,  wo  es  iiber  die 
Worte  hinausgeht. 

Die  Worte  rmissen  wir  alle  tragen,  dagegen  hilft  Arbeit, 
glaube  ich  und  das  Schweigen  der  Freundschaft. 

Aber  Sie  finden  sich  auch  allein  und  begreifen  nicht  mehr 
die  Sicherheit  der  andern.  Sie  glauben  widerstandslos,  was 
man  Ihnen  sagt.  Darauf  Ihnen  zu  antworten,  schreibe  ich. 
Der  Regen  fallt  nicht  ihm,  die  Sonne  scheint  nicht  ihr 
du  auch  bist  anderen  geschaffen  und  nicht  Dir 

Angelus  Silesius 

Wir  alle  konnten  nicht  so  f  roh  und  ernst  vorangehen,  wenn 
wir  nicht  wiifiten:  Freunde  sehen  uns.  Vielleicht  sind  sie  zu 
fremd  und  schwach  um  uns  zu  helfen,  aber  sie  glauben  an 
uns.  Vor  diesem  Glauben  gibt  es  aber  gar  kein  Zuriicktreten, 
so  lange  er  glaubt.  Er  gibt  dem  Freund  die  Weihen,  wie 
einem  Priest  er,  der  sich  nicht  selbst  entheiligen  kann.  Und 
so:  ehe  der  Freund  ihn  nicht  exkommuniziert,  gehort  der 
Freund  der  Freundschaft. 

Ich  glaube  an  Sie  ohne  Anspruch. 

Mogen  Sie  einen  EntschluB  fassen  oder  uns  fern  bleiben: 
Ihre  Jugend  wird  unbewegt  von  Wortqualen  und  Familien- 
streit  unter  uns  kampfen.  Eines  Tages  werden  Sie  zu  ihr 
treten. 

Sie  griiBt  Sie  von  Herzen! 

[ohne  Unterschrift] 

l  Von  der  Freien  Studentenschaft  oder  dem  „Sprechsaal  der  Jugend". 


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30  AnCarlaSeligson 

26.  Marx  1914 

Liebe  Carla, 

zuvor:  ich  hbre,  daB  Sie  nicht  wohl  sind.  Ich  wiinsche  Ihnen, 
daB  Sie  bald  die  Schmerzen  los  werden,  vor  allem  daB  Sie  am 
Sonnabend  -  nach  dem  Sprechsaal  -  mit  uns  nach  Kohlhasen- 
briick  gehen  konnen  und  diirfen.  Des  letzteren  wegen  ist  mit 
gleicher  Post  ein  Brief  an  Ihre  Mutter  gerichtet,  den  sie  in 
Gnade  aufnehmen  moge.  Meine  Mutter  findet  ibn  „un- 
mbglich". 

So  vieles  scheint  Ihnen  nicht  zu  gehen.  Und  doch  -  ist  es 
nicht  einfach?  Von  Barbizon  miissen  Sie  erwarten  —  und  dies 
ist  das  Einzige,  das  auch  wir  von  ihm  wiinschen  —  daB  er 
endlich  einige  Feier-,  einige  Siihnetage  einlege,  daB  er  von 
sich  aus  die  Schuld,  die  ihn  durch  die  Vorgange  im  Sprechsaal 
trifft  (und  sei  er  personlich  lOmal  schuldlos)  anerkenne,  also 
siihne.  Von  diesem  Augenblick  an  wird  er  im  Sprechsaal 
stehen,  von  da  an  werden  wir  alle  uns  mit  gleicher  Freiheit 
zu  ihm  wenden  wie  Sie.1 

Zu  Guttmann  aber  —  der  auch  dem  nachsten  Sprechsaal 
wohl  fernbleiben  wird,  wenn  sich  nicht  nach  Absendung  der 
„Erklarungen"  Guttmanns  und  Heinles,  die  Freitag  ge- 
schieht,  alles  andert  -  mbgen  Sie  sich  nicht  wenden,  so  lange 
er  nicht  so  still  und  rein  geworden  ist,  Ihr  Vertrauen  zu  er- 
werben.  Zu  der  „Feigheit"  von  der  Sie  sprechen,  haben  Sie 
die  Pflicht.  Scheu  verwechseln  Sie  hier  mit  Feigheit.  GewiB 
wiirde  ich  die  Ablehnung  gegen  Guttmann  nicht  sogleich 
Scheu  nennen,  aber  mit  gutem  Gewissen  rechtf  ertige  ich  Ihre 
Ablehnung  mit  diesem  Worte.  Erst  mbge  Guttmann  Ihr  Ver- 
trauen verdienen  und  bis  dahin  darf  ich  vielleicht  ein  geisti- 
ges  Medium  zwischen  Ihnen  und  ihm  sein. 

Mbgen  Sie  es  meiner  geplagten  Zeit  verzeihen,  wenn  auch 
dieser  Brief  noch  nicht  ganz  zu  dem  herabreichen  sollte,  was 
Sie  meinen.  Aber  darum  bitte  ich  Sie :  wenden  Sie  sich  wieder 
und  wieder  fordernd  an  mich.  Bis  zu  einem  solchen  Grade 
trage  ich  vor  Ihnen  und  dem  Sprechsaal  die  Verantwortung 

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fur  Guttmann,  das  sagte  ich  Ihnen  gestern.  /  Es  ist  spat  ge- 
worden,  ich  bin  miide.  Gute  Nacht! 

Walter  Benjamin 

PS  Ich  habe  Sie  keinen  Augenblick  fur  „charakterlos"  ge- 
halten.  Audi  ich  bin  Guttmann  und  BarbizonKamerad.  Hof- 
fentlich  macht  Barbizon  es  mir  moglich  es  ihm  zu  bleiben. 

[Auf  dem  Umschlag]  PS  Mich  qualt  das  Gefiihl,  als  ob 
mein  etwas  angestrengter  Kopf  mich  verhindert,  Ihnen  alles 
auf  die  beste  Art  zu  sagen;  ich  muB  -  vielleicht  Sonnabend  — 
noch  einmal  wenige.Worte  hiervon  mit  Ihnen  sprechen. 

1  Im  berliner  „Sprechsaal"  war  es  zu  schweren  Zusammenstoflen  zwi- 
schen  Georg  Barbizon  und  einer  Gruppe  gekommen,  deren  Wort- 
fukrer  Heinle  und  Simon  Guttmann  waren.  Dahinter  standen  Aus- 
einandersetzungen  iiber  das  Gesicht  des  „Anfang"  und  Versuche,  die 
Redaktion  zu  wechseln.  W.  B.,  der  gerade  zum  Prasidenten  der  Freien 
Studentenschaft  gewahlt  worden  war,  suchte  zu  vermitteln,  obwohl  er 
innerlich  auf  Seiten  Heinles  und  Guttmanns  stand.  Es  wurden  viele 
Protokolle  und  andere  Schriftstiicke  verfaJBt,  und  die  Erregung  war 
monatelang  sehr  groB.  Eine  eingehende  Erklarung  Barbizons  „An  den 
Kameraden  Walter  Benjamin"  vora  12.  3.  1914  sowie  eine  „Darstel- 
lung"  Barbizons  der  Vorgiinge  vom  Februar  bis  zum  April  1914  haben 
sich  abschriftlich  erhalten.  Es  kam  zu  einer  Spaltung  im  „Sprechsaal", 
auf  die  mehrere  der  folgenden  Brief  e  Bezug  nehmen. 


31  An  Herbert  Belmore 


6.  Mai  abends  [1914]  Grunewald 

Lieber  Herbert  es  scheint  leichter,  aus  London  nach  Berlin 
zu  schreiben,  als  aus  Berlin  nach  London.1  Wenigstens  habe 
ich  das  letzte  schon  einmal  ohne  Erf  olg  versucht.  Hier  in  Berlin 
kann  man  seine  Tage  namlich  nicht  iibersehen,  und  wieder- 
um:  wo  lite  man  aus  ihrem  Zentrum  heraus  schreiben,  so  lau- 
tete  alles  uberschwanglich.  Aber  wiewohl  Berlin  einge- 
schrankt  ist  durch  Deine  Abreise  nach  London,  so  bleibt  es 
Berlin  und  es  bleibt  nichts  als  aus  der  Fiille  zu  schreiben. 
Da  ist  nun  von  dem  Eroffnungsabend  der  Fr[eien]  St[uden- 
tenschaft]  zu  sagen,  der  vorgestern  war,  der  viel  weniger 

99 


Studenten  als  Freunde  von  uns  im  Vortragssaal  fand,  der 
aber  —  indem  er  zwar  fast  auBerhalb  der  Studentenschaft 
stand  -  doch  eigenartig  schon  war,  indem  unerwartet  an 
einem  fremden  Orte  die  Freunde  sich  wieder  zusammenfin- 
den,  die  ausgezogen  sind,  urn  neue  zu  werben.  Immerhin  hat 
mein  Vortrag,  wie  ich  nun  weiB,  nicbt  wenige,  die  uns  bis- 
her  nicht  kannten,  bewegt.2  Diskussion  war  freigestellt  wor- 
den,  zwar  mit  der  Bemerkung,  daB  wir  gern  auf  sie  verzich- 
teten  und  so  meldete  sich  denn  auch  niemand.  Natiirlich 
waren  einige,  an  denen  alles  voriiberging.  Spater  einmal 
wirst  Du  den  Vortrag  lesen.  Dora  brachte  mir  Rosen,  weil 
meine  Freundin  nicht  in  Berlin  sei.  Nun  ist  es  wahr:  noch 
niemals  haben  mich  Blumen  so  begliickt,  wie  diese,  die  Dora3 
gleichsam  von  Grete4  brachte.  Wenn  ich  denke,  daB  ich  Dir 
nur  ein  fluchtiges  Wort  von  Dora  und  Max  sagen  konnte,  ehe 
Du  abreistest  und  daB  ich  sie  damals  erst  einmal  gesehen 
habe!  Ich  weiB  auch  jetzt  nicht,  was  ich  hinzufiigen  sollte, 
nachdem  ich  Donnerstag  bei  ihnen  zu  Abend  gewesen  bin, 
sprach,  Max  Gedichte  las  und  Klavier  spielte,  wir  Bilder  uns 
ansahen  und  Dora  mit  mir  von  Franz  sprach,  nachdem  wir 
spater  nachts  am  Montag  ein  Gesprach  hatten.  Am  Tisch 
saBen  noch  andere.  Dora  hatte  den  schonen  Gegenstand 
„Hilfe"  fur  den  Sprechsaal  vorgeschlagen,  und  Franz  machte 
sie  angstlich  mit  recht  angstlichen  und  kleinlichen  Einwan- 
den.  Bis  wir  so  sehr  das  reine  Wesen  des  Helfens  erkannten, 
daB  wir  sahen:  wir  konnen,  und  mit  jedem,  von  Hilfe  spre- 
chen.  Auch  nach  so  tiefem  Gesprach  oder  herzlichem  Zusam- 
mensein  kann  ich  Dir  von  beiden  nicht  mehr  sagen,  als 
damals  oder  noch  das  Eine,  was  ich  an  Grete  schrieb:  daB  mir 
wenige  Menschen  voh  gleicher  Giite  und  dennoch:  gleich 
sicherem  und  reinem  Blick  fur  Reinheit  oder  Getrubtheit 
menschlicher  Taten  und  des  Taters  erschienen.  Solche  Er- 
kenntnis  entwickelt  sich  jetzt  an  Franz,  wie  Du  wohl  weiBt. 
Noch  am  Abend  Deiner  Abreise  sprachen  beide  mit  mir  im 
Gehen  und  sagten  mir  vieles,  von  dem  ich  nichts  wuBte. 
Vielleicht  hat  Dir  Franz  dann  von  dem  Gesprach  geschrieben, 
das  ich  in  Folge  dessen  am  Mittwoch  mit  ihm  fuhrte.  An 
seiner  Beziehung  zu  Genia5  halt  er  innig-trotzig  fest.  So 

100 


sagte  ich:  tu,  was  Du  willst  und  fur  Recht  hal[t]st.  Wenn 
Du  aber  keinen  Rat  annimmst  (sondern  er  kokettiert  nur 
standig  mit  denen,  die  ihm  raten  —  und  dieses  Wort  ist  nicht 
zu  hart)  so  handle  endlich  selbstverantwortlich.  Sprich  mit 
keinem  Menschen  von  Deiner  Beziehung  zu  Genia.  Er  ver- 
sprach  es.  An  jenem  Abend  und  bevor  ich  so  sagte,  las  er  mir 
das  Scriptum  iiber  den  Beruf  z.  T.  vor.  Wer  leugnet,  daB  es 
Gedanken  enthalt?  Ich  weiB  aber  nicht,  welche  Ehre  Du  ihm 
damit  antun  willst,  daB  Du  es  judisch  nennst.  Nein  —  und 
das  zeigte  ich  Franz  —  es  ist  ganz  ohne  Mut,  ohne  letzte  Ent- 
schlossenheit  zu  seinem  Gegenstande  gedacht,  mit  Begriffen 
aus  einem  ganz  fremden  Zusammenhang,  dem  „Tagebuch"  6, 
zudem  ist  der  Stil  unnotwendig,  wie  mir  scheint,  und  viel 
Verwirrung  statt  Tiefe.  Er  revozierte  es,  dennoch  bin  ich 
nicht  ganz  sicher,  ob  er  nicht  noch  daran  schreibt.  Nein,  Her- 
bert, ich  bin  keineswegs  ganz  sicher  an  Franz.  Ich  habe  ihn 
stets  gegen  Dora  verteidigt.  Aber  noch  in  diesen  Tagen  nach 
meinem  letzten  Gesprach  mit  ihm,  das  ich  in  jeder  Hinsicht 
zum  ersten  und  letzten  iiber  ihn  und  Genia  mit  ihm  machen 
wollte,  horte  ich  Worte,  die  seine  seltsame  Zweideutigkeit 
enthalten,  erfuhr  ich  durch  Zufall,  daB  er  sich  mit  Leni 
Wieruszowski  verabredet,  wahrend  er  den  Sprechsaal  meidet 
und  sich  von  allem  „zuriickziehen"  wollte.  Du  weiBt,  daB 
Dora  sein  innerstes  Wesen  starker  in  Zweifel  zieht,  als  wir 
bisher,  die  wir  es  im  Gegenteil  behaupten.  Aber  wird  er  noch 
jetzt  spielen,  weniger  meine  ich  mich  obwohl  ich  entschei- 
dend  mit  ihm  sprach  -  als  Dora,  die  ihm  die  edelste  Hilfe 
leisten  will,  die  er  erwarten  konnte,  an  die  er  dennoch  einen 
nicht  eben  geistvollen  Brief  zum  Danke  richtete  —  wird  er 
hier  noch  spielen  und  sich  diese  Situation  zur  Bequemlichkeit 
zurechtlegen,  Problematik  noch  weiter  treiben  und  Unent- 
schlossenheit  —  so  weiB  ich  zwar,  daB  es  Menschen  geben 
wird,  die  audi  hier  ihm  noch  helfen,  ihn  erziehend  und 
vielleicht  bist  Du  sein  Erzieher  —  ich  aber  werde  an  der 
Grenze '  meines  Konnens  und  das  heiBt  hier  auch  meines 
Willens  stehen.  Das  ist  eine  letzte  Bereitschaft,  die  ich  bisher 
allerdings  noch  nie  hatte.  Ob  sie  notwendig  ist,  wirst  Du 
nach  einer  Zeit  erfahren. 


101 


Freitag  beginnen  die  Fiihrungen  der  Kunst  Abt.  [Simon] 
Guttmann  leitet  sie  und  wir  besuchen  zuerst  die  Bilder 
Schmidt- Rotluffs  bei  Gurlitt,  iiber  die  wir  sprechen.  Gutt- 
mann sagte  mir  neulich:  heute  vormittag  bekam  ich  einen 
Brief  von  Herbert  B.,  der  mi ch  -  weit  mehr  als  erfreut  hat. 
Und  Heinle  sagte  mir  einmal  etwas  Ahnliches.  Sonnabend 
war  ein  Sprechsaal.  Uber  Haltung.  Vielleicht  schrieb  Dir 
Dora  davon,  er  war  unvollkommen  wie  alle,  aber  nicht 
gedriickt. 

Kaum  denke  ich,  wie  lange  Du  schon  fort  bist.  Ich  hatte 
vieles  zu  erzahlen:  dafi  ich  [Martin]  Buber  in  einer  kostbar 
orientalisch  eingerichteten  Stube  besuchte  -  einmal  wird  er 
dabei  sein,  wenn  man  in  der  Freistudentenschaft  iiber  einen 
Dialog  des  „Daniel"  spricht.  Ich  muB  ihn  jetzt  lesen,  schreibe 
mir,  wenn  Du  ihn  hier  hast7,  so  daB  ich  ihn  entleihen  kann. 
DaB  die  Kollegien  unerquicklich  sind,  und  man  nur  gotisch 
lernt,  das  „Jahr  der  Seele"  aber  schon  und  schoner,  Gutt- 
mann mit  einigen  Spinoza  lesen  will,  als  endlich  sicherste 
Grundlegung  des  Verstandnisses  unter  einander,  und  -  daB 
ich  Grete  ein  Stilleben  schicken  will,  iiber  das  ich  schon  eine 
Woche  griible:  1  Carton  Cigaretten  Cordon  rouge,  ganz 
lange,  herrliche,  die  ich  neulich  in  einer  Gesellschaft  ent- 
deckte,  1  japanischen  Farbenholzschnitt,  deren  es  bei  Keller 
und  Reiner  gute  fur  2  Mark  gibt,  wenn  man  sie  auch  mit 
Hokusai  nicht  verwechseln  kann,  Vbgel  und  Graser,  und  ein: 
Buch,  Buch,  entziickend,  schon,  gut,  leicht  und  klein,  exotisch 
und  vertraut,  illustriert  und  farbig,  teuer  und  billig.  Ein 
Buch,  das  so  ahnlich  ist  -  sicher  gibt  es  nur  eines:  ein  Ideal  - 
Buch:  Bitte  sage  es  mir,  wenn  Du  eins  kennst.  Es  wird  Dir 
eines  einf alien,  wenn  ich  Dir  sage,  daB  dieses  Papier,  auf 
dem  ich  Dir  nun  Adieu  sage,  Dir  eine  gute  Stellung  und 
mir  einen  Brief  von  Dir  wunsche  -  eines  Tages  aus  Mtinchen 
kam. 

Dein  Walter 

1  Belmore  war  seit  April  1914  in  England.  Er  war  englischer  Burger. 

2  Es  war  W.  B.s  Antrittsrede  als  Prasad  en  t  der  Freien  Studentenschaft 
in  Berlin,  von  der  ein  Teil  in  „Das  Leben  der  Studenten"  gedruckt  ist. 

3  Dora  Pollak,  geh.  Kellner,  W.  B.s  spat  ere  Frau.  Sie  war  damals  mit 

102 


Max  Pollak  (gest  1960)  verheiratet  und  nahm  lebhaften  Anteil  am 
„Sprechsaal". 

4  Grete  Radt,  mit  der  W.  B.  damals  verlobt  war. 

5  Der  Schwagerin  von  Herbert  Belmore.  Sie  war  eine  Russin  aus 
St.  Petersburg. 

6  Ein  Teil  von  W.  B.s  „Metaphysik  der  Jugend",  die  in  Abschriften 
unter  s  ein  en  Freunden  kursierte.  Scholems  Abschrift  ist  erhalten. 

7  Bubers  „Daniel,  Gesprache  von  der  Verwirklichung"  war  1913  er- 
schienen.  Am  23.  Juni  1914  fand  eine  Auseinandersetzung  iiber  das 
Buch  zwischen  Buber  und  W.  B.  in  der  Freien  Studentenschaft  statt. 


32  An  Herbert  Belmore 

15.4.  [muBheifien:  5.]  14 
Grunewald 

Lieber  Herbert  Du  hattest  mich  eben  in  einer  Bemiihung  ge- 
sehen,  wie  Du  all  die  Jahre,  die  wir  uns  kennen  bei  mir  noch 
nicht  bemerktest.  Ich  safi  am  Klavier,  noch  dazu  ohne  Noten, 
die  ich  immer  noch  nicht  lesen  kann,  und  spielte  mir  hinrei- 
fiende  Terzen  und  Oktaven  vor.  Das  Schonste  namlich,  was 
mir  der  Sommer  hier  bringen  konnte,  wird  Ereignis:  Max 
und  Dora  werden  mit  mir  den  Halm1  durchnehmen.  Zwi- 
schen den  Stunden  will  ich  mit  meiner  Schwester  wiederholen, 
naturlich  wird  es  erstaunlich  langsam  gehen.  Aber  vielleicht 
wird  der  kleinste  Anfang  der  Grund  sein,  auf  dem  ich  spater 
selbststandiger  vorwarts  komme.  Mittwoch  begannen  wir,  es 
war  ein  Abend,  an  dem  auch  Simon  Guttmann  bei  ihnen  war, 
der  Dora  wundervolle  rot-schwarze  glanzende  Tulpen  mit- 
brachte.  WeiBt  Du,  daB  ich  das  Vermogen,  auf  Blumen  zu 
achten  und  mich  iiber  sie  zu  freuen,  erst  in  diesem  Jahre  und 
plotzlich  bei  hundert  Gelegenheiten  zugleich  entdeckte.  Ge- 
stern  zum  Bei  spiel  besuchte  mich  Lisa2  und  brachte  mir  Mai- 
glockchen  mit.  Von  neulich  abend  nun,  wie  erst  Max  und 
Guttmann  eine  Stunde  im  Schreibzimmer  waren,  und  ich 
mit  Dora  in  ihrem  Zimmer  von  Sprechsaal,  von  Dr.  Wyneken 
objektivem  Geist  und  Religion  sprach,  wird  Dir  Dora  ge- 
schrieben  haben,  wie  es  jetzt  uberhaupt  fur  mich  die  einzige 
Sicherheit  ist,  daB  Dora  Dir  von  den  Dingen  hier  schrieb. 

103 


Hatte  ich  diese  GewiBheit  nicht,  sondern  miiBte  denken,  daB 
vielleiclit  Franz  und  Hertha  Levin  die  einzigen  waren,  die 
schrieben,  ich  miiBte  fortwahrend  am  Schreibtisch  sitzen,  so 
wiirde  ich  glauben,  und  Dir  sagen,  daB  alles  klarer  einfacher 
ruhiger  zugeht  als  Du  vermuten  muBt.  Wenigstens  zugehen 
konnte.  Und  selbst  Dora  finde  ich  nicht  immer  so  ruhig  wie 
ich  mochte.  Sie  hat  manche  Nachte  lang  wenig  geschlafen. 
Aber  sie  fiihlt  immer  von  Neuem  das  Richtige  und  Einfache 
im  Grunde  und  daher  weiB  ich,  daB  wir  ubereinstimmen,  so 
selten  zu  schreiben  ich  auch  Zeit  habe  (Briefe  zwischen  Grete 
und  mir  kreuzten  sich,  in  denen  wir  uns  von  Dir  griiBten) 
So  wirst  Du  nun  auch  von  Barbizons  letztem  Schreiben  wis- 
sen,  das  Du  in  einer  Woche,  wenn  es  mir  entbehrlich  wird, 
zum  TJberdruB  noch  erhalten  und  lesen  wirst.  In  dem  gibt  er 
erst  eine  „Darstellung",  die  am  20ten  April  geschrieben  ist 
und  danach,  als  er  noch  einmal  alles  Beweismaterial  aufge- 
hauft  hat,  laBt  er  im  „SchluBwort"  vom  12.  Mai  veranlaBt 
durch  Dr.  Wynekens  Brief,  den  Verdacht  „aus  Mangel  an 
Beweisen"  fallen,  ist  zu  jeder  neuen  Arbeit  mit  jedem,  der 
sich  auf  den  Boden  von  Dr.  Wynekens  Brief  stellt,  bereit.3 
Vorher,  im  Absatz  vor  dem  SchluBwort,  beteuert  er,  keinen 
Groll  gegen  mich  zu  hegen,  meine  Absichten  seien  eben  nur 
auf  eine  Dimension  eingestellt  gewesen,  das  habe  er  jetzt 
verstanden:  „namlich  viertdimensionalst".  Immer  ist  ihm  die 
Journalistik  noch  dazu  gut,  Gefiihl  und  Gedanken  zu  ver- 
meiden.  Gestern  kam  nun  eine,  ohne  Unterschrift  abgefaBte 
Einladung  zum  Sprechsaal,  die  mit  oden  und  frechen  Wor- 
ten  wieder  einmal  „Reinheit  der  sinnlichen  und  geistigen 
Instinkte"  fordert,  erwartet,  daB  jeder  im  Sprechsaal  gewillt 
sei,  sein  Bestes  ans  Licht  zu  stellen,  mit  dem  schonen  Satze 
zur  Unterschrift  "Wer  Sonnabend  da  ist,  bekundet,  daB  er 
sich  das  zu  eigen  gemacht  hat."  Herbert,  es  widerstrebt  mir 
sehr,  Dir  von  all  dem  zu  schreiben,  weil  es  ein  solcher  Wust 
von  Verwirrung  ist  und  Du  doch  die  GewiBheit  und  das  Ge- 
fiihl der  Einzelnen,  die  sich  frei  gemacht  haben,  nicht  ver- 
mittelt  erhal[t]st,  wenigstens  nicht  in  diesen  Worten.  Von 
Franz  zwar  ist  wieder  zu  sagen,  daB  er  Kopf  und  Herz  ver- 
loren  hat.  Heute  abend  spreche  ich  ihn  im  Beirat.  Ich  werde 

104 


ihn  fragen,  ob  er  in  den  „gemeinsamen"  Sprechsaal  geht, 
bejaht  er  es,  wie  ich  vermute  —  nach  einem  neulich  fliichtigen 
Gesprach  mit  mir,  als  er  das  Schreiben  schon  vor  mir  kannte, 
so  erinnere  ich  ihn  an  das  Versprechen,  das  er  mir  nach  dem 
Sprechsaal  in  meiner  Wohnung  vor  dem  Fest  bei  Heine4  gab. 
Ich  verlange,  ohne  mit  ihm  zu  diskutieren,  daB  er  Dir  und 
mir  folgt  und  nicht  geht.  Wenn  nicht  —  nun,  Dora  und  ich 
halten  sich  jetzt  fern  von  ihm,  denn  zu  uns  zu  kommen,  muB 
er  endlich  freiwillig  sich  entschlieBen.  So  selten  er  die  letzten 
Male  (wohl  3mal  in  5  Wochen)  mit  mir  zusammen  war,  ge- 
schah  es  wohl  auf  mein  Bitten.  Dora  meint,  er  ziehe  sich  von 
mir  zuriick,  weil  es  ihn  belastet,  daB  Genia  erzurnt  auf  mich 
ist  -  natiirlich  ohne  Grund  —  und  erregt  von  mir  spricht,  ohne 
daB  er  mich  energisch  genug  verteidigt.  Gleichviel:  er  muB 
einmal  zu.  einer  Tat  kommen,  deren  Motive  er  aus  sich 
schopft,  statt  daB  einer  sie  ihm  in  die  Seele  hinein  diskutiere. 
Hast  Du  jemals  an  eine  Moglichkeit  gedacht?  Franz  durch 
Lisa  zu  erziehen?  Fast  erschien  sie  mir  gestern  als  so  stark 
und  fahig,  daB  sie  es  konnte.  Trotzdem  alles  sie  verwirrt 
hatte  und  sie  weniges  verstand,  sagte  sie  mir:  daB  sie  nicht 
zum  Sprechsaal  Sonnabend  gegangen  ware,  auch  hatte  sie 
mich  nicht  gesprochen,  denn  sie  fiihlte,  daB  zu  jenem  Sprech- 
saal zu  gehen  auch  einem  Zweifelnden  (in  Wahrheit  nur  die- 
sem)  moglich  sei,  daB  er  nicht  wie  wir  EntschluB  und  Ver- 
trauen  verlangt.  Und  ich  war  froh  ihr  sagen  zu  konnen: 
Bezwingen  Sie  sich,  Lisa,  nicht  mehr  hieriiber  nachzudenken. 
Hierin  darf  man  nicht  nachdenken,  um  zu  Ergebnissen  zu 
kommen,  die  muB  man  wissen,  und  Denken  ist  nur  erlaubt 
zum  Zwecke,  andere  vom  Denken  abzuhalten,  sie  darauf  zu 
weisen:  daB  diese  ganze  Frage  nur  deshalb  schwer  scheint 
und  unsicher,  weil  sie  an  die  Voraussetzungen  riihrt,  die  Vor- 
aussetzungen  zu  wissen  aber  nur  Sache  der  BewuBten  sei,  der 
andern  Sache  aber:  das  Vertrauen  und  die  Willenskraft,  nicht 
selbst  zu  denken,  (denn  Voraussetzungen  sind  nicht  erschlieB- 
bar  und  den  UnbewuBten  unbewuBt),  sondern  zu  folgen  oder 
—  wenn  sie  nicht  so  weit  vertrauen  -  abseits  zu  stehen,  wie 
Molkentin,  aber  nicht  zu  richten.  Und  hier  wollen  gerade 
immer  die  Unsichern  richten,  vermitteln.   [Fritz]  StrauB, 

105 


Franz.  Oder  endlich :  sich  zur  BewuBtheit  durchringen.  Dies 
ist  eine  geringste,  mindeste  Qualitat  des  Fiihrers.  Nicht  alle 
werden  es.  Hatte  es  einen  unter  uns  gegeben,  der  niemals 
nachgedacht  hatte,  der  ware  am  sichtbarsten.5  Danach  nun 
konnte  ich  mit  ihr  Gedichte  von  Holderlin  lesen  und  sie  ging 
so  ruhig,  wie  sie  unruhig  gekommen  war.  Schon  2  Tage  vor- 
her  hatte  sie  versucht,  Franz  dazu  zu  bringen,  nicht  am  Sonn- 
abend  in  den  Sprechsaal  zu  gehen.  Aber  Franz  hatte  undeut- 
lich  geantwortet.  —  Von  uns  werden  vielleicht  nur  Guttmann 
und  Cohrs6,  der  von  Gottingen  auf  ein  paar  Tage  zu  Heinle 
heriiber  gekommen  ist,  zum  Sprechsaal  Sonnabend  gehen. 
Guttmann  wird  ein  paar  abschlieBende  Worte  sprechen: 
uns  ere  Kraft  reicht  nicht  hin,  die  hartnackige  Verwirrung 
dieser  Leute  zu  klaren,  wird  auch  das  sagen,  was  ich  gestern 
Lisa  sagte,  und  dann  gehen.  Aber  es  ist  noch  nicht  gewiB: 
vielleicht  spricht  auch  ein  andrer.  DaB  wir  alle  wieder  hin- 
gehen,  hat  keinen  Sinn  mehr.  Denke  Dir,  daB  es  Lisas  Ge- 
danke  war,  Guttmann  musse  sprechen! 

Heute  werde  ich  mir  aus  Deiner  Bibliothek  den  Daniel 
holen  und  hoffe  auch  das  Stundenbuch  zu  finden,  sonst  ware 
es  gut,  Du  schicktest  es  mir.  Vorher  werde  ich  im  Graphischen 
Kabinett  sein.  Dort  kaufte  ich  neulich  fur  1  M  eine  sehr 
scheme  Reproduktion  einer  Rodinschen  Tuschzeichnung.  Wie 
ich  iiberhaupt  bei  den  Bemuhungen,  das  Stilleben  fur  Grete 
zusammenzusetzen  sehr  auf  die  Graphik  komme.  Ich  setze: 
ich  miiBte  Gliick  haben  und  etwas  sehr  Schbnes  finden.  Der 
Rodin  ist  zwar  herrlich,  aber  paBt  nicht  zu  Buch  und  Ziga- 
retten.  Als  ich  iiber  dies  Buch  nachdachte,  hatte  ich  bei  aller 
Wahl  so  einen  leisen,  iiberlegenen,  mitschwingenden  Buch- 
gedanken:  —  aber,  einmal  gedachte  ich  nicht  ein  so  teures 
Buch  zu  kaufen,  und  es  war  mir  auch  fast  zu  naheliegend.  Da 
kam  die  Karte  —  darauf  stand  es.  Nun  gibt  es  keine  Wahl 
mehr  als  zwischen  den  2  Ausgaben  bei  Muller  und  Bardt.7 
Ich  kenne  jetzt  beide  und  wahle  ohne  Zogern  die  von  Miil- 
ler,  ein  Faksimiledruck  der  deutschen  Erstausgabe,  viel  ge- 
haltvoller  als  die  grbBere,  breitere  Ausgabe  bei  Bardt,  die 
weit  abstehende  Zeilen  und  ganz  weiBes  Papier  hat.  Die 
Ubersetzung  ist  bei  beiden  die  der  Erstausgabe.  Nun  brauche 

106 


ich  also  noch  ein  Blatt,  das  zu  der  Ausgabe  von  Miiller  paBt. 
Heute  nachmittag  will  ich  Reproduktionen  alter  Handzeich- 
nungen  ansehen. 

Ich  bin  jetzt  umgezogen  in  das  Zimmer,  das  Balkon  hat 
und  neben  meinem  friihern  liegt.  Es  ist  wohnlicher,  hat  einen 
guten  Schreibtisch,  iiber  dem  nur  leider  ein  langer  Spiegel 
hangt,  so  daB  man  beim  Schreiben  nicht  aufsehen  kann.  Man 
kann  ihn  verhangen  lassen  oder  wegschaffen,  aber  vorlaufig 
arbeite  ich  nicht  daran,  denn  dazu  fehlt  jede  Zeit  mir.  Zeit- 
schriftenaufsatze,  kleine  Novellen,  ein  Band  George,  ein  Bal- 
zac, Lektiire  von  Fichtes  „Deduzierter  Plan  einer  in  Berlin 
zu  errichtenden  hohern  Lehranstalt",  seine  mutige  Denk- 
schrift  zurGriindung  der  Berliner  Universitat.  Dies  ist  meine 
Lektiire  in  grofien  Abstanden,  scheinbar  viel  -  doch  wenig. 
Ich  lese  sie,  weil  ich  vielleicht  einiges  daraus  vorlesen  will, 
wenn  ich  heute  im  Beirat8  angegriffen  werde.  Es  ist  sehr 
verwandt  mit  einzelnen  Gedanken  aus  meiner  Pvede.  Die  Du 
iibrigens  wohl  erst  in  Wochen  erhalten  wirst,  wenn  irgend 
eine  Moglichkeit  zur  lesbaren  Abschrift  sich  geboten  hat. 
Vielleicht  wird  dieser  Beirat  heute  sehr  stiirmisch  und  inter - 
essant,  bald  wirst  Du  durch  Dora  davon  Nachricht  erhalten, 
denn  sie  und  Max  kommen  auch. 

In  Weimar9  werde  ich  meine  Rede  nicht  als  Festrede,  son- 
dern  wahrend  der  Tagung  halten,  weil  man  sie  diskutieren 
will.  Auch  dazu  ist  Fichte  gut  und  Nietzsche  wird  gut  sein: 
von  der  Zukunft  unsrer  Bildungsanstalten.  Endlich  werde  ich 
im  Juni  in  Munchen  sein. 10  Gestern  schrieb  ich  Grete :  meine- 
Beziehung  zu  ihr  ist  das  einzig  Schopferische  in  dieser  un- 
glaublich  zerrissenen  Arbeitszeit,  sie  ist  der  einzige  Mensch, 
der  mich  augenblicklich  in  der  Totalitat  sieht  und  erfaBt. 
Hatte  ich  nicht  dieses  BewuBtsein  —  ich  kbnnte  das  Zerflat- 
ternde  dieser  Tage,  das  keiner  ernsten  Tatigkeit  Dauer  ge- 
stattet,  keine  menschliche  Beziehung  ganz  frei  von  Zwang 
der  Besprechungen  und  Schlichtungen  lafit,  kaum  ertragen. 
Erst  gestern  abend  als  Cohrs,  Suse  Behrend11,  Heinle  ich 
und  dann  auch  Guttmann  zusammen  im  Cafe  waren,  wurde 
mir  dies  deutlich.  So  bleibt  das  Schonste:  mit  Max  und  Dora 
den  Halm  zu  arbeiten.  Und  einen  Brief  von  Dir  zu  erhalten 


107 


aus  einem  Dasein,  das  unser  noch  unruhiges  hundertfach 
durch  Entriicktheit  und  Gegenwart  iiberwiegt.  Von  Willi 
[Wolfradt]  nichts  zu  horen  -  als  durch  Grete,  mit  der  er  ofter 
spricht. 

Ich  habe  den  Auftrag,  Dich  mit  samtlichen  GriiBen,  die 
Du  in  Berlin  so  mafilos  austeilst,  zu  iiberschiitten. 

Dein  Walter. 

1  Vgl.  zu  dem  Brief  vom  17.  Juli  1915. 

2  Lisa  Bergmann,  spater  die  Frau  von  Max  Pollack, 

3  Diese  Darstellung  ist  erhalten. 

*  Der  sozialdemokratische  Reich  stags  abgeor  duet  e  Wolfgang  Heine, 
der  die  Freideutsche  Jugendbewegung  und  die  Freie  Studentenschaft 
unterstiitzte. 

5  Der  Begriff  des  Fuhrertums  in  der  neuen  Jugend  spielte  in  der 
Freideutschen  Jugend,  und  besonders  in  dem  Kreis  um  Wyneken,  eine 
groJ3e  Rolle. 

6  Ferdinand  Cohrs,  damals  Theologiestudent. 

7  Wohl  einer  der  Bande  von  Sterne  in  den  Buchern  der  Abtei  Thelem 
bei  Georg  Miiller,  Yoricks  empfindsame  Reise,  Munch  en  1910.  Die 
Ausgabe  bei  J.  Bard  in  Berlin  1910.  Vgl.  Brief  vom  23. 12. 1917. 

8  Beirat  der  Freien  Studentenschaft. 

9  Aus  der  Tagung  der  Freien  Studentenschaften,  im  Juni  1914,  an  der 
W.  B.  als  President  der  Berliner  Freien  Studentenschaft  teilnahm; 
siehe  im  nachsten  Brief,  sowie  vom  22.  Juni. 

10  Grete  Radt  studierte  damals  in  Miinchen. 

11  Starb  1918  an  der  Grippe.  Enge  Freundin  von  Wolf  Heinle. 


33  An  Ernst  Schoen 

25.  Mai  1914  Joachimsthalerstr.  14 

Lieber  Herr  Schoen, 

ich  danke  Ihnen  herzlicli  f iir  Ihren  Brief  und  dem,  was  Sie 
uber  die  Freistudenten  sagen,  mochte  ich  erwidern.  Es  han- 
delt  sich  namlich  im  Augenblick  nicht  darum,  die  unkulti- 
vierte  Masse  zu  kultivieren,  vielmehr:  den  Platz,  wo  sonst 
das  Schlimmste  stattfindet,  rein  zu  behaupten.  Vortrage  fm- 
den  statt  vor  wenigen  Leuten,  von  denen  wenige  Studenten 

108 


sind.  Diese  Studenten  aber  kommen  wieder,  horen  von  Mai 
zu  Mai  aufmerksam  zu,  drauBen  im  Lande  schweigt  man 
doch  mit  einem  gewissen  Respekt.  Diesen  Respekt  und  jenen 
bescheidneren  Ton  der  Vortrage,  eine  gesittete  Art  von  Ver- 
sammlungen  zu  schaffen,  ist  das,  was  wesentlich  getan  wer- 
den  kann.  Es  soil  zur  Folge  haben,  daB  Gemeinheit  und 
schlechte  Erziehung  sich  kiinftig  in  der  Gemeinschaft  von 
Freistudenten  weniger  wohl  fiihlen.  DaB  sie  diesen  Kreis 
meiden  miissen,  als  einen  ungewissen,  schwerzu  iiberschauen- 
denOrt  seltsam  ernsterBestrebungen.  Schon  jetzt  ist  sichtbar, 
daB  dies  erfiillt  werden  kann.  Niemals  habe  ich  einen  so 
ruhigen  Beirat  erlebt  als  den  letzten  und  trotzdem  gab  es 
prinzipielle  Diskussionen  in  einigem  Umfang.  Wie  nun  die 
schopferische  Erfiillung,  zu  der  allererst  die  Moglichkeit  ge- 
geben  wird,  dieses  Ortes  geschehen  kann,  ist  lediglich  eine 
Frage  der  Produktiven,  die  in  seinen  Kreis  geraten.  Bis  jetzt 
gibt  es  zwar  Horende,  aber  noch  wenig  Lehrende.  Wenn  es 
unbedingt  geschehen  muB,  bleibt  mir  nichts,  als  auch  im 
nachsten  Semester  mich  wieder  aufstellen  zu  lassen,  urn  dann 
einen  Nachfolger  zu  finden  (aus  dem  Kreise  der  Abiturienten 
unter  befreundeten  Schiilern)  der  den  Produktiven  in  der 
f reien  Studentenschaft  eine  bereitwillige  Gef olgschaft  schafft. 
Eben  um  mehr  kann  es  sich  nicht  handeln,  als  einen  Kreis  zu 
schaffen,  der  dem  Fiihrenden  seinen  Charakter  zugesteht, 
vom  Produktiven  seine  Geistigkeit  empfangt  ihm  folgend. 
Dies  kann  von  den  geringsten  stillsten  Anfangen  her  ge- 
schehen, ist  ein  Vorhang,  zudem  von  sehr  behiiteter  Unsicht- 
barkeit  gegen  Befeindung  (wenn  nicht  die  grobste)  geschiitzt; 
und  so  geschieht  es.  Es  wird  jetzt  in  Berlin  das  Gleiche  — 
namlich  eine  Erziehungsgemeinschaf t  -  begonnen,  was  Heinle 
und  mir  in  Freiburg  fur  einige,  und  nicht  zum  wenigsten 
uns,  zu  schaffen  gelang.  Mit  alldem  nun  kommt  man  auf 
den  Begriff  der  Akademie  heraus,  der  —  mir  scheint  -  heute 
nur  so  fruchtbar  gemacht  wird.  Langsam  wird  es  gelingen, 
Produktive  heran  zu  ziehen  und  die  Leitung  wird  sich  dann 
auf  die  Ordnung  beschranken  diirfen,  statt  wie  jetzt,  noch 
dynamisch  tatig  sein  zu  miissen.  Ihr  Freund  unterstiitzt  mich 
auBerordentlich  schon  durch  seine  bloBe  Anwesenheit  bei 


109 


Vortragen  u.  dgl.  Das  Presidium  muB  eine  starke  Sichtbar- 
keit  und  sozusagen  Allgegenwart  haben. 

Auf  dem  Weimarer  Freistudententage  werde  ich  eine 
Rede  iiber  „die  neue  Hochschule"  halten:  eine  von  einer 
neuen  Mittelschule  aus  geforderte  Utopie  der  Hochschule 
wird  gegeben  -  so  kann  man  das  faBlich  machen.  In  Wahr- 
heit  handelt  es  sich  allerdings  urn  die  Begriindung  einer 
neuen  Hochschule  aus  sich  selbst,  dem  Geiste.  Die  Diskussion 
in  einem  verstandnislosen  und  unvorbereiteten  Kreise  wird 
in  Weimar  chaotisch  werden,  feig,  getriibt,  wie  alles,  was 
heute  von  Bestrebungen  an  die  furchterliche  Offentlichkeit 
gerat.  Im  innern  lag  kein  Grund  vor,  das  Unerhorte  von  den 
Leuten  der  „Freideutschen  Jugend"  zu  erwarten,  aber  daB  es 
so  schmahlich  mit  ihr  zuging  ist  doch  schlimm.  Sie  wissen, 
daB  sie  sich  offiziell  von  Wyneken  trennte  (zu  schweigen  vom 
Anfang  und  den  Sprechsalen).  Wyneken  wird  jetzt  endlich 
-  im  Oktober  so  viel  ich  weiB  -  in  Triberg  seine  Schule  er- 
dffnen.  Die  Jahre  der  erzieherischen  Untatigkeit  haben  ihm 
auBerordentlich  geschadet.  Ich  erfuhr  es  daran,  wie  wenig  er 
den  anspannenden  Formen  die  die  Bewegung  in  Berlin  an- 
nimmt,  ihrer  sicherlich  starksten,  kiihnsten  und  gefahrlich- 
sten  Kraftanspannung,  die  sie  hier  gewinnt,  gewachsen  ist. 
Die  Konstituierung,  besser  Ermoglichung,  einer  nur  noch 
innerlich  und  intensiv,  nicht  im  geringsten  mehr  politisch 
begnindeten  Jugendgemeinschaft  erfiillt  nun  schon  iiber 
V4  Jahr  alle  hier  mit  den  starksten  Spannungen.  Bei  alledem 
und  gerade  darum  glaube  ich,  daB  hier  das  Ernsthafteste, 
vielleicht  das  einzig  emsthafte  getan  wird.  Ich  mochte  Sie 
bitten,  „Schule  und  Jugendkultura  zu  lesen  oder  noch  einmal 
zu  lesen,  falls  Sie  es  schon  taten.  Und  bedenken  Sie  bitte:  ob 
nicht  in  dem  „objektiven  Geist"  sich  anderes  noch  verbirgt, 
als  eine  Schiefheit  der  Begriindung,  Ich  wenigstens,  und 
Freunde  mit  mir,  kommen  immer  starker  von  jenem  Bilde 
der  Erziehung,  das  Wyneken  dort  gibt,  ab.  Mir  wird  klar:  er 
war  -  und  ist  vielleicht  noch  —  ein  groBer  Erzieher  und  in 
unserer  Zeit  ein  sehr  groBer.  Seine  Theorie  bleibt  weit  hinter 
seiner  Schauung  zuriick. 

Ich  danke  Ihnen  fur  die  Rucksendung  des  Buches.1  Ich 

110 


habe  jetzt  die  gliickliche  Gelegenheit,  es  mit  einem  befreun- 
deten  Ehepaar  durcharbeiten  zu  konnen,  zu  welchem  Zwecke 
ich  Noten  und  alles  andere  lerne,  auBer  klavierspielen,  da  ich 
dazu  noch  nicht  die  Zeit  finde.  Ebenso  danke  ich  Ihnen  sehr 
fiir  die  Moglichkeit  mein  Manuscript2  allgemeiner  zugang- 
lich  zu  machen,  die  Sie  mir  geben.  Herr  Cohn  3  hat  es  bereits 
weiter  gegeben.  Das  Drucken  hat  seine  groBen  Schwierig- 
keiten,  ich  weiB  kaum  einen  geeigneten  Ort,  bin  ungewiB  ob 
Robert  Musil  es  fiir  die  Wiene[r]  Rundschau  annimmt. 

Das  Semester  ist  unbefriedigend  wie  je,  ich  aber  biiBe  auf 
entlegnern  Gebieten  ab  als  Sie:  bei  Stefan  George,  auch  so 
weit  es  gelingt  bei  Balzac,  den  man  allerdings  verschlingen 
miiBte,  wahrend  ich  zu  sehr  stiickweisem  Lesen  genotigt  bin. 
Martin  Buber  hat  ein  unangenehmes,  weil  undurchdachtes 
Buch  mit  Namen:  „Danielu  geschrieben. 

Werden  Sie  Pfmgsten  verreisen?  Ich  mache  eine  Wande- 
rung  und  fahre  von  Weimar  aus  noch  eine  Woche  nach 
Miinchen. 

Mit  den  herzlichsten  GruBen  Ihr  Walter  Benjamin 

1  Von  A.  Halm. 

2  Es  handelt  sich  wohl  urn  die  „Metaphysik  der  Jugend". 

3  Alfred  Cohn  (gest.  1954),  der  spatere  Gatte  von  Grete  Radt;  ein 
Schulkamerad  von  W.  B. 


34  An  Ernst  Schoen 

Berlin,  22.  Juni  1914 

Lieber  Herr  Schoen, 

ich  habe  Ihnen  fiir  Ihren  Brief,  den  ich  als  ersten  und  will- 
kommendsten  in  Weimar  erhielt,  noch  nicht  gedankt.  Das 
geschehe  hiermit.  Sie  werden  durch  Nachrichten  IhresFreun- 
des  in  etwas  wissen,  wie  sehr  jedes  bereite  Wort  in  diesen 
Tagen  erfreuen  muBte.  Seit  Jahren  hat  mich  nichts  so  an- 
gegrifTen,  wie  die  kompakte  Boswilligkeit  dieser  Versamm- 
lung.  Es  fehlte  an  intelligenten  Leuten  nicht,  die  aus  Berlin 

111 


zugereist  waren.  Die  Inhaber  der  Stimmen  aber  waren  zum 
grbBten  Teile  von  der  Art,  der  man  sonst  aus  dem  Wege 
geht.  Hier  suchte  man  sie  auf.  Ich  beging  die  Torheit,  diesen 
Leuten  eine  Rede  iiber  die  neue  Hochschule  zu  halten,  in  der 
ein  gewisser  Anstand,  eine  gewisse  geistige  Einstellung  vor-  l 
ausgesetzt  (anstatt  bis  zur  Bewufitlosigkeit  betont)  war.  Dies 
war  ein  groBer  Fehler  und  ermoglichte  trottelhaften  Gemii- 
tern  eine  sogenannte  Ubereinstimmung  mit  mir  in  den  prin- 
zipiellen  Fragen.  An  den  SchluB  meiner  Rede  wollte  ich  die 
Verse  setzen,  die  Ihr  Brief  enthielt  —  hatte  ich  mich  nicht 
unerwartet  im  SchluBrhyt[h]mus  meiner  Rede  gefunden.  So 
werde  ich  dennoch  vielleicht  die  Niederschrift,  die  ich  in  den 
groBen  Ferien  anfertigen  werde,  damit  schlieBen. i  Nach  tag- 
lich  wiederholten  brutalen  Niederstimmungen  ist  das  einzige 
Ergebnis:  der  einsam  erhbhte  Platz,  den  unsere  Freistuden- 
tenschaft  -  nach  auBen  -  einnimmt  und  respektvolle  Furcht 
der  andern.  Im  geheimen  wiihlt  man.  Der  (geistige)  Fiihrer 
der  Gegner  ist  personlich  und  sachlich  ungebildet.  (In  einer 
hoflichen  Diskussion  in  einem  Cafe  erklarte  er  mich  fur 
„sittlich  unreif").  Die  Aussicht,  Berlin  im  nachsten  Semester 
zu  befestigen,  ist  nicht  gering.  Zwar  weiB  ich  noch  nicht 
sicher,  ob  ich  hier  bin.  DaB  Sie  den  Winter  hier  zubrachten, 
ware  wohl  nicht  moglich?  -  Danach  war  ich  in  Miinchen  und 
stellte  den  gleich  schlimmen  Zustand  der  dortigen  Freistu- 
dentenschaft  —  die  als  einzige  in  Weimar  mit  uns  zusammen 
ging  -  und  der  Jugendbewegung  fest. 

23.  Juni 
(ich  werde  diesen  Brief  wohl  in  kleinen  Absatzen  weiter 
schreiben  mussen,  so  sehr  ist  meine  Zeit  auseinandergerissen) 
Demnachst  sind  hier  in  der  Freistudentenschaft  einige  gute 
Abende,  wie  heute  eine  Diskussion  mit  Buber  iiber  den 
Daniel,  spater  ein  Vortrag  von  Ludwig  Klages2  und  einer  von 
Prof.  Breysig3.  Klages  besuchte  ich  in  Miinchen  und  fand 
ihn  bereit  und  hbflich.  -  Ich  ersehne  die  Ferien,  wie  Sie  sich 
denken  konnen  und  werde  Ende  Juli  so  friih  wie  moglich 
fliehen,  so  daB  es  fraglich  ist,  ob  ich  Sie  bald  nach  Ihrer  An- 
kunft  hier  begniBen  kann,  wie  ich  wollte.  Seit  ich  diesen 
Brief  begann  hat  das  Berliner  Chaos  (der  „  Jugendbewegung" 

112 


und  Freistudentenschaft  in  einem),  das  miihsam  und  mit 
Resignation  gebandigt  war,  von  dem  ich  mich  eben  etwas  in 
Munchen  erholt  hatte,  wieder  begonnen  sich  zu  regen.  Ein 
personlicher  Bekannter  von  mir  kam  in  eine  Gesellschaft 
gestiirzt,  in  der  Buber's  Buch  besprochen  wurde,  und  be- 
schimpfte  einen  mir  nahestehenden  Herren  laut,  verlieB 
nicht  den  Raum,  so  daB  man  die  Versammlung  aufheben  und 
an  einen  andern  Ort  gehen  muBte.  So  etwas  ist  naturlich 
unertraglich  aber  bei  einer  gewissen  Deutlichkeit  des  Wol- 
lens  ist  man  vor  dergleichen  sicher.  Aber  der  gleiche  Tag  hat 
mir  eines  der  erfreulichsten  Zeugnisse  gebracht,  die  ich  jetzt 
erwarten  konnte  —  namlich  den  Brief  eines  jungen  Wieners, 
zu  dem,  ohne  daB  er  mich  kannte,  soviel  aus  Berlin  gedrun- 
gen  ist  —  vielleicht  auch  mein  Schweigen  im  „Anfang",  das 
diesen  Sinn  hat,  daB  er  mich  um  einen  Briefwechsel  bittet, 
mit  Berufung  darauf,  daB  wir  beide  abseits  vom  stabilierten 
Kurs  der  Jugendbewegung  stehen.  Es  ist  schon  zu  bemerken, 
daB  es  in  einer  sehr  entfernten  Stadt  einen  jungen  Menschen 
gibt,  der  aus  dem  Larm  den  Klang  heraushort  und  zu  dem 
das  Schweigen  (das  schlieBlich  eines  der  deutlichsten  Ver- 
standigungsmittel  ist)  dringt.  Er  heiBt  Arno  Bronner4  und 
hat  mit  10  Jahren  ein  Drama  verfaBt:  „das  Recht  auf  Ju- 
gend"  das  sehr  mutig  und  begabt  ist.  Ich  kenne  es  aus  dem 
Manuscript. 

Die  groBen  Ferien  werde  ich  allein  in  irgend  einem  ab- 
gelegnen  Waldhaus  verbringen,  um  dort  Ruhe  und  Arbeit 
in  einem,  also  MuBe,  zu  finden.  Beides  habe  ich  nach  dem 
Leben  hier,  das  manchmal  hollisch  aussieht  und  jedenfalls 
keine  Zeit  zur  Vertiefung  laBt,  notig.  Ich  bedauere,  Ihnen 
mehr  Klagen  als  sonst  etwas  mitzuteilen-,  aber  da  ich  Ihres 
Verstandnisses  in  allem  positiven  Wollen  so  sicher  bin,  bleibt 
-  um  Ihnen  ein  Bild  dieses  Lebens  hier  zu  geben  —  nichts  als 
die  engen  Tatsachlichkeiten  zu  nennen.  Der  Anwesenheit 
Ihres  Freundes  hier  verdanke  ich  sehr  viel,  nicht  nur  an 
praktischer  Hilfe,  sondern  wirklich  an  Ermutigung  durch 
Dasein. 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen  Ihr  Walter  Benjamin 


113 


1  In  der  Tat  hat  W.  B.  die  Verse  Georges  an  Hofmannsthal  aus  dem 
„Jahr  der  Seele"  ans  Ende  des  Aufsatzes  „Das  Leben  der  Studenten" 
gesetzt,  der  im  „Neuen  Merkur",  September  1915,  und  in  Kurt  Hillers 
Sammelbuch  Das  Ziel  erschien. 

2  Klages'  Vortrag  fand  Mitte  Juli  statt.  Vgl.  H.  Schroders  Klages- 
Biographie,  Bd.  II,  S.  602. 

3  Kurt  Breysig  (1866-1940). 

4  Dies  ist  der  spater  ointer  dem  Namen  Arnolt  Bronnen  bekannt  ge- 
wordene  Autor  (1895-1955). 


35  An  Herbert  Belmore 

6./7.  Juli  1914  Nach  Mitternacht 

Ich  will  Dir  schreiben,  lieber  Herbert;  warum  gerade  jetzt? 
so  spat?  da  ich  garni cht  ganz  frei  von  Miidigkeit  bin.  Viel- 
leicht  nur  weil  ich  eben  merkte,  daft  es  einen  nachtlichen 
Kurfiirstendamm  gibt,  Cafes,  mich  nur  selten  in  ihnen.  Oder 
weil  die  nachsten  Tage  wieder  Beschaftigung  bringen  wer- 
den?  Den  ganzen  Abend  bin  ich  miiBig  gegangen,  ich  habe 
an  die  Ferien  gedacht.  Ich  erwarte  -  ich  darf  wohl  sagen :  mit 
Inbrunst  —  eine  Arbeitszeit.  Mein  Zyklus1  soil  sein  Ende 
erreichen  und  dann  soil  begonnen  werden,  niederzulegen,  was 
ich  vom  Wesen  der  Erziehung  erfassen  kann.  Dies  wird  in 
irgend  einem  kleinen  Ort  in  der  Einsamkeit  geschehen;  auf 
Bornholm  oder  in  den  Alpen,  den  Dolomiten  vielleicht.  Denn 
wenn  ich  nach  Bornholm  mit  Mutter  und  Sch wester  nicht 
fahre,  so  reise  ich  zuerst  auf  8  Tage  zu  Grete  nach  Munch  en 
und  dann  mit  ihr  wohl  in  die  Dolomiten.  Da  wandert  sie  mit 
ihrem  B  ruder2,  wahrend  ich  ruhe.  —  Dariiber  vergaB  ich  nun 
den  Kurfiirstendamm.  Ich  war  im  Cafe  des  Westens  um  Be- 
kannte  zu  treffen  und  saB  dort  lange  und  traf  sie  nicht.  Das 
macht  mir  nichts,  denn  meine  Gedanken  haben  so  heimat- 
liche  Ziele,  daB  sie  immer  allein  sein  konnen.  (Das  heiBt  aber 
nicht,  es  ginge  mir  bequem  und  ich  denke  mollig.  Vielmehr 
bin  ich  mir  der  kommenden  Wochen  mit  Strenge  bewuBt) 
Ich  las  in  einer  jiidischen  Zeitschrift.  Dann  sah  mich  Else 
Lasker-Schiiler  und  bat  mich  an  ihren  Tisch;  da  saB  ich 
V4  Stunde  zwischen  zwei  jungen  Leuten  wortlos.  Man  trieb 

114 


etwas  irrsinnige  SpaBe,  die  Frau  Lasker  sehr  freuten.  Sie 
kennt  mich  von  einem  einstiindigen  Gesprach,  das  wir  neu- 
lich  halb  aus  Zufall  fiihrten.  Sie  ist  im  Umgang  leer  und 
krank  —  hysterisch.  Robert  Jent[z]sch3  ging  vorbei,  der 
Freund  [Georg]  Heyms,  den  ich  jetzt  wenig  kenne,  ich  be- 
griiBte  ihn  und  sprach  wegen  Biichern,  die  ich  ihm  zu  leihen 
habe,  2  Worte.  Er  ist  der  hbflichste,  zuriickhaltendste  Mensch. 
Seine  Hbflichkeit  ist  ganz  prezios,  er  sagte  mir  neulich:  „Das 
Buch,  das  Sie  die  Giite  hatten  mir  —  Das  Buch,  das  Sie  mir 
giitigst  liehen  .  .  .".  Er  sagt:  „Dariiber  zu  urteilen  ware  ich 
weder  befugt  noch  berufen  .  .  ."  bei  den  einfachsten  Dingen. 
Seine  Bildung  scheint  groB.  Er  betragt  sich  gewahlt  und 
sympathisch,  man  fiihlt  einen  exakten  Denker,  ich  weiB,  daB 
er  Mathematik  studiert.  Sein  Wesen  ist  formvoll  das  an- 
spruchsvollste.  Ich  sprach  ihn  noch  selten  allein,  er  geht  mit 
Heinle  viel  um.  WeiBt  Du,  daB  ich  in  der  Wissenschaft 
wieder  nicht  weiter  komme?  Du  kannst  es  Dir  denken.  Ich 
lerne  gelegentlich  von  Heinle,  wenn  er  etwa  uber  Platen 
spricht.  Ich  lese  George  viel,  Kleists  Prosa  aufmerksam,  kiirz- 
lich  ein  Drama  von  Lenz.  Manchmal  belehrt  mich  ein  Auf- 
satz  von  Scheffler  uber  Munch  oder  den  vortrefflichen  Karl 
Hofer.  Ich  besuchte  Ausstellungen :  van  Gogh,  Heckel, 
Schmidt- Rotluff,  werde  die  Sezession  besuchen.  Vielleicht  ist 
Anschauung  bildender  Kunst  das  einzige,  in  dem  ich  in  dieser 
Zeit  fortgeschritten  bin.  Vor  Marees  saB  ich  (vor  einem 
Bilde)  eine  Stunde  mit  Grete  und  konnte  manches  bemerken. 
Die  Hochschule  ist  eben  der  Ort  nicht,  zu  studieren.  Wieviel 
mein  Amt  Schuld  tragt,  kannst  Du  ermessen.  Ich  verwalte 
es  nicht  erfolglos,  aber  unter  geradezu  qualenden  Widrig- 
keiten.  Und  dann  erscheint  alles  mit  Recht  so  unendlich 
klein,  wenn  Wolf  Heinle4  auf  dem  Frei student enf est  neben 
mir  steht,  in  der  Wickersdorfer  Miitze,  mit  seinem  herrschen- 
den,  ernsten  Blick  und  mir  nur  ein  paar  Worte  iiber  die  Men- 
schen  sagt,  die  da  tagen  —  mir,  weil  ich  die  Verantwortung 
habe.  Es  war  -  vorgestern  -  ein  Fest,  gut  genug  um  beurteilt 
zu  werden  und  -  beurteilt:  klaglich.  Ganz  hoch  iiber  andern 
freistudentischen  Festen,  durch  die  Anwesenheit  schoner 
Menschen  veredelt,  aber  doch  bef  angen  und  haBlich,  wie  alle 

115 


Feste  -  auBer  dem  unvergeBlichen  Wolfgang  Heines.5  Fiir 
mich  hatte  es  schone  Bedeutung  durch  Wolf  Heinle,  Wieland 
Herzf eld  6,  den  ich  zum  ersten  Male  sprach  und  der  von  mir 
sehr  tiefes  mir  sagte,  durch  ein  unerwartetes  schones  Zusam- 
mensein  mit  Carla  Seligson.  /  Im  Winter  werde  ich  hier  sein, 
vielleicht  im  gleichen  Amte,  das  ich  in  dem  Augenblick 
niederlege,  da  ich  sehe,  daB  ich  meine  Zeit  nicht  starker  vor 
ihm  bewahren  kann  als  in  diesen  Tagen.  Ich  weiB  nicht,  wie 
qualend  dies  Semester  mit  verbrachter  Zeit,  unkonzentrierter 
Tatigkeit,  marternden  menschlichen  Erfahrungen  angefiillt 
ware  in  meinem  BewuBtsein,  ware  es  nicht  durch  die  Tage  in 
Miinchen  gleichsam  niedergehalten  und  mit  der  VerheiBung 
kommenden  Schaffens  getrostet.  Von  diesen  Tagen  kann  ich 
Dir  nicht  mehr  schreiben.  Gretes  Briefe,  ein  Briefwechsel 
mit  Ernst  Schoen,  einige  Stunden  vor  Buchern,  ganz  selten 
Gesprache  mit  Heinle,  das  Sommerwetter,  in  dem  man  so 
allein  herumplatschert,  sind  hier  das  Schone.  Schon  genug 
um  im  Grunde  herzlich  gesund  zu  bleiben  und  mich  und  die 
schmerzlichsten  Geschehnisse  gut  in  mir  fiir  Deine  Riickkehr 
zu  verwahren,  die  ich  nicht  vorwegnehmen  will  aber  herbei- 
wiinsche  mit  den  allerherzlichsten  GriiBen  an  Dich.  Dir 
Sonne  wiinschend  und  einen  Menschen  dort,  einen  andern 
oder  Dich  selber,  der  Dir  Deine  mannliche  Ruhe  erhalte, 
die  ich  so  spat,  so  f roh  erf uhr. 

Walter 

1  Die  „Metaphysik  der  Jugend",  die  nicht  beendet  wurde. 

2  Fritz  Radt. 

3  Mathematiker  und  Lyriker,  dessen  Gedichte  in  den  damaligen  Zeit- 
schriften  der  Avantgardisten  gedruckt  sind.  Seine  Personlichkeit  hat 
auch  spater  noch  bei  W.  B.  nachhaltigen  Eindruck  hint erla^s sen. 

4  Der  jiingere  Bruder  F,  C.  Heinles,  an  dessen  Schicksal  W.  B.  bis  2U 
seinem  fruhen  Tod  (1923)  starken  Anteil  nahm.  Er  schrieb  Gedichte 
und  Dramen,  mit  denen  sich  W.  B.  zeitweise  stark  beschaftigte. 

5  Uber  dieses  Fest  hat  W.  B.  eine  ausfuhrliche  Niederschrift  gemacht, 
die  nicht  erhalten  ist. 

6  Das  ist  Wieland  Herzfelde  (geb.  1896),  der  spater  den  Malik-Verlag 
griindete. 


116 


36  An  Herbert  Belmore 

[17.  Juli  1914] 

Lieber  Herbert  —  was  bedeutet  das,  daB  ich  Dir  keinen  Brief 
schreiben,  nichts  von  dem  Leben  hier  mitteilen  kann?  Ich 
kann  es  nur  auf  eine  Weise  -  wenn  ich  nicht  von  hier 
schreibe,  nur  von  Grete  spreche.  Aber  auch  das  —  wie  unmog- 
lich.  Du  hast  mich  wahr  gesehen,  wenn  ich  auf  Deinen  Spa- 
ziergangen  schweigend  Dich  begleitete.  Mein  Schweigen  ist 
nun  das  einzige,  an  dem  meine  Freunde  mich  erkennen.  Das 
wenige,  was  ich  aus  Tagen  zu  berichten  habe,  erfahrt  meine 
Freundin  —  und  alles  andere  ist  doch  das  Eine.  Mein  Schwei- 
gen fuhle  ich  abgestuft  -  aber  es  ist  doch  der  eine  Rhythmus, 
der  auch  die  Entfernten  noch  erreicht,  Franz  und  Dora.  Und 
es  schlieflt  sich  zusammen,  als  einzige  Melodie  der  Wochen, 
die  ich  nun  erwarte.  Ware  mir  ein  strenges  Leben,  wie  Dir, 
hier  moglich. 

Mich  bildet  die  unbegreifliche  Liebe  der  Menschen.  Von 
Grete  kann  ich  Dir  nichts  sagen:  das  innerste  Schweigen  fin- 
det  keine  Worte.  Du  kennst  mich  genug,  um  zu  wissen,  was 
mir  begegnet  und  welcher  Mensch.  Aber  Du  kannst  mich 
nun  nicht  mehr  einzeln  denken,  und  es  ist  als  ware  ich  nun 
erst  in  eine  gottliche  Zeit  geboren,  in  ihr  zu  werden.  Und  die 
Seele  vondrei  andernFrauen  erreicht  mich  seltsam.  Ichweifi, 
daB  ich  nichts  bin,  aber  in  der  Welt  Gottes  stehe. 

Sind  wir  nicht  desselben  Weges  einen  Schritt  uns  unsicht- 
bar  gegangen.  Alles  dies  fiihlte  ich  aus  den  wenigen  Worten 
heraus,  die  von  Dir  im  letzten  „Anfang"  standen.  Ich  werde 
Barbizon  um  einen  Leitartikel  bitten:  ich  will  ihn  nennen 
„Mein  Abschied".  Ich  will  zur  Scham  iiber  dieses  Blatt  mah- 
nen  und  bitten,  es  verschwinden  zu  lassen.  Aus  diesem  gro- 
Ben  Sumpf  der  ACS,  Marburger  Tagung,  FG,  [unleserlich], 
bliiht  doch  nichts  Lebendes  mehr.  Neulich  stand  mal  drin 
„die  neue  Selbstachtung". 

Komm  im  Winter  her  und  hilf  mir  —  da  ich  die  Arbeit  in 
der  freien  Studentenschaft  fortsetzen  werde.  Sie  geschieht 
aufrichtig,  ohne  den  „Erfolg"  absehen  zu  konnen.  Mir  ge- 

117 


stattet  sie  nur  Lektiire  zweiten  Ranges:  ein  Buch  liber  die 
hohe  Charlotte  von  Kalb1,  Bliiher,  philosophische  Aufsatze. 

Grete  beschenkte  mich  wundervoll:  mit  einer  Orchidee, 
einer  ganz  kostbaren  dunklen  Kravatte,  die  sehr  zu  der  Orchi- 
dee paBt,  ein  Buch  mit  leeren  Blattern,  das  sie  hatte  binden 
lassen,  die  „deutschen  Stilisten"  und  einen  Band  Anekdoten 
von  Schafer.  Mit  dem  herrlichsten  Brief.  Meine  Eltern 
schenkten  mir,  was  ich  verloren  hatte:  Eine  Feldflasche,  Spa- 
zierstock,  dazu  groBe  schone  Manusscriptkasten,  Homer,  die 
griechisch-deutsche  Ausgabe,  lte  Halfte  der  Odyssee.  Ich  er- 
hielt  die  Bildersammlung :  italienische  Friihrenaissance,  die 
Diederichs  verlegt  hat. 

Seit  vielen  Jahren,  vielleicht  mehr  als  einem  Jahrzehnt, 
war  ich  zum  ersten  Male  am  15ten  Juli  in  Berlin.  Es  kam, 
dafi  ich  vor  Freude  in  den  Garten  ging,  und  dort  den  Som- 
mer  fand,  wie  er  sonst  an  diesen  Tagen  im  Schwarzwald 
oder  Engadin  gewesen  war.  Ich  hatte  ihn  in  diesem  Jahre 
noch  nicht  gefunden  —  wenn  nicht  in  den  schweren  schwulen 
Nachten. 

Ich  danke  Dir,  Herbert,  fur  Deinen  Gliickwunsch.  Ein 
Falke  ist  aufgestiegen. 

Walter. 

1  Ida  Boy-Ed,  Charlotte  von  Kalb,  Jena  1912. 


37  An  Ernst  Schoen 

Grunewald,  [25.  10.  1914] 

Lieber  Herr  Ernst  Schoen, 

Ihnen,  einem  Mutigen  wiinsche  ich  das  zu  sagen,  was  ich 
heute  (zum  wievieltsten  Male)  und  immer  entsetzlicher  ent- 
deckte.  Wogegen  Ironie  abzulegen  ist  um  den  Schmerz  so 
rein  wir  seiner  fahig  sind  als  Gestalt  zu  finden.  Audi  wech- 
selten  wir  hiervon  einige  Briefe,  die  will  mir  scheinen,  einer 
strengen  Entschlossenheit  bedurfen.  Wir  alle  nahren  doch 

118 


das  Bewufitsein  hiervon:  DaB  Radikalismus  zu  sehr  Geste 
war,  daB  ein  harterer,  reinerer,  unsichtbarer  uns  unentrinn- 
bar  werden  soil. 

Sie  haben  auf  die  einzige  Weise,  die  ich  leben  nenne,  bevor 
wir  dies  erwahnten,  die  Unmoglichkeit  in  sich  gefunden,  sich 
in  die  Schule  zu  begeben,  und  es  ist  Ihnen  die  Unmoglichkeit 
geworden,  jenen  Sumpf  in  vorgeschriebener  Absicht  zu  be- 
schreiten,  der  heute  die  Hochschule  ist. 

Es  ist  nur  dies  —  was  Sie  tief  er  wissen,  weil  Sie  es  niemals 
so  erfuhren,  wie  ich  —  daB  diese  Hochschule  fahig  ist,  noch 
unsere  Abkehr  zum  Geist  zu  vergiften.  Es  ist  wiederum  nur 
dies:  daB  ich  mich  entschloB,  die  Anschlage  der  Vorlesungen 
durchzugehen  ...  die  grelle  Brutalitat  sah,  mit  der  die  For- 
schenden  sich  vor  Hunderten  ausstellen,  gegenseitig  sich 
nicht  scheuen,  sondern  beneiden,  und  endlich  raffiniert  und 
pedantisch  Ehrfurcht  Werdender  vor  sich  selbst,  in  Furcht 
vor  Nun-Gewordenen,  Fnihreifen  und  Verfaulten  umfal- 
schen.  Die  unverhiillte  Rechnung  mit  meiner  Schuchternheit 
Furcht  Streberei  und  was  viel  mehr  1st  meiner  Gleichgiiltig- 
keit,  meiner  Kalte  und  Unbildung  erschrak,  entsetzte  mich. 
Kein  einzelner  von  alien  hebt  sich  da  heraus,  weil  er  die  Ge- 
meinschaft  der  anderen  duldet.  An  dieser  ganzen  Universitat 
kenne  ich  nur  einen  Forscher1,  und  daB  er  es  dahin  gebracht 
hat,  dies  wird  nur  durch  seine  ganzliche  Verborgenheit  und 
seine  Verachtung  dieser  Dinge  (vielleicht)  entschuldigt.  Die- 
sem  gegeniiber  stehend  ist  keiner  gewachsen,  und  ich  verstehe 
die  ganze  Notwendigkeit;  dem  eignen  Leben  muB  man  die 
Moglichkeit  nehmen,  hierauf  zu  stoBen,  denn  der  Anblick 
dieser  Gemeinheit  erniedrigt  unsaglich. 

„0  daB  doch  alle  groBe  Manner  waren  und  ich  zu  ihnen 
Du  sagen  konnte,  es  wird  mir  schwer  von  andern  zu  lernen" 
Aus  dem  Taschenbuch  meines  Freundes. 2 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Gemeint  ist  Kurt  Breysig, 

2  Heinle  hatte  sich  Anfang  August  das  Leben  genommen. 


119 


38  An  Ernst  Schoen 

[Januar  1915] 

Lieber  Herr  Schoen, 

ich  freue  mich  sehr,  dafi,  was  Sie  mir  vor  einigen  Wochen 
schrieben,  herzlich  Ihnen  erwidern  zu  konnen.  Zugleich  bitte 
ich  Sie  meine  Entschuldigung  dafiir  anzunehmen,  dafi  Sie 
am  letzten  Sonntag  vergeblich  auf  Jula  Cohn1  gewartet  ha- 
ben. Ich  erhoffe  ein  Zusammensein  mit  Ihnen  am  Anfang 
des  Februar,  da  ich  bis  dahin  eine  erfreuliche  Arbeit  liber  die 
Phantasie  und  die  Farbe  beendet  haben  werde.2  Sie  wissen, 
daB  zu  diesem  Gegenstande  Schones  bei  Baudelaire  zu  fin- 
den  ist. 

Mit  GruB  und  Gliickwunsch  Ihr  Walter  Benjamin 

1  Enge  Freundin  von  W.  B.  und  Ernst  Schoen;  Schwester  von  Alfred 
Cohn, 

2  Scheint  nicht  erhalten. 


39  An  Gustav  Wyneken 

[Berlin,  9.  3.  15.] 

Lieber  Herr  Doktor  Wyneken, 

ich  bitte  Sie  diese  folgenden  Zeilen  mit  denen  ich  mich  ganz- 
lich  und  ohne  Vorbehalt  von  Ihnen  lossage  als  den  letzten 
Beweis  der  Treue,  und  nur  als  den,  aufzunehmen.  Treuc- 
weil  ich  kein  Wort  zu  dem  sprechen  konnte,  der  jene  Zeilen 
iiber  den  Krieg  und  die  Jugend *  schrieb  und  weil  ich  doch  zu 
Ihnen  sprechen  will,  dem  ich  noch  nie  -  ich  weiB  es  —  frei 
sagen  konnte,  daB  er  mich  als  erster  in  das  Leben  des  Geistes 
fiihrte.  Ich  habe  zweimal  in  meinem  Leben  vor  einem  Men- 
schen  gestanden,  der  mich  an  das  geistige  Dasein  wies,  mich 
haben  zwei  Lehrer  auferzogen,  deren  einer  sind  Sie.  Als 
Sprecher  einer  kleiner  Zahl  Hirer  Schiiler  —  und  nicht  Ihrer 
nachsten  —  wollte  ich  in  Breslau  im  Oktober  1913  wenige 

120 


Worte  an  Sie  richten.  Die  Unfreiheit  einiger  von  diesen  lieB 
es  in  letzter  Stunde  nicht  dazu  kommen.  Die  Worte,  die  ich 
zu  sagen  gedachte  lauten : 

„  Diese  Zeit  hat  keine  einzige  Form,  die  uns  schweigenden 
Ausdruck  gestattet.  Wir  fuhlen  uns  aber  durch  die  Aus- 
druckslosigkeit  verknechtet.  Wir  verschmahen  den  leichten 
unverantwortlichen  schriftlichen  Ausdruck. 

Wir,  die  wir  hier  zusammen  sind,  glauben  daB  eine  Nach- 
welt  einmal  Ihren  Namen  nennen  wird.  Das  Leben  gestattet 
diesem  BewuBtsein  keinen  Raum.  Dennoch  soil  es  fiir  die 
Spanne  einer  Minute  Raum  geben.  Wir  nennen  Sie  den  Tra- 
ger  einer  Idee,  nach  auBen  sagen  wir  so;  es  ist  wahr.  Wir 
erlebten  aber  ein  anderes  als  Auserwahlte  in  dieser  Zeit.  Wir 
erfuhren,  dafi  auch  der  Geist  ganz  allein  und  unbedingt 
lebendige  Menschen  bindet,  daB  die  Person  iiber  dem  Per- 
sonlichen  stent;  wir  durften  erfahren,  was  Fiihrung  ist.  Wir 
haben  erfahren,  daB  es  reine  Geistigkeit  unter  Menschen  gibt. 
Fiir  uns  ist  das,  was  fast  alien  unendlich  ferner  ist,  wahr 
geworden." 

Das  Erlebnis  dieser  Wahrheit  lieB  uns  diese  Worte  sagen. 
Gegen  Sie  selbst  muB  ich  mich  zu  Ihnen  bekennen  wie  Sie 
mir  als  der  stren'gste  Liebende  dieser  lebenden  Jugend  vor 
Augen  sind.  Einmal  sagten  Sie  vom  Knaben  und  Madchen 
„Die  Erinnerung  daB  sie  einmal  Kameraden  gewesen  sind 
im  heiligsten  Werke  der  Menschheit,  daB  sie  einmal  zu 
zweien  ,ins  Tal  Eidorzhann',  in  die  Welt  der  Ideen  geblickt 
haben,  diese  Erinnerung  wird  das  starkste  Gegengewicht 
gegen  den  sozialen  Kampf  der  Geschlechter  bilden,  der  immer 
war,  zu  unserer  Zeit  aber  in  hellen  Flammen  auszubrechen 
und  die  Giiter  zu  dessen  Hiiterin  die  Menschheit  bestellt  ist, 
zu  gefahrden  droht.  Hier  in  der  Jugend,  wo  sie  noch  Men- 
schen im  edlen  Sinn  des  Wortes  sein  diirfen,  sollen  sie  auch 
einmal  die  Menschheit  realisiert  gesehen  haben.  Dies  groBe 
unersetzliche  Erlebnis  zu  gewahren,  ist  der  eigentliche  Sinn 
der  gemeinsamen  Erziehung." 

Die  Oeo>pia  in  Ihnen  ist  erblindet,  Sie  haben  den  fiirchter- 
lichen  scheuBlichen  Verrat  an  den  Frauen  begangen,  die  Ihre 
Schiiler  lieben.  Sie  haben  dem  Staat,  der  Ihnen  alles  genom- 

121 


men  hat,  zuletzt  die  Jugend  geopf ert.  Die  Jugend  aber  gehort 
nur  deii  Schauenden,  die  sie  lieben  und  in  ihr  die  Idee  iiber 
alles.  Sie  ist  Ihren  irrenden  Handen  entf  alien  und  wird  weiter 
namenlos  lei  den.  Mit  ihr  zu  leben  ist  das  Vermachtnis,  das 
ich  Ihnen  entwinde. 

Walter  Benjamin 

1  „Jugend  und  Krieg",  1914. 


40  An  Herbert  Belmore 

[April  1915] 

Lieber  Herbert, 

ich  komme  vom  Besuche  bei  Alfred  Steinfelds  Eltern.  Ihr 
Sohn  ist  am  sechsten  April  an  einer  Nierenentziindung  die 
er  sich  im  militarischen  Sanitatsdienst  zuzog  in  der  Wohnung 
seiner  Eltern  gestorben.  Beim  Hinausgehen  fiihrte  mich  die 
Mutter  in  sein  Zimmer  das  -  vielleicht  nach  jiidischer  Sitte  — 
ganz  unberiihrt  lag  daB  ich  im  aufgedeckten  Bett  den  Ab- 
druck  seines  Korpers  zu  sehen  meinte.  Seine  Uniform  und 
Militarmutze  lag  auf  einem  Sessel.  Ich  glaube  er  ist  gerade 
zu  der  Zeit  gestorben  als  sein  Geist  sich  sicher  wieder  auf- 
richtete,  das  letzte  Mai  das  ich  ihn  vor  Monaten  sah  hatte  er 
neuen  Boden  gewonnen.  Ich  weiB  nicht  ob  Du  so  sehr  die 
Erinnerung  an  ihn  hast  wie  ich  daB  er  als  ein  sehr  edler 
sehr  unentwickelter  Mensch  in  versprechendem  Leid  gelebt 
hat.  Er  hat  die  wenigen  Tage  seiner  furchtbaren  Krankheit 
so  ertragen  daB  die  Eltern  ihre  Natur  erst  zu  spat  ahnten. 
Ich  kann  —  nicht  aus  Uberlegung  sondern  aus  Anschauung  — 
nicht  ungliicklichere  Menschen  denken  als  sie  da  ich  nie  ein 
Zusammenleben  kannte  das  so  sehr  von  dem  einzigen  Sohne 
Licht  und  Entfaltung  empfing.  Ich  bitte  Dich1  darum  mit 
Nachdruck  einige  freundliche  Worte  an  sie  zu  richten. 

Walter 

1  Belmore  befand  sich  in  der  Schweiz. 

122 


41  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  27.  Oktober  1915 

Lieber  Herr  Scholem, 

ich  geriet  in  den  letzten  Tage  vor  meiner  Abreise  leider  in 
eine  solche  Hast,  da!3  es  mir  unmoglich  wurde,  Sie  noch  auf- 
zusuchen.  Ich  wiinsche  Ihnen  fiir  die  kommenden  Wochen 
Gutes.  Bei  meiner  letzten  Musterung  wurde  ich  auf  ein  Jahr 
zuruckgestellt  und  trotzdem  meine  Hoffnung,  der  Krieg  sei 
in  einem  Jahre  zu  Ende,  gering  ist,  gedenke  ich  wenigstens 
einige  Monate  in  Ruhe  in  Miinchen  arbeiten  zu  konnen. 
Sowie  ich  eine  feste  Adresse  habe  schreibe  ich  sie  Ihnen  und 
hoffe  dann,  vom  Fortgang  Ihrer  Angelegenheiten  giinstige 
Nachricht  zu  erhalten. 

Mit  freundlichen  GriiBen  bis  dahin 

Ihr  Walter  Benjamin 


42  An  Gerhard  Scholem 


Miinchen,  14.  Dezember  1915 

Lieber  Herr  Scholem, 

in  der  Tat  vermutete  ich  Sie  beim  Militar  und  wollte  unter 
diesen  Umstanden  nicht  aufs  ungewisse  hin  einen  Brief  an 
Sie  richten.  Nun  hat  mich  Ihre  Nachricht  sehr  gefreut.  Von 
hier  habe  ich  bei  dem  regelmaBigen,  arbeitsamen  auch  ziem- 
lich  abgeschlossenen  Leben,  das  ich  fuhre,  nicht  viel  zu 
berichten.  Weihnachten  komme  ich  nicht  nach  Berlin.  Fiir 
lange  Zeit  gedenke  ich  meinen  Aufenthalt  hier  nur  voriiber- 
gehend  zu  unterbrechen  und  gedenke  eine  abgeschlossne  Zeit 
lang  meine  Studien  zu  fbrdern.  Dazu  habe  ich  hier  —  als 
auBerhalb  meiner  Heimatstadt  -  endlich  den  Ort  gefunden, 
dessen  ich  bedurfte.  [.  .  .] 


125 


Ich  erwarte  nun  bald  Ihre  Nachricht,  auf  die  hin  ich  mich 
wieder  vernehmen  lasse.  Vielmals  griiBe  ich. 

Ihr  Walter  Benjamin 


43  An  Herbert  Belmore 


Seeshaupt,  25.  Marz  1916 

Lieber  Herbert, 

seit  der  Holderlin- Arbeit1  und  dem  „Regenbogen"  habe  ich 
wohl  mehrere  neue  Arbeiten  begonnen,  aber  keine  auch  nur 
halbwegs  geendet.  Das  hangt  mit  der  GroBe  der  Gegenstande, 
die  mich  beschaftigen,  zusammen:  Organische  Natur,  Medi- 
zin  und  Moral.  Von  den  vergangenen  Arbeiten  aber  mochte 
ich  Dir  durchaus  keine  senden.  Ich  kann  mich  ihrer  Form 
nicht  mehr  anvertrauen  und  so  wichtig  sie  vielfach  fur  mich 
sind,  mochte  ich  nicht  durch  sie  zu  Dir  sprechen.  Vielmehr 
glaube  ich  -  und  mogen  die  europaischen  Dinge  noch  so  sehr 
ins  ScheuBliche  wachsen  -  dafl  wir  es  nicht  anders  halten 
konnen,  als  zwei  Nachbarn  im  Gewitter,  die  doch  den  Augen- 
blick  erwarten,  da  es  ihnen  erlaubt  ist,  vors  Tor  zu  gehen 
und  in  ihrer  Nahe  einander  selbst  zu  begriiBen.  Nichts  was 
ich  Dir  senden  konnte,  kann  die  Spannung  meiner  Erwar- 
tung  tragen,  so  muB  ich  warten,  bis  ich  Deutschland  selbst 
verlassen  kann,  zu  Dir  zu  kommen.2  /  Es  geht  mir  gut. 
Carlas  und  Deine  GriiBe  erwidere  ich  herzlich 

Walter 

1  Schriften  II,  S.  375-400  (im  Herbst  und  Winter  1914  entstanden). 
Der  „Regenbogen"  ist  verloren. 

2  H.  Belmore  war  seit  Anfang  1915  in  Genf,  wo  ihn  W.  B.  und  Dora 
Pollak  im  Fruhjahr  1915  besuchten.  Beim  Wiedersehen  im  Juli  1917 
in  Zurich  kam  es  zu  einer  dauernden  Trennung. 


124 


44  An  Martin  Buber 

Munchen 

KoniginStr.4  [Mai  1916] 

Sehr  geehrter  Herr  Buber, 

das  Problem  des  jiidischen  Geistes  ist  einer  der  groBten  und 
beharrendsten  Gegenstande  meines  Denkens.  Ihr  ehrendes 
Anerbieten1,  fiir  das  ich  Ihnen  danke,  tragt  die  Moglichkeit 
der  AuBerung  meiner  Gedanken  mir  nahe,  doch  deren  eigent- 
lichste  Vorbedingung,  die  Lockerung  dieser  Gedanken  aus 
groBeren  Zusammenhangen  und  das  Gewinnen  bestimmter 
Ausgangspunkte,  kann  ich  nur  von  einem  Gesprache  erhof- 
fen.  Dieses  erst  konnte  iiber  meine  Mitarbeit  und  deren  Ge- 
stalt  entscheiden,  und  aus  diesem  Grunde  darf  ich  Sie  viel- 
leicht  um  die  Gewahrung  einer  Unterredung  bitten,  sei  es, 
daB  Sie  im  nachsten  Monat  nach  Munchen  kamen,  sei  es,  daB 
ich  um  Weihnachten  einen  Auf  enthalt  in  Berlin  ermogliche  — 
doch  ist  dies  leider  sehr  ungewiB. 

Ihr  sehr  ergebener  Walter  Benjamin 

1  Zur  Mitarbeit  an  Buhers  Zeitschrift  „Der  Jude". 


45  An  Martin  Buber 

Munchen,  Juli  1916 

Sehr  verehrter  Herr  Doktor  Buber, 

Ich  muBte  ein  Gesprach  mit  Herrn  Gerhard  Scholem l  abwar- 
ten,  um  mir  iiber  meine  prinzipielle  Stellung  zum  „Juden" 
und  damit  iiber  die  Moglichkeit,  selbst  einen  Beitrag  zu 
liefern,  klar  zu  werden.  Denn  vor  der  Heftigkeit  des  Wider- 
spruches,  mit  dem  mich  so  viele  Beitrage  des  ersten  Heftes 
—  ganz  besonders  in  ihrem  Verhaltnis  zum  europaischenKrieg  - 
erfullten,  war  in  mir  das  BewuBtsein  verdunkelt,  daB  meine 
Stellung  zu  dieser  Zeitschrift  in  Wirklichkeit  keine  andere 

125 


war  und  seinkonnte  als  zu  allempolitischwirksam em  Schrift- 
tum, wie  sie  der  Eintritt  des  Krieges  mir  endlicli  und  ent- 
scheidend  er  off  net  hatte.  Ich  nehme  dabei  den  Begriff  „Poli- 
tik"  in  seinem  weitesten  Sinne,  in  dem  man  ihn  jetzt  standig 
gebraucht.  Vorher  bemerke  ich,  daB  ich  mir  des  Werdenden 
in  den  folgenden  Gedanken  vollig  bewuBt  bin,  und  daB,  wo 
ihre  Formulierung  apodiktisch  klingen  sollte,  ich  damit  zu- 
nachst  ihre  prinzipielle  Geltung  und  Notwendigkeit  fiir  mein 
eigenes  praktisches  Verhalten  im  Auge  habe. 

Es  ist  erne  weitverbreitete,  ja  die  fast  allerorten  als  Selbst- 
verstandlichkeit  herrschende  Meinung,  daB  das  Schrifttum 
die  sittliche  Welt  und  das  Handeln  des  Menschen  beeinflussen 
konne,  indem  es  Motive  von  Handlungen  an  die  Hand  gibt. 
In  diesem  Sinne  ist  also  die  Sprache  nur  ein  Mittel  der  mehr 
oder  weniger  suggestiven  Vorbereitung  der  Motive,  die  in  dem 
Innern  der  Seele  den  Handelnden  bestimmen.  Es  ist  das 
Charakteristische  dieser  Ansicht,  daB  sie  eine  Beziehung  der 
Sprache  zur  Tat,  in  der  nicht  die  erste  Mittel  der  zweiten 
ware,  uberhaupt  garnicht  in  Betracht  zieht.  Dieses  Verhaltnis 
betrifft  gleichermaBen  eine  ohnmachtige,  zum  bloBen  Mittel 
herabgewiirdigte  Sprache  und  Schrift  als  eine  armliche, 
schwache  Tat,  deren  Quelle  nicht  in  ihr  selbst,  sondern  in 
irgendwelchen  sagbaren  und  aussprechbaren  Motiven  liegt. 
Diese  Motive  wiederum  kann  man  bereden,  ihnen  andere 
entgegenhalten  und  so  wird  (prinzipiell)  die  Tat  wie  das 
Resultat  eines  allseitig  gepriifteh  Rechenprozesses  an  das 
Ende  gesetzt.  Jedes  Handeln,  das  in  der  expansiven  Tendenz 
des  Wort-an-Wort  Reihens  liegt,  scheint  mir  furchterlich 
und  um  so  verheerender,  wo  dieses  ganze  Verhaltnis  von 
Wort  und  Tat  wie  bei  uns  in  immer  steigendem  Mafle  als 
ein  Mechanismus  zur  Verwirklichung  des  richtigen  Absolu- 
ten  um  sich  greift. 

Schrifttum  uberhaupt  kann  ich  mit  dichterisch,  prophe- 
tisch,  sachlich,  was  die  Wirkung  angeht,  aber  jedenfalls  nur 
magisch  das  heiBt  un-mi££eZ-bar  verstehen.  Jedes  heilsame, 
ja  jedes  nicht  im  innersten  verheerende  Wirken  der  Schrift 
beruht  in  ihrem  (des  Wortes,  der  Sprache)  Geheimnis.  In 
wievielerlei  Gestalten  auch  die  Sprache  sich  wirksam  erweisen 

126 


mag,  sie  wird  es  nicht  (lurch  die  Vermittlung  von  Inhalten, 
sondern  durch  das  reinste  ErschlieBen  ihrer  Wiirde  und  ihres 
Wesens  tun.  Und  wenn  ich  von  anderen  Formen  der  Wirk- 
samkeit  —  als  Dichtung  und  Prophetie  —  hier  absehe,  so  er- 
scheint  es  mir  immer  wieder,  daB  die  kristallreine  Elimination 
des  Unsagbaren  in  der  Sprache  die  uns  gegebene  und  nachst- 
liegende  Form  ist,  innerhalb  der  Sprache  und  insofern  durch 
sie  zu  wirken.  Diese  Elimination  des  Unsagbaren  scheint  mir 
gerade  mit  der  eigentlich  sachlichen,  der  niichternen  Schreib- 
weise  zusammenzufallen  und  die  Beziehung  zwischen  Er- 
kenntnis  und  Tat  eben  innerhalb  der  sprachlichen  Magie 
anzudeuten.  Mein  Begriff  sachlichen  und  zugleich  hochpoli- 
tischen  Stils  und  Schreibens  ist:  hinzufuhren  auf  das  dem 
Wort  versagte;  nur  wo  diese  Sphare  des  Wortlosen  in  unsag- 
bar  reiner  Macht  sich  erschlieBt,  kann  der  magische  Funken 
zwischen  Wort  und  bewegender  Tat  iiberspringen,  wo  die 
Einheit  dieser  beiden  gleich  wirklichen  ist.  Nur  die  intensive 
Richtung  der  Worte  in  den  Kern  des  innersten  Verstummens 
hinein  gelangt  zur  wahren  Wirkung.  Ich  glaube  nicht  daran, 
daB  das  Wort  dem  Gottlichen  irgendwo  ferner  stiinde  als 
das  „wirkliche"  Handeln,  also  ist  es  auch  nicht  anders  fahig, 
ins  Gottliche  zu  fuhren  als  durch  sich  selbst  und  seine  eigene 
Reinheit.  Als  Mittel  genommen  wuchert  es. 

Fur  eine  Zeitschrift  kommt  die  Sprache  der  Dichter,  der 
Propheten  oder  auch  der  Machthaber,  kommen  Lied,  Psalm 
und  Imperativ,  die  wiederum  ganz  andere  Beziehungen  zum 
Unsagbaren  und  Quelle  ganz  anderer  Magie  sein  mogen, 
nicht  in  Frage,  sondern  nur  die  sachliche  Schreibart.  Ob  sie 
zu  ihr  gelangt,  laBt  sich  menschlich  wohl  kaum  absehen  und 
es  hat  wohl  nicht  viele  gegeben.  Ich  denke  aber  an  das  Athe- 
naum.  So  unmoglich  es  mir  ist,  wirken  des  Schrifttum  zu 
verstehen,  so  unfahig  bin  ich,  es  zu  verfassen.  (Mein  Aufsatz 
irn  „Ziel"2  war  innerlich  durchaus  im  Sinn  des  Gesagten 
gehalten,  aber  an  diesem  Orte,  an  den  er  am  wenigsten  ge- 
horte,  war  das  sehr  schwer  zu  bemerken.)  In  jedem  Falle 
werde  ich  aus  dem,  was  im  „  Juden"  gesagt  wird,  lernen.  Und 
so  wie  mein  Unvermogen,  zur  Frage  des  Judentums  jetzt 
etwas  klares  zu  sagen,  mit  diesem  Stadium  der  Zeitschrift  im 

127 


Werden  zusammenfallt,  so  verbietet  nichts  zu  hoffen,  daB  es 
eine  giinstigere  Koincidenz  der  Erfiillung  geben  moge. 

Es  ist  moglich,  daB  ich  Ende  des  Sommers  nach  Heidelberg 
kommen  kann.  Dann  wiirde  ich  sehr  gern  versuchen,  das,  was 
ich  jetzt  so  unvollkommen  nur  sagen  konnte,  im  Gesprach  zu 
beleben,  und  es  ware  vielleicht  von  hier  aus  moglich,  audi 
iiber  das  Judentum  manches  zu  sagen.  Ich  glaube  nicht,  daB 
meine  Gesinnung  in  diesem  unjiidisch  ist. 

Ich  bin  mit  den  ergebensten  GriiBen 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Scholem  war  vom  16.-18.  Juni  mit  W.  B.  zusammen. 

2  „Das  Leben  der  Studenten". 


46  An  Gerhard  Scholem 


Miinchen,  11.  Nov.  1916 


Lieber  Herr  Scholem, 

ich  bin  Ihnen  fur  die  schnelle  Auskunft,  die  Sie  mir  erteilt 
haben,  sehr  dankbar.  —  Vor  einer  Woche  begann  ich  einen 
Brief  an  Sie,  der  bei  achtzehn  Seiten  Lange  abschloB.  Es  war 
derVersuch  einige  aus  der  nicht  geringen  Anzahl  derFragen, 
die  Sie  mir  vorgelegt  haben,  im  Zusammenhang  zu  beant- 
worten.  Indessen  muBte  ich  mich  entschlieBen,  um  den  Ge- 
genstand  genauer  zu  fassen,ihn  zu  einer  kleinen  Abhandlung 
umzuarbeiten,  mit  deren  Reinschrift  ich  jetzt  beschaftigt  bin. 
In  ihr  ist  es  mir  nicht  moglich  gewesen  auf  Mathematik  und 
Sprache,  d.  h.  Mathematik  und  Denken,  Mathematik  und 
Zion  einzugehen,  weil  meine  Gedanken  iiber  dieses  unendlich 
schwere  Thema  noch  ganz  unfertig  sind.  Im  iibrigen  aber 
versuche  ich  in  dieser  Arbeit  mich  mit  dem  Wesen  der  Sprache 
auseinander  zu  setzen  und  zwar  —  soweit  ich  es  verstehe:  in 
immanenter  Beziehung  auf  das  Judentum  und  mitBeziehung 
auf  die  ersten  Kapitel  der  Genesis.  Ihr  Urteil  iiber  diese  Ge- 
danken werde  ich  in  der  sicheren  Hoffnung  durch  dasselbe 

128 


sehr  gef  ordert  zu  werden  erwarten.  Die  Arbeit  kann  ich  Ihnen 
erst  in  einiger  Zeit  -  wann  laBt  sich  nicht  voraussehen  -  viel- 
leicht  in  einer  Woche,  vielleicht  auch  erst  spater  -  schicken-, 
sie  ist  wie  gesagt  noch  nicht  ganz  beendet.  Am  Titel  „Uber 
Sprache  iiberhaupt  und  iiber  die  Sprache  des  Menschen"1 
sehen  Sie  eine  gewisse  systematische  Absicht,  die  fur  mich 
aber  auch  das  Fragmentarische  der  Gedanken  ganz  deutlich 
macht,  weil  ich  vieles  zu  beruhren  noch  auBer  stande 
bin.  Insbesondere  ist  die  sprachtheoretische  Betrachtung  der 
Mathematik,  auf  die  es  mir  ja  schlieBlich  sehr  ankommt, 
wenn  ich  sie  auch  noch  nicht  versuchen  darf  von  ganz  funda- 
mentaler  Bedeutung  fur  die  Theorie  der  Sprache  iiberhaupt. 

Ausdrucklich  mochte  ich  Ihnen  mitteilen,  dafi  mir  die 
„neunzehn  Brief  e"  2  sowie  die  Ubersetzung  des  Auf satzes  von 
Zeitlin3  (—  was  bedeutet:  Schechinnah?  — )  jederzeit  sehr 
willkommen  sind,  gerade  in  Anbetracht  meiner  gegenwar- 
tigen  Arbeit.  Kbnnen  Sie  sich  die  Miihe  machen  mir  zu  den 
wichtigsten  hebraischen  Worten  bei  Hirsch  —  ich  nehme  an 
daB  es  nur  wenige  sind,  sonst  wiirde  ich  Sie  nicht  darum  bit- 
ten —  das  Deutsche  hinzu  zu  schreiben?  /  In  der  letzten  Num- 
mer  des  „ Reich"  steht  ein  scheinbar  orientierter  Aufsatz  von 
Hans  Ludwig  Held:  Uber  Golem  und  Schem  eine  Untersu- 
chung  zur  hebraischen  Mythologie  (lter  Teil).  Ich  besitze  das 
Heft  (und  kann  Ihnen  den  Aufsatz  also  schicken) ;  ich  habe 
es  mir  wegen  eines  anderen  Druckes  (den  ich  allerdings  schon 
herausgetrennt  und  gesondert  gebunden  habe)  gekauft:  es 
steht  darin  die  erste  Veroffentlichung  einer  offenbar  sehr 
spat  en  Holderlinschen  Handschrift4— von  der  absoluten  GroBe 
des  Gehalts  wie  alles  was  der  spate  Holderlin  schrieb. 

In  der  letzten  Nummer  der  „Kant-Studien"  bringt  Herr 
Zilsel  eine  Selbstanzeige  seines  Buches.  tJber  das  „Problem 
der  historischen  Zeit"  ist  in  der  letzten  oder  vorletzten  Num- 
mer der  Zeitschrift  fur  Philosophic  und  philosophische  Kritik 
ein  Aufsatz  (urspriinglich  als  Rede  zur  Erlangung  der  venia 
legendi  in  Freiburg  gehalten5)  erschienen,  der  in  exakter 
Weise  dokumentiert,  wie  man  die  Sache  nicht  machen  soil. 
Eine  furchtbare  Arbeit,  in  die  Sie  aber  vielleicht  einmal  hinr 
einsehen,  wenn  auch  nur  um  meine  Vermutung  zu  bestati- 

129 


gen,  daB  namlich  nicht  nur  das,  was  der  Verfasser  iiber  die 
historische  Zeit  sagt  (und  was  ich  beurteilen  kann)  Unsinn 
ist,  sondern  auch  seine  Ausfiihrungen  iiber  die  mechanische 
Zeit  schief  sind,  wie  ich  vermute. 

Mein  mexikanischer  Dozent 6  hat  noch  nicht  angezeigt  und 
scheint  aus  irgendeinem  Grunde  nicht  zu  lesen.  Kierkegaard 
habe  ich  wegen  meiner  jetzigen  Arbeit  noch  nicht  zu  Ende, 
sondern  erst  bis  zur  Mitte,  lesen  konnen.  /  Wie  ist  es  mit 
Ihrer  mathematischen  Vorlesung  geworden?7 

Ich  griiBe  herzlichst 

Ihr  Walter  Benjamin 


1  Schriften  II,  S.  401-419. 

2  „Neunzehn  Brief e  iiber  Judentum",  von  Samson  Raphael  Hirsch;  be- 
ruhmtes,  1836  erschienenes  Buch. 

3  Es  handelt  sich  um  eine  ungedruckte  Ubersetzung  eines  1911  erschie- 
nenen}  seinerzeit  als  bedeutend  betrachteten  hebraischen  Essays  iiber 
die  Gegenwart  Gottes  in  der  Welt,  von  Hillel  Zeitlin,  einem  chassidi- 
schen  Publmsten,  die  Scholem  geinacht  hatte. 

4  „Das  Reich"  Jg.  I  (1916),  S.  305  £f.  Es  handelt  sich  in  Wirklichkeit 
um  die  „ Pindar- Fragmente"  (in  der  Folge  nach  dem  ersten  Fragment 
als  „Untreue  der  Weisheit"  bezeichnet),  die  vermutlich  gegen  1803 
entstanden  sind.  Norbert  v.  Hellingrath  hatte  diese  kommentierten 
"Obersetzungen  bereits  1910  („H61derlins  Pindar-Uhertragungen")  ver- 
offentlicht. 

5  Die  Antrittsvorlesung  Martin  Heideggers  vom  27.  Juli  1915. 

6  Walter  Lehmann,  bei  dem  W.  B.  aztekische  Mythologie  gehort  hatte. 

7  Scholem  war  in  einer  vierstiindigen  Vorlesung  Schottkys  der  ein- 
zige  Hbrer. 


47  An  Herbert  Belmore 

[Ende  1916] 

Lieber  Herbert, 

ich  freue  mich  sehr  daB  Du  an  mich  geschrieben  hast. 

Dein  Brief  hat  aber  die  Form  einer  sachlichen  Mitteilung 
und  damit  geht  er  iiber  einige  tiefe  Voraussetzungen  hinweg 

130 


die  meine  Antwort  in  Hinsicht  auf  uns  beide  machen  mufi. 
Hatte  sie  das  nicht  notig  so  ware  sie  das  nicht  was  sie  ist:  die 
innige  Bestreitung  jener  Art  von  Sachlichkeit  die  Du  zu- 
gleich  forderst  und  ausiibst. 

Ich  habe  erfahren  dafl  in  der  Nacht  nicht  Briicken  und 
Fliige  helfen  allein  der  briiderliche  Schritt  hindurch.  Mitten 
in  der  Nacht  sind  wir.  Ich  habe  es  einmal  versucht  mit  Wor- 
ten  zu  kampfen  (Thomas  Mann  hatte  seine  niedrigen  „Ge- 
danken  im  Kriege"  veroffentlicht)  damals  lernte  ich  daB  wer 
gegen  die  Nacht  kampft,  ihre  tiefste  Finsternis  bewegen  muB 
ihr  Licht  herzugeben  und  in  diesem  groflen  Bemiihen  des 
Lebens  sind  Worte  nur  eine  Station:  und  konnen  die  letzte 
nur  sein  wo  sie  niemals  die  erste  sind. 

Ich  sehe  mich  eben  in  Genf  auf  dem  Koffer  sitzen  Dora 
und  Du  im  Zimmer,  wie  ich  vertrete  daB  Produktivitat  in 
jedem  Sinne  gestiitzt  werden  miisse  (ebenso  aber  Kritik)  und 
allein  mit  alien  Namen  Worten  und  Zeichen  das  Leben  im 
Geiste  gesucht  werden  muB.  Seit  Jahren  strahlt  mir  aus  die- 
ser  Nacht  das  Licht  Hblderlins. 

Es  ist  alles  zu  groB  um  es  zu  kritisieren. l  Es  ist  alles  die 
Nacht  die  das  Licht  tragt,  der  blutende  Leib  des  Geistes.  Es 
ist  auch  alles  zu  klein  um  es  zu  kritisieren,  garnicht  da:  das 
Dunkel  die  voile  Finsternis  selbst  selbst  die  Wiirde  allein 
wer  die  zu  betrachten  sucht  dem  triibt  sich  der  Blick.  Soweit 
auf  unserm  Wege  uns  das  Wort  erscheint  werden  wir  ihm 
die  reinste  heiligste  Statte  bereiten:  es  soil  aber  bei  uns  be- 
ruhen.  Wir  wollen  es  in  der  letzten  kostbarsten  Form  bewah- 
ren  die  wir  ihm  zu  geben  vermogen;  Kunst  Wahrheit  Recht: 
vielleicht  wird  uns  alles  aus  den  Handen  genommen,  dann 
soil  es  wenigstens  Gestalt  sein:  nicht  Kritik.  Die  zu  leisten 
ist  Sache  der  auBersten  Peripherie  des  Liclitkreises  um  jedes 
Menschen  Haupt,  nicht  der  Sprache.  Wo  diese  uns  begegnet 
gilt  es  Arbeit.  Die  Sprache  beruht  allein  im  Positiven,  ganz 
in  der  Sache  die  die  innigste  Einheit  mit  dem  Leben  anstrebt; 
den  Schein  der  Kritik,  des  xpto>v,  des  Unterscheidens  von 
Gut  und  Schlecht  nicht  auf  recht  halt;  sondern  alles  Kritische 
nach  innen,  die  Krisis  in  das  Herz  der  Sprache  verlegt. 

Die  wahre  Kritik  geht  nicht  wider  ihren  Gegenstand:  sie 

131 


ist  wie  ein  chemischer  Stoff  der  einen  andern  nur  in  dem 
Sinne  angreift,  daB  er  ihn  zerlegend  dessen  innre  Natur  ent- 
hiillt,  nicht  ihn  zerstort.  Der  chemische  Stoff  der  auf  solche 
Weise  (diathetisch)  die  geistigen  Dinge  angreift,  ist  dasLicht. 
Das  erscheint  nicht  in  der  Sprache. 

Die  Kritik  der  geistigen  Dinge  ist  die  Unterscheidung  des 
Echten  vom  Unechten.  Das  ist  aber  nicht  Sache  der  Sprache, 
oder  nur  in  einer  tiefen  Verhullung:  im  Humor.  Nur  im 
Humor  kann  die  Sprache  kritisch  sein.  Da  erscheint  dann  die 
besondere  kritische  Magie  daB  das  nachgemachte  Ding  mit 
dem  Lichte  in  Benihrung  kommt;  es  zerfallt.  Das  Echte 
bleibt:  es  ist  Asche.  Wir  lachen  dariiber.  Wer  ganz  im  Uber- 
maBe  strahlt  dessen  Strahlen  werden  auch  jene  himmlischen 
Entlarvungen  vornehmen  die  wir  Kritik  nennen.  Gerade  die 
groBen  Kritiker  sahen  so  erstaunlich  das  Echte:  Cervantes. 
Ein  groBer  Schriftsteller,  der  das  Echte  so  sah  daB  er  kaum 
mehr  Kritik  iiben  konnte :  Sterne.  Ehrf urcht  vor  den  Worten 
macht  noch  den  Kritiker  nicht.  Ehrf  urcht  vor  seinem  Objekt 
vor  dem  unscheinbaren  Echten.  Lichtenberg.  So,  wenn  Kritik 
ausdriicklich  werden  soil  oder  sprachlich.  Das  ist  allein  Sache 
GroBer.  Man  miBbraucht  den  Begriff:  Lessing  war  kein 
Kritiker. 

Ich  griiBe  Dich  herzlich 

Walter 
Willst  Du  von  meinen  Arbeiten  etwas  lesen?  Ich  habe 
folgende  Aufsatze  geschrieben: 

Das  Gluck  des  antiken  Menschen 

Sokrates 

Trauerspiel  und  Tragtidie 

Die  Bedeutung  der  Sprache  in  Trauerspiel  und 

Tragodie 

Uber  Sprache  iiberhaupt  und  iiber  die  Sprache  des 

Menschen. 2 

1  Der  Zusammenhang  des  Folgenden  mit  dem  Gedankengang  des  Brie- 
fes  no.  45  an  Buber  vom  Juli  ist  deutlich. 

2  Diese  Aufsatze  sind  alle  erhalten.  %.  T.  nur  hands chriftlich. 


132 


48  An  Ernst  Schoen 

Berlin,  27.  Februar  1917 

Lieber  Herr  Schoen, 

haben  Sie  herzlichen  Dank  fur  Ihren  letzten  Brief.  Ich  hoffe 
immer  noch  daB  Sie  bald  einmal  nach  Berlin  kommen.  Dann 
werde  ich  Ihnen  audi  das  Buch  von  Jammes  zuriickgeben, 
das  Sie  mir  geliehen  haben.  Ich  fand  den  Roman  du  Lievre 
sehr  schon  und  auch  die  beiden  Geschichten  von  den  jungen 
Madchen.  Kenneii  Sie  die  Gedichtbande  von  Jammes?  Wenn 
Sie  sie  fur  gut  halten  und  etwa  besitzen  wiirde  ich  mich 
freuen,  wenn  Sie  sie  mir  gelegentlich  leihen  wiirden.  „ Exi- 
stences" kenne  und  schatze  ich  schbn  seit  langem  und  babe  es 
mir  unlangst  selbst  gekauft.  Augenblicklich  bin  ich  in  der 
Lektiire  von  Flaubert:  Bouvart  [sic!]  et  Pecuchet  begriffen. 
Das  Buch  ist  in  jedem  Sinne  das  Schwerste  das  ich  von  Flau- 
bert kenne.  Vor  einigen  Wochen  las  ich  das  ungeheure  Buch 
von  Dostojewski*.  der  Idiot. 

So  weit  es  meine  jetzt  sehr  beschrankten  Moglichkeiten 
zulassen  arbeite  ich  an  meinen  Baudelaire -t)bersetzungen. 
Auch  denke  ich  viel  an  eine  groBere  Arbeit  die  ich  vor  einem 
Vierteljahr  begonnen  habe  und  fortzufuhren  mich  sehne.1 
Meine  Ischiasanfalle  dauern  noch  an. 

Meine  Existenz  ist  so  eingeschrankt  daB  ich  Ihnen  schrift- 
lich  davon  nicht  mehr  mitteilen  kann.  Doch  sollte  es  mir 
leid  tun  wenn  es  mir  etwa  nach  diesen  Zeilen  noch  schlechter 
zu  gehen  schiene  als  es  in  Wirklichkeit  der  Fall  ist.  Das 
Schlimmste  ist  daB  ich  zur  Zeit  der  Anwesenheit  meiner 
kunftigen  Frau2  bei  meinen  Eltern  wohne  und  die  taglichen 
Kampfe  auf  mich  nehmen  muB. 

Haben  Sie  gelesen  daB  Norbert  von  Hellingrath3  gefallen 
ist?  Ich  wollte  ihm  bei  seiner  Riickkehr  meine  Holderlin- 
arbeit  zu  lesen  geben,  deren  auBerlicher  AnlaB  die  Stellung 
ihres  Themas  in  seiner  Arbeit  iiber  die  Pindar- tTbersetzung 
war.  —  Ubrigens  wollte  er  ein  umfassendes  Buch  iiber  Hol- 
derlin  schreiben. 

Zu  den  wenigen  standig  erfreulichen  Dingen  gehort  ein 

133 


Briefwechsel  den  ich  seit  mehr  als  einem  Jahre  fast  ununter- 
brochen  mit  einem  urn  mehrere  Jahre  jiingeren  Menschen 
fiihre4,  der  in  einer  Stellung  in  einem  Lazarett  sich  befindet 
die  ihm  Denken  und  Schreiben  erlaubt.  Ich  habe  ihn  im 
Friihjahr  des  vorigen  Jahres  einmal  besucht.  Fiir  vieles  ist 
der  Briefwechsel  kraft  seiner  anderen  Voraussetzungen  die 
immer  in  einem  gewissen  Grade  das  Leiden  und  Pathos  des 
Schreibers  zulassen  und  gewahren  die  einzig  mogliche  Form 
der  AuBerung. 

Ich  weiB  Ihnen  in  Ihrer  Lage  auch  nichts  besseres  zu 
wiinschen  als  daB  Sie  Briefe  oft  erfreuen  mogen  und  daB 
auch  dieser  soweit  er  es  kann  tue. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Die  Arbeit  uber  die  Sprache.  . 

2  Dora  Pollack.  Die  Heirat  fand  am  17.  April  1917  statt. 

3  Der  Herausgeber  der  Georg  Miillerschen  Holderlinausgabe,  den 
W.  B.  sehr  hoch  schatzte. 

4  Werner  Kraft,  damals  in  Hannover. 


49  An  Gerhard  Scholem 

Dachau,  23.  5.  17 

Lieber  Herr  Scholem, 

kaum  habe  ich  Zeit  und  die  auBere  Moglichkeit  Ihnen  zu 
schreiben  gefunden,  als  ich  auch  sogleich  deutlich  an  einen 
AnlaB  erinnert  wurde.  Es  kamen  namlich  heute  friih  die 
lange  gesuchten  samtlichen  Schriften  Baaders  und  weil  ich 
jetzt  doch  mit  einiger  Intensitat  zu  studieren  hoffe,  so  will 
ich  was  zusammen  gehort  bei  einander  haben.  Anders  kann 
ich  nicht  lernen.  Und  Baader  und  Molitor1  gehoren  so  sehr 
zusammen,  daB  gleich  unter  dem  ersten  was  ich  gelesen  habe 
zwei  wichtige  Briefe  von  ihm  an  Molitor  waren,  die  unter 
anderemWesentliches  und  Sch ones  iib er  die  Schechinnahsagen. 
Wie  ist  es  denn  also  mit  dem  Exemplar,  nach  dem  Sie  fiir  mich 
fragen  wollten.  Falls  Sie  es  erhalten  haben,  bitte  ich  Sie  es  mir 

154 


sofort  unter  Angabe  Ihrer  Auslagen  die  ich  postwendend  zu- 
riickerstatte  zu  senden.  Haben  Sie  es  nicht  erhalten,  so  werde 
ich  mich  auf  der  Miinchener  Universitatsbibliothek  darum 
bemiihen.  Sollte  aber  auch  das  umsonst  sein,  so  wiirde  ich 
unter  Umstanden  michdazu  entschlieBen,  Sieumeingeschrie- 
bene  Zusendung  des  Buches  zu  bitten,  urn  es  mir,  -  wenn  es 
Ihnen  entbehrlich  ist,  leihweise  zu  iiberlassen.  Das  ware  nur 
fur  den  Fall,  daB  meine  Arbeit  mir  dies  Studium  unentbehr- 
lich  macht  und  ich  auf  keine  andere  Weise  das  Werk  erhalten 
kann.  /  Sie  sollen  gelegentlich  die  Ausziige  iiber  die  Sche- 
chinnah  bei  Baader  und  vielleicht  Uuch  anderes  erhalten. 

Unsere  Adresse  ist  seit  einigen  Tagen,  Dachau  bei  Mun- 
chen  Moorbad  und  Kuranstalt.  Es  ist  Sommer,  wir  haben  ein 
schones  Zimmer  mit  einer  Loggia  auf  den  griinen  Garten 
und  weil  wir  im  zweiten  Stockwerk  wohnen,  konnen  wir 
sogar  bisweilen  die  Alpen  sehen.  Die  Kost  und  Pflege  ist  gut, 
meine  Ischias  halt  aber  durchaus  an. 

Ich  lese  viel  in  Friedrich  Schlegel  und  Novalis.  Bei  dem 
ersten  wird  mir  immer  deutlicher  wie  er  von  alien  Roman- 
tikern  wohl  der  einzige  ist  (sein  Bruder  kommt  hier  wohl 
nicht  in  Frage)  der  den  Geist  dieser  Schule  ohne  konstitutio- 
nelle  Schwache  und  Triibung  entfaltet  hat.  Er  ist  dichterisch 
rein,  gesund  und  trage.  Im  tiefsten  Innern  des  Novalis  aber 
wie  des  Brentano  wohnt  ein  Krankheitskeim.  Ich  hoffe  noch 
genau  zu  zeigen,  worin  eigentlich  die  Krankheit  des  Novalis 
liegt. 

Die  mathematische  Theorie  der  Wahrheit2  —  oder  besser 
ihre  Entwicklung  befindet  sich  allerorts  in  guten  Handen. 
In  Miinchen  habe  ich  nach  mehr  als  einem  Jahr  meinen  Be- 
kannten  (das  Genie)3  gesprochen,  der  indessen  in  Erlangen 
summa  cum  laude  promoviert  hat.  Er  arbeitet  —  wenn  auch 
nicht  ausdriicklich  in  der  Perspektive  des  Zionismus  —  an 
demselben  Problem  wie  Sie.  Ich  habe  mit  ihm  die  allerw esent- 
lichsten  Gesprache  iiber  die  mathematische  Theorie  der  Wahr- 
heit und  wie  diese  Disziplin  zum  ersten  Male  in  Europa  sich 
bei  den  Py thagoraern  entdeckt,  gehabt.  Urn  aber  diese  Dinge 
in  Briefform  mitteilen  zu  konnen  —  und  noch  anderes  der 
gleichen  Art,  was  mir  dort  gesprachsweise  entwickelt  wurde 

135 


und  von  dem  erstaunlichsten  Wagemute  ist  -  habe  ich  es 
noch  nicht  geniigend  begrifflich  durchdrungen. 

In  Miinchen  habe  ich  antiquarisch  Kants  Briefwechsel  und 
von  Scheerbart  den  Mondroman  „Die  groBe  Revolution"  er- 
worben.  /  Wie  geht  es  Ihnen?  Bitte  schreiben  Sie  uns  das 
bald.  Wir  denken  oft  an  Sie  und  je  mehr  es  uns  selbst  einmal 
besser  geht,  desto  mehr  erhoffen  wir  es  auch  fur  Sie.  Was 
Lugano  angeht,  so  erwarten  wir  von  Ihnen  noch  einmal  ge- 
naue  Weisung  -  so  wie  die  Adresse  Ihrer  Mutter. 

Wir  griiBen  Sie  herzlichst  und  hoffen  auf  baldige  Antwort. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Molitor  war  der  Autor  des  bedeutendsten  alteren  Werkes  iiber  die 
Kabbala:  „Philosophie  der  Geschichte  oder  Uber  die  Tradition"  (1827- 
1855),  das  1916  noch  beim  Verlag  zu  haben  war. 

2  Der  Ausdruck  stammte  von  Scholem,  der  damit  seine  mathematisch- 
philosophischen  Spekulationen  bezeicbnete, 

3  W.  B.s  standige  Bezeichnung  fiir  Dr.  Felix  Noeggerath  (1886-1961), 
mit  dem  er  in  seinem  Munch  ener  Jahr  1915-1916  und  spater,  nach 
1925,  viel  umging. 


SO  An  Gerhard  Scholem 

[Juni  1917] 

Lieber  Herr  Scholem, 

ohne  es  gerade  bewuBt  zu  haben,  habe  ich  eine  Umarbeitung 
Ihrer  Obersetzung  des  Hohen  Lie  des  doch  wohl  immer  fiir 
wahrscheinlich  (weil  notwendig)  gehalten  und  auch  erwartet, 
daB  der  gedruckte  Text  -  ich  habe  ihn  bei  mir  —  mir  fiir  die 
Beurteilung  eines  zukunftigen  neuen  eigentlich  wichtig  wer- 
den  wiirde.  Ich  bin  also  sehr  gern  bereit  die  kritische  Arbeit 
zu  ubernehmen,  die  Sie  mir  antragen  und  ich  bin  gewiB  viel 
dabei  zu  lernen.  Ich  bitte  Sie  um  moglichst  baldige  t)ber- 
sendung  des  Manuscripts.  /  Der  Molitor  ist  gekommen  und 
das  Geld  dafiir  geht  heute  an  Sie  ab.  Da  meine  Frau,  die 
heute  und  bis  libermorgen  in  Miinchen  ist,  es  abschickt,  so 

136 


weiB  ich  nicht  ob  sie  daran  denkt,  die  1  M  fur  Porto  mitzu- 
senden.  Falls  es*  nicht  geschehen  ist,  wird  es  dann  sogleich 
nachgeholt.  Ich  habe  mich  mit  dem  Besitz  des  Buches  sehr 
gefreut:  iibrigens  wird  es  ja,  wie  der  Baader,  gemaB  der  Zeit- 
stromung  selten,  geschatzt  und  auch  teuer  werden,  wie  ich 
glaube.  Es  ist  wohl  iiber  die  erste  Abteilung  des  vierten 
Bandes  hinaus  nicht  gediehen?  Nur  um  den  Uberblick  iiber 
die  Disposition  zu  haben,  frage  ich  Sie  nach  dem  Thema  des 
zweiten  Bandes.1  /  Baader  hat  gewiB  sehr  viel  mit  der  Ro- 
mantik  zutun,  so  hat  er  einengroBen  vonSchelling  verhohle- 
nen  EinfluB  auf  diesen  ausgeiibt.  Gerade  von  dem  Verfasser 
des  Aufsatzes,  den  sie  erwahnen2,  einem  jungen  Dr.,  Dichter 
und  auch  philosophisch  interessierten  Menschen,  den  ich  in 
einem  Munchener  Seminar  und  auch  sonst  in  Miinchen  nicht 
selten  sprach,  bin  ich  selbst  auf  Baader  hingewiesen  worden. 
Auch  kenne  ich  einen  Aufsatz  von  ihm  iiber  diesen,  ich  weiB 
nicht  ob  es  der  von  Ihnen  erwahnte  ist.  Die  Dignitat  von 
Dr.  Pulvers  philosophisch  en  Ansichten  ist  mir  noch  sehr  pro- 
blematisch.  Er  hat  eine  recht  konfuse  wenn  auch  glanzend 
zensierte  Dissertation  iiber  romantische  Ironie  und  roman- 
tische  Komodie  geliefert.  /  Ich  gerate  erfreulicherweise  zum 
ersten  Male  tief  in  das  Studium  der  Romantik  hinein.  -  Kant 
der  in  gewisser  Weise  hochst  dringlich  ware,  muB  ich  immer 
noch  liegen  lassen  und  auf  eine  bessere  Zeit  warten,  denn 
ihn  (und  auch  [Hermann]  Cohen,  der  iibrigens  ernstlich  er- 
krankt  sein  soil)  kann  ich  nur  nach  dem  breitesten  Plane,  der 
also  mit  groBen  Zeitraumen  rechnen  muB,  studieren.  Ich 
richte  mich  zunachst  auf  die  Friihromantik,  Friedrich  Schle- 
gel  vor  allem,  dann  Novalis,  August  Willi  elm  auch  Tieck 
und  spater  wenn  mbglich  Schleiermacher.  Von  einer  Zusam- 
menstellung  Friedrich  Schlegelscher  Fragmente  nach  ihren 
systematischen  Grundgedanken  gehe  ich  aus;  es  ist  eine  Ar- 
beit, an  die  ich  schon  lange  dachte.  Sie  ist  natiirlich  rein 
interpretierend  und  welcher  objektive  Wert  in  ihr  liegt  bleibt 
abzuwarten.  Auch  sind  die  Grenzen  fiir  diese  Arbeit  durch 
die  beschrankte  Anzahl  der  wirklich  auf  das  System  hin  zu 
interpretierenden  Fragmente  eng  gesteckt.  Ich  verdanke  aber 
dies  em  Versuch  fiir  mein  Verstandnis   der  Friihromantik 


137 


bisher  fast  alles.  Dazu  fertige  ich  erne  Harmonie  aus  entspre- 
chenden  Fragmenten  des  Novalis  an,  die  viel  sparlicher  aus- 
fallt  als  man  nach  deren  sehr  groBer  Anzahl  (einschlieBlich 
der  NachlaB-Fragmente)  vermuten  sollte.  Das  Zentrum  der 
Friihromantik  ist:  Religion  und  Geschichte.  Ihre  unendliche 
Tiefe  und  Schbnheit  im  Vergleich  zu  alter  Spiitromantik:  daB 
sie  fiir  die  innige  Verbindung  dieser  beiden  Spharen  nicht 
auf  die  religiosen  und  historischen  Tatsachen  sich  beriefen, 
sondern  im  eigenen  Denken  und  Leben  die  hohere  Sphare  zu 
produzieren  suchten  in  der  die  beiden  koinzidieren  muBten. 
Es  ergab  sich  nicht  „die  Religion"  aber  die  Atmosphare,  in 
der  alles  was  ohne  sie  und  was  angeblich  sie  war  verbrannte, 
zu  Asche  zerfiel.  Wie  auch  ein  solcher  stiller  Z  erf  all  des 
Christentums  Friedrich  Schlegel  vor  Augen  stand,  nicht  etwa 
weil  er  dessen  Dogmatik  bestritt,  sondern  weil  seine  Moral 
nicht  romantisch:  das  heiBt  nicht  still  und  lebendig  genug, 
weil  sie  ihm  erregt,  mannlich  (im  weitesten  Sinne)  und  letz- 
ten  Endes  unhistorisch  erschien.  Diese  Worte  finden  sich  bei 
ihm  nicht,  sie  sind  Interpretation:  aber  die  Romantik  muj3 
man  (verstandig)  interpretieren.  Friedrich  Schlegel  hat  in 
dem  uberirdischen  Feuer  dieser  Atmosphare  langer  als  ein 
anderer  geatmet,  langer  vor  alien  Dingen  als  Novalis  der  aus 
seinem  im  tiefen  Sinne  praktischen  oder  besser:  pragmati- 
schen  Ingenium  das  zu  verwirklichen  suchte  was  Schlegel 
nezessitierte.  Denn  freilich  ist  die  Romantik  die  letzte  Bewe- 
gung,  die  noch  einmal  die  Tradition  hinuberrettete.  Ihr  in 
dieser  Zeit  und  Sphare  verfriihter  Versuch  gait  der  unsinnig 
orgiastischen  Eroffnung  aller  geheimen  Quell  en  der  Tradi- 
tion, die  unentwegt  in  die  ganze  Menschheit  iiberstromen 
sollte. 

In  einem  Sinne,  dessen  Tiefe  man  erst  darzulegen  hatte, 
sucht  die  Romantik  das  an  der  Religion  zu  leisten  was  Kant 
an  den  theoretischen  Gegenstanden  tat:  ihre  Form  aufzeigen. 
Aber  gibt  es  eine  Form  der  Religion??  Jedenfalls  dachte  sich 
die  Friihromantik  etwas  dem  Analoges  unter  der  Geschichte. 

Von  dem  „Krankheitskeim"  des  Novalis  ein  anderes  Mai. 
Ich  denke  noch  dariiber  nach.  "Dber  die  Forschungen  des  Ge- 
nies  kann  ich  Ihnen  brieflich  wegen  der  groBen  Schwierig- 

158 


keit,  die  der  Gegenstand  fiir  mich  hat,  niclits  mitteilen  [.  .  .] 
/  Die  Identitatsthesen  folgen  bald.3  /  Die  Dissertation  des 
Genies  ist  noch  nicht  gedruckt.  Ein  kleiner  Teil,  den  ich  aus 
dem  Manuscript  kenne,  ist  geradezu  hochst  bedeutend. 

Den  Band  von  Baader,  in  dem  ich  die  Stelle  iiber  die  Sche- 
chinnah  gefunden  habe,  konnen  Sie  sich  wohl  in  der  Biblio- 
thek  geben  lassen:  Die  Sache  steht  zers'treut  da  und  es  ware 
muhsam  sie  zu  exzerpieren.  Ich  glaube  iibrigens,  daB  seine 
Ansicht  der  Wahrheit  nahestehen  mag.  Samtl.  Werke  hg.  von 
F.  Hoffmann  Bd.  IV  p  343  ff  bis  349.  Ubrigens  ist  in  dem- 
selben  Aufsatz  die  Auseinandersetzung  iiber  Zeit  und  Ge- 
schichte  S.  356/357  sehr  zu  beachten.  Ich  habe  sie  noch  nicht 
verstanden.  Ferner  ist  im  vorhergehenden  Aufsatz  der  SchluB- 
absatz  S.  340  vielleicht  fiir  Sie  auch  interessant.  Sie  wiirden 
mir  einen  Dienst  leisten,  wenn  Sie  mir  einiges  iiber  die  Idee 
der  zweimaligen  Schopfung,  die  mich  sehr  interessiert  und 
aus  Griinden  schreiben  konnten. 

Ich  bin  mit  den  allerherzlichsten  Griifien  auch  von  meiner 
Frau  und  guten  Wunschen 

Ihr  Walter  Benjamin 

PS  Die  Geldsendung  (16  M)  ist  im  Brief  enthalten. 

1  Der  zweite  Band  war  beim  Verlag  ver  griff  en. 

2  Max  Pulver.  Die  welter  unten  erwahnte  Arbeit  ist  seine  Frei  burger 
Dissertation  von  1912. 

3  Die  Thesen  iiber  das  Identitatsproblem  sind  erhalten.  Sie  gingen  auf 
Diskussionen  zwischen  W.  B.  und  Scholem  Anfang  1917  zuriick. 


51  An  Ernst  Schoen 

St.  Moritz,  30.  Juli  1917 

Lieber  Herr  Schoen, 

es  ist  ein  schoner,  friiher  Morgen  und  die  Stunde  auf  die  ich 
gewartet  habe  um  Ihnen  fiir  Ihr  en  Brief  und  das  Buch  zu 

159 


danken.  Der  Brief  erreichte  mich  noch  in  Zurich,  ich  las  ihn 
im  Bette  liegend  wahrend  neben  mir  auf  dem  Nachttisch  eine 
kleine  unzulangliche  Ausgabe  von  Maurice  de  Guerins  Wer- 
ken  lag,  der  einzigen,  die  ich  mir  vor  einigen  Monaten  in 
Deutschland  beschaffen  konnte.  Bevor  ich  noch  umgeblattert 
und  den  Namen  Ihres  Geschenkes  gelesen  hatte,  wufite  ich, 
daft  es  Maurice  de  Guerins  Werke  seien.  Vor  einigen  Tagen 
hatte  ich  Le  Centaure  gelesen.  -  Wissen  Sie  iibrigens  Rat  um 
die  Rilke'sche  Ubersetzung  dieses  Buches  irgendwie,  wenn 
auch  nur  voriibergehend,  einsehen  zu  konnen.  Sie  ist  meines 
Wissens  im  Inselverlage  erschienen,  doch  der  letzte  Gesamt- 
katalog  enthalt  sie  nicht  mehr.  Wunderbar  ist  Guerins  Ein- 
dringen  in  den  Geist  des  Centauren ;  nachdem  ich  ihn  gelesen 
hatte,  schlug  ich  Holderlins  gewaltiges  Fragment:  „das  Be- 
lebende"  auf  (am  SchluB  der  Hellingrath'schen  Sonderaus- 
gabe  der  Pindar-tJbertragungen)  und  die  Welt  von  Gu6rins 
Centauren  geht  in  die  groBere  des  Holderlinschen  Frag- 
ments ein. 

Wir  sind  seit  einer  Woche  hier;  ich  habe  diesen  Ort  -  ich 
darf  es  sagen  -  nach  jahrelangem  Ringen  gefunden  und  be- 
trat  ihn  endlich  nachdem  in  Zurich  auch  die  letzte  Beziehung 1 
die  mich  unklar  mit  Vergangnem  verstrickte  gefallen  war. 
Ich  hoffe  die  beiden  Jahre  vor  dem  Kriege  als  Samen  in  mich 
aufgenommen  zu  haben  und  von  da  an  bis  heute  geschah 
alles  zu  ihrer  Lauterung  in  meinem  Geist.  Wenn  wir  uns 
wiedersehen  werden  wir  liber  die  Jugendbewegung  sprechen 
deren  Sichtbares  so  vollkommen,  mit  so  erschutternder  Ge- 
walt  untergegangen  ist.  Alles,  aufier  dem  wenigen  wodurch 
ich  mein  Leben  zum  leben  bestimmen  lieB,  dem  ich  in  den 
letzten  beiden  Jahren  mich  zu  nahern  suchte,  war  Untergang 
und  ich  finde  mich  hier  in  vielfachem  Sinne  gerettet:  nicht 
zur  MuBe  Sicherheit  Reife  des  Lebens,  wohl  aber  entronnen 
damonischen  gespenstischen  Einwirkungen  die  wo  wir  uns 
hinwenden  am  Herrschen  sind  und  entronnen  der  rohen 
Anarchie,  der  Gesetzlosigkeit  des  Leidens. 

Ich  habe  zu  meinem  Geburtstage  die  Werke  des  Gryphius 
in  einer  schonen  alten  Ausgabe  bekommen.  Das  Werk  dieses 
Mannes  ist  ein  Wahrzeichen  der  groBen  Gefahr  die  uns  auch 

140 


heute  bedroht:  die  Flamme  des  Lebens  wenn  niclit  ersticken 
so  doch  hoffnungslos  verdiistem  zu  lassen;  Licht  gibt  mir  die 
Besonnenheit  im  Geist  der  vergangenen  Jahre. 

Ich  arbeite  noch  nicht;  wann  ich  dazu  komme,  hangt  von 
den  Umstanden  ab.  Wenn  ich  eine  groBe  Bibliothek  zur  Ver- 
fiigung  hatte  konnte  ich  vieles  tun;  so  versammle  ich  hoffent- 
lich  mit  der  Zeit  meine  kleine  und  hoffe  nur  immer  zur 
Arbeit  imstande  zu  sein,  wenn  sie  nun  nach  Jahren  wieder 
moglich  werden  wird.  /  Meine  Arbeit  uber  die  Sprache  kann 
ich  Ihnen  augenblicklich  nicht  ubermitteln,  das  in  Deutsch- 
land  befindliche  Exemplar  ist  zur  Zeit  unerreichbar.2  Ich 
wage  die  Hofrnung  daB  wenn  Sie  sie  lesen  werden  sie  schon 
liber  den  ersten  Teil  hinaus  gediehen  sein  moge.  Aber  ich 
kann  Ihnen  vielleicht  von  Zeit  zu  Zeit  kurze  Abschriften  von 
Notizen  die  ich  geschrieben  habe  senden? 

Fur  heute  leben  Sie  wohl.  Meine  Frau  und  ich  senden 
Ihnen  herzliche  GriiBe 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Zu  Herbert  Belmore. 

2  Scholem  war  im  Heer. 


52  An  Gerhard  Scholem 


Zurich,  17.7.  1917 


Lieber  Herr  Scholem, 

Lassen  Sie  mich  einige  Worte  iiber  Ihre  Ubersetzung  des 
Hohen  Liedes  sagen.  Den  Text  habe  ich  leider  dabei  nicht  vor 
mir,  habe  ihn  nicht  einmal  vollstandig  in  der.letzten  auf- 
reibenden  Zeit  in  Dachau  lesen  kbnnen:  immerhin  sind  diese 
Einschrankungen  weniger  wichtig  als  meine  Unkenntnis, 
nicht  allein  des  Hohen  Liedes  sondern  des  Hebraischen.  Es 
kann  sich  demnach  nur  urn  ein  apercu  handeln,  des  wenigen 
was  ich  sage  glaube  ich  mich  aber  ziemlich  sicher. 

Das  was  die  zweite  Ubersetzung  von  der  ersten1  unter- 

141 


scheidet  ist  die  vollstandige  und  gewissenhafte  Applikation 
der  Kritik;  die  Umarbeitung  ist  methodisch  begriindet,  sie  ist 
aber  zugleich  nichts  als  methodisch.  Und  das  riihrt  wenn  ich 
mir  eine  Vermutung  erlauben  darf  daher:  Ihre  Liebe  zur 
hebraischen  Sprache  kann  sich  im  Medium  der  deutschen  nur 
als  Ehrfurcht  vor  dem  Wesen  der  Sprache  und  dem  Worte 
iiberhaupt  darstellen,  nur  in  der  Anwendung  einer  guten  und 
reinen  Methode.  Das  heiBt  aber:  Ihre  Arbeit  bleibt  eine 
apologetische,  weil  sie  die  Liebe  und  die  Verehrung  eines 
Gegenstandes  nicht  in  seiner  Sphare  ausdriickt.  Es  ware  nun 
prinzipiell  nicht  unmoglich  daB  zwei  Sprachen  in  eine  Sphare 
eingehen:  im  Gegenteil  das  konstituiert  alle  groBe  Uber- 
setzung  und  bildet  die  Grundlage  der  ganz  wenigen  groBen 
Ubersetzungswerke  die  wir  haben.  Im  Geiste  Pindars  er- 
schloB  sich  Holderlin  die  gleiche  Sphare  der  deutschen  und 
der  griechischen  Sprache:  seine  Liebe  zu  beiden  wurde  eine. 
(UngewiB  bin  ich  mir  halte  es  aber  fast  fur  moglich  daB  man 
liber  Georges  Dante-Ubersetzung  gleich  GroBes  sagen  kann) 
Ihnen  jedoch  ist  die  deutsche  Sprache  nicht  gleich  nahe  wie 
die  hebraische  und  darum  sind  Sie  nicht  der  berufene  Uber- 
setzer  des  Hohen  Liedes,  wahrend  Sie  es  eben  dem  Geiste  der 
Ehrfurcht  und  der  Kritik  verdanken,  daB  Sie  kein  Unberufe- 
ner  geworden  sind.  Ich  glaube  letzten  Endes  werden  Sie 
selbst  dieser  Arbeit  mehr  zu  danken  haben  als  jeder  andere.  - 

Ich  fand  im  Friihjahrskataloge  des  Insel-Verlages  Buber, 
Martin:  Die  Lehre,  die  Rede  und  das  Lied.  Nun  ist  das  eben 
die  Einteilung  sprachlicher  AuBerung  die  ich  in  meinem  un- 
beantworteten  Brief  an  ihn  machte.  Steckt  nun  etwavielleicht 
dahinter  die  Antwort?  Etwa  eine  zustimmende?  Etwa  ohne 
Angabe  des  Adressaten?  Ich  werde  mich  bemiihen  diesem 
Zusammenhang  auf  die  Beine  zu  helfen  und  Sie  werden  dann 
mehr  horen. 

Wir  fahren  sehr  bald  von  hier  ins  Engadin.  Bis  Sie  eine 
neue  Adresse  erhalten  schreiben  Sie,  und  bald  und  oft,  hie- 
her.  Wir  denken  oft  an  Sie  und  sind  mit  unsern  herzlichsten 
Wiinschen  bei  Ihnen. 

Ihr  Walter  Benjamin 


142 


l  Diese  Obersetzung  war  1916  in  einigen  Exemplaren  gedruckt  wor- 


den 


S3  An  Gerhard  Scholem 

St.  Moritz,  [September  1917] 

Lieber  Gerhard, 

erlauben  Sie  daB  ich  die  Erinnerung  an  Ihren  Kampf  und 
Sieg  mit  der  Einfiihrung  des  Vornamens  unter  uns  verbinde. 
Bei  aller  Freude  iiber  Ihren  letzten  Brief  (den  ich  hier  so- 
gleich  beantworte)  habe  ich  ein  geradezu  schmerzliches 
Gefiihl  empfunden  bei  dem  Gedanken  daB  wir  jetzt  nicht 
zusammen  sein  sollten.  1st  es  denn  wirklich  unmoglich?  Wir 
sind  jetzt  wie  ich  iiberzeugt  bin  in  gewisser  Beziehung  von 
einer  Gleichheit,  deren  Grundfarbe  wohl  die  Dankbarkeit  ist, 
in  der  innersten  Lage  des  Lebens  die  ein  hochst  fruchtbares 
und  schones  Zusammenarbeiten  versprechen  wiirde.  Dazu 
kommt,  wie  meine  Frau  und  ich  hier  noch  ganz  einsam 
stehen.  Haben  Sie  nicht  die  Moglichkeit,  durch  bescheidene 
Tatigkeit  sich  das  bescheidene  Geld  (in  Franken)  zu  verdie- 
nen  was  zu  Ihren  monatlichen  Beziigen  geschlagen  eine  be- 
scheidene aber  gesunde  Lebenshaltung  garantieren  wiirde? 
Und  wie  lange  wiirden  wir  sonst  noch  warten  miissen  bis 
wir  uns  wiedersahen  ? 

In  wenigen  Tagen  fahre  ich  geschaftlich  nach  Bern,  Wo 
ich  im  Winter  dann  studieren  werde  weiB  ich  noch  nicht. 
Vielleicht  in  Zurich;  unter  Umstanden  wiirde  ich  aber  auch 
Basel  wahlen  miissen  wenn  sich  das  in  Sachen  meiner  Promo- 
tion giinstiger  erwiese.  Dort  ist  der  sehr  liberale  Prof.  [Karl] 
Joel.  /  Nach  dem  was  ich  iiber  den  Konflikt  von  Prof.  Bauch 
mit  der  Kantgesellschaft  gehort  habe,  scheint  es  mir  aus- 
geschlossen,  daB  er  mehr  als  einige  Details  der  philosophi- 
schen  Forschung  ubermitteln  kbnnte;  Sie  werden  wohl  ge- 
legentlich  von  diesem  Konflikt  horen.  Linke  wird  meines 
Wissens  inphanomenologischen  Kreisen  nicht  sehr  geschatzt 1 ; 

143 


doch  habe  ich  einem  Aufsatz  von  ihm  einige  Belehrung  iiber 
das  Wesen  der  Phanomenologie  oder  das  was  er  dafiir  ansieht 
zu  danken.  Das  ist  eine  Polemik  gegen  eine  verstandnislose 
Kritik  der  Phanomenologie  durch  Elsenhans  und  sie  steht  im 
Jahrgang  1916  der  Kant-Studien. 

Hier  arbeite  ich  augenblicklich  nicht  sondern  denke  nur 
bei  Gelegenheit  iiber  manches  nach.  Es  ist  hier  zu  anderm 
nicht  der  Ort  und  fiir  diese  Sommerwochen  habe  ich  ihn  auch 
recht  gewahlt.  Es  ist  hier  eine  groBe  anspannende  und  den 
Geist  stahlende  Landschaft,  die  mit  heilender  Gewalt  ver- 
hindert  daB  die  innere  Losung  die  wir  gefunden  haben  uns 
innerlich  bis  zur  Vernichtung  erschuttern  konnte.  Meiner 
Frau  lese  ich  „Cardenio  und  Celinde"  von  Gryphius  vor,  ich 
selbst  lese  es  dabei  zum  zweiten  mal.  Es  ist  ein  sehr  schones 
Drama.  [..-]' 

Sie  diirf en  meinen  Aufsatz  iiber  die  Sprache  Ludwig  StrauB 
vorlesen,  wenn  ich  dafiir,  wenn  irgend  moglich,  eine  Ab- 
schrift  seiner  Arbeit2  leihweise  erhalten  kann.  Ich  will  Ihnen 
sagen  daB  mir  sehr  viel  daran  liegt  eine  Arbeit  iiber  Ethik 
die  Sie  betrachtlich  finden  kennen  zu  lernen,  ich  kann  mir 
kaum  Interessanteres  und  Wichtigeres  fiir  mich  denken  und 
eben  darum  wiirde  ich  die  Arbeit  gern  genau  und  also  ab- 
schriftlich  fiir  einige  Zeit  vor  mir  haben.  Ich  wiirde  was 
meine  Arbeit  angeht,  Ludwig  StrauB,  den  ich  herzlich 
griiBen  lasse,  naturlich  Gleiches  zugestehen:  vollstandiges 
gegenseitiges  Vertrauen  ist  hierbei  Voraussetzung.  /  Den 
neuen  Band  der  Holderlin  Ausgabe  werde  ich  mir  kommen 
lassen.  Das  Georgische  Gedicht3,  das  auch  Herr  Kraft4  mir 
schon  erwahnte,  ist  mir  bisher  leider  noch  nicht  zu  Gesicht 
gekommen. 


6.  September 
Ich  habe  Ihren  Aufsatz5  erhalten  und  danke  Ihnen  dafiir.  Er 
ist  sehr  gut.  Fiir  eine  weitere  Ausfiihrung  mbchte  ich  Sie  auf 
folgende  Gedanken  hinweisen.  Sie  schreiben:  „AUe  Arbeit  ist 
Unsinn,  die  nicht  auf  das  Beispiel  abzielt"  „Wenn  wir  Ernst 
machen  wollen :  ...  so  ist  das  heute  wie  immer  die  tief  ste 


144 


Beeinflussung  der  Seelen  der  Kommenden  —  und  die  einzige: 
durch  das  Beispiel."  Der  Begriff  des  Beispiels  (von  dem  der 
„Beeinflussung"  ganz  zu  schweigen)  ist  aus  der  Erziehungs- 
lehre  vollig  auszuschalten.  Es  haftet  ihm  einerseits  das  Em- 
pirische  und  andererseits  ein  Glaube  an  die  blofle  Macht 
(durch  Suggestion  oder  ahnliches)  bei.  Beispiel  wiirde  bedeu- 
ten:  durch  Vormachen  zeigen  daB  etwas  empirisch  moglich 
ist  und  zur  Nachahmung  aneifern.  Das  Leben  des  Erziehen- 
den  wirkt  aber  nicht  mittelbar,  durch  Aufstellung  eines 
Beispiels.  Weil  ich  mich  sehr  kurz  fassen  muB  will  ich  ver- 
suchen  das  am  Unterricht  zu  erlautern.  Unterricht  heiBt 
Erziehung  durch  die  Lehre  im  eigentlichen  Sinn  und  muB 
deshalb  in  der  Mitte  aller  Gedanken  liber  Erziehung  stehen. 
Die  Loslosung  der  Erziehung  vom  Unterricht  ist  das  Anzei- 
chen  vollstandiger  Verwirrung  in  alien  bestehenden  Schulen. 
Der  Unterricht  ist  fur  alle  iibrigen  Bezirke  der  Erziehung 
symbolisch,  denn  auch  in  alien  iibrigen  ist  der  Erzieher  der 
Lehrende.  Nun  kann  man  zwar  das  Lehren  als  ein  „beispiel- 
haftes  Lernen"  bezeichnen  aber  man  findet  sofort  daB  der 
Begriff  Beispiel  ganz  iibertragen  gebraucht  wird.  Der  Lehrer 
lehrt  nicht  eigentlich  indem  er  „vor-lernt",  beispielhaft 
lernt  sondern  sein  Lernen  ist  teilweise  allmahlich  und  ganz 
aus  sich  selbst  zum  Lehren  iibergegangen.  Wenn  man  also 
sagt  der  Lehrer  gibt  das  „Beispiel"  zum  Lernen  so  verdeckt 
man  durch  deii  Begriff  Beispiel  das  Eigentiimliche  Autonome 
im  Begriff  solchen  Lernens:  namlich  das  Lehren.  In  einem 
gewissen  Stadium  werden  bei  dem  rechten  Menschen  alle 
Dinge  beispielhaft  aber  sie  verwandeln  sich  damit  in  sich 
selbst  und  werden  neu.  Dieses  neue  schopferische  in  den 
Lebensformen  des  Mannes  sich  entf alten  zu  sehen  erofTnet  in 
die  Erziehung  den  Einblick.  Ich  wiinschte  nun  daB  Sie  in 
der  Ausarbeitung  Ihres  Aufsatzes  den  Begriff  des  Beispiels 
dergestalt  eliminierten  und  zwar  in  dem  der  Tradition  auf- 
heben  mochten.  Ich  bin  iiberzeugt:  die  Tradition  ist  das 
Medium  in  dem  sich  kontinuierlich  der  Lernende  in  den  Leh- 
renden  verwandelt  und  das  im  ganzen  Umf  ang  der  Erziehung. 
In  der  Tradition  sind  alle  Erziehende  und  zu  Erziehende  und 
alles  ist  Erziehung.  Symbolisiert  und  zusammengefaBt  wer- 

145 


den  diese  Verhaltnisse  in  der  Entwicklung  der  Lehre.  /  Wer 
nicht  gelernt  hat  kann  nicht  erziehen,  denn  er  sieht  nicht  an 
welcher  Stelle  er  einsam  ist,  wo  er  also  auf  seine  Weise  die 
Tradition  umfaBt  und  lehrend  mitteilbar  macht.  Wer  sein 
Wissen  als  iiberliefertes  begriffen  hat  in  dem  allein  wird  es 
uberlieferbar,  er  wird  in  unerhorter  Weise  frei.  Hier  denke 
ich  mir  den  metaphysischen  Ursprung  des  talmudischen 
Witzes.  Die  Lehre  ist  wie  ein  wogendes  Meer,  fur  die  Welle 
aber  (wenn  wir  sie  als  Bild  des  Menschen  nehmen)  kommt 
alles  darauf  an  sich  seiner  Bewegung  so  hinzugeben,  daB  sie 
bis  zum  Kamme  wachst  und  uberstiirzt  mit  Schaumen.  Diese 
ungeheure  Freiheit  des  Ubersturzes  ist  die  Erziehung,  im 
eigentlichen :  der  Unterricht,  das  sichtbar-  und  frei  werden 
der  Tradition,  ihr  Uberstlirzen  aus  lebendiger  Fiille.  Es  ist 
so  schwer  iiber  Erziehung  zu  reden  weil  deren  Ordnung  mit 
der  religiosen  Ordnung  der  Tradition  ganz  zusammen  fallt. 
Erziehen  ist  nur  (im  Geiste)  die  Lehre  bereichern;  nur  wer 
gelernt  hat  kann  das:  darum  ist  es  unmbglich  fur  die  Kom- 
menden  anders  als  lernend  zu  leben.  Die  Nachkommen  sind 
aus  dem  Geist  Gottes  (Menschen),  sie  steigen  aus  der  Bewe- 
gung des  Geistes  wie  Wellen  auf.  Unterricht  ist  der  einzige 
Punkt  der  freien  Vereinigung  der  alteren  mit  der  jiingeren 
Generation,  wie  Wellen  die  im  Ineinandergehen  denSchaum- 
kamm  werfen. 

Jeder  Irrtum  in  der  Erziehung  geht  darauf  zuriick  daB 
man  in  irgend  einem  letzten  Sinn  unsere  Nachkommen  von 
uns  abhangig  denkt.  Sie  sind  von  uns  nicht  anders  abhangig 
als  von  Gott  und  der  Sprache  in  die  wir  uns  daher  um  irgend 
einer  Gemeinsamkeit  mit  unsern  Kindern  willen  versenken 
miissen.  Junglinge  konnen  nur  ihresgleichen,  nicht  Kinder 
erziehen.  Manner  erziehen  Junglinge. 

Hoff  entlich  geht  dieser  Brief  nicht  zu  lange.  Ich  beschlieBe 
ihn  mit  den  herzlichsten  GriiBen  von  meiner  Frau  und  mir, 
der  ich  bald  von  Ihnen  zu  horen  gedenke. 

Ihr  Walter  Benjamin 


1  Bruno  Bauch  und  Paul  Linke  lehrten  in  Jena,  wo  Scholem  im  Win- 
ter 1917-1918  studierte. 


146 


2  Einen  (handschriftlichen)  Entwurf  einer  „Ethik", 

3  „Der  Kxieg". 

4  Werner  Kraft,  mit  dem  W.  B.  seit  1915  in  lebhaftem  (leider  ver- 
lorenen)  Briefwechsel,  vor  allem  uber  Literarisches,  stand.  Sowohl 
Kraft  wie  Scholem  waren,  unabhiingig  voneinander,  mit  W.  B.  unter 
dem  Eindruck  einer  Diskussion  bekannt  geworden,  die  im  Juni  1915 
iiber  einen  Vortrag  von  Kurt  Hiller  vor  Akademikern  stattfand  und  bei 
der,  unter  anderen,  alle  drei  gesprochen  hatten. 

5  Eine  prinzipielle  Kritik  der  judischen  Erziehungsarbeit  des  jiidischen 
Wanderbundes  „Blau~WeiB",  die  in  dessen  „Fuhrerzeitung"  im  Som- 
mer  1917  erschien. 


54  An  Ernst  Schoen 

Bern,  10.  September  1917 

Lieber  Herr  Schoen, 

Ihr  letzter  Brief  liegt  wahrend  ich  dies  schreibe  nicht  neben 
mir  —  ich  schreibe  dennoch  weil  alles  in  dieser  Stadt  mich 
dazu  bewegt  und  weil  ich  daran  denke  da!3  das  —  vielleicht 
gliicklose  —  Semester  das  Sie  hier  verlebten  einige  schtine 
Briefe  die  mich  damals  tief  bewegten  mir  von  Ihnen  brachte 
[. . .]  Fur  fast  alles  ist  der  briefliche  Ausdruck  versagt,  ich 
will  Ihnen  nur  das  schreiben  was  ich  der  Wahrheit  gemaB 
aussprechen  kann,  und  wo  ich  im  Schreiben  nicht  ganz  klar 
sein  konnte  schweigen. 

Gestern  sahen  wir  hier  einen  jungen  Musiker1  den  ich  vor 
mehreren  Jahren  als  er  aus  Wicker sdorf  kam  als  einen  an- 
mutigen  und  stillen  Knaben,  den  schon  damals  die  Musik 
allein  beschaftigte,  kennen  lernte.  Ich  glaubte  meine  Frau 
und  mich  mit  diesem  Wiedersehen  erfreuen  zu  konnen  —  aber 
ich  fand  einen  jungen  Mann  der  (gewifi  nicht  haBlich  war) 
aber  seine  eigentximliche  sondere  Schbnheit  verloren  hatte.  Ein 
vielleicht  unverdorbener,  ein  bildsamer  Mensch.  Aber  lassen 
Sie  es  mich  aussprechen:  Er  hatte  einen  Buckel  bekommen. 
In  diesem  Bilde  verdichtete  sich  der  geistige  Eindruck  den 

147 


ich  von  ihm  empfing.  Spater  sprach  ich  dariiber  mit  meiner 
Frau:  es  erschien  mir  dieser  Buckel  plotzlich  eine  Eigentiim- 
lichkeit  der  meisten  modernen  Menschen  die  sich  der  Musik 
widmen.  Sie  sind  wie  innerlich  verwachsen;  als  triigen  sie. 
etwas  Schweres  auf  etwas  Leerem.  Dieser  „Buckel"  und  was 
mit  ihm  zusammenhangt  ist  eine  besondere  Form  der  mir 
verhaBten  Sokratik,  der  modernen,  der  ,,SchonhaBlichkeit". 
Ganz  von  selbst  gerieten  wir  in  diesem  Gesprache  auf  Sie  und 
wie  in  Ihnen  das  BewuBtsein,  in  Ihren  Bedingungen  der 
bloBen  Beschaftigung  mit  der  Musik  noch  nicht  gewachsen 
zu  sein,  nicht  diese  bittere  und  eitle  Form  annehme.  Ihr 
Riickgrat  wird,  weil  Sie  verzichten  konnen  und  keinesfalls 
niemals  falsche  Fiille  behaupten  werden  gerade  bleiben.  Ist 
Ihnen  das  denn  nicht  selbst  bewuBt  und  vermag  dieses  Be- 
wuBtsein nicht,  Sie  wahrend  Ihrer  gewiB  langen  Krisis  auf- 
recht  zu  erhalten? 

Befreien  Sie  sich  aus  der  Ihnen  nachsten  Not. 

Das  scheint  mir  gegenwartig  der  gefahrliche  Agon  zu  sein 
in  den  Ihre  Krafte  eintreten  mussen. 

Bern  ist  eine  herrliche  Stadt  wenn  es  auch  vielleicht  un- 
moglich  sein  mag  allein  in  ihr  zu  leben.  Wie  lange  wir  npch 
hier  bleiben  und  wohin  wir  dann  gehen  ist  noch  ungewiB. 
Ich  muB  geduldig  warten  bis  ich  wieder  einmal  einen  Schreib- 
tisch  und  eigene  Arbeit  vor  mir  habe.  Aber  es  drangt  Vieles 
nach  Ausfuhrung. 

Hier  ist  ein  Gedicht  von  mir 

beim  Anblick  des  Morgenlichtes 

Taucht  doch  der  Mensch  aus  lindem  Wahn  empor 

Wie  konnte  sich  Erwachen  selbst  ermessen? 

Der  Sonne  Flut  erfullet  noch  das  Ohr 

bis  ihre  Ebbe  sich  im  Tag  verlor 

Und  Traum  der  wahrgesagt  sein  selbst  vergessen 

Vor  allein  aber  wird  zuerst  Gestalt 
dem  eine  Hand  ins  Stammgehege  greift 
der  Hort  der  Traurigkeit  der  hohe  Wald 

148 


In  seinen  Wipf eln  ist  ein  Licht  gereift 
das  mude  blicket  und  von  Nachten  kalt 

Wie  bald  bin  ich  auf  dieser  Welt  allein 
die  schaffend  ausgreift  meine  Hand  halt  ein 
Und  fiihlt  erschauernd  ihre  eigene  BloBe 
Ist  dieser  Raum  dem  Herzen  denn  zu  klein 
Wo  atmet  er  aus  seiner  rechten  GroBe? 

Wo  sich  das  Wachen  nicht  vom  Schlafe  scheidet 
Hebt  Leuchten  an  das  ist  wie  Mond  umkleidet 
Und  dennoch  droht  ihm  keine  Helle  Spott 
Des  Menschen  Wiese  wo  er  scblummernd  weidet 
In  Traumes  altem  Dunkel  nicht  mehr  leidet 
In  alten  Raumes  Lichte  wachet :  Gott. 

Ich  griiBe  Sie  herzlich.  Schreiben  Sie  mir  wie  es  Ihnen 
geht.  Auch  von  meiner  Frau  viele  GriiBe 

Ihr  Walter  Benjamin 

l  Er  hieB  Heymann. 


55  An  Gerhard  Scholem 

Bern,  22.  Oktober  1917 

Lieber  Gerhard, 

Ihre  beiden  Briefe  vom  20ten  und  28ten  September  haben, 
um  in  der  Antwort  auch  nur  einigermaBen  aufgenommen 
und  weitergefiihrt  werden  zu  konnen,  diese  Antwort  erst  in 
groBerem  Zeitabstand  zugelassen.  Ich  habe  indessen  standig 
iiber  das  was  Sie  schreiben  nachgedacht  —  bis  auf  Ihre  Ge- 
danken  iiber  Kant,  von  denen  ich  das  nicht  sagen  kanri,  weil 
sie  schon  seit  zwei  Jahren  schlechterdings  meine.  eigenen  sind. 
Niemals  hat  mich  unsere  Ubereinstimmung  erstaunlicher 
getroffen  als  in  Ihren  Worten  dariiber,  die  ich  buchstablich 
zu  meinen  eigenen  machenkdnnte.  Deshalbbrauche  ich  Ihnen 

149 


gerade  dariiber  vielleicht  am  wenigsten  zu  schreiben.  Ohne 
bisher  dafiir  irgend  welche  Beweise  in  der  Hand  zu  haben, 
bin  ich  des  festen  Glaubens,  daB  es  sich  im  Sinne  der  Philo- 
sophie  und  damit  der  Lehre,  zu  der  diese  gehort,  wenn  sie  sie 
nicht  etwa  sogar  ausmacht,  nie  und  nimmer  um  eine  Er- 
schiitterung,  einen  Sturz  des  Kantischen  Systems  handeln 
kann  sondern  vielmehr  um  seine  granitne  Festlegung  und 
universale  Ausbildung.  Die  tiefste  Typik  des  Denkens  der 
Lehre  ist  mir  bisher  immer  in  seinen  Worten  und  Gedanken 
aufgegangen,  und  wie  unermeBlich  viel  vom  Kantischen 
Buchstaben  auch  mag  fallen  miissen,  diese  Typik  seines 
Systems,  die  innerhalb  der  Philosophie  nur  mit  der  Platos 
meines  Wissens  verglichen  werden  kann,  muB  erhalten  blei- 
ben.  Einzig  im  Sinne  Kants  und  Platos  und  wie  ich  glaube 
im  Wege  der  Revision  und  Fortbildung  Kants  kann  die 
Philosophie  zur  Lehre  oder  mindestens  ihr  einverleibt  werden. 

Mit  Recht  werden  Sie  bemerken  daB  „im  Sinne  Kants" 
und  „die  Typik  seines  Denkens"  ganz  unklare  Ausdriicke 
sind.  In  der  Tat  sehe  ich  nur  die  Aufgabe,  wie  ich  sie  eben 
umschrieben  habe,  klar  vor  mir,  daB  das  Wesentliche  des 
Kantischen  Denkens  zu  erhalten  sei.  Worin  dieses  Wesent- 
liche besteht  und  wie  man  sein  System  neugriinden  muB,  um 
es  hervortreten  zu  lassen,  weiB  ich  bis  heute  nicht.  Aber  es 
ist  meine  Uberzeugung:  wer  nicht  in  Kant  das  Denken  der 
Lehre  selbst  ringen  fuhlt  und  wer  daher  nicht  mit  auBerster 
Ehrfurcht  ihn  mit  seinem  Buchstaben  als  ein  tradendum,  zu 
IJberlieferndes  erfaBt  (wie  weit  man  ihn  auch  spater  um- 
bilden  miisse)  weiB  von  Philosophie  garnichts.  Deshalb  ist 
auch  jede  Bemanglung  seines  philosophischen  Stils  pures 
Banausentum  und  profanes  Geschwatz.  Es  ist  durchaus  wahr, 
daB  in  den  groBen  wissenschaftlichen  Schopfungen  die  Kunst 
mitumfaBt  sein  muB  (wie  umgekehrt)  und  so  ist  es  auch 
meine  Uberzeugung,  daB  Kants  Prosa  selbst  einen  limes  der 
hohen  Kunstprosa  darstellt.  Hatte  sonst  die  Kritik  der  reinen 
Vernunft  Kleist  bis  ins  Innerste  erschiittert? 

In  dem  bisher  gesagten  weiB  ich  mich  mit  dem  Genie 
einig.  Seine  gegenwartige  Adresse  habe  ich  nicht,  kbnnte  sie 
aber  wohl  ermitteln.  Dabei  will  ich  folgendes  bemerken:  ich 

150 


habe  es  aufs  tiefste  empfinden  miissen,  daB  bei  so  tiefreichen- 
der  Gleichheit  des  Bildes,  das  zwei  Menschen  von  der  Wahr- 
heit  in  sich  tragen,  aucb  fiir  ihre  Gemeinschaft  in  jedem 
Sinne  und  auch  in  dem  der  Entdeckung  dieser  Wahrheit, 
innige  Verwandtschaft  unerlaBlich  ist,  weil  es  sonst  iiber 
gegenseitige  freimiitige  Mitteilung  und  Achtung  garnicht 
hinauskommen  kann.  Das  ware  auch  das  hochste  das  ich  mir, 
soweit  es  noch  nicht  erreicht  ist,  von  meiner  Beziehung  zum 
Genie  versprechen  kann;  denn  in  jedem  anderen  Punkte  als 
diesem  auBersten  Beruhrungspunkte  in  der  Intuition,  die  bei 
beiden  nicht  aus  verschiedenen,  nein,  wahrscheinlich  aus  ent- 
gegengesetzten  Quellen  flieBt,  werden  die  Arbeitsmethoden 
disparat;  so  daB  man  nur  miteinander  sprechen,  nicht  durch- 
aus  in  Gemeinschaft  mit  einander  wird  arbeiten  konnen.  Dies 
glaube  ich  was  meine  Beziehung  zum  Genie  angeht  bereits 
als  sicher  annehmen  zu  diirfen;  Deutscher  und  Jude  stehen 
sich  gleich  den  verwandten  Extremen  gegeniiber,  wie  ich  es 
ihm  selbst  einmal  sagte.  Doch  wiirde  es  bei  ihm  und  mir 
immer  noch  auf  den  mit  Ernst  unternommenen  Versuch 
ankommen,  wenn  das  eben  moglich  ware,  und  so  mag  es  auch 
bei  Ihnen  sein.  Ich  brauche  Ihnen  hiernach  kaum  zu  sagen, 
wie  sehr  ich  mir  im  letzten  Sinne  von  unserem  Zusammen- 
sein  Forderung  unserer  Selbst  im  Wissen  versprache. 

Ich  werde  in  diesem  Winter  beginnen  iiber  Kant  und  die 
Geschichte  zu  arbeiten.  Noch  weiB  ich  nicht,  ob  ich  den  not- 
wendigen  durchaus  positiven  Gehalt  in  dieser  Beziehung  bei 
dem  historischen  Kant  vorfinden  werde.  Davon  hangt  es  auch 
mit  ab,  ob  ich  aus  dieser  Arbeit  meine  Doktordissertation 
werde  entwickeln  konnen.  Denn  ich  habe  die  betreffenden 
Schriften  von  Kant  noch  nicht  gelesen.  Neben  manchem  An- 
laBlichen  und  Interessanten  glaube  ich  jetzt  den  letzten 
Grund  der  mich  auf  dieses  Thema  verwiesen  hat  darin  zu 
erkennen,  daB  immer  die  letzte  metaphysische  Dignitat  einer 
philosophischen  Anschauung  die  wirklich  kanonisch  sein 
will,  sich  in  ihrer  Auseinandersetzung  mit  der  Geschichte  am 
klarsten  zeigen  wird ;  m.  a.  W.  in  der  Geschichtsphilosophie 
wird  die  spezifische  Verwandtschaft  einer  Philosophic  mit 
der  wahren  Lehre  am  klarsten  hervortreten  miissen;  denn 


151 


hier  wircl  das  Thema  des  historischen  Werdens  der  Erkennt- 
nis  das  die  Lehre  zur  Auflosung  bringt,  auftreten  miissen. 
Doch  ware  es  nicht  ganz  ausgeschlossen,  dafi  in  dieser  Be- 
ziehung  Kants  Philosophic  noch  sehr  unentwickelt  ware. 
Nach  dem  Schweigen,  das  iiber  seine  Geschichtsphilosophie 
herrscht,  miifite  man  dies  (oder  das  Gegenteil)  glauben.  Aber 
ich  denke  es  wird  sich  fur  den,  der  mit  richtigem  Verstand 
herarigeht,  geniigend  und  mehr  als  das  finden.  Oder  aber  ich 
werde  dabei  ein  anderes  Arbeitsgebiet  finden.  Meine  iibrigen 
Gedanken  dariiber  konnte  ich  Ihnen  jetzt  am  besten  miindlich 
andeuten. 

Bitte  lesen  Sie  unter  alien  Umstanden  Barthel:  die  geo- 
metrischen  Grundbegriff  e  im  Archiv  fur  systematische  Philo- 
sophic hg  von  L.  Stein  Neue  Folge  der  Philos.  Monatsh.  Bd 
XXII  Heft  4  November  1916.  Ich  habe  den  Aufsatz  durch- 
blattert  und  naturlich  nur  teilweise  verstanden.  Sie  miissen 
sich  damit  auseinandersetzen  und  mir  schreiben  was  daran  ist. 

Gegenwartig,  ehe  ich  meine  Kantlektiire  beginnen  kann, 
lese  ich  das  Lehrbuch  der  Dogmengeschichte  von  Harnack  in 
drei  Banden.  Ich  stehe  am  Ende  des  ersten.  Das  Buch  gibt 
mir  sehr  viel  zu  denken  indem  es  mich  zum  ersten  Mai  be- 
fahigt  mir  eine  Vorstellung  von  dem  was  Christentum  ist 
zu  machen  und  mich  fortwahrend  auf  Vergleiche  mit  dem 
Judentum  fuhrt,  fur  die  mein  Wissen,  euphemistisch  gesagt, 
ganz  unzulanglich  ist.  Trotzdem  haben  sich  mir  einige  be- 
stimmte  Probleme  ergeben,  deren  jedes  gut  darzulegen  eben- 
soviele  Briefe  erfordern  wiirde.  Ich  deute  zwei  in  Form  von 
Fragen  an  1)  gibt  es  im  Judentum  den  Begriff  des  Glaubens 
im  Sinn  des  adaquaten  Verhaltens  zu  der  Offenbarung? 
2)  Gibt  es  im  Judentum  eine  irgendwie  prinzipielle  Schei- 
dung  und  Unterscheidung  zwischen  der  jiidischen  Theologie, 
Religionslehre  und  dem  religiosen  Judentum  des  einzelnen 
Juden?  Beides  beantwortet  meine  Ahnung  mit  Nein  und 
beides  wiirde  dann  sehr  wichtige  Gegensatze  gegen  den 
christlichen  Religionsbegriff  konstituieren.  Von  einem  ande- 
ren  groBen  Problem  des  Christentums  das  sich  ergeben  hat 
ein  andermal.  Dagegen  aber  a  propos  diese  Bemerkung:  Ein 
Hauptstiick  der  vulgdren  antisemitischen  wie  zionistischen 

152 


Ideologie  ist  der  HaB  des  Nicht-Juden  gegen  den  Juden,  der 
instinktiv  und  rassenmaBig  physiologisch  begriindet  sei,  da 
er  sich  gegen  die  Physis  kehre.  Dieser  unbewuBt  vollzogene 
SchluB  ist  aber  falsch,  denn  es  ist  eine  der  erstaunlichen 
wesenhaften  Eigenarten  des  Hasses,  daB,  welchen  Grund  und 
ArilaB  er  audi  immer  habe,  er  in  seinen  primitivsten  und 
intensivsten  Formen  HaB  gegen  die  physische  Natur  des  Ge- 
haBten  wird.  (In  dieser  Richtung  ware  auch  die  Verwandt- 
schaft  zwischen  HaB  und  Liebe  zu  suchen)  Wenn  also  von 
einem  HaB  der  Nicht-Juden  gegen  Juden  in  gewissen  Fallen 
gesprochen  werden  kann,  so  iiberhebt  das  nicht  der  Miihe 
geistige  Gninde  fiir  dieselben  zu  suchen.  In  dieser  Hinsicht 
ist  nun  als  ein  Motiv  (zunachst  nicht  des  Hasses  aber  des 
Unwillens  gegen  Juden  und  Judentum)  zu  beriicksichtigen 
die  historisch  gewordene  hochst  verlogene l  und  schief e  Art 
und  Weise  wie  das  alte  Testament  der  Anerkenntnis  der 
kommenden  christlichen  Jahrhunderte  und  Volker  durch  die 
altesten  Kirchen  und  Gemeinden  aufgezwungen  wurde  ur- 
spriinglich  allerdings  in  der  Hoffnung  es  den  Juden  zu  ent- 
reiBen  und  ohne  BewuBtsein  historischer  Folgen,  da  man 
in  Erwartung  des  nahen  Endes  lebte,  wo  durch  eine  welt- 
geschichtliche  Verstimmung  der  Christen  gegen  das  Juden- 
tum geschaffen  werden  muBte.  Dies  wie  gesagt  nur  a  propos. 
Von  Ludwig  StrauB  ist  noch  nichts  gekommen.  Unter  der 
Voraussetzung,  daB  ich  in  den  Besitz  seiner  Arbeit  gelange 
und  wenn  ich  dies  bestatigt  habe,  konnen  Sie  ihm  ein  Exem- 
plar der  Abschrift  der  Spracharbeit  zusenden.  Ein  zweites 
kann  Herr  Kraft,  das  dritte  Sie  und  wenn  Sie  keine  andere 
Verwendung  dafur  haben,  ein  viertes  ich  erhalten.  Sonst 
lieBe  sich  fiir  mich  noch  ein  fiinftes  vielleicht  herstellen;  aber 
wer  sollte  dann  das  vierte  erhalten?  /  Ich  weiB  leider  nicht, 
lieber  Gerhard,  wann  Ihr  Geburtstag  ist,  zu  dem  meine  Frau 
und  ich  Ihnen  zu  spat  oder  zu  friih  aber  niemals  zu  herzlich 
gratulieren  konnen.  So  schreiben  Sie  uns  denn  bitte,  ob  die 
Photographien  die  Sie  mit  der  nachsten  Sendung  erhalten 
werden,  zu  friih  oder  zu  spat  kamen.  Sie  sind  in  der  schwer- 
sten  Zeit  in  Dachau  aufgenommen  worden,  urspriinglich  als 
PaBaufnahmen  gedacht,  als  die  sie  aber  nicht  in  Betracht 

153 


kommen.  Im  Verhaltnis  zu  der  groBen  Schwierigkeit,  ein 
Bild  meiner  Frau  aufzunehmen,  ist  es  wohl  nicht  schlecht. 

Diese  nachste  Sen  dung  soil  zugleich  die  Abschrift  eines 
Aufsatzes  von  mir  enthalten,  iiberschrieben:  Uber  die  Male- 
rei  der  als  Antwort  auf  Ihren  Brief  iiber  Kubismus  zu  gelten 
hatte,  obwohl  dieser  darin  kaum  erwahnt  ist.2  Es  ist  eigent- 
lich  kein  Aufsatz  sondern  zu  einem  solchen  erst  der  Entwurf . 
Hier  einige  Bemerkungen  dazu:  nachdem  ich  schon  in 
St.  Moritz,  wie  ich  Ihnen  von  dort  seinerzeit  geschrieben 
habe,  iiber  das  Wesen  der  Graphik  nachgedacht  hatte  und  bis 
zur  Aufzeichnung  einiger  Satze  gekommen  war,  die  mir  bei 
der  Abfassung  der  neuen  leider  nicht  zur  Hand  waren,  hat 
Ihr  Brief  in  Verbindung  mit  den  fruheren  Uberlegungen 
diese  Satze  als  Resultate  meines  Nachdenkens  veranlaBt.  Am 
unmittelbarsten,  indem  er  mir  das  Interesse  an  der  Einheit 
der  Malerei  trotz  ihrer  scheinbar  so  disparaten  Schulen  er- 
weckte.  Indem  ich  (im  Gegensatz  zu  Ihren  Behauptungen) 
erweisen  wollte,  dafi  ein  Rafaelsches  und  ein  kubistes  [sic] 
Bild  als  solche  wesenhaft  ubereinstimmende  Merkmale  neben 
den  trennenden  zeigen,  ist  die  Betrachtung  der  trennenden 
fortgeblieben.  Dafur  habe  ich  aber  versucht  denjenigen 
Grund  aufzufinden,  von  dem  alle  Verschiedenheit  sich  aller- 
erst  abheben  konnte.  Wie  entschieden  ich  dabei  Ihrer  Tricho- 
tomie  der  Malerei  in  farblose  (lineare)  farbige  und  synthe- 
tische  widersprechen  muBte,  werden  Sie  sehen.  Das  Problem 
des  Kubismus  liegt  von  einer  Seite  her  gesehen  in  der 
Moglichkeit  einer,  nicht  notwendig  farblosen,  aber  radikal 
unfarbigen  *  Malerei  in  der  lineare  Gebilde  das  Bild  beherr- 
schen  —  ohne  daB  der  Kubismus  aufhorte  Malerei  zu  sein  und 
zur  Graphik  wiirde.  Ich  habe  dies  Problem  des  Kubismus 
weder  von  dieser  noch  einer  anderen  Seite  beruhrt  einerseits, 
weil  es  mir  bisher  vor  einzelnen  konkreten  Bildern  oder  Mei- 
stern  noch  nicht  entscheidend  aufgegangen  ist.  Der  einzige 
Maler  unter  den  neuen,  der  mich  in  diesem  Sinne  beruhrt 
hat,  ist  Klee,  andrerseits  aber  war  ich  mir  uber  die  Grund- 


*  Dieser  Unterschied  miiBte  natiirlich  erst  erklart  und  klar- 
gestellt  werden 

154 


lagen  der  Malerei  noch  viel  zu  sehr  im  unklaren,  urn  von 
dieser  Ergriffenheit  zur  Theorie  fortzuschreiten.  Ich  glaube, 
daJ3  ich  spater  dazu  komraen  werde.  Von  den  modernen 
Malern  Klee  Kandinsky  und  Chagall  ist  Klee  der  einzige  der 
offensichtliche  Beziehungen  zum  Kubismus  aufweist.  Doch 
ist  er  so  weit  ich  dariiber  urteilen  kann,  wohl  keiner,  wie 
eben  diese  Begriffe  im  Uberblick  der  Malerei  und  ihrer 
Grundlegung  unentbehrlich  sind,  jedoch  der  einzelne  groBe 
Meister  nicht  gerade  nur  durch  einen  bestimmten  dieser  Be- 
griffe theoretisch  erfaBbar  wird.  Wer  in  diesen  Kategorien 
der  Schulen  als  einzelner  Maler  relativ  zulanglich  erfaBt 
werden  kann,  wird  kein  groBer  sein,  weil  Ideen  der  Kunst 
(denn  Schulbegriffe  sind  solche)  sich  auch  in  der  Kunst  nicht 
unmittelbar  ausdriicken  konnen  ohne  kraftlos  zu  werden.  In 
der  Tat  habe  ich  bisher  vor  Picassos  Bildern  imraer  diesen 
Eindruck  des  Kraftlosen  und  Unzulanglichen  gehabt,  den  Sie 
mir  zu  meiner  Freude  bestatigen;  gewiB  weil  Sie  nicht,  wie 
Sie  es  schreiben,  zu  dem  rein  kunstlerischen  Inhalt  dieser 
Dinge  keinen  Zugang  hatten,  sondern  weil,  wie  Sie  schreiben,  . 
Sie  einen  solchen  zu  der  geistigen  Mitteilung  die  diese  Dinge 
ausstromen  haben:  und  beides:  Kiinstlerischer  Inhalt  und 
geistige  Mitteilung  sind  doch  ganz  genau  dasselbe!  Wie  ich 
denn  auch  bei  meinen  Notizen  das  Problem  der  Malerei  in 
das  groBe  Gebiet  der  Sprache  einiminden  lasse,  dessen  Urn- 
fang  ich  schon  in  der  Spracharbeit  andeute.  /  Rein  polemisch 
will  ich  Ihnen  nur  schreiben,  daB  ohne  noch  eine  selbstandige 
Einordnung  des  Kubismus  zu  versuchen,  ich  Ihre  Charak- 
teristik  von  ihm  fur  falsch  halte.  Sie  halten  fur'  die  Quint- 
essenz  des  Kubismus  „das  Wesen  des  Raumes  der  die  Welt 
ist  durch  Zerlegung  mitzuteilen".  In  dieser  Bestimmung 
scheint  mir  ein  Irrtum  bezuglich  des  Verhaltnisses  der  Male- 
rei zu  ihrem  sinnlichen  Gegenstande  vorzuliegen.  Zwar  kann 
ich  in  der  analytischen  Geometrie  die  Gleichung  eines  zwei- 
oder  dreidimensionalen  Gebildes  im  Raume  geben  ohne  durch 
sie  aus  der  Analysis  des  Raumes  herauszutreten ;  nicht  aber 
in  der  Malerei  Dame  mit  Facher  (z.  B.) 3  malen,  und  [sic]  da- 
mit  das  Wesen  des  Raumes  durch  Zerlegung  mitzuteilen.  Viel- 
mehr  muB  die  Mitteilung  unter  alien  Umstanden  durchaus 

155 


„Dame  mit  Facher"  betreffen.  Andrerseits  ist  es  wahrschein- 
lich,  dafi  die  Malerei  audi  nicht  eigentlich  es  mit  dem 
„Wesen"  von  etwas  zu  tun  hat,  denn  dann  konnte  sie  mit  der 
Philosophie  kollidieren.  Uber  den  Sinn  des  Verhaltnisses  der 
Malerei  zu  ihrem  Gegenstande  vermag  ich  zur  Zeit  noch 
nichts  zu  sagen;  ich  glaube  aber,  dafi  es  sich  da  weder  um 
Nachbildung  noch  um  Wesenserkenntnis  handelt.  /  Ubrigens 
aber  werden  Sie  vielleicht  aus  meinen  Notizen  entnehmen, 
dafi  auch  ich  einen  tiefen  Zusammenhang  etwa  zwischen 
Kubismus  und  sakraler  Architektur  mir  denken  konnte. 

Diirfte  ich  Sie  um  zwei  Gefalligkeiten  bitten?  Meine  Frau 
wiinscht  sich  zum  Geburtstag  von  Franz  Hartwig  „Die 
Marchenkonigin",  das  Buch  mufi  in  den  letzten  20-40  Jahren 
des  vorigen  Jahrhunderts  erschienen  sein.  Wenn  eine  Jenenser 
Buchhandlung  es  beschaffen  kann,  so  bestellen  Sie  es  bitte  fur 
mich.  Desgleichen,  falls  Sie  es  nicht  etwa  besitzen  und  mir 
leihweise  iibersenden  bezw.  wenn  es  ganz  kurz  ist,  abschrei- 
ben  kb'rmten,  von  Stefan  George:  Der  Krieg.  Was  Sie  dazu 
.  sagen,  mufi  ich  leider  durchaus  glauben,  mochte  es  aber 
dennoch  einmal  vor  Augen  haben. 

Von  dem  was  ich  vor  einem  Jahre  Herrn  Kraft  uber  das 
Judentum  schrieb  ein  andermal.  —  [...]/  Dafi  ich  iiber  Hire 
Satze  iiber  den  Kubismus  nicht  unmittelbar  eingehen  konnte, 
sondern  in  andrer  Richtung  -  prinzipiell  zu  meinen  Notizen 
angeregt  wurde,  verubeln  Sie  nicht.  Es  liegt  in  der  Natur  der 
Sache;  Sie  hatten  Bilder  vor  sich  und  ich  Ihre  Worte. 

Mit  der  stets  lebendigen  Hoffnung  eines  freudigen  Wie- 
dersehens 

Ihr  Walter 

Vom  1 .  November  ab  wohnen  wir  Hallerstr.  25. 


1  Vielleicht  auch  „verlegene"  zu  lesen,  jedoch  diirfte  die  Lesung  „ver- 
logene"  eher  dem  Zusammenhang  und  Sprachgebrauch  W.  B.s  ent- 
sprechen. 

2  Es  handelte  sich  um  ein  paar  Seiten  mit  dem  Tit  el  „Zeichen  und 
Mai",  die  im  NachlaB  erhalten  sind. 

3  Dies  Bild  Picassos  war  in  der  Berliner  Ausstellung  des  „Sturm"  im 


156 


Sommer  1917  gezeigt  worden  und  hatte  den  Ausgangspuukt  von  Sch.s 
Betrachtungen  gebildet. 


56  An  Gerhard  Scholem  * 

3.  Dezember  1917 

Mir  ist  seitdem  ich  Ihren  Brief  bekommen  habe  oft  feierlich 
zu  mute.  Es  ist  als  ware  ich  in  eine  Festzeit  eingetreten  und 
ich  muB  in  dem  was  sich  Ihnen  eroffnet  hat  die  Offenbarung 
verehren.2  Denn  es  ist  doch  nicht  anders  daB  das  was  Ihnen 
zugekommen  ist  Ihnen  allein  eben  an  Sie  gerichtet  worden 
sein  muB  und  wieder  fur  einen  Augenblick  in  unser  Leben 
getreten  ist.  Ich  bin  in  eine  neue  Zeit  meines  Lebens  ein- 
getreten da  das  was  mich  mit  planetarischer  Geschwindigkeit 
von  alien  Menschen  loste  und  mir  auch  noch  die  nachsten 
Verhaltnisse  auBer  meiner  Ehe  zu  Schatten  machte  unerwar- 
tet  an  einem  andern  Orte  auftaucht  und  verbindet. 

Mehr  will  ich  Ihnen  heute  wenn  auch  dieser  Brief  Ihr  Ge- 
burtstagsbrief  sein  soil  nicht  schreiben. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Ohne  Anrede. 

2  Scholem  hatte  das  Manuscript  des  Aufsatzes  iiber  den  Idioten  von 
Dostojewski  (Schriften  II,  S.  127-131)  gesehen  und  ihn  als  eine  eso- 
terische  AuBerung  iiber  F.  Heinle  gedeutet. 


51  An  Gerhard  Scholem 

[7.Dez.  1917] 

Lieber  Gerhard, 

Ihr  Brief  vom  2ten  November  1917  kam  mir  heute  morgen, 
am  7ten  Dezember  zu,   „verzogert  weil  iiber  zwei  Quart- 

157 


seiten".  Sie  miissen  so  lange  Brief e  am  besten  teilen  oder 
mindestens  durch  Eilboten  gehen  lassen.  Der  erste  Bogen 
dieses  Brief  es  war  gestern  geschrieben  und  ich  f  iige  nun  noch 
die  kiirzeren  Antworten  bei  die  ich  auf  Ihren  Brief  geben 
kann.  Denn  was  die  Frage  angeht  welch e  die  langste  er- 
heischt:  wie  ich  bei  meiner  so  beschaffenen  Stellung  zum 
Kantischen  System  leben  konne?  so  bin  ich  dauernd  an  der 
Arbeit  mir  dies  Leben  durch  die  Einsicht  in  die  Erkenntnis- 
theorie  zu  ermoglichen  und  muB  fiir  die  ungeheure  Aufgabe 
die  das  fiir  Menschen  unserer  Einstellung  bedeutet  bei  allem 
Eifer  Geduld  haben.  Was  ich  bisher  niederschrieb  ist  so 
skizzenhaft  daB  ich  es  Ihnen  nicht  senden  kann  ehe  ich  es 
nicht  etwas  besser  gerechtfertigt  habe.  So  wie  eine  gewisse 
Stufe  erreicht  ist  erfahren  Sie  es.  Beruht  doch  meine  Hoff- 
nung  einmal  diese  Dinge  wirklich  zu  wissen  und  mitzuteilen 
nicht  zum  wenigsten  auf  meiner  Gewiflheit  mit  Ihnen  arbei- 
ten  zu  konnen.  Es  war  mir  sehr  schmerzlich  daB  Sie  die  Stelle 
meines  vorletzten  Briefes  die  sich  darauf  bezog  mifiverstan- 
den  haben:  sie  hatte  genau  den  entgegengesetzten  Sinn. 
Meine  Frau  machte  mich  als  sie  den  Brief  seinerzeit  las  auf 
den  Doppelsinn  dieser  Stelle  ausdrucklich  aufmerksam;  ich 
glaube  mich  zu  entsinnen  daB  ich  durch  die  Unterstreichung 
irgend  eines  Wortes  in  dem  Zusammenhang  die  Moglichkeit 
des  MiBverstandnisses  ausgeschaltet  glaubte.  Lesen  Sie  die 
Stelle  bitte  nochmals:  Sie  tragen  an  dem  MiBverstandnis 
selbstverstandlich  keine  Schuld  aber  Sie  werden  finden  daB 
die  Stelle  irgendwie  doppelsinnig  war;  und  ich  meinte  gerade 
dieses:  daB  zwischen  uns  ein  ganz  anderes  vbllig  positives 
Verhaltnis  stattfinde  als  zwischen  mir  und  dem  Genie.  Die- 
ses erwahnte  ich  weil  Sie  sich  damals  gerade  nach  ihm  erkun- 
digt  hatten.  Meh-r  als  an  allem  andern  ist  es  ja  hieran,  an 
diesem  MiBverstandnis,  erkennbar  wie  sehr  der  Briefwechsel 
ein  geringer  Ersatz  fiir  das  Miteinandersein  ist. 

Also  unsere  Auseinandersetzung  iiber  Kant  muB  von  mir 
aus  noch  aufgeschoben  werden.  Doch  scheint  mir  zweierlei 
von  dem  was  Sie  schreiben  wahrscheinlich  oder  vielmehr  das 
Eine  davon  sicher:  daB  namlich  zunachst  die  Beschaftigung 
mit  dem  Buchstaben  der  Kantischen  Philosophic  notwendig 

158 


ist.  Gerade  das  Studium  der  Kantischen  Terminologie,  wohl 
der  einzigen  in  der  Philosophic  die  im  ganzen  nicht  nur  ent- 
standen  sondern  auch  geschaffen  ist  fiihrt  auf  die  Erkenntnis 
ihrer  auBerordentlichen  Potenz  und  jedenfalls  kann  man, 
indem  man  sie  in  sich  immanent  entwickelt  und  prazisiert 
sehr  viel  lernen.  In  diesem  Sinne  bin  ich  neulich  auf  ein 
Thema  zu  einer  Doktorarbeit  gekommen  das  eventuell  fur 
mich  in  Betracht  kame:  Der  Begriff  der  „unendlichen  Auf- 
gabe"  bei  Kant.*  Zweitens  aber  ist  mir  im  eignen  Nachdenken 
auch  das  andere  was  Sie  schreiben  naher  getreten:  DaB  man 
sich  namlich  unter  Umstanden  im  eignen  Denken  zunachst 
wo  es  auf  die  letzten  Probleme  ankommt  ganz  auf  eigne 
FiiBe  stellen  muB.  Jedenfalls  gibt  es  gewisse  Probleme  wie 
eben  die  uns  zentralen  der  Geschichtsphilosophie  fiir  die  wir 
bei  Kant  im  entscheidenden  Sinne  wohl  erst  dann  etwas 
lernen  konnen  wenn  wir  sie  fiir  uns  neu  gestellt  haben. 
Auf  den  reichen  Inhalt  Ihres  Briefes  kann  ich  im  Augenblick 
nicht  weiter  eingehen  ohne  fliichtig  zu  sein,  denn  dies  soil 
abgehen.  Wir  werden  wie  ich  hoffe  bald  kiirzer  korrespondie- 
ren  und  vielleicht  erreicht  Sie  schon  dieser  Brief  auf  dem 
neuen  Wege.  Uber  Tora  und  Geschichtsphilosophie  werden 
wir  wohl  ganz  gegenseitig  erst  sprechen  konnen  wenn  wir 
wieder  zusammen  sind.  Gerade  iiber  den  Zerfall  christlicher 
Begriffe  sagte  ich  neulich  Einiges  meiner  Frau  ganz  in  der 
Hinsicht  in  der  Sie  es  beriihren.  In  der  Lektiire  der  Dogmen- 
geschichte  habe  ich  eine  Pause  machen  miissen.  Es  ist  ein  so 
sehr  umfangreiches  Werk  und  verlangt  soviel  Konzentration 
daB  man  es  sich  grimdlich  iiberlegen  soil  ob  man  es  liest, 
denn  man  kann  dann  nicht  eigentlich  irgendwie  abbrechen 
sondern  muB  es  auslesen.  /  DaB  Sie  mich  iiber  Bauch  orien- 
tieren  ist  mir  sehr  lieb;  man  sieht  wieder  iiber  einen  Philo- 
sophen  klar  und  es  ist  so  gut  als  hatte  ich  in  Jena  studiert. 
/  /  Meine  Antwort  auf  Ihre  Frage  betreffend  die  Arbeit  von 
Herrn  Kraft l  kommt  nun  wohl  etwas  spat.  Diese  Arbeiten 
—  wie  Sie  sicher  erkannt  haben  und  wie  ich  ihm  seinerzeit  es 
auf  die  geziemende  Art  auch  aussprach  —  als  reine  Ausge- 


*  was  meinen  Sie  dazu? 

159 


burten  seines  verzweifelten  Ergehens  konnen  weder  im  auBe- 
ren  noch  diirf en  im  innern  Sinn  gedruckt  werden.  Folgendes 
schrieb  ich  Kraft  ohne  klare  Antwort  zu  erhalten:  Rudolf 
Borchardt  kennt  ihn,  er  ist  sicherlich  nicht  ohne  EinfluB  in 
dem  worauf  es  ankommt.  Er  muj3  etwas  fiir  ihn  tun,  denn 
wenn  Borchardt  iiberhaupt  einem  Menschen  dieser  Genera- 
tion verpflichtet  ist  so  ist  er  es  ihm.  Er  sollte  es  ihm  aus  Zu- 
neigung  sein  und  er  ist  es  ihm  auch  aus  Schuld. 
Urn  Ihr  Referat  iiber  Logistik  bitte  ich  dringend. 

Leben  Sie  sehr  herzlich  wohl  und  seien  Sie  nicht  bose  daB 
ich  sovieles  unberiihrt  lassen  muB. 

Ihr  Walter 


1  Werner  Kraft,  der  damals  Sanitatssoldat  in  Hannover  war,  hatte 
Scholem  in  Jena  besucht. 


58  An  Gerhard  Scholem 

[ca23.XIL  1917] 

Lieber  Gerhard, 

unser  Briefwechsel  nimmt  barocke  Dimensionen  aus  Fulle 
an  und  wenn  nun  gar  ein  Brief,  wie  der  Ihrige  vom  19fcen 
November  1917  wegen  seiner  Lange  auBer  der  Reihenfolge 
eintrifft  (erst  Mitte  Dezember  erreichte  er  uns)  so  bin  ich  fast 
ratios,  wie  ich  die  verschiedenen  so  wichtigen  Gegenstande 
ohne  Fliichtigkeit  und  ohne  die  Wesentlichsten  fortzulassen 
beriihren  soil.  /  Am  leichtesten  fallt  mir  zunachst  Ihnen  den 
herzlichsten  Dank  fiir  die  Sorgfalt  zu  sagen,  mit  der  Sie  die 
Besorgungen  fiir  mich  erledigen.  Ich  glaube  nicht,  daB  Sie 
sich  eine  Vorstellung  von  der  Freude  machen,  die  das  Ein- 
treffen  des  IV  Bandes  der  Holderlinschen  Werke,  das  so  lange 
und  sehnlich  erwartet  wurde  (ich  hatte  sie  namlich  schon  im 
August  (!)  bei  einer  Buchhandlung  bestellt)  mir  machte.  Ich 
war  den  ganzen  Tag  vor  Erregung  fast  zu  nichts  anderm 

160 


fahig.  Nun  steht  meine  brennende  Erwartung  auf  den  VI. 
Band,  dessen  Wert  ich  nach  den  Fragmenten  des  „Reichs"  ja 
ebenfalls  als  uberschwanglich  vermuten  muB  und  dazu 
kommt  daB  ich  gegenwartig  fiir  meine  Auseinandersetzung 
mit  Holderlin  der  denkbar  breitesten  Basis  bedarf .  Miindlich 
ware  herrlich  hiervon  zu  reden.  Lange  schon  ist  der  George 
hier. l  Verzeihen  Sie,  daB  ich  Dank  und  Bestatigung  so  lange 
vergaB.  Ich  habe  iiber  diese  Verse  etwas  zu  sagen.  Was:  das 
habe  ich  sowohl  Herrn  Kraft  als  besonders  Herrn  Gutkind2 
geschrieben  und  mochte  mich  nicht  wiederholen. 

Was  Kants  Geschichtsphilosophie  angeht,  so  bin  ich  durch 
die  Lektiire  der  beiden  speziellen  Hauptschriften  (Ideen  zu 
einer  Geschichte  .  .  .,  Zum  ewigen  Frieden)  auf  die  Enttau- 
schung  meiner  hochgespannten  Erwartung  geraten.  Das  ist 
mir  besonders  in  Hinsicht  meiner  Plane  fiir  das  Thema  mei- 
ner Doktorarbeit  sehr  unangenehm,  aber  ich  finde  garkeinen 
wesentlichen  Beziehungspunkt  zu  den  uns  nachstliegenden 
geschichtsphilosophischen  Schriften  in  diesen  beiden  Arbeiten 
Kants  und  sehe  eigentlich  nur  eine  rein  kritische  Stellung- 
nahme  zu  ihnen  ab.  Es  handelt  sich  bei  Kant  weniger  um  die 
Geschichte  als  um  gewisse  geschichtliche  Konstellationen  von 
ethischem  Interesse.  Und  noch  dazu  wird  gerade  die  ethische 
Seite  der  Geschichte  als  einer  besondern  Betrachtung  unzu- 
ganglich  hingestellt  und  das  Postulat  einer  naturwissen- 
schaftlichen  Betrachtuhgsweise  und  Methode  aufgestellt. 
(Einleitung  zur  „Idee  einer  Geschichte .  .  .")  Es  wiirde 
mich  sehr  interessieren  zu  erfahren  ob  Sie  hierin  anderer 
Meinung  sind.  Als  Ausgangspunkt  oder  eigentlichen  Gegen- 
stand  einer  selbstandigen  Abhandlung  finde  ich  Kants  Ge- 
danken  ganz  ungeeignet.  Was  haben  Sie  mit  Fraulein  [Toni] 
Halle  dariiber  besprochen?3  Fiir  den  neuen  Plan  den  ich  zu 
meiner  Doktorarbeit  habe  kann  ich  es  auch  nur  immer  wie- 
der  bedauern  daB  Sie  nicht  hier  sind,  er  gabe  mindestens  zu 
den  aufschluBreichsten  Gesprachen  Stoff.  Die  Frage  lautet 
ungefahr:  Was  heiBt  es  daB  die  Wissenschaft  eine  unendliche 
Aufgabe  ist.  Dieser  Satz  ist  sowie  man  naher  zusieht  viel 
tief  er  und  philosophischer  als  man  auf  den  ersten  Blick  glaubt. 

161 


Man  mufi  sich  nur  klargemacht  haben,  dafi  von  einer  „un- 
endlichen  Aufgabe"  gesprochen  wird  und  nicht  von  einer 
„unendlich  viel  Zeit  erfordemden  Losung"  und  dafi  der  erste 
Begriff  in  keiner  Weise  in  den  zweiten  ubergefuhrt  werden 
kann  und  darf.  /  Vor  langerer  Zeit  las  ich  Simmel  „Das  Pro- 
blem der  historischenZeit",4  ein  ganz  jammerliches  Elaborat, 
das  mit  vielen  Kontorsionen  des  Denkvermogens  die  lap- 
pischsten  Dinge  unverstandlich  ausspricht. 

In  der  Frage  des  Identitatsproblems  konnten  wir  wohl  nur 
im  Gesprach  entscheidend  vorwartskommen.  Daher  messe 
ich  auch  den  folgenden  Satzen  keine  unbedingte  Sicherheit 
bei.  Immerhin  erscheint  mir  die  Sache  so:  eine  Identitat  des 
Denkens  als  eines  besonderen,  weder  „Gegenstandes"  nocb 
„Gedachten"  wiirde  ich  leugnen,  weil  ich  ein  „Denken"  als 
Korrelat  derWahrheit  bestreite.  Die  Wahrheit  ist  „denkicht" 
(ich  muB  mir  dies  Wort  bilden  weil  mir  keines  zur  Verfii- 
gung  steht).  „Denken"  als  absolutes  ist  vielleicht  nur  irgend- 
wie  eine  Abstraktion  aus  der  Wahrheit.  Die  Behauptung  der 
Identitat  des  Denkens  ware  die  absolute  Tautologies  Der 
Schein  eines  „Denkens"  entsteht  nur  durch  Tautologien.  Die 
Wahrheit  wird  ebensowenig  gedacht  als  sie  denkt.  /  a  ist  a 
bezeichnet  meines  Erachtens  die  Identitat  des  Gedachten, 
besser  (einzig  richtig)  gesagt:  der  Wahrheit  selbst.  Zugleich 
bezeichnet  dieser  Satz  keine  andere  Identitat  als  die  des  Ge- 
dachten. Die  Identitat  des  Gegenstandes,  angenommen  es 
gabe  irgendeine  solche  in  vollkommener  Weise,  hatte  eine 
andere  Form  (Formen  unvollkommener  Identitaten,  die  in 
der  Vollkommenheit  zu  einer  von  der  Form  a  ist  a  werden). 
—  Unter  konkretem  Gegenstand  verstehe  ich  alles  was  nicht 
die  Wahrheit  selbst  und  nicht  Begriff  ist.  Z,  B.  ist  der  Begriff 
ein  konkreter  Gegenstand.  Der  Begriff  des  Begriffes  ist  ein 
abstrakter.  Dies  fiihrt  wahrscheinlich  in  der  Tat  auf  die 
Eidoslehre.  A  propos:  Linkes  Ansehn  ist  in  der  strengen 
phanomenologischen  Schule  meines  Wissens  nicht  sehr  grofi; 
natiirlich  will  das  noch  nichts  weiter  besagen.  Den  Logos- 
Aufsatz  von  Husserl  habe  auch  ich  vor  mehreren  Jahren  ge- 
lesen;  ebenso  seinerzeit  Linkes  Auseinandersetzung  mit  Elsen- 
hanns  in  den  Kant-Studien  bei  deren  Gelegenheit  ich  zur 

162 


Berichtigung  den  Aufsatz  uber  Begriff  und  Wesen  schrieb, 
den  Sie  wie  ich  mich  bestimmt  zu  erinnern  glaube  kennen.5 

[...]  _  . 

Von  Werner  Kraft  liatte  ich  jiingst  wieder  einen  Brief.  Er 
war  sehr  betriibend  nicht  nur  mit  Hinsicht  auf  das  eigene 
Leiden  sondern  auch  wie  ich  fiirchte  mit  Hinsicht  auf  das 
Sinken  der  inneren  Widerstandskraft  das  daraus  sprach. 
Haben  Sie  ihm  es  noch  einmal  auf  das  Dringendste  als  seine 
Pflicht  gegen  sich  und  uns  nahe  gelegt  an  Borchardt  heran 
zu  treten?  Ich  weifi  nichts  sonst  was  helfen  konnte.  Sie 
brauche  ich  nicht  zu  bitten  ihm  beizustehen  soviel  Sie  kon- 
nen.  -  Traurig  —  obwohl  mir  garnicht  unvermutet  trotz  allem 
was  Sie  geschrieben  hatten— ist  die  neue  Nachricht  von  Ihnen. 
Wir  haben  aber  zu  Ihnen  unbegrenztes  Vertrauen. 

Ich  habe  seit  langen  Jahren  mein  erstes  —  und  abgesehen 
von  dem  schwachen  Sylvestre  Bonnard  iiberhaupt  mein  erstes 
—  Buch  von  Anatole  France  gelesen  „La  revolte  des  anges". 
Ich  werde  mehr  von  ihm  lesen,  denn  dies  Buch  fand  ich  sehr 
gut.  Es  ist  tief  und  scheint  mir  auf  die  Totalitat  seiner  Arbeit 
zu  verweisen,  die  ich  allmahlich  einigermafien  kennen  zu 
lernen  trachten  werde.  Er  besitzt  ein  tiefes  Verstandnis  fur 
Geschichte  und  man  kann  darin  von  ihm  wirkliche  Anregung 
empfangen,  wie  mir  scheint.  /  Ferner  lese  ich  den  erschut- 
ternden  Briefwechsel  Nietzsches  mit  Franz  Overbeck,  das 
erste  wirkliche  Dokument  seines  Lebens  das  ich  kennen  lerne. 

Meine  Frau  und  ich  senden  Ihnen  die  allerherzlichsten 
GriiBe 

Ihr  Walter 

1  „DerKrieg". 

2  Erich  Gutkind  (1877-1965)  in  Berlin,  mit  W.  B.  und  Scholem  seit 
1916  befreundet;  Autor  des  Buches  „Siderische  Geburt",  Berlin  1912. 

3  Toni   Halle   (Steinschneider,   1890-1964),   eine   Freundin  Scholems, 
machte  damals  in  Jena  eine  Abschlui3arbeit  uber  Kant. 

4  Berlin  1916. 

5  Er  ist  handschriftlich  erhalten. 


163 


59  An  Ernst  Schoen 

[Locarno,  28.  12.  1917]  J 

Lieber  Herr  Schoen, 

Ihren  Brief  erhielt  ich  in  Bern  wenige  Tage  vor  der  Reise 
die  meine  Frau  und  mich  fur  einige  Wochen  hierher  fiihrte 
und  durch  die  meine  Antwort  verzogert  wurde  weil  ich  in 
einer  neuen  Umgebung  nicht  gleich  die  Stunde  fur  sie  fand. 
Endloser  Regen  beruhigt  jetzt  Geist  und  Sinne  von  der  un- 
endlich  langersehnten  Schonheit  dieser  Landschaft.  Regen- 
tage  mit  denen  ich  mich  schwerer  versbhnen  wiirde  wenn  sie 
mich  nicht  aufforderten  Ihnen  endlich  zu  schreiben  und  zwar 
zuerst  auf  Ihren  Brief  mit  diesen  wenigen  Worten  denen 
meine  Frau  noch  einige  hinzufiigen  wird: 

Was  Sie  schreiben  ist  einzig  edel  gesagt  und  gesehen  und 
es  tragt  in  die  Dunkelheit  die  wir  alle  zu  meiden  suchen  end- 
lich Licht.  Meine  Frau  und  ich  machen  uns  Ihre  Worte  vollig 
zu  eigen  besonders  in  dem  Sinne  daB  wir  vertrauen  alle  einst 
als  zum  ersten  Male  miteinander  zu  sein  und  versohnt  diese 
Trennung  zu  verstehen  die  jedem  von  uns  auf  eigne  Weise 
Schmerz  und  Notwendigkeit  gewesen  sein  wird. 

Ich  bitte  Sie  auch  Ihnen  sagen  zu  diirfen  wie  sehr  ich  mich 
in  dem  Gedanken  freue  diesen  Briefwechsel  fortfiihren  zu 
diirfen  bis  ein  Wiedersehen  uns  das  Wort  von  Angesicht  zu 
Angesicht  erlaubt.  Aus  Ihrem  Brief  habe  ich  entnommen 
daB  Ihre  Lebensbedingungen  ertraglicher  geworden  sind  ein 
Geschehen  das  mich  in  jedem  Sinne  freut  indem  wir  bei  den 
uns  Nahestehenden  immer  fahiger  werden  den  Zusammen- 
hang  von  Schicksal  und  Wesen  zu  sehen. 

Von  meiner  Arbeit  ware  zur  Zeit  vielleicht  mehr  zu  sagen 
denn  je  aber  freilich  desto  weniger  zu  schreiben.  Mit  Bezie- 
hung  auf  die  nachste  Zeit  ist  zu  sagen  dafi  ich  wenn  es  angeht 
in  Bern  meinen  Doktor  machen  will  um  dann  fur  die  wahre 
Forschung  die  Bahn  vollig  off  en  zu  haben.  Sollten  sich  aber 
in  dieser  Hinsicht  Schwierigkeiten  ergeben  so  werde  ich  sie  als 
einen  Hinweis  darauf  auff assen  daB  es  fur  mich  zunachst  gelte 
meine  eignen  Gedanken  unter  Dach  und  Fach  zu  bringen. 

164 


Mir  erschlieBen  sich  gegenwartig  Zusammenhange  von  der 
weitesten  Tragweite  und  ich  darf  sagen  daB  ich  jetzt  zum 
ersten  Mai  zur  Einheit  dessen  was  ich  denke  vordringe.  Ich 
erinnere  mich  daB  Sie  mich  einmal  auBefordentlich  gut  zu 
verstehen  schienen  als  ich  an  der  Ecke  der  Joachimstaler-  und 
KantstraBe  (wir  kamen  aus  der  Richtung  des  Zoo)  Ihnen 
mein  verzweifeltes  Nachdenken  iiber  die  sprachlichen  Grund- 
lagen  des  kategorischen  Imperativs  mitteilte.  Die  Denkweise 
die  mich  damals  beschaftigte  (und  deren  damaliges  Sonder- 
problem  auch  heute  fur  mich  noch  nicht  gelbst,  aber  in  einen 
groBern  Zusammenhang  getreten  ist)  habe  ich  weiter  auszu- 
bilden  gesucht.  Dabei  handelt  es  sich  um  Fragestellungen  die 
ich  brief lich  unmoglich  beriihren  kann.  Ferner  beschaftigen 
mich  ununterbrochen  diejenigen  Gedankenreihen  die  ich 
Ihnen  seinerzeit  unter  dem  Titel  des  „Swastikaproblems" 
vortrug.  Vor  allem:  fur  mich  hangen  die  Fragen  nach  dem 
Wesen  von  Erkenntnis,  Recht,  Kunst  zusammen  mit  der 
Frage  nach  dem  Ursprung  aller  menschlichen  GeistesauBe- 
rungen  aus  dem  Wesen  der  Sprache.  Dieser  Zusammenhang 
ist  es  eben  der  zwischen  den  beiden  vorziiglichen  Gegenstan- 
den  meines  Denkens  besteht.  In  Hinsicht  der  ersten  Gedan- 
kenreihe  ist  auch  schon  mehreres  aufgeschrieben  was  aber 
noch  nicht  communicabel  ist.  Kennen  Sie  eigentlich  schon 
meine  Arbeit  vom  Jahre  1916  „Uber  Sprache  uberhaupt  und 
iiber  die  Sprache  des  Menschen".  Falls  nicht  konnte  sie  Ihnen 
vorlaufig  leider  nur  leihweise  zugestellt  werden.  Sie  bildet 
den  Ausgangspunkt  einer  weiteren  Arbeit  an  den  erstge- 
nannten  Problemen  fur  mich.  -  "Qbrigens  weiB  ich  nicht 
mehr  was  ich  Ihnen  auBer  dem  „Centauern"  das  letzte  Mai 
noch  sandte.  Bitte  schreiben  Sie  mir  das. 

Ich  las:  Anatole  France:  La  revoke  des  anges,  Les  dieux 
ont  soif,  L'ile  des  Pingouins  kurz  nacheinander  ohne  vorher 
etwas  wesentliches  von  ihm  gelesen  zu  haben.  Seine  Bucher 
stehen  meiner  Meinung  nach  erstaunlich  hoch,  indem  ihnen 
doch  aber  immer  jenes  letzte  Wissen  fehlt,  das  die  Tiefe  und 
Homogeneitat  eines  Kunstwerks  allein  zu  wahren  vermag. 
Er  verliert  sich  ins  Unwesentliche,  nicht  ohne  doch  iiber  das 
Wesentliche  klare  Rechenschaft  geben  zu  konnen.  Charles 

165 


Louis  Philippe:  Marie  Donadieu.  Dieses  Buch  sollen  Sie 
unter  alien  Umstanden  lesen.  Es  gibt  nichts  Ahnliches  auch 
bei  Louis  Philippe  selbst  nicht.  Mir  scheint  es  ganz  wunder- 
bar  -  tief  und  wahr.  Doch  kann  ich  nach  dem  ersten  Lesen 
mir  die  letzte  Rechenschaft  davon  noch  nicht  abgeben.  Fried- , 
rich  Nietzsche:  Brief wechsel  mit  Overbeck.  Diesen  haben  Sie 
vielleicht  schon  gelesen  oder  tun  es  gewiB  bald.  Auch  der 
IV.  Band  der  Hellingrath'schen  Hblderlinausgabe  ist  end- 
lich  in  meinem  Besitz.  Ich  las  viel  Stifter,  ein  Schriftsteller 
hinter  dessen  wenig  auff allender  AuBenseite  und  scheinbaren 
Harmlosigkeit  sich  eingroBes  moralisches  undgroBes  astheti- 
sches  Problem  verbergen.  Was  kennen  Sie  von  ihm.  „Berg- 
kristall"  und  „Die  Mappe  meines  UrgroBvaters"  enthalten 
eine  fast  reine  Schonheit,  als  einzige  unter  dem  vielen  das 
ich  von  ihm  kenne.  /  Seit  September  lese  ich  Harnacks  Dog- 
mengeschichte  in  drei  Banden,  die  mir  sehr  wertvolle  und 
aufschluBreiche  Kenntnisse  vermittelte;  ich  hoffe,  sie  bald 
beendet  zu  haben.  Fur  die  Universitat  hatte  ich  allerlei  Peri- 
pheres  zu  tun:  mich  hochst  eingehend  mit  der  unfruchtbaren 
Psychologie  von  Schleiermacher  zu  befassen,  mit  Bergson 
und  mit  Hegel.  Hegel  scheint  furchterlich  zu  sein! 

Ein  Regen  der  das  Land  uberschwemmt  dauert  jetzt  drei 
Tage,  Kein  Sonnenstrahl  unter  einem  Himmel  der  vorher 
tief  und  wolkenlos  blau  war.  Diese  Stimmung  verwehrt  die 
innere  Expansion  und  so  haben  Sie  diesmal  einen  allzu  kon- 
zentrierten  Brief  erhalten,  da  doch  der  Abstand  den  ich  in  der 
gegenwartigen  Erholung  von  meinem  Tun  habe  eine  Kon- 
zentration  auf  bestimmtes  nicht  zulaBt.  Auf  das  herzlichste 
gniBt  Sie,  mit  der  Bitte  mir  bald  zu  schreiben 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Der  Poststempel  ist  nicht  deutlich.  Vielleicht  ist  der  Brief  erst  am 
28.  2. 1918  geschrieben  und  gehort  hinter  Nr.  65. 


166 


60  An  Gerhard  Scholem 

Bern,  13.  I.  1918 

Lieber  Gerhard, 

in  meinem  —  ich  glaube  vorletzten  Briefe,  der  Sie  schnell  er- 
reichte,  lag  die  Abschrift  einer  Notiz  „Zeichen  und  Mai"  die 
anlaBlich  Ihrer  Bemerkungen  iiber  Kubismus  entstanden  war 
und  einige  Grundbestimmungen  zur  Lehre  von  der  Malerei 
geben  sollte.  Sie  haben  bisher  diese  Notiz  noch  nicht  erwahnt, 
so  daB  ich  auf  den  Gedanken  kam,  Sie  hatten  sie  nicht  erhal- 
ten,  obwohl  ich  mir  nicht  denken  konnte  wie  das  zugegangen 
ware.  Haben  Sie  sie  aber  erhalten  so  gestatten  Sie  mir  die 
wichtige  erganzende  Bemerkung:  die  Ebene  des  Zeichners 
liegt  -  vom  Menschen  aus  gesehen  horizontal,  die  des  Malers 
vertikal.  —  Die  Abschrift  der  Bemerkung  iiber  Begriff  und 
Wesen  sollen  Sie  bald  erhalten.  Dagegen  erwarten  wir  mit 
Sehnsucht  Obersetzungen  und  Arbeit  iiber  das  Klagelied  und 
ich  hoffe  standhaft  Sie  mochten  mir  doch  Ihre  Gedanken  iiber 
Logistik  mitteilen.  Dagegen  konnen  Sie  sich  auf  die  Mittei- 
lung  der  fraglichen  philosophischen  von  meiner  Frau  abge- 
schriebenen  Notizen  vorlaufig  nicht  gefaBt  machen.1  Es  ist 
durchaus  unerlaBlich,  ehe  ich  diese  die  weite  Reise  machen 
lasse  daB  sie  durch  Uberlegungen  fundiert  werden  die  mich 
zwar  gegenwartig  besonders  intensiv  beschaftigen  aber  bei 
meiner  ganzlichen  Isoliertheit  von  mitdenkenden  Menschen, 
von  Ihnen,  Gerhard,  der  Sie  der  einzige  sind  den  ich  iiber  - 
haupt  namhaft  machen  kann,  eine  Voraussage  iiber  den  Ter- 
min  ihres  auch  nur  notdiirftigen  Abschlusses  nicht  zulassen. 
Und  vorher  muB  ich  mir  auch  versagen  dariiber  brieflich 
etwas  anzudeuten  weil  es  uns  nicht  weiter  fiihren  wiirde. 
Fruher  oder  spater  hoffe  ich  mich  mitteilen  zu  konnen.  Eben- 
falls  bemerke  ich  daB  ich  von  mir  aus  die  schriftliche  Diskus- 
sion  iiber  das  Identitatsproblem  abbreche :  es  laBt  sich  da  wie 
wir  gegenseitigdauerndbeteuern,  in  der  Tat  nur  imGesprach 
vorwarts  kommen.  /  /  Nicht  diese  Dinge  allein,  lieber  Ger- 
hard, sind  es  die  es  mir  notwendig  machen  auf  die  innre  und 
geistige  Seite  des  Zustandes  unsrer  raumlichen  Trennung 

167 


zuriick  -  oder  vielmehr  in  gewissem  Sinne  erst  zu  sprechen 
zu  kommen.  Auf  die  geistige,  nicht  auf  die  technische  Seite. 

Trotz  meines  Strebens  zu  verstehen  habe  ich  den  Satz  Ihres 
letzten  Brief  es  wo  Sie  sich  eine  Aufgabe  dort  vindizieren  nicht 
verstanden.  Es  gibt  dort  Niemanden  (wenn  Sie  mi r  erlauben 
dariiber  zu  reden:  und  was  Werner  Kraft  angeht  darf  ich  es 
sicher)  es  gibt  dort  Niemanden  fur  den  Sie  sich  zu  opf em  hat- 
ten.  So  aber  sehe  ich  die  Sache  an  und  so  muB  sie  angesehn 
werden.  Es  hat  heute  jeder  Mensch  (wie  immer)  nur  das 
nackte  geistige  Leben.  Das  Verhalten  und  sich  Aufhalten 
laBt  sich  nicht  vom  praktischen  Fur  und  Wider  aus  regeln 
und  bestimmen;  die  letzten  Griinde  aus  denen  eben  dieses 
Verhalten  und  sich  Aufhalten  auch  dem  Mit-Menschen  mit- 
teilbar  werden  liegen  im  symbolisch-sichtbaren  Ausdruck. 
Der  Ausdruck  Ihres  Aufenthaltes  ist  mir  unbegreiflich,  ich 
muB  ihn  ablehnen,  ich  muB  ihn  dreifach  ablehnen  wenn  Sie 
das  Opfer  Ihres  Ausdrucks  und  vielleicht  Ihres  Lebens  einer 
Aufgabe  bringen  von  der  Sie  sagen,  daB  Sie  sie  „vielleicht" 
hatten.  Es  mag  sein  daB  ich  Ihre  Worte  iiberspanne;  ich  gebe 
zu  daB  sich  unter  Umstanden  hieniber  nicht  reden  laBt  aber 
das  darf  mich  nicht  abhalten,  das  was  Sie  mir  nun  einmal  im 
letzten  Brief  hieniber  geschrieben  haben  von  mir  zu  weisen. 
Ich  weiB  daB  Sie  im  Grunde  mit  mir  darin  einig  sind  daB 
von  welcher  Art  und  Macht  Ihre  Hilfe  (Ihr  Dasein)  fur  Wer- 
ner Kraft  ist,  sich  nach  .eben  dies  em  Dasein  richtet  das  Sie  in 
jedem  seinen  Ausdruck  aus  Ihnen  selbst  bestimmen. 

Ihr  MiBtrauen  gegen  Borchardt  teile  ich  bei  aller  Aner- 
kennung  ja  Entziickung  durch  Teile  seiner  Leistung.  Eben 
deshalb  verlangt  mich  ja  nach  der  Entscheidung  der  inneren 
Krisis  die  Borchardt  an  seinem  Teile  nun  in  seinem  Verhalten 
zu  Werner  Kraft  geben  soil.  Weder  Sie  noch  ich  konnen 
natiirlich  schreiben2  und  auch  mir  blieb  nichts  als  es  Kraft 
so  nahe  als  moglich  zu  legen. 

Ihr  letzter  Brief  ging  durch  eine  Nachlassigkeit  der  Host 
erst  nach  Bonn.  Der  Tristram  Schandi  kam  bereits,  der  Yorik 
noch  nicht.  Sie  erhalten  demnachst  65  M  die  ich  Sie  bitte  mit 
Ihren  Auslagen  fur  mich  zu  verrechnen  und  mir  mein  Pas- 
sivum  oder  Aktivum  bei  Ihnen  danach  mitzuteilen.  Lebt 


168 


Anatole  France  noch?  I  Schreckliche  Verlegenheit  bereitet 
mir  meine  Doktorarbeit.  Diese  ganz  trostlose  Situation  der 
gegenwartigen  Universitat.  Meine  eigenen  Gedanken  sind 
noch  nicht  reif ,  eine  beliebige  historische  Arbeit  will  ich  nicht 
macben  -  und  wenn  noch  jemand  sie  mir  gabe!  Und  auch  das 
einzig  mogliche,  im  AnschluB  an  einen  Dozenten  hier  einige 
gute,  gegriindete  Seiten  zu  schreiben  scheint  eben  unmoglich. 
Fur  ein  Seminar3  (ich  verliere  Zeit  damit  mich  in  den  hiesi- 
gen  Seminaren  einzufuhren)  mache  ich  ein  Referat  iiber 
Schleiermachers  Psychologie,  ein  in  Notizen  und  Vorlesun- 
gen  nachgelassenes  Werk  das  keine  philosophische  Grundlage 
hat  und  nur  in  seiner  Sprachtheorie  negativ  interessant  ist. 
/  Das  Gedicht  „ David  und  Jonathan"  von  der  Else  Lasker- 
Schiiler4  liebe  ich  sehr.  Das  entsprechende  Gedicht  von  Rilke5 
ist  -  abgesehen  von  allem  andern  —  schlecht. 

Hier  ist  ganz  laues  Fruhjahrswetter.  Haben  Sie  etwas  von 
Herrn  Gutkind  gehort?  Er  hat  mir  auf  einen  langeren  Brief 
noch  nicht  geantwortet.  —  Die  Fortsetzung  Ihres  letzten  Brie- 
fes  erwarte  ich  sehr. 

Meine  Frau  und  ich  griifien  Sie  ganz  herzlich. 

Ihr  Walter 

1  Es  handelt  sich  anscheinend  urn  „Das  Program m  der  kommenden 
Philosophic",  das  Scholem  in  „Zeugnisse"  (Festschrift  fur  Theodor 
Adorno)  1963,  nach  einer  Abschrift  von  Dora  Benjamin,  die  er  bei 
seiner  Ankunft  in  der  Schweiz  erhielt,  verbffentlicht  hat. 

2  Gemeint  ist:  an  Rudolf  Borchardt. 

3  Bei  Paul  Haberlin. 

4  In  den  „Hebraischen  Balladen". 

5  In  den  „Neuen  Gedichten". 


61  An  Gerhard  Scholem 


[31.  Januar  1918] 


Lieber  Gerhard, 

es  ist  eine  traurige  Tatsache:  aber  die  Fiille  dessen,  was  ich 
Ihnen  zu  sagen  hatte  verschlagt  mir  das  Wort.  Es  wird  mir 

169 


immer  mehr  schwer  Ihnen  zu  schreiben.  Diesmal  ist  es  der 
Dank  den  ich  Ihnen  zu  sagen  habe  und  der  sich  so  wie  ich 
ihn  sagen  mochte  nur  in  der  lebendigen  Gegenwart  sagen 
lieBe.  So  will  ich  lieber  schweigen  und  mich  mit  dem  Gliick 
das  Ihre  Nachricht  fur  uns  (meine  Frau  und  mich)  bedeutet 
still  begniigen.  /  Sodann  hat  Ihr  letzter  Brief  mit  seiner 
Frage:  ob  ich  Ethik  ohne  Metaphysik  fur  moglich  halte  in 
mir  Gedanken  aufgeregt  die  ich  mich  wiederum  noch  nicht 
fahigfinde  Ihnen  mitzuteilen.  Ich  versage  es  mir  mit  Schmer- 
zen  aber  ich  kann  mich  nicht  entschlieBen  allzu  Unfertiges 
von  mir  zu  entlassen  sondern  lege  mir  dieses  Schweigen  als 
einen  Stachel  an  im  Nachdenken  nicht  abzulassen  bis  es  so- 
weit  ist  daB  ich  Ihnen  schreiben  kann.  Von  den  materiellen 
Griinden  meines  „Nein"  also  noch  nichts.  Dagegen  denke 
ich  daB  uns  auch  a  priori  methodisch  die  verneinende  Ant- 
wort  auf  diese  Frage  f  eststehen  sollte.  Ich  wenigstens  —  wenn 
ich  sagen  sollte  welchen  verniinftigen  Sinn  ich  vorlaufig  und 
bis  auf  nahere  Bestimmung  mit  dem  Wort  metaphysisch  zu 
verbinden  wiiBte  wurde  sagen:  metaphysisch  ist  diejenige 
Erkenntnis  die  a  priori  die  Wissenschaft  als  eine' Sphare  in 
dem  absoluten  gottlichen  Ordnungszusammenhang,  dessen 
hochste  Sphare  die  Lehre  und  dessen  Inbegriff  und  Urgrund 
Gott  ist  zu  erkennen  trachtet,  und  die  auch  die  „  Autonomic" 
der  Wissenschaft  als  sinnvoll  und  moglich  nur  in  diesem  Zu- 
sammenhang  betrachtet.  Das  ist  fur  mich  der  methodische 
Grund  a  priori  die  Ethik  so  wie  jede  andere  Wissenschaft 
ohne  Metaphysik,  das  heiBt  auBerhalb  dieses  angegebenen 
Zusammenhanges  als  unmbglich  zu  erachten.  Von  den  tiefen 
materialen  Griinden  diesmal  noch  nichts. 

Ich  ernte  hier  Seminarlorber  (laurea  communis  minor)  mit 
Referaten  liber  Bergson  und  uber  einen  Absatz  der  Hegel- 
schen  Phanomenologie  und  dies  geschieht  zu  einem  Zweck 
der  fiirwahr  die  Mittel  nicht  heiligt  von  welchen  ich  noch 
nicht  einmal  weiB  ob  sie  tauglich  sind.  Wegen  einer  Doktor- 
arbeit  will  ich  demnachst  mit  dem  Ordinarius l  sprechen.  Je- 
denf  alls  hoff  e  ich  im  nachsten  Semester  etwas  mehr  in  Feldern 
arbeiten  zu  konnen  die  mir  naher  liegen  als  was  man  diesmal 
in  der  Universitat  durchackerte  und  woran  ich  mich  doch  zu- 


170 


nachst  einmal  beteiligen  muBte.  Vielleicht  werde  ich  von 
Heinrich  von  Stein,  einem  Gbttinger  Universitatslehrer  der 
in  der  zweiten  Halfte  des  vorigen  Jahrhunderts  in  jungen 
Jahren  starb  „Sieben  Biicher  zur  Geschichte  des  Platonis- 
mus"  lesenkbnnen,  eine  Kritik  Platos  vom  christlichenStand- 
punkt.  Der  Verfasser  ist  bedeutend  und  die  Einleitung  die 
ich  las  enthalt  Vortreffliches.  Von  Hegel  dagegen  hat  mich 
das  was  ich  bisher  las  durchaus  abgestoBen.  Ich  glaube  wir 
wiirden  wenn  wir  uns  seine  Sachen  auf  kurze  Zeit  vorneh- 
men  wiirden  bald  auf  die  geistige  Physiognomie  kommen  die 
darausblickt:  die  eines  intellektuellen  Gewaltmenschen,  eines 
Mystikers  der  Gewalt,  die  schlechteste  Sorte  die  es  gibt:  aber 
auch  Mystiker. 

Von  Freiburg  aus  hatten  Sie  keine  Erleichterung  mich  zu 
sehen  —  meines  Wissens.  Und  es  ist  doch  moglichst  zu  vermei- 
den  sich  in  das  Bereich  der  Fliegerangriff  e  zu  begeben.  Wann 
fahrt  Ihre  Mutter?  Unsres  Erachtens  ist  die  Frage2  jetzt  wie 
vorher  fur  Sie  eine  Frage  der  Ausdauer  und  Klugheit.  Wir 
wollen  gern  warten  wenn  wir  —  und  Sie  —  hoffen.  /  /  Ich  lese 
L'ile  des  Pingouins.  Meine  Bibliothek  hat  in  der  letzten  Zeit 
u.  a.  folgende  Neuerwerbungen  gemacht:  Stefan  George: 
Ubersetzungen  der  Fleurs  du  Mai,  Rudolf  Borchardt,  Hugo 
v.  Hofmannsthal,  Schroder:  Hesperus,  ein  Jahrbuch  das  urn 
der  Beitrage  Borchardts  willen  zu  schatzen  ist,  wegen  der  des 
Schroder  zu  verabscheuen  ware;  Baudelaire:  Le  spleen  de 
Paris  (petits  poemes  en  prose),  Baudelaire:  Les  paradis  arti- 
ficiels;  Charles  Louis  Philippe:  Marie  Donadieu,  ein  hochst 
bedeutender  Roman  den  ich  meiner  Frau  zum  Geburtstag 
schenkte.  Lese  ich  Anatole  France3  so  werden  Sie  spater  ein- 
mal zwei  oder  drei  Romane  von  Charles  Louis  Philippe  lesen 
(aber  franzosisch!)  und  bei  diesem  Tausch  gewiB  nichts  ver- 
lieren.  /  Das  philosophische  Biichlein  mit  den  Identitatsthesen 
halten  Sie  in  guter  Obhut  nicht  wahr?  Wie  ist  es  nun  mit 
„Zeichen  und  Mai"?  Haben  Sie  es  erhalten?  Und  den  Dosto- 
jewski?  Und  65  M? 

Fur  heute  schreibe  ich  nichts  mehr.  Vielleicht  werden  Sie 
in  einigen  Monaten  mit  einer  Flut  von  Arbeiten,  die  sich 
aufhauf en  liberschuttet  werden.  Niemand  ware  froher  als  ich. 


171 


Leben  Sie  herzlich  wohl. 

Ihr  Walter 
PS  Erlaube  mir  kleine  Gemaldegalerie  auf  dem  Couvert 
beizufiigen. 

1  Richard  Herberts. 

2  Einer  Reise  in  die  Schweiz. 

3  Dies  geschah.  auf  wiederholtes  Drangen  Scholems. 


62  An  Ernst  Sckoen 

[Ende  1917  oder  Anf  ang  1918] 

Lieber  Herr  Schoen, 

seien  Sie  nicht  bose  iiber  die  lange  Pause  in  meinem  Schrei- 
ben.  Ich  will  diesen  Brief  mit  dem  Wunsche  beginnen  daB  es 
Ihnen  in  der  Zeit  meines  Schweigens  gut  und  besser  ergan- 
gen  ist.  Wir  haben  oft  an  Sie  gedacht.  Wir  hatten  in  dieser 
Zeit  vielerlei  zu  tun  und  ich  konnte  diesen  Brief  daher  nicht 
friiher  schreiben. 

In  Ihrem  letzten  und  vorletzten  Brief  haben  Sie  von  Julas 
Arbeit1  gesprochen.  Ich  antworte  Ihnen  darauf  erst  jetzt  weil 
ich  sehe  daB  von  der  Klarheit  in  dieser  Beziehung  der  Be- 
st and  unsres  Brief wechsels  abhangt.  Sicher  glaube  ich  daB 
Jula  sich  mehr  oder  weniger  klar  dariiber  ist,  daB  aller  Ver- 
suche  ungeachtet  die  wir  (Jula  meine  Frau  und  ich)  gemacht 
haben  ein  harmonisches  und  gegriindetes  Verhaltnis  zuein- 
ander  zu  finden  umsonst  waren  [sic] .  Jula  ist,  wie  ich  glaube, 
im  Grunde  sich  kaum  weniger  klar  dariiber  als  wir  daB  in  der 
Losung  dieses  Verhaltnisses  wie  sie  in  dem  nun  schon  lange 
wahrenden  gegenseitigen  Schweigen  sich  volizogen  hat  kei- 
ner  von  uns  dreien  in  Wahrheit  etwas  verloren  hat.  Das  ist 
alles  was  ich  Ihnen  mundlich  oder  schriftlich  dariiber  zu 
sagen  vermochte;  nur  leide  ich  bei  dem  BewuBtsein  daB  Sie 
etwa  auf  diese  Weise  etwas  erfahren  sollten  was  Sie  nicht 
schon  durch  Jula  wuBten. 

Endlich  bin  ich  in  der  Lage  mein  Versprechen  zu  erfiillen 

172 


und  Ihnen  von  meinen  Arbeiten  etwas  senden  zu  konnen. 
Sollten  Sie  die  Kritik  des  „Idioten"  von  Dostojewski  schon 
kennen  so  bitte  ich  Sie  umso  mehr  diese  Abschrift  als  Ge- 
schenk  von  mir  zu  nehmen.  Das  Buch  selbst  muB  glaube  ich 
jedem  von  uns  unendlich  viel  bedeuten  und  ich  bin  gliick- 
lich  wenn  ich  das  fur  meinen  Teil  ausgedriickt  habe.  Ich 
sende  Ihnen  auBerdem  noch  eine  Notiz  uber  Malerei,  die  so 
vorlaufig  ist  daB  wir  ihren  Inhalt  sonst  im  Gesprach  behan- 
deln  wiirden.  Wenn  Sie  —  ohne  daB  ich  Ihrem  gegenwartigen 
Tun  und  Denken  das  gewiB  anders  gerichtet  sein  muB  zu 
nahe  trete  —  gelegentlich  mir  erwidernde  Gedanken  zu  dieser 
Notiz  s  chicken  kbnnten  wiirde  es  mich  sehr  freuen.  Mir  han- 
delte  es  sich  urn  folgendes:  gegeniiber  der  widerwartigen 
Erscheinung  daB  heute  die  unzulanglichen  Versuche  der 
theoretischen  Erfassung  moderner  Malerei  sogleich  zu  Kon- 
trast-  und  Fortschritts-Theorien  im  Verhaltnis  zu  der  frii- 
hern  groBen  Kunst  ausarten  zunachst  einmal  die  begrifllich 
allgemein  giiltige  Grundlage  fiir  das  was  wir  unter  Malerei 
begreifen  zu  einer  Andeutung  zu  bringen.  Dariiber  habe  ich 
dann  die  Betrachtung  der  modernen  Malerei  beiseite  gelassen 
obwohl  urspriinglich  diese  Uberlegung  durch  eine  falsche 
Verabsolutierung  derselben  veranlaBt  worden  war.  —  Abge- 
sehen  davon  aber  denke  ich  schon  lange  dariiber  nach  wo 
endlich  freier  Baum,  Entfaltung  und  GroBe  fiir  die  „Aesthe- 
tischen"  Grundbegriffe  iiberhaupt  gefunden  werden  konn- 
ten  und  sie  aus  ihrer  armlichen  Isoliertheit  (die  in  der  Aesthe- 
tik  das  ist  was  bloBe  Artistik  in  der  Malerei  ist)  erlost  werden 
kbnnten.  —  Ferner  lege  ich  bei  „der  Centaur",  Gedanken 
die  ich  auf  Grund  von  Holderlins  gewaltigem  Fragment  „das 
Belebende"2  verfolgte.  Entschuldigen  Sie  daB  ich  alles  so  auf 
-einmal  sende  aber  das  Ganze  ist  technisch  so  kompliziert  daB 
man  es  am  besten  auf  einmal  erledigt.  —  GewiB  habe  ich  Sie 
schon  einmal  auf  Holderlins  Fragmente  die  unter  dem  Titel 
„Untreue  der  Weisheit"  im  vorigen  Jahr  im  ,7Reich"  erschie- 
nen  sind  aufmerksam  gemacht.  Haben  Sie  sie  gelesen?  Das 
„Belebende"  ist  auch  von  der  Art  dieser  Fragmente  und  fin- 
det  sich  in  Hellingraths  erst  em  Abdruck  der  Pindar- Ober- 
tragungen. 

173 


Ich  habe  die  Universitat  hier  kennen  gelernt  und  denke, 
da  sich  zum  Wesentlichen  meiner  Arbeit  so  ziemlich  alle 
Universitaten  gleichverhaltenwerden  an  eine  Promotion  hier, 
soweit  man  unter  den  audi  hier  taglich  schwieriger  werden- 
den  Verhaltnissen  iiberhaupt  etwas  voraussehen  kann.  Ich  habe 
Frl.  Dr.  [Anna]  Tumarkin  besucht  und  ihr  meine  Absicht 
mich  mit  Kants  Geschichtsphilosophie  in  systematischer  Hin- 
sicht  versuchsweise  zu  befassen  gesagt.  Ich  habe  ihre,  Haber- 
lins  undHerbertz3  Vorlesungen  gehort  und  findelhrSchwei- 
gen  uber  diese  Dinge,  wie  es  mir  wahrscheinlich  war,  vbllig 
gerechtfertigt.  Meine  ganze  Hoffnung  setze  ich  auf  die  eigne 
Arbeit.  Wir  bewohnen  in  einer  ruhigen  StraBe  eine  ganz 
kleine  Wohnung  nahe  der  Universitat.  Meine  Biicher  sind 
zum  bestenTeilhier;  wie  traurig  es  aber  mitdenBibliotheks- 
verhaltnissen  steht  werden  Sie  wohl  wissen. 

Ich  lese  unter  anderm  Jacob  Burckhardt:  die  Zeit  Constan- 
tins  des  GroBen,  ein  unglaublich  schbnes  Buch.  Im  Theater 
gibt  es  leider  garnichts  zu  sehen  aber  von  Zeit  zu  Zeit  finden 
schone  Konzerte  statt. 

Bitte  schreiben  Sie  uns  bald  von  Ihrem  Ergehen.  Meine 
Frau  und  ich  griiBen  Sie  herzlich. 

Mit  alien  guten  Wiinschen  Ihr  Walter  Benjamin 

1  Jula  Cohn  war  Bildhauerin. 

2  Holderlins  Werke  ed.  Hellingrath,  V,  S.  272-273. 

3  W.  B.  promovierte  schliefilich  bei  Richard  Herbertz. 


63  An  Oerhard  Scholem 

l.Februar  1918 

Lieber  Gerhard, 

Ihr  am  29ten  Dezember  1917  abgesandter  Eilbrief  kam 
heute  hier  an,  nachdem  gestern  abend  ein  kurzer  Brief  von 
mir  an  Sie  abgegangen  war.  Ich  fuge  nun  auf  dieser  Karte 
noch  weniges  was  sich  auf  Ihr  en  Brief  bezieht  bei.  Zunachst 

174 


wiederhole  ich  die  Frage  ob  „Zeichen  und  Mai"  in  Ihren 
Handen  ist?  Es  scheint  unbegreiflicherweise  verloren  gegan- 
gen  zu  sein.  Der  Ausspruch  von  FrL  Kraker  hat  mich  tief 
erfreut.  Diese  habe  ich  seit  meinem  Freiburger  Semester 
1913  m.  W.  nicht  wiedergesehen  und  sie  mich  nicht.  Sie  war 
damals  Zeuge  dieser  Zeit  in  der  mein  Freund  und  ich  die 
Freiburger  Studentenschaft  aufzurufen  suchten  und  in  der 
die  tiefsten  Keime  der  Jugendbewegung  liegen.  Sie  nahm 
an  den  Dingen  bescheiden  und  passiv  Anteil  und  scheint  sich 
dabei  irgendwie  ein  Gefuhl  von  dem  um  das  es  ging  gemacht 
zu  haben.  —  VonFrl.  [Alice]  Heymann x  kann  ich  Ihnen  nichts 
gutes  sagen.  Seit  Jahren  stak  sie  bis  liber  den  Hals  in  der 
Verwirrung.  Es  ist  immer  schlechter  mit  ihr  gegangen,  sie 
scheint  ohne  Anhalt  zu  sein,  und  hat  keine  eigene  Kraft. 
Eines  der  jungen  Madchen  bei  denen  man  am  deutlichsten 
sieht,  daB  ihnen  nur  ihr  Mann  wenn  sie  einen  finden  helfen 
kann.  Im  iibrigen  verlocken  sie  zu  alien  moglichen  „Hilfe"- 
leistungen  die  zu  nichts  fuhren.  DaB  ich  ihr  die  Holderlin- 
arbeit  schenkte  war  auch  so  eine  Hilfe-,  damals  war  sie  noch 
in  innerlich  viel  besserer  Verfassung  als  da  ich  sie  in  Mun- 
chen  vor  ungefahr  IV2  Jahren  zum  letzten  Mai  sprach:  da 
war  es  schrecklich.  /  Es  tut  mir  sehr  leid  daB  ich  Ihnen  mit 
der  Anfrage  liber  Barthel2  soviel  Miihe  gemacht  habe.  Was 
Sie  schreiben  hatte  ich  bei  Nachdenken  auch  selbst  finden 
miissen  aber  ich  hatte  nicht  das  Vertrauen  damit  zu  beginnen 
weil  ich  nicht  sah  daB  die  Sache  sich  so  elementar  erledigen 
laBt.  Jetzt  bin  ich  Ihnen  dankbar  daB  Sie  mir  gezeigt  haben 
woran  man  mit  ihm  ist.  Meine  Frau  der  ich  von  der  Sache 
erzahlte  erklarte  sie  auch  fur  Unsinn.  Die  Idee  von  einem 
endlichen  Weltraum  ist  absurd;  Gutkind  sprach  mir  aber 
gelegentlich  von  der  Endlichkeit  des  erfullten  Weltraums, 
vielleicht  ist  das  gemeint.  Das  ware  eine  Tatsachenfrage. 

Bleiben  Sie  nur  weiter  der  mathematischen  Theorie  der 
Wahrheit  (und  vielleicht  auch  mir)  so  zuganglich,  so  soil  es 
mich  nichts  angehen  ob  Sie  andern  unzuganglich  scheinen. 
Zwei  andere  Bucher  von  Charles-Louis  Philippe:  Le  pere 
Perdrix  und  Marie  Donadieu  sind  kiinstlerisch  noch  sehr  viel 
reifer  als  Bubu  de  Montparnasse.  Sie  lasen  es  hoffentlich 

175 


franzosisch?  Schleiermacher  ist  kein  Vergmigen,  zumal  da  es 
sich  um  nachgelassene  Vorlesungsnotizen  und  nachgeschrie- 
bene  Collegien  handelt.  Es  war  eine  Plage.  /  Von  der  „unend- 
lichen  Aufgabe"  im  nachsten  Brief  e.  —  Von  Kants  histori- 
schen  Schriften  aus  einen  Zugang  zur  Geschichtsphilosophie 
zu  gewinnen  ist  schlechterdings  unmoglich.  Anders  ware  es 
von  der  Ethik  aus;  audi  das  ist  nur  beschrankt  moglich  und 
Kant  selbst  ist  diesen  Weg  nicht  gegangen.  Lesen  Sie  die 
„Ideen  zu  einer  Geschichte  in  weltbiirgerlicher  Absicht"  um 
sich  davon  zu  iiberzeugen.  Vielleicht  kann  ich  Ihnen  auch 
dariiber  einmal  schreiben.  Rickerts  groBes  Buch3  kenne  ich 
nicht;  aber  ich  weiB  von  seiner  Methode:  sie  ist  modern  im 
allerschlechtesten  Sinne  des  Wortes,  sozusagen:  modern  a 
tout  prix.  Meine  Frau  und  ich  griiBen  herzlichst. 

Ihr  Walter 

1  Alice  Heymston  (1890-1937)  spater  die  Frau  des  Kunsthistoriters 
Alfred  Schinitx. 

2  Siehe  Brief  vom  22.  Okt.  1917  an  Gerhard  Scholem. 

3  „Uber  die  Grenzen  der  naturwissenschaftlichen  Begriffsbildung". 


64  An  Gerhard  Scholem 

Locarno,  23.  Februar  1918 

Lieber  Gerhard, 

unsre  dreijahrige  ununterbrochene  Sehnsucht  nach  Sonne  hat 
nun  endlich  meine  Frau  und  mich  hierhergefiihrt.  DaB  wir 
hier  sind  diirf en  Sie  niemandem  sagen  denn  keinesfalls  darf 
es  auf  irgend  einem  Umweg  zur  Kenntnis  unsrerEltern  kom- 
men.  Die  Sonne  nach  der  wir  uns  unbeschreiblich  sehnten 
hat  uns  auch  der  vergangene  Sommer  nicht  gebracht;  das 
Engadin  liegt  zu  hoch  um  heiB  sein  zu  konnen.  Damals  be- 
durften  wir  aber  der  Anspannung  die  von  dieser  erhabenen 
Landschaf t  ausgeht  mehr  als  alles  andere ;  nur  um  unter  dem 
Eindruck  einer  unendlichen  Befreiung  nicht  zusammenzu- 
brechen  muBten  wir  uns  einer  neuen  Spannung  unterwerfen. 
Diese  wenigen  Worte  werden  Ihnen  vielleicht  schon  begreif- 

176 


lich  macjien  daB  mein  Leben  hier  von  der  vollen  und  befrei- 
tenMelodie  des  Ausgangs  einer  groBenLebensepoche  die  nun 
hinter  mir  liegt  erfullt  wird.  Die  sechs  Jahre  [die]  seit  mei- 
nem  Austritt  aus  der  Schule  bis  jetzt  verflossen  sind  sind  eine 
einzige  in  ungeheurem  Tempo  durchlebte  Epoche  gewesen 
die  unendlich  viel  Vergangenheit,  mit  andern  Worten :  Ewig- 
keit  fur  mich  enthalt.  Ich  kehre  jetzt  der  sommerlichen  Natur 
mein  Gesicht  zu  wie  seit  dieser  letzten  Schulzeit  —  meine  letz- 
ten  oder  vorletzten  Ferien  verbrachte  ich  auch  im  Engadin 
-  ich  es  nicht  getan  habe. 

Da  kommt  nun  an  einem  dieser  Tage  die  der  Uberschau 
dessen  was  mir  geblieben  und  dessen  was  mir  geworden  ist 
bestimmt  sind  ein  Brief  von  Ihnen  (der  vom  lten  Februar 
1918  den  die  Zensur  wieder  aufhielt)  der  meinen  nach  Klar- 
heit  strebenden  Geist  unendlich  verwandt  beriihrte.  Gerade 
der  Lebenskreis  aus  dem  ich  in  diesen  Tagen  nicht  heraus- 
treten  will  versagt  es  mir  irgend  ein  Einzelnes  besonders  vom 
philosophischen  Inhalt  Ihres  Schreibens  zu  beruhren;  fur  den 
Ton  innrer  Ruhe  den  Ihre  Briefe,  den  dieser  ganz  besonders 
an  sich  hat  bin  ich  aber  niemals  dankbarer  gewesen  als  heute. 
Das  mag  Ihnen  versichern  daB  ich  auch  ganz  und  gar  die 
Not  des  Schreibens  wie  auch  den  Sinn  Ihrer  Worte  verstehe. 
Es  ist  der  Stil:  die  Fulle  des  Verantwortungsgefiihls  die 
Deutlichkeit  und  die  Beschrankung  die  mich  an  Ihren  Zeilen 
eben  deswegen  entziickt  weil  sie  mir  ganz  und  gar  erwidert. 
„Eine  richtige  Antwprt  ist  wie  ein  lieblicher  KuB"  las  ich 
dieser  Tage  bei  Goethe. 

Ich  muB  Ihnen  sagen  daB  ich  neb  en  mehreren  Biichern  die 
das  siidliche  Klima  hier  nicht  duldet  wie  niitzlich  und  not- 
wendig  und  gut  sie  auch  sein  mogen  mindestens  eines  hier 
habe  das  sich  mit  ihm  vortrefflich  vertragt  das  sind  die  Maxi- 
men  und  Reflexionen  Goethes.  Oder  vielmehr  einen  Teil  von 
ihnen  in  der  uniibertrefflichen  strengphilologischen  Weima- 
rer  Sophienausgabe.  Eine  genaue  Beschaftigung  mit  ihnen 
befestigt  in  mir  die  alte  Meinung  daB  erst  unsere  Generation 
Goethe  kritisch  gegeniiber  [steht?]  daB  erst  sie  darauf  ihm 
dankbar  nachfolgt.  Die  Romantiker  standen  Goethe  viel  zu 
nahe  um  mehr  als  einige  Tendenzen  seines  Schaffens  zu  erf  as - 

177 


sen:  vor  allem  haben  sie  nicht  das  Moralische  gesehen  mit 
dem  sein  Leben  gerungen  hat  und  um  seine  historische  Ein- 
samkeit  nicht  gewuBt.  IJbrigens  aber  iiberzeuge  ich  mich  dafl 
Goethe  -  jedenfalls  im  Alter  -  ein  ganz  reiner  Mensch  ge- 
wesen  ist  dem  keine  Liige  iiber  die  Lippen  und  in  die  Feder 
gekommen  ist. 

Das  Wetter  hier  war  erst  kiihl  und  ist  jetzt  heifi  und  som- 
merlich.  Die  Kultur  und  Sprache  der  Gegend  ist  italienisch. 
Es  wachsen  Palmen  und  Lorbeer  in  den  Garten.  Auf  den  hohen 
Bergen  in  der  Nahe  liegt  noch  Schnee  der  aber  wohl  taglich 
abschmilzt.  Oberhalb  Locarno  auf  einem  steilen  Felsen  liegt 
ein  beruhmter  Wallfahrtsort:  die  Klosterkirche  Madonna  uel 
Sasso  (auf  dem  Felsen).  Die  Kirche  ein  zierliches  Stuck  ita- 
lienischen  Barocks  deren  Fassade  spielerisch  bunt  und  per- 
spektivisch  bemalt  ist  enthalt  ganz  aufierordentliche  Votiv- 
bildchen  wie  sie  von  Bauern  der  Gegend  im  Auftrage  Geheilter 
und  Geretteter  gemalt  sein  mogen  und  die  zu  den  schonsten 
Stiicken  jener  religios  oder  kultisch  determinierten  Volks- 
kunst  gehoren  die  jetzt  in  Europa  von  den  neuen  Malern  ent- 
deckt  wird.  Vor  allem  fallt  ein  merkwurdiger  Madonnen- 
typus  auf  der  ganz  stetig  ist  und  einen  unheimlichen  Eindruck 
erweckt:  Die  Mutter  neigt  zum  beleibten;  ihr  Ausdruck  ist 
ganz  verschlafen  und  seellos;  sie  wird  gleichsam  wider  Wil- 
len  sichtbar  und  tragt  die  Merkmale  einesphysischenSchmer- 
zes.  Ich  vermute  daB  dies  mit  dem  uralten,  prahistorischen 
Schonheitsideal  der  beleibten,  fetten  Frau  zusammenhangt 
das  auf  eine  mir  unbekannte  Weise  mythisch  bedingt  sein 
muB.  (Nach  dem  Genie1  hangt  dieses  Ideal  mit  der  Rolle  die 
die  Leber  in  der  Mythologie  spielt  zusammen.) 

Uber  das  Mai  will  ich  jetzt  nicht  schreiben  und  auch  man- 
ches  andere  auf  spater  verschieben.  Dieser  Brief  sollte  nur 
das  mitteilen  was  eben  von  hier  mitgeteilt  sein  will  und  er 
nimmt  noch  von  meiner  Frau  und  mir  die  allerherzlichsten 
GriiBe  an  Sie  auf  die  Sie  an  jedem  Ort  an  dem  Sie  sind  er- 
reichen  sollen. 

Ihr  Walter 

1  Felix  Noeggerath. 
178 


65  An  Gerhard,  Scholem 

[30.  III.  1918] 

Lieber  Gerhard 

Auf  die  drei  Briefe  vom  23.  Februar  bis  zum  15.  Marz  bin 
ich  Ihnen  die  Antwort  schuldig  geblieben  und  die  Ankunft 
der  „Klagelieder"  bestatige  ich  auch  erst  jetzt.  Woran  liegt 
das?  An  dem  Versuche  in  Locarno  fur  ein  paar  Wochen  fiir 
alles  unterzutauchen :  an  den  schonen  Tagen  in  Sonne,  an  den 
schlechten  in  Zerstreuungen  aller  Art.  Nicht  einmal  die  ge- 
wiinschte  Karte  haben  Sie  wie  ich  jetzt  bemerke  von  dort  be- 
kommen  weil  ich  Ihnen  keine  Karten  schreiben  kann;  einem 
Briefe  hatte  ich  sie  beigelegt.  Indem  wir  unsern  Aufenthalt 
dort  so  sehr  wir  konnten  verlangerten  ha'ben  wir  nach  man- 
chen  Regentagen  den  ersten  Hauch  des  Friihlings  dort  unten 
verspiirt  und  ich  kann  Ihnen  nicht  sagen  wie  schon  das  war. 
Wir  haben  billig  und  angenehm  gelebt  und  das  einzig 
stadtisch-weltliche  unseres  Aufenthalts  war,  da£  am  gleichen 
Ort  eine  ganze  Anzahl  mir  bekannter  junger  Leute  unver- 
mutet  sich  fanden  mit  denen  man  im  Grunde  nicht  gut  aus- 
kommen  konnte.  Frau  Lasker-Schuler  war  auch  da.  In  der 
Ahnung  durch  manches  bei  meiner  Ruckkehr  beunruhigt  und 
beschaftigt  zu  werden  habe  ich  die  Reise  so  lange  als  moglich 
war  ausgedehnt :  und  als  erste  Bestatigung  dieser  Furcht  sehe 
ich  uns  zu  einem  besonders  unangenehmen  Zeitpunkt  die 
Wohnung  gekiindigt.  Ncch  steht  es  nicht  ganz  fest  aber  be- 
reits  die  drohende  Aussicht  ist  (iberaus  unangenehm  denn  in 
Bern  ist  (wie  in  Zurich)  ein  unglaublicher  Mangel  an  Woh- 
nungen  und  moblierte  zu  solchem  Preise  wie  ich  dafiir  aus- 
gebenkannsindkaumerhaltlich.IchwiirdeaberBernnurganz 
gezwungen  verlassen  weil  ich  nun  einmal  meinen  Doktorvor- 
bereite.  Wenn  ich  in  die  Dissertation  eingearbeitet  bin,  was 
aber  im  besten  Falle  noch  einige  Monate  dauern  wird  konnte 
ich  es  eher  verlassen;  doch  bleibt  der  Winter  auf  dem  Lande 
sehr  einsam.  Ich  erwarte  den  Vorschlag  eines  Themas  von 
meinem  Professor1;  indessen  bin  ich  selbst  auf  eines  verfal- 
len.  Seit  der  Romantik  erst  gelangt  die  Anschauung  zur  Herr- 

179 


schaft  dafi  ein  Kunstwerk  an  und  fiir  sich,  ohne  seine  Bezie- 
hung  auf  Theorie  oder  Moral  in  der  Betrachtung  erfafit  und 
ihm  durch  den  Betrachtenden  Genii ge  geschehen  konne.  Die 
relative  Autonomie  des  Kunstwerkes  gegeniiber  der  Kunst 
oder  vielmehr  seine  lediglich  transzendentale  Abhangigkeit 
von  der  Kunst  ist  die  Bedingung  der  romantischen  Kunstkri- 
tik  geworden.  Die  Aufgabe  ware,  Kants  Asthetik  als  wesent- 
liche  Voraussetzung  der  romantischen  Kunstkritik  in  diesem 
Sinn  zu  erweisen. 

Auf  Ihre  Frage  hinsichtlich  der  „unendlichen  Aufgabe" 
gehe  ich  mit  Absicht  nicht  mehr  ein.  Sie  gehort  auch  zu  den- 
jenigen  die  brieflich  kaum  zu  behandeln  sind  —  und  vor  allem 
nicht  in  diesem  Briefe,  der  nicht  allein  die  Aufgabe  hat,  drei 
andere  zu  beantworten  sondern  der  Ihnen  vielleicht  fiir  lan- 
gere  Zeit  fiir  andere  Briefe  stehen  muB  die  folgen  sollten 
wenn  die  auBeren  Verhaltnisse  —  wie  es  moglich  ist  —  mir 
vorlaufig  das  Schreiben  ausfiihrlicher  und  wesentlicher  Briefe 
unmoglich  machen  werden.  Ein  Colleg  iiber  Differentialrech- 
nung  werde  ich  vorlaufig  nicht  horen  sondern  alle  Krafte  auf 
die  Erledigung  meines  Doktors,  bezw.  den  Beginn  meiner 
Dissertation  konzentrieren.  Die  Mathematik,  wie  die  fernere 
Auseinandersetzung  mit  Kant  und  Cohen  muB  verschoben 
werden.  Meine  philosophische  Gedankenentwicklung  ist  in 
einem  Zentrum  angel angt.  So  schwer  es  mir  wird  so  muB  ich 
auch  sie  in'  dem  gegenwartigen  Stadium  belassen  um  nach 
Erledigung  des  Examens  mit  voller  Freiheit  mich  vollkom- 
men  ihr  zu  widmen.  Treten  der  Erledigung  meines  Doktors 
Hindernisse  in  den  Weg  so  fasse  ich  sie  als  den  Hinweis  auf 
mich  mit  meinen  eigenen  Gedanken  zu  beschaftigen. 
Nach  halbjahriger,  mit  Unterbrechungen  gefiihrter,  Lektiire 
habe  ich  in  Locarno  die  Dogmengeschichte  von  Harnack  aus- 
gelesen.  Man  kann  mir  dazu  in  doppeltem  Sinne  gratulieren: 
daB  ich  die  Arbeit  getan  und  daB  ich  sie  beendet  habe.  Der 
Gewinn  einer  solchen  Lektiire  ist  derart,  daB  er  sich  nicht, 
wenn  man  das  Buch  geschlossen  hat,  iibersehen  laBt.  Um  nur 
eines  zu  bezeichnen,  so  habe  ich  erkannt  wie  neb  en  anderem 
auch  die  Unwissehheit  eine  starke  Quelle  der  neukatholischen 
Strbmung  in  der  Gegenwart  ist,  wie  sie  besonders  auch  intel- 

180 


ligente  Juden  ergriffen  hat.  Sie  ist  selbstverstandlich  eine 
AuBerung  der  romantischen  Bewegung,  die  ja  —  ich  weifi 
nicht  ob  ich  Ihnen  hieriiber  meine  Anschauung  schon  mit- 
geteilt  habe  —  eine  der  starksten  Bewegungen  der  Gegenwart 
ist.  Sie  hat  wie  der  fnihere  romantische  Katholizismus  eine 
machtpolitische  und  eine  ideenhafte  Seite  (Adam  Miiller  — 
Friedrich  Schlegel)  und  wahrend  die  erste  unfruchtbar  ge- 
blieben  ist  (Scheler  reprasentiert  sie,  Franz  Blei  und  —  wenn 
auch  nicht  als  Katholik  —  Walter  Rathenau  gehoren  ihr  unter 
vielen  anderen  an)  hat  sich  die  zweite  aus  der  lethargischen 
und  wenig  charakterisierten  Haltung  Schlegels  durch  Rezep- 
tion  sozialer  Elemente  zum  Anarchismus  entwickelt  (Leon- 
hard  Frank,  [Ludwig]  Rubin er).  Was  ich  demnachst  werde 
lesen  konnen  ist  noch  unbestimmt.  —  Uber  Goethe  habe  ich  — 
wie  Sie  nach  meiner  scharfen  Rezension  des  Gundolf er  Buches 
sich  denken  konnen,  viel  zu  sagen.  2  Ich  warte  ab  was  Sie  fin- 
den  werden. 

Ihre  Arbeit3  die  Sie  meiner  Frau  schickten  habe  ich  drei- 
mal,  zum  letzten  Male  mit  ihr,  gelesen.  Meine  Frau  wird 
Ihnen  noch  selbst  danken.  Ich  selbst  bin  Ihnen  zu  besonderem 
Dank  verpflichtet,  denn  Sie  haben,  ohne  zu  wissen  daB  ich 
mich  schon  vor  zwei  Jahren  um  dasselbe  Problem  bemiiht 
habe,  mir  wesentlich  zur  Kliirung  verholfen.  Das  stellt  sich 
nunmehr  nachdem  ich  Ihre  Arbeit  gelesen  mir  so  dar:  aus 
meinem  Wesen  als  Jude  heraus  war  mir  das  eigene  Recht,  die 
„vollkommen  autonome  Ordnung"  der  Klage  wie  der  Trauer 
aufgegangen.  Ohne  Beziehung  zum  hebraischen  Schrifttum, 
das  wie  ich  nun  weiB  der  gegebene  Gegensiand  soldier  Unter- 
suchung  ist,  habe  ich  die  Frage  „wie  Sprache  iiberhaupt  mit 
Trauer  sich  erfullen  mag  und  Ausdruck  von  Trauer  sein 
kann"  in  einem  kurzen  „Die  Bedeutung  der  Sprache  in 
Trauerspiel  und  Tragodie"  uberschriebenen  Aufsatz  an  das 
Trauerspiel  herangebracht.  Ich  bin  dabei  im  einzelnen  und 
ganzen  zu  einer  Einsicht  gekommen  die  der  Ihrigen  nahe 
steht,  habe  mich  aber  dabei  fruchtlos  an  einem  Verhaltnis 
abgearbeitet,  das  ich  erst  jetzt  in  seinem  wahren  Sachverhalt 
zu  ahnen  beginne.  Im  Deutschen  tritt  namlich  die  Klage 
sprachlich  hervorragend  nur  im  Trauerspiel  hervor  und  dieses 

181 


steht  im  Sinne  des  Deutschen  der  Tragodie  fast  nach.  Damit 
konnte  ich  mich  nicht  versohnen  und  sah  nicht  daB  diese 
Rangordnung  im  Deutschen  ebenso  legitim  ist  wie  im  He- 
braischen wahrscheinlich  die  entgegengesetzte.  Jetzt  sehe  ich 
nun  in  Ihrer  Arbeit  daB  die  Fragestellung  die  mich  damals 
bewegte  auf  Grund  der  hebraischen  Klage  gestellt  werden 
muB.  Allerdings  kann  ich  Ihre  Ausfiihrungen  weder  als  eine 
Losunganerkennen,  noch  befahigen  mich  Ihre  Ubersetzungen 
—  was  auch  wohl  unmoglich  ware  —  dazu  die  Sache  vor  der 
Kenntnis  des  Hebraischen  aufzunehmen.  Im  Gegensatz  zu 
Ihrem  Ausgangspunkt  hat  der  meine  nur  den  einen  Vorteil 
gehabt,  mich  von  vornherein  auf  den  fundamentalen  Gegen- 
satz von  Trauer  und  Tragik  hinzuweisen,  den  Sie  nach  Ihrer 
Arbeit  zu  schlieBen  noch  nicht  erkannt  haben.  Im  Ubrigen 
hatte  ich  sehr  viel  Bemerkungen  zu  Ihrer  Arbeit  zu  machen, 
die  sich  aber  brief lich  ins  uferlos  Subtile  —  wegen  der  termi- 
nologischen  Schwierigkeiten  —  verlieren  miiBten.  Sehr  schon 
finde  ich  den  SchluBteil  der  von  Klage  und  Zauber  handelt. 
Dagegen  gestehe  ich  Ihnen  offen,  daB  mir  die  Theorie  der 
Klage  in  dieser  Form  noch  mit  fundamentalen  Liicken  und 
Unklarheiten  behaftet  scheint.  Ihre  (und  meine)  Termino- 
logie  ist  durchaus  noch  nicht  geniigend  ausgearbeitet  um 
diese  Frage  losen  zu  konnen.  Im  Besonderen  bemerke  ich  nur, 
daB  ich  die  eindeutige  Beziehung  von  Klage  und  Trauer  in 
dem  Sinne  daB  jede  reine  Trauer  in  die  Klage  miinden  imisse 
noch  bezweifle.  —  Es  ergeben  sich  hier  eine  Reihe  so  schwerer 
Fragen  daB  man  wirklich  von  ihrer  schriftlichen  Erwagung 
abstehen  muB.  —  Nur  noch  ein  Wort  zu  den  Ubersetzungen. 
Wir  -  meine  Frau  und  ich  —  haben  uber  sie  dasselbe  zu  sagen 
wie  seinerzeit  uber  die  des  Hohen  Liedes.  Auch  diese  Uber- 
setzungen —  uber  deren  Relation  zum  Hebraischen  ich  zwar 
nicht  urteilen  kann,  Ihnen  aber  in  dieser  Hinsicht  vollkom- 
m.en  vertraue  -  haben  was  ihre  Relation  zum  Deutschen  an- 
geht  letztenEndes  denCharakter  vonStudien.  Es  handelt  [sich] 
bei  Ihren  Ubersetzungen  offenbar  nicht  darum,  einen  Text  fur 
das  Deutsche  gleichsam  zu  retten,  sondern  eher  darum  ihn 
regelrecht  auf  das  Deutsche  zu  beziehen.  Sie  empfangen  in 
dieser  Hinsicht  von  der  deutschen  Sprache  keine  Eingebung. 

182 


Ob  sich  die  Klagelieder  jenseits  einer  solchen  Beziehung  auf 
das  Deutsche  auch  noch  in  diese  Sprache  iibersetzen  lassen 
vermag  ich  naturlich  nicht  zu  entscheiden  und  Ihre  Arbeit 
scheint  es  zu  verneinen. 

Herrn  David  Baumgardt4  kenne  ich  von  Berlin  her  ein 
wenig.  Er  war  mir  immer  sympathisch.  Uber  seine  beson-' 
deren  philosophischen  Fahigkeiten  habe  ich  aber  kein  Urteil. 
Uber  Simon  Guttmann  kann  ich  Ihnen  einmal  (vielleicht 
wenn  wir  beide  alte  Leute  sind  —  falls  wir  es  werden!)  mehr 
erzahlen  als  irgend  ein  andrer  Mensch  auf  der  Welt,  aus- 
genommen  vielleicht  meine  Frau.  Zu  demselben  Kreise5  ge- 
horte  Herr  Robert  Jentzsch.  Dieser  junge  Mann  der  sich  vor 
einigen  Jahren  an  der  Berliner  Universitat  als  Privatdozent 
fiir  Mathematik  habilitierte  soil  heute  auf  Grund  seiner 
Dissertation  —  die  von  der  Akademie  [?]  iibersetzt  wurde  —  als 
Mathematiker  bereits  beruhmt  sein.  Ich  kenne  ihn  ebenfalls 
etwas.  Haben  Sie  von  ihm  gehort  oder  konnen  Sie  etwas  iiber 
ihn  (er  ist  im  Felde)  erfahren?  Ich  interessiere  mich  sehr 
dafiir.6  Es  folgen  zwei  weitere  Bitten.  Ein  Brief  von  mir  an 
das  Genie  ist  sei  es  nicht  angekommen,  sei  es  unbeantwortet 
geblieben.*  Ich  bin  nun  auOerst  begierig  auf  seine  Disser- 
tation** und  kann  mich  nicht  gut  an  ihn  wenden.  Darf  ich  Sie 
bitten  mit  f  rankiertem  Riickkouvert  an  den  Pedell  der  Univer- 
sitat Erlangen  zu  schreiben  und  sich  bei  ihm  zu  erkundigen  ob 
und  wo  die  Dissertation  des  Herrn  Felix  Noeggerath  der  dort 
im  Oktober  oder  November  1916  an  der  philosophischen  Fa- 
kultat  promovierte  erschienen  ist.  Ebenfalls  ob  er  die  gegen- 
wartige  Adresse  des  Herrn  wuBte.  Ich  ware  Ihnen  sehr  dank- 
bar  wenn  Sie  diese  Anfrage  die  ich  nicht  gem  unter  meinem 
Namen  tate  machen  wiirden.  Endlich  bitte  ich  Sie  noch  um 
folgendes:  die  auf  meinem  letzten  Bucherzettel  angegebenen 
Langenscheidtschen  "Dbersetzungen  von  Tibull  und  Properz 
nicht  zu  bestellen,  oder  falls  es  gdnzlich  miihelos  geht,  die  et- 
waige  Bestellung  zuruckzuziehen.  Ich  habe  sie  hier  namlich 


*  Ich  habe  mir  eine  sehr  alte  Adresse  von  ihm  und  weiB  iiber 

seinen  gegenwartigen  Aufenthalt  nichts. 

**  die  etwa  im  Oktober  1917  hatte  gedruckt  sein  rmissen. 

183 


antiquarischgefunden,will  sie  aber  nicht  kauf  en  be vor  ichvon 
Ihnen  -  moglichst  umgehend  -  eine  kurze  Nachricht  habe 
ob  sie  schon  in  Deutschland  bestellt  sind  oder  nicht.  Auch 
sonst  machen  Sie  mir  bitte  von  alien  Dingen  die  die  Biicher- 
bestellung  betreffen  immer  Mitteilung.  Icb  danke  Ihnen 
nochmals  fur  Ihre  Muhe  damit.  (Die  Bestellung  der  Langen- 
scheidtschen  Ubersetzungen  von  Catull  und  Pindar  bleibt  in 
Kraft  und  zwar  will  ich  diejenigen  dieser  Autoren  die  nicht 
fur  sich  allein  einen  oder  mehrere  Bande  ausmachen  nur  in 
den  samtlichen  Lieferungen  da  ich  sonst  noch  andere  Autoren 
bei  den  einzelnen  Banden  mit  in  Kauf  nehmen  miiBte.  Dies 
bezieht  sich  auch  auf  Tibull  und  Properz  falls  sie  nicht  mehr 
abbestellt  werden  kon-nen.)  Das  Marchen  von  Fanferlieschen 
SchonefuBchen7  kenne  ich,  weiB  aber  unter  den  vielen  die 
ich  von  ihm  gelesen  habe  nicht  mehr  welches  es  ist.  —  Auf  die 
medizinische  Auskunft  die  Sie  meiner  Frau  geben  wird  sie 
selbst  eingehen.  —  Haben  Sie  die  Papiere  von  Herrn  Kraft 
erhalten?  Ich  habe  ihm  geschrieben.  Wie  steht  es  mit  der 
Herkunft  Ihres  Freundes?  Er  soil  uns  herzlich  willkommen 
sein. 

Von  Buber  schreiben  Sie  fast  wortlich  dasselbe  was  mein 
Freund  nach  seiner  einzigen  Besprechung  mit  ihm  mir 
sagte.8 

Der  Zusammenhang  dieses  Briefes  fehlt  nicht  so  ganzlich 
wie  es  vielleicht  scheinen  mochte.  Er  ist  durch  die  Notwen- 
digkeit  diktiert  zu  antworten  ohne  neue  Fragen  aufzuwerfen, 
damit,  falls  unser  Briefwechsel  fur  einige  Zeit  meinerseits 
ruhen  miiBte,  ich  nicht  allzuviel  unerledigt  lasse.  Mein  groB- 
tes  Bedauern  bleibt  es  Ihnen  von  der  philosophischen  Bewe- 
gung  meiner  Gedanken  nichts  mitteilen  zu  konnen ;  aber  dies 
vertragt  sich  nicht  mit  dem  Briefe.  —  Meine  Frau  schreibt 
Ihnen  noch.  —  Ich  bitte  Sie  herzlich  mich  nicht  lange  ohne 
Nachricht  zu  lassen.  Mit  den  innigsten  "Wunschen  fur  Sie 

Ihr  Walter 

1  Richard  Herbertz. 

2  Diese  Rezension  wurde  in  ihren  Hauptstiicken  in  die  Arbeit  iiber 
Goethes  Wahlverwandtschaften  (Schriften  I)  inkorporiert. 

3  „Uber  Klage  und  Klagelied"  (ungednickt). 

184 


4  Mit  dem  Scholem  in  Erfurt  bekannt  geworden  war.  Er  war  spater 
Privatdozent  an  der  Universitat  Berlin. 

5  Gemeint  ist  das  „Neopathetische  Kabarett"  urn  Georg  Heym,  Erwin 
Lbwensohn,  Kurt  Hiller  u.  a. 

6  Einen  Tag  vor  Erhalt  dieses  Briefes  hatte  Scholem  (der  damals 
Mathematik  studierte)  W.  B.  mitgeteilt,  dai3  Jentzsch  gefallen  sei,  zu- 
samraen  mit  der  Nachricht  vom  Tode  Hermann  Cohens. 

7  Von  Clemens  Brentano. 

8  Scholem  hatte  eine  heftige  Diatribe  gegen  den  Kult  des  Erlebnisses 
in  den  Buberschen  Schriften  dieser  Jahre  verfai3t. 


66  An  Gerhard  Scholem 

11.  April  1918 

Lieber  Gerhard, 

lassen  Sie  mich  gegen  die  beiden  Todesnachrichten,1  von  denen 
mich  die  zweite  die  mir  noch  unbekannt  war  auf  das  schmerz- 
lichstebetraf,  eine  Lebensnachricht  austauschen.  Als  ich  Ihren 
Brief  vorfand  kam  ich  eben  aus  der  Klinik  nach  Hause  wo 
meine  Frau  mir  an  diesem  Morgen  einen  Sohn2  geboren  hat. 
Es  geht  beiden  gut.  —  Sie  sollten  neben  den  Grofleltern  des 
Kindes  der  erste  sein  der  die  Nachricht  erfahrt.  Ich  griifle  Sie 
in  Gedanken  von  dem  Kind  und  der  Mutter. 

Ihr  Walter 

1  Ober  Hermann  Cohen  und  R.  Jentzsch. 

2  Stefan  B.,  gestorben  am  6.  Febr.  1972  in  London. 

67  An  Gerhard  Scholem 

[17.  April  1918] 

Lieber  Gerhard, 

vielen  herzlichen  Dank  von  uns  beiden  fur  Ihren  schonen 
Gluckwunsch;  ich  habe  ihn  eben  erhalten.  Meiner  Frau  geht 
es  gut  und  dem  Kind  auch.  Wir  haben  es  Stefan  Rafael  ge- 
nannt,  den  zweitenNamen  nach  einemkurz  vor  seiner  Geburt 

185 


gestorbenen  Grofivater  meiner  Frau.  Dora  soil  morgen  zum 
ersten  Male  etwas  aufstehen.  -  Zu  dem  Wunderbarsten  das 
man  bemerken  kann  gehort  was  ich  in  diesen  Tagen  bemerkt 
habe:  wie  sogleich  der  Vater  einen  so  kleinen  Menschen  als 
Person  erkennt,  so,  daB  demgegeniiber  seine  eigene  Uber- 
legenheit  alien  Dingen  des  Daseins  sehr  nebensachlich  er- 
scheint.  —  Es  gibt  da  einen  beriihmten  Brief  Lessings  in  dem 
ganz  ahnliches  steht. 

Ich  lese  einen  Haufen  ungeheuer  interessanter  Sachen  und 
noch  mehr  dergleichen  stehen  auf  meinem  Schreibtisch; 
unter  den  ersten:  das  Athenaeum  der  Gebriider  Schlegel,  in 
der  Originalausgabe  entliehen  (!).  Ferner  ein  hochst  span- 
nendes,  fast  zu  spannendes,  sehr  dokumentiertes  Buch:  Ber- 
nouilli:  Franz  Overbeck  und  Friedrich  Nietzsche.  Das  MaB- 
gebende  was  iiber  Nietzsches  Leben  existiert  mit  sehr  viel 
sonst  ungedrucktem.  AuBerdem  Heinrich  von  Stein:  Plato- 
nismus.  Von  der  zweiten  Art  (nur  auf  dem  Schreibtisch): 
F.  Schlegel,  Philosophie  der  Sprache  und  des  Wortes,  seine 
allerletzten  Vorlesungen  (da  ich  nun  schon  fast  Spezialist  fur 
den  alten  Schlegel  geworden  bin,  werde  ich  mit  der  Lektiire 
dieses  Buches  diesen  muhevollenBeruf  beschliefien  konnen).- 
Ich  denke  gerade  jetzt  iiber  sehr  vieles  nach:  iiber  das  wor- 
iiber  am  meisten,kann  ich  noch  nicht,  iiber  das  woriiberweni- 
ger,  will  ich  noch  nicht  schreiben.  Irgendeinmal  erhalten  Sie 
einen  Stop  Manuscripte,  —  von  dem  bis  jetzt  allerdings  noch 
meist  sehr  Weniges  existiert.  -  Haben  Sie  Catull  Tibull  Pro- 
perz  Ubersetzungen,  Langenscheidt  abbestellen  konnen?  Wie 
ist  es  damit:  Bitte  berichten  Sie  mir  recht  bald. 

Eine  herzliche,  dringende  Bitte;  zahlreiche  Bitten  an  Wer- 
ner Kraft,  er  moge  mir  einen  Brief l  den  ich  ihm  ausSt.Moritz 
iiber  „GroBe"  schrieb  kopieren  und  senden,  blieben  vergeb- 
lich.  Jetzt  benotige  ich  diese  Ausfiihrungen  sehr,  will  ihm 
aber  von  hier  aus  nicht  damit  nahe  treten,  bitte  Sie  aber  recht 
sehr,  schnell  und  dringlich  ihm  meine  Bitte,  eventuell  vor- 
iibergehende  ttberlassung  des  eingeschrieben  mir  zu  iiber- 
sendenden  Originalbriefes,  wenn  ihm  das  Kopieren  Miihe 
macht,  zu  iibermitteln.  Ich  brauche  dies  wirklich.  Herzlichen 
Dank!  Haben  Sie  Kraft  von  der  Geburt  geschrieben?  Wenn 

186 


nein,  so  tun  Sie  es  bitte  audi  nicht,  wenn  ja  berichten  Sie  es 
mir  bitte,  damit  ich  ihm  selbst  schreibe  —  an  sich  mochte  ich 
namlich  durch  nichts  AuBeres  ihn  in  seinem  sich  vorgeschrie- 
benen  Schweigen  bedrangen.  —  Wissen  Sie  zufallig  etwas  was 
er  sich  wiinscht?  Wir  mochten  ihm  anonym  ein  Buch  schik- 
ken.  —  Bitte  schreiben  Sie  mir  recht  bald. 

Herzlichst  Ihr  Walter 

1  Dies  ist  der  unter  Nr,  69  mitgeteilte  Brief  uber  Stifter. 


68  An  Ernst  Schoen 

[Bern,  Mai  1918] 
Lieber  Herr  Schoen, 

die  Antwort  auf  Ihre  beiden  Brief e  hat  sich  so  lange  hinaus- 
geschoben  daB  ich  nun  in  einem  besonders  reichen  aber  auch 
besonders  bedrangten  Momente  sie  abgeben  muB.  AuBerlich 
bedrangt*  indem  die  trostlosen  Wohnungsnote  hier  uns  zu 
einem  Umzug  in  vierzehn  Tagen  1  notigen  welches  eine  Sache 
ist  die  hier  mit  vielerlei  Peinlichem  verbunden  ist.  Innerlich 
bedrangt  durch  eine  Fulle  von  Aufgaben  da  die  gehemmte 
Notigung  Eignes  auszusprechen  keine  ganzlich  freie  Bahn 
findet.  Meine  Gedanken  sind  teils  noch  zu  unentwickelt, 
fliichten  vor  mir  bestandig  und  was  ich  greife  bedarf  des  ge- 
nauesten  Fundaments  um  ausgesprochen  werden  zu  diirfen. 
Gewisse  -  gleichsam  revolutionise  —  Gedanken  tragen  fur 
mich  die  Notwendigkeit  in  sich  ihre  groBen  Gegner  sehr 
griindlich  zu  studieren  um  in  ihrer  Darlegung  unentwegt 
sachlich  bleiben  zu  konnen.  Uberall  ist  dieser  groBte  Gegner 
Kant.  Jetzt  bin  ich  in  seine  Ethik  verbissen  —  es  ist  unglaub- 
lich  wie  man  diesem  Despoten  auf  die  Spur  kommen  muB, 
auf  die  Spur  seines  erbarmungslos  gewisse  Einsichten  die  ge- 
rade  in  der  Ethik  zu  den  verwerf lichen  gehoren  ^rphiloso- 
phierenden  Geistes.  Er  hetzt  besonders  in  seinen  spateren 
Schriften  und  schlagt  besinnungslos  auf  seinen  Renner,  den 
Logos,  ein. 

187 


Eine  sehr  wichtige  erkenntnistheoretische  Arbeit  bin  ich 
bisher  unvermogend  zu  vollenden,  sie  liegt  schon  monate- 
lang.  Weiter:  ich  habe  mir  von  meinem  Ordinarius  der  es 
hochst  bereitwillig  tat  das  Thema  meiner  Dissertation  ge- 
nehmigen  lassen.  Etwa :  die  philosophischen  Grundlagen  der 
romantisclien  Kunstkritik.  Ich  weiB  iiber  dies  Thema  einiges 
zu  sagen  aber  der  Stoff  erweist  sich  als  ungeheuer  sprode. 
Wenn  [ich]  ihm  das  tiefere  abgewinnen  will  und  eine  Dis- 
sertationverlangtQuellennachweise,  die  doch  bei  der  Roman- 
tik  fur  gewisse  ihrer  tiefsten  Tendenzen  kaum  zu  finden  sind. 
Ich  meine  ihre  geschichtlich  fundamental  wichtige  Koinzi- 
denz  mit  Kant,  die  zur  „dissertatorischen"  Erscheinung  zu 
bringen  sich  unter  Umstanden  als  unmbglicherweisenkonnte. 
Andererseits  gestattet  die  Arbeit  wenn  sie  geleistet  werden 
kann  mir  diejenige  innere  Anonymitat  die  ich  mir  bei  jeder 
zu  solchen  Zwecken  gemachten  sichern  muB.  Ich  will  den 
Doktor  machen  und  wenn  dies  nicht  oder  noch  nicht  ge- 
schehen  sollte  so  darf  es  nur  der  Ausdruck  tiefster  Hem- 
mungen  sein.  Wie  viele  auf  der  Hand  liegen  da  von  will  ich 
schweigen  und  brauche  es  auch  Ihncn  nicht  zu  sagen.  -  Bei 
dieser  Gelegenheit  bitte  ich  Sie  mir  brieflich  im  Folgenden 
nacheinander  die  Angaben  aus  Ihrer  Fragmentenharmonie2 
(vielleicht  auf  drei  bis  fiinf  Brief e  verteilt  damit  die  ein- 
zelnen  nicht  zu  lang  werden)  zu  senden.  DaB  ich  Ihnen  damit 
eine  groBe  Miihe  mache  bitte  ich  Sie  herzlich  zu  verzeihen. 
Ich  brauche  diese  Harmonie  zu  meiner  Arbeit  unbedingt.  Es 
steht  schlimm  daB  ich  Ihnen  von  Ihrer  kostbaren  Zeit  auch 
noch  nehmen  muB. 

Sie  beriihren  in  Ihren  beiden  Brief  en  zwei  sehr  wichtige 
Dinge,  Gegenstande  meines  Nachdenkens  seit  langem,  Gegen- 
stande auch  des  Gespraches  zwischen  mir  und  Herrn  Scholem, 
der  inzwischen  hier  angekommen  ist3:  Stifter  und  Borchardt. 
Uber  den  erst  en  will  ich  Ihnen  heute  nichts  schreiben  weil 
ich  einiges  Wesentliche  iiber  ihn  schon  aufgeschrieben  habe, 
auch  bei  Gelegenheit  erweitern  werde  und  Ihnen  also  geson- 
dert  bei  Gelegenheit  iibersenden  kann.  —  Welche  Vorstel- 
lungen  der  Name  Borchardt  in  mir  wachruft  konnen  Sie 
sich  schwerlich  deutlich  machen.  Er  bildet  einen  integrie- 

188 


renden  Teil  des  ungliicklichen  Lebens  eines  mir  nahestehen- 
den  jungen  jiidischen  Menschen,  gegenwartig  Soldat.4  Es  ist 
meine  und  Herrn  Scholems  (der  ihn  durch  mich  wahrend  ich 
schon  hier  war  kennen  gelernt  hat)  gemeinsame  Sorge  ihn 
verlassen  in  Deutschland  zu  wissen.  Dieser  Mensch  der 
Borchardt  mit  einzigem  Enthusiasmus  verehrte  und  verehrt 
hat  mir  die  genaueste  Auseinandersetzung  mit  ihm  auf- 
genotigt  und  iiberdies  in  einigem  ein  Bild  seines  Wesens  ver- 
schafft.  So  habe  ich  Borchardt  seit  mehr  als  zwei  Jahren  nicht 
aus  dem  Gesichtskreis  verloren.  Ich  kenne  seine  Gedichte  und 
„  Villa",  seine  Sachen  in  „Hesperus"  (und  die  Kriegsreden), 
endlich  die  beruhmte  Polemik  gegen  den  Kreis  Georges  in  den 
Siiddeutschen  Monatsheften.  Um  vollstandig  und  verstand- 
lich  iiber  ihn  zu  reden  miiBte  ich  weit  ausgreifen  und  Dinge 
sagen  fur  die  hier  in  keinem  Sinne  der  Raum  ist.  So  erlauben 
Sie  da!3  ich  Ihnen  nur  ganz  andeutungsweise  mitteile,  warum 
ich  Borchardts  Person  bei  allemRespektvor  den  „Qualitaten" 
seines  Schaffens  (denn  bei  ihm  sind  Ztige,  die  bei  andern  alles 
sein  konnten,  nicht  mehr)  ablehne.  Tragisch-problematisch 
ist  mir  Borchardt  nicht  mehr,  so  wenig  wie  Walther  Rathe - 
nau,  wenn  er  auch  nicht,  wie  dieser  gemein  ist.  Im  iibrigen 
aber  sind  sie  verwandt,  vor  allem  in  dem  Einen  Zug,  der 
Borchardts  moralisches  Wesen  entscheidet,  in  dem  Wlllen  zur 
Luge.  Er  hat  statt  des  Herzens  eine  Kugel  im  Leibe.  Es  gibt 
heute  kein  grofieres  Beispiel  als  ihn  fiir  das  ungeheuer  Trii- 
gerische  des  Einzel-schonen,  an  dem  sein  Werk  reich  ist.  Die- 
ses Werk  als  ganzes  erweist  sich  aber  als  der  Versuch  seinem 
Schopfer,  in  geistiger  Hinsicht  einen  Rang,  in  geistiger  Hin- 
sicht  Macht,  GroBe  in  geistiger  Hinsicht  zu  vers  chaff  en.  Er 
verzehrt  sich  darin  den  Deutschen  einen  Typus  hinzustellen, 
den  sie  nicht  haben,  noch  nicht  haben  konnen,  nicht  er- 
schleichen  diirfen  und  dessen  Zukiinftigkeit  er  wittert  ohne 
sie  zu  ahnen:  die  bffentlich-verantwortliche  Person  des  Vol- 
kes,  den  bestallten  Verwalter  seines  Geist-  und  Sprachguts. 
(Diese  Vorstellung  was  an  ihr  zukiinftig  was  an  ihr  mifiver- 
standen  ist  kann  ich  hier  nicht  sagen.  Sie  werden  es  sich 
denken.  In  Jacob  Grimm  scheint  er  soweit  es  damals  moglich 
war  in  seinem  Streben  einen  Vorganger  gefunden  zu  haben.) 

189 


Diesem  Zwecke  sind  seine  Werke  die  selbstherrlichen  Mittel, 
kein  Dienst.  Auch  in  ihm  ist  die  „Umkehrung  einer  Idee" 
die  Herr  Scholem  mir  in  seinem  letzten  Brief e  als  Charakte- 
ristikum  der  modern  en  Biicher  angab,  zu  find  en;  die  objektive 
Verlogenheit  wie  ich  es  nenne.  Bei  ihm  richtet  sie  sich  auf 
dieGeschichte  und  sieberuhtwiederum  auf  einer  Verkehrung 
die  mir  fur  unsere  Zeit  kanonisch  geworden  zu  sein  scheint, 
aber  [lies:  auf]  der  Verfalschung  des  Mediums  zum  Organ. 
Er  macht  die  Geschichte,  das  Medium  des  Schaffenden  zu 
dessen  Organ.  Dies  ist  nicht  miihelos  darzulegen,  eben  darum 
ist  Borchardt  vielleicht  heute  der  einzig  noch  wiirdige  Gegen- 
stand  zerschmetternder*  Polemik  (wie  er  sie  wunderbar  am 
Georgischen  Kreise  versucht  hat)  ware  nicht  alleswaswesent- 
lich  Polemik  ist,  heute  verworfen.  Sie  begegnen  einer  Geste 
die  den  Menschen  schirmen  und  auszeichnen  kann,  fur  den 
Dichter  aber  eine  unstatthafte  Maske  ist,  bis  tief  in  Borchardts 
Werk  hinein,  oder  es  beruft  sich  darauf  sie  zu  verfassen.  Er 
hat  sich  auf  einen  Turm  von  Luge  gestellt  um  von  der  ver- 
logenen  Menge  seiner  Zeit  gesehn  zu  werden.  Wenn  ich  recht 
sehe  kiindigt  sich  in  Ihren  Zeilen  davon  das  Gefuhl  sehr  deut- 
lich  an. 

Die  Lektiire  der  Spracharbeit  steht  Ihnen  frei.  Ich  habe 
noch  eine  Bitte  an  Sie.  Im  „Kreis  der  Liebe"5  welchen  ich 
wegen  seiner  Schrif t  nicht  hernehmen  konnte  steht  ein  Ghasel 
von  Platen.  Jetzt  habe  ich  mir  die  (leider  nicht  ganz  voll- 
standige)  Ausgabe  seiner  Gedichte  von  Schlosser  gekauft. 
Darin  scheint  es  sich  unglaublicherweise  nicht  zu  befinden. 
Das  wievielte  ist  es?  Woher  haben  Sie  es?  Konnten  Sie  es  mir 
gelegentlich  abschriftlich  senden?  —  DaB  ich  selbst  Ihnen 
eine  Bitte  nicht  erf  till  en  kann,  tut  mir  leid.  Bilder  von  meiner 
Frau  und  mir  haben  wir  hier  nicht  zur  Hand  und  [Sie]  wer- 
den es  verstehen  wenn  wir  es  fiir  unstatthaft  halten  uns  aus 
solchem  Anlafi  aufnehmen  zu  lassen.  Endlich  bitte  ich  Sie 
umVerzeihung,  dafi  indem  ich  Ihre  Freundlichkeit  undSorg- 
falt  in  einer  so  wichtigen  Sache  als  die  Verwahrung  meiner 
Papiere  ist  in  Anspruch  nehme,  ich  nachtraglich  diese  Bitte 


*  erbarmungslosester 
190 


vorbringen  muB  nachdem  sielhnen  schon  vonHerrnScholem 
vorgetragenwurde.  Die  ganzeUbertragung8muBte  wegen  der 
bevorstehenden  Abreise  von  Herrn  Scholem  so  eilig  vor  sich 
gehen,  und  andererseits  war  es  doch  noch  ungewifl  ob  sie 
iiberhaupt  stattfinden  miiBte  daB  ich  erst  die  Erledigung  der 
Sache  abwarten  muBte.  Ganz  besonders  ungliicklich  traf  es 
sich  daB  bevor  ich  noch  Ihr  Einverstandnis  zu  der  Ubertra- 
gung  einholen  konnte  ich  Sie  bereits  um  eine  Sendung  bitten 
muBte.  Ich  hoffe  Sie  werden  sowohl  mein  Verfahren  durch 
die  Umstande  fiir  entschuldigt  ansehen,  wie  auch  den  grofien 
Dienst  den  die  Aufbewahmng  meiner  Manuscripte  mir  be- 
deutet  erweisen. 

Ich  studiere  also  wie  Sie  sich  denken  konnen  jetzt  die 
Romantik  und  zwar,  neben  der  Lektiire  des  Athenaeums,  den 
mir  bisher  am  wenigsten  bekannten  A.  W.  Schlegel.  Wissen 
Sie  was  mich  jetzt  in  den  kritischen  Schriften  dieser  Leute 
wundernimmt?Esist  ihre  groBe  schone  Humanitat.  Siehaben 
die  Scharfe  der  Rede  die  sie  gegen  das  Niedrige  brauchen, 
after  sie  verfugen  iiber  eine  wunderbare  Milde  des  Geistes  an- 
gesichts  ungliicklicher  Menschen.  Dies  scheint  Goethe  und 
Schiller  in  der  Kritik  nicht  in  dem  MaBe  erreichbar  gewesen 
zu  sein.  Dagegen  sind  A.  W.  Schlegels  Rezension  von  Burger 
und  Schleiermachers  von  Garve7  wunderbar.  Ubrigens  haben 
diese  Leute  in  ihrer  Kritik,  wiederum  ganz  im  Unterschied 
von  Goethe  fast  immer  Recht  behalten  und  also  gehabt.  — 
Wenn  Sie  Zeit  haben  und  Nietzsche  schon  ziemlich  gut  ken- 
nen,  auch  seinen  Briefwechsel  mit  Overbeck  (der  sehr  wichtig 
ist)  dann,  aber  nur  dann,  lesen  Sie  vielleicht  einmal  C.  A.  Ber- 
noulli:  Franz  Overbeck  und  Friedrich  Nietzsche.  Das  Buch 
ist  letzten  Endes  nur  eine  zweibandige  Broschure  aber  es 
enthalt  sehr  interessantes  Material.  S.  Friedlander  nennt 
Elisabeth  Forster  Nietzsche:  „die  stadtbekannte  Schwester 
des  weltberiihmten  Bruders." 

Mein  Bruder  ist  verwundet  in  einem  deutschen  Lazarett, 
es  ist  scheinbar  ein  nicht  leichter  DarmschuB.  Meine  Frau 
und  ich  erwidern  aufs  herzlichste  Ihre  und  Julas  GriiBe.  Uber 
Busoni,  wir  horten  ihn  vorgestern,  schreibt  meine  Frau  spater. 

Ihr  Walter  Benjamin 

191 


Vielen  herzlichen  Dank  fiir  Ihren  Gliickwunsch. 

PS  Ich  sehe  mich,  genotigt,  mich  uber  B  or  chard  t  deutlicher 
auszusprechen :  es  ist  nicht  rich  tig  daB  sein  Werk  nur  „Qua- 
litaten"  habe.  Die  Germania-Ubersetzung  —  soweit  ich  sie 
kenne  —  ist  wahrscheinlich  ein  Markstein  in  der  Geschichte 
der  Beziehung  des  Deutschen  zum  Lateinischen.  Es  ist  auch 
nicht  richtig,  daB  der  Wille  zur  Luge  bei  ihm  zentral  sei. 
Sondern  er  ist  ein  Abenteurer  den  es  nach  dem  hochsten 
Lorbeer  geltistet,  der  ungeheure  Fahigkeit  in  den  Dienst  ab- 
soluten  Machtwillens  stellt,  und  der  in  einem  Zeitalter  in 
dem  die  letzte  Vertiefung  und  Besinnung  unsichtbar  macht, 
jene  Vertiefung  und  Besinnung  auch  vor  dem  Grunde  um 
der  Sichtbarkeit  willen,  abbiegt,  reflektiert.  Luge  ist  nicht  er 
selbst,  sondern  Luge  ergreift  ihn  jedesmal  wo  er  seine  Rela- 
tion zum  Publikum  bestimmt.  -  Er  wird  vielleicht  GroBes 
hinterlassen  aber  es  wird  sein  wie  in  der-im  ubrigen  in  ihrer 
„Moral"  durchaus  nicht  hubschen  —  Geschichte  von  dem 
Manne,  der  das  Gold  finden  wollte  und  das  Porzellan  fand. 
Auf  der  Suche  nach  falschem  Golde  konnte  Borchardt  so 
etwas  begegnen,  aber  da  er  ein  Dichter  sein  will,  so  ist  sein 
unreiner  Wille  die  starkste  Schranke  seiner  Moglichkeiten: 
er  wird  sicher  kein  Werk,  er  wird  Entdeckungen,  urbar  ge- 
machtes  Land,  philologisch,  historisch  technisch  entdecktes 
zurucklassen.  Nicht  Luge,  sondern  worauf  Sie  selbst  deutlich 
hinweisen,  Unlauterkeit  ist  durchaus  in  ihm  wirksam. 

1  Nach  Muri  bei  Bern. 

2  W.  B.  hatte  in  Dachau  im  Friihjahr  1917  eine  Zusammenstellung 
von  Schlegels  und  Novalis1  Fragmenten  gemacht,  die  sich  damals  bei 
Ernst  Schoen  zur  Aufbewahrung  hefand. 

3  Scholem  war  vom  Anfang  Mai  bis  zum  Herbs t  1919  in  Bern. 

4  Werner  Kraft. 

5  Gedichte  von  Ernst  Schoen  (ungedruckt?). 

6  Von  Papieren  W.  B.s,  die  sich  bei  Scholem  befanden. 

7  Im  „Athenaum  III"  (1800),  S.  129  ft. 


192 


69  An  Ernst  Schoen 

Muribei  Bern  17.  Juni  1918 

Lieber  Herr  Schoen, 

Sie  haben  mich  durch  die  so  miihevolle  wie  sorgfaltige  Ab- 
schrift  der  Fragmenten-Notizen  die  nun  schon  seit  einiger 
Zeit  in  meinem  Besitz  ist  zura  groBten  Dank  verbunden.  Als 
Zeichen  daB  ich  Ihnen  dafiir  dankbar  bin  bitte  ich  Sie  die 
Kopie  der  beiden  Aufzeichnungen  die  ich  iiber  Stifter  ge- 
macht  habe  und  welche  ich  diesem  Brief  beilege  anzunehmen. 
Ohne  den  Wunsch  Ihnen  eine  Freundlichkeit  zu  erweisen 
hatte  ich  mich  vielleicht  nicht  entschlossen  Ihnen  die  beiden 
Stellen  zu  geben,  von  denen  namlich  die  eine  nur  aus  einem 
Brief e  stammt,  wahrend  die  zweite  als  Hinweis  auf  eine  aus- 
fuhrliche  Kritik  von  Stifters  Stil  die  ich  mir  vorgesetzt  habe 
zunachst  nur  fiir  mich  gemeint  war.  Weil  es  aber  lange 
dauern  kann  bis  ich  zu  dem  Beiliegenden  etwas  hinzuzufiigen 
im  Stande  sein  werde  (es  ist  vor  allem  moglich  im  Zusammen- 
hang  mit  dem  unter  II  gesagten  die  guten  Elemente  seines 
Stils  ebenso  verstandlich  zu  machen  als  die  schlechten)  so 
sende  ich  es  Ihnen  heute.  Ich  habe  mein  gutes  Briefpapier  fiir 
die  Abschrift  gewahlt  und  hoffe  daB  es  nicht  so  elend  zu- 
gerichtet  bei  Ihnen  ankommt  wie  wir  die  meisten  deutschen 
Briefe  mit  den  Laugen  der  Zensur  iibergossen  erhalten. 
Weil  ich  einmal  dabei  bin  Ihnen  meinen  herzlichen  Dank  zu 
sagen  komme  ich  gern  auf  Ihr  Geschenk  zu  meinem  vorigen 
Geburtstag  zuriick  urn  Ihnen  zu  erzahlen  daB  der  Guerin  in 
blaues  Saffianleder  gebunden  einen  der  schonsten  Bande 
meiner  Bibliothek  ausmacht.  An  deren  Ausgestaltung  bin  ich 
so  gut  es  geht  tatig.  Es  ist  so  gekommen,  daB  mein  inneres 
Bediirfnis  eine  Bibliothek  zu  besitzen  (ja  auch  nur  die  Mog- 
lichkeit  es  zu  konnen)  zeitlich  mit  den  auBerordentlichen 
Geld-  und  Sachschwierigkeiten  sie  zu  erwerben  zusammen- 
fiel.  Erst  seit  etwas  mehr  als  zwei  Jahren  bin  ich  eifrig  dabei, 
und  es  ist  die  trostloseste  Zeit,  in  der  die  innerlich  unzugang- 
lichsten  Werke,  nach  deren  einem  oder  anderm  ich  mich  all- 
mahlich  um  es  zu  besitzen  umzusehen  wage,  Spekulations- 

193 


objekte  des  Pdbels  geworden  sind.  Ich  muB  also  auf  vieles  das 
vor  wenig  Jahren  (als  ich  iibrigens  kein  Geld  es  zu  kaufen 
hatte)  erschwinglich  war  und  das  mir  jetzt  begehrenswert  ist 
verzichten.  Vielleicht  haben  Sie  von  der  Auktion  Piloty  in 
Miinchen  gehort  (dort  ist  die  Erstausgabe  des  „Siebenten 
Rings*'  mit  iiber  400  M  bezahlt  worden  -  ich  hatte  75  darauf 
geboten  und  Alfred  [Cohn]  hat  sie  fiir  45  vor  mehreren 
Jahren  gekauft.)  Das  einzige  Buch,  das  ich  dort  erwerben 
konnte  schickt  mir  eben  mein  Buchhandler,  den  Briefwechsel 
Goethes  und  Knebels.  Immerhin  wiirden  Sie  einiges  Scheme 
auch  jetzt  bei  mir  finden  und  in  absehbarer  Zeit  hoffe  ich  mit 
meinen  hiesigen  Buchern  auch  die  Bibliothek  meiner  Frau 
die  noch  in  Seeshaupt  ist  vereinigen  zu  konnen.  Den  groBern, 
oder  jedenfalls  bessern  Teil  meiner  Biicher  aus  Deutschland 
habe  ich  jetzt  hier.  Aber  von  alien  Buchern  ganz  zu  schweigen 
ist  so  vieles  Wichtige  was  ich  aus  Deutschland  bestelle  vergrif - 
fen.  Gelegentlich  will  ich  Ihnen  wenn  es  Sie  nicht  langweilt 
mehr  hiervon,  von  meinen  letzten  Erwerbungen  schreiben. 
Ich  erzahle  so  gerne  davon. 

Von  meinen  Arbeiten  dagegen  kann  ich  heute  und  viel- 
leicht fiir  einige  fernere  Zeit  nicht  berichten.  In  meinen 
MuBestunden  des  Abends  lese  ich  seit  einigerZeit  mit  meiner 
Frau  Catull  und  wir  wollen  dabei  bleiben  und  spater  zu 
Properz  iibergehen.  Um  von  dem  Fehlerhaften  das  in  dem 
kanonischen  Ansehen  der  modernen  asthetischen  Begriffe, 
der  modernen  Auffassung  der  Inspiration,  der  Lyrik  liegt 
loszukommen  gibt  es  nichts  Heilsameres  als  das  Lesen  der 
alten  Dichter  —  vielleicht  sogar  in  gewisser  Hinsicht  mehr 
noch  das  der  Lateiner  als  der  Griechen.  Von  der  Bibliothek 
habe  ich  eine  Ausgabe  die  in  Paris  fiir  den  Dauphin  Louis  XV 
gearbeitet  und  gedruckt  wurde  und  die  jedes  Gedicht  mit 
„Annotationes"  und  „Interpretatio"  begleitet,  wovon  die 
zweite  eine  komisch  plumpe  Umschreibung  des  Gedicht- 
inhalts  in  schlechtem  Latein  ist. 

Borchardt  hat  wie  ich  ho  re  im  ersten  Heft  der  „Dichtung" 
ein  Verzeichnis  seiner  abgeschlossenen  ungedruckten  Arbei- 
ten veroffentlicht.  (Ich  habe  es  zu  Gesicht  bekommen.)  Ein 
Bekannter  von  mir  hat  dariiber  das  treffendste  Wort  gesagt 

194 


—  es  bestehen  da  verschiedene  Abteilungen:  Ubersetzung, 
Dramatik,  Lyrik,  Prosa,  Philosophie,  Politik  u.s.w.  -  „Es 
fehlt  die  Abteilung:  Brief e"  — .  — Sie  schreiben  von  [Heinrich] 
Mann.  Kennen  Sie  „Die  Armen"?  Er  hat  damit  (wie  sein 
Bruder  mit  den  „Gedanken  im  Kriege")  der  Zeit  den  Tribut 
dargebracht  der  es  erheischt  ihn  zu  ihren  Dienern  zu  zahlen. 
Ein  Buch  von  beispielloser  Unreife  und  Zerfahrenheit.  Viel- 
leicht  werden  Sie  gemerkt  haben  daB  meine  Anfrage  nach 
dem  Platen'schen  Gedicht  auf  dem  seitsamen  Irrtum  beruhte, 
das  Ghasel  im  „Kreis  der  Liebe"  sei  von  Platen  selbst  (und 
Sie  hatten  es  gleichsam  als  uberschwengliche  Huldigung  hin- 
ein  gesetzt).  Nun,  da  ich  weiB  daB  das  Ihrige  eine  Paraphrase 
ist,  deren  schonen  SchluB  im  Gedachtnis  ich  es  bei  Platen 
vergebens  gesucht  habe  tue  ich  noch  die  neue  Bitte:  mir  Ihr 
Gedicht  in  einer  Abschrift  zu  send  en.  — Fiir,  Ihr  letztes  schemes 
Gedicht  danke  ich  Ihnen  sehr.  Meine  Frau  und  ich  griiBen 
Sie  und  Jula  mit  den  herzlichsten  GriiBen  und  Wunschen 
und  ich  selbst  f iige  noch  einen  Dank  fiir  die  Fragmente  hinzu. 

Ihr  Walter  Benjamin. 

Stifter 
I 

Eine  Tauschung  iiber  Stifter  scheint  mir  hochst  gefahrlich 
weil  sie  in  die  Bahn  falscher  metaphysischer  Grundiiberzeu- 
gungen  von  dem.einmiindet,  wessen  der  Mensch  in  seinem 
Verhaltnis  zur  Welt  bedarf.  Es  ist  nicht  zu  bezweifeln  daB 
Stifter  ganz  wundervolle  Naturschilderungen  gegeben  hat 
und  daB  er  auch  von  dem  menschlichen  Leben,  wo  es  noch 
nicht  als  Schicksal  entfaltet  ruht,  also  von  den  Kindern  wun- 
derbar  gesprochen  hat,  wie  im  „Bergkrystall".  Seinen  un- 
geheuren  Irrtum  hat  er  aber  selbst  einmal  ausgesprochen  ohne 
ihn  als  solchen  zu  erkennen,  in  der  Yorrede  zu  den  „Bunten 
Steinen",  wo  er  iiber  GroBe  und  Kleinheit  in  der  Welt 
schreibt  und  dieses  Verhaltnis  als  ein  trugerisches  und  un- 
wesentliches,  ja  relatives  darzustellen  sucht.  Es  geht  ihm  in 
der  Tat  der  Sinn  fiir  die  elementaren  Beziehungen  des  Men- 
schen  zur  Welt  in  ihrer  gereinigten  Rechtfertigtheit  ab,  mit 
andern  Worten:   der  Sinn  fiir  Gerechtigkeit  im  hochsten 

195 


Sinne  dieses  Wortes.  In  der  Verfolgung  dessen,  wie  er  das 
Schicksal  seiner  Menschen  in  seinen  verschiedenen  Biichern 
entrollt,  habe  ich  jedesmal,  im  „Abdias",  im  „Turmalin",  in 
„Brigitta",  in  einer  Episode  aus  der  „Mappe  meines  UrgroB- 
vaters",  die  Kehrseite,  die  Schatten-  und  Nachtseite  jener 
Beschrankung  auf  die  kleinen  Verhaltnisse  des  Lebens  ge- 
funden:  Indem  er  sich  eben  bei  deren  Aufzeichnung  keines- 
wegs  bescheidet  oder  begniigen  kann  und  nun  bemuht  ist  jene 
Einfachheit  auch  in  die  groBen  Verhaltnisse  des  Schicksals 
zu  tragen,  welche  aber  notwendigerweise  eine  ganz  anders- 
artige  sowohl  Einfachheit  als  Reinheit,  namlich  die  welche 
simultan  ist  mit  der  GroBe  oder  besser  mit  der  Gerechtigkeit 
haben.  Und  da  ergibt  es  sich  daB  bei  Stifter  sich  gleichsam 
eine  Rebellion  und-Verfinsterung  der  Natur  ereignet  welche 
ins  hochst  Grauenvolle,  Damonisch'e  umschlagt  und  so  ihren 
Einzug  in  seine  Frauengestalten  (Brigitta,  die  Frau  des  Obri- 
sten)  halt,  wo  sie  als  eine  geradezu  pervers  und  raffiniert  ver- 
borgene  Damonie  das  unschuldige  Aussehen  der  Einfachheit 
tragt.  Stifter  kennt  die  Natur,  aber  was  er  hochst  unsicher 
kennt  und  mit  schwa chlicher  Hand  zeichnet  ist  die  Grenze 
zwischen  Natur  und  Schicksal,  wie  es  sich  zum  Beispiel  ge- 
radezu peinlich  im  SchluB  des  „Abdias"  findet.  Diese  Sicher- 
heit  kann  nur  die  hochste  innere  Gerechtigkeit  geben,  aber 
in  Stifter  war  ein  krampfartiger  Impuls  auf  einem  anderen 
Wege,  der  einfacher  schien  in  Wahrheit  aber  untermensch- 
lich  damonisch  und  gespenstisch  war,  die  sittliche  Welt  und 
das  Schicksal  mit  der  Natur  zu  verbinden.  In  Wahrheit  han- 
delt  es  sich  um  eine  heimliche  Bastardierung.  Dieser  unheim- 
liche  Zug  wird  sich  bei  scharfem  Zusehen  iiberall  da  finden, 
wo  er  in  einem  spezifischen  Sinne  „interessant"  wird.  —  Stif- 
ter hat  eine  Doppelnatur,  er  hat  zwei  Gesichter.  In  ihm  hat 
sich  der  Impuls  der  Reinheit  von  der  Sehnsucht  nach  Gerech- 
tigkeit zu  Zeiten  losgelost,  sich  im  Kleinen  verloren  um  dann 
im  GroBen  hypertrophisch  (das  ist  moglich!)  als  ununter- 
scheidbare  Reinheit  und  Unreinheit  gespenstisch  aufzu- 
tauchen. 

Es  gibt  keine  letzte  metaphysisch  bestandige  Reinheit  ohne 
das  Ringen  um  den  Anblick  der  hbchsten  und  auBersten  Ge- 

196 


setzlichkeiten  und  man  darf  nicht  vergessen  dafi  Stifter  dieses 
Ringen  nicht  kannte. 
II 

Er  kann  nur  auf  der  Grundlage  des  Visuellen  schaffen.  Das 
bedeutet  jedoch  nicht  daB  er  nur  Sichtbares  wiedergibt  denn 
als  Kunstler  hat  er  Stil.  Das  Problem  seines  Stils  ist  nun  wie 
er  an  allem  die  metaphysisch  visuelle  Sphare  erf aBt.  Zunachst 
hangt  mit  dieser  Grundeigentiimlichkeit  zusammen  daB  ihm 
jeglicher  Sinn  fiir  Off  enbarung  fehlt,  die  vernommen  werden 
muB,  d.  h.  in  der  metaphysisch  akustischen  Sphare  liegt.  Des 
ferneren  erklart  sich  in  diesem  Sinne  der  Grundzug  seiner 
Schriften:  die  Ruhe.  Ruhe  ist  namlich  die  Abwesenheit  zu- 
nachst und  vor  allem  jeglicher  akustischen  Sensation. 

Die  Sprache  wie  sie  bei  Stifter  die  Personen  sprechen  ist 
ostentativ.  Sie  ist  ein  zur  Schaustellen  von  Gefiihlen  und  Ge- 
danken  in  einem  tauben  Raum.  Die  Fahigkeit  irgendwie 
„Erschutterung"  darzustellen  deren  Ausdruck  der  Mensch 
primar  in  der  Sprache  sucht  fehlt  ihm  absolut.  Auf  dieser 
Unfahigkeit  beruht  das  Damonische  das  seinen  Schriften  in 
mehr  oder  weniger  hohem  Grade  eignet  und  seine  offenbare 
Hohe  dort  erreicht  wo  er  auf  Schleichwegen  sich  vor  warts  - 
tastet  weil  er  die  naheliegende  Erlosung  in  der  befreienden 
AuBerung  nicht  finden  kann.  Er  ist  seelisch  stumm,  das  heiBt 
es  fehlt  seinem  Wesen  derjenige  Kontakt  mit  demWeltwesen, 
der  Sprache,  aus  dem  das  Sprechen  hervorgeht. x 

1  Die  erste  dieser  Notizen  ist  seinem  (verlorenen)  Brief  an  Werner 
Kraft  vom  Sommer  1917  entnommen.  Eine  Abschrift  daraus,  die 
erhalten  ist,  weist  nur  wenige  stilistische  Andertmgen  auf. 


70  An  Ernst  Schoen 

[31.  Julil918] 

Lieber  Herr  Schoen, 

ich   danke   Ihnen  herzlich   fiir   Ihren   Gluckwunsch.   Mem 
Geburtstag  ist  eine  schone  Gelegenheit  Ihnen  wieder  von 


197 


Biichern  zu  erzahlen.  Meine  Frau  beschenkte  mich  namlich 
mit  einer  kleinen  Bibliothek  -  nicht  daB  die  Biicher  in  einem 
Schrankchen  aufgestellt  gewesen  waren  aber  sie  f (ill en  eines. 
Vorher  miissen  Sie  wissen  daB  ich  nach  Art  eines  wirklichen 
Biichersammlers  mir  —  wenigstens  -  ein  Spezialgebiet  ge- 
schaffen  habe.  Dabei  stand  die  Riicksicht  auf  das  was  ich 
schon  hatte  und  auf  das  Erschwingliche  an  erster  Stelle.  Es 
ist  ein  Gebiet  auf  dem  auch  heute  noch  nicht  allgemein  ge- 
sammelt  wird  und  auf  dem  also  ein  gliicklicher  Fund  noch 
moglich  ist  (wie  ich  solchen  in  der  Tat  vor  kurzem  zu  meiner 
unbeschreiblichen  Freude  gemacht  habe.)  Es  sind  alte  Kin- 
derbiicher,  Marchen  und  auch  schone  Sagen.  Der  Stamm  der 
Sammlung  riihrt  von  einem  groBen  Raubzug  her  den  ich 
noch  gerade  rechtzeitig  in  der  Bibliothek  meiner  Mutter, 
meiner  friihern  Kinderbibliothek,  gemacht  habe.  Diesmal 
habe  ich  also  auch  Marchen  bekommen :  die  von  Andersen  in 
der  relativ  guten  Ausgabe,  die  jetzt  bei  Kiepenheuer  erschien, 
und  Hauffs  in  einer  Ausgabe  seiner  Werke  aus  der  ich  sie 
mir  vielleicht  gesondert  binden  lassen  werde.  Vor  allem  aber 
Brentanos  in  der  seltenen  Erstausgabe  von  1846.  Brentanos 
iibrige  Werke  habe  ich  in  der  von  seinem  Bruder  Christian 
herausgegebenen  siebenbandigen  Gesamtausgabe  bekommen 
der  einzigen  bis  auf  die  die  gegenwartig  wie  so  viele  andere 
bei  Georg  Miiller  ausgebriitet  wird.  Sie  enthalt  bis  auf  die 
Marchen  und  den  Godwi  alles  Wesentliche.  Sodann  erhielt 
ich  die  drei  Bandchen  „Bambocciaden"  von  dem  roman- 
tischen  Literaten  und  Sprachforscher  Bernhardi,  eines  der 
seltensten  wenn  auch  nicht  der  gesuchtesten  romantischen 
Biicher  das  ich  schon  lange  zu  besitzen  strebte.  Ich  kenne  es 
noch  nicht.  Von  Flaubert  besitze  ich  nachdem  ich  diesmal 
Trois  Contes  und  die  Tentation  erhielt  nun  bis  auf  Salambo, 
Garnet  d'un  fou  (so  heiBt  es  wohl?)  und  Novembre  alle 
Romane.  -  Eine  gute  Ausgabe  von  Eckermann,  den  Decame- 
rone  in  der  Inselausgabe,  das  erotische  Werk  von  Aretin  in 
einer  franzosischen  Ubersetzung.  Ferner  ein  kleines  Baude- 
laire-Erinnerungsbuch  das  Anekdoten  seines  Lebens  und  sehr 
viele  Bilder  von  ihm  und  von  s  ein  en  Bekannten  enthalt.  In 
einigen  Jahren  werde  ich  wissen  was  einige  dieser  Werke  mir 

198 


bedeuten,  bei  manchen  wird  es  vielleicht  sehr  lange  brauchen. 
Zunachst  kommen  sie  gleichsam  in  den  Weinkeller,  werden 
in  der  Bibliothek  vergraben:  ich  beriihre  sie  nicht.  Unter 
anderm  audi  aus  dem  Grunde  weil  ich  mit  dem  Gedanken 
ernes  Exils  vertraut  bin  in  einer  Gegend  wo  ich  auf  meine 
Bibliothek  angewiesen  ware,  die  ich  dann  kennen  lernte.  Nur 
den  Andersen  lese  ich  der  mir  Lust  macht  das  Wesen  der 
Sentimentalitat  zu  ergriinden.  Der  guten  Sachen  s.ind  sehr 
wenige  im  Vergleich  mit  dem  perversesten  Zeug  aber  das 
Schlechte  und  Gute  scheint  bei  ihm  seltsam  eng  zusammen- 
zuhangen. 

Ich  lese  nach  Moglichkeit  die  Biicher  der  Berner  Biblio- 
thek, die  jedenfalls  fur  meine  Interessengebiete  sehr  unzu- 
langlich  ist.  Gegenwartig  bin  ich  wieder  bei  Studien  fur 
meine  Dissertation  und  zwar  studiere  ich  die  Kunsttheorie 
Goethes.  Davon  la'Bt  sich  brieflich  nichts  mitteilen,  weil  es  zu 
weitschichtig  ist,  aber  ich  finde  hier  die  wichtigsten  Dinge. 
Natiirlich  ist  das  terra  incognita.  —  Zufallig  begegnete  ich 
heute  in  meiner  Lekture  fiir  die  Dissertation  dem  Buche 
einer  Frau  Luise  Zurlinden 1 :  Gedanken  Platons  in  der  deut- 
schen  Romantik.  Das  Grausen  das  einen  uberkommt  wenn 
Frauen  in  diesen  Dingen  entscheidend  mitreden  wollen  ist 
unbeschreiblich.  Es  ist  die  wahre  Niedertracht.  Ubrigens  ist 
iiberhaupt  die  Schatzung  der  Romantiker  besonders  der  Brii- 
der  Schlegel  und  am  meisten  Wilhelms  (der  gewiB  nicht  so 
bedeutend  wie  Friedrich  war)  bezeichnend  fiir  die  Schand- 
lichkeit  des  literarwissenschaftlichen  Prinzips.  Wissenschaft- 
lich  unfruchtbar,  ja  unfruchtbarer  als  unsere  Zeit  waren 
gewiB  manche;  die  Schamlosigkeit  in  der  Wissenschaft  ist 
aber  modern.  So  gilt  den  heutigen  Fachleuten  dieUbersetzung 
prinzipiell  als  eine  inferiore  Art  der  Produktivitat  (weil  sie 
sich  natiirlich  nicht  wohl  fiihlen  bis  sie  nicht  alles  nach  den 
crudesten  MaBstaben  rubriziert  haben)  und  demgemaB  wagt 
man  es  bei  der  Leistung  von  Wilhelm  Schlegels  "Obersetzungs  - 
werk  von  „Anempfindungu  zu  reden.  Diese  Tonart  ist  gang 
und  gebe. 

Die  Frage  nach  dem  Ergehen  und  meiner  Beziehung  zu  den 
von  Ihnen  genannten  Menschen  kann  ich  (mit  Ausnahme 

199 


Barbizons)  im  Briefe  nur  mit  einem  kurzen  kategorischen 
Satz  beantworten  ohne  brief lich  das  was  ich  iiber  diese  Men- 
schen  sagen  konnte  (aber  nicht  mag)  auch  nur  andeuten  zu 
konnen:  sie  existieren  fur  mich  nicht,  und  wenn  jeder  es  da- 
hin  auch  auf  seine  Weise  gebracht  hat,  so  ist  doch  eben  in 
dieser  Beziehungslosigkeit  keine  Diff erenz  mehr.  -  Mit  Bar- 
bizon  unterhalte  ich  einen  oberflachlichen  Verkehr. 

Mit  den  wenigsten  Ausnahmen  gingen  die  Beziehungen 
die  ich  zu  gleichaltrigen  unterhielt  ihrem  Ende  entgegen. 

[. . .] 

Ich  danke  Ihnen  aufs  Herzlichste  fur  die  Gedichte  die  Sie 
mir  sandten.  Bis  ich  Ihnen  wieder  einmal  irgend  etwas  von 
mir  senden  kann  dariiber  wird  vielleicht  lange  Zeit  vergehen, 
denn  ich  sehe  augenblicklich  nur  groBere  Arbeiten  vor  mir  — 
bitte  lassen  Sie  mich  bald  von  Ihnen  horen  und  leben  Sie  recht 
wohl.  Auch  meine  Frau  griiBt  Sie. 

Ihr  Walter  Benjamin 

l  Leipzig  1910. 


71  An  Gerhard  Scholem 

Bonigen,  18.  September  1918 

Lieber  Gerhard, 

Welche  „ungefahre  Dauer"  soil  ich  Ihnen  schreiben?  Die  der 
Tour?  Die  begrenzen  Sie  doch  selbst  auf  ungefahr  eine  Woche 
und  ich  habe  mir  bisher  noch  kein  naheres  Bild  von  ihr 
gemacht.  —  Ich  bitte  Sie  bestimmt,  hier  schon  am  26.  einzu- 
treffen,  weil  ich  die  Faulhornbesteigung  nicht  zu  lange  hin- 
ausschieben  will.  Das  Faulhornhotel  in  dem  wir  vielleicht 
iibernachten  miiBten  -  wahrscheinlich  ist  es  zwar  nicht  - 
bleibt  nur  noch  unbestimmte  Zeit  offen,  bei  gutem  Wetter 
freilich  wahrscheinlich  bis  Ende  Oktober.  Ich  habe  aber  den 
Plan  daB  wir  am  27.  die  Schynigeplatte  besteigen,  wobei  uns 
meine  Frau  wohl  begleiten  wird,  dann  will  ich  den  Rest  des 
Tages  mit  ihr  dort  oben  bleiben  und  am  28.  mit  Ihnen  aufs 

200 


Faulhorn  (und  wenn  moglich  auch  gleich  wieder  hinunter) 
gehen. 

Eine  damonologische  Fakultat  gibt  es  an  der  Universitat 1 
nicht.  Wozu  ware  denn  sonst  eine  Akademie  der  Wissenschaf  - 
ten  da?  —  In  informierten  Kreisen  gilt  als  sicher  daB  der  der- 
zeitige  Rektor  zum  Rector  mirabilis  auf  Lebenszeit  gewahlt 
wird. 

Dora  griiBt  mit  mir. 

Ihr  Walter 

1  Die  ^Universitat  Muri",  eine  Phantasiegriindung  von  Benjamin  und 
Scholem,  in  Erinnerung  an  die  dort  gemeinsam  verbrachten  drei 
Monate.  Beide  verfaflten  eifrig  satirische  „Akten  der  Universitat", 
darunter  ein  Vorlesungsverzeichnis,  Statuten  der  Akademie  u.  a.  von 
W.  B.  und  ein  (1927  gedrucktes)  „Lehrgedicht  der  Philosophischen 
Fakultat"  von  Scholem.  W.  B.  zeichnete  als  Rektor,  Scholem  als  „Pedell 
des  Religionsphilosophischen  Seminars".  Titel  aus  dem  Bibliotheks- 
katalog  und  Rezensionen  iiber  die  hetreffenden  Biicher  zu  erfinden, 
war  noch  Jahre  hindurch  eine  Liehlingsbeschaftigung  von  W.  B. 


72  An  Ernst  Schoen 

[8.  November  1918] 

Lieber  Herr  Schoen, 

Jede  Riicksicht  die  man  im  eignen  Leben  auf  die  Konvention 
nimmt,  macht  sich  bis  in  die  Feme  Vertrauten  stbrend  be- 
merkbar,  namlich  wenn  man  diese  Konvention  nur  als  eine 
solche  empfindet.  So  ist  es  mit  dem  Doktorexamen  auf  das  ich 
mich  vorbereite.  In  den  letzten  Monaten  war  ich  von  den  Vor- 
bereitungen  zu  meiner  Dissertation  in  Anspruch  genommen 
und  vielleicht  hat  neben  meinem  Warten  auch  die  bestandige 
Arbeit  ein  wenig  dabei  mitgespielt  daB  Sie  von  mir  fast  so 
lange  nichts  gehort  haben  als  ich  von  Ihnen.  Auch  in  diesem 
Briefe  wird  Ihnen  ein  Reflex  dieser  Beschaftigung  wahr- 
nehmbar  sein,  denn  ich  habe  nichts  Wechselvolles  zu  berich- 
ten.  Meine  Lektiire  ist  fast  ganz  auf  das  zur  Dissertation 
notwendige  eingeschrankt  gewesen.  Umgang,  wie  Sie  wissen, 

201 


haben  wir  hier  nicht,  bis  auf  den  jungen  Mann  der  wie  ich 
Ihnen  schrieb  aus  Deutschland  zu  mir  gekommen  ist,  da  er 
aber  wohl  an  meiner,  doch  nicht  ich  in  dem  MaBe  an  seiner 
Arbeit  teilnehmen  kann,  weil  er  sich  mit  hebraischen  Dingen 
befaBt,  so  ist  hiervon  in  die  Feme  nichts  zu  berichten  mog- 
lich.  Nur  von  hauslichen  Wechs  elf  alien  kann  ich  berichten. 
Meine  Frau  liegt  an  der  Grippe  krank  ist  aber  bereits  fieber- 
frei.  Ihren  Brief  hat  sie  erhalten  und  wirdihn  wenn  sie  gesund 
ist  beantworten;  wegen  ihres  geschwachten  Zustandes  haben 
wir  miteinander  noch  nicht  iiber  ihn  sprechen  konnen.  Stefan 
geht  es  gut,  es  ist  ein  ganz  aufierordentlich  artiges  Kind,  das 
nie  ohne  einen  sichtlichen  Grund  weint  oder  schreit. 

Umso  freier  bin  ich  auf  alles  einzugehen  was  Sie  schreiben. 
Daran  hat  mir  am  meisten  Nachdenken  das  verursacht,  was 
Sie  zu  meiner  Trennung  von  den  frlihern  Bekannten  bemer- 
ken.  Je  mehr  ich  dariiber  nachdachte  desto  mehr  wollte  mir 
scheinen,  als  ob  Ihrem  innersten  Wesen  ganz  solche  Ziige 
eigen  waren  die  uns  damals  das  Verstehen  nicht,  aber  die  Ver- 
standigung  unmoglich  machten.  Wahrend  mein  Freund  und 
ich,  nicht  ungeduldig,  aber  der  Zeit  nicht  achtend,  nicht  blind 
aber  nicht  aufmerksam  auf  das  Gesehene  in  der  Mitte  einer 
Krisis  standen  die  in  Erfiillung  oder  in  Verwandlung  enden 
muBte,  warteten  Sie.  Sie  sahen  die  Menschen  die  uns  umgaben 
ihrer  Gestalt  nach  und  darum  muBten  Sie  sie  ablehnen.  Ich 
glaubte  zu  fiihlen  daB  Ihr  Wesen  eine  Forderung  stellte  die 
in  unsrer  zeitlosen  geblendeten  Frage  nicht  erfiillt  werden 
konnte :  geduldige  Entladung  und  Entf altung,  Ich  bin  gewiB 
daB  ich  jetzt  nicht  iiber  diese  Zeit  mit  Ihnen  sprechen  konnte 
wenn  wir  nicht  damals  dergestalt  getrennt  gewesen  waren. 
Wie  ich  ja  hiervon  sonst  nur  mit  meiner  Frau  gesprochen 
habe.  Uber  die  Zeit  unseres  Wiedersehens  wage  ich  nichts  zu 
vermuten. 

[...]■ 

Meine  Arbeit  an  der  Dissertation  ist,  wenn  ich  sie  auch 
nie  ohne  auBere  Veranlassung  auf  mich  genommen  hatte, 
keine  verlorene  Zeit.  Das  was  ich  durch  sie  lerne,  namlich 
einen  Einblick  in  das  Verhaltnis  einer  Wahrheit  zur  Ge- 
schichte,  wird  allerdings  darin  am  wenigsten  ausgesprochen 

202 


sein,  aber  hoffentlich  fur  kluge  Leser  bemerkbar.  Die 
Arbeit  behandelt  den  romantischen  Begriff  der  Kritik  (der 
Kunstkritik).  Aus  dem  romantischen  Begriff  der  Kritik  ist 
der  moderne  Begriff  derselben  hervorgegangen;  aber  bei  den 
Romantikem  war  „Kritik"  ein  ganz  esoterischer  Begriff* 
der  auf  mystischen  Voraussetzungen  beruhte  was  die  Er- 
kenntnis  betrifft,  und  der  was  die  Kunst  angeht,  die  best  en 
Einsichten  der  gleichzeitigen  und  spatern  Dichter,  einen 
neuen,  in  vieler  Beziehung  unsern  Kunstbegriff  in  sich 
schlieBt.  Meine  Gedanken  hieriiber  stehen  in  einem  so  ge- 
nauen  Zusammenhang  daB  ich  unmbglich  Ihnen  schriftlich 
einen  Begriff  vom  Ganzen  durch  einige  Bemerkungen  geben 
kann,  so  gern  ich  es  tate.  Vom  eigentlichen  Text  ist  noch 
nichts  niedergeschrieben  aber  die  Vorarbeit  ist  ziemlich  weit 
vorgeschritten.  Demnachst  werde  ich  meinem  Ordinarius  den 
Plan  mitteilen.  Bis  jetzt  bin  ich  mit  meiner  Arbeit  durch  den 
Umstand  gefordert  worden,  daB  die  Universitat  wegen  der 
Epidemie  geschlossen  ist;  doch  wird  sie  wohl  bald  eroffnet 
werden.  Die  Beschaffung  der  Literatur  stoBt  uberall  auf  Hin- 
dernisse  und  was  man  bekommt  ist  qualvoll  langweilig.  Die 
Hauptwerke,  Diltheys:  Leben  Schleiermachers  und  Hayms 
Romantische  Schule,  habe  ich  noch  nicht  gelesen  und  werde 
Ihnen  vielleicht  spater  davon  berichten  konnen. 

Am  folgenden  Tage,  9.  November  1918 

Gestern  erhielt  ich  nachdem  ich  das  Vorstehende  geschrieben 
hatte  die  Nachricht  von  der  Ausrufung  der  bayerischen  Repu- 
blik.  Da  wegen  eines  vierundzwanzigstundigen  General  streiks 
hier  in  der  Schweiz  (als  Protest  gegen  militarische  Einberu- 
fungen  zur  Abwehr  revolutionarer  Umtriebe)  heute  keine 
Zeitungen  hier  erscheinen  kenne  ich  die  Entwicklung  die  sich 
inzwischen  vollzogen  hat  nicht.  Jedenfalls  werden  die  Auf- 
trage  fiir  die  Auktion  wohl  hinfallig  sein,  da  sie  kaum  statt- 
finden  wird. 

[. . .] 


*  Deren  sie  mehrere  gehabt  haben,  vielleicht  aber  keinen  so 
verborgenen. 

203 


Den  Sommer  haben  wir  wie  Sie  wissen  werden  sehr  still 
am  Brienzer  See  in  der  herrlichsten  Landschaft  verbracht. 
Der  Teil  des  Sees  an  dem  wir  waren  hat  an  dem  aufsteigen- 
den  Ufer  die  herrlichsten  Wiesen  die  ich  jemals  gefunden 
habe.  Diese  Wiesen  erstrecken  sich  sehr  weit  und  sind  mit 
Baumgruppen  und  Hainen  bewachsen  in  denen  wir  oft  Pilze 
gesucht  haben.  Das  wichtigste  was  ich  im  Sommer  gelesen 
habe  war  die  Metamorphose  der  Pflanzen  von  Goethe.  Ich 
habe  sie  zusammen  mit  meiner  Frau  gelesen  und  sehr  groBe 
Freude  daran  gehabt  obwohl  ich  das  Buch  bei  meiner  man- 
gelnden  botanischen  Kenntnis  nicht  unmittelbar  fruchtbar 
machen  kann.  Ehe  ich  spater  die  Farbenlehre  lese  hoffe  ich 
noch  einmal  auf  die  Meteorologie  zuriickzukommen  mit  der 
ich  mich  schon  friiher  einmal  beschaftigt  habe.  Seitdem  lese 
ich  wie  gesagt  nur  fiir  meine  Dissertation,  welche  gerade  in 
diesen  Zeitlauften  abf assen  zu  miissen  eine  heilsame  und  mog- 
liche  Fixierung  meines  Geistes  ist.  Daneben  lese  ich  nur  noch 
den  „Griinen  Heinrich"  von  Gottfried  Keller.  Alle  Biicher 
dieses  Mannes  gehoren  zu  den  zweideutigsten  und  gefahr- 
lichsten  Produkten  der  Literatur.  Warum  -  hoffe  ich  Ihnen 
spater  einmal  sagen  zu  konnen. 

[. . .] 

Meine  Frau  und  ich  griiBen  Sie  herzlich  und  bitten  auch 
Jula  herzlich  von  uns  zu  griiBen. 

Ihr  Walter  Benjamin 


73  An  Ernst  Sckoen 

[Bern,  29.  Januar  1919] 

Lieber  Herr  Schoen, 

Aus  Ihren  Briefen  von  Dezember  und  Januar,  vor  allem  aber 
aus  dem  zweiten,  sehe  ich  daB  Sie  von  Sorgen  betriibt  werden. 
Ich  will  diesen  Brief  damit  beginnen  Ihnen  zu  sagen  wie  sehr 
ich  hoffe  daB  es  Ihnen  gelinge  bald  einen  kurzen  Weg  aus 
alien  diesen  Verlegenheiten  herauszufinden ;  daB  Sie  dann  auf 

204 


dem  Gange  den  Mut  nicht  verlieren  werden  dessen  bin  ich 
gewiB.  Den  Menschen  wie  Sie  und  ich  stehen  nach  der  Ande- 
rung  der  deutschen  Verhaltnisse  wohl  keine  an  dem  Wege 
off  en  als  vorher.  AuBerlich  haben  sich  meine  Lebensumstande 
verschlechtert  und  ich  hatte  in  der  langeren  Zeit  in  der  ich 
Ihnen  nicht  schrieb  vielerlei  zu  bedenken  und  manche  Auf- 
regungen. 

[._.  .] 

Einiges  Schone  habe  ich  gelesen.  Besonders  nenneich  Ihnen 
den  „Zauberer"  von  Gogol,  dessen  Stoff  (einer  der  groBten 
epischen  und  zum  Epos  pradestinierten)  freilich  noch  iiber  der 
(guten)  Behandlung  stent.  —  Neulich  waren  wir  zum  Sieg- 
fried" von  Wagner  eingeladen  und  flugs  las  ich  darauf  Nietz- 
sches  „der  Fall  Wagner"  um  von  der  Einfachheit  und  Weit- 
sichtigkeit  des  Gesagten  ganz  iiberrascht  zu  sein.  Die  zweite 
Wagnerschrift  (Nietzsche  contra  Wagner)  kenne  ich  noch 
nicht,  aber  diese  erste  hat  mich  begeistert,  was  ich,  aufs  Ganze 
blickend,  nicht  von  alien  Schriften  Nietzsches  die  ich  kenne 
sagen  kann.  Das  neue  Buch  des  Berliner  Sinologen  De  Groot 
„Universismus"  *  habe  ich  gelesen.  So  wie  schon  derTitel,mit 
dem  Unterfangen  einer  vieltausendjahrigen  Religion  einen 
selbst  erfundenen  Titel  zu  geben,  zeugt  auch  der  Text  von 
volliger  Blicklosigkeit,  Riickstandigkeit,  Unbekanntschaft  mit 
den  neuen  Fragestellungen  der  mythologischerrWissenschaft. 
Da  dieser  Mann  ein  volliger  Kenner  ist  (soweit  nach  dem 
Buch  und  dem  wissenschaftlichen  Ruf  zu  urteilen  ist)  so  kann 
man  sagen,  daB  das  alte  China  diesen  Mann  sich  vollig  ver- 
sklavt  hat  und  ihn  geistig  unerbittlich  gefesselt  halt.  Natiir- 
lich  erfahrt  man  bei  der  Lekture  sehr  viel  Wissenswertes.  - 
Kennen  Sie  Dostojewskis  „Doppelgangeru?  Diesen  habe  ich 
jetzt  zum  zweiten  Mai  gelesen  und  es  wurde  sich  verlohnen 
einmal  ausfuhrlicher  liber  das  Buch  zu  reden.  Jetzt  lese  ich 
—  ganz  Auge  und  Ohr  -  zum  ersten  Male  den  zweiten  Teil 
des  Faust. 

Im  April  des  vorigen  Jahres  schrieben  Sie  mir,  wie  Stifters 
„altes  Siegel"  Sie  stark  bewegt  habe  ohne  einen  ganz  kla-  • 
ren  Eindruck  zu  hinterlassen.  Ich  habe  es  nun  gelesen  und 
empore  mich  dagegen  wie  gegen  Weniges  bei  Stifter.  Die  Zei- 

205 


lcn  liber  ihn  die  ich  Ihnen  damals  sandte  habe  ich  mit  Hin- 
blick  auf  diese  Novelle  wieder  gelesen  und  finde  sie  an  wend  - 
bar:  fast  Wort  fiir  Wort.  Heute  will  ich  aber  noch  etwas 
hinzusetzen.  Vor  einiger  Zeit  flihrte  mich  eine  Kritik  von 
„Frau  Warrens  Gewerbe"  von  Shaw  dazu,  aus[zu]sprechen, 
daB  es  ein  Irrtum  sei,  eine  in  sich  bestehende  nur  der  Bewah- 
rung  bediirftige  Reinheit  irgendwo  vorauszusetzen.  Dieser 
Satz  scheint  mir  wichtig  genug  ihn  durch  das  Folgende  zu 
erganzen  und  auf  Stifter  anzuwenden.  Die  Reinheit  eines 
Wesens  ist  niemals  unbedingt  oder  absolut,  sie  ist  stets  einer 
Bedingung  unterworfen.  Diese  Bedingung  ist  verschieden  je 
nach  dem  Wesen  um  dessen  Reinheit  es  sich  handelt;  niemals 
aber  liegt  diese  Bedingung  in  dem  Wesen  selbst.  Mit  anderen 
Worten:  die  Reinheit  jedes  (endlichen)  Wesens  ist  nicht  von 
ihm  selbst  abhangig.  Die  beiden  Wesen,  denen  wir  vor  allem 
Reinheit  zusprechen  sind  die  Natur  und  die  Kinder.  Fiir  die 
Natur  ist  die  auBerhalb  ihrer  selbst  liegende  Bedingung  ihrer 
Reinheit  die  menschliche  Sprache.  Da  Stifter  diese  Bedingt- 
heit  ivelche  die  Reinheit  erst  zur  Reinheit  macht  nicht  fiihlt 
ist  die  Schonheit  seiner  Naturschilderung  zuf  allig  oder  anders 
gesagt:  harmonisch  unmoglich.  Denn  in  der  Tat  ist  sie  auBer- 
halb ihrer  Verbindung  mit  den  schief  aufgefaBten  mensch- 
lichen  Schicksalen,  welche  die  Stifterschen  Werke  triiben 
literarisch  kaum  moglich.  Was  nun  das  „alte  Siegel"  angeht, 
wo  die  Schicksale  im  Vordergrund  stehen  und  wo  es  sich  nicht 
einmal  um  die  Reinheit  von  Kindern  sondern  von  erwach- 
senen  Menschen  handelt,  so  ist  von  vornherein  anzunehmen, 
daB  Stifters  falsche  Idee  von  ihr  angesichts  dieses  Gegenstan- 
des  garnicht  verborgen  bleiben  kann.  Die  Fabel  hat  einige 
Ahnlichkeit  mit  dem  klassischen  epischen  Stoff  von  der  Rein- 
heit, dem  Parsifal.  Beide  sind  ganz  unschuldig  aufgewachsen 
und  beide  bewahren  ein  ehrfurchtsvolles  Schweigen  wo  die 
Frage  erlosen  wiirde.  Aber  bei  Stifter  wird  nicht  einmal  die- 
ser Grundzug  ganz  deutlich  und  bei  ihm  wird  der  Held  nie- 
mals von  seiner  Kinderreinheit  erlost:  denn  diese  Reinheit  ist 
absolut  gedacht  (wenn  man  bitter  sein  wollte,  konnte  man 
sagen:  sie  gehore  zum  Charakter  dieses  Menschen).  Der  Mann 
wird  mit  ihr  alt  und  niemals  weise.  Ich  miiBte  die  Geschichte 


206 


vom  Toren  Parsifal  gut  kennen  um  den  Vergleich,  der  glaube 
ich  fiir  die  Kritik  dieser  Geschichte  das  beste  heuristische 
Prinzip  ist,  durchzufiihren.  Jedenfalls  ist  klar,  daB  in  jeder 
Beziehung  schon  die  Fabel  (von  der  Minderwertigkeit  der 
Form  zu  schweigen)  von  der  f  alschen  Grundidee  wie  von  einer 
Krankheit  entstellt  blickt.  Denn  in  dieser  Geschichte  tun  die 
Menschen  immer  zugleich  das  Absurde  und  das  Widerwar- 
tige,  das  Unwahrscheinliche  und  das  Unleidliche.  (Der  Diener 
in  der  Vermittlung,  der  junge  Mann  am  Ende,  die  Frau  im 
Lindenhaus)  —  Vielleicht  schreiben  Sie  mir  einmal  ob  Sie  in 
der  Beurteilung  und  in  deren  Grund  mit  mir  iibereinstimmen. 

Anfang  Januar  habe  ich  ein  groBeres  mich  kaum  inter  - 
essierendes  Referat  iiber  Romantische  Ironie  machen  miissen. 
Jetzt  bin  ich  wieder  an  meiner  Dissertation.  Inzwischen  habe 
ich  ein  gutes  Regal  mit  einer  Riickwand  bekommen  und  jetzt 
sind  zu  meiner  Freude  die  Bucher  die  ich  hier  habe  gut  auf- 
gestellt.  Konnten  Sie  kommen  und  sie  ansehen  lesen  und  mit 
mir  dariiber  sprechen! 

Hoffentlich  finden  Sie  auch  noch  in  Berlin  die  Moglichkeit 
ruhig  zu  leben. 

Die  herzlichsten  GriiBe  Ihr  Walter  Benjamin 

1  J.  J.  Maria  de  Groot.  Berlin  1918. 


74  An  Gerhard  Scholem 

15.3.1919 
Lieber  Gerhard, 

Herr  [Wolf]  Heinle  sucht  einen  Mittagstisch;  bitte  seien  Sie 
so  f  reundlich,  mir  zu  schreiben,  wo  und  zu  welchem  Preise  Sie 
den  Ihrigen  gehabt  haben. 

In  Frankfurt  war  Herr  Heinle  in  Behandlung  bei  Prof. 
Goldstein  *,  welcher  angab,  Sie  zu  kennen  und  sogar  (vermut- 
lich  durch  Sie)  auch  mich  dem  Namen  nach.  Ich  wollte  Sie 
schon  die  letzten  Male  immer  fragen,  wie  Sie  Prof.  Goldstein 
kennen.  Es  soil  ein  guter  Mensch  sein. 

207 


Bitte  antworten  Sie  mir  auf  beides.  Wann  bringen  Sie  den 
Molitor?  Warum  Sind  Sie  heute  nicht  gekommen? 

Herzliche  GriiBe  Ihr  Walter 

1  Kurt  Goldstein  (1878-1965)  war  mit  Scholem  in  Heidelberg  1916 
zusammengetroffen. 


7  J  An  Ernst  Schoen 

7.  April  1919 
Lieber  Herr  Schoen, 

Vor  einigen  Tagen  habe  ich  die  Rohschrift  meiner  Dis- 
sertation abgeschlossen.  Was  sie  sein  sollte  ist  sie  geworden: 
ein  Hinweis  auf  die  durchaus  in  der  Literatur  unbekannte 
wahre  Natur  der  Romantik  —  audi  nur  mittelbar  das  weil  ich 
an  das  Zentrum  der  Romantik,  den  Messianismus  -  ich  habe 
nur  die  Kunstanschauung  behandelt  -  ebenso  wenig  wie  an 
irgend  etwas  anderes,  das  mir  hochst  gegenwartig  ist  heran- 
gehen  durfte,  ohne  mir  die  Moglichkeit  der  verlangten 
komplizierten  und  konventionellen  wissenschaftlichen  Hal- 
tung,  die  ich  von  der  echten  unterscheide,  abzuschneiden. 
Nur:  daB  man  diesen  Sachverhalt  von  innen  heraus  ihr  ent- 
nehmen  konne  mochte  ich  in  dieser  Arbeit  erreicht  haben. 

Ich  will  nach  dem  Examen  Sprachen  lernen,  wie  Sie  wis- 
sen  -  den  europaischen  Kreis  im  Riicken  haben.  Es  wiirde  mir 
schwer  von  Europa  nicht  in  Italien  Abschied  zu  nehmen.  Von 
der  Zukunft  erwarte  ich,  wie  es  mir  innerlich  und  auBerlich 
ermoglicht  werde,  Europa  zu  verlassen. l  Beides  hangt  durch- 
aus zusammen  und  liegt  manchmal  schwer  auf  mir :  denn  als 
Gewaltakt  kann  ich  es  nicht  vollziehen;  als  Notwendigkeit 
aber  sehe  ich  es  vor  mir. 

Meine  Frau,  ich  und  das  Kind  griiBen  Sie  aufs  herzlichste 

Ihr  Walter  Benjamin 

l  Scholem  war  entschlossen,  nach  Palastina  zu  gehen;  W.  B,  und  seine 
Frau  erwogen  den  Gedanken  oft,  vgl.  den  Brief  vom  20.  November 
1919  an  Hune  Caro,  Nr.  83. 


208 


76  An  Gerhard  Scholem 

9.4.1919 

Lieber  Gerhard, 

Stefan  gedenkt  Ihre  Gratulation1  um  6  Uhr  abends  —  jedoch 
nicht  spater  —  entgegenzunehmen  und  laBt  Sie  durch  mich 
freundlichst  zur  Abendtafel  um  8  Uhr  bitten.  Er  selbst  wird 
an  derselben  teilnehmen,  falls  nicht  dringende  Schlafereien 
ihn  fernhalten. 

Herzliche  GriiBe  von  meiner  Frau  und  mir 

Ihr  Walter 

1  Zum  einjahrigen  Geburtstag  von  W.  B.s  Sohn. 


77  An  Ernst  Schoen 

[Bern,  Mai  1919] 

Lieber  Herr  Schoen, 

Ihr  kurzer  Brief  hat  mir  ein  nahes  Gefiihl  Ihres  Lebens  ge- 
geben.  Es  ist  traurig  daB  wir  nicht  fahiger  sind,  Widerwar- 
tigkeiten  und  Leiden  uns  aneinander  zu  vergegenwartigen 
und  mitzuteilen  als  voiles  Gliick.  Das  ist  auch  seltner :  aber  es 
kommt  darauf  an,  im  Gliick  der  ganze  Mensch  zu  sein  und  ihn 
im  Gliick  zu  sehen.  Ich  habe  also  gesehen  daB  Sie  nicht  gliick- 
lich  sind,  doch  fiihle  ich  mich  Ihr  em  Kampf  verwandt  und 
nah.  Ich  liebe  dieses  Freiheitsbedurfnis  von  dem  Sie  schrei- 
ben,  iiberall  wo  ich  das  schone  Schauspiel  sehe,  daB  es  nicht 
zu  selbstzerstorender  Handlung  unter  dem  Schein  der  Befrie- 
digung  die  Menschen  hinreiBt.  Eine  solche  Selbstzerstbrung 
habe  ich  zwei  Monate  lang  —  mir  von  der  erschiitterndsten 
endlich  aber  erkaltendsten  Art  —  mit  ansehen  miissen.  Ich 
schreibe  es  Ihnen:  bei  Wolf  Heinle,  weil  ich  nicht  mehr  daran 
denken  kann,  Ihnen  den  Wunsch  zu  erfiillen,  den  Sie  vor  eini- 
ger  Zeit  aussprachen,  Sie  mit  ihm  bekannt  zu  machen.  Die 

209 


Entscheidung  die  die  Zeit  seines  Besuches  bei  uns  fur  unser 
Verhaltnis  brachte,  ist  verneinend  ausgef alien.  Wie  dies  noch 
sonst  zugegangen  ist,  kann  ich  Ihnen  wohl  einmal  erzahlen. 

Alfred  [Cohn]  hat  mir  geschrieben.  Ich  habe  mich  iiber 
seinen  Brief  gefreut,  weil  dieser  ganz  unheimliche  und  ge- 
waltsame  Plan,  Volksschullehrer  zu  werden,  darin  wenigstens 
suspendiert  schien.  Es  war  ein  EntschluB,  den  ich  als  ersten 
in  Alfreds  neuem  Leben  nicht  begriiBt  hatte.  Nun  schreibt  er 
ganz  einfach,  dafi  er  wartet,  daB  er  auf  der  Universitat  hort, 
auch  bei  Husserl. 

Von  meiner  Arbeit  werde  ich  Ihnen  sobald  schwerlich  etwas 
mitteilen  konnen,  weil  sie  ja  wegen  des  Examens  suspendiert 
ist.  Ich  habe  jetzt  einfach  aufs  schulmaBigste  zu  lernen,  weil 
das  Examen,  je  weniger  Beziehungen  ich  zu  denhiesigenPni- 
f ern  habe,  desto  hohere  Anforderungen  an  mich  stellt.  Konnte 
ich  iiber  die  Dissertation  mit  Ihnen  sprechen  -  ich  wiirde 
mich  freuen.  Sie  auf  so  groBe  Entfernung  in  Ihre  Hande  zu 
legen,  dazu  enthalt  sie  mich  nicht  ungeteilt  genug.  Ich  habe 
zu  ihr  ein  esoterisches  Nachwort  fur  die  geschrieben,  denen 
ich  sie  als  meine  Arbeit  mitzuteilen  hatte.1  Mit  diesem  Nach- 
wort will  ich  sie  Ihnen  einmal  geben  wenn  wir  wieder  raum- 
lich  einander  niiher  sind.  Auch  hatte  ich  jetzt  kaum  ein  ent- 
behrliches  Exemplar  —  sende  allerdings  eines  an  meine  Eltern. 
Jedenfalls  entschlieBe  ich  mich  noch  nicht  dazu  und  mochte 
noch  warten.  Hier  habe  ich  sie  eben  zum  Teil  meinem  Pro- 
fessor iibergeben,  der  davon  vielleicht  kaum  geniigend  merkt, 
um  mir  Unannehmlichkeiten  zu  ersparen.  Die  Komposition 
der  Arbeit  hat  hohe  Anspriiche  ebenso  z.  T.  die  Prosa.  Sonst 
nichts.  Wenn  ich  wieder  iiber  meiner  eignen  Arbeit  bin  sollen 
Sie  es  an  meinen  Brief  en  merken. 

Jetzt  fiirchte  ich,  merkten  Sie  leichter  etwas  anderes:  Mein 
Sohn  ist  sehr  krank.  [.  .  .]  Das  Kind  ist  in  der  Krankheit  von 
der  zartesten  Liebenswiirdigkeit.  Ich  bitte  Sie  unter  diesen 
Umstanden  zu  entschuldigen  daB  Sie  nur  das  Vorstehende  und 
dies  so  abgerissen  von  mir  hdren.  Sie  wiirden  mich  durch 
einen  Brief  erfreuen. 

Meine  Frau  griiBt  herzlichst 

Ihr  Walter  Benjamin 

210 


1  Gemeint  ist  das  SchluBkapitel  der  gedruckten  Fassung:  „Die  friih- 
romantische  Kunsttheorie  und  Goethe",  in  das  W.  B.  vieles  von  dem, 
was  ihn  damals  im  Denken  bewegte,  hineingebracht  hat. 


78  An  Gerhard  Scholem 

15.  6.  1919 

Lieber  Gerhard, 

es  ist  uns  am  Donnerstag  abend  recht.  Bitte  kommen  Sie  urn 

sieben  Uhr. 

Aus  Miinchen  erfuhr  ich  heute  zu  meiner  groBten  Ent- 
riistung,  daB  Noeggerath  wegen  Hochverrats  im  Gefangnis 
sitzt.1  Ich  bitte  Sie,  wenn  es  Ihnen  mdglich  ist,  durch  Ihre 
Bekannten  in  Munch  en,  wenn  Sie  dort  gegenwartig  solche 
haben,  etwas  Naheres  wenn  moglich  zu  erkunden.  Herr 
Heinle,  von  dem  ich  es  erfuhr,  bleibt  nicht  dort.  -  Auch  sonst 
bestatigt  alles  die  finstersten  Zustande.  Sehen  Sie  sich  z.  B.  mal 
die  „Republik"  an,  welche  nicht  zu  iibertreiben  scheint. 

Mit  vielen  GriiBen  Ihr  Walter 

1  Er  war  kurze  Zeit  Mitglied  der  Regierung  Lipp. 


79  An  Gerhard  Scholem 

Iseltwald,  19.Juli  1919 

Lieber  Gerhard, 

ich  danke  Ihnen  herzlich  fiir  Ihre  Gliickwunsche  zum  Ge- 
burtstag.  Es  war  ein  sehr  schoner  Tag  —  Stefans  wegen  sind 
wir  nicht  mehr  so  sehr  besorgt.  Die  erhohte  Temperatur 
dauert  noch  an,  es  kommt  aber  darin  kaum  eigentliche  Krank- 
heit  zum  Ausdruck.  Wir  haben  also  den  fiinfzehnten  nach 
Herzenslust  gefeiert  und  ich  konnte  mich  iiber  sehr  viele 
schone  Geschenke  freuen.  DaB  Sie  mir  mit  dem  Ave-Lalle- 
mant1  eine  besondere  Freude  gemacht  haben,  brauche  ich 

211 


Ihnen  kaum  noch  besonders  zu  sagen.  Ich  werde  gewifl  sehr 
viel  von  dem  Buch  haben.  Friiher  sagten  Sie  mir  gelegentlich, 
in  der  Neubearbeitung  bzw.  Ausgabe  fehle  der  sprachliche 
Teil.  Ich  ersehe  aber  aus  der  Vorrede  zum  Ganzen,  daB  er 
-  nur  mit  starken  Veranderungen  -  doch  noch  herausgegeben 
werden  soil. 

Noch  sonst  habe  ich  an  Biichern  viele  Freude  gehabt  -  be- 
sonders viel  Franzosisches  hat  mir  Dora  geschenkt.  Sie  werden 
ja  alles  sehen,  wenn  Sie  kommen.  Bitte:  am  Dienstag.  Ver- 
bindung:  Bahn  bis  Boningen  (mit  Umsteigen  in  Interlaken- 
Ost)  von  Boningen:  Schiff.  Ankunft  hier  halb  10  Uhr.  Zeit 
bis  abends  5  Uhr,  wo  Sie  hier  mit  dem  Dampf  er  abf  ahren  und 
am  gleichen  Abend  noch  in  Bern  ankommen  (1013).  Wenn 
Sie  von  hier  um  8  abends  abf  ahren,  kommen  Sie  zwar  nicht 
mehr  nach  Bern,  aber  noch  nach  Thun.  (Der  8  Uhr- Dampf  er 
geht  nur  Dienstag  und  Sonnabend.)  Ubernachten  konnen  Sie 
bei  uns  diesmal  leider  nicht.  Also  kommen  Sie  bitte!  -Warum 
kann  ich  den  Lessing  nicht  haben?  Den  Agnon2  werden  Sie 
hoff  entlich  inzwischen  von  Bloch  3  erhalten  haben. 

Dora  und  ich  griiBen  Sie  herzlich  Ihr  Walter 

Natiirlich  werden  Sie  Ihrer  Mutter  vom  Examen4  nicht 
sprechen! 

1  Die  Neuausgabe  seines  Werlces  „Das  deutsche  Gaunertum".  1914. 

2  S.J.  Agnon:  „Und  das  Knimme  wird  grade",  Berlin  1918;  aus  dem 
Hebraischen  ubersetzt  von  Max  Straufl. 

3  Ernst  Bloch,  den  Scholem  in  Interlalcen  besucht  hatte. 

4  Von  W.  B.s  unmittelbar  bevorstehendem  Doktorexamen. 


80  An  Ernst  Schoen 

[Iseltwald,  24.Julil919] 

Lieber  Herr  Schoen, 

Ihr  letzter  Brief  hat  mir  eine  groBe  Freude  gemacht.  Hof- 
f entlich  ist  Ihnen  die  Stimmung  guter  Zuversicht  und  muti- 
ger  Plane   erhalten  geblieben  und  hat  Sie   gegen  Wetter 

212 


Ernahrung  und  andere  tagliche  Widemisse  gefeit.  Uns  be- 
stiirmeii  diese  hier  stark,  vereint  mit  einem  andauernden 
schwiilen  regenschweren  Westwind.  Das  Kind  wird,  ohne 
daB  sich  sein  Zustand  verschlimmert,  nicht  gesund.  Meine 
Frau  leidet  unter  schwersten  monatelang  gehauften  Anstren- 
gungen,  auf  die  sie  die  erhoffte  Erholung  jetzt  nun  nicht  fin- 
det,  schwer;  Blutarmut  und  schlimme  Gewichtsabnahme.  Ich 
selbst  bin  im  Verlauf  der  letzten  sechs  Monatelarmkrank  ge- 
worden  und  bediirfte  zur  Arbeit  eines  Kabinetts  mit  leder- 
bezognen  Wanden  und  schweren  Doppeltiiren  (eine  rabiate 
Wunschphantasie!).  Daher  habe  ich  an  wichtige  Arbeiten,  die 
ihrer  Notwendigkeit  und  zum  Teil  auch  ihrem  Inhalt  nach 
klar  vor  mir  stehen,  noch  nicht  gehen  konnen.  In  den  letzten 
Tagen  habe  ich  mich  wieder  den  Baudelaire-Obersetzungen 
zugewandt.  Gern  wiirde  ich  einige  von  ihnen  einmal  zur 
Probe  in  gut  em  Druck  in  einer  Zeitschrift  vor  mir  sehen,  ein 
Wunsch  den  ich  mir  gelegentlich  vielleicht  erfullen  kann. 
Ubrigens  aber  sind  die  wichtigen  Arbeiten  die  meine  Zeit  nun 
schon  des  langern  vergebens  fordern  Kritiken. 

Wir  beabsichtigen  Stefan  so  bald  als  moglich  zu  meinen 
Schwiegereltern  zu  schicken  um  dann  noch  eine  Zeit  hier  uns 
in  reiner  Stimmung  zu  erholen.  Seit  ich  hier  bin,  lese  ich  nur 
Franzosisches.  Mich  hat  ein  groBes  Verlangen  gefaBt  in  die 
gegenwartige  franzosische  Geistesbewegung,  ohne  doch  je  das 
BewuBtsein  des  Zuschauers  zu  verlieren,  einzutauchen.  Ich 
lese  wahllos,  nur  um  Fiihlung  zu  bekommen;  desto  dankbarer 
ware  ich  Ihnen  fur  Fingerzeige.  Zuerst  las  ich  die  anerken- 
nenswerte  Baudelaire-Biographie  von  Crepet;  Muster  einer 
rein  biographischen  Darstellung.  Sie  offnet  den  Blick  dafiir, 
wie  vollig  transzendent  (noch  in  anderer  Weise  als  es  sonst 
zutrifTt)  dieses  Werk  das  Leben  des  Mannes  iiberragt.  Dann 
einen  maBlosen  Schund  von  Paul  et  Victor  Margueritte. 
Ferner  Farrere:  Fumee  d'opium.  Sie  sehen,  wahllos  wie  es 
mir  nach  auBern  Umstanden  in  die  Hand  fallt.  Aber  das  ist 
eine  Zeit  lang  notig  um  dann  Einsichten  und  Hinweise  (um 
die  Sie  nochmals  gebeten  sind)  desto  verstandiger  aufzuneh- 
men.  Ich  halte  die  „Nouvelle  Bevue  Francaise".  Hier  hat  fur 
mich  Vieles,  dessen  Analogon  im  Deutschen  mir  vielleicht  bis 

213 


zur  Fadheit  durchschaubar  ware,  noch  eine  Dichtigkeit,  ein 
gefarbtes  Dunkel,  in  dessen  Klarung  ich  weiter  komme.  Ich 
glaube,  Zeitschriften  haben  iiberhaupt  fast  nur  fiir  den  Aus- 
lander  Wert  —  nach  welcher  Praxis  iibrigens  Goethe  ver- 
fahren  ist.  AuBerdem  aber  hoffe  ich  auch  unmittelbar  sub- 
stanziell  Wertvolles  zu  finden.  So  veroff  entlicht  jetzt  die  Revue 
teilweise  Peguy's  hinterlassenen  Essay  iiber  Descartes.  End- 
lich  lese  ich  mit  grb'Btem  Inter  esse  aus  klarem  Unbeteiligt- 
sein,  was  Manner  wie  Gide  iiber  Deutschland  sagen.  Ich 
glaube  eine  erfreuliche  Loyalitat  bei  diesem  Kreise  zu  finden, 
sehe  aber  darin  noch  nicht  klar.  Hier  ist  fiir  mich  noch  Con- 
takt  mit  irgend  einer  Fiber  „Gegenwart"  den  ich  Deutschem 
gegeniiber  kaum  mehr  erlange.  -  Kennen  Sie  vielleicht  die 
neuen  Sachen  von  Jammes  zufallig? 

Angesichts  Ihres  neuen  Verhaltnisses  habe  ich  sogleich 
eine  kleine  Proposition,  von  der  es  mich  freuen  sollte,  wenn 
fiir  die  Beteiligten,  vor  allem  fiir  Sie,  etwas  Gutes  heraus- 
kame.  Der  Name  von  Frau  Emmy  Hennings,  mit  der  wir  in 
Bern  einigen  Umgang  hatten1,  wird  Ihnen  bekannt  sein. 
Deren  dreizehnjahrige  Tochter  Annemarie  malt  seit  zwei 
oder  drei  Jahren.  Ich  halte  ihre  Bilder  fast  alle  fiir  doku- 
mentarisch  hochst  interessant.  Ihr  Inter  esse  ist  noch  im  min- 
desten  Falle  das,  was  wir  an  der  exakten  Nacherzahlung  von 
Traumen  oder  der  genauesten  Darstellung  irgend  einer 
augenblicklichen  innern  Disposition  eines  Mens ch en  nehmen. 
Das  macht  zwar  nichts  weniger  als  ein  en  Kunstwert  aus,  be- 
riihrt  sich  aber  dafiir  recht  genau  mit  der  bessern  Masse  des 
Expressionismus,  der  auch  nichts  anderes,  wie  ich  meine,  ist 
(—  und  von  der  ich  allerdings  jedenfalls  drei  grofie  Maler,  als 
Kiinstler,  ausnehme:  Chagall,  Klee,  Kandinski  -).  Damit  will 
ich  sagen  dafi  diese  Bilder,  deren  Gegenstand  meist  das  Zu- 
sammensein  von  Menschen,  sei  es  mit  Damonen,  sei  es  mit 
Engeln  ist,  auf  ein  hochst  lebendiges  Interesse  gegenwartig 
mit  Sicherheit  rechnen  konnen,  wenn  ich  eine  einigermaBen 
zutreff  ende  Vorstellung  von  der  Richtung  und  Sensationslust 
des  Berliner  Publikums  habe.  Dazu  kommt  ferner  erstens  der 
Name  der  Mutter  der  unter  den  Literaten  vollig  bekannt  ist, 
zweitens  die  Tatsache,  daB  Bilder  des  Kindes  mit  anderen 


214 


Kinderbildern  zusammen  in  Zurich  ausgestellt  worden  sind 
wo  unter  denen  der  Annemarie  Hennings  auch  einige  ver- 
kauft  wurden.  Unter  giinstigen  Umstanden  konnten  sie  auch 
in  Berlin  mit  andern  Kinderbildern  zusammen  ausgestellt 
werden.  Dies  die  exoterische,  geschaftliche  Seite  der  Sache. 

Das  Ernstere  (wenn  auch  fur  die  vorliegende  Absicht  viel- 
leicht  weniger  Wichtige)  daran  ist,  daB  einige  dieser  Bilder 
in  der  Tat  durchaus  und  nach  strengem  MaBstab  wertvoll 
mir  zu  sein  scheinen.  In  diesen  kiindigt  sich  denn  auch  nicht 
nur  wie  in  den  ubrigen  auch,  ein  neuer  Inhalt,  dokumentarisch, 
sondern  eine  hochst  eigentiimliche  Sicherheit  und  Genauig- 
keit  an,  ja  es  kommt  bis  zu  einer  neuen  und  gerechtfertigten 
Technik  fur  gewisse  malerische  Gegenstande  (Gespenster). 
Schriftlich  kann  ich  mehr  nicht  sagen.  Ich  prakonisiere  da- 
mit  kein  kommendes  Talent  —  im  Gegenteil  ist  es  mir  proble- 
matisch,  ob  diese  Tatigkeit  die  Pubertat  iiberdauert  (sie  laBt 
schon  jetzt  manchmal  nach).  Aber  was  da  ist,  ist  —  vor  allem 
auch  im  Vergleich  mit  alien  andern  von  den  zahlreichen  Kin- 
derzeichnungen,  die  ich  kenne-interessantgenug.  Wirhaben 
vierzehn  Bilder  von  ihr  gekauft,  wobei  wir  auf  einige  sehr 
schbne,  welche  die  Mutter  nicht  gab,  verzichten  muBten. 

Vielleicht  veranstaltet  Herr  Moller  eine  Ausstellung  „Ex- 
pressionistische  Kinderbilder"  ?  Wurde  das  nicht  sehr  ziehen? 
—  Oder  aber  er  interessiert  sich  allein  fur  die  fraglichen 
Bilder  [...] 

[. . .]  So  sehr  ich  mir  Ihre  Herkunf t  wunsche,  so  furchte  ich, 
daB  sie  durch  das  Anerbieten  des  Herrn  [Simon]  Guttmann, 
wenn  Sie  auf  dieses  noch  in  anderer  Hinsicht  als  etwa  bei 
Erledigung  von  Postschwierigkeiten,  die  so  wie  so  nicht  un- 
iibersteiglich  sind,  rechnen,  nicht  erleichtert  wird.  -  Sollte 
Ihre  Reise  dennoch  moglich  werden,  so  werden  Sie  schon 
Mittel  und  Wege  finden,  sich  fiir  einen  langern  Besuch  bei 
uns  Zeit  zu  nehmen  [...]. 

Zum  Geburtstag  hat  meine  Frau  mich  neb  en  andern  mit 
einigen  sehr  schonen  Buchern  erfreut.  Es  sind  hauptsachlich 
f  ranzosische :  France,  Philippe,  Verlaine's  Oeuvres  completes, 
Balzac,  von  dem  ich  nun  schon  die  ganze  Vie  parisienne  zu 
meiner  Freude  besitze,  Suarez  [sic] :  ein  vollstandiges  Exem- 

215 


plar  der  Zeitschrift  Remarques  die  er  in  12  Heften  als  Heraus- 
geber  und  alleinigerMitarbeiterwahrend  desKrieges  drucken 
liefi.  Ein  Kelim,  den  ich  bekam,  macht  das  Zimmer  sehr 
schon.  Dazu  ein  persisches  Kissen. 

Fiir  mich  selbst  war  der  AbschluB  des  Studiums  im  Dok- 
tor-Examen  kein  Problem.  Die  Riicksicht  auf  meine  Familie 
forderte  ihn.  Bei  Ihnen  liegt  es  wohl  nicht  so.  Aber  kann 
man  ohne  Student  zu  sein,  in  Deutschland  die  Bibliotheken 
auch  nur  in  den  -  Studierenden  gesteckten  —  engen  Grenzen 
benutzen?  Ich  weiB  es  nicht.  Und  schon  urn  dieses  Vorteils 
willen  ware,  wenn  er  sonst  nicht  zu  erlangen,  das  Abiturium 
in  Betracht  zu  ziehen.  Ob  bloBe  gesellschaftliche  und  Brot- 
erwerbsgriinde  auBerdem  fiir  Sie  diesen  Titel  notwendig 
machen  vermag  ich  nicht  zu  beurteilen.  1st  nicht  die  heutige 
Gesellschaft  —  und  also  auch  ihr  Codex  —  sehr  unstabil? 
Denken  Sie  iibrigens  irgendwie  an  eine  Dozentur? 

„Erlebnis  und  Dichtung"  habe  ich  niemals  ganz  gelesen. 
Genau  nur  den  Holderlin-Aufsatz,  als  ich  noch  auf  der  Schule 
war  und  bei  Tonndorf  jenen  Vortrag  iiber  Holderlin  hielt, 
von  dem  ich  nicht  weiB,  ob  Sie  ihn  auch  gehort  haben.  Da  bin 
ich  gar  nicht  geneigt,  am  fruchtlosen  Lesen  Ihnen  die  Schuld 
zu  geben.  Ich  muBte  furs  Examen  sehr  genau  Diltheys  Arbeit 
„Ideen  zu  einer  beschreibenden  und  zergliedernden  Psycho - 
logie"  lesen  und  fand  sie  ganzlich  vergeblich.  Das  Wesent- 
lichste  von  ihm  werden  die  groBen  Abhandlungen  iiber 
„ Weltanschauung  und  Analyse  des  Menschen  im  15ten  und 
16ten  Jahrhundert"  sein,  in  die  ich  jedoch  bisher  nur  fliichtig 
blicken  konnte.  Doch  diirfte  es  sein,  daB  es  eines  so  eminenten 
Wissens  bedarf,  um  ihn  mit  der  notigen  Kontrolle  und  ttber- 
sicht  zu  lesen,  daB  aus  diesem  Wissen  heraus  mancher  Wich- 
tigeres  zu  sagen  fande.  —  Dies  ist  eine  Vermutung  auf  Grund 
meiner  minimalen  Kenntnis. 

Mit  den  herzlichsten  Wiinschen,  auch  herzlichen  Dank  fiir 
Ihren  Gluckwunsch 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Emmy  Hennings  und  Hugo  Ball  wohnten  im  Nachbarhaus. 

216 


81  An  Gerhard  Scholem 

Klosters,  15.  IX.  1919 

Lieber  Gerhard, 

durch  eine  gewisse  Beengtheit  die  dem  noch  immer  nicht 
weichen  wollenden  MiBgeschick  und  sehr  ungewissen  Zu- 
kunftsaussichten  zuzuschreiben  ist,  bin  ich  nicht  in  der  Lage, 
mit  diesem  Blatt  unsern  Briefwechsel  eigentlich  zu  eroffnen  \ 
sondern  mochte  eben  mit  ihm  Ihnen  das  vorschlagen.  Ich 
selbst  habe  an  Sie  nur  eine  Anfrage  ob  Sie  mir  etwa  iiber 
ein  zahlentheoretisches  Problem,  das  im  Zenith  einer  kum- 
mervollen  Nacht  mir  aufstieg,  einiges  Aufklarende  zu  sagen 
vermochten. 

Ich  lese  seit  einer  Woche  intensiv  das  Buch  von  [Ernst] 
Bloch2  und  werde  vielleicht,  was  daran  zu  loben  ist,  ihm 
(dem  Manne,  nicht  dem  Buche)  zulieb  bffentlich  hervorheben. 
Leider  ist  durchaus  nicht  alles  zu  billigen,  ja  es  kommt 
manchmal  Ungeduld  iiber  mich.  Er  selbst  hat  das  Buch  sicher 
schon  iiberholt.  Ich  las  wieder  einiges  von  Peguy.  Hier  fiihle 
ich  mich  unglaublich  verwandt  angesprochen.  Vielleicht  darf 
ich  sagen:  nichts  geschriebenes  hat  mich  jemals  so  aus  der 
Nahe  aus  dem  Miteinander  beriihrt.  GewiB  hat  mich  vieles 
mehr  erschiittert;  nicht  aus  Erhabenheit  sondern  aus  Ver- 
wandtschaft  riihrt  mich  dies  an.  Ungeheure  Melancholie 
gemeistert. 

Aus  dem  Sohar  zitiert  Bloch3:  „Wisse,  daB  es  einen  dop- 
pelten  Blick  fur  alle  Welten  gibt.  Der  eine  zeigt  ihr  AuBeres, 
namlich  die  allgemeinen  Gesetze  der  Welten  nach  ihrer  auBe- 
ren  Form.  Der  andere  zeigt  das  innere  Wesen  der  Welten, 
namlich  den  Inbegriff  der  Menschenseelen.  Demzufolge  gibt 
es  auch  zwei  Grade  des  Tuns,  die  Werke  und  die  Ordnungen 
des  Gebets;  die  Werke  sind  um  die  Welten  zu  vervollkomm- 
nen  in  Hinsicht  ihres  AuBern,  die  Gebete  aber  um  die  eine 
Welt  in  der  andern  enthalten  zu  machen  und  sie  zu  erheben 
nach  oben."  Nichts  las  ich  jemals  iiber  das  Gebet,  das  ein- 
leuchtend  gewesen  ware4,  als  dies. 

217 


Wie  geht  es  Ihnen  dort?  Bitte  schreiben  Sie  mir. 

Unsere  herzlichsten  GriiBe  Ihr  Walter 

1  Scholem  war  Anfang  September  nach  Deutschland  zuriickgekehrt. 

2  „Geist  der  Utopie".  Bloch  und  W.  B.  batten  sicb  1918  in  Bern  ken- 
nengelernt. 

3  Am  Schlufi  des  Buches.  Der  Satz  (bei  Molitor  zuerst  mitgeteilt) 
stammt  nicht  aus  dem  Sohar,  sondern  einem  Werk  der  Kabbalisten 
von  Safed. 

4  Bei  der  sonst  so  sparlichen  Kommasetzung  dieser  fruhen  Briefe  be- 
weist  diese  Interpunktion,  dai3  nicht  etwa  „einleuchtender"  zu  emen- 
dieren  ist. 


82  An  Ernst  Schoen 

Klosters,  19.  September  1919 

Lieber  Herr  Schoen, 

es  ware  sehr  traurig,  wenn  mein  letzter  Brief  an  Sie  —  vom 
Juli  -  verloren  gegangen  ware.  Er  enthielt  Antworten  auf 
Ihre  mancherlei  Fragen:  den  Besuch  in  der  Schweiz,  die  An- 
gelegenheit  der  Kunsthandlung,  und  berichtete  Ihnen  auch 
einiges  von  mir.  Oder  was  ist  sonst  der  Grund  Ihres  Schwei- 
gens?  Ich  hoff e  nicht,  daB  irgend  eine  ungiinstige  Verande- 
rung  in  Ihren  Lebensumstanden  eingetreten  ist,  oder  daB  es 
Ihnen  „einfach"  schlecht  geht. 

Jed enf alls  soil  nichts  mich  abhalten,  Ihnen  wieder  einige 
Worte  von  mir  zu  sagen,  selbst  das  nicht,  daB  noch  immer 
nichts  Erfreuliches  zu  berichten  gelingen  will.  Es  ist  mit  der 
Zeit  fast  wie  eine  Schuld  an  die  Menschen,  denen  man  immer 
nur  schlechte  Nachrichten  von  den  eignen  Lebensumstanden 
gibt.  Innen  aber  sieht  es  heller  aus  und  deshalb  will  ich  davon 
beginnen.  Ich  habe  viel  fur  mich  nachgedacht  und  dabei  Ge- 
danken  gef aBt,  die  so  War  sind,  daB  ich  hoffe,  sie  bald  nieder- 
legen  zu  konnen.  Sie  betreffen  Politik.  In  vieler  Beziehung 
-  nicht  allein  in  dieser  -  kommt  mir  dabei  das  Buch  eines 
Bekannten  zu  statten,  welcher  der  einzige  Mensch  von  Bedeu- 
tung  ist,  den  ich  in  der  Schweiz  bisher  kennen  lernte.  Mehr 

218 


als  sein  Buch  noch  sein  Umgang,  da  seine  Gesprache  so  oft 
gegen  meine  Ablehnung  jeder  heutigen  politischen  Tendenz 
sich  richteten,  dafl  sie  mich  endlich  zur  Vertiefung  in  diese 
Sache  notigten,  die  sich  wie  ich  hoffe  gelohnt  hat.  Von  mei- 
nen  Gedanken  kann  ich  noch  nichts  verlauten  lassen.  Das 
Buch  heiBt  „Geist  der  Utopie"  von  Ernst  Bloch.  Ungeheure 
Mangel  liegen  zu  Tage.  Dennoch  verdanke  ich  dem  Buch 
Wesentliches  und  zehnfach  besser  als  sein  Buch  ist  der  Ver- 
fasser.  Es  mag  Ihnen  geniigen,  zu  horen,  daB  dies  doch  das 
einzige  Buch  ist,  an  dem  ich  mich  als  an  einer  wahrhaft 
gleichzeitigen  und  zeitgenossischen  AuBerung  messen  kann. 
Denn:  der  Verfasser  stent  allein  und  stent  philosophisch  fur 
diese  Sache  ein,  wahrend  fast  alles,  was  wir,  von  Gleich- 
zeitigen, heute,  philosophisch  Gedachtes,  lesen  sich  anlehnt, 
sich  vermischt  und  nirgends  an  dem  Punkte  seiner  Verant- 
wortung  zu  f  ass  en  ist,  sondern  hochstens  auf  den  Ursprung 
des  tlbels  hin  fiihrt,  das  es  selbst  reprasentiert. 

Einige  wenige  gute  Biicher  habe  ich  gelesen.  Ob  Sie  unter 
diesen  eines,namlich  Laporte  etroitevon  Gide  kennen,wiirde 
mich  besonders  interessieren.  Ihr  Urteil?  Ich  bewundere  an 
ihm  die  ernste,  wunderbare  Bewegtheit,  es  enthalt  „Bewe- 
gung"  im  hochsten  Sinne,  wie  wenige  Biicher,  fast  wie  „der 
Idiot".1  Sein  jiidischer2  Ernst  spricht  mich  verwandt  an.  Und 
dann  erscheint  dennoch  das  Ganze  gebrochen,  wie  in  ein  em 
triiben  Mittel,  im  Stoff lichen  eines  engen,  christlich-asketi- 
schen  Geschehens  im  Vordergrunde,  welches  tausendfach 
lebendig  uberragt  wird  von  der  Intention  des  Innern,  und 
so  im  Grunde  unlebendig  verharrt.  Ferner  habe  ich  die  para-' 
dis  artificiels  von  Baudelaire  gelesen.  Es  ist  ein  gaiiz  schiich- 
terner,  unorientierter  Versuch,  den  „psychologischen"  Pha- 
nomenen,  die  sich  im  Haschisch-  oder  Opiumrausch  zeigen, 
das,  was  sie  philosophisch  lehren,  abzuhoren  und  diesen  Ver- 
such wird  man,  unabhangig  von  jenem  Buch,  wiederholen 
miissen.3  Aber  worin  seine  Schonheit  und  sein  Wert  beruht, 
das  ist  die  Kindl^hkeit  und  Reinheit  des  Verfassers,  die  aus 
diesem  Werk  deutlicher  strahlt  als  aus  den  ubrigen.  —  Sehr 
schon,  wegen  seiner  menschlichen  Warme  und  adeligen 
Distanz,  die  sich  in  funfundzwanzig  Jahren  gleich  bleiben, 

219 


ist  Goethes  Brief  wechsel  mit  dem  Graf  en  Reinhardt,  franzo- 
sisclien  Gesandten  in  Deutschland.  Man  gewahrt  im  Verkehr 
sehr  ungleicher,  an  Bedeutung,vollig  ungleicher  Menschen 
von  beiden  Seiten  eine  erstaunliche,  hochst  edle  und  unbeirr- 
bare  Sicherheit  des  Tones  mit  dem  sie  von  einander  und  zu 
einander  reden.  An  das  Thema:  Brief  wechsel,  lieBen  sich  ver- 
schiedene  Digressionen  anschlieBen.  Erstens  dariiber,  wie  sehr 
diese  unterschatzt  werden,  weil  sie  auf  den  vollig  schiefen 
Begriff  des  Werkes  und  der  Autorschaft  bezogen  werden, 
wahrend  sie  dem  Bezirk  des  „Zeugnisses"  angehoren,  dessen 
Beziehung  auf  ein  Subjekt  so  bedeutungslos  ist  wie  die  Be- 
ziehung irgendeinespragmatisch-historischenZeugnisses  (In- 
schrift)  auf  die  Person  seines  Urhebers.  Die  „Zeugnisse" 
gehoren  zur  Geschichte  des  Fortlebens  eines  Menschen  und 
eben,  wie  in  das  Leben  das  Fortleben  mit  seiner  eignen  Ge- 
schichte hineinragt,  laBt  sich  am  Brief  wechsel  studieren.  Fur 
die  Nachkommenden  verdichtet  sich  der  Briefwechsel  eigen- 
tumlich  (wahrend  der  einzelne  Brief  mit  Beziehung  auf 
seinen  Urheber  an  Leben  einbuBen  kann):  die  Brief e  wie 
man  sie  hintereinander  in  den  kiirzesten  Abstanden  liest, 
verandern  sich  objektiv,  aus  ihrem  eignen  Leben.  Sie  leben 
in  einem  andern  Rhythmus  als  zur  Zeit  da  die  Empfanger 
lebten,  und  auch  sonst  verandern  sie  sich.  —  Eine  zweite  Re- 
flexion, die  sich  auf drangt :  heute  verlieren  schon  viele  Leute 
den  Sinn  fur  Brief  wechsel.  Man  gibt  sinnloserweise  Brief  e 
von  irgend  jemandem  heraus.  Wahrend  Mitte  des  vorigen 
Jahrhunderts,  als  man  sinngemaB  wichtige  Brief  wechsel 
edierte,  wie  z.  B.  den  genannten  oder  den  zwischen  Goethe 
und  Knebel  (den  ich  auch  besitze),  die  Leute  keine  Anmer- 
kungen  lief  erten,  wodurch  diese  Dokumente  soviel  und  in  der 
Art  Leben  verlieren,  wie  einMensch  durch  einen  AderlaB.  Sie 
werden  blaB.  Nun  legt  man  diese  Bucher  aber  nicht  neu  auf, 
bezw.  gibt  sie  nicht  neu  heraus,  weil  sie  nun  einmal  da  sind, 
und  so  erwarten  sie  noch  immer  die  Zeit,  wo  sie  zu  ihrem 
Recht  kommen.  —  Die  wichtigste  literarische  Bekanntschaft, 
von  der  ich  Ihnen  wohl  schon  schrieb  und  die  ich  noch  sehr 
zu  vertiefen  haben  werde,  ist  die  durch  die  Nouvelle  Revue 
Frangaise  vermittelte  von  Charles  Peguy.  Aber  davon  ein 

220 


andermal.  Am  Besten  miindlich.  Es  ware  sehr  zu  wiinschen, 
dafl  wir  uns  wiedersehen.  Aber  an  eine  Reise  nach  Deutsch- 
land  kann  ich  gegenwartig  kaum  denken.  Ware  Ihnen  im 
Laufe  des  Winters  ein  Besuch  in  Osterreich,  wo  ich,  wenn 
nicht  meine  Biicher,  so  doch  meine  Manuscripte  zu  haben 
hoffe,  moglich?  Wann  werde  ich  nur  wieder  von  Ihnen 
horen?  Ich  ware  fiir  jede  Nachricht  dankbar. 

Wir  beide  griifien  Sie  herzlichst 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Damals  schrieb  W.  B.  die  in  Schriften  II  S.  271-273  gedruckte  Kritik, 
die  diese  Gedanken  ausfiihrt. 

2  W.  B.  benutzt  das  Wort  hier  als  kategoriale  Bezeichnung.  Er  wuflte, 
dafl  Gide  kein  Jude  war. 

3  "W.  B.  hat  sich  mit  diesen  Phanomenen  noch  Jahre  spater  befaJBt,  als 
er  sich  zu  Versuchen  eines  ihxa  bekannten  Arztes,  Dr.  Ernst  Joel,  auf 
diesem  Gebiet  zur  Verfiignng  stellte. 


83  An  Hiine  Caro 

[Breitenstein,  etwa  20.  Nov.  1919] 

Lieber  Hiine  Caro, 

Ihnen  will  ich  auf  Ihren  Brief  gleich  ein  Wort  schreiben, 
trotzdem  zur  Zeit  meine  Korrespondenz  ruht,  weil  ich  nicht 
einmal  meine  Schreibmappe  bei  mir  habe.  Ihr  Brief  erreichte 
mich  in  Osterreich,  wo  meine  Tante1  drei  Stunden  von  Wien 
ein  Erholungsheim  besitzt,  dort  sind  wir  jetzt  alle.  Meine 
Frau  freilich  gegenwartig  in  Wien,  wo  sie  sich  bemuht  unser 
Gepack  zu  erhalten  .  .  . 

Wir  sind  kaum  in  der  Lage,  unser  Vorhaben  fiir  die  nach- 
ste  Zukunft  anzugeben.  Das  einzig  gewisse  ist,  daB  ich  meine 
Studien  zu  einer  Habilitationsschrift  so  bald  wie  moglich  be- 
ginne2;  und  jedenfalls  kehre  ich  im  Fnihjahr  in  die  Schweiz 
zuriick,  jedoch  —  auf  wie  lange?  ob  mit  meiner  Frau?  und 
mit  dem  Kind?  Das  alles  weiB  ich  selbst  noch  nicht.  -  Werden 

221 


Sie  eigentlich  nach  Palastina  gehen?3  Unter  gewissen,  gar- 
nicht  unmoglichen  Voraussetzungen,  bin  ich  dazu  bereit,  um 
nicht  zu  sagen  entschlossen.  Hier  in  Osterreich  sprechen  die 
Juden  (die  anstandigen,  die  nicht  verdienen)  von  nichts 
anderem. 

Was  werden  Sie  tun,  wenn  Sie  die  Schweiz  verlassen?  1st 
Ihre  Frau  Mutter  auch  dort,  oder  sind  Sie  allein.  Ich  kann 
mir  den  Zwiespalt  denken,  in  dem  Sie  sind  entweder  in  der 
Schweiz  ein  bitteres  Brot  zu  verdienen  oder  in  Deutschland 
sich  die  Brocken  auf  der  StraBe  zusammen  zu  suchen.  Die 
Frage  wird  vielleicht  auch  fur  uns  gelt  en.  Dem  Kinde  geht 
es  gut,  meiner  Frau  nicht,  Unser  Sommer  hat  uns  durch  neue 
Krankheit  und  durch  einen  ganzlich  iiberraschenden  Besuch 
meiner  Eltern4  manche  schweren  Wochen  gebracht;  zuletzt 
doch  einige  sehr  scheme  in  Lugano. 

Hier  oben  bleiben  wir  noch  ein  paar  Wochen,  dann  gehts 
wahrscheinlich  nach  Wien. 

Gern  wiirde  ich  wieder  mit  Ihnen  sprechen.  Aber  nach 
Osterreich  werden  Sie  sich  wohl  keinesfalls  wenden;  einladen 
darf  man  niemanden. 

Herzlichst  griiBe  ich  Sie,  auch  von  meiner  Frau 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  In  Wirklichkeit  erne  Tante  seiner  Frau  Dora. 

2  Herbertz  hatte  W.  B.  die  Habilitation  fur  Philosophic  in  Bern  ange- 
boten,  die  durch  die  Inflation  sich  schon  1920  als  unrealisierbar  erwies. 

3  Caro  ging  in  der  Tat  spater  nach  Palastina. 

4  In  Iseltwald. 


84  An  Gerhard  Scholem 

Breitenstein,  23.  November  1919 

Lieber  Gerhard, 

groBe  Freude  iiber  Ihren  Brief,  und  mancherlei  zu  sagen  um 
unsere  Gedanken  wieder  in  Kontakt  zu  bringen!  Natiirlich 
fiihle  ich  wenn  ich  Ihnen  schreibe  besonders,  daB  es  bei  mir 
im  pflanzlichen  Sinne  winterlich  aussieht:  im  buchstablichen 

222 


Sinne  bin  ich  unentfaltet,  da  ich  mich  irgendwie  verschlieBen 
muB,  um  unter  dem  Mangel  an  Arbeitsbedingungen  und 
mancherlei  Lebensbedingungen  nicht  zu  leiden.  Biicher  er- 
warte  ich  standig  aus  Wien,  gegenwartig  ist  alles  verliehen 
wie  mir  mein  Schwiegervater l  schreibt  und  was  ich  hier  fur 
die  Zwischenzeit  mitgenommen  hatte,  ein  groBes  Werk  iiber 
die  Goethesche  Metamorphosenlehre,  mein  Baudelaireexem- 
plar  und  anderes  ist  verloren.  (Meine  Ubersetzungen  natiir- 
lich  nicht).  Wer  weiB  wie  wir  uns  herausfinden.  Wenn  die 
Sachen  nicht  noch  kommen  oder  die  Bahn  nicht  eine  sehr 
groBe  Entschadigung  zahlt,  ist  es  ein  Verlust  am  Vermogen. 
Auf  der  Verlustliste  steht  auch  Scheerbart:  Lesabendio.  Ich 
teile  es  Ihnen  mit,  weil  ich  bei  Ihnen  als  dem  Geber2  Inter  - 
esse  fur  sein  Schicksal  wie  auch  fur  die  verdiente  Auferste- 
hung  voraussehe  und  ich  bitte  Sie,  jetzt  schon  sich  nach  der 
Moglichkeit  seiner  „Auferstehung  im  Fleische"  umsehen  zu 
wollen.  Geistig  hat  er  bei  mir  seine  zweite  Metamorphose 
durchgemacht,  indem  ich  in  Lugano  die  Prolegomena  zur 
zweiten  Lesabendio -Kritik  geschrieben  habe.  Nach  denen 
wollte  ich  ihn  wieder  lesen  (weshalb  ich  ihn  hierher  mitnahm) 
und  dann  die  groBere  Arbeit  beginnen  in  der  bewiesen  werden 
sollte,  daB  der  Pallas  die  beste  aller  Welten  sei.  Nun  hat  nicht 
nur  der  momentane  Verlust  des  Buches  dies  Vorhaben  ge- 
hindert,  sondern  vor  allem  sehe  ich  mich  auf  Grund  der  Un- 
terredung  mit  Herbertz  veranlaBt,  mich  sogleich  nach  einer 
Habilitationsarbeit  umzusehn,  worauf  ich  in  so  kurzer  Zeit 
vordem  nicht  gerechnet  hatte. 

Zum  „Billionar"  3  herzliche  Gluckwiinsche.  In  Wien  habe 
ich  die  Bibliothek  meines  Schwiegervaters  kennen  gelernt, 
die  in  Judaicis  sicher  manches  was  Sie  interessiert,  enthalten 
diirfte,  doch  von  ihrem  einstigen  Glanze  (eine  Erstausgabe 
des  gesamten  Descartes  u.  a.)  durch  Diebstahl,  sorglosesten 
Verleihens[l]  und  mancher  Verkaufe  fast  alles  eingebiiBt 
hat.  Ich  erhalte  aus  ihr  zum  Geschenk  die  Akademieausgabe 
von  Kants  Werken  soweit  sie  jetzt  vorliegt.  Auch  einen  latei- 
nischen  Agrippa  von  Nettesheim,  den  ich  aber  wohl  nur  mit 
Hilfe  eines  deutschen  werde  lesen  konnen.  —  Ich  habe  an  Sie 
die  Bitte,  sogleich  sich  bei  Ihrem  Munchner  Buchhandler 

223 


nach  Borchardt:  Swinburne-Ubersetzung  im  Insel-Verlag 
erkundigen  zu  wollen  und  an  meinige  hiesige  Adresse  alsbald 
nach  Erscheinen  bezw.  sofort  ein  Exemplar  im  Pappband 
(ca  40  M)  senden  zu  lassen  .  .  .  Da  ich  Dora  damit  ein  Ge- 
schenk  machen  mochte  so  erweisen  Sie  mir  mit  der  Erledi- 
gung  der  Sache  einen  groBen  Dienst.  In  Wien  bestelle  ich  es 
nicht,  weil  ich  bei  der  Lassigkeit  der  Leute  fiirchte,  sie  ver- 
zogern  die  Sache,  bis  die  600  Exemplare,  fiir  die  ich  sehr 
groBe  Nachfrage  vermute,  vergriffen  sind.  —  „Weltenmantel 
und  Himmelszelt"  4  werde  ich  mir  merken.  Ubrigens  hatte 
der  Titel  friiher  schon  meine  Aufmerksamkeit  erregt.  Wie- 
viel  kostet  das  Buch? 

Im  Sommer  fand  sich  mehrere  Wochen  hindurch  in  der 
Fremdenliste  von  Zuoz  im  Engadin  ein  „ Professor"  Noegge- 
rath  mit  Frau  und  Sohn  aus  Freiburg.  Ich  mochte  sehr  gern 
wissen,  ob  dies  (wie  ich  mir  nicht  anders  denken  kann)  das 
Genie  ist  welches  demnach  Extraordinarius  oder  Privatdozent 
in  Freiburg  ware.5  Sie  konnen  das  wohl  leicht  erfahren. 

Ich  habe  im  vorgehenden  Sommer  nicht  sonderlich  viel 
gearbeitet,  aber  herrliches  gesehen.  Mit  der  Post  haben  wir  in 
einem  Tage  den  Ubergang  von  Thusis  iiber  den  St.  Bern- 
hardin  nach  Bellinzona  gemacht,  und  dabei  an  diesem  einen 
Tage  wirklich  herrlich  Schones  gesehen,  da  die  Fahrt  beim 
herrlichsten  Wetter  vor  sich  ging.  Auch  in  Lugano  war  es 
meistens  fiir  uns  schon.  Dort  habe  ich  einen  Aufsatz  „  Schick  - 
sal  und  Charakter"  geschrieben,  dem  ich  dann  hier  die  letzte 
Form  gegeben  habe.  Er  enthalt,  was  ich  Ihnen  iiber  diese 
Dinge  in  Lungern  sagte.6  Ich  werde  ihn,  wenn  sich  die  Mog- 
lichkeit  bietet,  sogleich  veroffentlichen.  Freilich  nicht  in 
einer  Zeitschrift,  sondern  nur  in  einem  Almanach  oder 
Ahnlichem.  -  Mein  Plan,  eine  Kritik  von  Blochs  „Geist  der 
Utopie"  zu  schreiben,  der  vor  der  Ausfuhrung,  die  hier  er- 
f  olgen  sollte,  stand,  ist  nun  auch  dahin,  da  das  Buch  mit  alien 
vorbereitenden  Glossen  verloren  ist.  Bloch  selbst  ubrigens  ist 
noch  in  Interlaken  und  wird  hochstens  auf  kurze  Zeit  ge- 
schaftlich  in  Deutschland  sein. 

Was  betrifft  Ihre  Seminararbeit  bei  Baumker?  —  Brennend 


224 


wiirde  mich  alles  interessieren  was  Sie  mir  liber  Lehmann 
und  das,  was  man  bei  ihm  treibt,  etwa  mitteilen.  Ich  wundere 
mich,  daB  er  noch  geistig  gesund  ist.  Seine  moralische  Person 
darf  wohl  nicht  allzu  hoch  eingeschatzt  werden.  Liest  er  wie- 
der  in  seiner  Wohnung?  Die  Frage  wird  nun  fur  mich  wich- 
tig,  wie  hoch  Ihr  Vater  den  Druckpreis  meiner  Dissertation 
veranschiagen  wiirde.  Die  Daten,  die  hoffentlich  ausreichen 
gebe  ich  auf  einem  besondern  Zettel,  wenn  notig  wiirde  ich 
eine  Schreibmaschinen-Seite  einsenden.  (Fran eke  wird  die 
Sache  vermutlich  verlegen.  Doch  muB  ich  naturlich  den 
Druck  zahlen.)  Ich  lege  keinen  Wert  auf  besonders  groBe 
Type,  im  Gegenteil  es  kann  so  klein  es  anstandig  ist,  gedruckt 
werden.  Dagegen  gutes  Papier  (kein  Glacepapier).  Fractur 
ziehe  ich,  besonders  bei  kleinem  Druck  der  Antiqua  vor.  - 
Ich  denke  Francke  wird  einverstanden  sein,  1000-1 200  Exem- 
plare  drucken  zu  lassen.  [. . .] 

Nun  entschuldigen  Sie  bitte  noch  die  Schrift.  Ich  habe 
groBtenteils  im  Liegen  geschrieben.  Wenn  Sie  mir  etwas  von 
Baumker8  erzahlen,  interessiert  mich  das  sehr.  Kommt  bald 
etwas  Neues  von  Agnon  (tJbersetztes)  heraus? 

Fiir  heute  nur  noch  unsere  herzlichsten  GriiBe 

Ihr  Walter 

1  Professor  Leon  Kellner,  Anglist  und  Herausgeber  der  Schriften  und 
Tagebiicher  Theodor  Herzls. 

2  Es  war  Scholems  Hochzeitsgeschenk  fiir  W.  B.  gewesen. 

3  Ein  wei teres  Buch  von  Scheerbart :  Kaktox  der  Billionar. 

4  Von  Robert  Eisler  (1909),  mit  dem  Sch.  bekannt  geworden  war. 

5  Traf  nicht  zu. 

6  Schriften,  Bd.  I,  S.  31-39. 

7  Der  Amerkanist  Walter  Lehmann,  der  damals  Maya-Hymnen  inter- 
pretierte. 

8  Clemens  Baumker,  eine  groBe  Leuchte  in  mittelalterlicher  Philoso- 
phic, bei  dem  Sch.  zu  doktorieren  plante. 


225 


8  J  An  Ernst  Schoen 

Breitenstein  am  Semmering 
5.  Dezember  1919 

Lieber  Herr  Schoen, 

Unsere  letzten  Brief e  haben  sich  gekreuzt;  ich  glaube  der 
meine  war  aus  Klosters  an  Sie  gerichtet.  Wir  beide  werden 
keine  guten  Schliisse  auf  das  Ergehen  des  andern  aus  dem 
folgenden  langen  Schweigen  gemacht  haben.  Bei  mir  bezeich- 
net  dieser  Brief  recht  genau  einen  endlichen  Augenblick  der 
Sammlung,  da  ich  erst  seit  Stunden  mich  in  einem  Zimmer, 
das  ruhiges  Denken  nicht  stort,  befinde.  Und  wie  steht  es 
um  Sie?  und  um  Ihre  Versorguhg?  Das  Scheitern  Hirer  Hoff- 
nungen  hat  uns  sehr  betriibt ;  um  Menschen  unsrer  Art  zieht 
sich  nun  das  schwangere  Dunkel  zusammen.  Ich  bin  zuver- 
sichtlich  daB  wir  es  bestehen  werden  und  von  einem  Alb  be- 
freit,  es  sich  ballen  zu  sehen.  Zu  lange  schon  hatte  ich  dies 
-  allem  Schein,  auch  meiner  eignen  Lebensumstande  zum 
Trotz  -  als  eine  Antwort  der  Natur  (von  der  die  heutige 
Gesellschaft  nur  ein  Teil  ist)  auf  unser  Leben  kommen  sehen. 
Nun  avisieren  mich  die  Brief  e  meines  Vaters.  Vorlaufig  warte 
ich  ab. 

Wir  haben  es  nicht  schlecht  hier,  wo  wir  in  einem  Sanato- 
rium zu  Gast  sind,  das  einer  Tante  meiner  Frau  gehort.  Wir 
leiden  keinen  Mangel  und  haben  ein  warmes  Zimmer,  das 
wir  heute  in  den  Stand,  in  dem  es  gut  bewohnbar  ist,  gesetzt 
haben.  Auch  das  Kind  mit  einer  Pflegerin  ist  hier  und  meine 
Frau  hat  Zeit  und  Ruhe.  Aber  vier  Wochen  sind  auf  andere 
Art  vergangen,  ehe  wir  das  hier  so  ansehen  konnten.  Nach 
einer  teilweise  lebensgefahrlichen  Fahrt  von  der  Schweizer 
Grenze  nach  Wien,  erhielten  wir  den  Bescheid,  daB  der 
Waggon,  der  unser  gesamtes  Gepack,  soweit  es  nicht  in  der 
Schweiz  geblieben  war,  enthielt,  vermiBt  sei.  Nach  vier 
Wochen  sind  wir  nun  dennoch  in  den  Besitz  der  unversehr- 
ten  Sachen  gekommen;  der  Waggon  war  nach  Budapest  ver- 
schickt  worden.  —  Sehr  schbne,  wenn  auch  nicht  immer  un- 
getriibte  Tage  haben  wir  in  Lugano  gehabt.  Es  war  ein  sehr 

226 


"warmer  Oktober.  Von  Klosters  haben  wir  ins  Tessin  den 
Ubergang  iiber  Thusis  —  die  Via  Mala  —  den  St.  Bernhardin- 
paB  an  einem  Tage  mit  der  Post  gemacht  und  unter  dem 
klarsten  Himmel  einen  der  herrlichsten  Alpeniibergange  ge- 
sehen  —  eine  Gegend,  wo  noch  nirgends  die  Eisenbahn  fahrt 
und  die  deshalb  weniger  bekannt  ist.  Bei  Lugano  liegen  einige 
Berge  mit  sehr  verschiednen  wunderbaren  Ausblicken,  von 
deren  schonstem,  dem  Monte  Generoso  wir  eine  Karte  an 
Jula  gesandt  haben,  die  Sie  vielleicht  gesehen  haben. 

Ich  beginne  eine  ausfuhrliche  Kritik  von  Ernst  Bloch: 
Geist  der  Utopie;  dem  Werk  eines  in  der  Schweiz  gewonne- 
nen  Bekannten,  von  dem  ich  Ihnen  wohl  schrieb.  Sie  ist  fur 
die  Veroffentlichung  bestimmt.  Einen  Aufsatz  „Schicksal  und 
Charakter"  den  ich  in  Lugano  schrieb  und  zu  meinen  besten 
Arbeiten  zahle,  hoffe  ich  ebenfalls  erscheinen  lassen  zu  kon- 
nen1.  Prolegomena  zu  meiner  neuen  Lesabendio-Kritik2  und 
eine  Kritik  von  „La  porte  etroite"  von  Gide  sind  ebenfalls 
dort  unten  entstanden.  Wenn  ich  an  dies  und  anderes  denke, 
wird  mir  doppelt  lebendig,  wie  ich  eine  Begegnung  mit  Ihnen 
ersehne.  Ich  fiige  hinzu,  daB  Sie  mir  am  allerwenigsten 
schreiben  sollten,  daB  Ihre  Freunde  Ihrer  nicht  bediirften; 
in  welchem  Sinne  ich  Ihrer  bedarf  wird  uns  doch  in  abseh- 
barer  Zeit,  wie  ich  hoffe,  eine  Begegnung  bestatigen.  So  lange 
ich  hier  oben  bin,  freilich,  bin  ich  unzuganglich.  Selbst  ein 
Gast,  darf  ich  niemanden  einladen.  So  bald  ich  eine  Moglich- 
keit  sehe,  schreibe  ich  Ihnen.  Denn  meine  nachste  Zukunft 
liegt  nicht  klar  vor  mir.  In  Bern  ist  mir,  ganz  wider  mein 
kiihnstes  Erwarten,  Aussicht  auf  eine  Habilitation  eroffnet 
worden.  Nun  ist  dies  unannehmbar,  wenn  nicht  eine  nach 
Art  und  Gehalt  angemessene  Stellung  fiir  meine  Frau  sich 
findet  die  uns  den  Aufenthalt  in  der  Schweiz  ermoglicht.  Ein 
Gesandtschaftsposten  ist  das  Beste.  Hieriiber  kommt  Ihnen 
wohl  kaum  etwas  zu  Ohren?  -  Jedenfalls  will  ich,  wenn  nur 
irgend  moglich  mit  meiner  Frau,  gegen  Ende  des  Winters  in 
die  Schweiz  um  iiber  meine  Habilitation  und  Habitations  - 
schrift  deren  Thema  noch  nicht  fest  stent,  mit  dem  Professor 
zu  sprechen.  Andrerseits  wollen  meine  Eltern  in  absehbarer 
Zeit  das  Kind  sehen,   so   daB   wir   auch   einen   Besuch  in 

227 


Deutschland  im  Friihjahr  ins  Auge  fassen.  Unter  solchen 
Umstanden  ist  von  einem  Hausstand  vorlaufig  keine  Rede 
und  Schwierigkeiten  der  Lebensfiihrung  sind  vorauszusehen. 

Das  Buch  von  Curtius3,  das  Sie  nennen,  werde  ich  auch 
lesen.  Es  ist  ja  vorderhand  das  einzige  was  es  hieriiber  gibt. 
DaB  es  ahnungslos  ist,  erweist  ja  schon  die  Zusammenstellung 
der  im  Titel  genannten  Autoren  ebendort  mit  Romain  Rol- 
land.  Die  Nouvelle  Revue  Francaise  hat  eine  groBe  Anzahl 
wichtiger  Werke,  die  vergriffen  waren,  wieder  neu  auflegen 
lassen  und  ich  mochte  mir  einiges  anschaffen.  Von  Claudel 
erschien  neulich  in  der  Zeitschrift  ein  Drama  „Le  pere  humi- 
lie"  in  vier  Akten,  mit  denen  ich  nicht  das  Geringste  an- 
fangen  kann.  Im  iibrigen  kenne  ich  Claudel  nicht.  Hier  kann 
ich  mir  allerlei  verschaffen,  da  Wien  eine  ganz  vorziigliche 
Leihbibliothek  hat.  Eben  beende  ich  einen  auBerordentlich 
schonen  Roman  von  Galsworthy:  der  reiche  Mann. 

Hoffentlich  bewegt  mein  Brief  Sie,  aus  welchen  Umstan- 
den auch  immer,  mir  eine  Nachricht  von  Ihnen  zu  geben. 
Meine  Frau  und  ich  griiBen  Sie  herzlichst.  Stefan  geht  es  gut. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Erschien  in  den  „Argonauten",  Erste  Folge,  1921. 

2  Lesabendio  von  Paul  Scheerbart  (Miinchen  1913)  war  eines  der  von 
W.  B.  am  hbchsten  geschatzten  Biicher  der  neuesten  Literatur.  Die 
Kritik  ist  identisch  mit  dem  leider  verlorenen  Essay  iiber  den  wahren 
Politiker,  das  im  Folgenden  mehrfach  erwahnt  wird. 

3  Ernst  Robert  Curtius,  „Die  literarischen  Wegbereiter  des  Netaen 
Frankreich"  (1919). 


86  An  Gerhard  Scholem 

Breitenstein,  13.  Januar  1920 

Lieber  Gerhard, 

den  Dank  fur  das  Geschenk  wird  Dora  Ihnen  sagen;  ich 
mochte  Ihnen  nur  sogleich  mitteilen,  welche  Freude  ich  von 
der  Dichtung  gehabt  habe.  Nach  der  Schonheit  der  Erzahlung 

228 


und  der  Sprache  muB  ich  schlieBen,  daB  Ihre  Ubersetzung1 
vollkommen  ist.  Hochst  gespannt  bin  ich  auf  das  „Merk- 
wiirdige",  das  Sie  zu  dieser  Geschichte  mitzuteilen  verspre- 
chen2,  denn  ich  merkte  wohl  daB  es  mit  einem  sogroBenStoff 
in  so  unscheinbarer  und  so  vollkommener  Behandlung  eine 
besondere  Bewandtnis  haben  muB.- WennSie  nun  erst  Doras 
Liebe  fur  alle  Erzahlungen  von  ganz  kleinen  Wesen  kennen 
wiirden  -  oder  hat  Sie  Ihnen  einmal  die  chinesische  Ge- 
schichte vom  kleinen  Jagdhund  erzahlt?  Ich  habe  zunachst  an 
dieser  Geschichte  bewundert,  wie  es  dem  Dichter  gelingt 
aus  der  ersten  unscheinbaren  Leiblichkeit  des  Gadiel  die 
zweite  gewaltige  heraufzufiihren,  in  der  er  Bestand  hat,  ohne 
ihn  doch  zu  verwandeln.  —  And  ere  Marchen  die  sich  zum 
Geburtstage  eingefunden  haben  sind  gojisch,  haben  uns  aber 
sehr  gefreut,  da  wir  darin  Quellen  zu  unserm  gemeinsamen 
Lieblingsmarchenbuch,  der  Godin3,  haben.  Sie  sind  von 
Arndt  —  in  einer  neuen  Ausgabe  des  Mullerschen  Verlages 4, 
seit  ihrer  ersten  Auflage  im  vorigen  Jahrhundert  wohl  erst 
die  dritte.  Die  Ausgabe  muB  sehr  selten  sein,  da  ich  von  dem 
Buche  nie,  weder  gehdrt  noch  es  gesehen  hatte,  als  ich  es  in 
die  Hand  bekam  und  kaufte.  —  Wir  wiirden  uns  iiber  jede 
Zeile  Ihrer  Agnon-Ubersetzungen  freuen:  Was  ist  es  mit 
dem  Gedicht?5 

Meine  Arbeit  ist  jetzt  eine  ausfiihrliche  Besprechung  vom 
„Geist  der  Utopie"  fur  eine  Zeitschrift.  Sie  wird  das  viele 
Gute  und  Vorziigliche  fur  sich  sprechen  lassen,  die  konstitu- 
tionellen  Fehler  und  Schwachen  aber  in  einer  durchaus  eso- 
terischen  Sprache  diagnostizieren;  das  Ganze  der  Form  nach 
akademisch,  weil  so  allein  man  dem  Buch  gerecht  wird.  Da 
es  dabei  zu  einer  Auseinandersetzung  iiber  Expressionismus 
kommen  diirfte,  so  las  ich  mit  Hinblick  darauf  „t)ber  das 
Geistige  in  der  Kunst"  von  Kandinsky.  Dies  Buch  erfiillt 
mich  vor  seinem  Autor  mit  hochster  Achtung,  wie  dessen 
Bilder  meine  Bewunderung  wecken.  Es  ist  wohl  das  einzige 
Buch  iiber  den  Expressionismus  sonder  Geschwatz;  freilich 
nicht  vom  Standpunkt  einer  Philosophic  — ,  sondern  einer 
Lehre-von-der-Malerei. 

Anfang  Marz  werden  wir  wohl  in  Berlin  sein;  nach  vier 

229 


Wochen  dann  in  die  Nahe  von  Munchen  Ziehen,  wo  wir 
bleiben,  bis  die  Schweizer  Angelegenheit  geklart  ist,  und  je 
nachdem  dann  fortgehen  oder  bleiben.  Die  Entscheidung, 
wenigstens  die  vorlaufige,  hangt  nicht  von  Geldfragen  allein 
(wenn  auch  sehr  wesentlich)  ab,  sondern  auch  davon,  wie  sich 
die  Arbeit  an  meiner  Habilitationsschrift  gestalten  wird.  Von 
dieser  besteht  bislang  nur  die  Intention  auf  ein  Thema;  nam- 
licb  irgend  eine  Untersuchung,  welche  in  den  groBen  Pro- 
blemkreis  Wort  und  Begriff  (Sprache  und  Logos)  fallt,  mit 
dem  ich  mich  beschaftigen  werde.  Vorlaufig  suche  ich  ange- 
sichts  der  ungeheuern  Schwierigkeiten  nach  Literatur,  die 
wohl  nur  im  Bereich  scholastischer  Schriften  oder  von  Schrif  - 
ten  iiber  die  Scholastik  zu  suchen  ist.  Wobei  in  der  erstern 
mindestens  das  Latein  eine  harte  NuB  ist.  Ich  bin  Ihnen  fur 
jeden  bibliographischen  Fingerzeig,  den  Sie  mir  auf  Grund 
dieser  An  gab  en  machen  konnen,  aufierordentlich  dankbar. 
Die  Wiener  Bibliotheksverhaltnisse  sind  so  schlecht,  daB  ich 
erstens  kaum  Bticher  bekommen,  zweitens  kaum  im  Katalog 
welche  finden  kann.  Haben  Sie  schon  in  dieser  Hinsicht  nach- 
gedacht?  Wenn  wir  dariiber  uns  schreiben  konnten;  so  ware 
mir  das  unglaublich  viel  wert.  DaB  unter  der  Zahl  der  Ab- 
grunde  dieses  Problems  der  Grund  der  Logik  zu  suchen  ist, 
dariiber  sind  Sie  vielleicht  eines  Sinnes  mit  mir.  —  Schreiben 
Sie  mir  doch  bitte,  was  es  mit  dem  S.  Friedlander6  auf  sich 
hat.  Desgleichen  mit  Baumker;  iiber  diesen  aufschluBreiche 
Mitteilungen  anzukiindigen,  werden  Sie  nicht  mude,  aber 
niemals  finde  ich  dann  eine  Zeile  iiber  ihn. 

An  einen  einjahrigen  Aufenthalt  in  Osterreich  haben  wir 
nie  gedacht  und  vollends  jetzt  haben  wir  in  Wien  auch 
familiare  MiBstande  vorgefunden,  die  dort  den  Aufenthalt 
erschweren.  Allein  schon  wegen  der  unmoglichen  Wiener. 
Bibliothek  kommt  weder  Stadt  noch  Land  fur  uns  in  Oster- 
reich in  Betracht.  —  In  Seeshaupt  haben  nicht  wir,  sondern 
nur  unsere  Mobel  eine  Wohnung. 

Ihrem  Bruder  [Reinhold]  danke  ich  fur  den  Preisanschlag 
des  Druckes  vielmals ;  falls  ich  darauf  eingehe  —  was  noch  von 
mehreren  Auskiinften  abhangt,  schreibe  ich  ihm  natiirlich 
noch.  -  Herzlichen  Dank  fur  das  Heft  des  „Juden".  Die  Notiz 


230 


liber  Analogie  und  Verwandtschaft  ist  nunmehr  dringend  in 
Abschrift  erbeten.  „Schicksal  und  Charakter"  liegt  bei.  Ich 
mufi  Sie  ausdriicklich  bitten,  es  niemandem  weiterzugeben 
oder  vorzulesen.  Dagegen  konnen  Sie  den,  leider  schlechten, 
Abzug  behalten,  wenn  Sie  wollen. 

Amtlich  habe  ich  mitzuteilen:  Die  diplomatische  Vertre- 
tung,  sowie  Vertretung  bei  den  Friedensverhandlungen  der 
unterworfenen  Volkerschaften  der  Putzikullen  und  Abra- 
molchen  an  unserm  Hofe  hat  Herr  cand.  dipl.  Stefan  iiber- 
nommen.  Was  von  unterworfenen  Volkern  sonst  noch  bleibt, 
muB  sich  weiter  durch  Sie  vertreten  lassen.7 

Kraft  hat  uns  seine  Verlobung  mit  Fraulein  Erna  Halle8 
mitgeteilt. 

Bitte  schreiben  Sie  recht  bald.  Die  herzlichsten  Griifle 

Ihr  Walter 

1  S.  J.  Agnons  „Geschichte  von  Rabbi  Gadiel  dem  Kinde" ;  erschien  in 
„Der  Jude"  V  (1920). 

2  Scholem  war  auf  die  Quelle  dieser  Geschichte  in  der  kabbalistiscben 
Literatur  gestoBen,  ganz  unbeabsichtigt,  wahrend  er  sie  ubersetzte. 

3  Amelie  Godin  [d.  i.  Linz]  (1824-1904).  Von  ihr  erschien  unter  ande- 
rem:  „Marchen.  Von  einer  Mutter  erdacht",  1858;  „Neue  Marchen", 
1869 ;  „Marchenbuch",  1874. 

4  E.  M.  Arndt,  „Marchen  und  Jugenderinnerungen",  Miinchen  1915. 

5  Sch.  machte  damals  eine  Reihe  solcher  Ubersetzungen,  die  im 
„Juden"  gedruckt  sind.  Die  eines  Agnonschen,  sehr  melancholischen 
Gedichts  blieb  ungedruckt. 

6  „Schbpferische  Indifferenz",  Miinchen  1918. 

7  Bei  festlichen  Gelegenheiten  pflegte  sich  Scholem  als  „Vertreter  der 
unterworfenen  Volkerschaften"  zu  prasentieren. 

8  Der  Schwester  von  Toni  Halle. 


87  An  Ernst  Schoen 

2.Februar  1920 

Lieber  Herr  Schoen, 

wir  haben   uns   sehr   iiber   die    giinstige   Gestaltung   Ihrer 
Lebensbedingungen  gefreut,  von  der  Sie  im  letzten  Brief 

231 


schreiben.  Hoffentlich  ist  inzwischen  auch  die  Ruhe  gekom- 
men  die  Ihnen  fiir  die  eigne  Arbeit  MuBe  laBt.  Was  Sie  von 
dieser  andeuten,  erfiillt  mich  mit  Spannung.  Zunachst  selbst- 
verstandlich  als  AuBerung  Ihrer  Gedanken;  daneben  noch 
aus  einem  andern  Gesichtspunkt.  Mich  interessiert  namlich 
sehr  das  Prinzip  der  groflen  literarisch-kritischen  Arbeit:  das 
gesamte  Feld  zwischen  Kunst  und  der  eigentlichen  Philo- 
sophic, als  welche  ich  nur  das  mindestens  virtuell  systema- 
tise]! e  Denken  bezeichne.  Es  muB  ja  ein  ganz  urspriingliches 
Prinzip  einer  literarischen  Gattung  geben,  der  so  groBe 
Werke  angehoren  wie  Petrarkas  Dialog  iiber  die  Welt- 
verachtung  oder  die  Aphorismen  Nietzsches  oder  die  Werke 
Peguys.  An  diesen  letzten  einerseits  und  andererseits  an 
dem  Werden  und  Ringen  eines  jungen  Menschen  meiner 
Bekanntschaft  ist  mir  diese  Frage  nun  vor  Augen  geriickt 
worden.  AuBerdem  werde  ich  mir  eines  urspriinglichen 
Grundes  und  Wertes  der  Kritik  auch  in  meinen  eignen  Arbei- 
ten  bewuBt.  Die  Kunstkritik,  deren  Grundlage  mich  in  die- 
sem  Sinne  beschaftigt,  ist  nur  ein  Ausschnitt  aus  dem  groBen 
Gebiete. 

Hier  bringe  ich  nicht  viel  zustande.  Teils  wegen  der  Umge- 
bung  von  welch er  ich  mich,  weniger  auBerlich  als  innerlich, 
leider  nicht  ganz  zu  isolieren  vermag;  vielmehr  aber,  weil  die 
Wiener  Bibliothek  mich  ganzlich  im  Stich  laBt.  Auf  sie  hatte 
ich  gerechnet  als  ich  in  begriindetem  MiBtrauen  in  die  Trans- 
port verhaltnisse  meine  wissenschaftlichen  Blicher  mit  den 
andern  in  Bern  lieB.  Nun  habe  ich  die  einzige  Arbeit  hinter 
mich  gebracht,  die  ich  hier  angriff ,  die  Kritik  vom  „Geist  der 
Utopie",  welche  Sie,  vielleicht  nicht  ganz  ohne  die  Ironie 
welche  ich  in  Ihren  Wort  en  suchte,  weil  sie  mir  gefallt,  in 
Ihrem  Brief  erwahnen.  Sollten  Sie  nicht  gefuhlt,  ja  gemeint 
haben,  daB  eben  an  derFiille,  derMiihelosigkeit  in  vielen  sei- 
ner Darlegungen  das  Buch  miBtrauisch  macht?  Meine  Kritik 
werden  Sie  hoffentlich  in  absehbarer  Zeit  gedruckt  finden l : 
hochst  ausfiihrlich,  hochst  akademisch,  hochst  entschieden 
lobend,  hochst  esoterisch  tadelnd.  Ich  habe  sie  —  hoffentlich  — 
dem  Verfasser,  der  mich  darum  sehr  bat,  zu  Dank  geschrie- 
ben.  Ich  tat  es  weil  mich  mit  ihm  eine  Neigung  verbindet, 

232 


deren  Grund  ich  auch  in  einigen  zentralen  Gedanken  seines 
Buches  wiederfinde,  so  wenig  es  auch  ein  feines  Medium 
unserer  Beziehung  ist.  Denn  meinen  eignen  Uberzeugungen 
entspricht  es  zwar  in  einigen  wichtigen  Darlegungen,  wie  ge- 
sagt,  nirgends  aber  meiner  Idee  der  Philosophic  Zu  ihr  ver- 
halt  es  [sich]  diametral  entgegengesetzt.  Aber  der  Autor 
stent,  mehr  als  er  es  weiB,  iiber  dem  Buch.  Ob  es  ihm  gelingen 
wird,  in  dies  em  Sinne  sich  philosophisch  auszusprechen,  ist 
die  entscheidende  Frage  fiir  ihn.  In  diesem  Buche  ist  der  Ge- 
halt  vom  Bediirfnis  sich  auszusprechen  iiberall  getriibt.  Des- 
halb  mochte  ich,  so  sehr  ich  fiir  seinen  Autor  einstehe,  daB  es 
sich  nirgends  zwischen  mich  und  Menschen  die  mir  nahe- 
stehen  drangt.  Was  ich  positiv  diesem  Buche  verdanke,  werden 
Sie  aus  der  Kritik  ersehen,  auch  in  welchem  Sinne  mein  Den- 
ken  sich  schliefllich  von  ihm  entf  ernt.  Dieses  Ref  erat  war  eine 
Arbeit,  die  drei  Monate  Vorbereitung  erforderte.  So  schwer 
fiel  es  mir,  die  Sache  vollig  zu  durchdringen. 

In  den  letzten  zwei  Wochen  habe  ich  eines  der  herrlichsten 
Biicher  gelesen:  die  Chartreuse  de  Parme  von  Stendhal.  Hof- 
f  entlich  kennen  Sie  es  oder  lesen  Sie  es  so  bald  wie  moglich.  — 
Haben  Sie  von  Odillon  [sic]  Redon,  einem  f  ranzosischen  Maler 
aus  der  zweiten  Half te  des  neunzehnten  Jahrhunderts  gehort? 
Und  was  wissen  Sie  von  ihm.  Mir  begegnete  das  Corpus  seiner 
Radierungen  oder  Zeichnungen  in  Nachbildungen  zu  einem 
unerschwinglichen  Preise  bei  einem  Wiener  Antiquar.  Mir 
schienen  die  Sachen  teilweise  von  ganzgroBerbizarrerSchon- 
heit  und  besser  wie  fast  alles  von  Kubin,  dabei  aber  diesem 
ein  wenig  verwandt. 

Ende  dieses  Monats  oder  Anfang  des  nachsten  werden  wir 
wirklich  nach  Berlin  kommen,  eine  Reise  bei  der  die  Begeg- 
nung  mit  Ihnen,  Jula,  Alfred  und  wenigen  andern  der  ein- 
zige  Lichtpunkt  ist.  Wir  werden  nichts  weiter  bringen  als  uns 
selbst,  von  allem  womit  wir  in  den  letzten  Jahren  uns  um 
unsert-  und  unsrer  Freunde  willen  umgaben  getrennt.  Wie 
sehr  wir  uns  dennoch  freuen,  brauche  ich  nicht  zu  sagen.  —  Sie 
werden  endlich  der  Verwahrung  meiner  Papiere,  fiir  die  ich 
Ihnen  schon  hier  von  Herzen  danke,  iiberhoben  sein.  —  Ich 
habe  vor  in  Berlin,  wenn  Heinles  Bruder  mit  den  Manuscrip- 

253 


ten  sich  dort  einfindet,  den  Text  samtlicher  von  Fritz  Heinle 
hinterlassner  Schriften  endlich  sicherzustellen. 

Leben  Sie  herzlich  wohl  und  schreiben  Sie  mir,  wenn  Sie 
MuBe  finden,  noch  an  die  auf  dem  Couvert  bezeichnete 
Adresse.  Herzlich  griiBen  meine  Frau  und  ich. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Diese  Arbeit  ist  nach  vielen  Wechs  el  fallen  ungedruckt  geblieben  und 
schlieBlich  verlorengegangen. 


88  An  Gerhard  Scholem 

13.  Februar  1920 

Lieber  Gerhard, 

Ihre  letzten  beiden  Brief e,  dazu  „Analogie  und  Verwandt- 
schaft"  habe  ich  erhalten.  Vielen  Dank!  Was  den  Ernst  Bloch 
angeht,  so  ga.be  ich  viel  darum,  wenn  wir  einander  dariiber 
miindlich  sprechen  konnen.  Solange  das  unmoglich  ist,  nur 
soviel:  Ich  bin  vollig  mit  Ihrer  Rritik  iiber  das  Kapitel  „Die 
Juden"  einverstanden,  und  habe  mich,  da  bei  dieser  Stellung- 
nahme  ja  das  Wissen,  welches  mir  fehlt,  nicht  die  Hauptrolle 
spielt,  von  Anfang  an  zu  seinen  Anschauungen  ebenso  gestellt. 
Ich  finde  Ihren  Worten  hieriiber  nichts  hinzuzufiigen.  In 
meiner  Kritik  habe  ich  meine  radikale  Ablehnung  dieser  Ge- 
danken  auf  die  hoflichste  Weise,  wie  ich  hoffe,  sichtbar  -  wie 
ich  hoffe  —  gemacht.  Aber  damit  ist  j  a  die  Frage  nicht  erledigt. 
Sie  werden  mich  mit  Recht  nach  zweierlei  fragen :  Erstens  wie 
ich  denn  zu  andern  Dingen  stehe,  welche  dieses  Werk  generell 
betreffen.  Zu  dem,  was  Sie  vorziiglich  *'UnfaI3barkeit  der 
Distanz"  nennen;  ich  glaube  es  ist  dasselbe,  was  meine  Frau 
sehr  gut  „Verfiihrung  zur  Wahrheit"  nennt.  Noch  erinnere 
ich  mich,  wie  Ihre  erste  Frage  iiber  dieses  Buch  in  Bern  war, 
ob  es  eine  Erkenntnistheorie  enthielte.  Und  das  ist  nun  eben 
das  Wesentliche :  neben  einer  Auseinandersetzung  mit  seiner 
undiscutierbaren  Christologie  verlangt  das  Buch  eine  iiber 
seine  Erkenntnistheorie.  Dieselbe  umfaBt  in  meiner  Kritik 


234 


die  neun  Zeilen  des  Schlusses.  Ihren  Inhalt  gebe  ich  hier  nicht 
wieder;  Sie  werden  sie  lesen,  wir  werden  dariiber  sprechen. 
Er  ist  wichtig.  Die  neun  Zeilen  des  Schlusses  gelten  demnach 
einer  Ablehnung  des  Buches  in  seinen  Erkenntnispramissen, 
einer,  verhaltenen,  Ablehnung  en  bloc.  Die  eigentliche  Kritik 
umfaBt  also  nur  ein  ausfiihrliches  und  nach  Moglichkeit 
lobendes  Referat  uber  die  einzelnen  Gedankengange.  Die 
Moglichkeit  des  ehrlichen  Lobes  fehlt,  wie  Sie  richtig  ver- 
muten,  durchaus  nicht  immer.  —  Aber  freilich:  mein  philoso- 
phisches  Denken  hat  mit  diesem  nichts  gemein.  Damit  lege 
ich  Ihnen  die  zweite  Frage  in  den  Mund:  warum  kritisiere  ich 
es,  warum  habe  ich  mir  die  (N  B  enorme,  monatelang  vorbe- 
reitete)  Arbeit  dieser  Kritik  gemacht?  Genauer:  warum  habe 
ich  der  Bitte  des  Autors  -  hoffentlich  doch  ihm  zu  Dank  (er 
kennt  das  Referat  noch  nicht)  entsprochen  ?  Um  dessentwillen, 
was  ich  an  ihm  mehr  als  an  seinem  Werke  (in  dem  es  dem- 
nach nicht  durchaus  fehlt)  schatze,  um  einer  HofTnung  wil- 
len,  die  ich  an  seine  Entwicklung  schlieBe.  In  diesem  Buch 
hat  er  etwas  Schnellfertiges,  tJberfertiges  gegeben.  Aber  ich 
finde  in  unsern  Gesprachen,  die  wir  in  Interlaken  hatten,  so- 
viel  Warme,  soviel  Moglichkeiten  mich  auszusprechen,  ver- 
standlich  zu  machen,  verstanden  zu  werden,  daB  ich  das  Opf  er 
dieser  Kritik  meiner  Hoffnung  bringe. 

Wenn  Sie  mir  die  erbetenen  Literaturangaben  durch 
Baumker  verschaffen,  erweisen  Sie  mir  einen  sehr  groBen 
Dienst.  Von  Heideggers  Buch  wuBte  ich  nichts.1  Dagegen  ist 
(ich  glaube  von  Frey?)  eine  Monographie  lib  er  die  Sprach- 
logik  des  Duns  Scotus  vorgemerkt;  die  genauen  Daten  habe 
ich  in  Wien.  Hier  hat  es  seit  Beendigung  der  Kritik  mit 
Arbeiten,  mangels  aller  Hilfsmittel  gehapert.  Kein  franzbsi- 
sches  Lexikon,  daher  konnte  ich  nur  zwei  kleinere  Baudelaire - 
Gedichte  ubersetzen.  So  bin  ich  ganz  auf  mich  allein  ange- 
wiesen  und  entwerfe  jetzt  einen  Aufsatz  mit  dem  anmutigen 
Titel  „Es  gibt  keine  geistigen  Arbeiter".2 

[. .  j 

Wir  verlassen  Breitenstein  vermutlich  in  drei  Tagen  und 
sind  bis  Ende  Februar  in  Wien  bei  Prof.  Kellner  Wien  XVIII 
Messerschmiedgasse  28,  spater  bei  mein  en  Eltern.  [.  .  .]  Die 

235 


Miinchner  Plane  sind  wieder  ins  Wanken  geraten,  weil  wir 
von  Hause  die  kategorische  Vorschrift  bekommen,  bei  meinen 
Eltern  von  jetzt  ab  zu  leben,  da  die  schlechten  Vermogens- 
verhaltnisse  meines  Vaters  ihm  nicht  gestatten  uns  ausrei- 
chend  zu  unterstiitzen  um  auflerhalb  des  Hauses  leben  zu 
konnen.  Natiirlich  konnen  wir  darauf  unter  gar  keinen  Um- 
standen eingehen,  aberunsere  Verhaltnisse  gestalten  sich  sehr 
schwierig.  Vielleicbt  wird  Dora  allein  einige  Monate  in  die 
Schweiz  gehen,  um  dort  Ersparnisse  in  Franken  zu  machen, 
die  wir  dann  in  Deutschland  verwenden  konnten.  Sie  wiirde 
also  eine  Stelle  annehmen.  Es  ware  uns  sehr  erwunscht,  Daten 
liber  die  bayriscben  Preisverhaltnisse  zu  erhalten,  vor  all  em, 
was  Pension  auf  dem  Lande  durchschnittlich  kostet.  -  Unter 
alien  Umstanden  werde  ich  versuchen  in  Bern  die  venia  zu 
erhalten,  um,  wenn  ich  dort  von  ihr  keinen  1  anger  en  Gebrauch 
machen  kann,  ihre  Ubertragung  an  eine  deutsche  Universitat 
zu  versuchen.  Wir  sehen  unter  solchen  Umstanden  dem  Ber- 
liner Auf  enthalt  nicht  heiter  entgegen. 

Eine  fernere  Frage  ist,  wann  wir  Sie  sehen  werden,  wenn 
wir  im  Fruhjahr  nicht  nach  Bayern  kommen?  Es  ware  Dora 
und  mir  sehr  schmerzlich  darauf  verzichten  zu  miissen  und 
wir  wiirden  Sie  sehr  schon  bitten,  ob  Sie  im  schlimmsten  Falle 
nicht  sogleich  nach  SchluB  des  Winter  semesters  -  also  doch 
wohl  um  Ostern  —  auf  einige  Zeit  nach  Berlin  kommen 
konnten? 

In  der  letzten  Zeit  haben  wir  uns  hier  sehr  erholt  und  Dora 
geht  es,  trotzdem  sie  nicht  gut  schlaft,  zu  meiner  groflen 
Freude  besser  als  seit  langem. 

Wie  alt  ist  die  Braut  von  Werner  Kraft?  Wird  er  Anfang 
Marz  noch  in  Berlin  sein?  In  der  Tat,  sein  letzter  Brief  an 
mich  war  munterer.  Dennoch  haben  wir,  mir  aus  den  abge- 
rissensten  Nachrichten  informiert,  doch  ebensowenig  wie  Sie 
uns  iiber  ihn  beruhigt  fiihlen  konnen.  [. .  .] 

Also  werden  Sie  vielleicht  bei  Baumker  promovieren? 
Wann  ungefahr?  Ein  Doktor  bei  ihm  ist  doch  wohl  recht  an- 
sehnlich.  Nicht  so,  wie  .  .  .  Sollten  Sie  iiber  „Schopferische 
Indifferenz"  noch  irgend  etwas  Abschlieflendes  mitzuteilen 
haben,  so  enthalten  Sie  es  mir  bitte  nicht  vor. 


236 


Ich  hoffe  recht  bald  auf  meine  wichtigsten  Fragen  von 
Ihnen  Antwort  zu  erhalten. 

Herzlichste  GriiBe  von  meiner  Frau  und  mir 

Ihr  Walter 

1  „Die  Kategorien-  und  Bedeutungslehre  des  Duns  Scotus",  1916. 

2  Nicht  erhalten.  Gegen  Kurt  Hiller. 


89  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  17.  April  1920 

Lieber  Gerhard, 

Zuletzt  von  Ihrer  ganzen  Familie  kommen  Sie  bei  meinem 
Berliner  Aufenthalt  daran.  Mit  Ihrem  Bruder  Reinhold  habe 
ich  schon  einige  Beratungen  gehabt  und  bei  dieser  Gelegen- 
heit  auch  mit  Ihrem  Vater  einige  Worte  gewechselt.  Heute 
haben  diese  Beratungen  mit  einem  niederschmetternden 
Resultat  zunachst  ihren  AbschluB  gefunden:  bei  groBen  Stei- 
gerungen  der  Druckkosten  in  der  letzten  Zeit  und  groBerer 
Bogenzahl  als  urspriinglich  geschatzt  war,  soil  namlich  unter 
alien  moglichen  Reduktionen  meiner  und  ihrerseits  der 
Druck  iiber  5000  M  kosten.  Ich  werde  wahrscheinlich  in  Bern 
um  hohern  ZuschuB  oder  Erlaubnis  augenblicklich  den  Druck 
noch  nicht  machen  lassen  zu  miissen  einkommen.  Hier  ist  die 
erste  Woche  fiirchterlich  verlaufen. 

[. . .] 

Ich  kann  Sie  also,  wie  ich  Ihnen  schon  ankiindigte,  sowenig 
mit  Bestimmtheit  auf  meinen  Miinchner  Besuch  vorbereiten, 
als  zur  Reise  hierher  auffordern,  weil  ich  die  kommenden 
Tage  nicht  uberblicken  kann.  Es  tut  mir  sehr  leid.  Noch  habe 
ich  hier  unter  den  unmittelbar  an  mich  herantretenden  An- 
forderungen  nicht  zur  Habilitationsschrift  kommen  konnen 
und  nichts  als  eine  kurze,  sehr  aktuelle  Notiz  iiber  „Leben 
und  Gewalt"  zu  stande  gebracht,  von  der  ich  sagen  darf,  daB 
sie  mir  aus  demHerzen  geschrieben  ist.— Tauscht  mich  meine 
Erinnerung,  oder  habe  ich  Sie  nicht  irgendwann  friiher  selbst 

237 


auf  ein,  mir  freilich  nie  zu  Gesicht  gekommenes,  Buch  „Klage 
der  Natur"  1  hingewiesen? 

Max  Strauss 2  habe  ich  in  Wien  nicht  gesehen.  Karl  Kraus 
haben  wir  gehort,  liber  dessen  Veranderung  gegen  friiher 
manches  zu  sagen  ware  -  nichts  aber  dagegen.  Herzlichen 
Dank  fiir  Ihre  okonomische  Auskunft  iiber  Miinchens  Um- 
gebung. 

Ihr  Vater  hat  im  Gesprach  mit  mir  biindig  erklart,  Sie 
seien  ein  Genie  -  er  wisse  es  wohl.  Aber  Gott  bewahre  jeden 
Vater  vor  einem  Genie.  Wenn  Sie  hinzunehmen,  daB  er  mir 
dann  auseinandersetzen  muBte,  was  die  Juden  „tachles" 3 
nennen,  so  konnen  Sie  sich  denken,  welche  Richtung  das  Ge- 
sprach genommen  hat.  -  Ihr  Vater  macht  einen  sehr  zufrie- 
denen  Eindruck  und  sprach  von  Ihnen  mit  vielem  Wohl- 
wollen. 

Ubermorgen  kommen  Gutkinds.  Mein  Schmerz  ist,  daB  ich 
hier  niemanden  meine  Bibliothek  zeigen  kann  —  sie  ist  nur 
durch  eine  winzige,  gemischte  Gesandtschaft  hier  vertreten. 
In  Wien  fand  ich  mancherlei,  so  ein  sehr  seltnes  Buch 
„Extrait  d'un  catalogue  d'une  petite  bibliotheque  romantique" 
von  Baudelaire's  Freund  Asselineau,  das  schon  seinerzeit  nur 
in  350  Exemplaren  gedruckt  wurde  —  mit  einem  sehr  schonen 
Kupfer  und  dem  Erstdruck  eines  von  mir  iibersetzten  Son- 
netts.  Unter  den  Vorbesitzern  des  Buches  ist  Charlotte  Wolter! 
Wenn  ich  Ihnen  ferner  sage,  daB  ich. hier,  bei  meinen  trauri- 
gen  Vermogensverhaltnissen  fiir  schweres  Geld  schon  jetzt  ein 
„tabuu  4  erstanden  habe,  so  mogen  Sie  ermessen,  was  dasheiBt 
und  daB  ich  einen  Schatz  zu  besitzen  glaube.  Doch  dariiber 
werden  bitte  Sie  und  ich  schweigen.  Sehr  spat  erfuhr  ich,  daB 
Wertheim,  schon  seit  Jahren,  Bestande  des  [Georg]  Miiller- 
schen  Verlages  verkauft,  wobei  man  gute  Biicher  geschenkt 
kriegt.  Gerade  heute  am  Morgen  des  Hochzeitstages  konnte 
ich  Dora  noch  einige  heimbringen,  darunter  von  Scheerbart 
„  Asteroiden  Novellen"  und  „Das  graue  Tuch" .  Den  „Rakkoxu 
konnte  ich  mir  neulich  in  einem  alten  Heft  der  „Insel" 
leihen. 

Leben  Sie  herzlichst  wohl,  lieber  Gerhard 

Ihr  Walter 


238 


1  Des  Scholastikers  Alamis  ab  Insulis. 

2  Bruder  von  Ludwig  $trauI3  und  Ubersetzer  von  Agnon. 

3  Praktischer  Endzweck.  Scholems  Vater  pflegte  liber  die  „brotlosen 
Kiinste"  (reine  Mathematik  und  Judaistik)  seines  Sohnes  Klage  zu 
fuhren. 

4  So  nannte  W.  B.  diejenigen  Biicher  seiner  Bibliotbek,  die  er  nicht 
auslieh. 


90  An  Gerhard  Scholem 

Berlin/Griinau,  26. Mai  1920 

Lieber  Gerhard, 

Sie  werden  sich  iiber  den  groBen  Hiatus,  der  in  meiner  Brief  - 
schreiberei  eingetreten  ist,  schon  allerlei  zusammen  gereimt 
haben.  Und  wenn  Sie  dabei  auf  die  Annahme  geraten  sind, 
daB  es  mir  elend  gegangen  ist  wie  fast  nie  in  meinem  Leben, 
so  sind  Sie  nicht  auf  dem  Holzwege.  Ich  bin  ganz  auBerstande 
iiber  diese  Zeit  —  anders  als  gesprachsweise  —  irgend  etwas 
mitzuteilen,  teils  weil  dieDinge  an  sichbodenlos  sind  und  nur 
in  der  Sphare  des  Geschwatzes  in  die  wir  hineingebannt 
waren,  ihren  Schein  haben,  teils  weil  ich  die  Erinnerung 
daran  vermeiden  muB  um  iiberhaupt  wieder  aufzutauchen. 
Ich  war  tief  untergetaucht.  Geendet  hat  es  mit  dem  vollstan- 
digen  Zerwurfnis.  [.  .  .]  DaB  dieses  Verhaltnis  zwischen  mei- 
nen  Eltern  und  mir,  das  die  starksten  Belastungsproben 
scheinbar  langst  hinter  sich  hatte,  unter  eben  diesen  nach 
Jahren  in  einer  gewissen  ruhigen  Zeit  zusammenbrach  -  das 
ist  die  eine  seltsame  aber  irgendwie  folgerichtige  Seite  der 
Sache.  Von  den  andern  schlimmeren  und  sinnlosen  Aspekten 
der  Sache  will  ich  jetzt  nicht  reden. 

Auch  heute  konnte  ich  Ihnen  wohl  noch  nicht  diese  Zeilen 
schreiben,  wenn  wir  nicht  durch  die  sehr  groBe  Giite  von  Gut- 
kinds  eine  vorlaufige  Unterkunft  gefunden  hatten.  Ihre  wun- 
dervolle  patriarchalische  Gastfreundschaft  tragt  dazu  bei,  daB 
auch  meine  Frau,  die  furchterlich  hergenommen  ist,  wieder 
zu  sich  findet.  Wir  fiihlen  uns  seit  diesen  Wochen  zum  ersten- 


239 


mal  wieder  in  menschenwiirdigen  Verhaltnissen  zu  leben, 
sehr  gliicklich.  Wir  hatten  Vorsorge  getroffen,  auch  Stefan 
hier  herausnehmen  zu  konnen,  [doch]  ist  ein  Zimmer  (nicht 
bei  Gutkinds)  unsrer  Verfiigung  wieder  entzogen  worden. 
Naturlich  schreit  das  Provisorische  dieser  Dinge  zum  Him- 
mel,  und  was  geschehen  soil,  ist  nicht  abzusehen.  Fest  stent 
nur,  daB  wir  irgendwo  eine  Wohnungbekommen  miissen,  von 
der  aus  wir  uns  dann  f ur  unsern  Unterhalt  umsehen  konnen. 
Da  auch  Gutkinds  aus  Berlin  weg  wollen,  so  haben  wir  an 
eine  gemeinsame  Wohnstatte  gedacht  und  sehen  uns  schon 
langere  Zeit  danach  um.  Wissen  Sie  irgend  etwas?  In  Bayern 
sollen  ja  die  behordlichen  Schwierigkeiten  so  sehr  groB  sein. 
Nach  Seeshaupt  haben  wir  schon  geschrieben. 

Meine  Bibliothek  lagert  nun  ganz  verpackt,  an  drei  ver- 
schiedenen  Orten,  in  Kisten.  Noch  in  der  letzten  Zeit  habe  ich 
trotz  allem  einige  schone  und  sehr  schone  Erwerbungen  ge- 
macht.  Wann  werden  Sie,  wann  werde  ich  das  sehen?  Ich 
kann  wie  gesagt  iiberhaupt  keine  Vermutungen  iiber  die  kom- 
mende  Zeit  auBern  ehe  ich  nicht  eine  Wohnung  habe  [.  . .] 

Bei  [Max]  Strauss  haben  wir  neulich  Agnon  kennen  ge- 
lernt.  Zu  [Robert]  Eislers  Bekanntschaft  wiinsche  ich  viel 
Gliick.  Mit  der  Lektiire  seines l  Werkes  hatte  ich  begonnen, 
als  ich  es  nebst  allem  iibrigen  fortpacken  muBte.  Ich  bin  bis 
zur  Proserpinaabhandlung  im  ersten  Band  gekommen  und 
finde  die  Analysis  der  Legende  von  der  hi.  Agathe  freilich 
faszinierend.  Auch  sonst  habe  ich  hie  und  da  Bemerkun- 
gen  gefunden,  die  mir  sehr  aufschluBreich  waren,  besonders 
liber  die  astrale  Bedeutung der  Frucht-  und  Feld-Symbolik. 

Meine  nachsten  Aufgaben  hier  sind  die  Abfassung  der 
Notiz  iiber  den  geistigen  Arbeiter  sowie  die  Herausgabe  bzw. 
textliche  Sicherung  der  Werke  meines  Freundes.  Es  ist  mir 
endlich,  iiber  meine  Hoffnung  hinaus,  gelungen,  den  ganzen 
NachlaB  zu  diesem  Zweck  bei  mir  zu  vereinigen  und  ich  habe 
ihn  mit  heraus  genommen.  Dann,  aber  nur  wenn  ich  in  halb- 
wegs  menschlichen  Umstanden  lebe,  muB  ich  an  die  „Habili- 
tationsschrift"  gehen,  die  diesen  wenn  nicht  ehrenden  so  doch 
fruher  hoffnungsreichen  Namen  behalten  soil,  trotzdem  die 
Aussichten  auf  eine  Dozententatigkeit  in  Bern  ja  zunichte 

240 


geworden  sind.  Es  konnte  sich  hochstens  um  die  Erwerbung 
der  venia  aus  Formgriinden  hand  ein. 

Meine  Schwiegereltern,  der  einzige  wenn  auch  auflerlich 
nicht  sehr  starke  materielle  Riickhalt  der  uns  geblieben  1st, 
die  aber  zu  den  auBersten  Opfern  bereit  sind,  bestehen  dar- 
auf,  daB  ich  Buchhandler  oder  Verleger  werde.  Nun  verwei- 
gert  mir  auch  dazu  mein  Vater  Kapital.  Aber  es  ist  sehr  wahr- 
scheinlich,  daB  ich  nach  auBen  hin  von  der  Verfolgung  mei- 
ner  alten  Arbeitsziele  werde  absehen  miissen,  nicht  werde 
Dozent  werden  konnen  und  jedenfalls  bis  auf  weiteres  heim- 
lich  und  nachtlich  meine  Studien  neben  irgend  einer  biirger- 
lichen  Tatigkeit  werde  betreiben  miissen.  Wiederum  weiB  ich 
nicht,  neben  welcher.  (Diesen  Monat  habe  ich  110  M  mit 
drei  graphologischen  Analysen  verdient).2 

Hoffentlich  hore  ich  bald  von  Ihnen.  Sie  sollen  dann  auch 
einen  froheren  (weil  in  and  ere  Gebiete  gerichteten)  Brief  von 
mir  erhalten.  Hoffentlich  wenigstens  bin  ich  dann  schon  wie- 
der  sehr  weit.  Ubrigens  bin  ich  jetzt  wirklich  gliicklich  iiber 
die  Ruhe  und  die  Freundlichkeit  die  wir  genieBen.  „Gewalt 
und  Leben"  erhalten  Sie,  wenn  meine  Frau  es  abgeschrieben 
hat,  was  noch  eine  Weile  dauern  kann.3  Es  ist  ganz  kurz. 

Ich  bemuhe  mich  sehr  eine  Lektorstelle  zu  find  en.  An  S. 
Fischer,  der  einen  sucht,  bin  ich  durch  Bloch  empfohlen  aber 
er  hat  sich  doch  nicht  an  mich  gewandt.  Wissen  Sie  etwas? 
Ich  hatte  ein  sehr  gutes  Verlagsprogramm. 

Herzlichste  GriiBe,  bitte  schreiben  Sie  bald 

Ihr  Walter 
PS  Ernst  Bloch  ist  augenblicklich  -  und  wahrscheinlich  nur 
noch  wenige  Tage  —  in  Seeshaupt  bei  Burschell4. 

1  „Weltenmantel  und  Himmelszelt."  Munchen  1909. 

2  W.  B.  war  ein  aufiergewbhnlich  begabter  und  hellsichtiger  Grapho- 
loge,  der  seinen  Freunden  manchmal  erstaunliche  Proben  seiner  Fahig- 
Iceiten  gab.  Er  gab  1922  sogar  graphologischen  Privatunterricht. 

3  Es  kam  nie  an, 

4  Friedrich  Burschell  (geb.  1889). 


241 


91  An  Gerhard  Scholem 

23.Julil920 

Lieber  Gerhard, 

dieser  Brief  soil  nicht  nur  fur  die  lange  Zeit  stehen  in  der  ich 
Sie  ohne  Nachricht  lieB,  sondern  am  Beginn  einer  andern  in 
der  ich  Ihnen  ofters  zu  schreiben  vorhabe.  Nun  habe  ich  frei- 
lich  niemals  ofter  und  herzlicher  an  Sie  gedacht  als  in  der 
ganzen  Zeit  in  der  ich  geschwiegen  habe  und  in  der  Ihre 
schonen  Brief  e,  die  ich  alle  erhielt,  Sie  mir  sehr  gegenwartig 
und  sehr  trostlich  zukiinftig  hielten.  So  hat  denn  vielleicht 
—  ohne  dafi  ich  dies  irgendwie  zu  entscheiden  wagte  —  Ihr 
Brief  vom  Juni,  der  meineLage  durch  und  durch  erfafit,  mich 
mit  Hebraisch  zu  beginn  en  veranlaBt.  Davon  will  ich  Ihnen 
bei  dieser  Gelegenheit  eine  kleine  Geschichte  erzahlen.  Erich 
Gutkind  fiihrte  mich  zu  Poppelauer  und  Lamm  *,  wo  ich  mei- 
nen  Schulranzen  und  den  Ranzen  einer  andern  Reise  sogleich 
mit  einigen  Werken  fiillte.  Wie  ich  unwissend  und  nichts- 
destoweniger  zuversichtlich  unter  den  Banden  krame,  fallt 
mir  Landau:  Chrestomatie  (Geist  und  Sprache  der  Hebraer) 
in  die  Hand,  das  Herr  Gutkind  zu  seiner  groBten  Uber- 
raschung  fur  25  M  erstehen  konnte.  Er  hat  mir  die  Geschichte 
Ihres  Exemplars  erzahlt  und  ich  habe  in  einer  Kombination 
mystischer  und  induktiver  SchluBmethoden  gefolgert,  daB  ich 
dieses  Buch  nicht  eher  besitzen  werde,  als  ich  einen  Schuler 
im  Hebraischen  habe.  Ich  habe  mir  damals  den  Fiirst2  gekauft, 
die  kleinen  Midraschim,  den  Midrasch  Mechiltha,  die  Pro- 
pheten  von  Mendel  Hirsch  und  das  Buch  uber  den  Chassidis- 
mus  von  Marcus.3  Alles  um  zu  beginnen.  Und  es  hat  gegen 
350  M  gekostet.  In  der  Bibelfrage  habe  ich  wegen  fiirchter- 
licher  Preise  nichts  machen  konnen.  Zum  Geburtstag  hat  mir 
Erich  Gutkind  das  Buch  Kusari 4  geschenkt. 

Dora  hat  Ihnen  vielleicht  schon  vieles  von  dem  genannt 
womit  sie  mich  erfreut  hat,  vor  allem  mit  einem  wunder- 
schonen  Bilde  von  Klee,  betitelt:  Die  Vorfuhrung  des  Wun- 
ders.  Kennen  Sie  Klee?  Ich  liebe  ihri  sehr  und  dieses  ist  das 
schonste  von  alien  Bildern  die  ich  von  ihm  sah.  Ich  hoff  e  Sie 


242 


werden  es  im  September  bei  mir  sehen,  wenn  ich  nicht  in 
einem  Monat  auch  die  Reste  meiner  Habe  in  einer  Kiste  (auf 
wie  lange?)  vergraben  muB.  Denn  wir  werden  nur  bis  Ende 
August  hier  drauBen  bleiben,  weil  Gutkinds  am  ersten  Sep- 
tember nach  Italien  fahren  wollen  und  wir  leider  ihr  Haus 
fur  die  zwei  Monate  ihrer  Abwesenheit  nicht  beziehen  kon- 
nen,  weil  wir  eine  Wohnung  fur  den  Winter  kaum  mehr  im 
November  bekommen  konnten.  Wir  suchen  jetzt  eifrig  eine. 
Mobliert  oder  unmobliert,  etwa  vier  Zimmer.  Wissen  Sie  zu- 
fallig  durch  Bekannte  etwas  Passendes.  Wir  konnen  auch 
nicht  langer  von  Stefan  getrennt  bleiben,  den  wir  nirgends 
so  aufgehoben  wissen,  wie  wir  es  wiinschen,  zumal  meine 
Eltern  ihn  jetzt  wahrend  meine  Mutter  eine  Reise  macht  in 
ein  Kinderheim  geben, 

Jetzt  macht  mir  die  Lektiire  derLewana  [sic]  dieTrennung 
von  Stefan  noch  besonders  schwer.  In  diesem  Werke  ist  einem 
wirklich  einmal  die  Miihe  abgenommen  iiber  den  Gegen- 
stand  ein  eignes  zu  schreiben.  Man  kann,  wenn  man  von  der 
Einwirkung  der  Religions-  und  Volksgemeinschaft  abstra- 
hiert,  also  nur  von  den  nachsten  Verhaltnissen  von  Eltern 
zum  Kinde  durchaus  nicht  einsichtiger  und  beseelter  liber  die 
Erziehung  in  der  Kindheit  reden  als  Jean  Paul  es  tut.  Die 
Deutschen  wissen  auch  hier  wieder  nicht,  was  sie  besitzen. 
Wie  streng,  niichtern  und  maBvoll  der  phantasiereichste  Geist 
die  Kinder  zu  behandeln  weiB.  (DaB  ich  dabei  das  Wort 
„ streng"  nicht  im  engern  padogogischen  Sinne  meine,  ver- 
steht  sich  von  selbst.) 

Ich  komme  dazu,  Ihnen  fur  Ihre  wunderschonen  Geschenke 
zu  danken,  von  denen  ich  nicht  weiB,  welches  mich  mehr  er- 
freut  hat  und  vor  all  em  erfreuen  wird.  Denn  in  der  „Niobe" 
konnte  ich  noch  nicht  lesen.  Aber  ein  mythologisches  Werk 
das  von  Ihnen  kommt  erfiillt  mich  mit  der  groBten  Erwar- 
tung  und  der  Gegenstand  ist  bedeutend.  Fur  die  Agnonsche 
Geschichte  scheint  mir  kein  Lob  zu  hoch,  deshalb  will  ich 
mich  nicht  imLoben  versuchen.  Ich  freute  mich  als  ich  sie  las, 
Agnon  gesehen  zu  haben.  Und  ich  danke  dem  Ubersetzer. 

243 


Erinnern  Sie  sich,  dafl  ich  Ihnen  von  Charles  Peguy  in 
Iseltwald  sprach?  Inzwischen  ist  mir  bei  Gutkinds  ein  Band 
„oeuvres  choisies"  in  die  Hiinde  gef alien,  der  mich  nocli  be- 
gieriger  auf  vollstandige  Arbeit  en  von  ihm  gemacht,  als  das 
Fragment  in  der  „Nouvelle  Revue".  Denn  auch  er  enthalt 
nur  Fragment e.  Es  hangt  nur  davon  ab,  ob  ich  endlich  die 
wesentlichen  Sachen  von  ihm  ungekiirzt  zu  lesen  bekomme, 
daB  ich  in  einem  Aufsatz  meiner  bewundernden  und  bestar- 
kenden  Zustimmung  Ausdruck  gebe.  Vergebens  habe  ich  ver- 
sucht,  S.  Fischer  und  Kurt  Wolff  fur  eine  von  mir  zu  ver- 
anstaltende  Ubersetzung  von  ausgewahlten  Aufsatzen  zu 
gewinnen.  Die  Gebiihren  die  der  franzosische  Verlag  fordert, 
sind  zu  hoch. 

Vor  einigen  Wochen  hat  mich  Kraft  auf  einige  Stunden 
besucht.  Wenn  der  Besuch  auch  f\ir  jede  Aussprache  zu  kurz 
war,  so  gewann  ich  doch  den  Eindruck  daB  sein  Geist  sich 
festigt.  Hoffentlich  werde  ich  Ende  des  Sommersemesters  bei 
seinem  zweiten  Besuch  in  Berlin  bessere  Gelegenheit  haben 
ihn  zu  sprechen. 

Bitte  schreiben  Sie  mir  wieder  sobald  Sie  konnen. 

Da  Sie  nun  einmal  die  Relationen  zwischen  Ihrer  Promo- 
tion und  der  Kabbala  zu  klaren  trachten5,  so  formuliere  ich: 
ich  will  ein  groBer  Kabbalist  sein,  wenn  Sie  den  Doktor  nicht 
summa  cum  laude  machen. 

Herzlichst 

stets  ihr 

Walter  Benjamin 

1  Die  judaistischen  Antiquariate  in  Berlin. 

2  Julius  Furst,  „Hebraisch«s  und  Chaldaisches  Handworterbuch",  Leip- 
zig 1876. 

3  Verus  [Pseudonym  von  Ahron  Marcus],  „Der  Chassidismus",  Ple- 
schen  1901;  ein  sehr  denkwiirdiges  Buch. 

^  Ein  religionsphilosophisches  Werk  des  Jehuda  ha-Levi  (12.  Jahrhun- 
dert),  Leipzig  1869. 

5  Scholem  hatte  sich  auf  das  Studium  der  kabbalistischen  Handschrif- 
ten  der  Miinchener  Bibliothek  geworf  en. 


244 


92  An  Gerhard  Scholem 

[ca.  1.12.  1920] 
Lieber  Gerhard, 

beinah  ware  es  geschehen  daB  zu  Ihrem  Geburtstag  nichts 
eingetroffen  ware  als  diese  sehr  herzlichen  Gluckwiinsche 
—  und  die  „Auswahl  kleiner  Schriften"  von  der  ich  mich  all- 
zuleicht  trenne.  Denn  alles  andere  fiihrte  mich  sehr  in  Ver- 
suchung,  es  zuriickzubehalten,  sowohl  das  Leben  Jesu1  mit 
seinen  schonen  Ubersetzungen  als  auch  die  offenbar  hochst 
merkwiirdige  Religion  der  Vernunft.2  Da  ich  mich  aber  des 
eisernen  Regimentes  entsann,  das  ich  selbst  an  diesen  Tagen 
iiber  die  unterworfenen  Volker  ftihre,  so  sollen  aus  Gerech- 
tigkeit  doch  diese  Geiseln,  die  Vornehmen  unter  den  Kindern 
der  Schriftgelehrten,  an  Sie  abgehen. 

Eine  besondere  Uberraschung  gedenkt  Ihnen  zum  Geburts- 
tage  das  Kuratorium  der  Universitat  Muri  zu  machen,  in  des- 
sen  Auftrag  ich  Ihnen  mitzuteilen  habe,  daB  zu  seiner  Feier 
das  neue  Gebaude  der  Universitat  eingeweiht  wird,  mit  sei- 
nem  Portal  iiber  dem  das  Kuratorium  den  Spruch  hat  anbrin- 
genlassen:LirumlarumL6ffelstiel/kleine  Kinder  fragen  viel. 
Die  ganzen  Baulichkeiten  sind  aus  Schokolade  und  haben  wir 
eine  Materialprobe  beigefugt. 

Die  Wohnung  kommt  langsam  in  Ordnung.  Noch  ist  das 
grofie  Regal  nicht  fertig.  Und  dann,  denken  Sie,  haben  wir 
vom  Spediteur  start  eine  meiner  Bucherkisten  eine  fremde, 
gleich  bezeichnete  bekommen.  Unsere  hat  er,  wie  er  schreibt, 
nun  schon  abgeschickt  aber  auch  die  ist  noch  nicht  hier.  Ubri- 
gens  befinden  sich  angeblich  in  dieser  Kiste:  Samtliche  Werke 
von  Schnorr  von  Frechheitsberg  3,  Pontius  Pilatus:  Hebraisch 
fiir  Landpfleger,  Noeggerath:  Miinchner  Kindllogik  und  sie- 
ben  titanische  Kas. 

Dora  scheint  es  ebenfalls  nur  sehr  langsam  besser  gehen  zu 
wollen.  Auf  ihr  gegenwartiges  Aussehen  mochte  sie  sich  nicht 
festlegen  lassen.  (Dies  zur  Erklarung  des  fehlenden  Bildes). 
Von  Stefans  Moraltheologie  sind  die  Tugenden,  welche  er  mit 
den  Marburgern  als  unendliche  Schulaufgaben  definiert  hat 
noch  nicht  da  und  die  Siinden  alle  vergriffen. 

245 


Ich  selbst  beginne  nach  einer  langen  schlimmen  Depres- 
sionszeit  sehr  fleiBig  zu  werden.  Damit  sehe  ich  mich  nun  vor 
eine  schwere  Entscheidung  gestellt.  Es  zeigte  sich  namlich, 
daB  die  erste  Orientierung  in  zwei  so  schwierigen,  mir  unbe- 
kannten  und  einander  entlegenen  Gebieten  wie  es  die  Schola- 
stik  und  das  Hebraische  sind,  unmoglich  in  der  gleichen 
Epoche  mir  gelingen  konnte.  Die  "Oberlegung  ergab,  daB  die 
nahere  Bestimmung  und  Ausfiihrung  meiner  Habilitations- 
schrift  so  schwierig  sein  wird,  das  irgend  ein  Zwischenschie- 
ben  einer  groBen  heterogenen  Beschaftigung  sie  ins  unab- 
sehbare  hinausschieben  konnte.  Ferner,  daB  dies,  und  zwar 
nur  aus  praktischen  Griinden,  unbedingt  nicht  sein  darf,  Dar- 
aus  folgt,  daB  ich  in  dem  Augenblick,  wo  mich  die  Philoso- 
phic ganz  ausschlieBlich  in  Anspruch  nehmen  wiirde,  ich  zum 
letzten  Male  das  Hebraische  (nicht  bis  zur  Habilitation,  aber) 
bis  zur  Erledigung  der  Habilitationsschrift  zuriicktreten  las- 
sen  miiBte.  Etwas  anderes  ist  bei  meinen  Arbeitsmoglichkei- 
ten  und  unter  den  gegenwartigen  Umstanden  nicht  moglich. 
Solange  es  angeht  werde  ich  es  aber  beim  KompromiB  be- 
wenden  lassen,  nur  glaube  ich  wird  es  nicht  lange  sein.  Ich 
habe  das  Buch  von  Heidegger  liber  Duns  Scotus  gelesen.  Es  ist 
unglaublich,  daB  sich  mit  so  einer  Arbeit,  zu  deren  Abfassung 
nicht s  als  groBer  FleiB  und  Beherrschung  des  scholastischen 
Lateins  erforderlich  ist  und  die  trotz  aller  philosophischen 
Aufmachung  imGrunde  nur  einStiick  guterUbersetzerarbeit 
ist,  jemand  hahilitieren  kann.  Die  nichtswiirdige  Kriecherei 
des  Autors  vor  Rickert  und  Husserl  macht  die  Lektiire  nicht 
angenchmer.  Philosophisch  ist  die  Sprachphilosophie  von  Duns 
Scotus  in  dies  em  Buch  unbearbeitet  geblieben  und  damit  hin- 
terlaBt  es  keine  kleine  Aufgabe.  Uber  die  erkenntnistheore- 
tische  Bedeutung  der  Sprachphilosophie  hielt  in  der  Kant- 
gesellschaft  vor  kurzem  einer  von  den  300  neuen  Kolner 
Privatdozenten  namens  [Helmuth]  Plessner  einen  Vortrag, 
dessen  Niveau  zwar  nicht  hoch,  dessen  Inhalt  aber  meist  sehr 
zutreffend  war.  In  der  Diskussion  sprach  niemand  auBer 
[Arthur]  Liebert,  der  im  Namen  der  kritischen  Philosophie 
den  Redner  herunterputzte,  und  ich,  der  vielleicht  unter  den 
Horern  allein  etwas  zur  Sache  hatte  sagen  konnen,  hatte 

246 


hinsichtlich  Lieberts  auBere  Griinde,  nicht  zu  reden.  Inzwi- 
schen  bin  ich  Mitglied  der  Kantgesellschaft  wieder  geworden 
und  alsbald  zur  Selbstanzeige  meiner  Dissertation  in  den 
Kantstudien  aufgefordert  worden.  In  den  „Argonauten"  wird 
nun  von  mir  die  Kritik  des  „Idioten"  und  „Schicksal  und 
Charakter"  erscheinen.4  Ich  babe  die  Korrekturbogen  bekom- 
men.  —  Eine  hochst  beachtenswerte,  wesentliche  Besprechung 
von  Blochs  Buch,  welche  dessen  Schwachen  mit  groBer  Strenge 
an  den  Tag  legt,  ist  in  letzter  Zeit  erschienen.  Von  S.  Fried- 
lander.5  Zu  dieser  werde  ich  mich  wahrscheinlich  im  ersten 
Teil  meiner  „Politik",  welches  die  philosophische  Kritik  des 
Lesabendio  ist,  auBern.  Sobald  ich  ein  mir  noch  notwendiges 
Buch  aus  Frankreich  erhalten  habe,  will  ich  an  den  zweiten 
Teil  der  „Politik"  gehen,  deren  Titel  ist  „die  wahre  Politik" 
mit  den  beiden  Kapitelii  „Abbau  der  Gewalt"  und  „Teleolo- 
gie  ohne  Endzweck". 

Jetzt  bin  ich  dabei  die  Ubersetzung  der  Tableaux  parisiens 
fertigzustellen.  Dabei  verbessere  ich  auch  das  Frtihere,  sodaB 
ich  mit  gutem  Zutrauen  in  meine  Sache  einen  Verleger 
suchen  kann. 

Bitte  schreiben  Sie  mir,  wie  es  in  [Moritz]  Geigers  Philo- 
sophic der  Mathematik  ist.  -  Ob  ich  bei  Frl.  [Kathe]  Hol- 
lander nun  [hebraische]  Stunde  nehme,  weiB  ich  noch  nicht. 
Die  Brief e  und  die  Schrift  von  Lewy6  erhalten  Sie,  sowie 
ich  mit  meinen  Sachen  in  Ordhung  bin,  jetzt  liegt  noch  so 
vieles  herum,  daB  ich  nicht  alles  gleich  finde. 

Leben  Sie  sehr  herzlich  wohl  Ihr  Walter 
Kraft  hat  mir  geschrieben.  Ich  kann  aber  nicht  umhin  anzu- 
nehmen,  daB  er  mit  dem  Plan  einer  Dissertation  iiber  den 
Divan  (sicher  das  schwierigste  Thema  der  neuern  deutschen 
Literatur)  auf  dem  Holzwege  ist. 

1  Samuel  Krauss,  Das  Leben  Jesu  nach  jiidischen  Quellen  (1902). 

2  Hermann  Cohens  Nachlafiwerk  ^Religion  der  Vernunft  aus  den 
Quellen  des  Judentums". 

3  W.  B.  beltlagte  sich  gern,  daB  Scholem  ihm  die  besten  Bucber  seiner 
Bibliothek  „abzuscbnorren"  suche.  Schnorr  von  Carolsfeld  -  der  naza- 
renische  Maler.  Die  Titel  sind  Werke  aus  der  Bibliothek  der  „Univer- 
sitat  Muri". 


247 


4  Das  geschah  in  Heft  10-12  (1921).  Jetzt  in  „Schriften"  I,  31  f.  und 
II,  127  ff. 

5  In  Band  IV  des  Ziels,  S.  103-116. 

6  Ernst  Lewy,  Zur  Sprache  des  alten  Goethe  (1913).  W.  B.  hatte  fur 
den  Autor  (1881-1965)  und  fur  seine  waghalsige  Schrift  viel  Bewun- 
derung. 


93  An  Gerhard  Scholem 

29.  Dezember  1920 

Lieber  Gerhard, 

als  Sie  so  lange  schwiegen,  da  habe  icb  den  Grimd  davon 
vermutet.  Bevor  ich  noch  zu  einem  EntschluB  gekommen 
war,  schrieb  ich  nur  aus  der  qualenden  Unentschiedenheit 
heraus  an  Gutkinds,  von  denen  ich  dann  bald  nach  Ihrem 
Brief  vom  achtzehnten  Ermahnungen  zur  Ant  wort  erhielt. 
Was  ich  auf  diese  ihnen  gestern  erwiderte  enthalt,  wie  Sie 
sehen  werden,  die  Auseinandersetzung  mit  Ihrem  Briefe  und 
weil  ich  mich  nicht  besser  ausdriicken  kann,  bleibt  mir  nichts 
Besseres  iibrig,  als  was  ich  Gutkinds  schrieb  Ihnen  abzu- 
schreiben.  „Als  Euer  Brief  kam,  da  war  das  Dilemma,  unter 
dem  ich  wochenlang  gelitten  hatte,  gelost  und  wurde  nach 
dessen  Lektiire  noch  einmal,  mit  dem  gleichen  Ergebnis, 
iiberdacht.  Nein,  es  geht  nicht  anders.  Ich  kann  mich  den 
jiidischen  Dingen  nicht  mit  meiner  letzten  Intensitat  zu- 
wenden,  bevor  ich  aus  meinen  europaischen  Lehrjahren  das- 
jenige  gezogen  habe,  was  wenigstens  irgend  eine  Chance 
ruhigerer  Zukunft,  Unterstiitzung  durch  die  Familie  und 
dergleichen  begriinden  kann.  Ich  gestehe  es  ein,  daB  ich  gei- 
stig,  und  schon  etwa  seit  meinem  Doktorexamen,  an  dem 
Punkte  bin,  daB  ich  mich  fur  eine  lange  neue  Lehrzeit  vom 
Europaischen  ab  wend  en  kann.  Aber  ich  weiB  auch,  daB  der 
zahe  EntschluB,  den  ich  so  lange  genahrt  habe,  mir  die  ruhige 
freie  Wahl  des  Augenblicks  der  Ausfiihrung  iiberlaBt.  Nun 
ist  es  wahr,  daB,  wie  mir  Scholem  schrieb,  das  Alter  je  hoher 
es  ist,  desto  mehr  die  Ausfiihrung  erschwert  und  schlieBlich 
noch  im  gunstigsten  Fall  zur  Katastrophe  macht.  Wenn  auch 

248 


zur  reinigenden.  Aber  auch  hier  wirkt  der  lang  und  stetig 
gefaBte  EntschluB  regulierend.  AuBerdem  wird  es  sich  wohl 
nicht  um  mehr  als  hochstens  zwei  Jahre  handeln.  In  dieser 
Zeit  will  ich  eine  Arbeit  aus  einem  mir  irgendwie  vorschwe- 
benden  Komplex  abgrenzen  und  schreiben.  Diese  Arbeit  laBt 
sich  -  wiewohl  sie  mir  wichtig  ist  -  abgrenzen,  beschranken. 
-  Die  Tragweite  des  Eintretens  ins  Hebraische  ist  unuberseh- 
bar.  Also  unmoglich,  etwa  zu  sagen:  ich  lerne  erst  ein  bis 
zwei  Jahre  Hebraisch  und  mache  jene  Arbeit  erst  dann.  Ihr 
werdet  die  klaren  Griinde  meines  Entschlusses  anerkennen 
miissen.  Also  bitte  ich  Euch,  nicht  mit  dem  Lernen,  aber  mit 
dem  Herzen  auf  mich  zu  warten."  Erst  jetzt  im  Schreiben 
sehe  ich,  wie  sehr  diese  Satze  an  Sie  gerichtet  sind.  Ich  habe 
Ihnen  nur  noch  das  Versprechen  hinzuzufugen,  wirklich  nach 
Beendigung  jener  Arbeit  mich  durch  keine  Gelegenheits- 
arbeit,  und  wenn  Herbertz  100  Jahre  alt  wird  oder  mit  der 
Philosophie  seine  goldeneHochzeit  feiert,  aufhaltenzu  lassen. 

Was  jene  geplante  Arbeit  angeht,  so  habe  ich  mich  in  letz- 
ter  Zeit  mit  einer  Analyse  des  Wahrheitsbegriffs  beschaftigt, 
die  mir  einige  Grundgedanken  zu  dieser  Arbeit  liefert.  Als 
ich  sie  neulich  Ernst  Lewy  (dem  Sprach-mann)  vortrug,  war 
ich  sehr  erfreut,  sie  von  ihm,  der  ja  kein  Metaphysiker,  aber 
ein  kluger  und  richtig  denken der  Mann  ist,  gebilligtzuhoren. 
Er  war  namlich  vorubergehend  in  Berlin,  wo  der  hiesige 
Ordinarius  fur  vergleichende  Sprachwissenschaft,  Schulz,  sich 
iibrigens  bemiiht,  ihm  ein  Extra- Ordinariat  zu  verschaffen. 
Leider  ist  es  wegen  des  Geldmangels  schwierig.  Von  seiner 
Person  hatte  ich  wieder  den  unvergleichlichen,  und  jedes  Mai 
gleich  inkommensurablen  Eindruck.  Es  ist  wirklich  meine 
groBte  Sorge,  daB  Sie  ihn  kennen  lernen.  Jetzt  muB  er  nach 
Argentinien,  um  einen  schwer  erkrankten  Bruder  abzuholen. 

Was  die  „kl einen  Schriften"  angeht,  so  geben  Sie  sich,  wie 
die  immer  neu  anschwellende  unersattliche  Flut  Ihrer  Wlinsche 
beweist,  Illusionen  iiber  deren  Zahl  hin.  Was  ich  etwa  in  den 
letzten  Jahren  an  kl einen  Schriften  verfaBt  habe  (es  ist  fast 
nichts)  ist,  auBer  der  Kritik  der  Porte  £troite,  die  iibrigens  ein 
Roman,  kein  Drama,  ist,  noch  nicht  abgeschrieben,  bis  auf 
die  „Phantasie  iiber  eine  Stelle  aus  dem  Geist  der  Utopie"  die 

249 


ich  Ihnen  vielleicht  demnachst  schicken  werde.  Was  nun  jene 
„ Theater kritiken"  angeht,  so  mochte  ich  sie  lieber  Notizen 
uber  Dramen  nennen,  von  denen  ich  doch  die  iiber  „Wie  es 
Euch  gefallt"  mit  gutem  Gewissen  dem  Verstandnis  emp- 
fehlen  kann.  Den  darin  ausgesprochenen  Anschauungen  iiber 
Shakespeare  gehe  ich  weiter  nach.  -  Konnen  Sie  mir  einmal 
andeuten,  warum  die  Schrift  „das  Leben  Jesu  nach  jiidischen 
Quell  en"  zu  so  unerhorteh  Konsequenzen  fiihrt?  Den  Gun- 
'  dolfschen  George  konnte  ich  mir  noch  nicht  ansehen  und 
warte  auf  eine  Gelegenheit,  die  wohl  bald  kommen  wird. 

[...] 

[Richard]  Weissbach  in  Heidelberg  will  meine  tlberset- 
zung  der  „ Tableaux  parisiens"  herausgeben  (als  Buch)  „wenn 
ich  ihm  erfiillbare  Forderungen  stelle".  Auch  der  Drei-Mas- 
ken-Verlag  in  Munchen  hat  das  Manuscript  eingefordert. 
Weissbach  wird  wohl  so  gut  wie  nichts  zahlen,  auch  die  Sache 
nur  [in]  250  Exemplare[n]  als  torichten  Biittenschwindel 
herausbringen.  Ich  werde  sehen  was  sich  ergibt.  Die  Gelegen- 
heit zum  Druck  muB  ich  aus  auBeren  Griinden,  auch  meiner 
Familie  wegen,  unbedingt  ausnutzen. 

Der  „wahre  Politiker"  ist  abgeschrieben.  Hoffentlich 
kommt  er  bald  zum  Druck.  Nach  Neujahr  will  ich  die  beiden 
folgenden  Arbeiten,  welche  mit  ihm  zusammen  die  „Politik" 
ausmachen  soil  en,  schreiben.  —  Hier  ist  irgendwo  das  Buch 
von  Jeremias  „Handbuch  der  altorientalischen  Geisteskultur" 
fur  15  M  antiquarisch  zu  haben.  Lohnt  die  Anschaffung? 
Bitte  sagen  Sie  mir  das. 

Gutkinds  Adresse  ist  Meran  Obermais  Langegasse  Maya- 
burg  bei  Frau  Promberger  Italien. 

Dora  geht  vorlaufig  nicht  ins  Biiro  und  erholt  sich  all- 
mahlich.  Sicher  nicht  zum  wenigsten  durch  die  freiere  Aus- 
sicht. 

Die  Buntscheckigkeit  dieser  Mitteilung  entschuldigen  Sie 
bitte.  Ich  werde  Ihneri  mehr  schreiben  konnen,  wenn  ich 
Ihnen  weniger  mitzuteilen  haben  werde.  —  Nun  will  ich  nur 
noch  sagen,  daB  mein  Bruder  mir  die  Briefe  geschenkt  hat 
die  Rosa  Luxemburg  aus  dem  Gef  angnis  wahrend  des  Krieges 
geschrieben  hat  und  daB  ich  von  deren  unglaublicher  Schon- 

250 


heit  und  Bedeutung  betroff  en  war.  Kraus  hat  eine  bedeutende 
Polemik  an  die  unverschamte  Befehdung  des  Geistes  dieser 
Briefe  durch  eine  ^Deutsche  Frau"  angeschlossen.  In  der 
gleichen  (letzten)  Nummer  der  Fackel  hat  er  eine  National- 
hymne  fur  Osterreich  veroffentlicht,  die  ihn  mir,  ebenso  wie 
„Brot  und  Luge"  ganz  auf  dem  Wege  zum  grojJen  Politiker 
zeigt.  Es  ist  als  ware  die  damonische  tiefere  Halfte  seines 
Wesens  abgestorben,  versteinert  und  als  hatte  diese  Brust 
und  das  sprechende  Haupt  nun  das  unverriickbare  marmorne 
Postament,  von  dem  herab  es  spricht. 

Wir  griiflen  Sie  beide  von  Herzen  und  hoffen,  daB  wir  uns 
haufiger  als  bisher  schreiben  werden. 

Ihr  Walter 

PS  Ein  Namensvetter  Ihrer  Wirtsleute  hat  in  der  Fuldaschen 
Moliere-Ausgabe  eine  scheuBliche  Ubersetzung  des  Amphi- 
tryon verfaBt,  die  wir  neulich  auf  der  Biihne  gesehen  haben. 
Ich  glaube  in  Miinchen  wird  man  noch  immer  bisweilen  mit 
einigem  GenuB  ins  Theater  gehen  konnen,  was  hier  kaum 
mehr  moglich  ist. 


94  An  Gerhard  Scholem 

[Januar  1921] 

Lieber  Gerhard, 

aus  einer  Besorgnis  schreibe  ich  Ihnen  heute:  daB  sich  jene 
Notwendigkeit,  von  der  wir  zuletzt  mit  einander  redeten, 
nicht  zwischen  uns  drange,  sondern  eine  Zeit,  die  fur  uns 
beide  wie  wohl  nicht  ganz  im  gleichen  Sinne  eine  schwere 
Wartezeit  ist,  in  gegenseitiger  Nahe  verbringen  mogen.  Ich 
weiB  daB  sich  hier  nichts  forcieren  laBt  und  daB  Sie  wie  ich 
hoff  e  gegen  Ihren  Will  en  mir  von  vielem  schweigen  mlissen, 
wahrscheinlich  vom  Wesentlichsten,  was  wir  mit  einander  zu 
bereden  hatten.  Sie  sollen  wissen,  daB  ich  weit  entfernt  bin 
das  Unmogliche  irgendwie  zu  erwarten.  Umso  mehr  glaube 

251 


ich  sollten  wir  das  lebendig  erhalten  was  uns  doch,  so  wahr 
Sie  meinen  EntschluB  in  seiner  Notwendigkeit  verstehen  und 
mir  glauben,  bleibt.  Schwer  ist  es  mir  oft,  weil  sich  mit  dem 
Opfer  doch  natiirlich  keineswegs  sogleich  das  einstellt  um 
dessentwillen  ich  es  gebracht  habe,  und  ich  muB  meiner 
neuen  Arbeit  gegenuber  mich  gewissermaBen  geduldig  auf 
die  Lauer  legen.  Gewisse  Grundgedanken  sind  freilich  fixiert, 
aber  da  es  mit  jedem  Gedanken,  der  in  ihren  Kreis  gehort,  in 
die  Tiefe  geht,  ist  anfanglich  nicht  alles  zu  iibersehen  und  ich 
bin  auch  nach  meinen  bisherigenStudienvorsichtig  geworden 
und  bedenklich,  ob  es  richtig  ist  die  Verfolgung  der  schola- 
stischen  Analogien  als  Lei  tf  ad  en  zu  benutzen  und  nicht  viel- 
leicht  ein  Umweg,  da  die  Schrift  von  Heidegger  doch  viel- 
leicht  das  Wesentlichste  scholastischen  Denkens  fur  mein 
Problem  -  iibrigens  in  ganz  undurchleuchteter  Weise  —  wie- 
dergibt,  und  sich  auch  das  echte  Problem  im  AnschluB  an  sie 
schon  irgendwie  andeuten  laBt.  So  daB  ich  mich  vielleicht 
zunachst  eher  bei  den  Sprachphilosophen  umsehen  werde.  Zur 
Zeit  habe  ich  die  „Sprachlehre"  von  A.  F.  Bernhardi1  vor, 
die  aber  monstros  unklar  geschrieben  und  gedacht  und  nur 
hie  und  da  ertragreicher  zu  sein  scheint.  -  Auch  befindet  sich 
alles  noch  im  vorbereitendsten  Stadium,  solange  ich  meine 
Arbeit  iiber  Politik,  dabei  ein  en  von  Lederer  bestellten  Auf- 
satz  nicht  abgefaBt  habe,  fur  die  ich  immer  noch  auf  notige 
Literatur  warte.  Doch  werde  ich  wohl  in  den  nachsten  Tagen 
Sorel  „Reflexions  sur  la  violence"  erwarten  konnen.  Nun  habe 
ich  gerade  jetzt  die  Bekanntschaft  mit  ein  em  Buche  gemacht, 
das  soweit  ich  nach  der  Vorlesung  die  der  Verfasser  an  zwei 
Abenden  abhielt,  denen  ich  beiwohnte,  urteilen  kann,  die 
bedeutendste  Schrift  iiber  Politik  aus  dieser  Zeit  mir  zu  sein 
scheint.  Gestern  abend,  als[o]  am  zweiten  der  Vorlesung,  sagte 
Hiine  Caro  mir,  daB  er  Ihnen  iiber  das  Buch  geschrieben 
habe,  Erich  Unger:  Politik  und  Metaphysik.2  Der  Verfasser 
ist  aus  dem  selben  Kreise  der  Neo-pathetiker,  dem  auch  David 
Baumgardt  (den  ich  hier,  einmal  sprach)  angehort  hat  und 
den  ich  von  seiner  verrufensten  und  wirklich  verderblichen 
Seite  zur  Zeit  der  Jugendbewegung  in  einer  fur  Dora  und 
mich  hochst  eingreifenden  Weise  in  der  Gestalt  des  Herrn 

252 


Simon  Guttmann3  kennen  lernte.  Ein  Herr  [Karl]  Tiirkischer, 
dem  Sie  vermutlich  einmal  Bescheid  gesagt  haben,  halt  sich 
auch  dort  auf .  Sie  haben  recht  wenn  Sie  —  selbstverstandlich  — 
den  zionistischen  Tendenzen  dieser  Leute4  mit  volliger  Teil- 
nahmlosigkeit  gegeniiber  stehen.  Ich  darf  das  voraussetzen 
ohne  es  zu  wissen.  DasHebraisch  dieser  Menschen  kommt  aus 
der  Quelle  eines  Herrn  Goldberg5,  -  von  dem  ich  zwar  wenig 
weiB,  durch  dessen  unreinliche  Aura  ich  mich  aber  so  oft  ich 
ihn  sehen  muBte  aufs  entschiedenste,  bis  zur  Unmoglichkeit 
ihm  die  Hand  zu  geben,  abgestoBen  fuhlte.  Dagegen  sind 
Unger  und  Baumgardt  wie  mir  scheint  von  ganzlich  andrer 
Art-und  ich  glaube  es  aus  meinem  hochst  lebhaften  Interesse 
an  Ungers  Gedanken,  die  sich  z.  B.  was  das  psycho -physische 
Problem  angeht  mit  den  meinigen  uberraschend  beriihren, 
verantworten  zu  konnen,  Sie,  trotzdem  ich  das  Gesagte  weiB, 
auf  das  Buch  hinzuweisen.  Ich  habe  bei  diesen  Vorlesungen 
S.  Friedl'ander  kennen  gelernt.  Er  wirkte  auf  mich  irgendwie 
bezwingend,  durch  einen  Ausdruck  unendlicher  Vornehm- 
heit  und  gleich  unendlichen  Leidens.  Von  seinen  eigenen 
Sachen  spricht  er  mit  echter  Bescheidenheit. 

Der  Stifter  ist  gekommen  und  hat  Dora  die  unglaublichste 
Freude  gemacht.  Sie  besitzt  namlich  die  „Erzahlungen" 
schon  in  der  gleichen  Aus  gab  e  und  wir  haben  nun  mit  einem 
Schlage  einen  sehr  schonen  fast  vollstandigen  Stifter.  Auch 
sonst  war  der  Geburtstag  sehr  schbn  und  infolge  einer  weisen 
Familienpolitik  ungestort 

Die  Frau  von  Ernst  Bloch,  einer  der  Menschen,  die  wir 
am  liebsten  gehabt  haben,  ist  in  Miinchen  gestorben.  Sie 
haben  sie  in  Interlaken  ja  auch  wohl  gesehen.  Wir  haben 
ihn  nun  zu  uns  eingeladen,  aber  noch  keine  Antwort  ob  er 
kommt.  Seine  Frau  war  seit  vielen  Jahren  sehr  leidend. 

Schrieb  ich  Ihnen  schon,  daB  ich  mit  Weissbach  iiber  meine 
Baudelaire-tTbersetzungen  verhandle.  Er  will  die  Tableaux 
parisiens  nehmen,  und  dies  wird  mir  schlieBlich  trotz  allem 
lieber  sein,  als  eine  Abstemplung  durch  den  jiidischen 
Verlag.  - 

Jetzt,  da  der  Brief  nach  wochenlanger  Quarantaine  ab- 

253 


gehen  soil,  will  ich  noch  Weniges  hinzufiigen.  Ich  habe  sehr 
viel  zu  arbeiten,  da  ich  jetzt  fur  Lederer  einen  Aufsatz 
„Kritik  der  Gewalt",  der  in  den  „WeiBen  Blattern"  erschei- 
nen  soil,  abfasse.6  Augenblicklich  bin  ich  endlich  bei  derRein- 
schrift  angelangt.  In  jedem  Falle,  auch  wenn  er  nicht  er- 
scheint,  werden  Sie  ihn  zu  lesen  bekommen.  Bei  dieser  Sache 
habe  ich  mich  mit  der  „Ethik  des  rein  en  Willens"  ein  klein 
wenig  befassen  miissen.  Was  ich  aber  da  gelesen  habe,  hat 
mich  recht  betriibt.  Offenbar  ist  bei  Cohen  die  Ahnung  des 
Wahren  so  stark  gewesen,  daB  es  der  unglaublichsten  Spriinge 
bedurft  hat,  um  ihr  geradezu  den  Riicken  zuzuwenden. 

Seit  gestern  ist  die  ganze  Bibliothek  aufgestellt,  da  die 
letzten  Regale  gestern  erst  vom  Tischler  kamen.  Es  sieht  sehr 
schon  aus  und  nun  erwarten  nicht  nur  wir  sondern  auch 
unsere  Bucher  Sie. 

Seien  Sie  nicht  bose  wenn  ich  heute  mehr  nicht  hinzufuge. 
Ich  erwarte  einen  Brief  von  Ihnen  mit  Ungeduld 

Ihr  Walter 

PS  Krafts  Brief  an  Kraus  habe  ich  im  Moment  nicht  zur 
Hand.  Finde  ich  ihn  noch  so  lege  ich  ihn  noch  bei. 

PS  II  Nun,  wohl  drei  Wochen  nachdem  ich  diesen  Brief  be- 
gonnen  habe,  will  ich  ihn  absenden  und  nur  noch  fur  Ihren 
Brief  danken,  den  ich  gestern  bekam.  DaB  Sie  fur  den  Stifter 
nicht  friiher  unsern  Dank  bekommen  haben,  bitte  ich  Sie  sehr 
zu  entschuldigen.  Er  ist  iibrigens  ganz  zur  rechten  Zeit  gekom- 
men  und  durfte  als  einzigeGabeunterworfnerVolkerschaften 
auf  dem  Geburtstagstisch  prangen.  —  Was  die  Friedlandersche 
Rezension  vom  „Geist  der  Utopie"  betrifft,  so  will  ich  ver- 
suchen,  sie  Ihnen  bald  zu  senden.  DaB  Sie  sich  die  Ungersche 
Schrift  bestellt  haben  ist  insofern  schade,  als  Sie  sie  durch 
mich,  da  der  Verfasser  sie  mir  geschenkt  hat,  hatten  bekom- 
men kbnnen.  —  Mit  meiner  Arbeit  „Zur  Kritik  der  Gewalt" 
bin  ich  nun  fertig  und  hoffe  daB  Lederer  sie  in  den  WeiBen 
Blattern  bringen  wird.  Es  gibt  was  Gewalt  angeht,  noch 
Fragen  die  nicht  in  ihr  beriihrt  sind,  aber  ich  hoffe  doch,  daB 

254 


sie  Wesentliches  sagt.  Erschienen  ist  freilich  bisher  sowohl 
von  den  nicht -angenommenen  wie  von  den  angenommenen 
Sachen  noch  nichts,  aber  ich  gebe  die  Hoffnung  fiir  beide 
nicht  auf;  wiewohl  ich  besonders  betriibt  war,  daB  meine 
Rezension  vom  „Geist  der  Utopie"  garnicht  unterzubringen 
war.  Denn  wenn  ich  auch  wichtige  Klarstellungen  fiir  mich 
dieser  Arbeit  verdanke,  so  war  sie  doch  eigentlich  ganz  fiir 
die  Veroffentlichung  berechnet.  Auch  war  schon  ihr  Abdruck 
in  einer  Sonderpublikation  des  „Logos"  geplant,  bis  sich  er- 
gab,  daB  kein  Geld  fiir  solche  zur  Verfiigung  stand e.  Auch 
der  „wahre  Politiker"  ist  noch  garnicht  angenommen,  da 
Lederer  ihn  wenigstens  zunachst  nicht  bringen  will  und  ich 
mich  jetzt  natiirlich  an  Bloch  nicht  wende.  Wir  haben  noch 
immer  seit  der  Todesnachricht  noch  keine  Zeile  von  ihm 
gehabt.  -  JVtit  Weissbach  hoffe  ich  bald  einen  Vertrag  zu 
unterzeichnen.  [. . .  ]  Natiirlich  sind  die  „ Tableaux  parisiens" 
fertig  und  zwar  habe  ich  alle  bis  auf  ein  friihes  Gedicht 
(A  une  mendiante  rousse)  iibersetzt. 

Wir  entnehmen  mit  Betriibnis  aus  den  haufigen  Krank- 
heitsberichten,  daB  Ihnen  das  Klima  von  Munch  en,  das  ja 
wirklich  schlecht  ist,  nicht  bekommt  und  daB  Ihre  Gesundheit 
nicht  so  kraftig  ist  wie  wir  es  Ihnen  wunschen.  Darum  tut  es 
uns  doppelt  leid,  wenn  es  Ihnen  in  Miinchen  an  angemessnem 
Umgang  fehlt.  Warum  ist  denn  Agnon  ausgewiesen?  Nur 
wegen  mangelnder  Papiere  (angeblich)?  —  Was  nun  Ihre 
wiirdigen  Zerstreuungen  angeht,  so  bin  ich  neugierig,  was 
Sie  mir  Schlechtes  von  [Rudolf]  Kassners  Vortrag  berichten 
werden.  Wissen  Sie,  daB  er  iiber  Physiognomik  auch  ein  Buch 
(Zahl  und  Gesicht)  geschrieben  hat.  Ich  werde  gelegentlich 
hineinsehen.  Neulich  las  ich  einen  Essay  iiber  Baudelaire,  der 
genau  so  unmaBig  verlogen  ist,  wie  alles  was  ich  von  ihm 
kenne.  Ich  habe  ihn  auf  die  Formel  gebracht:  Fiir  eine  Halb- 
wahrheit  verkauft  er  die  ganze.  Sie  trifft  auf  jeden  Satz  von 
ihm  zu. 

In  welchem  Zusammenhang  habe  ich  Ihnen  nur  von 
Mathematik  und  Sprache  geschrieben?  Es  ist  mir  entf alien 
und  so  weiB  ich  denn  nicht  eigentlich,  worauf  die  entspre- 
chenden  Stellen  in  Ihrem  Brief  sich  beziehen.  Fiir  den  Hin- 


255 


weis  auf  das  Buch  von  Areopagita7  danke  ich  Ihnen  sehr. 
Sind  Sie  noch  bei  [Moritz]  Geiger? 

Ich  hoffe,  daB  Sie  mir  recht  bald  wieder  schreiben  und 
griiBe  Sie  herzlichst. 

1  August  Ferdinand  Bernhardis,  Berlin  1801-1805,  erschienene  roman- 
tische  Sprachphilosophie. 

2  Berlin  1921  („Die  Theorie,  Versuche  zu  philosophischer  Politik", 
1.  Veroffentlichung)  -  eine  jetzt  fast  unauffindbare  Schrift. 

3  Er  hatte  die  Spaltung  des  „Sprechsaals"  Anfang  1914  herbeigefuhrt. 

4  Unger  und  Goldberg  lehnten  den  „empirischen"  Zionismus  im 
Namen  eines  „apriorischen"  oder  metaphysischen  ab. 

5  Oskar  Goldberg  (1885-1952),  Autor  der  „Wirklichkeit  der  Hebraer" 
(1925),  eines  Werkes,  das  (groBenteils  unterirdisch,  so  z.  B.  bei  Thomas 
Mann)  eine  bedeutende  Wirkung  hatte. 

6  Erschien  im  „Archiv  fiir  Sozialwissenschaft  und  Sozialpolitik"  XL VII 
(1921);  jetzt  „Schriften"  I,  51  £E. 

7  „Uber  die  Gottlichen  Namen"  des  Dionysius  Areopagita. 


95  An  Gerhard  Scholem 

14.  Februar  1921 

Lieber  Gerhard, 

ich  habe  Ihren  Brief  nur  deshalb  nicht  so  bald  beantwortet, 
weil  ich  mich  im  Gedanken  an  ihn  wahrend  unruhiger  Tage 
ausgeruht  und  beruhigt  habe.  Ich  bleibe  bei  dem  Vertrauen 
daB  wir  drei  unsere  gemeinsame  Sache  einmal  gegenwartig 
haben  werden  und  ich  konnte  Dora  und  mich  keinem  Dritten 
in  dieser  Weise  verbunden  denken,  da  ich  meine  Richtung 
und  Dora  damit  die  Wiederherstellung  des  Besten  was  sie  aus 
dem  Elternhause  mitbekommen  hat  Ihnen  verdanken.  Un- 
ruhige  Tage  schreiben  sich  daher  dafl  ich  die  Feindseligkeiten 
mit  meiner  Familie  wieder  aufnehmen  muBte;  Ich  mochte 
davon  nichts  berichten,  nur  sagen,  daB  wir  auBerlich  und 
innerlich  uns  so  eingerichtet  haben,  daB  die  Sache  nicht  jenen 
verstorenden  EinfluB  wie  im  letzten  Friihjahr  auf  uns  haben 
kann. 


256 


Uber  Philologie  habe  ich  (auch  damals  in  der  Schweiz)  mir 
einige  Gedanken  gemacht.  Evident  war  mir  immer  das 
Verfuhrerische  an  ihr. l  Mir  scheint  —  ich  weiB  nicht  ob  ich 
es  im  selben  Sinne  wie  Sie  verstehe  —  Philologie  verspricht 
gleich  aller  geschichtlichen  Forschung,  aber  aufs  hdchste  ge- 
steigert,  die  Genusse  die  die  Neuplatoniker  in  der  Askese  der 
Kontemplation  suchten.  Vollkommenheit  statt  Vollendung, 
gewahrleistetes  Verloschen  der  Moralitat  (ohne  ihr  Feuer 
auszutreten).  Sie  bietet  eine  Seite  der  Geschichte,  oder  besser 
eine  Schicht  des  Historischen  dar,  fiir  die  der  Mensch  zwar 
vielleicht  regulative,  methodische,  wie  konstitutive,  elemen- 
tar-logische  Begriffe  mag  erwerben  konnen;  aber  der  Zu- 
sammenhang  zwischen  ihnen  muB  ihm  verborgen  bleiben. 
Ich  definiere  Philologie  nicht  als  Wissenschaft  oder  Ge- 
schichte der  Sprache  sondern  in  ihrer  tiefsten  Schicht  als 
Geschichte  der  Terminologies  wobei  man  es  dann  sicher  mit 
einem  hochst  ratselhaften  Zeitbegriff  und  sehr  ratselhaften 
Phanomenen  zu  tun  hat.  Ich  ahne  auch,  ohne  es  ausfiihren 
zu  konnen,  was  Sie  andeuten,  wenn  ich  nicht  irre,  daB  Philo- 
logie der  Geschichte  von  Seiten  der  Chronik  nahesteht.  Die 
Chronik  ist  die  grundsatzlich  interpolierte  Geschichte.  Die 
philologische  Interpolation  in  Chroniken  bringt  an  der  Form 
einfach  die  Intention  des  Gehalts  zum  Vorschein,  denn  ihr 
Gehalt  interpoliert  Geschichte.  Welcher  Art  dieses  Arbeiten 
sein  konnte  ist  mir  jetzt  an  einem  Werk  lebendig  geworden, 
das  mich  aufs  tiefste  ergriffen  und  zur  Interpolation  angeregt 
hat.  Es  ist  „Die  neue  Melusine"  von  Goethe.  Kennen  Sie  es? 
Wenn  nicht,  so  ist  unbedingt  anzuraten,  diese  Erzahlung, 
welche  sich  in  den  „Wanderjahren"  findet,  fiir  sich,  das  heiBt 
ohne  den  Rahmen,  in  dem  sie  sich  findet  zu  lesen,  so  wie  es 
mir  durch  Zufall  ging.  Sollten  Sie  sie  kennen,  so  kann  ich 
vielleicht  einiges  dariiber  andeuten.  -  Ob  Sie  mit  den  Orakeln 
iiber  Philologie  etwas  anfangen  mogen  weiB  ich  nicht.  Seien 
Sie  versichert,  daB  ich  mir  dariiber  klar  bin,  daB  man  zu 
dieser  Sache  noch  einen  anderen  Zugang  als  des  „romanti- 
schen"  gewinnen  muB.  (Ich  lese  eben  noch  einmal  Ihren 
Brief.  Chronik  -  Interpolation  —  Kommentar  —  Philologie  — 
das  ist  ein  Zusammenhang.  DaB  man  bei  Agnon  von  Wahr- 

257 


heit  sprechen  muB,  scheint  mir,  wenn  ich  das  sagen  darf,  aus 
seiner  Erscheinung  evident.  Ein  Weiser  wird  ja  wohl,  wo  er 
es  nicht  etwa  mit  der  Bibel  zu  tun  hat,  seine  Philologie  nicht 
nach  dem  Ende  sondern  nach  dem  Anfang  der  genannten 
Reihe  hin  richten.) 

David  Baumgardt  besuchte  mich  neulich.  Er  sagte,  wie  es 
ihm  einerseits  leid  tate,  Sie  noch  niemals  ausfiihrlich  ge- 
sprochen  zu  haben,  andrerseits  ihm  vielleicht  Vorbereitung 
fur  ein  solches  Gesprach  noch  gut  sei.  Er  liest  jetzt  More 
nebuchim2  hebraisch.  Er  hofft  jedenfalls  sehr  Sie  etwa  im 
Sommer  in  Erfurt  zu  sehen. 

Fur  uns  bedeutet  es  viel  daB  wir  jetzt  ein  Klavier  in  mei- 
nem  Zimmer  stehen  haben  und  Dora  spielt  nun  wieder.  Lei- 
der  konnten  wir  uns  nur  eines  borgen.  [. . .] 

Kommen  Sie  nicht  Ostern  her?  Wir  konnten  Ihnen  vieles 
Hiibsche  von  Stefan  erzahlen,  aber  das  wiirde  noch  Bogen 
fiillen. 

Leben  Sie  wohl  Ihr  Walter 

PS  Die  Geschafte  der  Universitat  Muri  haufen  sich  der- 
gestalt,  daB  ich  nicht  mehr  weiB  wie  ich  sie  bewaltigen  soil. 
Nun  ist  kiirzlich  noch  ein  Streitfall  entstanden,  den  ich  Ihnen 
unterbreiten  muB.  Es  ist  vom  dortigen  Historiker  eine  Disser- 
tation angenommen  worden  deren  Annahme  die  Fakultat 
verhindern  will.  Sie  soil  aber  sehr  gut  sein.  Das  Thema 
lautet:  Die  Wegweiser  zur  Zeit  der  Volkerwanderung.  Bitte 
unterbreiten  Sie  doch  die  Sache  dem  Kuratorium. 

1  Scholem  hatte  geschrieben,  die  Philologie  beginne,  ihn  zu  verf uhren. 

2  „Fuhrer  der  Verwirrten",  das  philosophische  Werk  des  Maimonides. 


258 


96  An  Gerhard  Scholem 

26.Marz  1921 

Lieber  Gerhard, 

ich  habe  mich  sehr  mit  Ihrem  letzten  langen  Brief  gefreut. 
Immer  hoffe  ich,  dafi  Sie  Ihren  Vorsatz  ausfuhren  und 
Goethes  „Neue  Melusine"  lesen  konnen,  weil  wir  uns  wirk- 
lich  viel  dariiber  zu  sagen  haben  miiBten.  Jetzt  bin  ich  wieder 
zwischen  mehrere  Arbeiten  gerissen,  von  denen  die  eine  Ihres 
groBten  Anteils  sicher  ist,  namlich  die  „Uber  die  Aufgabe 
des  Ubersetzers".  So  soil  namlich  die  Vorrede,  die  ich  wenn 
irgend  moglich  doch  meinem  Baudelaire  voranstellen  mochte, 
heiBen.  Und  da  nun  der  Vertrag  mit  Weissbach,  und  zwar  in 
einer  unglaublich  giinstigen  Gestalt,  unterzeichnet  ist,  und 
das  Buch  spatestens  bis  zum  Oktober  erscheinen  soil,  so  ist 
diese  Vorrede  meine  nachste  Sorge.  Nur  handelt  es  sich  um 
einen  Gegenstand,  der  so  zentral  fur  mich  ist,  daB  ich  noch 
nicht  weiB,  ob  ich  ihn,  im  jetzigen  Stadium  meines  Denkens, 
mit  der  ausreichenden  Freiheit  entwickeln  kann,  voraus- 
gesetzt,  daB  mir  seine  Aufklarung  iiberhaupt  gelingt.  Was 
die  Darstellung  angeht,  so  vermisse  ich  eine  sehr  wesentliche 
Hilfe  in  alien  philosophischen  Vor -Arbeit en  fruherer  Auto- 
ren  iiber  diesen  Gegenstand.  Man  kann  doch  in  einer  kri- 
tischen  Analyse  (fremder  Ansichten)  oft  Dinge  sagen,  die 
man  synthetisch  noch  nicht  darzustellen  wiiBte.  Konnen  Sie 
mir  nun  irgend  einen  Hinweis  geben?  Die  Cohensche  Asthe- 
tik  habe  ich  zum  Beispiel  ganz  vergeblich  gewalzt.  —  Hiervon 
abgesehen  haben  Sie  doch  iiber  diesen  Gegenstand  Ihreeige- 
nen  Gedanken,  es  ware  fiir  mich  sehr  wichtig,  mich  mit  Ihnen 
dariiber  auseinanderzusetzen,  besonders  auch,  weil  Sie  doch 
in  Ihren  Ubersetzungsarbeiten  eine  ganz  andere  Spannung 
der  Sprache  als  ich  in  der  meinigen  zu  erfassen  haben.  Ich 
hoffe,  daB  wir  allein  iiber  diese  Frage  wahrend  eines  Berliner 
Aufenthalts  von  Ihnen  genug  zu  reden  hatten.  Nun  ist  die 
Frage,  ob  Sie  sich  entschlieBen  zu  kommen.  Mit  dem  Quartier 
bei  uns  steht  es  so :  es  haben  sich  drei  Besucher  —  und  zwar 
samtliche  fiir  den  April  —  bei  uns  angesagt,  ob  sie  aber  kom- 

259 


men,  warm,  auf  wie  lange,  wissen  wir  noch  von  keinem  ein- 
zigen.  Es  sind  meine  Schwiegermutter,  Ernst  Bloch  und  Jula 
Cohn,  eine  Freundin  von  uns.  Wenn  Sie  nun  in  dem  Falle 
sind,  daB  Ihre  Unterkunft  bei  uns  die  Vorbedingung  Ihrer 
Reise  ist,  so  konnten  wir  Ihnen  ein  bestimmtes  Ja  oder  Nein 
schreiben,  wenn  wir  wissen  fur  welche  Zeit.  Denn  in  diesem 
Falle  wlirden  wir  nun  meine  Schwiegermutter  vorher  an- 
fragen,  ob  sie  fur  diese  Zeit  zu  uns  zu  kommen  gedenkt  oder 
nicht  und  Ihnen  dann  sogleich  schreiben.  Also  iiberlegen  Sie 
sich  bitte  recht  bald,  wie  Sie  es  einrichten  konnen. 

Hier  gibt  es  jetzt  etwas  ganz  Wunderbares  zu  sehen:  die 
Gedachtnisausstellung  der  Bilder  des  Malers  August  Macke, 
der  1914  mit  27  Jahren  gef alien  ist.  Schon  friih  haben  mich 
die  wenigen  Bilder,  die  ich  vorl  ihm  kennen  lernte,  angezogen. 
Nun  hat  mir  die  Ausstellung  einen  wunderbaren  Eindruck 
gegeben.  Ich  habe  einen  kleinen  Aufsatz  iiber  diese  Bilder 
geschrieben.  Wenn  man  einmal  in  Munchen  bei  Goltz  etwas 
von  Macke  zeigt,  so  gehen  Sie  vielleicht  hin.  Ferner  gibt  es 
ein  neues  Bild  von  Chagall :  Sabbath  hier  zu  sehen,  was  mir 
auch  sehr  schon  schien.  Wiewohl  ich  mehr  und  mehr  zu  der 
Erkenntnis  gelange,  daB  ich  mich  gleichsam  blind  nur  auf 
die  Malerei  von  Klee,  Macke  und  vielleicht  auch  von  Kan- 
dinsky  verlassen  kann.  In  allem  andern  liegen  Abgriinde, 
vor  denen  man  auf  der  Hut  sein  muB.  Natiirlich  gibt  es  auch 
von  jenen  Dreien  schwache  Bilder  -  aber  ich  sehe,  daB  sie 
schwach  sind. 

Neulich  habe  ich  mein  Doktor  Diplom,  gleich  in  Dutzen- 
den  von  Exemplarjsn,  erhalten.  Sie  wissen  hoff  entlich,  daB  ich 
damit  als  Besitzer  eines  naiv-realistischen  Doktordiploms  an 
der  Universitat  Muri  fortan  die  Wiirde  des  Transzendental- 
Pedells  bekleide. 

Fur  die  philosophischeBibliothek  habe  ich  neulich  billig  die 
Predigten  von  Meister  Eckhart  und  einige  Bande  der  groBen 
Nietzsche-Ausgabe  erwerben  konnen.  AuBerdem  habe  ich  ein 
wunderbares  Exemplar  einer  schonen  alten  Theocrit-tJber- 
setzung  gekauft.  Was  Ihren  Hebbel  angeht1,  so  mochte  ich 
wissen,  ob  Sie  ihn  an  sich  oder  als  ein  Duplikat  iiberfliissig 

260 


nennen.  Die  Swift-Ausgabe,  die  Sie  dafur  erworben  haben, 
kenne  ich  —  und  sie  ist  noch  jetzt  beim  Verlage  vorratig. 
Gerade  vor  kurzem  beriet  ich  mit  Dora,  ob  sie  anzuschaffen 
sei  oder  nicht.  Sie  widerriet,  wegen  der  Ubersetzung.  Vieles, 
was  ich  darin  zu  lesen  versuchte,  war  mir  allerdings,  weil 
mir  die  Kenntnis  der  Realien  fehlt,  ungenieBbar.  Aber  ich 
erinnere  mich  freilich,  gerade  unter  den  irischen  Pamphleten 
GroBartige  gefunden  zu  haben.  Besonders  einen  „Vorschlag, 
die  kleinen  Kinder  zu  essen." 

Seit  dem  Tode  seiner  Frau  habe  ich  von  Bloch  sehr  spar- 
liche  Nachricht,  auch  iiber  meine  „Kritik  der  Gewalt",  die  er 
in  Handen  hat,  noch  nichts  gehort.  In  diesen  Tagen  werde 
ich  ihn  bitten,  sie  Ihnen  zu  send  en.  Und  hier  erhalten  Sie  den 
erbetenen  „Wahren  Politiker",  den  ich  gelegentlich  (es  ist 
mein  bestes  Exemplar)  zuriickerbitte.  Konnen  Sie  nicht  Rat 
schaffen,  wie  ich  der  Sache  zum  Druck  verhelfe?  Es  liegt  mir, 
in  diesem  Falle,  wie  gesagt,  gerade  am  Druck.  [.  .  J 

Was  horen  Sie  von  Agnon?  Ich  will  mir  den  neuen Roman2 
sowie  er  in  Buchf  orm  erschienen  ist  kauf  en  —  oder  zum  f (inf - 
zehnten  Juli  schenken  lassen? 

Ihr  Walter 

1  Hebbels  Tagebiicher. 

2  „Der  VerstoJSene",  iibersetzt  von  Max  Straui3.  In  Buchform  erst 
1923  erschienen. 


97  An  Gerhard  Scholem 

11.  April  1921 

Lieber  Gerhard, 

fur  die  Freude,  daB  Sie  kommen,  mochte  ich  Ihnen  ja  gern 
alles  mogliche  zu  Liebe  tun,  und  wiirde  Ihnen  sogar  Stoff 
zum  Hochzeitskarmen  auf  Ihren  Herrn  Bruder  zur  Verfii- 
gung  stellen.  Wie  ware  es,  wenn  Sie  Ihren  Musenquell  dies- 
beziiglich  platschern  lassen,  daB  Ihr  Bruder  die  zarte  Ver- 
nunft  gehabt,  am  selben  Tage  wie  Dora  und  ich  zu  heiraten? 

261 


Und  was  wollen  Sie  uns  denn  A  PROPOS  zum  Hochzeitstag 
schenken?  Sie  werden  sich  doch  nicht  etwa  bei  Ihrem  Bruder 
herumdriicken? 

Erich  Gutkind  hat  bald  nachdem  er  wieder  zuriick  war, 
Grippe  hekommen  und  ist  zwar  wieder  ganz  gesund  aber  noch 
sehr  geschwacht.  Lucie  und  er  waren  auf  diese  Weise  noch 
garnicht  bei  uns  und  wollen  eigentlich  auch,  so  viel  ich  weiB, 
noch  nicht  nach  Berlin  hereinfahren.  Auch  wiirde,  wenn  sie 
Sie  gerade  sehen,  wenn  Sie  zum  ersten  Male  bei  uns  sind,  es 
vielleicht  ein  biBchen  viel  Ablenkung  geben.  Ich  werde  mich 
mit  ihnen  dariiber  beraten  und  mochte  es  ins  Auge  fassen, 
dafi  wir  uns  fur  einen  ganzen  Tag  alle  dort  drauBen  treffen. 
Hier  ist  ein  Wetter,  das  das  Schonste  verspricht  und  alles  laBt 
sich  fiir  uns  gliicklicher  an,  als  seit  langem.  Gleichzeitig  mit 
Ihnen  kommt  eine  Freundin  von  uns,  die  wir  seit  viel  en  Jah- 
ren  nicht  gesehen  haben.  Diese  wird  bei  uns  wohnen.  [. . .] 

Heute  hat  Stefan  Geburtstag.  Leider  fiihrt  er,  und  nicht 
ohne  Grund,  Klage  uber  die  aufstandische  Haltung  der  unter- 
worfenen  Volkerschaften,  besonders  hat  sich  gens  academica 
(die  Muritatten)  unter  ihrem  Hauptling  Pedellus  Pius  noch 
nicht  eingestellt.  Zur  Vorfeier  waren  wir  gestern  zum  ersten 
Mai  mit  ihm  im  Zoo,  wo  es  die  buntesten  Konfusionen  gab. 
Der  Elefant  wurde  zwar  gleich  erkannt,  aber  das  Lama  bald 
darauf  auch  warnend  als  „groBer  Elefant"  bezeichnet,  und 
ein  Steinbock  als  Affe. 

Ich  lese  jetzt  die  Autobiographie  von  [Salomo]  Maimon, 
wo  ich  bei  den  judaistischen  Exkursen  sehr  schdne  Sachen 
gefunden  habe.  Fernere  Attraktionen  in  Berlin:  eine  kleine 
Klee-Ausstellung  am  Kurfiirstendamm  und  „Zur  Kritik  der 
Gewalt"  in  den  Korrekturbogen,  ferner  Neuerwerbungen, 
ausgestellt  DelbriickstraBe  23,  am  Griindungstage  der  ver- 
einigten  Bibliotheken  unentgeltlich  zu  besichtigen. 

Herzlichste  GriiBe!  Und  auf  Wiedersehen! 

Ihr  Walter 


262 


98  An  Gerhard  Scholem 

Breitenstein,  Ende  Juni  1921 

Lieber  Gerhard, 

Bloch  kann  seinen  Freund *  hier  nicht  besuchen,  ich  habe  ihm 
das  mitgeteilt.  Er  kann  erst  im  Herbst  empfangen  werden. 
Daher  werde  ich  Bloch  in  Miinchen  treff en.  Anfang  oder 
Mitte  nachster  Woche  komme  ich  dorthin:  fnihestens  am 
Dienstag.  —  Nun  habe  ich  eine  Frage.  Nach  meinem  Besuche 
bei  Frau  Bernhard2  machte  ich  es  mir  nicht  ganz  klar,  daB 
die  Kamraer,  welche  sie  mir  (ausschlieBlich  zum  Schlafen) 
angeboten  hatte,  unmittelbar  neben  der  Kiiche  gelegen  (und 
nur  durch  diese  zu  betreten),  ihr  Madchenzimmer  ist.  Diese 
Nachbarschaft  wiirde  mich  wohl  jeden  Morgen  sehr  fruh- 
zeitig  wecken,  und  dies  kommt  mir  fur  einen  Aufenthalt  zu 
meiner  Erholung  und  Freude  nicht  zu  paB.  (Ich  habe  nam- 
lich  auch  Erholung  sehr  notig)  Daher  die  Frage,  ob  fur  mich, 
falls  nichts  anderes  sich  findet,  dasselbe  Arrangement  wie  fiir 
Ernst  Schoen  stattfinden  konnte. 3  Antworten  kannst  Du  mir 
nicht  mehr.  Nun  bitte  ich  Dich  hierdurch,  es  zu  erwagen. 

Dora  hat  zweifellos  einen  Lungenspitzenkatarrh,  der 
auBerste  Pflege  und  Schonung  notwendig  macht.  Sie  wird 
nach  dem  dreiwochentlichen  Aufenthalt,  wahrend  dessen  sie 
sich  allein  erholen  wird,  hierher  bis  zu  ihrer  Heilung  zurtick- 
kehren. 

Ich  griiBe  Dich  und  Frl.  Burchardt4  mit  vielen  herzlichen 
GriiBen 

Walter 

1  Georg  Lut4cs  in  Wien. 

2  W.  B.s  friihere  Wirtin  in  der  K6niginstrai3e  4. 

3  Bei  Scholems  Wirtin,  bei  der  auch  Schoen  damals  wohnte. 

4  Elsa  Burchardt,  spater  Scholems  erste  Frau. 


263 


99  An  Gerhard  Scholem 

Heidelberg,  12.  Juli  1921 

Lieber  Gerhard, 

noch  habe  ich  keine  Bestatigung  iiber  den  Empfang  des 
Diploms  bekommen.  Ein  objektives  und  fachmannisches 
Urteil  iiber  das  sog.  Fraulein  Burchardt  scheint  also  nicht 
gewiirdigt  zu  werden.  Nachzutragen  ware  noch,  dafi  die 
wohlschmeckenden  Apfelsinen  fiirtrefflich  versteckt  waren. 

Gestern  abend  sah  ich  bei  Frl.  Cohn  den  kleinen  Pflaum1. 
Die  kolossalen  Frechheiten,  die  ich  ihm  in  Deinem  Auftrag 
zu  versetzen  hatte,  hatte  ich  aber  leider  vollstandig  vergessen. 
Morgen  lasse  ich  mich  von  ihm  zu  Gundolf  ins  Colleg  fiih- 
ren.  Im  lib ri gen  habe  ich  hier  noch  nichts  getan  und  bin  bis- 
her  weder  bei  Lederer  gewesen  noch  bei  Weissbach.  Hier 
werde  ich  wohl  durchaus  langere  Zeit  bleiben  und  kaum  ver- 
reisen.  Desto  willkommener  ware  mir  gegen  Ende  meines 
hiesigen  Aufenthalts  Dein  Besuch. 

Fur  die  Nachsendung  der  Post  herzlichen  Dank.  Es  f  olgen 
nun  hier  einige  neue  Fragen  und  Bitten.  —  1st  von  Goltz  noch 
keine  Bestatigung  der  durch  Bloch  eingezahlten  tausend 
Mark  gekommen  ?  Hast  Du  Dora  einen  Brief  geschrieben  ?  und 
sie  auch  Deinerseits  aufgefordert,  wenn  irgend  moglich  in 
Breitenstein  zu  bleiben?  Wenn  nicht,  so  ware  es  sehr  schon, 
Du  tatest  es  ungesaumt  und  lieBest  auch  das  Fraulein  heran- 
schreiben. 

Bei  meinem  langefn  Aufenthalt  hier,  der  mich  auf  viel 
Arbeiten  verweist,  habe  ich  nichts  besseres  zu  tun  als  den  Ro- 
senzweig  zu  lesen.  Ich  wiirde  Dich  herzlich  bitten,  mir  (auf 
meine  Kosten)  das  Buch  zu  s chicken  und  wenn  moglich,  da- 
mit  ich  ihn  als  mein  Handexemplar  zurichten  kann,  zugleich 
damit  ihn  mir  zu  iiberlassen  -  um  auf  meine  Kosten  bei  Dei- 
ner  Mutter  Dir  ein  Exemplar  zu  bestellen. 

Das  Fraulein  bitte  ich  ganz  klaglich  um  Brotmarken.  Ich 
esse  hier  viel  auf  dem  Zimmer  und  habe  garkeine  mehr 
-bald. 


264 


Hier  ist  das  Wetter  herrlich,  der  Neckar  trocknet  aus  und 
die  ganze  Stadt  gliiht.  Die  Landschaft  ist  an  vielen  Stellen 
sudlich. 

In  einem  Antiquariatskatalog  eines  hiesigen  Geschafts 
fand  ich  die  „Geschichte  des  Index"  fiir  65  M,  aber  sie  war 
nicht  mehr  da.  Dagegen  erstand  ich  hier  (zu  gutem  Preis 
leider)  den  zweibandigen  von  der  Goethe-Gesellschaft  wun- 
derbar  herausgegebnen  Briefwechsel  Goethes  mit  samtlichen 
Romantikern. 

Herzliche  GriiBe  an  Dich  und  Fraulein  Burchardt 

Dein  Walter 
zu  Landau2  gehe  ich  iibermorgen. 

1  Scholems  Vetter  Heinz  Pflaum  (1900-1962),  spater  Professor  der 
Romanistik  an  der  Universitat  Jerusalem,  Schuler  L.  Olschkis  und 
Gundolfs. 

2  Henryk  Landau,  ein  judischer  Philosoph,  den  aufzusuchen  Scholem 
geraten  hatte. 


100  An  Gerhard  Scholem 

Heidelberg,  20.  Juli  1921 

Lieber  Gerhard, 

die  mannigfachen  Gaben,  mit  denen  sich  hier  ein  vergniigtes 
Leben  fuhren  laBt,  sind  alle  gut  angekommen:  der  Riviere, 
fiir  den  ich  Dir  sehr  danke,  und  der  —  ohne  daB  ich  noch  den 
Essay  iiber  Baudelaire  gelesen  hatte,  mich  zu  meinen  Uber- 
setzungen  zuriickgefuhrt  hat,  an  denen  ich  jetzt  manchmal 
arbeite.  Der  Rosenzweig1,  mit  dem  ich  gestern  das  Wieder- 
sehen  gefeiert  habe  und  neulich  Brotkarten,  die  ein  behag- 
liches  Gefiihl  biirgerlicher  Sicherheit  gewahren. 

Die  verschiedenen  Ausstellungen  des  Fraulein  [Burchardt] 
habe  ich  Dr.  Nebbich2  vorgetragen,  der  ihnen  aber  wenig 
Gehor  schenkte,  weil  er  mit  seiner  (Jbersiedelung  vollauf 
beschaftigt  ist.  Er  droht  namlich  fortzufahren  und  uns  ganz- 

265 


lich  aus  den  Augen  zu  entschwinden,  da  er  einen  Ruf  als 
Lektor  der  Nekromantie  nach  Muri  erhalten  hat. 

Einen  Studenten  von  dort  lernte  ich  gestern  in  Gestalt  des 
Herrn  [Henryk]  Landauer  (nicht  Landau,  wie  Du  mir  sag- 
test)  3  kennen.  Die  Kommilitonen  aus  Muri  zeichnen  sich 
durch  eine  bemerkenswerte  Schweigsamkeit  aus,  wahrend  man 
von  andrer  Seite  ihn  wieder  als  etwas  redselig  kennt.  Namlich 
diese  Beobachtung  stammt  von  einem  jungen  Herrn  Fried  - 
rich  PotschuB4,  einem  Bekannten  von  Frl.  Gohn  und  Ernst 
Schoen,  mit  welchem  ich  hier  haufig  zusammen  bin.  Wiewohl 
ich  durch  Dich  und  Frl.  Cohn  welche  ebenfalls  den  Landauer 
etwas  kennt,  ihm  ein  auBerst  giinstiges  Vorurteil  entgegen 
brachte,  hat  dies  doch  nicht  verhindert,  daB  er  einen  selt- 
samen,  schwierigen  und  nicht  durchaus  rein  erfreulichen  Ein- 
druck  auf  mich  machte,  von  dem  ich  mir  aber  nicht  genau 
Rechenschaft  geben  kann.  Vielleicht  ist  eine  ofTenbar  groBe 
Kranklichkeit  an  der  Kalte  schuld,  dieerauszustromen  schien. 
Irgend  ein  Urteil  kann  ich  mir  jedenfalls  nicht  erlauben  und 
werde  wahrscheinlich  mit  ihm  noch  einmal  zusammen  kom- 
men,  Er  versprach  Dir  bald  zu  schreiben.  [. . .] 

Gundolf  habe  ich  mir  angehort,  auch  Jaspers  —  je  eine 
Stunde.  Und  will  auch  noch  Rickert  und  [Hans]  Ehrenberg  mir 
vorfiihren  -  Gundolf  erschien  mir  ungeheuer  schwachlich  und 
harmlos  in  seiner  personlichen  Wirkung,  ganz  anders  als  in 
seinen  Biichern.  Jaspers  schwachlich  und  harmkts  in  seinem 
Denken  aber  als  Mensch  offenbar  sehr  merkwiirdig  und  fast 
sympathisch.  [.  .  .]  Nun  ist  er  Ordinarius  und  trat  gerade  als 
ich  ihn  horte,  sehr  anstandig  fur  Russen  und  Juden  ein,  was 
er  schon  als  Privatdozent  getan  haben  solh  Beide  Mai  hat 
mich  Pflaum  mitgenommen,  der  sich  sehr  brav  auffuhrt. 

Kiirzlich  war  ich  in  Neckargmiind  und  machte  einen  lan- 
gen  Gang  durch  das  vollig  verdorrte  Land,  in  den  Stunden  ehe 
—  seit  Wochen  —  der  erste  Regen  fiel.  Das  Land  hier  und  be- 
sonders  bei  Neckargmiind  ist  noch  schoner  als  ich  es  mir  ge- 
dacht  habe. 

Dora  schreibt  nicht  sehr  viel.  Im  letzten  Briefe  steht,  daB 
sie  weiter  zunimmt  und  keine  Temperaturen  hat.  Zum  Ge- 

266 


burtstag  sandte  sie  ein  groBes  Opus  „Das  Erdbeerbuch"  voll 
tiefsinniger  Malereien  und  Spriiche.  In  der  letzten  Nummer 
def  „Kantstudien"  steht  die  Selbstanzeige  meiner  Disser- 
tation. 

Herzlichen  Dank  und  viele  GriiBe  an  Euch 

Dein  Walter 

1  Franz  Rosenzweigs  „ Stern  der  Erlbsung",  Frankfurt  1921. 

2  Humoristische  Selbstbenennung  W.  B.s. 

3  Die  richtige  Form  dennoch:  Landau  (starb  1967). 

4  Die  richtige  Form  des  Namens :  Podszus,  (geb.  1899). 


101  An  Gerhard  Scholem 

25,Juli  1921 

Lieber  Gerhard, 

daB  Euer  f  estgefiigtes  Haus,  das  fiir  alle  frommen  Tiere  und 
armen  Ekul1  ein  weithinsichtbares  Asyl  in  Deutschland  war, 
bedroht  ist,  betrubt  mich  auBerordentlich.  Wie  groB  die  Ge- 
fahr  ist,  kann  man  wohl  nicht  eigentlich  absehen.  DaB  die 
Frau  mit  ihren  Anspriichen  auch  nur  annahernd  durchdringt, 
kbnnte  wohl  nur  entweder  wenn  sie  sehr  zwingende  Rentabi- 
litatsberechnungen  einreicht  oder  bei  groBem  Risches2  ge- 
schehen.  Aber  abgesehen  davon  ist  naturlich  ein  Vergleichs- 
vorschlag  moglich,  der  fiir  Euch  immer  noch  unannehmbar 
sein  kbnnte.  Ich  wage  mich  also  auf  die  Mbglichkeit,  daB  Du 
im  Winter  in  Berlin  warest  wirklich  nicht  zu  freuen,  weil  es 
gegen  Deinen  Willen  und  sicher  auch  in  manchem  gegen 
Deine  Interessen  ware.  Kbnnte  dies  denn  nun  die  Auswan- 
derung  des  Fraulein  Burchardt3  beschleunigen? 

Bei  alle  dem  f ragt  man  sich  doch  immer,  was  der  Angelus  4 
dazu  sagt  und  wundert  sich.  Ich  weiB  garnicht  ob  ich  Dir  ein 
Wort  iiber  den  „GruB  von  ihm"  sagte.  Die  Engelsprache  hat 
bei  all  ihrer  wunderbaren  Schbnheit  den  Nachteil,  daB  man 

267 


ihr  nicht  erwidern  kann.  Und  es  bleibt  mir  nichts,  als  statt  des 
Angelus  Dich  zu  bitten,  meinen  Dank  zu  nehmen. 

Bei  Weissbach  bin  ich  indessen  ein  erstes  Mai  gewesen  und 
gehe  wieder  morgen  hin.  Es  ist  recht  angenehm.  Was  sich 
ergeben  wird,  weiB  ich  noch  nicht.  Lederer  sehe  ich  zum 
ersten  Male  heute  Abends  im  soziologischen  Diskussionsabend, 
Auf  dem  vorhergehenden  habe  ich  den  Vorzug  gehabt,  Herrn 
Ehrenberg  zu  horen.  Zu  Rickert  und  Jaspers  habe  ich  mich 
ins  Colleg  bemiiht.  Der  letzte  gefiel  mir  ganz  gut  (aber  ich 
glaube  das  habe  ich  schon  geschrieben).  So  weiBt  Du  auch 
wohl,  dafi  er  Ordinarius  geworden  ist.  Rickert  ist  grau  und 
bose  geworden. 

tlber  unsere  Plane  konnen  wir  ja  wohl  beide  noch  nichts 
sagen,  also  auch  hinsichtlich  Lewys  nichts  festsetzen.5  Es  ist 
doch  sehr  moglich,  dafi  ich  noch  einmal  nach  Breitenstein 
fahre.  Dann  kame  ich  wohl  wieder  iiber  Miinchen? 

Nun  noch  eine  kleine  Bitte:  Um  sofortige  Zusendung  des 
„wahren  Politikers".  [. . .]  Ich  habe  mich  namlich  endlich  pia- 
nissimo ans  Arbeiten  begeben  und  bin  wieder  auf  die  Politik 
geraten,  zu  der  ich  in  den  ersten  Aufsatz  Einsicht  nehmen 
muB.  Dann  denke  ich  ein  biBchen  iiber  den  Vortrag  iiber  Bau- 
delaire nach,  der  meine  winterliche  Vorlesung  (in  der  Ewer 
Buchhandlung?)  einleiten  soil  und  der  sehr  schbn  werden  soil. 
Heute  erhielt  ich  von  Rang  ein  en  Brief,  wonach  er  mannich- 
f  ach  mit  Buber  zusammen  sitzt. 

Biicher  gibt  es  hier  in  der  Tat  kaum  zu  kaufen.  Neulich  er- 
warb  ich  aber  den, ersten  Teil  der  Beitrage  zur  Sektenge- 
schichte  des  Mittelalters  (iiber  die  Manichaer)  von  Dollinger 
fur  zehn  Mark.  Sind  davon  noch  weitere  Teile  erschienen? 

Lebe  wohl,  griiBe  Fraulein  Burchardt  herzlich 

Dein  Walter 


1  Ekul  war  in  W.  B.s  und  seiner  Prau  Privatsprache  das  Gegenteil 
eines  Ekels, 

2  Jiidisch:  Antisemitismus. 

3  Sie  ging  Anfang  1925  nach  Palastina. 

4  Paul  Klees  Bild  „ Angelus  Novus",  das  W.  B.  erworben  hatte.  Es  hing 
in  Miinchen  lange  bei  Scholem,  der  ein  Gedicht  darauf  gemacht  hatte. 
auf  das  W.  B.  oft  Bezug  nahm,  Es  lautete: 


268 


Gruff  vom  Angelus 

(Walter  zum  15.  Juli  1921) 

Ich  hange  edel  an  der  Wand 

Und  schaue  keinen  an 

Ich  bin  vom  Himmel  her  gesandt 

Ich  bin  ein  Engelsmann 

Der  Mensch  in  meinem  Raum  ist  gut 
Und  interessiert  mich  nicht 
Ich  stehe  in  des  Hochsten  Hut 
Und  brauche  kein  Gesicht 

Der  ich  entstamme  jene  Welt 
Ist  maBvoll  tief  und  klar 
Was  mich  in  Gnmd  zusammenhalt 
Erscheint  hier  wunderbar 

In  meinem  Herzen  steht  die  Stadt 
In  die  mich  Gott  geschickt 
Der  Engel  der  dies  Siegel  hat 
Wird  nicht  von  ihr  beriickt 

Mein  Fliigel  ist  zum  Schwung  bereit 
Ich  kehrte  gern  zuriick 
Denn  blieb'  ich  auch  lebendige  Zeit 
Ich  hatte  wenig  Gliick 

Mein  Auge  ist  ganz  schwarz  und  voll 
Mein  Blick  wird  niemals  leer 
Ich  weiB  was  ich  verkiinden  soil 

Und  weifi  noch  vieles  mehr 

* 

Ich  bin  ein  unsymbolisch  Ding 
Bedeute  was  ich  bin 
Du  drehst  umsonst  den  Zauberring 
Ich  habe  keinen  Sinn. 

5  W.  B.  und  Sch.  machten  Mitte  September  1921  ein  en  mehrtagigen 
Besuch  bei  Ernst  Lewy  in  Wechterswinkel,  wo  W.  B.  seinen  Plan  einer 
Zeitschrift  „Angelus  Novus"  zur  Diskussion  stellte. 


269 


102  An  Gerhard  Scholem 

[Heidelberg,  4.  August  1921] 

Lieber  Gerhard, 

wenn  doch  erst  iiberall  so  klar  die  Weltzusammenhange  her- 
vortraten,  wie  in  Dr.  Eschas *  Lokalchronik  in  den  „Halber- 
stadter  Nachrichten".  Noch  verfiigt  Heidelberg  iiber  kein 
derartiges  Organ,  doch  erhofTt  man  einen  gewaltigen  Treff- 
punkt  der  Intelligenzen  von  dem  hierselbst  in  den  nachsten 
Tagen  zu  eroffnenden  St.  Burchardts-Brau  (mit  dem  bekann- 
ten  Wappenschild,  auf  dem  ein  Hausknecht  die  Kabbala  hoch- 
halt.) 

Sonst  aber  sind  Wunderdinge  zu  berichten.  Meine  Wege 
sind  geebnet  und  meinen  FiiBen  sind  die  Pfade  bereitet.  [.  .  .] 
Lederers,  ganz  besonders  die  Frau,  die  ich  sehr  schatze,  sind 
zu  mir  entziickend.  Zur  Feier  meiner  Anwesenheit  werden 
Buchhandlungen  und  Antiquariate  eroffnet.  Ein  heute  eroff  - 
netes  Antiquariat  betrat  ich  als  erster  Kunde,  man  begriiBte 
mich  sofort  mit  meinem  Namen.  Ich  kam  um  mir  schleunigst 
die  funf  Bande  der  christlichen  Mystik  von  Gorres,  die  fur 
100  M  im  Fenster  standen,  zu  sichern.  [. . .] 

Uber  alles  was  Du  von  der  „Kritik  der  Gewalt"  schreibst, 
habe  ich  mich  natiirlich  sehr  gefreut.  Sie  erscheint  in  den 
nachsten  Tagen.  Soweit  ich  zum  Arbeiten  komme,  gibt  mir 
der  nachste,  letzte  Aufsatz  zur  Politik  zu  tun,  der  wohl  viel 
groBer  als  die  bisherigen  werden  wird.  Nun  aber  werde  ich 
bald  meine  mannigf  achen  neuen  Bekanntschaften  hier  lassen, 
und,  mit  den  guten  Erinnerungen  und  Hoffnungen  die  ich 
mitnehme,  fortfahren.  Namlich  zunachst  nochmals  zu  Dora 
nach  Breitenstein.  Im  ganzen  erhalte  ich. von  ihr  gute  Be- 
richte.  Sie  schreibt,  daB  nur  die  Inanspruchnahme  durch  Ver- 
wandte  sie  noch  immer  gehindert  hat,  Dir  zu  schreiben. 

Kann  ich  Dich  etwa  vom  zehnten  bis  vierzehnten  August 
in  Munchen  besuchen?  bist  Du  bestimmt  dort?  Darauf  bitte 
ich  Dich  mir  umgehend  und  bestimmt  zu  antworten  —  falls 
Du  es  bei  Erhalt  dieses  Briefes  noch  nicht  iibersehen  konntest, 


270 


wiirde  es  wohl  kaum  gehen,  weil  ich  bestimmt  disponieren 
muB  und  fiir  dies  en  Fall  moglichst  schon  friiher  als  am  fiinf - 
zehnten  in  Breitenstein  wiirde  eintreffen  wollen.  Und  kbnn- 
test  Du  Dich  auch  in  diesen  Tagen  im  grofien  und  ganzen  fiir 
mich  frei  machen?  Denn  wir  brauchen  viel  Zeit.  Wozu  -  und 
warum  unsere  nochmalige  Begegnung  in  diesem  Sommer 
unerlaBlich  ist,  wirst  Du  nun  mit  Staunen  vernehmen.  Ich 
habe  eine  eigene  Zeitschrift.  Ich  werde  sie  vom  ersten  Januar 
des  folgenden  lahres  ab  bei  WeiBbachherausgeben.Und  zwar 
nicht  die  Argonauten  (welche  soviel  ich  sehe  eingehen  wer- 
den).  Ohne  die  geringste  Andeutung  meinerseits  hat  mir 
WeiBbach  eine  eigene  Zeitschrift  angeboten,  nachdem  ich  die 
Redaktion  der  „ Argonauten"  zuiibernehmenabgelehnthatte. 
Und  zwar  wird  sie  durchaus  und  bedingungslos  in  dem  Sinne 
gestaltet  sein,  in  dem  sie  mir  wahrend  vieler  Jahre  (genau 
seitdem  ich  im  Juli  1914  mit  Fritz  Heinle  zusammen  den 
Plan  einer  Zeitschrift  ernsthaft  gefaBt  hatte)  vor  Augen  ge- 
standen  hat.  Sie  wird  also  einen  ganz  engen  geschlossenen 
Kreis  von  Mitarbeitern  haben.  Ich  will  alles  mit  Dir  miind- 
lich  besprechen  und  Dir  nur  den  Nam  en  sagen  „Angelus 
Novus".  t)ber  Deine  Mitarbeit,  welche  soviel  ich  sehe  eine 
Bedingung  des  Gelingens  dieser  Zeitschrift  (in  meinem  Sinn) 
ist,  will  und  muB  ich  Dich  sprechen. 

Die  Geriichte,  welche  iiber  WeiBbach  gehen,  sind  unrich- 
tig.  Ich  habe  in  dieser  Zeit  gesehen,  daB  er  einen  durchaus  be- 
stimmten  Trieb,  wenn  auch  natiirlich  keine  Klarheit  der  Ab- 
sichten  hat,  und  daB  dieser  Trieb  ihn  anweist,  den  Verlag 
kiinftighin  auf  mich  zu  stellen.  Er  wird  ebenfalls  den  Nach- 
laB  von  Fritz  Heinle  herausbringen,  woriiber  ich  zuallererst 
mit  ihm  sprach.  Alles  was  ich  erreicht  habe,  habe  ich  ohne  die 
geringste  Anstrengung  oder  die  geringste  Gewalt  durchge- 
fiihrt,  wenn  ich  mich  natiirlich  auch  sehr  intensiv  und  beson- 
nen  gezeigt  habe.  Die  Zeitschrift,  so  energisch  ich  den  Gedan- 
ken  ergriffen  habe,  ist  seiner  Initiative  entsprungen.  Er  weiB 
nun  aber  genau  was  ich  will  und  vor  allem  was  ich  nicht  will. 

Wenn  ich  Anfang  September  zuruckkomme,  will  ich  zu- 
nachst  zu  Rang  fahren,  danach  wenn  irgend  moglich  eine 
Zusammenkunft  mit  Ferdinand  Cohrs2  herbeifiihren,  um 


271 


Anfang  Oktober  mit  einem  Material,  auf  Grund  dessen  ich 
einen  ganzen  Jahrgang  (4  Hefte  mit  j  e  1 20  Seiten)  im  Groflen 
und  Ganzen  zusammenstellen  kann,  in  Berlin  einzutreffen. 

Noch  ist  der  „wahre  Politiker"  nicht  gekommen.  Hast  Du 
ihn  noch  nicht  abgeschickt  und  kommt  unsere  Begegnung  fiir 
Mitte  August  zu  stande,  so  ist  es  nicht  mehr  notig  ihn  zu  sen- 
den.  —  Kann  sie  jetzt  nicht  zu  stande  kommen,  so  muB  ich  sie 
doch  fiir  Anfang  September  ins  Auge  fassen.  —  Den  Brief  an 
die  Herausgeber  des  neuen  „Buches  vom  Judentum"3  erbitte 
ich  dringend  fiir  die  Zeitschrift. 

Mit  den  auBerordentlichsten  Hoffnungen  griiBt  Dich  und 
Fraulein  Burchardt  sehr  herzlich 

Dein  Walter 

1  Fraulein  Burchardt  wurde  von  ihren  Freunden  Escha  genannt.  Hire 
Familie  stammte  urspriinglich  aus  der  Gegend  von  Halberstadt. 

2  Damals  Pfarrer  in  Niedersachsen,  ein  Gefahrte  aus  der  Freien  Stu- 
dentenschaft. 

3  Das  damals  von  einer  zionistisch-sozialistischen  Gruppe  als  Fort- 
setzung  des  1913  bei  Kurt  Wolf  erschienenen  geplant  wurde,  aber  nicht 
zustande  kam. 


103  An  Gerhard  Scholem 

6.  August  1921 

Lieber  Gerhard, 

daB  der  Angelus  ausgeflogen  ist,  wirst  Du  bemerkt  haben. 
Erschrick  nicht,  er  ist  in  der  Wohlgestalt  des  Fraulein 
Burchardt  aus  Halberstadt  hier  niedergefahren  und  hat  eine 
Broche x  iiber  Weissbach  und  sein  Haus  gesprochen. 

Er  nahm  iiber  Wiesbaden  sein  en  Flug,  schaute  dort  in  das 
Herz  des  Herrn  Czaczkefs]  2  und  sah  daB  es  ihm  angenehm 
sei,  die  „neue  Synagoge"3  im  Herzen  des  „Angelus"  zu 
erbauen. 

Nun  habe  ich  den  Angelus  in  das  erste  Cafe  am  Platze  ge- 
fiihrt,  wo  er  umgeben  von  den  Ententediplomaten  Nektar 

272 


und  Ambrosia  schliirft,  den  ich  ihm  ausgesucht  habe.  Heute 
abend  findet  zur  Feier  der  Ankunft  im  St.  Burchardtsbrau 
eine  groBe  Protestversammlung  statt,  wo  der  Engel  iiber  das 
Thema  sprechen  wird  „ Vier  Wochen  unter  tiirkischen  4  Ange- 
lologen". 

PS  Der  Engel  bittet,  nicht  gleich  zu  Herrn  von  Kahr5  zu 
rennen  und  nichts  in  die  „Miinchner  Neusten"  zu  setzen.  Er 
kommt  audi  ohne  dai3  „  Alles  Vergeben"  ist,  zuruck. 

1  Hebraisch :  Segensspruch. 

2  Agnons  urspriinglicher  Familienname. 

3  Eine  von  Scholem  iibersetzte  Erzahlung. 

<  Scholem  wohnte  in  Miinchen  in  der  Tiirkenstrafie. 
5  Von  der  bayrischen  Heimwetir. 


104  An  Gerhard  Scholem 

4.0ktober,  1921 

Lieber  Gerhard, 

Dir  und  Fraulein  Burchardt  wiinsche  ich  zugleich  zum  neuen 
Jahre  wie  zur  neuen  Wohnung  Gllick.  [. . .] 

Gern  wiiBte  ich  wie  der  Engel  sich  zumNeujahr  verhalt. 

Der  Sinn  des  Patenkindes  denkt  und  fragt 

Ob  er  wohl  nickt  und  mit  den  Fliigeln  schlagt? 

Aus  mancher  giinstigern  Wendung  hier  entnehme  ich,  daB 

sein  Kommen  nun  nicht  mehr  lange  auf  sich  warten  laBt. 

Dora  zwar  geht  es  —  zum  mindesten  gesundheitlich  -  noch 

nicht  gut.  Die  Operation  ist  nicht  ganz  glatt  verlaufen  und 

macht  eine  hausliche  Nachkur  notwendig.  Mein  Vater  ist  vol- 

lig  wunderbarerweise  geheilt  und  wird  wohl  bald  aufstehen. 

Ferner  ist  von  zwei  groBen  Ereignissen  der  letzten  Tage  zu 

bench  ten,  in  deren  eines  Du  auf  eine  etwas  schwierige  Weise 

eintrittst.  Dein  Gesprach  mit  Dora  Hiller  *  hat  namlich  einen 

hageldichten  Friichtesegen  gezeitigt  —  und  zwar  auf  meinen 

Kopf .  [. .  .]  Bei  meiner  nachsten  Zusammenkunft  mit  [Erich] 

Unger,  als  wir  iiber  den  Angelus  sprechen  wollten,  schickte  er 

273 


eine  Frage  liber  mein  Verhaltnis  zu  Goldberg  mit  der  Bemer- 
kung  voraus,  daB  das  seinige  zu  jenem  das  nachste  sei.  Dabei 
lieB  er  auf  alle  Weise  durchblicken,  daB  er  die  Wahrheit  so- 
zusagen  wisse  und  nur  die  rein  formale  Erklarung,  ich  stehe 
Goldberg  „ indifferent"  gegeniiber,  erwarte.  Ich  aber,  der  seit 
meinen  Erfahrungen  in  Wechterswinkel  keinen  derartigen 
Abgrund  mehr  sehen  kann,  ohne  aus  Angst  hinein  zu  sprin- 
gen,  verdarb  —  zu  meinem  und  seinem  Entsetzen-alles.  Kurz, 
der  Bruch  war  vollkommen.  Dora,  die  im  Gegensatz  zu  mir 
sofort  die  Prestigenatur  dieser  ganzen  Angelegenheit  er- 
kannte,  hat  dann  in  einem  diabolisch  klugen  Gesprach  mit 
Unger  meine  Abneigung  durch  private  Idiosynkrasien  erklart 
und  die  Sache  gerettet.  Wie  ich  in  Wahrheit  stehe,  weiB 
Unger  naturlich  nach  dies  em  Gesprach  noch  besser  als  vorher, 
hat  aber  die  ihm  erwiinschte  Beschwichtigung  seines  Ge- 
wissens. 

[...] 

Das  andere  Ereignis  ist  der  Besuch  den  Wolf  Heinle  vom 
Sonnabend  bis  heute  bei  uns  machte.  [.  .  .]  Der  genauere  Ein- 
blick,  den  seine  Erzahlungen  uns  in  sein  Leben  in  Goslar  ge- 
geben  haben,  hat  uns  gezeigt,  daB  wir  den  besten  Teil  davon 
nicht  kannten.  Dieser  laBt  sich  kurz  so  bezeichnen,  daB  die 
Topferei  (keramische  Arbeit)  mit  der  er  sich  in  hochst  ange- 
strengter  Arbeit  ernahrt  seinem  Leben  einen  nicht  nur 
auBerlichen  sondern  innern  Anhalt  gegeben  hat,  von  dem  aus 
es  sich  sehr  bestimmt  gestaltet.  Auch  scheint  der  EinfluB 
seiner  Frau  -  oder  zum  mindesten  der  seiner  Ehe  —  auf  ihn 
gut  zu  sein.  Man  kann  seine  Lage  vielleicht  am  besten  so  aus- 
driicken,  daB  man  sagt,  ihm  sind  vor  bestimmten  klaren  Fra- 
gen  der  Lebensgestaltung  alle  andern  Fragen  und  Beschafti- 
gungen  zuriickgetreten.  Er  schreibt  augenblicklich  fast  nichts, 
doch  scheint  mir,  was  ich  von  den  letzten  Sachen  sah,  sehr 
gut  zu  sein.  Von  sein  en  wie  seines  Bruders  Sachen  hat  er  eine 
groBe  Distanz,  sie  beschaftigen  ihn,  so  bestimmt  seine  Stel- 
lung  zu  ihnen  ist,  jetzt  wenig.  Alles  dies  sind  fur  die  auBer- 
liche  und  innerliche  Verstandigung  gute  Voraussetzungen 
und  so  hoffe  ich,  soweit  er  mir  nicht  Freiheit  lafit,  mich  mit 
ihm  einigen  zu  konnen.  In  diesem  Sinne  ist  der  Anteil  von 

274 


seinen  und  seines  Bruders  Sachen  an  der  Zeitschrift  sowie 
meine  Herausgabe  von  Fritz  Heinles  NachlaB  besprochen 
worden.  Sein  letzter  Brief  vom  August  scheint  sich  zum  groB- 
ten  Teil  aus  Widerwillen  gegen  den  Titel  zu  erklaren,  dessen 
Beziehung  er  nicht  kannte,  der  ihm  nun  aber  sehr  lieb  ist. 
Immerhin  war  im  Gesprach  fur  uns  alle  groBe  Behutsamkeit 
und  Nachsicht  notig. 

Das  erste  Heft  nimmt  langsam  Gestalt  an.  Ich  will  nun 
den  Prospekt  in  den  nachsten  Tagen  abfassen.  Hierzu  ist  es 
mir  sehr  unerlaBlich  zu  wissen,  welchen  von  den  unter  uns 
besprochenen  Gegenstanden  Du  zuhachst  anzugreifen  ge- 
denkst.  Es  waren  die  Klagelieder,  das  Buch  Jona  und  die 
Wissenschaft  vom  Judentum.  Auch  wie  der  Titel  der  zweiten 
Agnonschen  Novelle  genau  heiBt. 

Ernst  Blocb  ist  am  Mittwoch  und  auch  sonst  nicht  gekom- 
men.  Er  schrieb  einen  Brief,  der  zwar  durchaus  nicht  einer 
Absage  gleichkommt,  aber  ausfuhrt,  daB  er  augenblicklich 
nur  den  Umgang  mit  einfachen  Menschen  vertriige  und  ge- 
reizt  begriindet,  warum  er  mich  nicht  zu  jenen  zahlt.  Auch 
hier  will  Dora  durch  einen  Brief  helfen. 

Wir  hoff  en  bald  von  Dir  zu  horen,  wie  es  Euch  geht.  Auch 
der  Redakteur  laBt  um  Nachricht  bitten  und  fiigt  untertanige 
GriiBe  an  den  Doctor  daemonicus  bei. 

Dein  Walter 

1  Der  damaligen  Verlobten  und  spateren  Frau  von  Oskar  Goldberg, 
die  versucht  hatte,  Scholem  fiir  dessen  Kreis  zu  gewinnen.  Es  kam  dabei 
zu  einem  groi3en  Krach. 


105  An  Gerhard  Scholem 

9.0ktober  1921 

Lieber  Gerhard, 

mir  bleibt,  Deinem  Wunsche  und  meinem  Vorsatz  zum  Trotz, 
nichts  xibrig,  als  Dir  Rangs  Arbeit  iiber  die  „Selige  Sehn- 


275 


sucht"  *  zu  senden.  Die  Frage,  ob  sie  in  die  Zeitschrift  aufzu- 
nehmen  sei,  ist  eine  so  schwierige  und  hier  am  Anfang  so 
wichtige,  daB  Du  sie  nicht  auf  strafliche  Unklarheit  bei  mir 
wirst  schieben  wollen,  wenn  ich  Dir  kurz  gesagt  habe  wie 
ich  und  wie  Dora  zu  dieser  Arbeit  stehen.  Und  wenn  ich  Dich 
bitte,  bitten  muB,  sie  zu  lesen,  so  nur  insofern  als  es  notwen- 
dig  ist  urn  die  Frage  zu  beantworten,  die  sich  auf  den  folgen- 
den  Urteilen  aufbaut.  Cbrigens  ist  das  ganze  schlieBlich  in 
zwei  Stunden  gelesen  und  Du  wirst  sie  eriibrigen  konnen, 
wenn  Du  weiBt,  daB  hier  nicht  an  Dich  der  Anspruch  einer 
„Mitredaktion"  vorliegt,  sondern  der  Rat,  den  ich  brauche, 
um  in  einer  selten  schwierigen  Frage  mit  Dir  in  einem  Sinne 
vorzugehen.  Das  heiBt  also,  daB  ich  Deinem  Rat  in  dieser 
Sache  jedenfalls  folgen  werde. 

Mein  Urteil  iiber  die  Arbeit  ist  in  Kurze: 
I.  Die  Sprache  ist  unertraglich  bezw.  voll  Abgeschmackt- 

heiten 
II.  Was  er  iiber  das  Gedicht  sagt,  das  sagt  er  —  anders  als 

der  echte  Kommentar  es  tut  —  vielfach  auf  Kosten  des 

Gedichts 

III.  Sehr  Wesentlichem,  dem  eigentlich  Dichterischen,  an 
diesem  Gedicht  wird  er  nicht  voll  gerecht 

IV.  Er  wird  auch  wesentlichen  Seiten  an  diesem2  nicht 
gerecht 

V.  Die  Arbeit  enthalt  sowohl  iiber  das  Gedicht  wie  insbe- 
sondere  iiber  die  Bedeutung  des  Divan  als  Gesamt- 
werk  auBerordentlich  tiefe,  sehr  wesentliche  und  bis- 
her  meines  Wissens  niemals  geahnte  Einsichten.  Was 
darin  iiber  Goethes  Religion  steht  halte  ich  fur  voll- 
kommen  wahr 
VI.  Die   gnostizistische  Metaphysik  die   als   Gehalt  im 
Hintergrund  der  Arbeit  steht  und  als  Form  in  ihrem 
Vordergrund  lehne  ich  ab. 
Was  ich  nicht  zu  erkennen  vermag  und  worin  der  wesent- 
liche Grund  meiner  Unklarheit  liegt  ist  die  Frage:  ist  die 
Problematik,  welche  in  der  Sprache  liegt  (und  hier  viel  sicht- 
barer  als  im  Gehalt  ist)  von  uns  (Dir  und  mir)  aus  noch  als 
diskutierbar  zu  betrachten?  Wenn  sie  natiirlich  uns  auch  in 


276 


gewissem  Sinne  fremd  ist  und  besonders  Dich  nicht  angeht. 
GewiB  darf  und  mufi  ich  audi  Dinge  bringen,  denen  ich  in 
letzter  Hinsicht  verneinend  gegenuberstehe  wenn  sie  in  sich 
bestandhaft  und  hochbedeutend  und  rechtzeitig  sind  —  wenn 
sie  nicht  in  einer  undiskutierbaren  Weise  sich  dem  Leser  zu 
imponieren  such  en.  Denn  diesen  Ton  des  nicht  -zu-diskutie  - 
renden,  schlechtweg  diktatorischen  oder  imponierenden  kann 
ich  freilich  nur  —  allenfalls  —  bei  AuBerungen  leiden,  die  ich 
bis  ins  letzte  vertrete  (und  die  werden  ihn  kaum  haben,  viel- 
leicht  nur  in  der  Kunst  wo  es  etwas  anderes  damit  ist.) 

Was  die  obige  Kritik  von  Rangs  Arbeit  angeht,  so  ist  Dora 
mit  ihr  einig,  nur  schrankt  sie  die  Anerkennung  des  Positiven, 
die  ich  darin  gebe,  sehr  ein.  Jedoch  steht  fur  mich  die  hohe 
Bedeutung  der  Arbeit  in  dem  genannten  Sinne  fest. 

Das  Problem  dieser  Arbeit  ist  iibrigens  —  sachlich  ange- 
sehen  —  nicht  ohne  weiteres  das  der  Mitarbeit  von  Rang.  Denn 
nur  das  Thema  und  der  Radikalismus  sind  hier  das  Kritische. 
Ob  es  aber  personlich  angesehen  dies  nicht  doch  ist,  ist  natur- 
lich  eine  andere  Frage,  die  ich  fiirchte,  etwa  bejahen  zu 
miissen. 

Ins  erste  Heft  mochte  ich  sie  keinesfalls  setzen. 

Ich  schlieBe  mit  der  dringenden  Bitte,  die  paar  Stun  den  zu 
lesen  und  mir  zu  schreiben  bald  zu  eriibrigen,  weil  ich  in  kur- 
zer  Zeit  Rang  schreiben  muB. 

Donnerstag  war  Steinschneider3  bei  uns  und  gefiel  uns 
ganz  gut.  Dora  hat  einen  etwas  groBen  Eindruck  auf  ihn 
gemacht.  "Dbrigens  geht  es  ihr,  besonders  gesundheitlich  in 
den  letzten  Tagen  merklich  besser. 

Wir  griiBen  Dich  und  Fraulein  Burchardt  herzlich 

Dein  Walter 

1  Spater  im  1.  Jahrgang  der  Zeitschrift  „Neue  Deutsche  Beitrage" 
(Heft  1,  1922)  gedruckt. 

2  An  dem  Gedicht  selber. 

3  Gustav  Steinschneider  (geb.  1899),  ein  Freund  Scholems. 


277 


106  An  Gerhard  Scholem 

[27.0ktoberl92l] 

Lieber  Gerhard, 

wirklich  hast  Du  das  schwere  Amt  wohl  ausgefiillt  und  daf Iir 
herzlichen  Dank!  Mein  nach  Deinem  Brief  noch  wahrendes 
Schweigen  geht  auch  keineswegs  auf  ein  tlberdenken  seines 
Inhalts  zuriick,  sondern  auf  teils  auBere,  teils  innere  Anlie- 
gen,  die  mich  vom  Schreiben  abhielten.  Daf  iir  gedenke  ich  die- 
sem  Brief  an  kleinen  Berliner  Nachrichten  mitzugeben,  was 
man  sich  nur  denken  kann. 

Zunachst  also  bestatige  ich  Deine  Meinung  verstanden  zu 
haben  und  war  auch  auf  Interpretation  nicht  angewiesen,  weil 
sie  sich,  besonders  in  den  redaktionell  wichtigen  Stiicken  mit 
der  meinigen  deckt.  Denn  was  in  dieser  Hinsicht  fur  mich 
entscheidet  ist  freilich  die  —  gleichsam  pathologische  — Ange- 
wiesenheit  auf  Diskussion  in  dieser  Arbeit.  Ich  werde  sie  also 
nicht  bringen  und  habe  auch  schon  dies  von  f  ernem  dem  Autor 
angekiindigt.  Ich  hoffe  sehr,  daB  das  zu  keinen  verhangnis- 
vollen  Auseinandersetzungen  fuhrt.  Denn  erstens  wird  meine 
Ablehnung  sich  so  wenig  wie  moglich  prinzipiell  zeigen  und 
zweitens  habe  ich  doch  irgendwie  Erich  Gutkinds  Stimme, 
die  bei  Rang  nicht  ohne  Gewicht  ist,  fur  mich,  drittens  konnte 
es  sein,  daB  in  gewissen  Dingen  der  Vorfall  mit  [Henri] 
Borel1  seine  Selbstsicherheit  auf  eine  heilsameY? eise  erschiit- 
tert  hat.  -  Borels  Kommen  steht,  nachdem  sein  Briefwechsel 
auch  mit  Gutkinds  eine  kritische  Phase  durchgemacht  hat 
ziemlich  unmittelbar  in  Aussicht  —  nach  Beendigung  des  hie- 
sigen  Kellnerstreiks. 

DaB  Du  den  verdienten  hohen  Rang  in  der  Angelokratie 
bekleidest,  will  sagen,  in  den  geplanten  Botschafterposten  am 
Hofe  des  Genies2  durch  Ernennung  rechtskraftig  eingesetzt 
werdest,  liegt  in  Deiner  Hand.  Denn  daB  hierbei  die  Maxime 
waltet,  daB  Botschafterposten  nur  von  ordentlichen  offent- 
lichen  Mitarbeitern3  eingenommen  werden  konnen,  durfte 
Dir  bekannt  sein.  Man  erwartet  also  im  Ministerium  des 
Innern  Deine  Schrift  um  sie  mit  den  besten  Empfehlungen 

278 


an  das  des  Auswartigen  dann  sogleich  weiterzugeben.  —  Soviel 
zur  Beforderungsfrage.  Zur  Frage,  ob  Du  von  den  Obliegen- 
heiten  niederer  Funktionen  sogleich  kannst  entbunden  wer- 
den  ist  zu  bemerken,  daB  —  wie  Prof.  Ostwald4  bekanntlich 
nachgewiesen  hat  -  keine  Angelegenheit  endgiiltig  und  zu- 
standig  in  Abwesenheit  des  zugeordneten  Engels  zu  stande 
gebracht  werden  kann.  Die  Redaktion  wird  sich  also  nicht  vor 
Ankunft  des  Titular -Engels  selbstandig  entschlieBen  konnen. 
Wir  hoffen  sehr  daB  er  noch  zur  Zeit  ankommt,  um  ein  fur 
Escha  Burchardt  geplantes  Paket  hierselbst  zu  segnen. 

(Auch  soil  er  in  Geburtstagsgeschenken  fur  den  cand. 
schnor.  eine  gliickliche  Hand  haben). 

Dora  wird  denke  ich  ein  paar  Worte  heranschreiben.  Ihr 
Befinden  in  der  letzten  Zeit  war  wechselnd.  Augenblicklich 
scheint  es  ganz  gut  zu  sein.  Vielleicht  schreibt  sie  Dir  bald 
einmal  ausfiihrlicher,  doch  weiB  ich  das  nicht. 

Mit  Orpheus  S.  Fischer  und  mir  hat  es  durch  einen  spaB- 
haften  geschaftlichen  Umstand,  der  meinen  Vater  und  ihn 
betrifft,  eine  unerwartet  gute  Wendung  genommen,  indem 
ich  heute  fur  die  Gauguin-Bilder  zu  „Van  Zantens  Insel  der 
VerheiBung"  5,  will  sagen  fiinf,  sechs  Stunden  Beschaftigung 
damit,  zweitausend  Mark  bekommen  habe.  Es  gab  dazu  eine 
harte,  interessante  Sitzung,  von  der  es  schade  ist,  daB  ich  sie 
Dir  nicht  vorspielen  kann. 

Warst  Du  schon  bei  Meyrink?6  Ich  meinerseits  habe  Holz- 
manns  Vetter  [Julian]  Hirsch  und  den  Bildhauer  Freundlich 
aufgesucht,  den  dritten  der  von  ihm  genannten  besuche  ich  . 
morgen.  Die  beiden  ersten  sind  Ehrenmanner  kommen  aber 
fur  den  Angelus  nicht  in  Frage.  Otto  Freundlich  nicht  durch 
seine  erstaunliche  Unreife,  Hirsch  dagegen  iiberhaupt  in  gar 
keiner  Weise.  Sein  Buch  iiber  die  „Genesis  des  Buhmes"7  ist 
mit  einer  ziemlichen  Menge  Stumpfsinn  ausgestattet.  Da- 
gegen hat  Freundlich  gute  Ideen.  An  Lewy  habe  ich  vor  lan- 
gerer  Zeit  einen  sehr  guten  Brief,  der  etwas  milder  war  als 
der,  den  ich  in  Deiner  Gegenwart  erwog,  abgeschickt.  Darauf 
bekam  ich  eine  Antwort,  die  zwar  fiir  seine  Verhaltnisse  sehr 
gemaBigt  und  friedfertig  im  Ton,  in  der  Sache  jedoch  unwei- 
gerlich  rechthaberisch  war  und  seinerseits  meine  Unterwer- 

279 


fung  zur  Bedingung  des  ferneren  Brief wechsels  machtc.  Dar- 
auf  schweige  ich  natiirlich.  Von  Hirsch,  der  ihn  gtU  kannte, 
erfuhr  ich  nebst  vielem,  was  meine  Anschauung  von  ihm  und 
besonders  seiner  Frau  bestatigte,  die  hbchst  interessanle  Ge- 
schichte  des  Endes  seiner  Universitatslaufbahn,  welches  seine 
Frau  zu  verantworten  hat. 

[Erich]  Unger  ist  bereit  mitzuschreiben,  doch  habe  ich  den 
in  Aussicht  gestellten  Beitrag,  einen  Aufsatz  den  er  vor  ein 
oder  zwei  Jahren  schrieb,  noch  nicht.  In  nachster  Zeit  beab- 
sichtigt  er,  den  50  Minuten-Doktor  von  Erlangen  zu  machen. 

Dein  Walter 

1  Niederlandischer  Autor  (1869-1953)  und  Autoritat  in  Sinologie: 
enger  Freund  Rangs  und  Gutldnds. 

2  Bei  Felbt  Noeggerath. 

3  Am  „Angelus  Novus". 

4  Wilhelm  Ostwald,  uber  desstfn  Philosophie  sich  W.  B.  gern  mo- 
kierte. 

5  Ein  bei  S.  Fischer  erschienener  Roman  von  Laurids  Bruun  (1864  bis 
1935). 

6  Gustav  Meyrink  hatte  Scholem  nach  Starnberg  eingeladen. 

7  Erschien  1914. 


107  An  Gerhard  Scholem 

[8.  November  1921] 

Die  Poesie  ist,  wie  billig,  dem  Urbild  *,  einige  Prosa  aber  dem 
Abbild2  zu  widmen.  Der  Verleger  schwelgt  in  Vaterfreuden, 
wahrend  ich  mich  kaum  Mutter  fiihle.  Er  berechnet  den  Ge- 
burtstag  seines  Jiingsten  auf  Januar  1922,  wahrend  ich  aus 
Mangel  an  kraf tiger  Nahrung  jeden  Geburtstag  in  Frage 
ziehe.  Kraftige  Prosa  vor  allem  fehlt. 
Bisher  habe  ich  fur  das  erste  Heft 

Aus  dem  Nachlafi  von  Fritz  Heinle 

Gedichte  u.  a.  von  Wolf  Heinle 

Karneval  von  Rang  3 

280 


Synagoge  von  Agnon 

Aufgabe  des  "Obersetzers  von  mir 

Von  alien  ausstehenden  Arbeiten  ist  die  Deinige,  dem- 
nachst  die  zweite  Erzahlung  von  Agnon4  bei  Weitem  das 
Wichtigste.  Da  es  mir  nun  nach  genauer  Erwagung  garni cht 
moglich  ist,  die  Ankiindigung  der  Zeitschrift5  eher  zu  verfas- 
sen,  als  ich  das  erste  Heft  in  allem  Wesentlichen  vor  mir  sehe, 
so  bedeutet  das,  daB  ich  notgedrungen  auf  das  warte,  was  von 
Dir  kommt.  Denn  da  ich  in  jener  Ankiindigung  nicht  grund- 
satzlicher  als  durchaus  notwendig  ist,  sprechen  will,  so  kann 
ich  nicht  anders  als  mich  explicit  oder  implicit  auf  Vorliegen- 
des  beziehen,  was  nur  moglich,  wenn  es  mir  ganz  gegenwar- 
tig  ist. 

Mir  ist  es  in  der  letzten  Woche  durchaus  nicht  gut  gegan- 
gen;  ich  habe  mit  Depressionen,  die  wie  es  scheint  mehr  und 
mehr  periodisch  erscheinen  in  aller  Form  zu  kampfen  aber 
gottseidank  keineswegs  aussichtslos.  Eben  bin  ich  mal  wieder 
entschieden  dabei,  aufzutauchen,  weilmir,  dringender  Arbeiten 
halber,  garnichts  anderes  ubrig  bleibt.  Ich  habe  meine  Kritik 
der  Wahlverwandtschaften  abzufassen,  die  mir  gleich  wichtig 
als  exemplarische  Kritik  wie  als  Vorarbeit  zu  gewissen  rein 
philosophischen  Darlegungen  ist  —  dazwischen  liegt  was  ich 
darin  iiber  Goethe  zu  sagen  habe. 

Rosenzweig  habe  ich  wieder  etwas  aufgenommen  und  er- 
kannt,  daB  dieses  Buch  dem  Unvoreingenommenen  freilich 
seiner  Struktur  nach,  die  Gefahr  es  zu  iiberschatzen  notwen- 
dig nahe  legt.  Oder  nur  mir?  Ob  ich  selbst  wenn  ich  es  zum 
erstenmale  ganz  durchgelesen  habe  es  schon  werde  beurteilen 
konnen  ist  mir  noch  fraglich. 

Ich  bitte  Dich  herzlich,  Dich  auf  irgend  eine  Weise  so  ein- 
zurichten,  daB  ich  in  absehbarer  Zeit  dasjenige  was  ich  am 
notigsten  brauche  von  Dir  erhalten  kann  und  es  mich  bald 
wissen  zu  lassen. 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen  an  Dich  und  Fraulein 
Burchardt  Dein  Walter 

PS  Fast  hatte  ich  vergessen  zu  erzahlen,  daB  Lehmann  6  und 
ich  ein  groBes  Wiedersehen  gefeiert  haben  und  daB  in  den 

281 


Vorlesungen,  wo  ich  war,  alles  im  alten  Stil,  der  mir  eigent- 
lich  zu  meiner  Freude  jetzt  scheerbartisch  erscheint,  begonnen 
hat. 

Der  Scholem  schickt  den  Angelus 

Nicht  an  den  Ort  wohin  er  muB 

Der  Gerhard  denkt  in  seinem  Groll 

Da£  er  an  diesen  Ort  nicht  soil 

Die  Escha  tut  auf  sein  GeheiB 

Als  ob  audi  sie  von  garments  weiB 

Denn  in  dem  Zimmer  dieser  Dame 

1st  er  bef  estigt  als  Reklame 

Da  nennt  der  Angelus  sich  Engel 

Und  fliichtet  schnell  aus  solchem  Zwengel 

Denn  er  verweilt  nicht  in  den  Buden 

Von  abgefeimten  Zauber- Juden 

Zu  der  Behausung  der  Stefanze7 

Verfugt  er  sich  in  seinem  Glanze 

Man  bettet  ihn  auf  Rosenzweigen 

Doch  lieber  wird  er  schwebend  bleiben 

1  Dem  Bilde  Klees,  das  an  W.  B.  verschicH  werden  sollte. 

2  Der  Zeitschrift  desselben  Namens. 

3  „Historische  Psychologie  des  Karnevals",  erschien  spater  in  der 
„Kreatur". 

4  „Aufstieg  und  Abstieg",  von  Sch.  iibersetzt. 

5  Schriften  II,  S.  275-279. 

6  Walter  Lehmann,  der  Ordinarius  in  Berlin  geworden  war. 

7  W.  B.s  Sohn  Stefan. 


108  An  Gerhard  Scholem 

27.  November  1921 

Lieber  Gerhard, 

neulich  kam  das  neue  Heft  des  Juden 1  -  per  Post,  und  zwar, 
wie  hier  verbreitet  wird,  weil  dem  Angelus  der  Aufsatz  iiber 
Kunsterziehungsfragen  so  schwer  wiegend  schien,  daB  er  das 

282 


Heft  nicht  nehmen  wollte.  Mir  aber,  der  ich  seine  unerreich- 
bare  Gebardensymbolik  nicht  nachahmen  kann,  muBt  Du  ge- 
statten,  es  schlicht  und  recht  eine  sublime  Infamie  zu  nennen, 
daB  Buber  einen  Aufsatz,  der  an  sachlichem  Gehalt  (und  Wis- 
sen)  zum  mindesten  doch  wohl  alles  was  bisher  im  „Juden" 
stand  erreicht,  einer  Backfischfaselei  von  Fraulein  Bileam2 
nachstellt.  Damit  wird  sich  der  Jude  meine  Freundschaft 
nicht  erwerben,  ebensowenig  werden  es  —  und  wenn  ich  dar- 
iiber  mit  mir  selbst  zerfallen  miiBte  —  seine  Abonnenten  und 
am  wenigsten  die  Autoren,  die  sich  schafartig  so  etwas  gefal- 
len  lassen. 

Ferner  wurde  Solnemann  der  Unsichtbare  3  bei  uns  sicht- 
bar.  Sehr  schon  ware  es,  wenn  er  dies  audi  durch  Doras  Hilfe 
in  England  wiirde,  aber  dies  ist  immerhin  noch  vollig 
ungewiB. 

Der  Angelus  hat  hier  den  Platz  iiber  dem  Sofa  bekommen, 
alle  haben  sich  sehr  mit  ihm  gefreut.  Wie  bisher  verschmaht 
er  es,  Einfliisterungen  —  nach  Art  der  Orakel  —  zu  geben. 
Daher  sind  wir  in  Betriibnis  und  Ratlosigkeit  wegen  des  Ge- 
burtstagsgeschenks  verfallen,  da  wir  seinem  Aufenthaltsort 
nicht  Unehre  machen  diirfen.  Vielleicht  hat  er  im  Buche 
Rasiel4  etwas  dariiber  geschrieben. 

Auch  sonst  gibt  es  Bedenken,  iiber  die  er  vielleicht  garni cht 
weghilft.  Namlich  was  Rangs  Mitarbeit  und  ganze  Stellung 
zu  mir,  ja  selbst  sein  eigenes  Ergehen  betrifft,  so  macht  es 
mich  sehr  bedenklich,  daB  nach  Ankiindigungen  an  Gutkinds 
auch  seine  Shakespeare-Arbeit  (die  er  seinerseits  noch  neben 
dem  Karnevals  aufsatz,  den  ich  dafiir  angenommen  habe  in 
der  ersten  Nummer  sehen  will)  wieder  auf  Christus  hinaus- 
lauft.  Ich  erwarte  sie  in  den  nachsten  Tagen.  Mit  groBerer 
Freud e  aber  erwarte  ich  die  Agnonsche  Geschichte.  Und  wie- 
weit  ist  die  Ubersetzung  des  Buches  Bahir5,  das  vorlaufig  fiir 
mich  nur  ein  Retardierendes  Moment  ist? 

Dann  habe  ich  noch  zu  berichten  -  und  auch  dies  hat  der 
Angelus  erfahren  —  daB  ich  mich  zwar  verschwiegen  doch 
nicht  wenig  mit  einer  kleinen  Anspielung  auf  meine  „Auf- 
gabe  des  Ubersetzers"  freute,  die  ich  in  der  urspriinglichen 
Fassung  Deiner  „Lyrik  der  Kabbala"  zu  finden  glaubte,  und 

283 


zwar  in  den  Worten,  daB  die  wahren  Prinzipien  der  "Qber- 
setzung  schon  „oft  genug"  seien  aufgestellt  worden.  Diesen 
Wink  mit  dem  Grashalmchen  habe  ich  in  dem  „Juden"  nicht 
mehr  gefunden. 

Der  Wasserflasche  meine  Reverenz.  Aber  ehe  sie  sich  mir 
niitzlich  erweisen  kann,  muB  es  [!]  noch  wer  weiB  wie  lange 
die  Maschine  und  Fraulein  Burchardt  fur  mehrere  scheme 
folgende  Briefe  in,  Begeisterung  versetzen.  Ich,  ohne  so  be- 
giinstigenden  AnlaB,  werde  die  meinigen  vom  Akademie- 
sekretar  von  Muri,  einem  wahren  Solnemann,  an  sie  richten 
lassen. 

Mir  geht  es  inzwischen  ganz  gut.  Nur  habe  ich  keine  Rune 
ehe  ich  meine  Arbeit  uber  die  Wahlverwandtschaften  nicht 
fertig  habe.  Darinnen  findet  die  rechtskraftige  Aburteilung 
und  Exekution  des  Friedrich  Gundolf  statt. 

Viele  herzliche  GriiBe  an  Euch  auch  von  Dora 

Dein  Walter 

PS  Der  Umgang  mit  Bloch  ist,  sehr  vorsichtig,  wieder  auf- 
genommen  worden.  Natiirlich  macchiavelinisch.  Die  vollstan- 
dige  Korrektur  vom  „Miinzer"  wurde  mir  neulich  bei  seinem 
ersten  Besuch  hier  iiberreicht  und  ich  habe  zu  lesen  begonnen. 

1  Mit  einem  sehr  langen  Aufsatz  Sch.s  „Lyrik  der  Kabhala?",  der  aus 
Griinden  der  Raumersparnis  in  Petit  gesetzt  war. 

2  Ironisch  statt  Biram. 

3  Der  Roman  von  Adolf  Frey,  den  Sch.  an  W.  B.  geschickt  hatte. 

4  Ein  kabbalistisches  Buch  iiber  Angelologie. 

5  Der  Gegenstand  von  Sch.s  Dissertation  (erschien  in  Leipzig  1923). 


109  An  Gerhard  Scholem 

[2.Dezember  1921] 

Lieber  Gerhard, 

vorliegender   Gluckwunschbrief  wird   mit   dem   Segen   des 
Angelus  und  unter  lauter  Akklamation  der  unterworfenen 

284 


Volkerschaften,  die  meinen  Schreibethron  umgeben,  begon- 
nen.  Dieselben  namlich  unterstehen  neuerdings  meiner  Auf- 
sicht,  seitdem  sie  samtlich  in  der  Garderobe  des  ethnologischen 
Instituts  zu  Muri  zu  ihrer  allgemeinen  Zufriedenheit  ange- 
siedelt  word  en  sind.  (S.  Schriften  der  Akademie  Muri  „Ein 
neues  Siedelverf ahren" .)  Endlich  komme  auch  ich  selbst  als 
Gratulant  ernsthaft  in  Frage,  was  ich  durch  die  Beigaben 
und  herzliche  Wunsche  auszuweisen  hoffe.  Diese  betreffen 
zunachst  die  gliickliche  Beendigung  des  Bahir  an  welchem  ich 
einem  freundlich  wedelnden  Schwanzchen  gleich,dasSumma 
cum  laude  zu  sehen  hoffe.  Ferner  gliickliches  Ergehen,  und 
Gedeihen  der  dem  Angelus  als  Lehnsherr  unterstehenden 
hebraistischen  Saatf  elder.  Endlich  Milderung  des  gottverges- 
senen  und  erbarmungslosen  Regimentes  iiber  Stadt  und  Volk 
von  Halberstadt  auf  dai3  es  nicht  eines  Tages  mit  Stumpf  und 
Stil  den  Tyrannen  treffe. 

Das  beiliegende  Buch,  hoffe  ich,  ist  das  gewunschte,  wel- 
ches Dir  damals  in  die  Hande  gefallen  ist.  Dagegen  ist  die 
„Symbolik  der  Rose"  wegen  welcher  ich  neulich  anfrug 
erstens  Dir  wohl  niemals  vor  Augen  gekommen  und  war 
zweitens  bereits  verkauft.  Abgesehen  davon,  dafi  „Selam" 
wohl  das  Gewunschte  war  —  das  ich  nur  neulich  nicht  fand 
und  daher  mit  der  Rosensymbolik  verwechselte  —  macht  es 
mir  auch  einen  bessern,  ja  guten  Eindruck  —  ein  wenig  im  Stil 
der  von  France  zitierten  Buchlein  oder  Walzerchen.  So  mochte 
ich  einmal  meine  Sachen  gedruckt  sehen. 

Wohl  oder  libel  muB  ich  in  den  Dingen  des  Angelus  mehr 
und  mehr  auf  den  Beistand  falscher  Freunde  und  des  Erz- 
feindes  zahlen,  da  die  wahren  mir  sehr  viel  Kummer  machen. 
Rangs  hochst  umfangreiche  Shakespeare -Arbeit  ist  vor  kur- 
zem  gekommen  und  scheint  sich  sehr  schwierig  anzulassen. 
Das  erste  Heft  soil  —  wenn  nicht  Komplikationen  mit  dem 
Autor  diesen  Plan  vereiteln  -  die  „historische  Psychologie 
des  Karnevals"  bringen. 

Herzlich  Dich  und  Escha  griiBend 

Dein  Walter 


285 


Liebes  Fraulein  Burchardt, * 

ich  habe  Sie  in  dem  Brief  an  Gerhard  audi  griiBen  lassen, 
damit  er  nicht  merkt,  daB  ich  Ihnen  besonders  schreibe.  Fur 
heute  auf  Ihren  letzten  Eilbrief  nur  soviel :  Drahten  Sie  (im 
auBersten  Falle)  „Antiochus  Epiphanes"  und  ich  bin  sofort 
zur  Stelle. 

Herzlichst  Ihr  Walter  Benjamin 

1  Dies  auf  der  Mitte  der  nachsten  Seite  des  Brief es. 


110  An  Gerhard  Scholem 

[17.  XII.  1921] 

Lieber  Gerhard, 

da  der  groBer  und  immerhin  rechtzeitiger  Beschenkte  wohl 
den  Anfang  mit  dem  Dank  machen  muB,  so  bin  ich  davon  be- 
troff  en  und  melde  also  Fraulein  Burchardt  und  Dir  wie  sehr 
ich  mich  mit  Agnons  Erzahlung  gefreut  habe.  Ihr  dichteri- 
scher  Gehalt  scheint  mir  so  groB,  wie  der  der  letzten  Ge- 
schichten  iiberhaupt  —  und  wo  mein  Wissen  nicht  mehr  aus- 
reicht,  namlich  was  die  Frage  der  Ubersetzung  angeht,  so  soil 
der  Angelus,  der  die  Sache  vor  Urzeiten  im  Himmel  gelesen 
hat,  wo  sie  Agnon  aus  der  Tasche  verloren  hatte,  in  seinem 
unhorbaren  Nigen 1  vor  sich  hingesungen  haben,  daB  sie  gut 
sei.  Vielleicht  tut  dies  der  Angelus  aber  auch  nur  auf 
Grund  seiner  stadtbekannten  Beziehungen  zu  dem  Fraulein 
Burchardt. 

Uber  ein  anderes,  kurzlich  ihm  gewidmetes  Manuscript 
denkt  er  weit  weniger  gut  und  bringt  mich  wieder  einmal  in 
die  Verlegenheit,  seinen  verschwiegensten  Gedanken  meine 
Stimme  leihen  zu  miissen.  Es  ist  Rangs  Shakespeare -Arbeit, 
oder  vielmehr  ein  Auszug,  der  aus  8  Ubersetzungen  mit  Kom- 
mentar  besteht.  Wenige  Proben  die  ich  machte,  schienen  mir 
ein  kategorisches  Urteil  oder  mindestens  eine  unverhiilltere 
Aussprache  so  dringend  zu  fordern,  daB  ich  zum  weiteren 

286 


Studium  noch  nicht  den  Mut  gefaBt  habe.  Ich  suche  dies  urn 
so  mehr  zu  verschieben,  als  Rang  —  wegen  vollig  chimarischer 
Aussichten  auf  Kultur-  oder  Schul -Arbeit,  von  denen  er 
glaubt,  dafi  die  Quaker  sie  ihm  erbffnen,  gegen  Weihnachten 
vielleicht  herkommen  wird  und  meine  prinzipielle  —  und  viel- 
leicht  geradezu  zur  Trennung  fiihrende  Auseinandersetzung 
mit  ihm,  aller  bisher  auf gewendeten  Vorsicht  zum  Trotz 
nicht  mehr  zu  vermeiden  sein  wird.  Ein  gewisser  Ruckhalt, 
der  das  Schroff  e  ausgleicht,  wird  wohl  bei  Erich  Gutkind  zu 
firiden  sein. 

Sonst  betrifft  noch  die  Zeitschrift  meine  Arbeit  iiber  die 
Wahlverwandtschaften,  die  sehr  langsam,  fast  allzu  behut- 
sam  vorriickt,  aber  schlieBlich  zu  meiner  Erleichterung  doch 
eines  Tages  wohl  vorliegen  wird.  Sie  kreuzt  sich  gerade  mit 
der  Beschaftigung  mit  Baudelaires  Leben,  der  ich  mich  jetzt 
etwas  zu  wend  en  muB.  Denn  es  ist  Aussicht  vorhanden,  daB 
ich  im  Laufe  des  Winters  in  einer  Buchhandlung  (vielleicht 
bei  Reuss  und  Pollak)  die  oftgeplante  Vorlesung  aus  den 
Ubersetzungen  halten  kann  und  dabei  will  ich  den  Gedichten 
einen  Vortrag  iiber  den  Dichter  vorausschicken,  in  dem  ich 
die  groBte  Exaktheit  mit  einigen  wesentlichen  Andeutungen 
unter  absolutem  AusschluB  von  Tiefsinn  verbinden  will. 

Kiirzlich  wohnte  ich  einer  selten  mifigluckten  und  selten 
interessanten  Vorlesung  bei:  In  einem  Hause  in  der  Bendler- 
straBe  hatte  sich  eine  Bourgeois-Familie  aus  wer  weifi  welchen 
Griinden  zum  Vortrag  die  Person  eines  HerrnLyk2  verschrie- 
ben.  Das  unmogliche  Publikum  dabei  bildeten  auBer  einigen 
obligaten  Bourgeois  vor  allem:  [.  .  .]  Martin  Gumpert,  einige 
junge  Damen  aus  dem  wilden  Westen  Berlins.  Herr  Lyk,  ein 
unbestreitbar  schizophrenes  Talent  ist  bekannt  (bei  solchen, 
die  dies  ihrerseits  nicht  sind)  als  eine  wissensschwangere, 
geisterkundige,  weltgereiste  [i]  und  vollkommen  esoterische 
Personlichkeit  im  Besitze  aller  Arkana.  Er  diirfte  nicht  viel 
weniger  als  45  Jahre  zahlen.  Konfession,  Herkommen  und 
Einkommen  bleiben  noch  zu  ermitteln,  und  ich  bin  nicht 
faul.  Dieser  Herr,  der  sich  als  ein  ins  Verhungerte,  Toten- 
kopfhafte  und  nicht  durchaus  Reinliche  verhextes  „  Genie" 
(Felix  N.)  beschreiben  lieBe,  sprach  mit  der  Haltung  (nicht 

287 


aber  Stimme*)  eines  Aristokraten  aus  dem  alten  „Simplizissi- 
mus"  iiber  —  Verschiedenes,  De  omnibus  et  quibusdam  magi- 
cis.  Das  Debacle  war  vollkommen.  Nach  einer  Stunde  hieB 
man  diesen  schweigen.  Nach  einer  weitern  halben  sprach  nie- 
mand  mehr  mit,  kaum  jemand  von  ihm.  Und  nun  kommt  das 
Merkwiirdige  an  der  Sache.  Was  dieser  Mann  sagte  war  hochst 
beachtenswert,  ab  und  zu  fraglos  wichtig  und  in  jeder  Hinsicht, 
selbst  wennfalsch,  wesentlich.  AHerdings  auBerst  unbeholfen. 
Es  war  —  wie  es  schien  —  sozus^.^en  sein  Lebenswerk  und  ob  er 
noch  viel  langer  als  jene  Stunde  hatte  reden  kbnnen,  weiB  ich 
nicht.  Ein  Denker  schien  er  leider  nicht  zu  sein. 

Zwei  furehterlicheSalonlowen,  wie  ich  solche  blutdiirstiger 
nie  gesehen,  [.  .  .],  sturzten  sich  iiber  ihn  und  zerrissen  ihn 
vollig.  Die  Brutalitat  des  erstern  war  selbst  in  Anrechnung 
seines  Psychiaterberufs  frappant. 

Mit  Lyk  hat  es  nun  auBer  allem  sonstigen  die  merkwiirdige 
Bewandtnis,  daB,  wie  ich  aus  gewissen  Hinweisen  zu  behaup- 
ten  vermag,  ich  in  ihm  hochstwahrscheinlich  auf  die  letzte 
Quelle  einiger  und  zwar  der  nicht  a  priori  dummen  oder  un- 
saubren,  sondern  nur  (und  dies  freilich  a  priori)  der  Ab- 
stumpfung  und  Verunreinigung  ausgesetzten  Theoreme  des 
Goldbergkreises  gestoBen  bin.  Der  Mann  ist  sozusagen  eine 
Generation  alter,  scheint  seinerseits  wiederum  von  jenen 
(wenigstens  heute)  eine  groBe  Distanz  zu  halten  und  abge- 
sehen  davon  deutet  auf  seine  Rolle  dabei  noch  sonst  Person- 
liches  und  Sachliches  (der  „Ungerscheu  Gedanke  einer  neuen 
Volkerwanderung)  hin.  Als  der  Betreffende  ganzlich  kaltge- 
stellt  zuletzt  gegen  den  Ofen  gelehnt  saB,  ging  ich  in  weiser 
Erwagung  alles  diesen,  zu  ihm  und  ergriindete  seine  Adresse. 
Demnachst  wird  es  sich  zeigen  was  ich,  oder  was  gar  der 
Angelus  von  ihm  zu  erwarten  hat. 

Woriiber  er  iibrigens  sprach  laBt  sich  nur  andeuten :  iiber 
die  herrschende  Bedeutung  des  Melos  in  der  Sprache.  Er  las 
auch  merkwiirdige  Gedichte  vor. 

[. . .] 

Dora  fragt  oft,  wann  man  Dich  sehen  wird  und  da  nun 


*  Seine  Stimme  ist  sehr  schon. 
288 


zwischen  Miinchen  und  Berlin  kein  neuer  Engel  dahinfahrt, 
sondern  neue  Schlafwagen,  so  wirst  Du  selbst  erscheinen 
miissen:3 

Dein  Walter 

1  Hebraisch:  Melodic  Die  Erzahlung  Agnons  ist  gedruckt  in  „Der 
Jude"  VIII  (1924),  S.  38-57. 

2  Der  Deutschbalte  Hugo  Lyck,  uber  den  Hans  Bluher,  „Werke  tmd 
Tage",  Miinchen  1953,  S.  22-24,  naher  bericbtet  bat. 

3  Hie*  folgen  Zeichnungen,  Scholem  und  Escha  Burchardt  darstel- 
lend. 


Ill  An  Gerhard  Scholem 

Lieber  Gerhard, 

Liebes  Fraulein  Burchardt, 

l.X.  1922 

zum  neuen  Jahre  wiinsche  ich  Euch  von  Herzen  Gutes.  Das 
alte  ist  nicht  voriibergegangen  ohne  die  verborgensten  Be- 
furchtungen  einzulosen.  Denn  als  wollte  er  ein  letztes  Mai 
beweisen,  ein  wie  guter  Jude  er  ist,  hat  der  Angelus  mit  dem 
Abschied  des  gestrigen  Tages  den  seinen  verkiindet.  Er  hat 
sein  altes  Haus  am  kleefarbenen  Himmel  bezogen,  und  der 
Ehrenthron  des  Redaktors  in  meinem  Herzen  steht  leer.  Bei- 
folgend  der  Vorspruch  des  Leichenbitters :  „Den  Satz  fiir  den 
Angelus  muBte  ich  vorlaufig  einstellen  lass  en,  weil  man  mir 
—  dem  im  Druckgewerbe  seit  kurzem  eingefiihrten  Verfahren 
gemaB  -  einen  sehr  groBen  VorschuB  abverlangte.  Das  Unger- 
buch,  aus  dem  ich  groBere  Einnahmen  haben  werde,  wird  erst 
in  vier  Wochen  fertig.  Ich  hoffe,  dann  tiber  die  notwendige 
Summe  verfiigen  zu  konnen  ..."  Das  bifichen  Flunkerei, 
unter  dem  hiermit  sein  Erdenleben  verflackert,  verrat,  was 
audi  an  diesem  Wesen  unzulanglich.  —  Ihr  seid  die  ersten, 
denen  die  Nachricht  zukommt.  So  sehr  ich  f  urchte,  daB  Agnon 
die  Nachricht  ungiinstig  aufnimmt,  so  sicher  glaube  ich  auf 
eine  Amnestie  durch  Escha  hoffen  zu  diirfen.  Ich  selber  fuhle 
mich  durch  diese  Wendung  der  Dinge  wieder  in  die  alte  Ent- 
schluBfreiheit  zuriickversetzt.  Indem  ich  nun  weiterhin  (so- 


289 


fern  das  noch  in  Frage  kommt)  mich  mit  der  Zeitschrift  nur 
befassen  werde,  falls  dies  mit  anderen  Vorhaben  nicht  zu- 
sammenstoBt,  lasse  ich  vorderhand  alle  Arbeit  daran  ruhen, 
wahrend  ich  Weissbach  mit  drohendem  Schweigen  begegnen 
werde.  Derselbe  scheint  von  dem  Vorgeben,  meinen  Baude- 
laire erscheinen  zu  lassen,  noch  immer  nicht  ablassen  zu 
wollen. 

Viel  ernster  als  dies  scheint,  was  ich  von  Wolf  Heinle  hore, 
der  nun  schon  dreiviertel  Jahre  bettlagerig  —  an  Tuberkulose 
wie  sich  nun  ergibt  —  keine  Hoffnung  und  keine  Mittel  hat. 
Ich  halte  ^es  fur  sehr  fraglich  ob  er  wieder  gesund  wird.  Auch 
Dir  wird  in  kurzem  eine  Liste  zugehen,  die  ich  im  weitesten 
Kreise  meiner  Bekannten  vorlege,  um  ihm  Geld  zur  Ver- 
fiigung  zu  stellen.  Ob  sonst  fur  seine  Heilung  etwas  Wirk- 
sames  geschehen  kann,  ist  sehr  schwer  zu  sagen, 

Heute  abend  sind  wir  bei  [Moses]  Marx. l  Sein  Prospekt 
betreffs  der  hebraischen  Incunabeln  kam  neulich  —  Dora 
unterstiitzt  ihn  bei  dessen  Ubersetzung  ins  Englische.  Auch 
ich  bin  mit  Buchern  -  und  nicht  nur  eigenen  —  beschaftigt, 
indem  ichneuerdings  einigeZeit  auf  intensivesBuchersuchen 
mit  anschlieBendem  Verkauf  verwende.  Das  kleine  Andachts- 
buch,  das  ich  fur  35  M  in  Heidelberg  kaufte,  habe  ich  hier 
bei  Schbnlank  fur  600  M  verkauft.  Neulich  fand  ich  eine 
Erstausgabe  von  Nestroy  fur  10  M,  die  ich  aber  behalte. 
Vorlaufig  fallt  bei  diesen  Sachen  noch  nicht  genug  ab  und 
da  die  Angelegenheiten  mit  meinen  Eltern  noch  durchaus 
uniibersichtlich  liegen,  so  ist  unsere  Lage  schlecht.  Bei  Gut- 
kinds  scheint  sie  katastrophal  zu  werden.  Da  es  mit  seiner 
Mutter  noch  immer  beim  Alten  ist,  so  hat  Erich  sich  vor 
einigen  Tagen  entschlossen,  um  das  Geld  fur  den  Haushalt 
irgendwie  zu  beschaffen,  Stadtreisender  fur  Margarine  zu 
werden.  Ich  konnte  nicht  umhin  diesen  EntschluB  mit  dem 
meinigen  (aus  den  ersten  Augusttagen  1914)  zu  vergleichen: 
zur  Kavallerie  zu  gehen.  Seine  Lage  ist  nicht  zum  Scherzen. 
Aber  wenn  das  gliicken  soil,  so  muB  der  liebe  Gott  mit  ver- 
kauf en. 

Wie  unschon  sticht  von  meinem  ausfuhrlichen  Schreiben 
der  karge  Text  Deines  letzten  Briefes   ab.   Und  auch   die 

290 


Gliickwunschkarte  die  soeben  kommt,  und  fur  die  ich  schon- 

stens  danke,  ist  lakonisch.  Glaubst  Du,  ich  gabe  nicht  etwas 
darum,  die  Frankfurter  Zeitung  iiber  Blochs  Buch2  zu  ver- 
nehmen?  und  [Robert]  Eisler  liber  die  Papste?.  und  die  Escha 
iiber  die  Zigaretten.  Vielmehr  ersuche  ich  sie  dringend  den 
verlorenen  GroBherzogen  3  nachzuspiiren,  wozu  nicht  ich  son- 
dern  nur  sie  als  deren  Absenderin  in  der  Lage  ist.  —  Biicher- 
jagden  hast  Du,  lieber  Gerhard,  nicht  gemacht.  Und  Kritiken, 
als  da  jene  iiber  Ungers  Schrift4,  gibst  Du  audi  nur  miBver- 
gniigt  und  plarrend.  Und  meine  Wahlverwandtschaftenarbeit 
hast  Du  zu  lesen  womoglich  noch  nicht  einmal  begonnen, 
wahrend  hier  GroB  und  Klein  sie  zu  erwarten  behauptet.  Ich 
suche  einen  neuen  Verleger.  Ihre  Publikation  konnte  den 
Anfang  machen.5  WeiBt  Du  einen  Rat? 
Lebt  beide  wohl.  Seid  herzlich  gegriiBt.' 

Euer  Walter 

1  Agnons  Schwager  und  damals  Besitzer  einer  bedeutenden  hebriiischen 
Sammlung.  Er  gab  einen  Thesaurus  der  hebraischen  Incunabeln  heraus. 

2  „Thomas  Miinzer",  Munchen  1921.  Die  dort  veroffentlichte,  negative 
Kritik  stammte  von  Siegfried  Kracauer. 

3  Offenbar  eine  Tabak-  oder  Zigarettensorte. 

4  Erich  Ungers  von  W.  B.  eingeschickte  Broschiire  „Uber  die  staats- 
lose  Bildung  eines  jiidischen  Volkes",  Berlin  1922. 

5  Sie  erschien  in  den  „Neuen  Deutschen  Beitragen"  II  (1924/25);  jetzt 
„Schriften«  I,  S.  55  ff. 


112  An  Florens  Christian  Rang 

Berlin,  14.  10.22 
Lieber  Christian, 

Dein  Brief  ware  nicht  so  lange  ohne  Antwort  und  vor  allem 
ohne  innigen  Dank  geblieben,  wenn  seine  Ankunft  nicht  in 
Tage  gefallen  ware,  die  fur  alles  was  er  beriihrt  sehr  belang- 
reich  sind.  Seit  ungefahr  einer  Woche  ist  mein  Schwieger- 
vater  -  veranlafit  durch  unsere  hochst  schwierige  Situation  - 
bei  uns  um  mit  meinen  El  tern  zu  verhandeln.  Mein  Vater 

291 


hatte  vor  einiger  Zeit  erklart,  jede  weitere  Unterstlitzung  an 
die  Bedingung  zu  binden,  daB  ich  in  eine  Bank  gehe.  Ich  habe 
das  abgelehnt  und  damit  stand  der  Bruch  bevor,  als,  durch 
meine  Mutter  hergerufen,  mein  Schwiegervater  eintraf .  Seit- 
dem  verhandelt  er  mit  mein  en  Eltern,  den  en  ich  meinerseits 
zugestanden  habe,  fur  meinen  Erwerb  tatig  zu  sein,  jedoch 
unter  der  doppelten  Bedingung,  daB  dies  erstens  in  einer 
Weise  geschieht,  die  mir  die  kiinftige  akademische  Laufbahn 
nicht  versperrt,  d.  h.  also  auf  keine  Weise  als  kaufmannischer 
Angestellter,  zweitens,  daB  mein  Vater  mir  sogleich  ein 
Kapital  auszahlt,  mit  dem  ich  mich  an  einem  Antiquariat 
beteiligen  kann.  Denn  ich  bin  gewillt,  die  Abhangigkeit  von 
meinen  Eltern,  die  sich  bei  deren  ausgesprochner  Kleinlich- 
keit  und  Herrschsucht  sowohl  fur  mich  als  auch  besonders  fur 
Dora  zu  einer  alle  Arbeitskraft  und  Lebenslust  verschlingen- 
den  Tortur  ausbildete,  unter  alien  Umstanden  zu  beenden.  In 
den  vergangenen  Wochen  habe  ich  nicht  ohne  Erfolg  kleinere 
Geschafte  mit  Biichern  gemacht  und  muB  eben,  wenns  nicht 
anders  geht  dies  so  geschickt  und  so  viel  als  moglich  weiter- 
fiihren,  in  dem  ich  derweilen  meine  Habilitation  beschleunigt 
zu  bewirken  suche,  damit  wir  nicht  vollig  entbloBt  dastehen 
ehe  dieser  Termin  der  Habilitation,  zu  welchem  meine  Eltern 
dann  hochst  wahrscheinlich  eine  Verstandigung  suchen  wtir- 
den,  erreicht  ist.  Die  Verhandlungen  haben  einen  schleppen- 
den  Gang,  so  daB  wir  auf  das  schlimmste  gefaBt  sind.  So 
unqualifizierbar  die  Gesinnung  meiner  Eltern,  deren  Ver- 
mogensumstande  zur  Zeit  sehr  gut  sind,  ist,  ebenso  auBer- 
ordentlich  ist  die  Entschiedenheit,  mit  der  meine  Schwieger- 
eltern  nicht  nur  moralisch  sondern,  trotz  ihrer  beschrankten 
Mittel  auf  nachdruckliche  Weise  auch  finanziell  uns  zur 
Seite  stehen.  —  Da  Du  in  Deinem  letzten  Briefe  unsere  Zu- 
kunftssorgen  Dir  zu  eigen  gemacht  hast,  so  kann  ich  Dir 
also,  anschlieBend  an  diesen  Bericht,  naher  antworten.  Den 
Plan  einer  Leihbibliothek  habe  ich  wohl  iiberdacht.  Dabei 
ergaben  sich  wie  mir  scheint  zwei  Moglichkeiten :  entweder 
ein  solches  Institut  im  Westen  oder  eines  in  einer  andern 
Stadtgegend  zu  griinden.  Im  Westen  ist  die  Konkurrenz  vom 
Kaufhaus  und  besonders  von  Amelang,  mit  der  niemand 

292 


konkurrieren  kann,  das  Kapital,  welches  dazu  erforderlich 
ware,  ware  immens.  Was  aber  das  kleinere  Publikum  sowohl 
des  Westens  (Schoneberg  u.  s.  w.)  als  besonders  der  andern 
Stadtgegenden  betrifft,  so  fragt  es  -  die  Durchsicht  vieler 
solcher  kleinen  Bibliotheken,  die  ich  bei  meinen  Einkaufs- 
runden  vorgenommen  habe,  beweist  es  —  nur  nach  Courths- 
Mahler,  und  wenns  hoch  kommt,  Rudolf  Herzog.  Hier  ware 
gar  kein  Feld,  den  Spiirsinn  und  die  Kenntnis  von  Biichern 
zu  entfalten,  sondern  es  hieBe  ein  Heringsgeschaft  auf- 
machen,  mit  dem  einzigen  Unterschied,  daB  eine  Leihbi- 
bliothek  des  kleinen  Manns  erstens  mit  einer  vielleicht  nicht 
guten  Konjunktur,  zweitens  mit  der  Konkurrenz  derjenigen 
Papiergeschafte  zu  rechnen  hat,  die  in  den  armern  Vierteln 
solche  Leihbibliotheken  sich  angegliedert  haben.  —  Mir 
scheint,  wie  ich  mir  die  Sache  hin  und  wieder  wende,  der 
Antiquariatshandel  bei  weitem  die  meisten  Aussichten  zu 
bieten.  Was  das  Lokal  angeht,  so  habe  ich  ganz  im  Sinn 
Deines  Vorschlags  dabei  an  die  Angliederung  an  eine  ge- 
wohnliche  Buchhandlung  oder  ein  Antiquitatengeschaft, 
jedenfalls  an  einen  schon  bestehenden  Laden  gedacht.  Mit 
Erich  [Gutkind]  habe  ich  diesen  Plan  noch  nicht  besprochen, 
weil  ich  durch  die  Anwesenheit  meines  Schwiegervaters  an 
den  Grunewald  gebunden  bin.  Dagegen  habe  ich  ihm  friiher 
schon  die  Grundziige  eines  solchen  Planes  vorgelegt,  zu  einer 
Zeit,  als  er  sich  von  andern  Wegen,  die  inzwischen  sich  als 
ungangbar  fur  ihn  erwiesen  —  wer  konnte  glauben,  daB  Erich 
sich  zum  Stadtreisenden  eignet!  -  mehr  versprach. 

Bei  alledem  befasse  ich  mich  eifriger  als  je  mit  der  Prii- 
fungderHabilitationsaussichten.Denn  jestarrsinniger  meine 
Eltern  sich  zeigen,  desto  mehr  muB  ich  auf  meinen  Ausweis 
off  entlicher  Anerkennung,  der  sie  zur  Ordnung  ruft,  bedacht 
sein.  Wiewohl  bei  diesen  neuen  Erwagungen  Heidelberg 
nicht  mehr  im  Vordergrunde  steht,  werde  ich  doch  anfang 
November  dorthin  gehen,  um  GewiBheit  zu  holen.  Auf  die 
Einkehr  bei  Euch  freue  ich  mich  naturlich  sehr.  Wenn  sich 
—  wie  es  fast  den  Anschein  hat  —  unter  Umstanden  meine 
Chancen  auBerhalb  des  Bereichs  der  reinen  Philosophie  ver- 
bessern  konnten,  so  werde  ich  auch  die  Habilitation  f  iir  neuere 

293 


Germanistik  ins  Auge  fassen.  —  Von  Weissbach  weiterhin 
keine  Nachricht.  Ich  habe  mir  im  Stillen  ein  ultimatum  fur 
den  Baudelaire  bestimmt,  wenn  er  dies  verfehlt  entziehe  ich 
ihm  denselben.  Hoffentlich  kann  ich  bald  iiber  neue  Ankniip- 
fungen  berichten.  Dem  Angelus  aber  bitte  ich  Dich  um 
seiner  Ankiindigung  willen  ein  freundliches  Gedachtnis  zu 
bewahren.  Ich  jedenfalls  werde  es  so  halten:  diese  nicht  ge- 
schriebne  Zeitschrift  konnte  mir  nicht  wirklicher  und  nicht 
lieber  sein,  wenn  sie  vorlage.  Heute  aber  —  und  wenn  Weiss- 
bach  mit  einer  fertigen  Druckerei  zu  mir  kame  —  wiirde  ich 
sie  nicht  mehr  machen.  Denn  die  Zeit  wo  ich  ihr  Opfer  zu 
bringen  gewillt  war  ist  voriiber.  Und  allzuleicht  wiirde  sie 
das  Opfer  der  Habilitation  erfordern.  Vielleicht  kann  ich 
den  Angelus  einmal  in  Zukunft  erdwarts  fliegen  sehen.  Fur 
den  Augenblick  jedoch  ware  mir  eine  eigne  Zeitschrift  nur 
als  privates  und  von  mir  aus  sozusagen  anonymes  Unter- 
nehmen  moglich  und  hier  wiirde  ich  Deiner  Initiative  willig 
mich  unterordnen.  —  Gelegentliche  Mitarbeit  bei  Hofmanns- 
thal  ware  mir  iibrigens  durchaus  genehm.  Die  Einleitung 
zum  NachlaB  Heinles,  mit  dessen  Erscheinen  ich  natiirlich 
auch  nicht  mehr  recline,  ist  immer  noch  meine  einzige  Arbeit. 
Aber  die  Vorarbeit  neigt  sich  zum  AbschluB  und  die  Abfas- 
sung  kann  nicht  mehr  als  einen  Monat  erfordern. 

[...]■ 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen  von  uns  beiden 

Dein  Walter 


113  An  Gerhard  Scholem 

Braunfels  im  Lahntal,  30.  Dezember  1922 

Lieber  Gerhard, 

im  Grunde  bin  ich  wieder  einmal  mitten  auf  einer  Aben- 
teuerreise.  Zum  mindesten  ist  ziemlich  bewegt  was  hinter 
mir  liegt.  Aber  ich  habe  hier  (bei  Rang)  zum  Schreiben  nicht 
sehr  viel  Zeit  —  auch  laBt  sich  alles  weit  besser  erzahlen. 

294 


Mein  Befinden  ist  gut,  in  jeder  Hinsicht.  Freilich  weiB  ich 
nicht,  ob  ich  Grund  dazu  habe.  Aber  gegen  meine  Gewohn- 
heit  sehe  ich  letzten  Endes  zuversichtlich  drein.  Nicht  etwa 
—  fern  sei  es  —  weil  der  Angelus  erscheinen  soil.  Man  schamt 
sich,  es  zu  sagen,  aber  zu  leugnen  ist  es  nicht,  daB  ich  in 
Heidelberg  die  Korrektur  meiner  Ankiindigung  gelesen 
habe.  Und  dies  ist  vorderhand  alles.  Ferner  habe  ich  in  Hei- 
delberg Erfahrungen  gemacht,  die  mich  eine  Habilitation 
dort  vorlaufig  nicht  ins  Auge  fassen  lassen.  Lederer  hat  mich, 
nach  dem  ersten  Besuch,  den  ich  ihm  im  Seminar  machte, 
nicht  mehr  eingeladen.  Sicher  nur,  weil  er  aus  Zeitmangel 
nichts  fur  mich  tun  konnte.  Er  weiB  vor  Geschichten  nicht, 
wo  ihm  der  Kopf  steht.  Aber  ebenso  schief  ist  das  andere 
geraten.  Namlich  ich  habe  im  Kreise  von  Marianne  Weber 
(als  sich  ganz  unerwartet  mir  die  Moglichkeit  bot,  dort  zu 
sprechen,  mich  entschlieBen  miissen,  das  erste  beste  zu  tun 
und)  einen  Vortrag  iiber  Lyrik  gehalten:  die  Gedanken  des 
Aufsatzes  vorgetragen,  der  mich  seit  dreiviertel  Jahren  be- 
schaftigt.  Dafiir  habe  ich  eine  Woche  fast  Tag  und  Nacht 
gearbeitet  und  die  Arbeit  im  Entwurf  zu  Ende  gefiihrt.  Aber 
der  Vortrag  prallte  ab.  Ich  mache  mir  daruber  keine  Vor- 
wiirfe,  denn:  wollte  ich  iiberhaupt  hervortreten,  so  war  nichts 
anderes  zu  tun.  Meiner  Arbeit  hat  es  genutzt.  —  Die  Habili- 
tationsaussichten  sind  auch  dadurch  erschwert,  daB  ein  Jude, 
namens  [Karl]  Mannheim,  sich  dort  bei  Alfred  Weber  vor- 
aussichtlich  habilitieren  wird.  Ein  Bekannter  von  Bloch  und 
Lukacs,  ein  angenehmer  junger  Mann,  bei  dem  ich  verkehrt 
habe. 

Von  Frankfurt  schriftlich  nur  soviel,  daB  ich  [Franz] 
Rosenzweig  aufgesucht  habe.  Sei  es,  daB  Du  es  mir  nicht  oder 
nur  beilaufig  gesagt  hattest,  sei  es,  daB  es  Dir  noch  unbe- 
trachtlich  schien,  ich  erfuhr  erst  durch  s  ein  en  Brief  und 
gleichzeitig  durch  einen  Dritten,  daB  er  sehr  schwer  krank 
ist.  Die  Lahmung  hat  das  Sprachzentrum  ergriffen,  so  daB  er 
nur  mehr  sehr  schwer  verstandliche  Wortfragmente  heraus- 
bringt.  Seine  Frau,  die  ich  sehr  schon  finde,  versteht  und 
iibersetzt  sie.  Ich  konnte  nur  ungefahr  dreiviertel  Stunden 
bleiben.  (Gegen  Ende  meines  Besuches  kam  Herr  [Eugenl 

295 


Rosenstock,  der  mit  seinem  Eindruck  den  Ruf  bekraitigte, 
der  den  Gestalten  des  Patmos-Kreises  *  vorausgeht.  Man  sagte 
mir,  Rosenzweig  hatte  vor  einigen  Jahren  dicht  vor  der  Kon- 
version  gestanden;  Rosenstock  sei  sein  genauester  Freund, 
was  iibrigens  audi  seine  Frau  sagte.  —  Und  da  ich  schon  ein- 
mal  in  dem  Exkurs 2  bin,  so  gehort  vielleicht  hierher  der  Hin- 
weis  auf  den  ersten  Aufsatz  im  letzten  Heft  der  Fackel 3  „Vom 
groBen  Welttheaterschwindel",  ein  Aufsatz,  bei  dem  mir 
Horen  und  Sehen  vergangen  ist.  Dir  steht  das  gleiche  bevor.) 
Gut.  Ich  sprach  mit  Rosenzweig  vom  EinfluB  seines  Buches, 
seiner  Bedeutung,  seinen  Gefahren;  er  ist  geistig  vollstandig 
klar,  nur  machte  es  das  Gesprach  schwer,  daB  ich  iiberall  die 
Initiative  geben  muBte  ohne  das  Buch  entsprechend  genau  zu 
kennen.  Dann  aber  brachte  er  das  Gesprach  mit  ziemlicher 
Vehemenz  auf  Dich.  Differenzen  bei  Eurer  letzten  Ausein- 
andersetzung4  scheint  er  nicht  verwunden  zu  haben  und  Dich 
als  feindliche  Instanz  anzusehen.  Als  er  zuletzt  in  mir  ganz- 
lich  verborgenen  Zusammenhangen  auf  Deine  Stellungnahme 
oder  Dein  Verhalten  (ich  weiB  es  nicht)  in  der  Sache  der 
Kriegsdienstpflicht  kam,  muBte  ich  aus  Zeitmangel  das  Ge- 
sprach abbrechen.  Indessen  wiinschte  ich  wohl,  trotz  allem, 
Rosenzweig  wieder  zu  sehen.  Man  sagte  mir,  seine  Krankheit 
sei  spinale  Kinderlahmung  5  und  in  kurzer  Zeit  letal.  Ich  weiB 
nicht,  ob  das  wahr  ist. 

Seit  vorgestern  bin  ich  hier  und  erhole  ich  mich  so  gut  ich 
kann.  In  einigen  Tagen  fahre  ich  nach  Wien  und  Breiten- 
stein. 

Mit  herzlichen  GriiBen  Dein  Walter 

1  Die  Autoren  des  Patmos-Verlages  in  Wiirzburg,  von  denen  einige 
der  profiliertesten  konvertierte  Juden  waren. 

2  Uber  Konversionen. 

3  In  No.  601-7,  in  der  Kraus  iiber  seine  Konversion  schrieb  -  gelegent- 
lich  der  Mitteilung  seines  Austritts  aus  der  Kirche. 

4  Scholem  hatte  Rosenzweig  im  Fruhjahr  1922  besucht,  und  es  war 
dabei  zu  einer  sehr  leidenschaftlichen  Auseinandersetzung  iiber  R.s 
Deutschjudentum  gekommen. 

5  Es  war  eine  besonders  schwere  Form  der  Lateralsklerose. 


296 


114  An  Gerhard  Scholem 


Breitenstein,  1.  Februar  1923 


[. . .]  Von  mir  ist  wirklich  nicht  Gutes  zu  berichten.  Meine 
Bemiihungen  in  Frankfurt  scheinen,  nach  einem  undurch- 
dringlichen  Schweigen  aus  dieser  Gegend  zu  schliefien,  eben- 
falls  nicht  aussichtsreich.  Ich  weiB  nicht,  ob  ich  Dir  schrieb, 
dafl  Dr.  [Gottfried]  Salomon  unter  nicht  ungiinstigen  Auspi- 
zien  meine  Dissertation  und  die  Wahlverwandtschaftenarbeit 
Prof.  Schultz1  ubergeben  hatte.  [. . .]  Zu  alledem  hat  die  Un- 
moglichkeit  in  Deutschland  zu  verbleiben  zugenommen  und 
die  Aussicht  von  dort  fortzukommen  sich  in  nichts  verb  ess  ert. 
Hier  bin  ich  allzusehr  auf  blofie  Erholung  und  Nichtstun 
beschrankt,  als  daB  ich  mir  durch  irgend  eine  intensive  Arbeit 
die  Trubnis  dieser  Ansichten  fernhalten  konnte.  Sowie  ich 
zuriick  bin  nehme  ich  die  Einleitung  zum  NachlaB  wieder  auf 
mit  dem  etwas  bitteren  Gefiihl,  sie  im  gegebenen  Augenblick 
des  Abschlusses  in  meinen  Schreibtisch  zu  versenken.  Dann 
werde  ich  noch  meine  Habilitationsschrift  verfassen  und  nach 
neuen  vergeblichen  Bemiihungen  eines  Tages  weder  um 
Publizistik  noch  Akademik  mich  kiimmern,  und  wo  auch 
immer  ich  sein  werde,  Hebraisch  lernen,  wobei  doch  endlich 
auf  jeden  Fall  irgend  etwas  fur  mich  herauskommen  wird. 
Soweit  es  bei  diesen  Aussicht  en  moglich  ist,  bleibe  ich  ruhig 
und  im  Wesentlichen  selbst  zuversichtlich.  Mein  nachster 
Wunsch  aber  bleibt,  die  Wohnung  bei  meinen  Eltern  auf- 
geben  zu  konnen. 

DaB  Du  bald  nach  Palastina  gehst  macht  mich  naturlich 
sehr  sehr  betriibt2.  Mein  Schwager3  ist  in  Wien  eben  von  dort 
zum  Besuch  gekommen. 

Dein  Walter 

Lieber  Gerhard, 

vor  zwei  Stunden  bekam  ich  die  Nachricht,  daB  Wolf  Heinle 

gestern  nachmittag,  am  1 .  Februar,  gestorben  ist. 

1  Franz  Schultz  (1877-1950). 

2  Scholem  ging  im  September  1923  nach  Jerusalem,  nach  dem  er  in 

297 


Berlin  und  Frankfurt  den  grofleren  Teil  des  Jahres  mit  W.  B.  zusam- 
men  gewesen  war. 

3  Viktor  Kellner,  der  Bruder  von  Dora  Benjamin,  Mitbegriinder  des 
Dorfes  Benyamina  in  Israel. 


11 5  An  Florens  Christian  Rang 

Breitenstein,  4.  Februar  1923 

Lieber  Christian, 

ich  darf  mich  mit  der  traurigen  Nachricht,  die  ich  zu  geben 
habe,  kurz  fassen:  am  Donnerstag,  den  ersten  Februar  nach- 
mittags  ist  Wolf  Heinle  gestorben.  Nahres  von  seinem  Tode 
weiB  ich  noch  nicht.  Doch  weiBt  Du  ja,  wie  sehr  ich  mit  ihm 
rechnen  muBte.  Was  ich  verlor,  das  zu  ermessen  kennst  Du 
mein  vergangnes  Leben  genau  genug.  Er  und  sein  Bruder 
waren  die  schonsten  Jiinglinge,  die  ich  gekannt  habe. 

Herzlichst  Dein  Walter 


116  An  Florens  Christian  Rang 

24.2.23 

Lieber  Christian, 

unsere  letzten  Briefe  sind  die  kreuz  die  quer  an  einander 
vorbei  gereist.  Ich  hatte  so  viel  zu  berichten  und  vielleicht 
auch  man  dies  zu  sagen.  Es  ist  gut,  dafl  wir  uns  nun  bald 
sehen.  Ich  stehe  da,  wo  ich  wieder  einmal  alien  Mut  brauche 
urn  den  Kopf  oben  zu  behalten,  mein  Weg  ist  weniger  sicher 
als  ich  es  wunsche  und  dazu  die  Widrigkeiten  des  auBern 
Lebens,  die  manchmal  wie  Wolfe  von  alien  Seiten  kommen, 
man  weiB  nicht,  wie  man  sie  abhalten  soil.  Und  dazu  der 
Tod:  das  Sterben  der  wenigen  Menschen,  an  denen  man, 

298 


trotzdem  es  inkommensurabel  ist,  die  Mafistabe  fur  das  eigne 
Leben  hatte.  Kiirzlich  las  ich  bei  Poe  —  die  Stelle  ist  mir 
nicht  zur  Hand  —  im  Beginn  einer  Novelle  -  ungefa.hr  dies : 
daB  es  ein  Denken  gibt,  das  nicht  Sophismus,  ein  Bilden,  das 
nicht  abbilden,  ein  Handeln,  das  ohne  Rechnen  ist,  gibt, 
irgendeinige  wenige  Werte,  bei  denen  es  mir  blendend  ins 
Gedachtnis  trat,  daB  diese  Menschen,  deren  Gedachtnis  an- 
einanderbindet,  was  fur  mich  so  lange  sie,  so  lange  einer 
lebte,  sehr  getrennt  war,  wirklich  wie  aus  einer  andern  Welt 
getreten  in  ihrer  Jugend,  die  sie  nicht  uberlebt  haben,  lebten. 
Und  so  wie  es  einen  unverkennbaren  und  klassischen  Aus- 
druck  von  Schonheit  vielleicht  bei  Frauen  gibt,  so  sage  ich 
mir  manchmal  von  diesen  beiden  Jiinglingen,  daB  es  nieman- 
den,  der  ein  Wissen  von  adeligem  Leben  in  sich  tragt,  ge- 
geben  haben  sollte,  den  hier  nicht  der  erste  Blick  gelehrt 
hatte,  daB  es  dort  besteht. 

Wolf  Heinle  hat  Deinen  Brief  nicht  mehr  gelesen,  er  kam 
am  Tage  vor  dem  Tode  und  er  war  schon  zu  schwach,  als  daB 
er  ihm  hatte  vorgelesen  werden  kbnnen.  Ich  aber  werde  ihn, 
wenn  ich  in  Gottingen  bin,  dankbar  lesen.  Als  sollte  jene, 
seine  ganz  windschiefe  Stellung  zu  dem  heutigen  Leben  sich 
noch  am  letzten  Tage  ausdriicken,  so  traf  eben  an  ihm  die 
einzige  groBere  Geldsendung  90  000  M  von  einem  Menschen 
ein,  der  damals  (zur  Zeit  der  Jugendbewegung)  seinem  Bru- 
der  nahe  stand. 

Der  Termin  der  geplanten  Zusammenkunft  liegt,  wie  Du 
nun  wohl  schon  meiner  Heidelberger  Karte  entnommen  hast, 
fiir  mich  sehr  giinstig.  Ware  es  am  achten  oder  neunten  Marz 
in  Frankfurt  (nicht  in  GieBen)  so  ware  mir  das  sehr  lieb.  Ich 
danke  Dir  fiir  Deine  Aufforderung  (welche  ich  durch  Dora 
heute  mit  der  Fruhpost  erhielt)  und  was  in  meinen  Kraften 
stent'  und  sich  mit  der  schuldigen  Zuriickhaltung,  die  wir 
heute  vor  dem  Schicksal,  das  sich  ubermachtig  und  verderb- 
lich  ankiindigt,  vereinbaren  laBt,  will  ich  gerne  beitragen 
[sic].  Freilich  —  diese  letzten  Reisetage  durch  Deutschland 
haben  mich  wieder  an  einen  Rand  von  Hoffnungslosigkeit 
gefiihrt  und  mich  in  den  Abgrund  sehen  lassen. 

299 


Herzliche  Wiinsche  fiir  Helmuth. l  Und  an  Euch,  Dich 
und  Deine  Frau,  die  herzlichsten  GriiBe. 

Dein  Walter 

1  Helmut  Rang,  gei>.  1897,  Sohn  von  Florens  Christian  Rang. 


117  An  Florens  Christian  Rang 

Berlin,  2.  4.  23 

Lieber  Christian, 

iiberall  in  Berlin  hort  mans  wispern  von  Deinem  und  Bubers 
Kommen  und  nur  wir  gehen  unter  soviel  Nachrichten  leer 
aus.  Wir  rechnen  nun  mit  Deiner  Ankunft,  gemaB  Deiner 
Nachricht  an  Ottos1,  fiir  die  zweite  Aprilwoche  und  freuen 
uns  auf  sie.  Hier  wirst  Du  ein  wunderbares  Ding  finden, 
namlich  neue  Druckbogen  des  Baudelaire,  der  also  offenbar 
nach  transzendentalen  ZeitmaBen  zu  erscheinen  beginnt.  Bei 
den  ungeheuerlichen  Erfahrungen,  welche  man  mit  Ver- 
legern  machen  muB,  gentigt  so  etwas  bereits  (leider!)  um  ihm 
ein  Gran  der  alt  en  Sympathie  zuriickzugewinnen.  Cassirer 
hat  jetzt  in  der  Tat  nach  dreimonatlichem  Studium  meine 
Wahlverwandtschaftenarbeit  zuriickgegeben.  Er  wird  sie  - 
wegen  technischer  Schwierigkeiten  -  nicht  drucken.  Immer- 
hin  bin  ich  noch  nicht  verzweifelt,  sie  an  den  Mann  zu 
bringen. 

Vor  ein  paar  Tagen  bekam  ich  das  Protokoll.  DaB  dieses 
vervielfaltigt  und  versandt  wird,  wuBte  ich  garnicht  und 
—  offen  gestanden  -  warum  es  geschieht,  ist  mir  nicht  ein- 
leuchtend.  Ist  doch  das  einzig  Wesentliche  solcher  Zusam- 
menkunft  wie  der  in  GieBen,  das  lebende  Wort  von  Mund  zu 
Mund  auf  so  primitive  Weise  nicht  festzuhalten.  Und  streift 
man  mit  dieser  Promulgationsform  nicht  an  so  Vieles,  was 
man  zu  vermeiden  gedachte,  indem  die  Verbreitung  dieser  Pro- 
tokolle  j  a  bald  auf  unkontrollierbaren  Wegen  vor  sich  gehen 
wird.  So  waren  mindestens  meine  AuBerungen  in  GieBen 

300 


nicht  gemeint  -  ich  scheue  in  dergleichen  Dingen  diese  Art 
der  Offentlichkeit,  aus  Uberzeugung.  Soil  auch  von  dieser 
GieBner  Zusammenkunft  dasProtokoll  vervielfaltigt  werden, 
so  bitte  ich  Dich  sehr,  was  mich  angeht  es  bei  der  Konstatie- 
rung  meiner  Anwesenheit  bewenden  zu  lassen  —  ohnedies 
habe  ich  nicht  viel  Belangreiches  geauBert  soviel  ich  mich 
erinnere. 

[. . .]  Den  Jiirg  Jenatsch,  den  ich  mir  von  Dir  lieh,  habe 
ich  mit  groBem  GenuB  fast  schon  zu  ende  gelesen.  Das  Buch 
fesselt,  auf  seinem  hohen  Niveau,  mich  mit  der  Kraft,  mit 
der  See-  oder  Indianergeschichten  als  Junge  auf  mich  wirk- 
ten.  Ich  bewundere  an  ihm  die  Sauberkeit  und  Zuriickhal- 
tung,  die  es  einer  meisterhaften  Zeichnung  ahnlich  machen. 
Ob  freilich  nicht  eine  Spur  falscher  „Renaissance"  hie  und 
da  an  den  Partien  haftet,  die  das  Historische  sehr  nahe  be- 
riihren,  mochte  ich  nicht  entscheiden. 

[. . .]  Bis  dahin  herzlichste  GriiBe  an  Dich  und  Deine  Frau 
von  uns  beiden. 

Dein  Walter 

1  Mit  Gutkinds  befreundetes  Architelctenehepaar. 


118  An  Florens  Christian  Rang 

Berlin  [28.  9.  23] 

Lieber  Christian, 

ich  will  versuchen,  unsern  Briefwechsel  dem  Schicksal  des 
Einschlafens,  dem  hier  alles  bis  zum  furchtbaren  Erwachen 
verfallen  scheint,  zu  entziehen.  Mein  langes  Schweigen  legt 
naturlich  auf  seine  Weise  auch  Zeugnis  von  dem  Elend  ab, 
in  das  auch  wir  mehr  und  mehr  hineingerissen  werden.  Den 
schwerern  Teil  hat  zunachst  Dora  zu  tragen,  vom  ersten 
Oktober  an  wird  sie  eine  Stelle  bei  einem  amerikanischen 
Journalisten  annehmen  und  also  tagsiiber  gebunden  sein. 
Was  mich  betrifft,  so  liegt  die  Aufgabe,  mich  in  Frankfurt 

301 


durchzusetzen,  audi  nicht  leicht  auf  mir.  Es  handelt  sich 
darum,  eine  Arbeit,  deren  StorT  refraktar  und  deren  Gedan- 
kenentwicklung  subtil  ist,  zu  forcieren.  Ich  weifi  noch  nicht, 
ob  es  mir  gelingt.  Auf  alle  Falle  bin  ich  entschlossen  ein 
Manuscript  anzufertigen,  d.  h.  lieber  mit  Schimpf  und 
Schande  davongejagt  zii  werden  als  mich  selbst  zuriick- 
zuziehen.  Ich  habe  audi  die  Hoffnung  nicht  aufgegeben,  daB 
in  dem  so  sichtbaren  Verfall  der  Hochschulen  man  iiber  man- 
ches  hinwegsehen  konnte,  um  einen  in  gewisser  Hinsicht 
willkommnen  Dozenten  zu  gewinnen.  Aber  die  Verfalls- 
erscheinungen  wirken  auf  der  andern  Seite  auch  lahmend. 
Fest  stent,  daB  dieser  intensive  Versuch,  von  Deutschland 
aus  eine  Briicke  fur  mein  Fortkommen  zu  schlagen,  mein 
letzter  ist,  und  daB,  wenn  er  scheitert,  ich  werde  schwimmend 
mein  Heil  versuchen  mussen  d.  i.  mich  im  Ausland  irgendwie 
durchzuschlagen,  denn  weder  Dora  noch  ich  konnen  dieses 
Abbrockeln  aller  Lebenskrafte  und  Lebensgiiter  langerhin 
ertragen.  In  der  GroBstadt  zumal  sieht  man  es  tagtaglich  zu- 
nehmen.  So  sind  die  Verkehrsmittel  in  unsrer  Gegend  fast 
vollig  fortgefallen  und  Dora  hat,  schon  um  ihrer  Stellung 
willen,  versuchen  mussen,  fur  uns  eine  Stadtwohnung  zu  er- 
halten.  Der  letzte  Monat  ist  iiber  den  Bemiihungen  dafiir 
hingegangen;  augenblicklich  liegt  die  Sache  beim  Woh- 
nungsamt.  -  Heute  traf  die  letzte  Korrektur  meines  Baude- 
laire ein,  der,  wenn  er  herauskommt,  bis  auf  weiteres  wohl 
unter  den  letzten  deutschen  Publikationen  sich  befinden 
diirfte,  denn  alles  was  mit  dem  Buchgewerbe  verbunden  ist, 
siecht  dahin.  Natiirlich  wird  auch  dies  Buch  eine  Luxusaus- 
gabe  mit  geringer  Auflagehohe.  Ich  habe  daran  gedacht,  wie 
die  Aussichten  fiir  die  Neuen  deutschen  Beitrage  sein  mogen. 
Ich  bin  nunmehr  in  jeder  Hinsicht  bereit,  mich,  sei  es  durch 
Dich,  sei  es  selbst,  mit  dem  Manuscript  meiner  Wahlver- 
wandtschaftenarbeit  an  Hofmannsthal  zu  wenden  und  er- 
warte  Deine  Vorschriften.  —  Scholem  ist  vor  zwei  Wochen 
nach  Jerusalem  abgefahren,  wo  er  wohl  iiber  kurz  oder  lang 
eine  gesicherte  Stellung  an  der  Bibliothek  haben  wird. 

Gern  wiirde  ich  denken,  daB  in  Eurer  Zuriickgezogenheit 
die  Tage  besser  und  gut  dahingehen  und  welche  Nachricht 

302 


Ihr  aus  Davos  habt.  An  das  Schicksal  der  Schrift,  die  Du  in 
Frankfurt  verlasest,  denke  ich  bekiimmert.  Es  ist  wohl  aus- 
sichtslos,  daB  sie  gedruckt  wird.  Auch  wirst  Du  wissen,  daB 
Bubers  Sammelscbrift,  fur  die  ich  meinen  Aufsatz  umgear- 
beitet  hatte,  nicht  erscheint.  Ich  klammere  mich  an  den  Ge- 
danken  einer  Privatzeitschrift  in  unserm  friihern  Sinn  fest, 
ohne  irgendwo  die  Moglichkeit  der  Verwirklichung  zu  sehen. 
Manchmal  denke  ich  die  „Nacht  da  niemand  wirken  kann" 
ist  schon  eingebrochen. 

Bitte  laB  bald  ein  paar  trostliche  Worte  horen  und  sei  herz- 
lich  gegriiBt  mit  Deiner  Frau  von  Dora  und  deinem  Walter 


119  An  Florens  Christian  Rang 

7.  Oktober  1923 

Lieber  Christian, 

bei  taglich  wachsender  Beklemmung  war  es  sehr  trostlich, 
daB  endlich  so  aufmunternde  und  ausfuhrliche  Nachricht  von 
Dir  kam.  Von  Deinem  Manuscript 1  erwarte  ich  weiter  neue 
Belebung.  Mit  dessen  Gedanken  habe  ich  die  merkwiirdige 
Erfahrung  gemacht,  daB  nirgends  ihre  von  mir  versuchte 
Mitteilung  positiv  ergriffen  wurde,  vielmehr  eigentlich  un- 
verstanden  blieb.  Ich  glaube  zwei  Griinde  dafiir  annehmen 
zu  diirfen:  erstens  daB  heute  iedes  geistige  Unternehmen  und 
jedes  so  begriindete  wirtschaftliche,  das  sich  die  Erhebung 
Deutschlands  vorsetzt,  bei  denjenigen,  die  mit  wahrem  Be- 
wuBtsein  die  letzten  zehn  Jahre  hier  durchlitten  haben,  mit 
einem  bosen  Omen  behaftet  zu  sein  scheint;  zweitens  daB 
die  Voraussetzung  Deiner  Forderung  in  der  Tat  personliche 
Bindungen,  will  sagen  durchaus  gemeinsam  erfahrene  Not 
einschlieBt.  Vielleicht,  ja  wahrscheinlich,  wird  Deine  ur- 
spriinglichere  Gedankenentwicklung  manchen  uberzeugen, 
bei  dem  meine  Vermittlung  versagen  wurde.  Ob  und  wie  ich 
meine  Beischrift  abfassen  kann,  will  ich  Dir  mitteilen,  wenn 

303 


ich  Deine  Schrift  gelesen  habe.  Es  hangt  wie  mir  scheint 
davon  ab,  ob  ich  die  Ilberzeugung,  die  mich  Dir  zustimmen 
laBt,  so  einf  ach  bekunden  kann,  dafl  sich  die  wenigen  Zeilen, 
in  denen  ich  es  zu  tun  hatte,  mir  von  selbst  ergeben.  Denn 
eine  wirkliche  Vertiefung  in  die  Philosophic  der  Politik  muB 
ich  eben  jetzt  urn  so  mehr  vermeiden,  als  ich  noch  garnicht 
im  wiinschenswerten  MaBe  in  meiner  eignen  Arbeit  stecke. 
Die  Notwendigkeit,  sie  zu  forcieren,  laBt  mich  wieder  und 
wieder  in  meinen  Studien  innehalten,  urn  die  Seite  zu  beden- 
ken,  von  der  aus  alles  kurz  und  biindig  sich  fassen  lieBe.  Die 
aber  zeigt  bei  einem  derart  sproden  Thema  sich  nicht  so  bald. 
Im  ganzen  scheint  das  urspriingliche  Thema  „Trauerspiel 
und  Tragodie"  sich  wieder  in  den  Vordergrund  zu  schieben. 
Eine  durchgefuhrte  Konfrontation  der  beiden  Formen,  ab- 
geschlossen  durch  die  aus  der  Theorie  der  Allegorie  gewon- 
nene  Deduktion  der  Trauerspielform.  Meine  Belege  werde 
ich  im  groBen  und  ganzen  den  Arbeiten  der  zweiten  schlesi- 
schen  Schule  entnehmen  miissen,  teils  aus  Opportunists  - 
griinden,  teils  um  nicht  ins  Weite  zu  geraten.  Es  macht  sich 
immer  wieder  unangenehm  spiirbar,  daB  ich  die  Lyrik- Arbeit 
so  kurz  vor  dem  AbschluB  unterbrechen  muBte,  indem  ich 
aus  meiner  pedantisch-sauberen  Manier  des  Aufarbeitens 
geworfen  bin.  Dazwischen  bleiben  leider  friihere  Bektim- 
merungen  aktuell.  Und  leider  an  erster  Stelle  Doras  Gesund- 
heit,  von  der  es  sehr  ungewiB  ist,  ob  sie  irgendwie  der  Arbeit, 
die  begonnen  hat,  gewachsen  ist.  In  letzter  Zeit  sind  zudem 
die  Verbindungen  in  unserer  Gegend  fast  unpraktikabel 
geworden  und  Dora  ist  im  Winter  doch  auf  sie  angewiesen. 

Es  ware  fur  mich  eine  groBe  Freude,  Dich  einmal  wieder 
mitMuBe  zu  sprechen  und  in  diesem  wie  jedem  anderenSinn, 
danke  ich  Euch  fur  die  erneuerte  Einladung  herzlich.  Zwar 
gedenke  ich  erst  nach  Frankfurt  zu  kommen,  wenn  die 
Habilitationsschrift  dem  genauen  Plan  nach  feststeht.  Kei- 
nesfalls  wohl  vor  Dezember.  Deine  politische  Prognose  hat 
wie  mir  scheint,  alle  Wahrscheinlichkeit  fur  sich.  Nur  fur  das 
Gebiet  von  Ruhr  und  Rhein  konnte  sich  vielleicht  eine  andere 
Zukunft  ergeben. 

304 


Von  dem  Hofmannsthalschen  Brief2  scheint  es  Dir  ent- 
gangen  zu  sein,  daB  er  den  Wunsch  ausspricht,  vorderhand 
mogest  Du  vermittelnd  zwischen  ihm  und  mir  bleiben.  Aus 
diesem  Grunde  bitte  ich  Dich  sehr,  die  Manuscripte,  die  ich 
Dir  in  Kurzem  zur  Verf  ugung  stellen  werde,  an  ihn  weiter- 
zuleiten  und  sie  audi,  gleichsam  in  meinem  Auftrage,  mit 
ein  paar  Begleitzeilen  zu  versehen.  Ich  halte  es  fur  sehr  an- 
gezeigt,  den  Wink  Hofmannsthals  genau  zu  befolgen.  Ohne- 
hin  macht  mir  im  Wahlverwandtschaftenaufsatz  eine  Stelle, 
in  der  ich  meine  Meinung  iiber  den  ihm  nachststehenden 
Rudolf  Borchardt  andeute  (wenn  auch  vorsichtig  und  sehr 
mafivoll)  Sorge.  Denn  Hofmannsthal  wird  —  und  soil  —  in 
diesen  Beziehungen  nicht  weitherzig  sein.  Zunachst  erhaltst 
Du  1)  Wahlverwandtschaftenarbeit  2)  einiges  von  Heinle 
und  vielleicht  3)  friiher  von  mir  Erschienenes.  —  Sobald  Du 
hinsichtlich  des  Druckes  Deiner  „Deutschen  Bauhiitte"  einen 
Bescheid  hast,  teile  ihn  mir  bitte  mit. 

Fur  heute  noch  die  herzlichsten  GriiBe  von  uns  beiden  an 
Dich  und  Deine  Frau. 

Dein  Walter 

1  Florens  Christian  Rang:  Deutsche  Bauhiitte.  Ein  Wort  an  uns 
Deutsche  iiber  mogliche  Gerechtigkeit  gegen  Belgien  und  Frankreich 
und  zur  Philosophic  der  Politik.  Mit  Zuschriften  von  Alfons  Paquet, 
Ernst  Michel,  Martin  Buber,  Karl  Hildebrandt,  Walter  Benjamin, 
Theodor  Spira,  Otto  Erdmann.  Sannerz,  Leipzig  1924.  —  Die  Zuschrift 
B.s:  vgl.  Brief  vom  23. 11. 1923  an  Rang. 

2  Vgl.  Hugo  von  Hofmannsthal  u.  Florens  Christian  Rang:  Brief- 
wechsel  1905-1924,  in:  Die  Neue  Rundschau  70  (1959),  S.  402-448, 
bes.  S.  419  ff. 


120  An  Florens  Christian  Rang 

Berlin  [24.  10.23] 

Lieber  Christian, 

die  eingeschriebene  Sendung  —  ihr  Inhalt:  Kritik  der  Gewalt, 
Argonautenheft,  Wahlverwandtschaftenarbeit,  Auswahl  von 

305 


Fritz  und  Wolf  Heinles  Sachen  —  ist  nun  ja  wohl  in  Deiner 
Hand  und  wie  ich  hoffe  von  Dir  mit  den  wenigen  notigen 
begleitenden  Worten  an  Hofmannsthal  weitergegeben  wor- 
den.  Wie  gesagt,  ich  habe  mich  an  diese  Ubermittlungsweise 
gehalten,  urn  seinem  Wunsche,  nichts  zu  „vereinfachen" 
derart  zu  entsprechen.  Hoffentlich  versinkt  diese  Sendung 
nicht  in  den  Avernus  der  Redaktionen,  sondern  gibt  bald  ein 
freundliches  Echo  Antwort.  Noch  habe  ich  zu  bemerken,  daB 
ich  bei  keinem  dieser  Stiicke  -  es  sei  denn  allenjalls  die  Kritik 
der  Gewalt  —  auf  die  Rucksendung  verzichten  kann.  Uberall 
handelt  es  sich  um  einzige  bzw.  letzte  Exemplare.  Ich  denke 
wohl,  daB  sechs  Wochen  geniigen  werden,  um  ihm  einen  Ein- 
blick  mit  MuBe  zu  verschaffen;  nach  dieser  Zeit  mochte  ich 
mich  wieder  um  die  Sachen  kummern.  Von  einer  probeweisen 
Ubermittlung  aus  meinen  Sonetten1  hielt  ich  es  fur  besser 
noch  abzusehen. 

Von  dem  berliner  Manuscript  Deiner  Arbeit  habe  ich  noch 
nichts  gehort.  Ich  erwarte  es  ungeduldig.  Ist  indessen  eine 
Verlagsentscheidung  erfolgt?  Wie  stehen  Deine  hauslichen 
und  literarischen  Dinge  sonst?  [. . .]  Ich  selbst  bin  mit  meiner 
Arbeit  -  genauer  gesagt  in  der  einschlagigen  Lekture  —  ganz 
bescb'aftigt.  Es  ist  freilich  der  Fall,  daB  ich  hier  nicht  nach- 
zulassen  gedenke  und  diese  Sache,  so  oder  so,  zum  AbschluB 
fiihre.  Dennoch  aber  sehe  ich  unerbittlich  und  unaufschieb- 
bar  die  Problematik  einer  wissenschaftlichen  Beschaftigung 
in  so  zerfallnen  Lebensformen  und  -verhaltnisse[n]  sich  vor 
mir  prasentieren,  und  schon  j  etzt  beschaf  tigt  sie  unabliissig  mein 
Nachdenken.  Der  Gedanke  durch  die  Fluent  die  Privatheit 
meiner  Existenz,  die  mir  unverauBerlich  ist,  vor  der  hiesigen 
zersetzenden  Kommunikation  mit  dem  Leeren,  Nichtigen  und 
Gewalttatigen  zu  retten,  wird  mir  nachgerade  zur  Selbstver- 
standlichkeit.  Das  Problem  ist  allein  das  Wie?  Da  bin  ich 
zur  Zeit  auf  einen  sehr  unvermuteten  und  mir  gangbaren 
Weg  geraten,  von  dem  ich  aber,  gerade  weil  ich  so  viel  Hoff- 
nung  darauf  setze,  noch  schweige.  Gerade  Berlin  ist  iibrigens 
im  Augenblick  vollig  unertraglich;  die  Erbitterung  der  Men- 
schen  ist  so  groB  wie  ihre  Hilflosigkeit,  beides  durch  einen 
allgemeinen  und  plbtzlichen  Brotmangel  in  den  letztenTagen 

306 


gesteigert.  (Gutkinds  liegen  wieder  einmal  in  Siegfriedstel- 
lung  vor  dem  Liitzowplatz,  ich  hoffe  es  endet  nicht  mit  einem 
Versailles.)  A  propos  franzosische  Angel  egenheiten,  so  habe 
ich,  unentwegt  und  verschlagen  fiir  das  Wachstum  meiner 
Bibliothek  auf  dem  Posten,  noch  jetzt,  bei  wahrhaft  unge- 
heuerlichen  Marktverhaltnisseri,  durch  einen  Tausch  eine 
ganze  Menge  Sachen  von  Stendhal  und  Balzac  angeschafft. 
Ferner  die  erste  deutsche  Danteiibersetzung  (in  Prosa)  von 
Bachenschwanz  1768.  Das  Studium  des  Barock  lafit  mich 
iibrigens  fast  taglich  die  Bekanntschaft  bibliographischer 
Merkwiirdigkeiten  machen.  Im  iibrigen  ist  wieder  wenig 
Gutes  mitzuteilen.  Doras  Gesundheit  halt  mich  unablassig 
in  Atem.  Sie  will  von  Schonung  im  Augenblick,  da  unsere 
wirtschaftliche  Existenz  auf  ihrer  Stellung  stent,  nichts  wis- 
sen.  Vielleicht  wird  sich  hier  aber  eine  Lbsung  ergeben,  in- 
dem  der  Chef  geneigt  scheint,  den  Biirodienst  einzuschran- 
ken,  wobei  dann  auch  Doras  Stellung  nur  einen  halben 
Arbeitstag  verlangen  wiirde. 

Bitte  gib  mir  recht  bald  tiber  alles  Dich  und  uns  Betref- 
fende  Nachricht.  Schrieb  ich  Dir  schon,  daft  mein  Baudelaire 
erschienen  ist.  Freiexemplare  habe  ich  noch  nicht  erhalten. 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen  an  Dich  und  Deine  Frau 

Dein  Walter 

1  Auf  den  Tod  von  C.  F.  Heinle  und  Rika  Seligson;  das  Manuskript 
scheint  verloren. 


121  An  Florens  Christian  Rang 

Berlin  [8.  11.23] 

Lieber  Christian, 

erst  gestern  ist  Dein  Manuscript  in  meine  Hande  gekommen. 
Nun  aber  stellt  ein  neuer  Mifistand  sich  ein.  Bei  der  gegen- 
wartigen  Lage  meiner  Arbeit  ist  es  mir  radikal  unmoglich, 
die  Lektiire,  die  doch  iiberall  in  mir  die  Probleme  lebhaft  in 
Bewegung  versetzt,  im  Laufe  weniger  Tage  zu  beenden,  wie 

307 


Du  es  erwartest.  Vielmehr  ist  meine  Aufmerksamkeit  durch 
die  drangenden  Erfordernisse  der  Habilitationsschrift  so  in 
Anspruch  genommen,  daB  ich  eben  nur  in  den  MuBestunden 
mit  wirklichem  Gewinn  mich  an  Deinen  Aufruf  begeben 
kbnnte,  alles  andere  ware  ein  leeres  „Notiz  nehmen"  ohne 
Sinn.  Ich  weiB  nicht,  ob  Deine  Dispositionen  es  Dir  ermog- 
lichen,  noch  eine  Zeitlang  auf  dieses  Exemplar  zu  verzichten. 
Wenn  irgend  moglich,  wiirde  ich  Dich  bitten,  es  einzurichten, 
denn  es  liegt  mir  wie  Du  weiBt  sehr  daran,  nicht  nur  mir 
selbst  ein  genaues  Bild  zu  verschaffen,  sondern  auch,  mit 
Deiner  Erlaubnis,  diesen  oder  jenen  wichtigen  Abschnitt 
miindlich  an  Nahestehende  mitzuteilen. 

Dies  die  eine  Bitte.  Eine  andere,  reziproke,  die  ich  ungern 
tue,  muB  folgen.  Vor  einigen  Tagen  bekomme  ich  aus  Frank- 
furt die  Nachricht,  daB  meine  Wahlverwandtschaftenarbeit 
von  maBgebender  Stelle  von  neuem  eingefordert  wird.  Schon 
vorher,  einigeTage,  bevor  ich  das  Manuscript  fiirHofmanns- 
thal  an  Dich  abgehen  lieB,  hatte  ich  mein  anderes  Exemplar 
(das  dritte  und  letzte  ist  in  Palastina  in  Scholems  Besitz)  aus 
Heidelberg  von  einem  Bekannten  —  eingeschrieben  -  ange- 
fordert.  Es  steht  bis  heute  aus.  Es  ist  von  neuem  angefordert, 
aber  ich  muB  mit  allem  (besonders  angesichts  der  skandalosen 
Postverhaltnisse)  rechnen.  Mir  bleibt  nichts  iibrig  als  folgen- 
des:  Sollte  nicht  in  kiirzester  Frist  das  Heidelberger  Manu- 
script bei  mir  eintreffen,  so  ware  ich  zu  meinem  groBten 
Bedauern  gezwungen,  Hofmannsthal  um  provisorische  t)ber- 
sendung  desselben  in  meinem  Auftrage  an 

Herrn  Professor  Franz  Schultz,  Frankfurt  a/M  Germa- 
nisches  Seminar  der  Universitat  Eingeschrieben! 
zu  ersuchen.  Und  zwar  wiederum  durch  Dich.  Ist  das  erfor- 
derlich,  so  erhaltst  Du  ein  Telegramm  in  dem  nur  das  Wort 
^Manuscript"  steht.  Da  von  dem  Eintreffen  der  Arbeit  in 
Frankfurt  fur  mich  sehr  viel  abhangt,  darf  ich  mich  leider 
weder  durch  die  Riicksicht  auf  Dich  noch  auf  Hofmannsthal 
bestimmen  lassen.  Mir  ist  natiirlich  dies  MiBgeschick  sehr 
unlieb.  Also  bitte  schreibe  gegebenenfalls  nach  Erhalt  des 
Telegramms  mit  der  notigen  Deutlichkeit  an  Hofmannsthal, 
daB  ich  in  diesem  Falle  sehr  um  Entschuldigung  bitte. 

308 


Fur  heute  nichts  mehr.  Wegen  der  Bauhutte  erwarte  ich 
Deinen  Bescheid. 

Herzlichste  Griifle  Dein  Walter 


122  An  Florens  Christian  Rang 

18.  Nov.  1923 

Lieber  Christian, 

urspninglich  gedachte  ich  auch  diese  Nachricht  auf  eine 
Postkarte  zu  beschranken,  indem  ich  aber  Deine  letzten 
Briefe  und  den  liebevollen  Anteil,  der  aus  ihnen  alien  spricht 
iiberdenke,  entschlieBe  ich  mich  schon  jetzt  ausfiihrlicher  zu 
sein.  Wiewohl  ich  gerade  beim  Schreiben  Deinen  Brief  an 
Erich  [Gutkind]  gerne  zur  Hand  gehabt  hatte.  Ich  habe  ihn 
zwar  gelesen,  aber  mein  Gedachtnis  ist  allzu  durchlassig.  Im 
vorhinein  gestehe  ich  zu,  daB  meine  Situation  nicht  der 
Erichs  in  jeder  Hinsicht  gleich  ist.  Erich  hat  -  ich  gehe  hier 
mit  einem  Wort  naher  in  den  Zusammenhang  ein  -  das 
positive  des  deutschen  Phanomens  wohl  nie  erfahren,  sondern 
vor  Jahren  in  einer  sehr  ungliicklichen  Weise  in  jenen  ersten 
Biichern,  die  er  iiberwunden  hat,  dem  Europaischen  in  einer 
unvorsichtigen  Weise,  die  fur  den  Sehenden  eines  Tages  not- 
wendig  sich  enthiillen,  als  Irrtum  enthiillen  muBte,  sich 
verschrieben.  Indessen  f iir  mich  immer  begrenzte  Volkstiimer 
im  Vordergrunde  standen:  das  Deutsche,  das  Franzosische. 
DaB  und  in  wie  tiefer  Weise  ich  an  das  erstere  gebunden  bin 
entschwindet  meinem  BewuBtsein  niemals.  Am  wenigsten 
konnte  es  das  iiber  meiner  gegenwartigen  Arbeit,  denn  nichts 
fiihrt  tiefer  und  bindet  inniger  als  eine  „Rettung"  altern 
Schrifttums,  wie  ich  sie  vorhabe.  Wenn  ich  gar  die  Erf  ah - 
rungen  meines  Lebens  anschaue,  so  bedarf  das  Dir  gegen- 
iiber,  der  Du  sie  so  gut  kennst,  erst  recht  keines  Wortes.  Nun 
aber  sind  einige  Instanzen  zu  nennen,  welche  Du  nicht  nach 
ihrer  Tragweite  fur  mich  zu  wagen  scheinst.  Ich  beginne  mit 
der  gegenwartigen  Lage  des  Deutschtums.  GewiB  stehst  Du 

309 


mir  heute  fiir  das  wahre  Deutschtum  (ja  auf  die  Gefahr,  Dich 
zu  verstimmen,  mbchte  ich  fast  sagen,  Du  allein,  unter  dem 
groBen  Eindruck,  den  die  leider  nur  fragmentarische  Lektiire 
der  „Bauhiitte"  auf  mich  gemacht  hat.)  Aber  nicht  zum 
ersten  Male  erfahrst  Du  von  mir,  daB  ich  nur  ungeheuer 
widerstrebend,  nur  mit  tiefsten  Bedenken,  Deine  Gefolg-. 
schaft  mit  meiner  Person,  mit  dem  Jiidischen  in  ihr  ver- 
mehre.  Nicht  aus  opportunistischen  Erwagungen  stammen 
diese  Bedenken,  sondern  aus  der  jederzeit  zwingend  mir 
gegenwartigen  Einsicht:  daB  in  den  furchtbarsten  Augen- 
blicken  eines  Volkes  einzig  die  zu  reden  berufen  sind,  die  ihm 
angehdren,  nein  mehr:  die  ihm  im  eminentesten  Sinne  an- 
gehoren,  die  nicht  allein  das  mea  res  agitur  sagen,  sondern 
propriam  rem  ago  aussprechen  diirfen.  Reden  soil  der  Jude 
sicher  nicht.  (Mir  ist  die  tiefe  Notwendigkeit  in  Rathenaus 
Tod  immer  klar  gewesen,  indessen  der  Landauers,  der  nicht 
„geredet",  sondern  „geschrieen"  hat,  die  Deutschen  mit  an- 
derer  Schwere  bezichtigt.)  Soil  er  mitreden?  Das  ist  auch  eine 
der  Fragen,  und  zwar  die  objektiv  wichtigste,  welche  die  Auf- 
forderung  zur  „Zuschrift"  in  mir  erweckt.  Und  sollte  ich  dies 
in  diesem  Zusammenhange,  in  den  es  gehort,  nicht  sagen 
diirfen,  daB  eine  Schrift,  deren  Wirkung  mit  so  feinen  Ge- 
wichten  ausgewogen  werden  wird,  wie  es  der  Deinigen  ge- 
schehen  muB,  sich  Unrecht  tut,  indem  sie  [. . .]  Martin  Buber 
unter  ihr  Gefolge  aufnimmt.  Hier,  wenn  irgendwo  sind  wir 
im  Kern  der  gegenwartigen  Judenfrage:  daB  der  Jude  heute 
auch  die  beste  deutsche  Sache  fiir  die  er  sich  offentlich  ein- 
setzt,  preisgibt,  weil  seine  offentliche  deutsche  AuBerung 
notwendig  kauflich  (im  tiefern  Sinn)  ist,  sie  kann  nicht  das 
Echtheitszeugnis  beibringen.  Ganz  anders  legitim  konnen  die 
geheimen  Beziehungen  zwischen  Deutschen  und  Juden  sich 
behaupten.  Im  iibrigen  gilt,  wie  ich  glaube,  mein  Satz:  daB 
alles  was  von  deutsch- jiidischen  Beziehungen  heute  sichtbar 
wirkt,  dies  zum  Unheil  tut  und  daB  eine  heilsame  Kompli- 
zitat  die  edlen  Naturen  beider  Volker  heute  zur  Schweigsam- 
keit  iiber  ihre  Verbundenheit  verpflichtet.  —  Die  Frage  der 
Auswanderung,  um  auf  sie  zuriickzukommen,  hat  nur  im 
Sinn  dieser  defensiven  Antwort  auf  Deinen  Verpflichtungs- 

510 


versuch  mit  der  jiidischen  Frage  zu  tun.  Im  ubrigen  nicht. 
Vielmehr  resiimieren  deren  Anforderungen  fur  mich  vorder- 
hand  sich  darin:  Hebraisch  zu  lemen.  Wo  ich  dann  auch  sein 
werde,  werde  ich  das  Deutsche  nicht  vergessen.  Wiewohl 
auch  dies  gesagt  werden  muB :  daB  der  verstockte  Geist,  mit 
dem  dieses  Volk  zur  Stunde  sich  darin  iiberbietet,  seine 
zuchthaushafte  Einzelhaft  zu  verlangern,  allmahlich  auch 
seine  geistigen  Schatze,  wenn  nicht  verschiittet,  so  doch 
rostig,  schwer  zu  handhaben  und  zu  bewegen  macht.  Wir 
wissen  ja,  daB  die  Vergangenheit  kein  musealer  Kronschatz 
ist,  sondern  etwas  das  immer  von  Gegenwart  betroffen  ist. 
Deutschlands  Vergangenheit  leidet  jetzt  unter  der  Abschnii- 
rung  des  Landes  vom  ubrigen  Erdleben,  wer  weiB  wie  lange 
sie  hierzulande  noch  lebendig  erfaBt  werden  kann.  Ich  fur 
meine  Person  stoBe  schon  jetzt. auf  die  Grenze.  Und  ohne  bei 
den  geistigen  Problemen  zu  verweilen,  wende  ich  mich  zu 
den  materiellen.  Ich  sehe  —  selbst  mit  Habilitation  —  keine 
Moglichkeit  meinen  Aufgaben  auch  nur  halbwegs  ungeteilt 
mich  zuwenden  zu  konnen.  Wer  in  Deutschland  ernsthaft 
geistig  arbeitet,  ist  vom  Hunger  in  der  ernsthaftesten  Weise 
bedroht.  Ich  spreche  noch  nicht  vom  /^rhungern,  aber  immer- 
hin  aus  Erichs  und  meiner  (in  dieser  Hinsicht  sehr  verwandten 
Lage  und)  Erfahrung  heraus.  GewiB  gibt  es  vielerlei  Arten 
zu  hungern.  Aber  keine  ist  schlimmer  als  es  unter  einem 
verhungernden  Volke  zu  tun.  Hier  zehrt  alles,  hier  nahrt 
nichts  mehr.  Meine  Aufgabe,  selbst  wenn  sie  hier  ware,  ware 
hier  nicht  zu  erf iillen.  Dies  ist  die  Perspektive,  aus  der  ich  das 
Auswanderungsproblem  ansehe.  Gebe  Gott,  daB  es  losbar  ist. 
Vielleicht  gehe  ich  schon  in  wenigen  Wochen  fort,  nach  der 
Schweiz  oder  nach  Italien.  Wenn  meine  Exzerpte  gemacht 
sind  kann  ich  dort  besser  arbeiten  und  billiger  leben.  Aber 
dies  ist  naturlich  keine  Losung.  Was  mir  da  an  Moglichkei- 
ten,  vage  genug,  vorschwebt,  sei  auf  das  Gesprach  verspart. 
Was  Palastina  angeht,  so  gibt  es  zur  Zeit  fur  mich  weder 
eine  praktische  Moglichkeit  noch  eine  theoretische  Notwen- 
digkeit  hinzugehen. 

Dora  denkt  eventuell,  zunachst  urn  das  Terrain  zu  son- 
dieren,   an  Amerika,  wohin  sie  betreffs  eines  Postens  ge- 

311 


schrieben  hat.  Sie  hat  ihre  Stelle  nicht  behalten  kdnnen,  da 
die  Amerikaner  hier  das  Biiro  einschranken.  Gesundheitlich 
geht  es  ihr  in  letzter  Zeit  besser.  Sie  hat  endlich,  leihweise, 
einen  Fliigel  bekommen  und  kann  nun,  seit  Jahren  zum 
ersten  Male  wieder  bei  sich  spielen,  woriiber  wir  sehr  froh 
sind.  Ich  habe  hier  seit  einiger  Zeit  ein  kleines  Zimmer 
Meierotto  Str.  6  bei  Ruben  Gartenhaus  III.  Meine  Arbeit 
schreitet  seitdem  ich  einer  geradezu  auBerordentlichen  Ruhe 
mich  erfreue  besser  fort.  Sie  stellt  mich  gerade  jetzt  vor  zwei 
Probleme,  zu  denen  mir  Deine  AuBerung  iiberaus  wichtig 
ware.  Ich  will  sie  beide  hier  in  auBerster  Abbreviatur  stellen. 
Das  erste  betrifft  den  Protestantismus  des  17ten  Jahrhunderts. 
Ich  frage  mich:  woher  riihrt  es,  daB  gerade  die  protestanti- 
schen  Dichter  (die  schlesischen  Dramatiker  waren  Protestan- 
ten,  und  zwar  nachdriickliche)  einen  im  hochsten  Grade 
mittelalterlichen  Ideenschatz  entfalten:  extrem  drastische 
Todesvorstellung,  vbllige  Totentanzatmosphare,  Auffassung 
der  Geschichte  als  groBe  Tragbdie.  Die  Unterschiede  vom 
Mittelalter  sind  mir  wohl  gelaufig,  allein  ich  frage:  wie 
konnten  gerade  diese  hochst  mittelalterlichen  Vorstellungs- 
kreise  bannend  damals  wirken?  -  Das  war  die  eine  Frage. 
Ein  Wort  von  Dir  dazu  ware  mir  sehr  wesentlich.  Ich  ver- 
mute  im  Zustand  des  damaligen  Protestantismus  ware  Auf- 
schluB,  der  mir  nicht  erreichbar  ist,  dariiber  zu  find  en.  Das 
Zweite  betrifft  die  Theorie  der  Tragbdie,  iiber  die  mich  zu 
auBern  ich  nicht  vermeiden  kann.  Ich  weiB  aus  unsern  Ge- 
sprachen  daB  Deine  Anschauungen  hier  fest  umrissen  sind. 
WeiBt  Du  einen  Weg,  auf  dem  Du  sie  wenigstens  im  Wich- 
tigsten  mir  mitteilen  kbnntest.  Ich  entsinne  mich,  daB  wir 
uns  in  dieser  Frage  sehr  gut  verstanden,  leider  aber  an 
Einzelheiten  (wie  das  Verhaltnis  von  Tragbdie  und  Prophe- 
tie  u.  a.)  nicht  mit  geniigender  Klarheit. 

Uber  die  ersten  Zeilen  von  Hofmannsthal  habe  ich  mich 
gefreut.  Gespanntbleibe  ich  auf  das  iibrige.-WasdasHeinle- 
sche  Gedicht  angeht,  so  ist  die  Lesart  im  Schreibmaschinen- 
text  die  richtige.  Vielleicht  kann  ich  Dir  wenn  ich  nach 
Braunfels  komme  (wann?  ob  im  Dezember  ist  noch  nicht  zu 
bestimmen)  Dinge  von  Wolf  Heinle  bringen,  die  Dir  einen 

312 


neuen  Einblick  geben,  besonders  denke  ich  an  die  Marchen, 
die  Du  wohl  noch  nicht  kennst.  Auf  die  Korrekturabzuge  der 
„Bauhiitte"  freue  ich  mich;  das  Manuscript  war  nicht  leicht 
zu  lesen.  Hoff  entlich  habe  ich  zu  einigem  hier  Beriihrten  bald 
eine  Antwort  von  Dir.  Fur  Helmuts  Genesung  weiter  die 
innigsten  Wiinsche  und  Dir  und  Deiner  Frau  von  uns  die 
herzlichsten  GriiBe. 

Dein  Walter 


123  An  Florens  Christian  Rang 

Berlin,  25.  11.23 

Lieber  Christian, 

Zuschrift 1 

Die  von  Dir  gedachte  Form  der  Zuschrift  will  ich  im  Sinn 
des  Dir  gewidmeten  Schreibens,  nicht  des  Zusatzes  zu  Deiner 
Schrift  verstehen.  Denn  jenen  Eindruck  der  Vorlesung  und 
den  weniger  Korrekturbogen  mir  zum  AnlaB  eigener  Aus- 
fiihrungen  zu  nehmen,  wurde  ich  leichtfertig  nennen.  Auch 
wiirden  Glossen,  so  notwendig  Du  sie  fordern  muBt,  die 
eigentumliche  Schonheit  Deiner  Schrift  leicht  verletzen.  Ge- 
wiB  ist  diese  Schonheit  nicht  das  Wesentliche.  Aber  keine 
Materie,  deren  der  Philosoph  sich  verantwortlich  annimmt, 
kann  sie  verleugnen.  Unter  einer  Analyse,  welche  dieses  be- 
tont,  anderes  iibergeht,  wiirde  sie  zuriicktreten.  Und  doch 
beruht  die  Hoffnung  einer  Wirkung  auf  dieser  endlich  er- 
hobenen  Weise  einer  Rede,  welche  ausklingen  sollte.  Du 
weiBt,  daB  ich  jene  Hoffnung  nicht  teile.  Aber  was  hier  ge- 
schrieben,  daB  es  hier  gedruckt  steht,  straft  manches  von  dem 
Zweifel,  mit  dem  ich  nicht  allein  gestanden  habe,  Liigen. 
Anderes  wird  sich  behaupten.  Behaupten  aber  auch  diese 
Schrift,  vor  welcher  die  brutale  Gedankenlosigkeit  offent- 
licher  Argumentation  sich  bloBstellt.  Wen  sie  lahmten,  der 
sieht  sich  nun  erlost  aus  der  Alternative,  von  Leisetretern 
durch    splendide    Widerlegung    der    Clarte-Bewegung    sich 

513 


einfangen  zu  lassen  oder  in  pazifistischen  Konventen  seine 
besten  DenkgewiBheiten  zu  verleugnen.  Ohne  Hinterhalt 
und  ohne  Bonhommie  wird  er  auch  mit  dem  Auslander  reden 
konnen.  Denn  diese  Schrift  achtet  die  geistigen  Grenzen  unter 
den  Volkern  im  gleichen  MaBe,  als  sie  ihre  Sperrung  ver- 
achtlich  macht.  Zu  alledem  bedurfte  es  nichts  Geringeres  als 
die  Lebensarbeit,  die  hinter  diesen  Zeilen  steht.  Denn  sie  er- 
harten,  daB  die  Wahrheit,  auch  im  Politischen,  zwar  eindeu- 
tig  ist  aber  nicht  einf  ach.  Ich  habe  mich  gefreut,  Macchiavell, 
Milton,  Voltaire,  Gorres  von  Dir  genannt  zu  finden.  Wohl 
nicht  in  dem  Sinne,  in  welchem  sie  mir  hier  erscheinen:  als 
Schutzpatrone  einer  gleich  den  ihrigen  klassischen  Streit- 
schrift.  Als  Wahrzeichen  eines  Bereiches,  in  dem  der  unge- 
bildete  Parteimann  unzustandig  ist,  wirst  auch  Du  sie  zu 
nehmen  verstatten.  Schwerlich  wird  ihn  das  stutzig  machen, 
weniger  noch  die  Berufung  auf  das  Gewissen.  Denn  er  wird 
um  den  ethischen  Grundsatz,  mit  dem  er  sie  pariert,  nicht 
verlegen  sein.  Es  ist  ja  das  gemeinschaftliche  Anliegen  der 
Gewissenlosigkeit  und  der  Ideenarmut,  die  sittliche  Vielheit 
der  Ideen  unter  der  undurchsichtigen  Allgemeinheit  desPrin- 
zips  zu  ersticken.  Vielleicht  siehst  Du  es  gern,  wenn  ich  an 
meinem  Teil  es  hervorhebe,  daB  aus  Prinzipien  nichts  in 
diesen  Deinen  Uberlegungen  sich  herschreibt,  die  wir  philo- 
sophisch  gerade  darum  nennen,  weil  sie  nicht  aus  Grundsatzen 
und  Begriffen  deduziert,  sondern  aus  dem  Ineinanderwirken 
von  Ideen  geboren  sind.  Aus  Ideen  von  der  Gerechtigkeit, 
vom  Recht,  von  der  Politik,  von  der  Feindschaft,  von  der 
Luge.  Unter  den  Liigen  ist  es  keine  mehr  als  das  verstockte 
Schweigen.  Dagegen  hast  Du  aufgewendet,  was  Strenge  und 
Sanftmut  vermogen.  Zu  all  den  Wiinschen,  in  denen  Du  es 
unternimmst,  flige  ich  den  einen,  bescheidenen:  daB  es  Dir 
keinen  Kummer  bringen  moge. 

Dein  Walter  Benjamin 

1   Vgl.  Brief  vom  7.  10.  1925  an  Rang,  Anm.  1. 


314 


124  An  Florens  Christian  Rang 

26.  November  1923 

Lieber  Christian, 

wenn  audi  in  den  letzten  Tagen  von  Dir  zu  uns  mehr  ge- 
kommen  ist,  als  daB  die  Resonanz  davon  sich  einem  Briefe 
allein  einschlieBen  lassen  konnte,  so  bin  ich  doch  froh  nicht 
fruher  geschrieben,  vielmehr  die  Absendung  eines  fertigen 
Briefs  von  Tag  zu  Tag  verschoben  zu  haben,  da  er  nun  in 
einen  neuen  sich  auflosen  laBt.  Zwei  sonderbare  Aufgaben 
sinds,  die  letzthin  ja  fast  einen  ganzen  Tag  mit  verschwin- 
dend  unscheinbaren  Resultaten  mich  gekostet  haben:  die 
„Zuschrift"  die  hier  beiliegt  und  heute  ein  noch  weit  schma- 
lerer  Brief  an  Hofmannsthal.  Du  weiBt  um  Autoren-Ver- 
fassungen  zu  gut  Bescheid,  als  daB  ich  auszumalen  brauchte, 
wie  sehr  die  Zeilen  von  Hofmannsthal  mich  begliickt  haben 
(da  sie  dies  zu  tun  vermogen,  ohne  irgend  die  Eitelkeit  ins 
Spiel  zu  bringen).  Es  ist  dieses  Besondere  an  ihnen,  daB  sie 
jenen  vom  Beriihmten  iiber  den  Unbekannten  fast  unver- 
meidlichen  Nebenton  vermissen  lassen:  als  legitimiere  erst 
das  Lob  des  ersten  die  Leistung  des  zweiten.  Meine  Antwort 
glaubte  ich  ebenso  dankbar  wie  formvoll  halten  zu  miissen  . . . 
Unvermutet  und  im  hochsten  MaBe  gewinnend  ist  in  der  Tat, 
was  er  zu  Deiner  politischen  Schrift  auBert.  Eine  Stellung- 
nahme,  wie  er  sie  in  Aussicht  stellt,  wiirde  angesichts  seiner 
Denkweise  und  seiner  Vergangenheit  von  der  hbchsten  posi- 
tiven  Bedeutung  fur  ihn  selbst  sein.  Sie  wiirde  fur  ihn  zeugen 
wie  kaum  etwas  anderes.  Zu  meiner  Zuschrift  bemerke  ich: 
sie  ist  entstanden  aus  dem  Bediirfnis,  Dir  fur  das  was  Du  mit 
ihr  geleistet  auf  meine  Weise,  besser:  an  meinem  Teil  zu 
danken  und  jeden  Anschein  als  lieBe  ich  Dich  in  dieser  Sache 
im  Stich  zu  meiden.  Sie  sagt  nahezu  alles,  was  ich  bei  dieser 
Gelegenheit  zu  sagen  habe.  Die  Judenfrage  etwa  dabei  zu 
beriihren  ware  gelinde  gesagt  mal  a  propos.  Ein  Hauptbeden- 
ken,  das  ich  vor  dem  Schreiben  zu  beriicksichtigen  hatte,  war 
meine  schwebende  Frankfurter  Habilitationsangelegenheit. 
Die  Empfindlichkeit  einzelner  Fakultatsmitglieder  in  den  in 

315 


Rede  stehenden  Dingen  kann  kaum  iiberschatzt  werden. 
Hinzukam,  dafi  mein  besonderer  Gonner  weit  rechts  stent 
und  dafi  gerade  in  Frankfurt  die  Schrift  wolil  unter  die  Leute 
kommen  diirfte.  Ich  habe  diese  Bedenken  weniger  im  Schrei- 
ben  iiberwunden  als  dafi  ich  sie  im  Abschicken  bei  Seite  setze. 
Aus  dem  Bediirfnis,  Dir  ein  uneingeschranktes  Zeichen  mei- 
ner  Gefolgschaft  zu  geben.  Ein  anderes  aber  sind  Deine  etwa 
zu  hegenden  Bedenken  vor  dem  Druck.  Da  ist  vor  allem  das 
Eine,  das  ich  Dir  nahelege:  nichts  konnte  Deiner  Schrift 
schlechter  dienen,  als  wenn  am  Schlufi  in  der  Gefolgschaft 
des  Bannertragers  ein  winziges  Griippleih  in  disparatenRich- 
tungen  gegangen  kame.  LaB  das  Bild,  es  ist  nicht  gut.  Ich 
meine  etwas  sehr  Ernsthaftes.  Deine  Schrift  vertragt  nicht 
1)  Abschwachungen  und  Reservationen  (Natorp!)  2)  Bana- 
lisierungen  3)  allgemeineKannegiefierei.  Ja,  lieber  Christian, 
ich  bekenne  es:  mein  Vertrauen  in  den  Takt  Deiner  Gefolg- 
schaft ist  nicht  unbegrenzt,  es  sind  darunter  vielleicht  Leute, 
die  ich  bei  aller  Wohlmeinendheit  fiir  kapabel  halte,  mafilos 
der  Sache  zu  schaden.  Auf  die  Gefahr  hin,  mich  als  eingebil- 
det  schelten  zu  lassen :  meine  Genossenschaft,  die  ich  empfinde, 
verlangt,  dafi  ich  hier  meine  Meinung  sage.  Besser  keine 
Zuschriften  als  solche  die  mit  den  Worten  ja  sagen  und  mit 
der  Stimme  desavouieren.  Ferner:  die  Frage  der  Zahl  der 
Zuschriften.  Sieben  sind  doch  wohl  das  Minimum  hinter 
dies  em  Fahnlein.  Sieben  Aufrechte.  Sonst  ist's  nicht.  Weniger 
sind  meiner  Ansicht  nach  unbedingt  zu  wenig!  Weiter: 
Wieviel  von  der  Zahl  diirfen  Juden  sein?  Nicht  mehr  als  ein 
Viertel!  Meiner  festen  Uberzeugung  nach.  Nicht  sowohl  und 
allein  wegen  der  Wirkung  nach  aufien  als  weil  sonst  besser 
ist  die  Zuschriften  fortzulassen  und  die  Wirkung  sich  ent- 
wickeln  zu  lassen  anstatt  sie  schief  auf  unzulangliche  Weise 
vorwegzunehmen.  Sequitur :  meine  Zuschrift  erhaltst  Du  aber, 
das  Gesagte  bitte  ich  Dich  sehr  zu  bedenken,  ehe  Du  sie  in 
Druck  gibst.  Wenn  sie  Dir  irgend  leicht  entbehrlich  scheint, 
so  lafi  sie  fort  und  nimm  sie  als  Privatbrief  zu  meinen 
andern.  —  Meine  Mitgliedschaft  zur  Bauhiitte  hast  Du.  Vor- 
derhand  allerdings  nur  sie.  Unsere  Finanzlage  ist  trostlos 
und  wir  stehen  in  etwa  spatestens  einem  Jahr,  moglicher- 

316 


weise  viel  friiher  vor  dem  Nichts.  Wenn  meine  akademischen 
Plane  nicht  bald  zur  Entscheidung  kommen,  so  werde  ich, 
vermutlich  in  Wien,  in  ein  Geschaft  gehen.  Dora  hat  wie  ich 
wohl  schrieb  ihre  Stelle  wegen  Biiroeinschrankung  verloren. 
Ob  sie  nach  Amerika  geht,  ob  wir  uns  iiberhaupt  auf  langere 
Zeit  trennen,  ist  noch  sehr  fraglich.  Stefan  hat  stets  bei  mei- 
nen  Schwiegereltern  ein  Asyl.  Auch  bei  Lucie  und  Erich 
[Gutkind]  ist  iibrigens  die  Finanzlage,  ja  die  Ernahrungs- 
lage  kritisch.  Stellt  doch  Erichs  Physis,  wie  ich  erst  gestern 
Lucie  gegeniiber  aussprach  sicher  besonders  hohe  Anforde- 
rungen  an  Ernahrung,  wie  man  ihnen  jetzt  beim  besten 
Willen  kaum  nachkommen  kann  .  .  .  Diesen  Zeilen  mochte 
ich  noch  einige  Worte  iiber  Deinen  letzten  Brief  an  Erich 
beif iigen,  wahrenddem  ich  Deine  platonischen  tlberlegungen, 
soweit  ichderen  nicht  ganzleichtenZusammenhang  im  Brief e 
erfassen  kann,  Spaterem  vorbehalte.  Im  tiefsten  Grunde  dem 
Gesprach,  denn  diese  Gedanken  beriihren  die  Grenze  an  der 
der  Briefwechsel  versagt  und  das  Gesprach  beginnt.  Zu  Dei- 
nem  Brief  an  Erich  dies :  es  gibt  darin  Eines,  in  dem  ich  Dir 
voll  beistimme,  ein  anderes,  worin  ich  Dir  widerspreche. 
Uberaus  wahr  und  a  propos  scheint  mir,  was  Du  vom  „Stil 
des  Bekennens"  auBerst.  Ich  fxihle  darin  ganz  ebenso,  und 
ich  weiB,  daB  es  ganz  klarer  Legitimation  bediirfte,  um  in 
Fragen  des  Bekennens  heute  eine  andere  Sprache  zu  fiihren 
als  garkeine.  Mir  ist  das  alles,  was  Du  von  den  Volkern 
schreibst,  aus  der  Seele  gesagt.  Die  Liebe  zu  Volkern,  Spra- 
chen  und  Ideen  gehort  f iir  mich  zusammen,  was  nicht  hindert, 
daB  zu  Zeit  en  eine  Flucht  mir  not  tun  kann,  um  diese  Liebe 
zu  retten.  Die  mir  freilich  was  Deutschland  betrifft,  durch 
so  entscheidende  Lebenserfahrungen  gesichert  ist,  daB  ich 
sie  nicht  verlieren  kann.  Doch  will  ich  auch  nicht  ihr  Opfer 
werden.  So  wahr  mir  dasjenige  scheint,  was  du  vom  Be- 
kenntnis  sagst,  so  wenig  leuchtet  mir  ein,  jene  verbleibende 
Verhaftung  an  Gott  in  die  Begriffe  Leben  und  Sterben  zu 
fassen,  als  sei  das  Sterben  der  Gottnahe  noch  teilhaft,  das 
Leben  .der  Gottverlassenheit  verf alien.  Vielmehr  mochte  es 
wohl  sein,  daB  wir  mit  dieser  Fragestellung  in  ein  echtes 
Auseinandersetzungsgebiet    zwischen    Juden    und    Christen 

317 


gekommen  sind.  Mir  erscheint  es  als  unwahrscheinlich,  daB  von 
irgend  einem  judischen  Standort  aus  die  Thora  sich  eher  als 
ein  Sterbensmysterium  derm  als  eine  Lebensbiirgschaft  fassen 
lieBe.  Uber  die  Frage  der  £tWt)  mit  Dir  einmal  zu  reden,  ware 
mir  sehr  wichtig.  Mir  ist  sie  bisher  nur  von  der  Seite  der 
Sprache  her  erschienen,  wie  ich  in  der  Einleitung  zur  Baude- 
laireiibersetzung  begonnen  habe,  mich  mit  ihr  auseinander- 
zusetzen.  Fiir  Deine  Notiz  uber  den  Protestantismus  bin  ich 
Dir  sehr  dankbar.  Sie  hat  mir  viel  Licht  gegeben.  An  die 
Tragodientheprie  bin  ich  in  den  letzten  Tagen  nicht  mehr 
gegangen  .  .  . 


125  An  Gerhard  Scholem 

Berlin  W.  [5.  12.  1923] 

Lieber  Gerhard, 

da  keine  Berechnung  darauf,  daB  mein  Brief  am  Geburtstag 
in  Deine  Hande  kame,  sich  anstellen  lieB,  so  habe  ich  mir 
diesen  Tag  zum  Schreiben  an  Dich  vorgesetzt.  Ich  sage  Dir 
die  doppelten  und  doppelt  herzlichen  Wiinsche  die  Deiner 
Verheiratung  und  dem  heutigen  Geburtstag  gelten.  Hoffent- 
lich  hast  Du  diese  Wiinsche  heute  nur  in  Hoffnungen  die 
Deine  auBere  Lage  betreffen  auszulegen;  ich  wiinsche  von 
Herzen  und  ich  glaube  daB  die  innere  friedlich  und  klar  ist. 
Desto  mehr  begehre  ich,  bald  von  Dir  genaues  uber  Deine 
Eindriicke  und  Deine  nachsten  Vorsatze  zu  horen.  Ich  selber 
bin  gerade  jetzt  mit  weniger  als  halbem  Herzen  in  Deutsch- 
land;  eine  Loslosung,  ein  Elan  von  auBen  her  tut  mir  not. 
Andrerseits  ist  unsere  Finanzlage  in  den  letzten  Monaten 
durch  die  offentlichen  Umstande  so  trostlos  geworden,  daB 
ein  Auslandsaufenthalt  mich  in  wenigen  Wochen  mittellos 
heimkehren  sahe  —  aber  doch  vielleicht  nicht  mutlos.  Das 
Warten  hier  zehrt  das  letzte  auf.  Tritt  der  gewaltige  Preis- 
sturz,  der  fiir  die  kommenden  Tage  angekiindigt  ist  aber  ein, 
so  verbleibt  mir  ein  Hoffnungsrest,  mich  bis  zum  Fruhjahr 

318 


halten  zu  konnen,  um  dann  fur  eine  Reise  gtinstigere  klima- 
tische  Moglichkeiten  zu  haben.  Andernfalls  werde  ich  um 
Weihnachten  fortfahren,  wohin  ist  noch  ganz  unbestimmt, 
weil  ich  wenn  mbglich  nicht  ganz  allein  sein  mochte.  Viel- 
leicht  fahrt  Ernst  Schoen  nach  Holland.  Selbst  an  Paris 
dachte  ich.  Andrerseits  an  den  Suden.  Genug  von  diesen 
UngewiBheiten  und-zu  andern.  Meine  Frankfurter  Chancen 
haben  sich  erheblich  gebessert,  aber  die  Zukunft  der  Univer- 
sitat  ist  Gegenstand  skeptischer  Geriichte,  die  freilich  auch 
skeptisch  aufzunehmen  sind.  Korff 1  ist  weg.  Die  Angelegen- 
heit  ist  bereits  in  einer  Fakultatssitzung  erwahnt  worden  und 
es  hat  sich  kein  Widerspruch  erhoben.  Man  erwartet  dort 
meine  Arbeit.  Die  Literaturstudien,  die  ich  mit  groBer  Inten- 
sity und  in  groBem  Umfang  betrieben  habe  sind  Weihnach- 
ten beendet.  Dann  komme  ich  zur  Abfassung.  Ob  die  Arbeit 
mir  geniigen  wird,  vermag  ich  noch  nicht  bestimmt  zu  sagen. 
DaB  sie  dem  Zweck  geniigt,  darf  ich  fiir  wahrscheinlich 
halten.  Hinzukommt,  daB  der  Baudelaire  erschienen  ist.  Ein 
Exemplar  wird  Dir  als  mein  Geschenk  zugehen.  Das  Buch 
ist  schon  und  reprasentativ  geworden,  doch  hat  es  den  An- 
schein,  daB  Weissbach  durch  Finten  mich  derart  geschadigt 
hat,  daB  ich  kein  Honorar  und  nur  sieben  Exemplare  be- 
komme.  Dariiber  bin  ich  trostlos.  In  der  nachsten  Nummer 
von  Hofmannsthals  „Neuen  deutschen  Beitragen"  beginnt 
die  Wahlverwandtschaftenarbeit  zu  erscheinen.  Hofmanns- 
thal  erhielt  sie  von  Rang  und  auBerte  sich  in  einem  Brief e 
an  ihn  mit  geradezu  schrankenloser  Bewunderung.  Weiter 
wird  in  den  nachsten  Tagen  eine  politische  Schrift  von  Rang 
erscheinen,  eben  jene,  die  er  zum  Teil  am  Tage  Eurer  Begeg- 
nung  in  Frankfurt  verlas.  Ich  schatze  sie  auf  das  hbchste. 
Unter  den  mitgedruckten  „Zuschriften"  wirst  Du  eine  von 
mir  finden. 

[...] 

Stefan  geht  es  Gottseidank  sehr  gut.  Ich  sehe  ihn  zweimal 
in  der  Woche  — da  ich  nicht  zuhause  wohne  -  und  habe  immer 
wenn  ich  da  bin  viel  Zeit  fiir  ihn.  Im  iibrigen  lebe  ich  sehr 
einsanij  so,  daB  meine  Arbeit  sogar  im  Grunde  darunter 
leidet.  Mir  fehlen  alle  Kommunikationsmoglichkeiten.  Ernst 

319 


Schoen  sehe  ich  haufig,  morgen,  nach  sehr  langer  Pause  Bloch. 
Bald  hoffe  ich  ausfiihrlich  von  Dir  zu  hbren.  Ich  wieder- 
hole  am  SchluB  allerherzlichst  das  Eingangs  Gesagte. 

Dein  Walter 
PS  Zum  fiinfjahrigen  Griindungsjubilaum  der  Universitat 
Muri,  das  im  nachsten  Jahre  gefeiert  werden  soil,  wird  eine 
Festschrift  „ Memento  Muri"  erscheinen,  fur  welche  Beitrage 
erbeten  sind. 


1  Hermann  August  Korff  wurde  1923  als  Ordinarius  nach  Giefien 
berufen. 


1 26  An  Florens  Christian  Rang 

9.  Dezember  1923 

Lieber  Christian, 

die  Treue,  mit  der  Du  mich  angesichts  meiner  „Zuschrift" 
zur  tjberpriifung  meiner  Lage  angehalten  hast,  danke  ich 
Dir  von  Herzen.  Ich  bin  Deinem  Wink  gefolgt,  indem  ich 
mit  Frankfurt  direkt  mich  in  Verbindung  gesetzt  habe  und 
dafl  auch  von  da  Bestatigung  kam,  kannst  Du  aus  meinem 
bisherigen  Schweigen  entnehmen.  Natiirlich  habe  ich  nicht 
von  „offizieller"  Stelle  Bestatigung,  aber  dafl  sie  von  [Gott- 
fried] Salomon  kam,  der  mit  den  Verhaltnissen  vertraut  ist, 
muB  mir  gcniigen.  Seit  kurzem  bekomme  ich  keine  Fahnen 
mehr  zugesandt:  weil  ich  die  Zuschrift  Dir  schon  sandte? 
oder  weil  die  Schrift  nun  vor  ihrer  Ausgabe  steht.  Hoff  entlich 
ist  das  letztere  der  Fall,  denn  nicht  allein  bin  ich  ungeduldig, 
den  Eindruck  ihrer  Totalitat  in  mich  aufzunehmen  —  ich 
habe  auch  hier,  soweit  ich  es  vermochte,  die  intensivste  Span- 
nung  fiir  sie  geweckt.  Ob  ich  Dir  in  meinem  vorigen  Brief 
schon  sagte,  einen  wie  guten  und  tiefen  Eindruck  Hofmanns- 
thals  Einstehen  fiir  D einen  Aufruf  mir  gemacht  hat,  weiB 
ich  nicht.  Ich  habe  nur  den  Wunsch,  daB  er  einhalt,  was  seine 
Worte  in  Aussicht  stellen,  dies  wurde  meines  Erachtens  ge- 

320 


rade  fur  ihn  und  seine  Beurteilung  viel  bedeuten.  Heute  friih 
begann  ich  das  Gerettete  Venedig,  das  er  vor  Jahren  nach 
Thomas  Otway  gedichtet  hat,  fiir  meine  Trauerspielabhand- 
lung  zu  lesen.  Kennst  Du  es?  Inzwischen  habe  [ich]  ihm 
selbstverstandlich  mit  einer  Zusage  geantwortet  und  ihm  auch 
den  erschienen[en]  Baudelaire  ubersandt.  Es  ist  das  zweifel- 
hafte  Vorrecht  aller  mir  Nahestehenden,  ihrerseits  auf  diese 
ihnen  —  und  somit  vor  allem  auch  Dir— zustehende  Gabe  noch 
warten  zu  mussen.  Ganz  und  gar  gewinnt  es  den  Anschein, 
daB  Weissbach  [durch  einen  juristischen  Gaunerstreich  erster 
Ordnung  (dessen  schriftliche  Darlegung  untunlich  ist)]  mich 
urn  fast  samtliche  Freiexemplare  und  das  ganze  Honorar 
bringen  will.  In  einiger  Zeit  werde  ich  klarer  sehen.  Mein 
Schreiben  an  Hofmannsthal  hat,  einmal  befordert,  in  mir 
den  Zweifel  erweckt,  ob  es  bei  aller  ehrerbietigen  Dankbar- 
keit,  die  aus  ihm  spricht  nicht  zu  formvoll  gelungen  ist.  Ins- 
besondere  habe  ich  in  meiner  ersten  AuBerung  nochBedenken 
getragen,  meinerseits  von  den  Heinleschen  Dingen,  die  er  ja 
nicht  beriihrt  hat,  zu  reden,  um  nicht  insistierend  zu  erschei- 
nen.  Ich  glaube,  Dich  vielleicht  bitten  zu  diirf  en,  bei  Gelegen- 
heit  ihn  dariiber  anzufragen,  falls  er  nicht  in  einiger  Zeit 
sich  gegen  mich  oder  Dich  dariiber  auBern  sollte.  Und  auch 
in  andrer  Hinsicht  bitte  ich  Dich  —  und  zwar  schon  im  nach- 
sten  Briefe  —  Deine  Vermittlerrolle  fiir  einen  Augenblick 
wieder  aufzunehmen.  Dies  betrifft  die  Riicksendung  1)  des 
Argonautenaufsatzes  und  ganz  besonders  2)  der  Wahlver- 
wandtschaftenarbeit  an  mich,  die  ich  noch  haben  muB,  bevor 
sie  in  die  Druckerei  geht.  Namlich:  ich  habe  sie  hier  weder 
im  Manuscript  noch  in  irgendeiner  Abschrift  und  muB  sie 
dringend  fiir  meine  gegenwartige  Arbeit  in  einigen  Teilen 
zu  Rat  ziehen.  Was  diese  gegenwartige  Arbeit  betrifft,  so  ist 
es  seltsam,  wie  sie  seit  einigen  Tagen  mich  heftig  mit  eben 
den  Fragen  bedrangt,  welche  Dein  letzter  Brief  mir  als  Deine 
eigne  Auseinandersetzung  mit  den  Ideen  vorstellte.  Jetzt  mit 
Dir  von  Mund  zu  Mund  dies  verhandeln  zu  kbnnen,  ware 
mir,  der  ich  ohnehin  unter  einer  gewissen  Einsamkeit  leide 
in  die  Lebensverhaltnisse  und  Gegenstand  meiner  Arbeit 
mich  gedrangt  haben,  unendlich  wertvoll.  Mich  beschaftigt 

321 


namlich  der  Gedanke,  wie  Kunstwerke  sich  zum  geschicht- 
lichen  Leben  verhalten.  Dabei  gilt  mir  als  ausgemacht,  daB 
es  Kunstgeschichte  nicht  gibt.  Wahrend  die  Verkettung  zeit- 
lichen  Geschehens  fiir  das  Menschenleben  beispielsweise  nicht 
allein  kausal  Wesentliches  mit  sich  fiihrt,  sondern  ohne  solche 
Verkettung  in  Entwicklung,  Reife,  Tod  u.  a.  Kategorien  das 
Menschenleben  wesentlich  garnicht  existieren  wiirde,  verhalt 
sich  dies  mit  dem  Kunstwerk  ganz  anders.  Es  ist  seinem 
Wesentlichen  nach  geschichtslos.  Der  Versuch  das  Kunstwerk 
in  das  geschichtliche  Leben  hineinzustellen  eroffnet  nicht 
Perspektiven,  die  in  sein  Innerstes  fiihren,  wie  etwa  der 
gleiche  Versuch  bei  Volkern  auf  die  Perspektive  von  Gene- 
rationen  und  andere  wesentliche  Schichten  fiihrt.  Es  kommt 
bei  den  Untersuchungen  der  kurrenten  Kunstgeschichte  im- 
mer  nur  auf  Stoff- Geschichte  oder  Form-Geschichte  hinaus, 
fiir  welche  die  Kunstwerke  nur  Beispiele,  gleichsam  Modelle, 
herleihen;  eine  Geschichte  der  Kunstwerke  selbst  kommt 
dabei  garnicht  in  Frage.  Sie  haben  nichts  was  sie  zugleich 
extensiv  und  wesentlich  verbindet:  wie  eine  solche  extensive 
und  wesentliche  Verbindung  in  der  Volksgeschichte  das  Ab- 
stammungsverhaltnis  der  Generationen  ist.  Die  wesentliche 
Verbindung  unter  Kunstwerken  bleibt  intensiv.  Die  Kunst- 
werke stehen  in  dieser  Hinsicht  ahnlich  wie  die  philoso- 
phischen  Systeme,  indem  die  sogenannte  „Geschichte"  der 
Philosophic  entweder  uninteressante  Dogmen-  oder  gar  Phi- 
losophen- Geschichte  ist,  oder  aber  Problemgeschichte,  als 
welche  jederzeit  die  Fiihlung  mit  der  zeitlichen  Extension  zu 
verlieren  und  in  zeitlose,  intensive  -  Interpretation  iiber- 
zugehen  droht.  Die  spezifische  Geschichtlichkeit  von  Kunst- 
werken ist  ebenfalls  eine  solche,  welche  sich  nicht  in  „Kunst- 
geschichte"  sondern  nur  in  Interpretation  erschlieBt.  Es  treten 
namlich  in  der  Interpretation  Zusammenhange  von  Kunst- 
werken untereinander  auf,  welche  zeitlos  und  dennoch  nicht 
ohne  historischen  Belang  sind.  Dieselben  Gewalten  namlich, 
welche  in  der  Welt  der  Offenbarung  (und  das  ist  die  Ge- 
schichte) explosiv  und  extensiv  zeitlich  werden,  treten  in  der 
Welt  der  Verschlossenheit  (und  das  ist  die  der  Natur  und  der 
Kunstwerke)  intensiv  hervor.  Bitte  verzeihe  diese  diirftigen 

322 


und  vorlaufigen  Gedanken.  Sie  sollten  mich  nur  hierher 
leiten,  wo  ich  Dir  zu  begegnen  hoffe:  die  Ideen  sind  die 
Sterne  im  Gegensatz  zu  der  Sonne  der  Offenbarung.  Sie 
scheinen  nicht  in  den  Tag  der  Geschichte,  sie  wirken  nur 
unsichtbar  in  ihm.  Sie  scheinen  nur  in  die  Nacht  der  Natur. 
Die  Kunstwerke  nun  sind  definiert  als  Modelle  einer  Natur, 
welche  keinen  Tag  also  auch  keinen  Gerichtstag  erwartet, 
als  Modelle  einer  Natur  die  nicht  Schauplatz  der  Geschichte 
und  nicht  Wohnort  der  Menschen  ist.  Die  gerettete  Nacht. 
Kritik  ist  nun  im  Zusammenhange  dieser  Uberlegung  (wo  sie 
identisch  ist  mit  Interpretation  und  Gegensatz  gegen  alle 
kurrentenMethoden  der  Kunstbetrachtung)  Darstellung  einer 
Idee.  Ihre  intensive  Unendlichkeit  kennzeichnet  die  Ideen 
als  Monaden.  Ich  definiere:  Kritik  ist  Mortifikation  der 
Werke.  Nicht  Steigerung  des  BewuBtseins  in  ihnen  (Roman- 
tisch!)  sondern  Ansiedlung  des  Wissens  in  ihnen.  Die  Philo- 
sophic hat  die  Idee  zu  benennen  wie  Adam  die  Natur  um 
sie,  welche  die  wiedergekehrte  Natur  sind,  zu  iiberwinden.  — 
Die  gesamte  Anschauung  des  Leibniz,  dessen  Gedanke  der 
Monade  ich  fur  die  Bestimmung  der  Ideen  aufnehme  und 
den  Du  mit  der  Gleichsetzung  von  Ideen  und  Zahlen  be- 
schworst  -  denn  fur  Leibniz  ist  die  Diskontinuitat  der  ganzen 
Zahlen  ein  fur  die  Monadenlehre  entscheidendes  Phanomen 
gewesen  —  scheint  mir  die  Summa  einer  Theorie  der  Ideen  zu 
umfassen:  die  Aufgabe  der  Interpretation  von  Kunstwerken 
ist:  das  creatiirliche  Leben  in  der  Idee  zu  versammeln.  Fest- 
zustellen.  —  Verzeih  wenn  dies  alles  nicht  verstandlich  sein 
sollte.  Deine  Grundkonzeption  hat  mich  durchaus  erreicht. 
Mir  stellt  sie  sich  letzten  Endes  in  der  Einsicht  dar:  daB 
alles  menschliche  Wissen  wenn  es  sich  soil  verantworten 
konnen,  die  Form  der  Interpretation  haben  muB  und  keine 
andere  und  daB  die  Ideen  die  Handhaben  feststellender 
Interpretation  sind.  Nun  kame  es  auf  eine  Lehre  von  den 
verschiedenen  Arten  von  Texten  an.  Platon  hat  im  Symposion 
und  Timaios  den  Umkreis  der  Ideenlehre  als  den  von  Kunst 
und  Natur  abgesteckt;  die  Interpretation  historischer  oder 
heiliger  Texte  ist  vielleicht  in  keiner  bisherigen  Ideenlehre 
vorgesehen.  Sollten  Dir  diese  Uberlegungen  trotz  ihrer  Durf - 

323 


tigkeit  die  Moglichkeit  einer  AuBerung  gewahren,  so  wiirde 
ich  mich  sehr  freuen.  Jedenfalls  werden  wir  einander  auf 
diesem  Gebiet  noch  oft  begegnen  imissen.  -  Das  Versagen 
von  [Eugen]  Rosenstock  bietet  nun  eine  spate  Einlosung 
meiner  damals  iiber  ihn  verlautbarten  Worte.  Mir  war  es  nie 
willkommen,  seinen  Namen  im  Eingang  der  Schrift  zu  fin- 
den.  Nun  hat  er  ihn  also  moralisch  selbst  gestrichen.  Weitere 
herzliche  Wiinsche  fur  Euch  und  Helmuth  und  von  Haus 
zu  Haus. 

Dein  Walter 


127  An  Florens  Christian  Rang 

Weihnachtenl923 

Lieber  Christian, 

laB  mich  Dir  ganz  besonders  Deine  GriiBe  zur  Weihnacht  er- 
widern,  nach  unser  beider  „Glauben  der  Liebe",  wie  mir 
gestern  mit  dieser  schonen  Formel  ein  Christ  sie  sandte,  wie- 
wohl  das  Gesprach  mit  ihm  fast  nie,  wie  so  oft  das  unsre,  die 
eigne  Religion  beriihrt  hatte.  Ich  kann  dies  Jahr  die  GriiBe 
so  besonders  erwidern,  weil  es  vielleicht  das  erste  war,  das  in 
mir  unsere  Bindung,  und  wie  Unaufzahlbares  ich  ihr  oder, 
um  es  gleich  zu  sagen :  Dir  danke,  zu  so  sicherem  BewuBtsein 
gebracht  hat,  daB  das  „Du"  unserer  Rede  zur  notwendigsten 
Gestalt  in  mir  heranwuchs.  Das  Wissen  um  Bereiche,  das  sich 
fur  den  Denker  soviel  schwerer  als  fur  den  Mathematiker 
erwirbt,  ich  meine  die  Einsicht  im  Denken  einen  unver- 
gleichlichen  Schritt  auf  festem  Grunde  zu  tun  und  nicht  nur, 
mit  unverbindlicher  Blickrichtung,  irgendwohin  zu  lugen, 
hat  sich  in  Gesprachen  mit  Dir  mir  immer  wieder  mit  unge- 
heurer  Bedeutsamkeit  eingepragt  und  dies  Jahr,  da  wir  uns 
weniger  sprachen,  sind  mir  die  Gewesenen  im  Geist  noch 
hochst  lebendig  geworden.  Die  Ermutigung,  die  ich  aus  ihnen 
geschopft  habe,  habe  ich  bitter  notig  gebraucht  und  werde 
sie  immer  weniger  entbehren  konnen.  Denn  die  zwangs- 

324 


maBige  Vereinsamung  der  denkenden  Menschen  scheint 
reiBend  urn  sich  zu  greifen,  und  ist  in  den  groBen  Stadten, 
wo  sie  ganz  unfreiwillig  sein  muB,  am  schwersten  zu  ertra- 
gen.  Dann  aber  ist  bei  solchem  GruBe  das  Merkwiirdige,  daB 
er  neben  alien  Weihnachtserinnerungen  aus  der  Kindheit, 
denen  das  Gewissen  einen  breiteren  Raum  zu  gonnen  ver- 
bietet,  auf  eine  trifft,  die  zu  den  drei  oder  vier  unverauBer- 
lichen  meines  Lebens  gehoren  in  denen  dieses  sich  vernehm- 
bar  in  mir  gestaltete.  Ich  weiB  nicht  wie  alt  ich  war,  vielleicht 
sieben,  vielleicht  zehn  Jahre.  Vor  der  Bescherung  saB  ich 
allein  in  einem  dunklen  Zimmer  und  dachte  an  das  Gedicht 
„Alle  Jahre  wieder"  oder  sagte  es.  Was  dabei  eigentlich  ge- 
schah  weiB  ich  nicht  und  der  Versuch  es  auszusprechen  wiirde 
nur  eine  Falschung  hervorbringen.  Kurz,  noch  heute  sehe  ich 
in  diesem  Augenblick  mich  in  jenem  Zimmer  sitzen  und 
weiB,  daB  es  das  einzige  Mai  in  meinem  Leben  war,  daB  ein 
seinem  Gehalt  nach  religioses  Liedwort  oder  Wort  iiberhaupt 
in  mir  eine  unsichtbare  oder  nur  fluchtig  sichtbare  Gestalt 
annahm.1  —  Fur  Euch  ist  hoffentlich  mit  diesen  Wochen,  die 
Euch  fur  Helmuths  Befmden  sorgenfreier  machen  konnen, 
eine  gute  Zeit  angebrochen  und  ich  hoffe,  daB  Ihr  das  Fest 
angenehm  und  zufrieden  verlebt. 

Wiederum  stimme  ich  meinerseits  mit  dem  was  Du  liber 
Hofmannsthal  schreibst  ganzlich  iiberein.  Es  ist  nun  wohl 
der  Augenblick  gekommen,  an  dem  Du  vorhast,  neuerdings 
Dich  an  ihn  zu  wenden  und  da  bitte  ich  Dich  denn,  das  Er- 
suchen  um  baldigste  Riicksendung  meines  Manuscripts  ihm 
vorzutragen,  da  ich  mich  indessen  noch  nicht  an  ihn  gewen- 
det  habe,  nun  aber  Einblick  in  gewisse  Stellen  der  Arbeit 
nehmen  muB.  Bitte  verdenke  es  mir  nicht,  wenn  ich  gleich- 
zeitig  zwei  andere  Bitten  um  Briefe  vortrage.  Ich  wollte 
Deinen  Ersuchen  um  Riicksendung  jenes  mir  so  angenehmen 
Briefes  von  Hofmannsthal  damals  entsprechen  —  inzwischen 
erst  ist  mir,  besonders  in  Gesprachen,  aufgefallen,  wie  be- 
trachtlich  der  EinfluB  dieses  Schreibens  im  Sinne  der  Er- 
leichterung  literarischer  Verhandlungen  iiberhaupt  fur  mich 
werden  konnte.  Daher  ware  es  mir  hochst  lieb,  bei  Gelegen- 
heit  diesen  Brief  im  Original  zur  Verwahrung  und  gegebe- 

325 


nenfalls  diskretesten  Verwendung  von  Dir  neuerlich  zur 
Verfiigung  gestellt  zu  erhalten.  Die  andere  Bitte  betrifft 
meinen  letzten  Brief  iiber  die  „Ideen",  in  dem  ich  erstmalig 
Gedanken  skizziert  habe,  auf  die  ich  im  Laufe  meiner  Arbeit 
vielleicht  werde  zuriickgreifen  miissen.  Auch  diesen  Brief 
mir  zu  gelegentlicher  Verfiigung  bereitzuhalten  wiirde  ich 
Dich  bitten  .  .  .  Erschreckend  ist  —  von  der  materiellen  Not 
ganz  abgesehen  —  wie  sichtlich  die  Vereinsamung  der  geisti- 
gen  Menschen  im  Wachsen  begriffen  ist.  Sturmzeichen. 

Dir  wiinsche  ich  die  feierliche  Musik  von  Wintersturmen 
und  daB  das  Jahr  gut  und  fruchtbar  zu  Ende  gehen  moge,  bis 
ich  zum  neuen  mit  Gliickwunschen  mich  einstelle.  Von  Haus 
zu  Haus  herzliche  GriiBe 

Dein  Walter 

1  Vgl.  Schriften  I,  S.  626  ff. 


128  An  Florens  Christian  Rang 

10.  Januar  1924 

Lieber  Christian, 

die  neue  Ruhepause  in  unsrer  Korrespondenz  hat  ihre  Ur- 
sache,  wie  ich  vermute,  nicht  in  meinen  Umstanden  allein. 
Vielmehr  bist  wohl  auch  Du  von  eigner  Arbeit  beansprucht. 
Dies  kann  ich  von  mir  selbst  sogar  nur  eingeschrankt  behaup- 
ten.  Einerseits  zwingt  mich  die  fallige  Arbeit;  aber  da  sie  in 
der  Tat  bisweilen  mehr  zwingt  als  fesselt,  so  gab  es  einen 
gewissen  Riickschlag  in  Gestalt  von  mancherlei  Zerstreuun- 
gen.  Nun  kann  ich  aber,  da  ich  mich  neuerlich  zur  Sache 
gerufen  habe,  vor  dem  AbschluB  nicht  mehr  pausieren. 
Was  sich  in  monatelanger  Lektiire  und  immer  neuem  Spin- 
tisieren  angehauft  hat,  liegt  nun  nicht  sowohl  als  eine  Masse 
von  Bausteinen  bereit,  denn  als  Reisighaufe,  an  den  ich  den 
Funken  der  ersten  Eingebung  gewissermaBen  umstandlich 
von  ganz  woanders  her  heranzutragen  habe.  Die  Arbeit  der 

326 


Niederschrift  wird  demgemaB,  wenn  es  gliicken  soil,  sehr  er- 
heblich  sein  miissen.  Mein  Fundament  ist  merkwiirdig  —  ja, 
unheimlich  —  schmal:  die  Kenntnis  einiger  weniger  Dramen; 
langst  nicht  aller,  die  in  Frage  kommen.  Eine  enzyklopadi- 
sche  Lektiire  der  Werke  in  dem  winzigen  Zeitraum,  der  mir 
zurVerfiigung  stent,  hatte  unfehlbar  einen  uniiberwindlichen 
degout  in  mir  erzeugt.  Die  Betrachtung  des  Verhaltnisses 
vom  Werk  und  seiner  ersten  Eingebung,  die  alle  Umstande 
der  gegehwartigen  Arbeit  mir  nahelegten,  fiihrt  mich  zu  der 
Einsicht:  jedes  vollkommene  Werk  ist  die  Totenmaske  seiner 
Intuition 1 . 

Was  Deine  eigne  Tatigkeit  betrifft,  so  wird  sie  hoffentlich 
durch  die  vermutliche  Saumseligkeit  Deines  Verlegers  nicht 
allzu  sehr  belastet.  Im  Grunde  ist  die  Lage  jetzt  derart,  daB 
die  Schrift  jetzt  viel  eher  den  rechten  Augenblick  ergreift,  als 
wenn  sie  friiher  erschienen  ware.  Was  meinen  Heidelberger 
Brotherrn  (!)  betrifft,  so  hat  er  meine  schlimmsten  Erwar- 
tungen  nicht  eingelost,  vielleicht  weil  ich  ihm  rechtzeitig  von 
meinem  neuen  Patron  Hofmannsthal  Mitteilung  machte.  Die 
Erledigung  der  Honorarfrage  scheint  er  nunmehr  loyal  vor- 
nehmen  zu  wollen.  Anders  verhalt  er  sich  leider  in  der  Frage 
der  mir  zustehenden  Freiexemplare.  Doch  hier  gilt:  kommt 
Zeit,  kommt  Rat,  und  wenn  meine  nachsten  Freunde  sich 
etwas  gedulden,  werde  ich  mich,  wenn  auch  verspatet,  mit 
dem  Bande  einstellen  konnen.  Nun,  da  er  vorliegt,  sehe  ich, 
daB  es  letzten  Endes  fur  den  Autor  wesentlicher  ist,  mit 
seinen  problematischen  Arbeiten  offentlich  zu  erscheinen,  als 
mit  seinen  gegliickten,  sofern  von  jenen  dieBe£reiung,welche 
das  gedruckte  Werk  bringt,  weit  mehr  not  tut  als  von  diesen, 
Bei  mir  waltet  kein  Zweifel  mehr  iiber  das  hochst  Problema- 
tische  dieser  Ubersetzung,  sofern  ihr  die  Faktur,  die  Beson- 
nenheit  in  den  Dingen  der  Metrik  schlechtweg  fehlt.  Du  hast 
mich,  wenn  auch  zuriickhaltend,  schon  friih  darauf  hinge wi e- 
sen.  Reparabel  war  das  natiirlich  nicht,  nur  ein  Beginnen 
von  neuem  ist  hier  am  Platze.  Ich  hoffe,  daB  mir  das  einmal 
moglich  sein  wird.  Mit  einer  gewissen  Beruhigung  gewahre 
ich  eine  entsprechende  Reserviertheit  gegeniiber  den  Uber- 
setzungen  bei  Hofmannsthal  und  ich  will  ihm  im  Sinne  dieser 

327 


Zeilen  schreiben.  Bestehen  bleibt  fur  micli,  daG  stellenweise 
diettbersetzung  mir  in  jedem  Sinne  geniigt.  Die  beiliegenden 
Briefe  von  Hofmannsthal  bitte  icb  Dich  mir  zuriickzusenden. 
Sie  haben  mich  natiirlich  auBerordentlich  gefreut . . . 

Scholem  schrieb  mir  ausfiihrlich.  Er  ist  an  der  Bibliothek 
in  Jerusalem  angestellt  und  soil  spater  die  spezielle  Leitung 
ihrer  hebraischen  Abteilung  erhalten.  Er  hat  geheiratet  und 
scheint  in  dem  neuen  Lande  sehr  gliicklich.  Gutkinds  tragen 
sicb  ernstlich  mit  Ausreise-,  d.  h.  Auswanderungsplanen. 
Doch  ob  sie  das  Geld  aufbringen  kbnnten,  ist  sehr  fraglich . . . 

Mir  geht  es  in  letzter  Zeit,  trotz  intensiver  Zores,  nicht 
schlecht.  Nur  meine  Bibliothek,  die  gleichsam  einrostet,  da 
ich  nichts  mehr  anschaffen  kann,  betriibt  mich  hin  und 
wieder.  Meine  letzte,  auch  schon  unverant  worth  che,  Extra- 
vaganz  war,  daB  ich  mir  eine  alte  Ausgabe  der  Werke  von 
Hofmannswaldau  auf  einer  Auktion  erstand. 

Diesen  Brief  schreibe  ich  im  Cafe  Bauer,  einem  der  ganz 
wenigen  echten  und  altmodischen,  welche  Berlin  noch  hat.  In 
ein  paar  Tagen  wird  es  geschlossen  und  verlegt. 

Dir  und  deiner  Frau  die  herzlichsten  GruBe  von  mir  und 
von  Dora. 

Dein  Walter 

1  Vgl.  Schriften  I,  S.  538 :  „Das  Werk  ist  die  Totenmaske  der  Kon- 
zeption". 


129  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin,  15.  Januar  1924 

Hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal! 

Wahrend  Ihre  Briefe  durch  den  warmen  und  eingehenden 
Anteil,  den  Sie  meiner  Arbeit  gewahren,  mich  mit  Freude 
und  Dankbarkeit  erfxillen,  erfuhren  Sie  von  meiner  Seite 
Komplikationen  Ihrer  Redaktionsarbeit.  Dieser  Gegensatz 
beschamt  mich  und  ich  bitte  Sie  herzlich,  die  Unsicherheit, 

528 


in  die,  durch  meine  Verfehlung,  der  letzte  Brief  von  Herrn 
Rang  Sie  versetzte,  zu  entschuldigen.  Gestatten  Sie  mir, 
wenige  Worte  iiber  AuBeres  ans  Ende  des  Briefes  zu  schieben 
und  zuerst  von  dem  mir  nachstliegenden  zu  reden.  Es  ist  von 
hoher  Bedeutung  fin*  mich,  daB  Sie  die  Uberzeugung,  welche 
in  meinen  literarischen  Versuchen  mich  leitet,  so  deutlich 
herausheben  und  daB  Sie  sie,  wenn  ich  recht  verstehe,  teilen. 
Jene  Uberzeugung  namlich,  daB  jede  Wahrheit  ihr  Haus, 
ihren  angestammten  Palast,  in  der  Sprache  hat,  daB  er  aus 
den  altesten  logoi  errichtet  ist  und  daB  der  so  gegfiindeten 
Wahrheit  gegeniiber  die  Einsichten  der  Einzelwissenschaften 
subaltern  bleiben,  solange  sie  gleichsam  nomadisierend,  bald 
hier  bald  da  im  Sprachbereiche  sich  behelfen,  befangen  in 
jener  Anschauung  vom  Zeichencharakter  der  Sprache,  der 
ihrer  Terminologie  die  verantwortungslose  Willkiir  aufpragt. 
Demgegenuber  erfahrt  die  Philosophic  die  segensreicheWirk- 
samkeit  einer  Ordnung,  kraft  welcher  ihre  Einsichten  jeweils 
ganz  bestimmten  Worten  zustreben,  deren  im  Begriff  ver- 
krustete  Oberflache  unter  ihrer  magnetischen  Beruhrung  sich 
lost  und  die  Formen  des  in  ihr  verschlossenen  sprachlichen 
Lebens  verrat.  Fur  den  Schriftsteller  aber  bedeutet  dieses 
Verhaltnis  das  Gliick,  an  der  Sprache,  welche  dergestalt  vor 
seinen  Augen  sich  entfaltet,  den  Priifstein  seiner  Denkkraft 
zu  besitzen.  So  versuchte  ich  vor  Jahren,  die  alten  Worte 
Schicksal  und  Charakter  aus  der  terminologischen  Fron  zu 
befreien  und  ihres  urspriinglichen  Lebens  im  deutschen 
Sprachgeiste  aktual  habhaft  zu  werden.  Aber  gerade  dieser 
Versuch  verrat  mir  heute  auf  das  klarste,  welchen,  unbewal- 
tigt  in  ihm  verbliebnen,  Schwierigkeiten  jeder  derartige  Vor- 
stoB  begegnet.  Dort  namlich  wo  die  Einsicht  sich  unzureichend 
erweist,  den  erstarrten  Begriffspanzer  wirklich  zu  losen,  wird 
sie,  um  in  die  Barbarei  der  Formelsprache  nicht  zunickzuf al- 
ien, sich  versucht  finden,  die  sprachliche  und  gedankliche 
Tiefe,  die  in  der  Intention  solcher  Untersuchungen  liegt, 
nicht  sowohl  auszuschachten  als  zu  erbohren.  Diese  Forcie- 
rung  von  Einsichten,  deren  unfeine  Pedanterie  freilich  der 
heute  fast  durchweg  verbreiteten  souveranen  Allure  ihrer 
Verfalschung  vorzuziehen  ist,  beeintrachtigt  unbedingt  den 

329 


fraglichen  Aufsatz  und  ich  bitte  Sie,  es  fur  aufrichtig  zu 
halten,  wenn  ich  in  diesem  Sinne  die  Ursache  gewisser  Dun- 
kelheiten  darin  bei  mir  finde.  (Ebenso  steht  es  mit  dem  An- 
fang  des  Absatzes  III  der  Wahlverwandtschaftenarbeit).  So.llte 
ich,  wie  es  angezeigt  ware,  auf  die  Probleme  jener  friiheren 
Arbeit  zuriickkommen,  so  wiirde  ich  den  Frontalangriff  auf 
sie  kaum  mehr  wagen,  sondern,  wie  ich  es  mit  dem  „  Schick  - 
sal"  in  der  Wahlverwandtschaftenarbeit  hielt,  den  Dingen  in 
Exkursen  begegnen.  Heute  lage  es  mir  am  nachsten,  von  der 
Seite  der  Komodie  her  sie  zu  beleuchten. 

Ich  wage  es,  im  Sinne  der  wachsenden  gegenseitigen  Fiih- 
lung,  deren  Moglichkeit  Sie  so  freundlich  beschworen,  mei- 
nem  Baudelaire  einige  Worte  nachzuschicken.  1st  mir  in 
jenem  Sinne  doch  ebenso  wichtig,  wie  die  Mitteilung  dieser 
Arbeit  selbst  die  einer  kurzen  Bemerkung  iiber  meine  Stel- 
lung  zu  ihr.  Von  meinen  ersten  Versuchen  einer  Ubersetzung 
aus  den  Fleurs  du  mal  bis  zur  Drucklegung  des  Buches  sind 
neun  Jahre  verflossen,  eine  Zeit,  die  mir  die  Moglichkeit  gab, 
Vieles  zu  bessern,  in  ihrem  letzten  Ablauf  aber  auch  die 
Einsicht  in  dasjenige,  was,  unzureichend,  dennoch  keiner 
„Besserung"  zuganglich  war.  Ich  habe  dabei  das  ebenso  ein- 
fache  wie  gewichtige  Faktum  im  Sinne,  da£  die  Ubersetzung 
metrisch  naiv  ist.  Damit  meine  ich  nicht  sowohl  die  metrische 
Haltung  der  Ubertragungen  als  die  Tatsache,  daB  sie  mir 
nicht  im  selben  Sinne  zum  Problem  geworden  war,  wie  die 
Vorrede  dies  von  der  Wortlichkeit  ausspricht.  Das  BewuBt- 
sein  davon  ist  mittlerweile  mir  so  deutlich  geworden,  daB  es 
hinreichende  Initiative  fur  neueUbersetzungsversuche  in  sich 
birgt.  Ich  bin  der  Uberzeugung,  daB  zuletzt  nur  die  metrische 
Besonnenheit  einer  Ubersetzung  der  Fleurs  du  mal  intensiver 
als  die  meinigen  des  Baudelaireschen  Stils  teilhaft  macht, 
eines  Stils,  der  mich  zuletzt  mehr  als  alles  andere  faszinierte 
und  den  ich  den  Barock  der  Banalitat  nennen  mochte  in  dem 
Sinne,  in  dem  Claudel  ihn  ein  Gemisch  aus  dem  Stil  Racines 
und  eines  Reporters  der  vierziger  Jahre  des  vorigen  Jahr- 
hunderts  genannt  hat.  Kurz,  ich  mochte  noch  einmal  aus- 
ziehen,  um  es  zu  versuchen,  jene  sprachlichen  Bereiche  zu 
betreten,  in  denen  das  Mode  wort  mit  dem  allegorisierten 


330 


Abstractum  (Spleen  et  Ideal)  sich  begegnet  und  zugleich  auf 
diesem  Gebiete  eine  solche  Klarheit  im  Metrischen  zu  er- 
reichen,  wie  sie  im  Bereiche  des  griechischen  Epigramms  aus 
der  neuen  Ohlerschen  Ubertragung  vom  Kranz  des  Meleager 
von  Gadara1  mir  zu  sprechen  scheint.  Ich  beschaftigte  mich 
vor  Monaten  damit,  als  ich  Studien  zu  einer  Einleitung  in 
den  NachlaB  der  beiden  Heinle  machte. 

Was  nun  das  Manuscript2  und  den  Druck  in  der  Bremer 
Presse3  angeht,  so  hatte  ich  verabsaumt,  Herrn  Rang,  dem 
ich  seinerzeit  den  Wunsch,  das  Manuscript  wieder  einzu- 
sehen,  mitgeteilt  hatte,  von  Ihrem  ersten  Briefe  umgehend 
zu  verstandigen,  und  so  war  er  nicht  im  Bilde.  Sollte  es  mir 
zur  Zeit  nicht  gelingen,  eine  zweite  Abschrift  aus  Frankfurt 
zuriickzuerhalten,  so  wiirde  ich  in  dem  von  Ihnen  angegebe- 
nen  Sinne  mich  an  Herrn  Dr.  Wiegand  wenden,  was  um  so 
unbedenklicher  ware,  als  ich  nur  den  dritten  Teil  der  Arbeit 
kurz  benotige,  dessen  Satz  wohl  nicht  drangt.  Ubrigens  ent- 
hielt  die  Sendung  des  Herrn  Dr.  Wiegand  die  Abschrift  der 
Heinleschen  Gedichte  nicht.  Ich  besitze  sie  natiirlich  in  mehr- 
facher  Ausfertigung  und  bin  beruhigt,  wenn  ich  sie  bei  Ihnen 
weiB.  Die  Absatzliberschriften  der  Wahlverwandtschaften- 
arbeit  sind  nicht  zur  Veroffentlichung  bestimmt.4 

Ich  schliefie  mit  der  erneuten  Versicherung  meiner  dank- 
baren  Ergebenheit 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Der  Kranz  des  Meleagros  von  Gadara.  Auswahl  u.  Ubertragung  von 
August  Oehler  [d.  i.  August  Mayer].  Berlin  1920.  (Klassiker  des  Alter- 
tums.  2.  Reihe,  15.  Bd.) 

2  der  Wahlverwandtschaftenarbeit. 

3  Die  von  Hofmannsthal  herausgegebenen  „Neuen  Deutschen  Bei- 
trage"  erschienen  als  Handpressendruck  der  Bremer  Presse,  die  1910 
von  Willy  Wiegand  und  Ludwig  Wolde  in  Bremen  gegriindet,  von 
1921  bis  1939  von  Wiegand  in  Miinchen  geleitet  wurde. 

4  Sie  sind  in  der  Handschrift  des  Aufsatzes  (in  Scholems  Besitz)  er- 
halten.  Auch  die  Widmung  an  Jula  Cohn  ist  im  Druck  fortgefallen, 
da  Hofmannsthal  keine  Widmung  aufnahm. 


331 


130  An  Florens  Christian  Rang 

Berlin,  20.  Januar  1924 

Lieber  Christian, 

der  erste  Tag,  an  dem  ich,  nach  langerer  Pause  wieder  inten- 
siv  von  der  Literatur  fort  auf  eignen  Oberlegungen  und 
Gedanken  zu  meiner  Arbeit  mich  wende,  veranlaBt  mich 
sogleich,  auf  Deine  Beitrage  zu  diesen  zuriickzugreifen.  Und. 
damit,  allerdings  nur  erst  mittelbar,  auf  Literatur.  Es  ist 
namlich  fur  mich  sehr  wichtig,  zu  erfahren,  welche  Belege ' 
fur  eine  Herleitung  der  Tragodie  aus  dem  Agon  auBer  dem 
Worte  Protagonist  sich  angeben  lieBen,  und  auch  ob  die 
Deutung  jenes  Wortes  fur  den  Schauspieler  in  Deinem  Sinne 
sichergestellt  ist.  Damit  hangt  die  weitere  Frage  zusam- 
men,  ob  der  Opferaltar  im  Mittelpunkt  der  antiken  Biihne, 
sowie  ein  altes  Lbsungsritual  des  Entlaufens  und  um  den 
Altar  Herumlaufens  wissenschaftlich  kurrente  Fakten  sind 
und,  falls  Du  etwa  dariiber  unterrichtet  bist,  wie  sich  die  wis- 
senschaftliche  Auffassung  dieser  Tatbestande  bisher  prasen- 
tiert  hat,  falls  sie  -  wie  ich  fur  moglich  halte  -  von  der  Deini- 
gen  abweichend  gewesen  ist.  Wichtig  ist  mir  weiter  aus 
Deinen  Beitragen  besonders  noch  der  SchluBsatz  der  Notiz 
„Agon  und  Theater",  deren  Abschrift  Du  mir  sandtest.  Die- 
sem  SchluBsatz  mochte  ich  entnehmen,  daB  doch  der  SchluB 
der  Tragodie  von  einer  sichern  Sieghaftigkeit  des  mensch- 
heilgott-Prinzips  irgendwie  entfernt  ist  und  daB  auch  da  eine 
Art  von  non-liquet  als  Unterton  zuriickbleibt.  -  Ich  will  ja 
auf  die  Theorie  der  Tragodie  (welche  wohl  oder  iibel:  unsere 
wird  sein  miissen)  nur  im  Vorubergehen  mich  einlassen, 
gerade  wegen  dieser  Kiirze  aber  muB  ich  Prazision  erstreben. 
—  Wie  das  Ganze  sich  ausnehmen  wird,  wenn  es  fertig  ist, 
weiB  ich  garnicht.  Nur  soviel  steht  mir  fest,  daB  ich  meine 
ganze  Energie  wahrend  der  nachsten  Zeit  werde  hineinlegen 
miissen. 

Hofmannsthal  habe  ich  vor  kurzem  ganz  ausfiihrlich  ge- 
schrieben.  Mein  Brief  an  Dich  ist  hoffentlich  in  Deinen  Han- 
den,  so  daB  ich  bald  Nachrichten  von  Dir  erwarten  darf . 

352 


Die  herzlichsten  GriiBe  von  Haus  zu  Haus 

Dein  Walter 


Agon  und  Theater 
(Aus  dem  Tagebuch  von  Florens  Christian  Rang) 

Agon  kommt  vom  Totenopfer.  Der  zu  Opfernde  darf  ent- 
laufen,  wenn  er  schnell  gemig.  Seitdem  iiber  blasse  Angst  vor 
dem  Toten,  der  den  Uberlebenden  als  Opfer  heischte,  der 
Glaube  wieder  siegte,  dafi  der  Tote  liebend  segne.  Oder  nicht 
der  Tote,  aber  ein  hoherer  Tote  noch.  So  wird  Agon  Gericht 
des  Gottes  iiber  den  Menschen  und  des  Menschen  iiber  Gott. 
Das  athenisch-syrakusanische  Theater  ist  Agon  (vergleiche 
das  Wort  Agonist).  Und  zwar  ein  solcher  Agon,  in  dem  im 
Gericht  gegen  Gott  ein  hoherer  Heiland-Gott  erbetet  wird. 
Der  Dialog  ist  ein  Wettreden,  d.  i.  Wettlaufen.  Sowohl  der 
beiden  Stimmen,  die  den  Menschen  bzw.  den  Gott  verklagen 
und  entschuldigen  wie  beider  zu  dem  gemeinsamen  Ziele,  dem 
zu  sie  entlaufen.  Dieses  ist  das  jiingste  Gericht  iiber  Gotter 
und  Menschen.  Der  agonal e  Lauf  ist  auch  im  Theater  noch 
Totenopfer,  siehe  das  Opfer  des  Archon  Basileus.  Der  agonale 
Lauf  ist  auch  im  Theater  Gericht,  denn  er  stellt  das  jiingste 
Gericht  vor.  Er  schneidet  das  Amphitheater  des  beliebig  zeit- 
langen  Wettlaufs  entzwei  und  setzt  die  raumliche  Grenze  der 
Skene.  Aus  der  linken  Unheilstiir  laufen  die  Agonisten  her- 
vor.  Sie  durchlaufen  —  durch  das  Medium  des  Chaos  —  sym- 
pathetisch  das  Halbrund  der  Gemeinde  um  den  Opferaltar 
herum  und  enden  in  der  Heilsttir  -  rechts.  Als  jiingstes  Ge- 
richt nimmt  dieser  Wettlauf  die  mensch-gottliche  Vergan- 
genheit  in  sich,  der  Lauf  vollzieht  sich  im  Bild  der  den  Lauf 
schon  vollendet  habenden  groBen  Toten.  Die  Gemeinde  aner- 
kennt  das  Opfer,  den  Tod,  aber  dekretiert  zugleich  den  Sieg, 
so  dem  Menschen  wie  dem  Gott. 


333 


131  An  Florens  Christian  Rang 

Jan. 1924 

[Rangs  Geburtstag  28.  Jan.] 

Lieber  Christian, 

Dein  langeres  Schweigen  hatte  mich  vielleicht  schon  beun- 
ruhigt,  wenn  ich  nicht  dieser  Tage  von  Deinem  Schreiben 
nach  Griinau  gehbrt  hatte  und  daB  es  iiber  Helmuths  Befin- 
den  so  erfreuliche  Nachrichten  gibt.  Damit  ist,  scheint  mir, 
der  bei  weitem  gewichtigste  Teil  der  Wiinsche,  die  wir  alle  zu 
Deinem  Geburtstag  hegen,  der  Erfiillung  nahe.  Viel  weni- 
ger  besorgt  bin  ich  um  den  eines  andern:  daB  Dir  die  Kraft 
und  die  Flille  der  Gedanken  noch  auf  Jahr  und  Jahrzehnt 
hinaus  treu  bleibe,  damit  die  Erntewagen  der  Ideen  weiter- 
hin  so  hoch  beladen  einfahren  wie  bisher.  Was  wir  als  Gabe 
bringen,  das  ware  allenfalis  so  eine  Art  Zweigespann,  von 
dem  ich  glaube,  daB  es  einander  nicht  unahnlieh  und  also 
vertraglich  und  geziemlich  bei  der  Arbeit  sich  benehmen 
wird.  Auch  mag  es  eine  ganz  leidliche,  wenn  auch  wenig  be- 
kannte  und  ausgereifte  Zugkraft  besitzen.  DaB  das  eine 
Pferdchen  so  locker  im  Gespann  geht,  ist  nicht  unsere  Schuld, 
es  war  nicht  anders  zu  haben. 

Meine  Fahrten  bei  diesem  AnlaB  aber  brachten  mir  eine 
tolle  Erfahrung.  Bernhard1  hatte  auf  meine  Anfrage  einen 
Rat  gegeben  und  gemeint,  daB  eine  gute  Ausgabe  einer  scho- 
lastischen  Schrift  Dir  wiirde  von  Nutzen  sein  konnen.  Ich 
also  begab  mich  in  die  groBe  Herdersche  Buchhandlung.  Es 
waren  noch  keine  ftinf  Minuten  verstrichen,  als  der  maB- 
gebendeHerr  mir  die  zuverlassigeMitteilung  machenkonnte, 
daB  weder  im  lateinischen  noch  im  deutschen  Text  irgendeine 
scholastische  Schrift  auf  Lager  sei!  Mithin:  von  oben  bis 
unten  steckt  das  ganze  Haus  voller  Romane  und  Traktatchen. 
—  Weiter  horte  ich  von  Bernhard,  daB  urspriinglich  Deine 
Kinder  Dir  den  Baudelaire  hatten  schenken  wollen.  Aber  dies 
ist  und  bleibt  naturlich  meine  Angelegenheit  und  ich  werde 
in  absehbarer  Zeit  ihr  nachkommen. 

Verzeih,  wenn  ich  sogar  in  diesen  Feiertagsbrief  meinen 

334 


alltaglichen  Philologensorgen  EinlaB  gewahre.  Aber  die 
Arbeit  brennt  nun  so  unter  den  Handen,  daB  auf  einmal  alles 
endlos  Verschobene  auf  seiner  Erledigung  besteht.  Und  f iir  die 
Frage  des  griechischen  Theaters  bin  und  bleibe  ich  auf  Dich 
allein  angewiesen.  Mir  ware  sehrwichtigzuwissen,  obirgend- 
ein  nachweislicher  Zusammenhang,  sei  es  historischer,  sei  es. 
rein  sachlicher  Art  zwischen  der  dianoetischen  Dialogform 
besonders  des  Sophokles  und  Euripides  und  dem  attischen 
Gerichtsverfahren  besteht  und,  falls  er  existieren  sollte,  in 
welchem  Sinne  er  zu  verstehen  ware.  In  der  Literatur  fand 
ich  dariiber  nichts,  aus  eigner  Un-Kenntnis  kann  ich  die 
Frage  nicht  entscheiden  und  sie  liegt  doch  auf  der  Hand. 
—  Im  iibrigen  habe  ich  das  umfangreiche  Material  nun  fast 
vollzahlig  versammelt  und  die  Niederschrift  wird  demnachst 
beginnen.  Es  wird  ein  hartes  Stuck  Arbeit  werden. 

Dir  und  Deiner  Frau  nochmals  die  herzlichsten  Wiinsche 
und  Euch  alien  einen  frohen  Tag 

Dein  Walter 

l  Bernhard  Rang,  Sohn  von  Florens  Christian  Rang. 


Theater  und  Agon 
[Abschrift  aus  Rangs  Brief  an  W.  Benjamin  vom  28.  1.  24] 

Recht  hast  Du,  wenn  Du  iiber  den  SchluBsatz  meiner 
Aufzeichnung  „Agon  und  Theater"  schreibst:  „Diesem 
SchluBsatz  mbchte  ich  entnehmen,  daB  doch  der  SchluB  der 
Tragodie  von  einer  sicheren  Sieghaftigkeit  des  Menschheil- 
gottprinzips  irgendwie  entfernt  ist  und  daB  auch  da  eine  Art 
von  non-liquet  als  Unterton  bleibt."  Durchaus  ist  dies  meine 
Meinung.  Die  jeweils  gefundene  tragische  Lbsung  ist  zwar 
Erlosung,  aberproblematische,  imGebetpostulierte,  aber  nicht 
so  realisierte,  daB  nicht  sie  auch  wieder  einen  Zustand  setzte, 
der  neuer  Lbsung  =  Erlbsung  bediirfte.  Oder  -  in  der  Gestalt 
des  Wettlaufs  gesagt  — :  der  erreichte  Heilsgott  beendet  einen 
Akt,  aber  ist  nicht  die  Endstation  der  rennenden  Seele,  ist  ein 

335 


jeweiliges  Gnadenschicksal,  aber  nicht  die  Gewahr,  nicht  die 
Voll-Ruhe,  nicht  das  Evangelium  schlechthin;  der  Zorn,  das 
Opf  erheischen,  die  Seelenflucht  vor  dem  Geschick  kann  immer 
auch  unter  ihm  neu  einsetzen.  Daher  die  antike  Tri-  oder 
Tetralogie;  diese  stellt  Phasen  des  erlosenden  Laufs  dar. 
-  Belege  fair  die  Herleitung  der  Tragodie  aus  dem  Agon 
besitze  ich  im  Sinne  von  Literaturnotizen  keine.  Aber  auBer 
dem  Wort  (Prot)  Agonist  mache  ich  Dich  aufmerksam  auf 
den  Thespis -Wagen,  den  car  naval,  der  den  Himmels-Um- 
schwung  der  Gestirne  nachfahrt,  aber  nicht  in  der  gesetzten 
(astrologischen)  Ordnung,  sondern  (in  der  Schaltzeit)  in  ihrer 
Auflosung  so,  daB  hier  die  Ekstase  aus  der  Angst  sich  vor- 
drangen  kann;  das  freie  Wort  (dictamen)  das  Gesetz  iiber- 
heben  kann;  der  neue  Gott  (Dionysos)  die  alten  iiberwinden 
kann.  Ich  verweise  da  auf  meinen  Carneval-Aufsatz.  Die 
Tragodie  ist  der  Bruck  der  Astrologie  und  also  das  Entlauf  en 
ausdemSternlauf-Geschick.  —  Ob  unsere  archaologische,  reli- 
gionsgeschichtlicheFachwissenschaft  davon  Kenntnis  hat  und 
es  auch  aus  antiken  Worten  zu  begriinden  vermag,  dariiber 
vermag  ich  Dir  leider  gar  nichts  zu  sagen;  ich  bezweifle  es 
aber  sehr  .  .  .  Dagegen  wird  auch  Dir  bekannt  sein  (was  ja 
bzgl.  der  Pyramid  en,  der  babylonischen  Stufentempel,  der 
gotischen  Dome  von  den  Architekten  im  Einzelnen  nachge- 
wiesen  ist),  daB  die  Form  der  sakralen  Bauwerke,  im  Kultur- 
kreis  der  astrologischen  Religion  (der  ganz  Europa  umfaBt), 
die  uranische  ist:  in  irgend  einem  Sinne  eine  Abbildung  des 
Kosmos.  Des  geschlossenen  Schicksals.  Nun  liegt  neben  dem 
Circus  -  der  nichts  anderes  ist  wie  die  bauliche  Fixierung  des 
Rundlaufs  des  am  Grabe  des  Herren,  des  [?]  am  Altar,  zum 
Opfer  fur  diesen  bestimmten  Menschen,  der  [?]  von  seinem 
Opfergeschick  sich  lost,  indem  er  denselben  Gott  (Ahngott, 
Heros)  im  Umschwung  sich  zum  Heilgott  gewinnt,  der  ihm 
als  Unheil-,  als  Tod-bringender  Gott  im  Anfang  fordernd 
gegenstand,  -  ich  sage,  neben  diesem  Circus,  der  schon  im 
Kreise  der  Astrologie,  des  Schicksals,  eine  Erlosung  aner- 
kannte,  liegt  der  theatralische  Halbkreisbau,  der  aus  diesem 
Kreise  einen  Ausgang  gewahrt.  Jener  Todes-  und  Lebenslauf 
des  Opfermenschen  aber  ist  auch  schon  ein  agon:  ein  Kampf 

336 


zwischen  Entfliehenden  und  Verfolgern;  wird  es  vollends 
aber  dadurch,  daB  er  in  die  Moglichkeit  der  Freiheit  setzt, 
in  ihrer  Voraussetzung  gefuhrt  wird.  Der  im  astrologischen 
Circus  zum  Altar  Gelangte  wird  zwar  nicht  geopfert,  gehort 
aber  nun  dem  Gott  mit  seinem  Leben  als  lebenslanglich  ver- 
haftet;  der  aus  ihm  Entlaufene  -  im  Theater-Halbcircus  - 
ist  freier  Mensch.  Das  aber  ist  der  Sinn  des  griechischen 
Agon  auf  seiner  nicht-mehr-astrologischen  Stufe:  das  Sieg- 
bewuBtsein  des  Menschtums  gegen  die  hieratische  Verstar- 
rung.  Ich  fiirchte  aber,  fur  die  Entstehungsgeschichte  der 
Bauform  des  antiken  Theaters  —  des  Halbcircus  —  sind  die 
facharchitektonischen  Studien  noch  nicht  bis  in  diese  reli- 
gionswissenschaftlichen  Bereiche  gedrungen. 

Deine  Anfrage  nun  in  Deinem  heutigen  Brief  liber  den 
Zusammenhang  des  theatralischen  Dialogs,  bei  Sophokles 
und  Euripides  insbesondere,  mit  dem  attischen  Gerichtsver- 
fahren  kann  ich  leider  auch  nur  so  im  Allgemeinen  beant- 
worten,  ohne  positive  Detailkenntnisse  und  -Angaben.  Der 
antike  ProzeB  -  der  StrafprozeB  insbesondere  -  ist  Dialog, 
weil  gebaut  auf  die  Doppelrolle  von  Klager  und  Beklagtem 
(ohne  Offizialverfahren).  Er  besitzt  seinen  Chor;  teils  in  den 
Schwurgenossen  (denn  z.  B.  im  altkretischen  Recht  traten  die 
Parteien  den  Beweis  mit  „Eideshelfern"  an,  d.  h.  mit  Leu- 
mundszeugen,  die  sich  —  ursprunglich  auch  mit  Waffen  im 
Kampf ,  d.  h.  im  Ordal  —  fiir  die  Treue  und  das  Recht  ihrer 
Partei  verbiirgten);  teils  in  dem  Aufgebot  der  das  Gericht 
um  Erbarmen  anflehenden  Genossen  des  Beklagten  (vgl.  die 
Apologie  des  Sokrates  von  Plato) ;  teils  endlich  in  der  richten- 
den  Volksversammlung.  Dieser  Dialog,  der  ganze  ProzeB 
iiberhaupt,  ist  aber  ursprunglich  Waff  engang,  Rechts-^r/oZ- 
gung;  derGekrankte  ist  hinter  demKranker  mit  demSchwert 
her  (wobei  Civil-  und  Straf recht  keinen  Unterschied  macht); 
Recht  wird  Volksrecht  erst  aus  Selbsthilfe  (der  Sippe  gegen 
die  Sippe).  Das  eigentlich  Prozessierte  aber,  der  pro-cessus 
—  und  das  Recht  gegen  die  Rache  Abgrenzende  —  ist  die  Her- 
einstellung  dieses  Rechtslaufs  in  den  Lauf  der  Gestirne.  Das 
„Ding"  im  germanischen  Recht  —  dies  aber  ist  alt- arisen, 
gilt  auch  fiir  Hellas  —  kann  gehalten  werden  nur  von  Son- 

337 


nenauf-  bisUntergang;  bis  die  Sonne  untergeht,  muB  mit  der 
Verurteilung  gewartet  werden,  weil  der  Retter,  der  Streit- 
helfer,  noch  erscheinen  konnte.  Das  „echte  Ding"  fiigt  sich 
nun  audi  in  den  Mondlauf ;  halt  sich  monatlich  (ich  glaube, 
an  den  Neumonden).  Ich  bin  bzgl.  des  attisch-romischen  Pro- 
zesses  nicht  im  Einzelnen  orientiert;  aber  sicher  ist  auch  da 
der  Rechtslauf  religios  gebiindigt  durch  den  Gestirnlauf  (wo- 
bei  bestimmte  Constellationen  „feriae"  ergeben  -  Tage,  an 
denen  Gericht  nicht  zu  halten  ist,  u.  dergl.).  Aber  fur  atti- 
sches  Recht  (dem  das  romische  folgt)  ist  das  Wichtige  und 
Charakteristische  auch  hier  der  dionysische  Durchschlag,  der, 
um  mit  den  Worten  meines  Carneval-Aufsatzes  zu  sprechen, 
Triumph  der  AuBerordentlichkeit  iiber  die  Ordentlichkeit 
—  daB  namlich  das  trunkene,  das  ekstatische  Wort  die  regu- 
lare  Verzirkelung  des  Agons  durchbrechen  durfte  —  daB  die 
in  den  Formen  unterdriickte  Menschlichkeit  (ihrerseits  oft  in 
ebenso  fast  unmenschlichen  Formen)  wild  herausplatzen 
durfte  —  daB  ein  hoheres  Recht  aus  der  Uberzeugungskraft 
der  lebendigen  Rede  erwuchs,  als  aus  dem  Processus  der  mit 
Waffen  oder  in  gebundenen  Wortformeln  sich  widerstreiten- 
den  Sippen.  Das  Ordal  wird  durch  den  Logos  hier  in  Freiheit 
durchbrochen.  Dies  scheint  mir  zutiefst  die  Verwandtschaft 
zu  sein  von  GerichtsprozeB  und  Theater- Drama  in  Athen. 
Denn  auch  das  Drama  ist  die  dionysisch  verlebendigte  Myste- 
rienfeier  des  Sonnenwendlaufs.  Sophokles  und  Euripides  aber 
haben  dabei  keine  grundlegende  Bedeutung;  sie  sind  nur 
Fortbildner.  Die  Entwicklung  hebt  mit  Aeschylus  an. 


132  An  Gerhard  Scholem 

5.Marz  1924 

Lieber  Gerhard, 

es  ist  nicht  meine  Meinung,  daB  die  lange  Frist,  die  ich  dies- 
mal  bis  zur  Antwort  verstreichen  lieB,  das  ZeitmaB  unsres 
Briefwechsels  andeuten  soil.  Sie  hatte  mancherlei  Griinde, 

338 


die  zuletzt  freilich  alle  auf  den  bosen  EinfluB  dieser  Atmo- 
sphare  zuriickgehen,  von  deren  Hemmungen  mich  loszu- 
machen  immer  noch  mein  vitalstes  Vorhaben  ist.  Unmittelbar 
kommt  dazu  die  endlose  Zogerung  WeiBbachs,  von  dem  zu- 
nachst  Freiexemplare  nur  in  sparlicher  Anzahl  zu  erhalten 
waren.  Nun  ist  es  mir  schlieBlich  gelungen,  ihn  zu  einer 
Sendung  zu  veranlassen  und  Du  wirst  das  Buch,  verspatet 
aber  als  gleich  freundlich  gesinnten  Boten,  wohl  mit  diesem 
Brief  zusammen  erhalten.  Ich  will  Dir  zuerst  fur  Deinen 
letzten  danken.  Mein  andauerndes  Schweigen  hat  Dir  nicht 
verraten,  wie  auBerordentlich  er  mich  in  seiner  Unmittelbar- 
keit  der  Darstellung  gefesselt  hat.  Meine  guten  Hoffnungen 
fiir  Dich  so  sicher  bestatigt  zu  finden,  hat  mich  sehr  erfreut. 
Inzwischen  wirst  Du  sicher  Neues,  Genaueres  gleich  Mit- 
teilenswertes  um  Dich  erfahren  haben;  ich  hoffe,  daB  unsere 
Korrespondenz  ein  Tempo  finden  wird,  bei  dem  wir  uns  nicht 
um  allzuviel  Wesentliches  betriigen.  Diese  Gefahr  besteht  bei 
meinen  Mitteilungen  an  Dich  wegen  des  unsaglich  schlep  - 
penden  derhiesigenDinge  und  der  wachsenden  Schwerbliitig- 
keit  der  Menschen  weniger,  um  so  mehr  wahrscheinlich  aus 
den  entgegengesetzten  Griinden  bei  Deinen  Nachrichten  fiir 
mich.  So  kann  ich  auch  diesmal  die  paar  Vorfalle  meines 
Vierteljahr.s  in  wenigen  Worten  zusammenfassen.  Zunachst 
im  Negativen,  so  ist  meine  Frankfurter  Schrift  noch  immer 
nicht  begonnen,  obzwar  bis  unmittelbar  an  die  Abfassung 
von  langer  Hand  her  herangefiihrt.  Hier  will  sich  der  Elan, 
der  den  Ubergang  zur  eigentlichen  Niederschrift  ergibt,  nicht 
einstellen  und  ich  plane,  in  der  Hauptsache  die  Ausarbeitung 
im  Auslande  vorzunehmen.  Anfahg  April  will  ich  —  auf  Bie- 
gen  oder  Brechen  —  von  hier  fort  und  unter  der  Erleichterung 
des  Lebens  in  einer  groBen  und  freiern  Umwelt  diese  Sache 
so  weit  mir  das  gegeben  ist  etwas  von  oben  herab  und  presto 
absolvieren.  Das  wird  ermbglicht  und  andrerseits  sogar  ge- 
fordert  durch  die  exzentrische  Akribie,  mit  der  ich  die  Arbeit 
vorbereitet  habe  (ich  verfiige  allein  xiber  ca  600  Zitate,  aller- 
dings  in  bester  Ordnung  und  Ubersichtlichkeit).  Zuletzt  wird 
sie  durch  das  Tempo  ihrer  Entstehung  und  eine  relative  Iso- 
liertheit  von  friihern  Studien  von  mir,  immer  etwas  von 

339 


einertollkuhnenEskapadebehalten,welche  mirfreilich  unbe- 
dingt  die  venia  einbringen  mufi.  Sie  ist  bei  zunehmender 
Umdusterung  der  finanziellen  Situation  auch  insofern  meine 
letzte  Hoffnung,  als  ich  hoffe,  mit  der  Privatdozentur  eine 
Anleihe  aufnehmen  zu  konnen.  Aber  auch  sonst  hangt  meine 
Situation  durchaus  von  der  Frankfurter  Sache  ab.  Wie  ich 
unter  diesen  Umstanden  den  Auslandsaufenthalt  finanziere, 
steht  mir  noch  nicht  fest,  dochbin  ich  im  auBerstenFall  sogar 
zu  Opfern  aus  meiner  Bibliothek  entschlossen.  Fur  jetzt  frei- 
lich  betaube  ich  den  Schmerz  dieser  Bereitschaft  durch  hin 
und  wieder  gewagte  Anschaffungen.  So  erstand  ich  vor  einer 
halben  Stunde  mit  groBer  Freude  fur  3  Mark  den  „Enfer  de 
la  Bibliotheque  Nationale",  den  Katalog  der  sekretierten 
Biicher,  der  im  Jahre  1914  von  Guillaume  Apollinaire  und 
andern  herausgebracht  wurde.  Ich  bilde  mir  schlankweg  ein, 
daB  es  eine  Mezzie1  war.  Meine  Passion  fur  barocke  Emble- 
matik  (iiber  die,  unter  uns  gesagt,  ich  sobald  ich  frei  bin,  ein 
grofies  Bilderwerk  herausgeben  will,  aus  Griinden  des  Ver- 
dienstes,  der  dabei  betrachtlich  sein  kann)  hat  mich  auch  zu 
einer  Anschaffung  gefuhrt.  Ich  habe  jetzt  zwei  Emblemen- 
werke,  die  beide  der  hiesigen  Bibliothek  fehlen.  Im  iibrigen 
danke  ich  aber  gerade  ihr  eine  griindliche  Anschauung  von 
dieser  Literatur.  Es  ist  kein  Zweifel,  daB  zwischen  der  Illu- 
stration der  altera  Kinderbiicher  und  der  der  Emblematica 
vielfache  Beziehungen  bestehen.  [.'.  .]  -  Im  Memorandum 
iiber  die  letzten  Monate  fortzufahren,  so  ist  die  Schrift  von 
Rang  iiber  die  Reparationsfrage  erschienen.  „ Deutsche  Bau- 
hiitte.  Philosophische  Politik  Frankreich  gegeniiber."  Da- 
mit  hat  er  nun  einer  Schrift  seine  geistige  Physiognomie  zum 
ersten  Mai  weithin  erkennbareingepragt  und  dem  entspricht 
ihre  Bedeutung.  Du  wirst  sie  von  mir  gelegentlich  geschenkt 
bekommen  und  darin  auch  eine  Zuschrift  an  den  Verfasser 
von  mir  finden.  Es  ware  sehr  trostlich,  wenn  dieses  Buch  hie 
und  da  von  einem  Auslander  verstanden  werden  sollte,  aber 
deren  werden  wohl  nur  ganz  wenige  sein.  Rang  ist  im  Januar 
sechzig  Jahre  alt  geworden.  —  In  den  „Neuen  Deutschen  Bei- 
tragen"  sind  die  Teile  I  und  II  zur  Zeit  im  Satz,  und  werden, 
da  ich  schon  die  erste  Korrektur  gelesen  habe,  in  kurzer  Zeit 

340 


als  Hauptinhalt  des  nachsten  Heftes  erscheinen.  Der  dritte 
Teil  kommt  in  das  folgende.  In  schriftstellerischer  Hinsicht 
ist  dieser  Erscheinungsmodus,  als  in  der  bei  weitem  exklusiv- 
sten  der  hiesigen  Zeitschriften  fur  mich  iiberaus  wertvoll.  In 
akademischer  Hinsicht  ware  ein  anderer  vielleicht  giinstiger 
aber  nicht  ebenso  moglich  gewesen.  Was  aber  die  publizisti- 
sche  Wirkung  betrifft,  so  ist  dieser  Ort  fur  meinen  Angriff 
auf  die  Ideologic  der  Schule  von  George  geradezu  der  gege- 
bene.  Vielleicht  nur  an  dies  em  einzigen  Ort  diirfte  es  liegen, 
wenn  es  ihr  schwer  fallen  sollte,  die  Invektive  zu  ignorieren. 
Bemerkenswert  ist,  daB  Hofmannsthal  an  einer  unmiBver- 
standlichen  Bemerkung  seinen  Hauptmitarbeiter2  an  den 
„Beitragen"  [betreffend]  keinen  ausdriicklichen  AnstoB  ge- 
nommen  hat.  Er  hat  mir  in  der  Folge  noch  zwei  weitere 
Briefe  iiber  andere  Sachen  [von]  mir  geschrieben,  in  denen  er 
besonders  von  der  „Aufgabe  des  tJbersetzers"  mit  hochstem 
Beifall  spricht.  Diese  umfangreichen  Autographen  haben  mir 
vorlauflg  eine  ganz  schmale  Jahresrente  von  meinen  Eltern 
eingebracht,  mit  der  aber  unsre  Existenz  auf  keine  Weise  auf 
die  FiiBe  zu  stellen  ist.  Im  ixbrigen  beginnen  libelli  mei  sua 
fata  zu  erfahren.  Vor  kurzem  erhielt  ich  die  Nachricht,  daB 
die  gesamte  noch  vorhandene  Auflage  meiner  Dissertation  in 
Bern  verbrannt  ist.  Ich  lasse  Dir  damit  einen  unschatzbaren 
Tip  zukommen  und  anvertraue  ferner,  daB  noch  37  Exem- 
plare  auf  Lager  sind,  deren  Erwerb  Dir  eine  konigliche  Posi- 
tion auf  dem  Antiquariatsmarkt  sichern  wiirde.  SchluB  des 
redaktionellen  Teils.  —  Was  Du  von  [Hugo]  Bergmann3 
schreibst  spannt  und  interessiert  mich  aufs  auBerste.  Ich  habe 
einmal  in  Breitenstein  jemanden  kennen  gelernt,  einen  ge- 
wissen  Ingenieur  Langweil  aus  Prag,  eine  ziemlich  faden- 
scheinige  Existenz,  der  sich  als  Bergmanns  Jugendfreund 
bezeichnete.  Wie  ist  Bergmann  zu  seiner  Stellung  gelangt?  — 
Gutkinds,  deren  Vermogenslage  nicht  nur  in  aktueller  Hin- 
sicht sondern  auch  hinsichtlich  etwaiger  Aussichten  garni cht 
giinstig  sich  anzulassen  scheint,  tragen  sich  ernsthaft  mit  der 
Absicht  ihre  hiesige  Situation  zu  verlassen.  Sie  scheinen  unter 
Flattaus4  Anleitung  jetzt  nicht  nur  eifriger  sondern  vor  allem 
sachlicher  und  bescheidener  zu  lernen.  Jedenf  alls  habe  ich  den 


341 


Eindruck  daB  Flattau  mit  ihnen  nicht  unzufrieden  ist.  Aller- 
dings  widmet  er  sich  ihnen  audi  mit  einer  AusschlieBlichkeit, 
die  mir  manchmal  fiir  ihn  nicht  unbedenklich  scheint,  was 
die  Fortschritte  seiner  europaischen  Orientierungsversuche 
betrifft.  Er  wird  mir,  je  ofter  ich  ihn  sehe  desto  lieber,  —  Hier 
trifft  man  auf  Nachrichten  von  Pogromgefahren  in  RuBland, 
die  unglaublich  bedrohlich  klingen.  WeiBt  Du,  ob  etwas 
Wahres  daran  ist?  Wie  mein  Schwiegervater  mir  schrieb, 
seid  Ihr  Euch  in  einer  Gesellschaft  begegnet.  Kommen  Dir 
sonst  Menschen  vor,  die  auch  in  meinen  Gesichtskreis  hin- 
einragen,  so  freue  ich  mich,  wenn  Du  sie  mir  vorstellst. 
-  Deinem  Anteil  am  Fortschritt  meiner  Arbeit  kann  ich  im 
gegenwartigen  Stadium  derselben  mit  brieflichen  Mitteilun- 
gen  nicht  entgegenkommen.  Hochstens  daB  ich  eben  die  Dis- 
position andeute.  Anfang  und  SchluB  werden  (als  ornamen- 
tale  Randteile  gewissermaBen)  methodische  Bemerkungen  zur 
Literaturwissenschaft  bringen,  in  denen  ich  so  gut  es  geht 
mit  einem  romantischen  Begriff  von  Philologie  mich  vorstel- 
len  will.  Dann  die  drei  Kapitel:  Uber  die  Historie  im  Spiegel 
des  Trauerspiels.  Uber  den  occulten  Begriff  der  Melancholie 
im  16ten  und  17ten  Jahrhundert.  Uber  das  Wesen  der  Allego- 
rie  und  allegorischer  Kunstformen.  Die  Arbeit  wird  selbst  im 
gliicklichsten  Falle  Spuren  ihres  nicht  gewaltlosen  und  zeit- 
lich  nicht  unbeengten  Werdegangs  tragen.  Uber  ihren  Urn- 
fang  kann  ich  noch  nichts  voraussehen.  Ich  hoffe  ihn  in  ge- 
messenen  Grenzen  halten  zu  konnen.  Das  letzte  Kapitel  fxihrt 
reiBend  in  die  Sprachphilosophie  hinein,  indem  es  sich  dabei 
um  das  Verhaltnis  von  Schriftbild  zu  Sinnbestand  handelt. 
Die  Bestimmung  der  Arbeit  ebenso  wie  ihr  Entstehungs- 
rhythmus  erlaubt  mir  natiirlich  nicht,  eine  durchaus  selb- 
standige  Entfaltung  von  Gedanken  zu  dieser  Frage  zu  haben, 
die  Jahre  der  Besinnung  und  des  Studiums  erfordern  wiirde. 
Aber  historische  Theorien  dariiber  gedenke  ich  in  einer  An- 
ordnung  vorzulegen,  mit  welcher  ich  die  eigene  Uberlegung 
vorbereiten  und  andeuten  kann.  Ganz  erstaunlich  ist  in  die- 
ser Hinsicht  Johann  Wilhelm  Ritter,  der  Romantiker,  in  des- 
sen  „Fragmenten  eines  jungen  Physikers"  Du  im  Anhange 
Erorterungen  iiber  die  Sprache  findest,  deren  Tendenz  ist,  das 

342 


Schriftzeichen  als  ebenso  natiirliches  oder  offenbarungshaftes 
Element  (dies  beides  im  Gegensatz  zu:  konventionellem  Ele- 
ment) zu  statuieren  wie  von  jeher  fur  die  Sprachmystiker  das 
Wort  es  ist  und  zwar  geht  seine  Deduktion  nicht  etwa  vom 
bildhaften,  hieroglyphischen  der  Schrift  im  gewohnlichen 
Sinne  dabei  aus,  sondern  von  dem  Satze  daB  das  Schriftbild 
Bild  des  Tones  ist  und  nicht  etwa  unmittelbar  der  bezeichne- 
ten  Dinge.  Das  Buch  von  Ritter  ist  ferner  unvergleichlich 
durch  seine  Vorrede,  die  mir  ein  Licht  dariiber  aufgesteckt 
hat,  was  eigentlich  romantische  Esoterik  wirklich  ist.  Dage- 
gen  istNovalis  ein  Volksredner.  AusDeinem  Brief  eentnehme 
ich,  dafi  Du  neben  der  arabischen  Publikation5  ein  Sohar- 
lexikon  vorbereitest.  Stimmt  das?  so  ist  es  doch  wohl  eine 
Arbeit  auf  Jahre  hinaus?  -  DaB  Buber  als  Nachfolger  Rosen  - 
zweigs  das  Lektorat  fur  jiidische  Religionsphilosophie  in 
Frankfurt  erhalten  hat,  wirst  Du  naturlich  wissen.  [.  .  .] 
—  Von  Bloch  gibt  es  ein  neues  Buch,  im  Wesentlichen  fruher 
Gedrucktes  unter  dem  schonen  Karl  Mayschen  Titel  „Durch 
die  Wiiste"  zusammenfassend.  Inhaltlich  ist  dazu  nichts  zu 
sagen.  SpaBig  ist  etwa  eine  auffallend  blutige  Hinrichtung 
aller  opponierenden  Rezensenten.  Sonst  gibt  es  dies  und  das 
aus  Muri.  [.  .  .]  Aber  das  verbleibt  einem  offiziellen  Bericht. 
Dagegen  ware  hier  „aus  den  Hallen  der  Wissenschaft"  fol- 
gendes  zu  berichten.  Ein  Herr  an  der  hiesigen  Bibliothek,  den 
ich  kenne,  erzahlte  mir,  neuerliche  Angriff  e  (von  Kurt  Hilde- 
brandt)  auf  Wilamowitz  seien  auch  bei  der  Bibliothek  irgend- 
wie  aufgefallen.  Kurz  man  wollte  naheres  dariiber  erfahren 
und  schickte  den  Herrn,  meinen  Bekannten,  heriiber  zur  Uni- 
versitat,  um  sich  zu  vergewissern,  ob  wirklich,  wie  man  gehort 
hatte  diese  Invektiven  „von  einem  Sohn  des  rheinischen 
Dichters  George"  stammten! 

Mit  diesem  Untergang  des  Abendlandes  schlieBe  ich  heute. 
Je  fruher  Du  von  Dir  horen  lassen  kannst,  desto  lieber  ist  es 
mir.  Die  herzlichsten  GriiBe  und  dazu  meine  besten  Wiinsche 
fur  Eschas  Gesundheit. 

Dein  Walter 

1  Jiidisch:  billiger  Kauf. 

343 


2  Rudolf  Borchardt. 

3  Direktor  der  Jiidischen  Nationalbibliothek  in  Jerusalem,  spater  Pro- 
fessor der  Philosophie  an  der  Hebraischen  Universitat 

4  Gutkinds  Hausgenosse  und  hebraischer  Lehrer,  Dow.  F.  aus  Wilna. 

5  Das  Buch  von  der  Palme  des  Abu  Aflah  aus  Syrakus.  Ein  Text  aus 
der  arabischen  Geheimwissenschaft.  (Hannover  1927). 


133  An  Gerhard  Scholem 

Capri,  [10.  Mai  1924] 

Lieber  Gerhard, 

da  ich  nun  den  umstehend  bezeichneten  Veranstaltungen 
entronnen  bin,  trage  ich  diese  Karte  als  einzigen  Gewinn 
nach  Hause  und  will  sie  Dir  mit  einer  kleinen  Beschreibung 
dieses  Vorfalls  widmen.  Was  mich  betrifft,  so  hatte  es  der 
ganzen  Angelegenheit  nicht  bedurft,  um  mir  die  tJberzeu- 
gung  zu  verleihen,  daB  die  Philosophen  die  schlechtbezahlte- 
sten  weil  uberfliissigsten  Lakaien  der  internationalen  Bour- 
geoisie sind ;  daB  sie  aberihreSubalternitat  mit  einer derartigen 
wiirdigen  Schabigkeit  iiberall  zur  Schau  stellen,  war  mir  neu 
zu  sehen.  Sie  kamen  allesamt  in  die  Siebenhundertjahrfeier1 
der  Universitat  [Neapel]  hinein  (und  eben  merke  ich,  daB 
diese  Karte  in  ihrem  Aufdruck  nur  auf  diese  Bezug  nimmt; 
wovon  ich  rede,  ist  aber  der  damit  verbundene  internationale 
KongreB  fur  Philosophie)  und  waren,  wahrend  in  der  Uni- 
versitat der  Larm  der  aufgewxihlten  Studentenschaft  tobte, 
in  ihren  Auditorien  wo  die  Sektionen  tagten,  teilweise  vollig 
vereinsamt,  Es  gab  auch  ein  paar  Planarsitzungen.  Das  We- 
sentliche  war,  daB  kein  Philosoph  von  irgendwelchem  Ruf 
ein  Referat  ubernommen,  ja  kaum  einer  anwesend  war. 
Sogar  Benedetto  Croce,  der  fuhrende  Philosoph  Italiens, 
der  dazu  in  Neapel  Professor  ist,  hat  der  Veranstaltung 
nur  in  einer  ostentativ  wirkenden  Distanz  beigewohnt. 
Die  Vortrage,  die  scheinbar  hochstens  eine  halbe  Stunde 
dauern  durften,  waren  durchweg  auf  einer  ganz  tiefen  Stufe 
der  Popularitat,  soweit  ich  sie  horte.  Nirgends  schien  es  sich 

344 


um  Mitteilungen  zu  handeln,  die  an  Forscher  gerichtet  waren. 
So  fiel  die  ganze  Unternehmung  sehr  bald  in  die  Hande  von 
Cooks  Reisebiiro,  das  die  Fremden  auf  zahllosen  „ErmaBi- 
gungstouren"  durchs  Land  kreuz  und  quer  beforderte.  Vom 
zweiten  Tage  an  lieB  ich  den  KongreB  seine  Wege  gehen, 
und  fuhr  auf  den  Vesuv,  sah  dann  am  Nachmittag  im  ge- 
schmacklosen  aber  sehr  farbigen  Treiben  einer  studentischen 
Feier  Pompeji  und  bin  gestern  in  dem  groBartigen  National- 
museum  von  Pompeji 2  gewesen.  Die  Stadt  nach  dem  Rhyth- 
mus  ihres  Lebens  iiberwaltigte  mich  auch  diesmal  wieder. 

Aller  Wahrscheinlichkeit  nach  werde  ich  versuchen,  meinen 
hiesigen  Aufenthalt  langer  auszudehnen  als  ich  urspriinglich 
zu  tun  gedacht  hatte.  Ich  richte  mich  darauf  ein,  die  Nieder- 
schrift  meiner  Arbeit  hier  zu  beginnen.  Gutkinds  werden 
wohl  nicht  mehr  allzu  lange  bleiben.  Auch  fiir  mich  stellt 
der  fernere  Aufenthalt  ein  okonomisches  Problem,  da  dies 
aber  mit  ein  em  zu  Hause  gleichermaBen  der  Fall  ware  und 
ich  zum  wenigsten  hier  billiger  lebe,  so  will  ich  es  lieber  hier 
mit  dergleichen  Schwierigkeiten  aufnehmen.  Ich  bitte  Dich, 
vorlaufig,  und  zwar  moglichst  bald,  mir  an  die  umstehend 
bezeichnete  Adresse  zu  schreiben.  —  Meine  nun  verbrannte 
Dissertation  scheint  nun  ihren  Weg  zu  machen:  in  einer 
Schrift  iiber  „Neuere  Stromungen  der  Literaturwissen- 
schaft"  3  —  ist  sie  ausfiihrlich  besprochen,  in  einer  hollandi- 
schen  Zeitschrift  soil  sie  ausgezeichnet  rezensiert  sein4.  [...]. 

Von  Deinem  letzten  Rriefe  habe  ich  sehr  viel  gehabt, 
neb  en  der  groBen  Freude  ihn  zu  lesen.  Jeder  folgende  ist  sehr 
erbeten.  Mit  ihm  selbstverstandlich  auch  alle  Schriften,  Son- 
derdrucke  etc.,  ob  sie  fiir  mich  Reklame  machen  oder  nicht. 
Die  Rangsche  Schrift  diirfte  Dir  bereits  in  den  nach st en 
Tagen  zugehen.  Von  Deinem  letzten  Brief  stelle  ich  Dir  hier- 
mit  folgenden  Satz  bestens  zuriick:  „Ferner  gedenke  ich  im 
„Juden"  eine  Notiz  iiber  Ubersetzung  hebraischer  Gedichte 
(polemisch)  erscheinen  zu  lassen,  die  die  antizionistische  Per- 
spektive  des  Meuchelmords  an  der  hebraischen  Dichtung 
unter  geschichtsphilosophischen  Ideologien  (mit  Bezug  auf 
Rosenzweig  u.  a.5)  aufdecken  soil."  Diesen  Satz  erbitte  ich 
freundlichst  in  etwas  groBerem  Format  zuriick.  Andernfalls 

345 


erwage  ich,  dich  humboldtischer  oder  aber  Witwe  Boldtischer 
Haltung  zu  bezichtigen.  Letzteres  konnte  Dir  in  Muri 
Schwierigkeiten  zuziehen. 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen  an  Dich  und  Escha 

Dein  Walter 

1  Vgl.  Schriften  II,  S.  77. 

2  Lies:  Neapel. 

3  Wohl  ein  Irrtum  von  W.  B. 

4  H.  Sparnaay  im  „Neophilologus",  Jg.  IX,  S,  101  f. 

5  Bezog  sich  auf  R.s  Ubersetzungen  von  Hymnen  des  Jehuda  Halevi, 
die  damals  erschienen. 


134  An  Gerhard  Scholem 

Capri,  13.  Juni  1924 

Lieber  Gerhard, 

es  ist  nun  wieder  mal  soweit,  daB  ich  einen  Brief  an  Dich 
fabrizieren  kann.  Als  Vorwand  dient  mir,  daB  ich  Dich  um 
die  Ubersendung  von  Teil  III  der  Wahlverwandtschaften- 
arbeit  an  meine  hiesige  Adresse  bitten  muB.  Ich  brauche 
namlich  einen  Vorwand.  Soviel  hatte  ich  zu  tun,  daB  ich 
mir  die  Zeit  zum  Brief schreib en  kaum  nehmen  diirfte.  Wenn 
ich  nur  soviel  tun  konnte!  Die  Arbeit  an  der  Habilitations- 
schrift  wird  mir  hart.  Der  Grunde  sind  mehrere.  Der  erste 
ist  wohl  der,  daB  einerseits  unter  zeitlicher  Pression  zu  arbei- 
ten  unter  alien  Umstanden  miBlich  ist,  andererseits  ich  immer 
mehr  zu  einer  weitausholenden  Langsamkeit  im  Bedenken  und 
Darstellen  neige.  Wie  denn  Gegenstande,  die  eine  solche 
Haltung  erfordern,  also  philosophische  mir  zunehmend  wich- 
tig  werden.  Hier  liegt  eine  weitere  Hemmung.  Meine  philo- 
sophischen  Gedanken,  insbesondere  die  erkenntnistheoreti- 
schen  in  dieser  Arbeit,  die  eine  halbwegs  polierte  Fassade 
zeigen  muB,1  ist  schwierig.  Es  wird  im  Verlaufe  der  Dar- 
stellung,  wo  die  Sache  und  philosophische  Perspektive  nahe 

346 


zusammenriicken,  leichter  werden;  fiir  die  Einleitung,  die 
ich  gegenwartig  verfasse  und  in  der  ich  meine  eigensten 
Hintergedanken  andeuten  muB  ohne  mich  doch  ganz  in  die 
thematische  Beschrankung  dabei  verbergen  zu  konnen  [sic], 
bleibt  es  miBlich.  Do  wirst  darin  seit  der  Arbeit  liber  „Sprache 
iiberhaupt  und  iiber  die  Sprache  des  Menschen"  zum  ersten 
Male  wieder  so  etwas  wie  einen  erkenntnistheoretischen  Ver- 
such  finden,  den  nur  leider  die  Hast,  in  der  er  fixiert  werden 
muB,  in  manchem  als  verfrtiht  kennzeichnet,  da  seine  ruhige 
Ausarbeitung  erst  in  Jahren  oder  Jahrzehnten  ihn  reifen 
konnte.  Was  den  Rest  anlangt,  so  hoffe  ich  nur  das  Eine,  ihn 
so  robust  anfassen  zu  konnen,  daB  die  Abfassung  vor  Ablauf 
des  Termins,  der  mir  im  Grunde  reichlich  bemessen  ist,  ge- 
schehen  ist.  Alles  in  allem  wiederholen  sich  nun  bei  der  Ab- 
fassung dieselben  Beklemmungen,  wie  sie  seinerzeit  die  Fest- 
legung  des  Plans  in  mir  ausloste,  bei  der  ich  mit  Recht  davon 
ausging,  einen  KompromiB  der  mir  wesentlichen  Darstellung 
mit  dem  Zweck  der  Arbeit  eingehen  zu  miissen.  DaB  solche 
Beklemmungen  dann  die  Damonen  der  Faulheit  aufrufen, 
wird  Dich  nicht  wunder  nehmen.  Und  endlich  lassen  die 
groBartigen  Aspekte  des  Lebens  hier  ebenso  wie  seine  kleinen 
an  sich  sehr  nebensachlichen  Widerstande  gelegentlich  das 
Tempo  stocken. 

[. . .] 

Diesen  Brief  habe  ich  gestern  im  Cafe  begonnen,  wo  ich 
in  der  Nachbarschaft  von  Melchior  Lechter  saB,  den  ich  vor 
einigen  Tagen  hier  kennen  lernte.  Ein  freundlicher  sehr 
soignierter  alter  Herr  mit  einem  runden  roten  Kindergesicht. 
Er  geht  an  Kriicken.  Mit  der  Zeit,  zumal  seit  Gutkinds  Ab- 
reise,  lerne  ich  in  dem  Scheffel-Cafe  Hidigeigei  (an  dem 
auBer  dem  Namen  nichts  unangenehm  ist)  einen  um  den 
andern  kennen.  In  den  meisten  Fallen  mit  wenig  Gewinn; 
es  sind  kaum  b'emerkenswerte  Leute  hier.  Eine  bolschewisti- 
sche  Lettin2  aus  Riga,  die  am  Theater  spielt  und  Regie  fiihrt, 
eine  Christin,  ist  am  meisten  bemerkenswert.  Das  bringt 
mich  darauf ,  Dich  zu  fragen,  ob  Du  dort  Leute  sprichst,  wel- 
che  die  Freundin  von  Flatau  kennen,  die  hier  nach  unend- 
lichen  Verwicklungen  eines  Tages  eintraf ,  in  den  Umstanden 

347 


ihres  Kommens  und  ihres  Wesens  eine  Katastrophe  von  sol- 
dier Wucht  ausloste,  daB  fiir  Gutkind  der  Rest  der  Reise 
unter  ihren  Auswirkungen  stand,  und  sehr  schnell  wieder 
verschwand,  urn  dann  niemanden,  auch  Flatau  nicht,  etwas 
von  sich  horen  zu  lassen.  Der  Vorgang  war  unbedingt  denk- 
wiirdig.  Auf  mich  hat  das  Madchen  eine  heftigen  Eindruck 
gemacht.  Sie  heiBt  Chawa  Gelblum  und  ist  zur  Zeit  vielleicht 
in  Kowno.  Denkwiirdig  war  im  ganzen  der  Verlauf  von  Gut- 
kinds  Reise  uberhaupt,  dem  eine  ausgesprochen  ungliickliche 
Tendenz  eigen  war.  Sind  sie  doch  auf  der  Riickfahrt,  fiir  die 
sie  die  Route  ihres  Riickreisebillets  sich  hatten  umschreiben 
lassen,  bei  Bologna  in  ein  Eisenbahnungluck  gekommen,  bei 
dem  zwar  niemand  getotet  wurde  aber  Erich  verwundet,  und 
zwar  gerade  am  Knie,  an  dem  er  ohnedies  seit  langerer  Zeit 
leidend  ist.  Ich  denke,  sie  sind  jetzt  in  Griinau.  Seit  Bologna 
habe  ich  keine  Nachricht.  -  Seit  vielen  Wochen  ist  [Adolf 
von]  Hatzfeld  (derjenige,  dessen  Gedichte  ich  bei  Dir  sah) 
hier. 

Heute  ist  es  der  dritte  Tag,  daB  ich  an  diesem  Brief  schreibe. 
Ich  habe  mit  der  Bolschewistin  bis  halb  ein  Uhr  gesprochen 
und  dann  bis  halb  fiinf  gearbeitet.  Jetzt  sitze  ich  vormittags 
unter  bedecktem  Himmel  bei  Seewind  auf  meinem  Balkon, 
einem  der  hochsten  von  ganz  Capri,  von  dem  man  weit  iiber 
den  Ort  und  auf  das  Meer  hinaussieht.  Es  ist  iibrigens  ein 
auffallend  sich  Wiederholendes,  daB  Menschen,  die  fiir  ganz 
kurze  Zeit  herkommen,  nicht  zum  EntschluB  der  Abreise 
kommen.  Der  groBartigste  und  alteste  Vorgang  der  Art  hat 
sich  mit  Tiberius  abgespielt,  der  dreimal  die  begonnene  Reise 
nach  Rom  aufgab,  um  wieder  zurxickzukehren.  Von  Wetter, 
das  bitte  ich  Dich  auch  Escha  auszurichten,  kann  hier  eben- 
falls  kaum  die  Rede  sein.  Regen  ist,  seit  ich  hier  bin,  aller- 
hochstens  vier  mal  auf  sehr  kurze  Zeit  gefallen.  -  Seit  kur- 
zem  habe  ich  wieder  ein  wenig  Geld  und  werde,  wenn  ich  mir 
ein  leidliches  Gewissen  erarbeitet  habe,  nach  Neapel  her- 
iiberfahren  -  vielleicht  auch  bis  Paestum  kommen. 

Einen  Palastinafuhrer  will  ich  mir  bei  nachster  Gelegen- 
heit  mit  Vergmigen  durchsehen.  So  lange  aber  fiirchte  nicht, 
unverstandlich  in  Deinen  Brief  en  zu  sein.  Was  sich  im  Augen- 

348 


blick  des  Empf  angs  mir  nicht  erschlieBt,wird  spater  unddesto 
nachhaltiger  begriffen.  tJber  Safed  bist  Du  sehr  kurz.  Dort  ist 
doch  wohl  jetzt  noch  eine  Schule  der  Kabbala?  Uber  die  un- 
glaublichenTypen,  die  Du,  Deinen  lebendigen  Schilderungen 
nach  zu  schlieBen,  dort  in  ansehnlicher  Zahl  vorfindest  denke 
ich  mir  allerlei  —  vor  allem,  daB  es  doch  audi  in  Palastina 
vielerorts  sehr  menschlich  und  weniger  jiidisch  zugeht,  als 
ein  Unkundiger  es  sich  ausmalt.  Urn  Dich  im  iibrigen  zu  ent- 
schlpssenerer  Mitteilung  anzueifern,  folgt  hier  ein  Bericht 
aus  dem  kiirzlich  meinerseits  inspizierten  geistigen  Zentrum, 
namlich  Muri.  (Wo  ich  iibrigens  sehr  bedauerte,  Dir  nicht 
zu  begegnen).  Eine  Anzahl  interessanterErwerbungen  bringt 
das  Accessionsverzeichnis  der  Bibliothek:  Schriften  des  Ver- 
eins  fiir  Berufsberatung  Bd.  I  Der  deutsche  Ehrendoktor  in 
Wort  und  Bild.  -  Elisabeth  Fbrster-Nietzsche  Bd.  VI:  Be- 
stattung  und  Grabpflege  —  Dietrich  Schafer:  Die  Deutsche 
Frage:  Chammer3  oder  AmboB?  —  Der  perfekte  Hohenzoller, 
Alphabetisch  in  2  Bandchen  I  Abdankung  bis  Krakehl  II 
Lammergeier  bis  Zivilliste  —  Ludwig  Ganghofer:  Feldrabbi- 
ner  und  Waldteufel  (Gesammelte  Novellen).  Abteilung  Dis- 
.  sertationen:  Prolegomena  zu  einer  Theorie  der  Gesichts- 
punkte  -  Neues  aus  der  Friihzeit  von  Frieda  Schanz  —  Die 
Kirchenmaus  seit  Luther.  -  Dogmengeschichtliches  Seminar: 
A.  von  Harnack:  Das  Osterei.  Seine  Vorziige  und  seine  Ge- 
fahren.  -  Kennst  Du  eigentlich  die  „Vorschriften  fiir  die 
Verhandlungen  der  Akademie"  ? 

Gestern  habe  ich,  hore  und  staune,  die  Action  Francaise, 
das  Blatt  der  Royalisten,  welches  von  Leon  Daudet  und  —  vor 
allem  —  Charles  Maurras  geleitet  wird,  und  hervorragend 
geschrieben  ist,  abboniert.  So  grenzenlos  bruchig  die-Funda- 
mente  ihrer  Politik  sicherlich  in  Vielem  und  Wesentlichem 
sind,  so  scheint  mir  ihre  Blickrichtung  schlieBlich  die  einzige, 
von  der  aus  man  die  Details  der  deutschen  Politik  betrachten 
kann,  ohne  zu  verdummen.  DaB  ich  eine  so  iiberflussige  Be- 
trachtung  iiberhaupt  in  Frage  ziehe  hangt  mit  meiner  Arbeits- 
okonomie  zusammen,  der  die  heftige  Zerstreuung,  welche  die 
Lektiire  dieses  Journals  mit  sich  bringt,  zu  gute  kommt.  Ich 

349 


verbringe  hier  regelmaBig  am  Nachmittag  einige  Stunden 
im  Cafe. 

Den  herzlichsten  Dank  Dir  und  Escha  fur  die  Photogra- 
phien.  Ich  habe  mich  sehr  mit  ihnen  gefreut.  Wahrend  ich 
Dir  mit  Beziehung  auf  die  Entmenschtheit  Deines  Ausdrucks 
auf  dem  Biicher -Bilde  voll  und  ganz  beizupflichten  in  der 
Lage  bin,  ist  mir  dies  hinsichtlich  der  weiteren  Erorterungen, 
denen  Du  Dich  bei  dieser  Gelegenheit  iiber  meine  Bibliothek 
hingibst  leider  unmoglich.  So  sehr  es  sie  ehrt,  Deine  uninter- 
essierte  Habgier  zu  erwecken  4  —  wenn  es  mir  iiberhaupt  mog- 
lich  sein  sollte,  sie  zu  halten  (vor  der  Reise  hierher  habe  ich 
bereits  einige  gute  Stiicke  verkaufen  miissen  —  keine  wichti- 
gen),  was  von  Vielem  abhangt  und  doch  leider  gar  nicht  aus- 
gemacht  ist,  ja  oft  daran  mir  unmoglich  zu  scheinen,  so  miiBte 
doch  Stefan  schon  die  krausesten  Wege  des  Gemiites  ein- 
schlagen  hinsichtlich  der  Biicher,  wenn  ich  nicht  sehr  gliick- 
lich  sein  sollte,  sie  ihm  als  erhebliches  Epitaph  meiner  Person 
zu  hinterlassen.  —  Die  schlecht  verhohlene  Larmoyanz  dieser 
Betrachtung  wird  Dich  von  weiteren  Raubversuchen,  wie  ich 
hoffe,  abschrecken. 

Zum  SchluB:  im  Marzheft  des  Neuen  Merkur  hat  Bloch 
„Geschichte  und  KlassenbewuBtsein"  von  Lukacs  besprochen. 
Die  Besprechung  scheint  bei  weitem  das  Beste,  was  er  seit 
langem  gemacht  hat  und  das  Buch  selbst  sehr,  besonders  mir 
sehr  wichtig.  Jetztkann  ich  es  naturlich  nicht  lesen.  -Gestern 
sagte  man  mir,  er  habe  sein  Haus  auf  ein  Jahr  sehr  gut  ver- 
mietet  und  gehe  auf  weite  Reisen.  -  Noch  einmal  bitte  ich 
um  Teil  III  der  Wahlverwandtschaftsarbeit,  eingeschrieben. 

Die  Lange  dieses  Briefes  wendet  sich,  wie  ich  hoffe,  an 
keinen  Unwurdigen.  Dies  wird  Deine  Antwort  entscheiden. 

Viel  herzliche  GruBe  an  Dich  und  Escha  . 

Dein  Walter 

1  Hier  fehlt  etwas,  etwa:  zu  formulieren. 

2  Asja  Lacis. 

3  Jiidisch:  Esel. 

4  Scholem  hatte  gefragt,  ob  er  seine  Biicher  nicht  „nach  120  Jahren" 
der  Jerusalemer  BiLliothek  hinterlassen  wiirde. 


350 


135  An  Gerhard  S cholera 

7.  VII.  24 

Lieber  Gerhard, 

es  scheint,  Du  hast  -  aus  irgendwelchen  sagenhaften  Kom- 
plexen  oder  Atavismeri  heraus  -  Dich  entschlossen,  unsern 
neugeborenen  Briefwechsel  trotz  besten  Gedeihens  in  die 
Papiergebirge  Deiner  vernachlassigten  Korrespondenzen  aus- 
zusetzen.  Aber  selbst  die  naheliegende  Erklarung  aus  dem 
Mythos  versagt,  wenn  ich  mich  frage,  warum  ich  das  Ms.  von 
Teil  III  Wahlverwandtschaften  nicht  bekommen  habe.  1st  es 
noch  nicht  abgegangen,  so  halte  es  zunick:  ich  brauche  es 
zur  Zeit  nicht. 

Hierselbst  ist  allerlei  vorgegangen,  das  zwischen  uns  nur 
auf  einer  palastinensischen  Reise  von  mir  oder  einer,  viel- 
leicht  legitimiertern,  capreser  Reise  von  Deiner  Seite  kom- 
munizierbar  wiirde.  Vorgegangen,  nicht  zum  besten  meiner 
bedrohlich  unterbrochenen  Arbeit,  nicht  zum  besten  vielleicht 
auch  einer  fur  jede  Arbeit  so  unerlaB  lichen  biirgerlichen 
Lebensrhythmik,  unbedingt  zum  besten  einer  vitalen  Be- 
freiung  und  einer  intensiven  Einsicht  in  die  Aktualitat  eines 
radikalen  Kommunismus.  Ich  machte  die  Bekanntschaft  einer 
russischen  Revolutionarin  aus  Riga,  einer  der  hervorragend- 
sten  Frauen,  die  ich  kennen  gelernt  habe. 

Im  iibrigen  habe  ich  auch  einiges  MiBgeschick  gehabt,  das 
freilich  leicht  wiegt  gegen  die  Krafte,  die  aus  einem  drei- 
monatlichen  Aufenthalt  auf  diesem  Boden  mit  zunehmender 
Macht  in  mir  sich  sammeln.  Dauer  des  Bleibens  ist  hier  von 
absoluter  Wichtigkeit.  Erstens  lebte  ich  drei  Wochen,  bis 
gestern,  in  einer  so  katastrophalen  Geldklemme,  daB  eine 
ahnliche  Lage  in  Deutschland  an  den  Rand  des  Ertraglichen 
gegangen  ware.  Hier  macht  durch  die  Hilfsbereitschaft  der 
Leute  und  die  Gnade  des  Klimas  sich  vieles  leicht.  Dann  hat 
die  Frankfurter  Zeitung  Anfang  Juni  an  sichtbarster  Stelle 
—  ausgerechnet  im  Sonntag-Morgen  Feuilleton  —  von  Stefan 
Zweig  eine  sehr  schlechte  Kritik  meines  Baudelaire  gebracht. 
Sobald  ich  erfahren  hatte,  daB  das  Buch  durch  eine  redaktio- 


351 


nelle  Intrige  dem  vorbestimmten  Referenten  entrissen  und 
gerade  an  den  Zweig  gegangen  war,  der  die  drittschlechteste 
deutsche  Baudelaire -Ubersetzung  vor  15  Jahren  veroffent- 
licht  hatte,  habe  ich  alles  kommen  sehen,  ohne  eingreifen  zu 
konnen.  Die  Rezension  ist  sichtlich  mesquin  —  aber.  .  .  .  : 
Das  Vorwort  ist  mit  folgender  Klammer  erledigt:  .  .  .  „Uber- 
setzung  (deren  Schwierigkeiten  sich  der  Verfasser,  wie 
das  Vorwort  zeigt,  bewuBt  war)."  Verantwortlich  ist  zuletzt 
der  wohlgesinnte,  unbetamte,  groBschnauzige  Siegfried 
namens  Kracauer.  Er  macht  sich  in  Anlehnung  an  seinen 
politischen  Kollegen  iiberm  Strich  zur  Leistung  von  Repara- 
tionen,  die  er  nicht  aufbringen  kann,  erbbtig.  -  Dr.  Ernst 
Simon,  Heidelberg,  Gaisberg  Str.  27 lv  hat  meiner  Bitte  um 
den  Jona l  mit  einer  Karte  entsprochen,  welche  die  Obersen- 
dung  ankiindigt.  Doch  ist  das  Manuscript  mir  bisher  (nach 
drei  Monaten)  nicht  zugekommen.  Konntest  Du  ihn  auf- 
fordern,  es  in  den  Grunewald  zu  senden?  Bitte! 

Wielange  ich  noch  hier  bleibe,  wohin  ich  eventuell  sonst 
gehe,  ist  unbestimmt.  Seit  gestern  habe  ich  ein  neues  Zim- 
mer,  von  einer  Beschaif  enheit,  wie  ich  es  zum  Arbeiten  wohl 
noch  nie  gehabt  habe:  mit  allem  monchischen  Raffinement 
der  Raumproportionen  und  einem  Blick  tief  in  den  schonsten 
Garten  von  Capri,  der  mir  zur  Verfugung  steht.  Ein  Zimmer, 
in  welchem  sich  zu  Bett  zu  iegen  unnatiirlich  scheint  und 
fur  das  die  arbeitsame  Nacht  selbstverstandlich  ist.  Dazu  bin 
ich  -  mindestens  seit  langem,  ich  glaube  iiberhaupt  -  der 
erste,  der  es  bewohnt.  Es  war  Rumpelkammer  oder  Wasch- 
raum.  GeweiBte  Wande,  an  denen  kein  Bild  hangt  und  die 
so  bleiben. 

Deine  Meinung  von  den  Muri-Sachen,  die  ich  Dir  schrieb? 
Dir  und  Escha  die  herzlichsten  GruBe.  Hoflentlich  geht  es 
Euch  gut  und  macht  Ihr  weiter  die  belangreichsten  Erfah- 
rungen  im  Lande. 

Dein  Walter 

1  Eine  (ungedruckte)  Arbeit  Scholems  iiber  das  biblische  Buch  Jona. 


352 


136  An  Gerhard  S cholera 

Capri,  16.  September  1924 

Lieber  Gerhard, 

zum  Abfassungstermine  der  folgenden  Nachrichten  riickt  - 
nach  so  langem  Schweigen  —  ein  Haupt-  und  Staatstag  auf, 
da  heute  mittag  Mussolini  diese  Insel  betreten  hat.  Es  gab 
allerlei  festliche  Stallage,  die  iiber  die  Kalte  der  Bevolkerung 
nicht  zu  tauschen  vermochte.  Man  wundert  sich,  daB  der 
Mann  nach  Sizilien  kommt— wozu  er  wohl  dringende  Griinde 
haben  muB  —  und  erzahlt  sich,  daB  er  von  6000  Geheim- 
agenten  in  Neapel  umgeben  sei,  die  ihn  zu  schiitzen  hatten. 
Er  sieht  anders  aus  als  der  Herzensbrecher,  den  die  Ansichts- 
karten  zeigen:  unlauter,  trage  und  von  einem  Hochmut,  als 
sei  er  mit  ranzigem  Ol  reichlich  gesalbt.  Sein  Korper  ist 
plump  und  unartikuliert  wie  die  Faust  eines  dicken  Kramers. 
LaB  mich  zum  Eingang  auch  sonst  die  Caprenser  Chronik 
machen.  Es  ist,  seit  ich  nicht  schrieb,  die  Zeit  ins  Land  ge- 
gangen,  [als]  es  hier  voll  larmender  Neapolitaner  war,  mit 
ihren  Kindern  und  unvorstellbar  bunt  und  haBlich  beklei- 
deten  Frauen;  einige  Agypter,  die  friiher  zahlreich  zur  Bade- 
saison  eintrafen,  waren  auch  hier.  Und  nun  ist  wie  im  Friih- 
ling  die  schlammige  germanische  Welle  eingebrochen  und 
hat  als  einen  der  ersten  (und  mir  willkommenen)  Ernst  und 
Linda  Bloch  hierher  verschlagen.  Abgereist,  urn  Spanien, 
dann  Tunis  und  orientalische  Gegenden  zu  bereisen  —  und 
wer  weiB  ob  er  nicht  auch  Palastina  gesucht  hatte  um  die  von 
Dir  gefurchteten  Bapports  von  dort  zu  bringen  —  haben  die 
Fahrpreise  der  mittellandischen  Schiffahrtsgesellschaften  ihn 
zu  sachterm  Vorgehen  genotigt.  [. . .]  Mir  dreht  er  hier  nach 
langer  Zeit  wieder  eine  freundlichere,  ja  geradezu  strahlende 
und  tugendhaftere  Seite  zu  und  seine  Gesprache  sind  mir 
manchmal  sehr  nutzbringend.  [. . .]  Unvergleichlich  ist  er 
noch  irruner  als  Erzahler,  wenn  ich  das  schliipfrige  Gebiet  der 
judischen  Witze  ausnehme  und  bedenke,  daB  er  sich  mehr 
denn  je  an  die  Komik  des  Miinchners  Valentin  halt.  [. . .] 
Natiirlich  bestehen  die  Gefahren  fur  meine  Arbeit,  denen 

353 


Dein  Alarmsignal  gilt.  Und  wahrend  noch  vor  wenigen  Ta- 
gen  ich  sie  fiir  beschworen  hielt  und  eine  Woche  lang  fast 
wolkenlose  Tage  hier  genoB,  hat  es  sich  mit  einer  neuen 
Wendung  wieder  um  mich  verdunkelt.  Aber  mein  bewuBter 
Wille,  dessen  Zahigkeit  auch  in  dieser  Sache  erheblich  1st, 
wird  um  keinen  Preis  ablassen  und  hat  nicht  abgelassen.  So 
sind  in  diesen  Monaten,  die  nicht  immer  leicht  waren,  be- 
endet  worden  die  Erkenntnistheoretische  Einleitung  der  Ar- 
beit, das  erste  Kapitel:  der  Konig  im  Trauerspiel,  nahezu 
auch  das  zweite :  Trauerspiel  und  Tragodie,  so  daB  zu  schrei- 
ben  bleibt  noch  das  dritte:  Theorie  der  Allegorie  und  ein 
SchluB.  Die  Arbeit  wird  demgemaB  zum  urspriinglichen 
Termin  (1.  November)  nicht  fertig,  doch  hoffe  ich,  daB  eine 
Ablieferung  um  Weihnachten,  wo  die  akademisch  diploma  - 
tische  Situation  allerdings  etwas  anders  liegen  kann,  den 
Erfolg  nicht  ernsthaft  gefahrdet.  Was  den  Wert  der  Arbeit 
angeht,  so  erlaubt  erst  die  schattigere  Ausarbeit[ung]  einer 
Reinschrift  sowohl  ihre  Zxige  reiner  auszuarbeiten  als  auch 
zu  einem  eigenen  Urteil  zu  kommen.  DaB  sie  von  vorn  bis 
hinten  voll  der  iiberraschendsten  Lichter  auf  den  Gegenstand 
steckt,  darin  bestatigte  mich  die  Durchsicht  des  neuen  Buches, 
welches  das  Thema  beruhrt:  Deutsche  Barockdichtung  von 
einem  angehendenWienerDozentennamens  [Herbert]  Cysarz. 
Es  ist  weder  in  der  Dokumentation  noch  in  den  einzelnen  Per- 
spektiven  verfehlt  und  unterliegt  im  ganzen  doch  vollstandig 
der  vertiginosen  Attraktion  den  dieser  Stoff  auf  den,  der  sich 
beschreibend  vor  ihm  aufpflanzt,  ausiibt,  so  daB  statt  einer 
Erhellung  des  Gegenstandes  nur  wieder  ein  Stuck chen  Nach- 
barock  (mit  einem  r!)  herauskommt;  oder:  ein  Versuch  dem 
verkommenen  Lummel  des  expressionistischen  Reporterstils 
mit  dem  Kamme  der  exakten  Wissenschaften  einen  Scheitel 
zu  ziehen!  Es  ist  fiir  den  Stil  des  Barock  ganz  kennzeichnend, 
daB,  wer  einmal  wahrend  seiner  Inspektion  aus  dem  an- 
gestrengten  Denken  herausfallt,  sofort  seiner  hysterischen 
Nachaffung  verfallen  ist.  Der  Kerl  ist  manchmal  sehr  gluck- 
lich  in  seinen  Beiwortern  und  darin  muB  ich  von  ihm  lernen. 
Mir  fehlen  noch  einige  Mottos  wahrend  andere,  herrliche, 
in  Bereitschaft  liegen. 

354 


In  aller  Form  suche  ich  bei  Dir  nach,  das  Eingehen  auf 
die  hiermit  konkurrierende  Problemstellung  des  aktuellen 
Kommunismus  vertagen  zu  diirfen.  Denn  weder  ist  das  Sach- 
liche  spruchreif,  noch  das  Personlich-Motivische  reif  zur 
Ubermittelung.  Vielleicht,  wahrscheinlich,  schrieb  ich  Dir, 
daB  hier  mehrere  Hinweise  sich  zusammenfanden:  zu  einem 
privater  Art  trat  der  auf  das  Buch  von  Lukacs,  der  mich 
darin  f  rappierte,  daB  Lukacs  von  politischen  Erwagungen  aus 
in  der  Erkenntnistheorie,  mindestens  teilweise,  und  vielleicht 
nicht  ganz  so  weitgehend,  wie  ich  zuerst  annahm,  zu  Satzen 
kommt,  die  mir  sehr  vertraut  oder  bestatigend  sind  [...]  Im 
Bereich  des  Kommunismus  scheint  mir  das  Problem  „Theorie 
und  Praxis"  so  zu  liegen,  daB  bei  aller,  diesen  beiden  Bezir- 
ken  zu  wahrenden  Disparatheit  eine  definitive  Einsicht  in 
die  Theorie  an  Praxis  gerade  hier  gebunden  ist.  Zum  wenig- 
sten  ist  es  mir  einsichtig,  wie  bei  Lukacs  diese  Behauptung 
einen  harten  philosophischen  Kern  hat  und  alles  andere  als 
burgerlich-demagogische  Phrase  ist.  Da  nun  diese  harteste 
Vorbedingung  mir  zur  Zeit  nicht  erfiillbar  ist,  so  bleibt  auch 
das  Sachliche  teilweise  vertagt.  Aber  doch  wohl  nur  vertagt. 
Sobald  es  geht  will  ich  iibrigens  Lukacs'  Buch  studieren  und 
ich  miiBte  mich  tauschen,  wenn  nicht  in  der  gegnerischen 
Auseinandersetzung  mit  den  hegelschen  Begriffen  und  Be- 
hauptungen  der  Dialektik  gegen  den  Kommunismus  die 
Fundamente  meines  Nihilismus  sich  manifestieren  wiirden. 
Aber  das  hindert  nicht,  daB  seit  meinem  Aufenthalt  hier  die 
politische  Praxis  des  Kommunismus  (nicht  als  theoretisches 
Problem  sondern  zunachst  als  verbindliche  Haltung)  mir  in 
einem  andern  Licht  steht,  als  je  vorher.  DaB  Vieles  von  dem, 
was  ich  mir  in  meinen  bisherigen  diesbeziiglichen  Uber- 
legungen  ertastet  hatte,  bei  denen,  mit  welchen  ich  davon 
sprach  —  unter  welchen  eine  hervorragende  Kommunistin,  die 
seit  der  Dumarevolution  in  der  Partei  arbeitet,  war  —  auf  ein 
sehr  iiberraschendes  Interesse  stieB,  meine  ich  Dir  geschrie- 
ben  zu  haben.  Ebenso,  daB  die  (inzwischen  hie  und  da  er- 
weiterte)  „Beschreibende  Analysis  des  Deutschen  Verfalls"  ! 
im  Winter  in  der  „Boten  Garde"  in  Moskau  erscheinen  soil. 
Sobald  ich  mich  ernsthaft  zu  Uberlegungen  wenden  kann, 

355 


deren  Tendenz  meine  letzte  Karte  windschief  und  diese  Zei- 
len  sehr  bruchstiickhaft  geben,  wirst  Du  es  wissen.  Aber  Zeit 
wird  darliber  hingehen  und  dann  -  oder  friiher  -  erf  ahrst  Du 
audi  das  Mitteilbare,  wovon  es  eingerahmt  ist.  Vorher  aber 
geschahe  es  mir  zu  Nutz  und  Frommen,  wenn  Du  aus  jener 
Praxis,  die  Du  mit  beklommener  Brust  vor  Dir  zu  haben 
und  zu  verfolgen  scheinst,  mir  etwas  mitteilst.  Das  ist  umso 
wichtiger,  als  ich  kaum  glaube,  daB  mir  vom  deutschen 
Sprachkreis  aus  diese  Gegenstande  wirklich  lebendig  werden 
werden. 

Mit  diesem  Brief  erhaltst  Du  Zweigs  Kritik,  die  ich  Dich 
bitte,  mir  mit  dem  nachsten  wieder  zuriickzusenden.  Gleich- 
zeitig  oder  bald  geht  das  Heft  einer  Zeitschrift2  ab,  in  der 
Du  neue  Baudelaire-Ubertragungen  findest.  Ich  bin  jetzt 
nicht  in  der  Lage,  Dir  ein  Heft  der  neuen  Zeitschrift  H  zu 
senden,  in  deren  erster  Nummer  ich  mehr  aus  Schwache  als 
aus  Gefalligkeit  gegen  den  Herausgeber  [Hans  Richter]  eine 
blague  von  Tristan  Tzara  mit  achtunggebietendem  SchmiB 
iibersetzt  habe 3.  Den  ersten  Band  der  Ursule  Mirouet 4  habe 
ich  in  Wochen  arger  Fron  hier  ubertragen.  Das  von  Dir  be- 
regte  Heft  von  Kirjath  Sefer5  bitte  ich  Dich  ja,  umgehend 
pflichtschuldig  an  meine  Adresse  gehen  zu  lassen.  —  Du  mel- 
dest  vor  der  -  inzwischen  gewiB  erfolgten  —  Beendigung  der 
Bahir-Einfuhrung  zu  stehen.  Nehme  ichmitRecht  an,  daB  sie 
innerhalb  des  Philologischen  die  PerspektiveDeiner  eigensten 
Einsichten  in  diesen  Text  erschlieBt?  Hast  Du  noch  vor, 
Deutsches  zu  publizieren? 

Rang  ist  nach  seiner  Riickkehr  an  einem  Leiden,  das  ihm 
zuerst  rheumatischer  Art  erschien,  dann  den  Charakter  einer 
Nervenentzundung  annahm,  nach  meinen  letzten  Nachrich- 
ten  aber  den  Arzten  ganz  undurchschaubar  ist,  an  einer  zu- 
letzt  nahezu  vollstandigen  Lahmung  mit  standigem  Fieber, 
schrecklicher  Abzehrung  so  schwer  erkrankt,  daB  ich  nicht 
weiB,  ob  ich  darauf  hoffen  darf,  ihn  wiederzusehen.  Es  kann 
wohl  nicht  anders  sein,  als  daB  er  Dir  durch  sein  Buch,  wenn 
Du  Zeit  gehabt  hast,  es  zu  lesen,  noch  naher  gekommen  ist. 
Was  ihn  betrifft,  so  sprach  er  hier  einmal  mit  viel  Sympathie 
von  Dir.  Mich  wurde  sein  Tod  wahrhaftig  treffen,  so  wie 

356 


seine  Krankheit  mich  betriibt.  Seit  einiger  Zeit  schreibe  ich 
ihm  nicht  mehr,  weil  er  soviel  ich  weiB,  nicht  mehr  fahig  ist, . 
Brief e  aufzunehmen.  Ich  erwarte  wieder  Nachricht  von  sei- 
ner Frau.  Diese  ist  auch  sonst  vom  Ungliick  betroffen:  Der 
Sohn,  der  zuletzt  der  Tuberkulose,  die  ihn  im  Kriege  be- 
fallen hatte,  durch  eine  Reihe  von  Kuren  in  Davos  und  von 
schweren  Operationen  wie  durch  Wundef  entronnen  schien, 
ist  wieder  erkrankt.  —  Das  Schreckliche  was  Agnon  geschehen6 
ist,  erfahre  ich  erst  durch  Dich.  Ich  erreiche  den  Zustand 
eines  Menschen  der  das  durchmachen  mufl,  geschweige  der 
es  iiberwinden  kann,  in  meiner  Vorstellung  auch  nicht  im 
mindesten. 

Bergmann  ist  wohl  noch  nicht  aus  London  bezw.  Amerika 
zurtick.  WeiBt  Du  Neues  und  Communizierbares  iiber  den 
Stand  der  Universitatsf rage  ? 7  Die  Nachricht  von  der  Er- 
mordung  [de]  Haans8  war  mir  schon  zugekommen.  Aber 
fast  noch  schrecklicher  als  sie  ist  das,  was  Du  von  der  Wir- 
kung  dieses  Geschehens  berichtest.  Kurzlich  sprach  ich  hier 
einen  russischen  Juden  aus  der  Gegend  von  Kiew,  einen 
Landarbeiter,  der  unmittelbar  aus  Palastina  kam,  seinen 
Namen  weiB  ich  nicht  mehr.  Er  sah  nicht  aus  wie  der  erste 
beste  und  zog  mich  an,  indessen  er  fest  glaubte,  mich  in 
Palastina  gesehen  zu  haben.  Auch  Dich  hat  er  gesehen  und 
von  Dir  gehort,  ohne  mit  Dir  gesprochen  zu  haben.  — 

Du  wirst  Dir  denken,  daB  ich  im  Lauf  e  der  Zeit  hier  vieles 
gesehen  habe  und  wenn  morgen  —  was  noch  dahinsteht  —  ein 
Ausflug  nach  Positano,  sudlich  von  Sorrent,  zu  Stande  kommt, 
so  werden  mir  bis  auf  Ischia  die  beruhmten  Orte  der  Gegend 
bekannt  sein.  Nirgends  war  der  Eindruck  an  Gewalt  dem 
vergleichbar,  den  die  Tempelruinen  von  Paestum,  die  ich 
einsam  an  einem  Augusttage  in  der  Malariazeit,  wo  die 
Gegend  gemieden  wird,  sah,  mir  machten.  Er  wird  von  dem 
Klischee  das  ich  beim  Worte  „griechischer  Tempel"  ja,  auf 
Grund  der  Abbildungen,  assoziierte,  nicht  einmal  beriihrt. 
Die  Gegend  in  der  sie  stehen  ist  so  groBartig  in  ihrer  land- 
schaftlichen  wie  ode  in  ihrer  zivilisatorischen  Gestalt.  Man 
sieht,  nicht  allzuweit  von  den  Tempeln  das  schmale  brennend 
blaue  Band  des  Meeres.  Die  Tempel  gelten  fur  die  gewaltig- 

357 


sten,  die  auBerhalb  von  Athen  zu  sehen  war  en.  Sie  gehoren 
alle  drei  -  aber  nur  zwei  sind  sehr  wichtig  —  ungefahr  dem 
gleichen  Stil  und  der  gleichen  Zeit  an  und  sind  von  einer 
noch  heute  vor  Leben  fast  lauten,  vernehmlichen  Verschie- 
denheit.  Da  sie  dicht  neben  einanderstehen  ist  die  Ausein- 
andersetzung  erschiitternd.  Am  gleichen  Tage  sah  ich  Salerno. 
Zum  zweiten  Male  Pompeji  und  zum  zwanzigsten  vielleicht 
Neapel,  iiber  das  ich  viel  Material,  merkwiirdige  und  wich- 
tige  Beobachtungen,  gesammelt  habe,  die  ich  vielleicht  werde 
verarbeiten  konnen.  Pozzuoli,  Amalfi,  Ravello  sah  ich.  Die 
Feuerwerke,  eines  das  andere  iiberholend  und  immer  neue 
Farben  und  Formen  enthaltend,  brennen  den  Sommer  lang 
nachtaus  nachtein  an  diesen  Kiisten9.  Ich  habe  Dir  davon 
sicherlich  geschrieben.  Ein  anderes  sind  die  Weingarten,  die 
auch  zu  den  Wundererscheinungen  dieser  Nachte  gehoren. 
Du  wirst  das  gewiB  kennen  gelernt  haben,  wenn  Frucht  und 
Blatt  in  der  Schwarze  der  Nacht  untertauchen  und  man  vor- 
sichtig  -  um  nicht  gehort  und  verjagt  zu  we'rden  —  nach  den 
groflen  Trauben  tastet.  Aber  es  liegt  noch  viel  mehr  darin, 
woriiber  vielleicht  die  Kommentare  des  hohen  Liedes  Auf- 
schluB  geben. 

Mir  ist  es  ganz  unvorstellbar  —  und  je  mehr  mich  zur  Zeit 
Beklemmungen  fesseln,  desto  unerfindlicher  —  daB  ich  von 
hier  in  zwolf  Tagen  fort  will  und  soil  um  noch  etwas  von 
Italien  zu  sehen.  Ich  will  den  Monat  Oktober  reisen,  nicht  so 
sehr  Rom  als  Florenz,  Ravenna,  Assisi,  Ferrara  sehen  und, 
wenn  keine  Schwierigkeiten  sich  erheben,  nach  Paris.  Ob  das 
aber,  wegen  des  Visums,  gehen  wird,  weiB  ich  nicht.  Am 
1.  November  will  ich  in  Berlin  sein.  Briefe  richte  bitte  von 
nun  an  nach  Hause,  von  wo  sie  mir  nachgesandt  werden. 

In  Neapel  habe  ich  die  Gelegenheit  wahrgenommen,  neue 
franzosische  Bucher  zu  kaufen,  so  weit  das  Geld  langte.  Also 
nur  wenige.  Darunter  die  herrliche  Exegese  des  lieux  com- 
muns  (2  torn)  von  Leon  Bloy10;  kaum  ist  je  eine  erbittertere 
Kritik  oder  vielmehr  Satire  gegen  die  Bourgeoisie  geschrieben 
worden,  wie  diese,  ubrigens  sprachphilosophisch  groBartig 
fundierte  Kommentierung  ihrer  Redensarten.  Bloy  ist  (royali- 
stischer?)  Katholik  gewesen.  Ich  habe  eine  Anzahl  Sachen  von 

358 


ihm.  Dann  fiel  mir  in  Neapel  ein  schones,  seltenes  deutsches 
Kinderbuch  in  die  Hande.  Also  warum  nicht  in  Jerusalem? 
Halte  doch  Ausschau!  Von  meinem  Berliner  Konkurrenten, 
Meister  und  neidlosen  Forderer  meiner  Sammlung  ist  das 
Buch  nun  erschienen.  Karl  Hobrecker:  Alte  vergessene  Kin- 
derbiicher.  Ich  erhielt  kxirzlich  dasRezensionsexemplar11.  Der 
Text  des  alten  Herrn  ist  onkelhaft  und  von  einem  biederen 
Humor,  der  manchmal  gerat  wie  ein  miBgliickter  Pudding. 
Die  Bilder  sind  in  der  Auswahl  z.  T.  problematisch,  in  der 
Ausfuhrung  aber,  soweit  sie  farbig  sind,  sehr  achtbar.  Ich 
werde  Dir  seinerzeit  berichtet  haben,  daB  der  Verleger  als  er 
meine  Sammlung  und  ihr  Leben  bei  mir  kennen  lernte,  trost- 
los  war,  den  Auftrag  nicht  an  mich  gegeben  zu  haben. 

Du  machst  in  Deinem  Briefe  eine  mir  nicht  verstandliche 
Anspielung  auf  [Richard]  Willstadter,  der  einen  Ruf  an 
Deine  Stelle  bekommen  habe 12.  Ich  weiB  nicht,  ist  die  Rede 
von  Miinchen,  Berlin  oder  Muri :  in  letzterem  Falle  sind  wir 
zur  Erhohung  der  Beziige  bis  zur  Maximalgrenze  der  Jah- 
resbeziige  des  Herrn  Wilhelm  II  bereit,  um  Deine  schatzbare 
Kraft  u.  s.  w. 

Heute,  denke  ich,  darf  Deine  Lupe  f  eiern 13.  -  Ich  habe  mir 
durch  die  Ernahrung  hier  eine  Blutvergiftung  zugezogen,  die 
zunachst  am  Bein,  dann  am  Arm  ausbrach  und  mich  auch 
jetzt  wieder  schmerzhaft  bedroht.  Eine  unangenehme  Ge- 
schichte.  Seit  kurzem  habe  ich  Netze  gegen  die  Miicken,  die 
mich  zwei  Monate  jede  Nacht  bis  auf  die  Knochen  aufgezehrt 
hatten  und  ich  hoffe,  jetzt  wird  es  besser  werden;  denn  die 
Stiche  waren  wohl  auch  ein  AnlaB  zu  Infektionen. 

Ich  hoffe  Du  haltst  Dich  nicht  an  mein  Schweigen  sondern 
gibst  mir  bald  anschauliche  und  erfreuliche  Nachricht  von 
dem  was  Dich  betrifft.  Ich  sende  Dir  und  Escha  sehr  herz- 
liche  GruBe. 

Dein  Walter 


l  Dies  Manuscript  hatte  W.  B.  in  der  Form  einer  Schriftrolle  Scholem 
bei  der  Abreise  gegeben.  Eine  andere  Fassung  ist  als  „Reise  durch  die 
deutsche  Inflation"  in  der  „Einbahnstrai3e"  („Kaiserpanoramau)  ge- 
druckt. 


359 


2  „Vers  und  Prosa"  (herausgegeben  von  Franz  Hessel),  Heft  8,  August 
1924,  S.  269-272. 

3  Die  Photo graphie  von  der  Kehrseite.  In  „Zeitschrift  fur  elementare 
Gestaltung",  Juni  1924. 

4  Diese  Balzac-TIbersetzung  erschien  1925  in  Berlin  bei  Rowohlt. 

5  Eine  von  Scholem  redigierte  Zeitschrift  der  Jerusalemer  Bibliothek, 
in  der  seine  ersten  hebraischen  Auf  satze  stand  en. 

6  Das  Haus,  in  dem  er  in  Homburg  v.  d.  Hohe  wohnte,  brannte  nieder, 
wobei  seine  Manuskripte  und  seine  Bibliothek  vernichtet  wurden. 

7  Die  Griindung  der  Hebraischen  Universitat  in  Jerusalem. 

8  Auf  politischem  Hintergrund.  Die  Geschichte  des  Mannes  und  seiner 
Ermordung  bildet  den  Gegenstand  von  Arnold  Zweigs  Roman  „De 
Vriendt  kehrt  heim"  (1932). 

9  Vgl.  Schriften  II,  S.  77. 

10  Proben  daraus  verbffentlichte  W.  B.  in  seiner  Ubersetzung  und  mit 
einer  Einleitung  in  der  „Literarischen  Welt"  vom  18.  Marz  1932. 

11  Die  Rezension  erschien  in  „Das  Antiquariatsblatt"  No.  22,  Dezem- 
berl924. 

12  Er  hatte  in  einem  Aufsehen  erregenden  Schritt  sein  Miinchner 
chemisches  Ordinariat  niedergelegt,  als  eine  wichtige  Berufung  von 
der  Fakultat  aus  antisemitischen  Griinden  abgelehnt  wurde.  Es  hiefi 
damals,  man  versuche,  ihn  nach  Jerusalem  zu  berufen. 

13  Der  Brief  ist  nicht  in  ganz  so  mikroskopischer  Schrift  geschrieben 
wie  so  viele  andere  Briefe  W.  B.s. 


137  An  Gerhard  Scholem 

12.  Oktober-  5.  November  1924 
Rom  -  Florenz 

Lieber  Gerhard, 

die  Ratlosigkeit  ist  an  mir:  ich  weiB  nicht,  warum  Du  mei- 
nen  letzten  Brief  ohne  Antwort  gelassen  hast.  Nun,  da  ich 
gleichsam  an  meinen  letzten  Bericht  anzukniipfen  habe,  ist 
es,  paradoxerweise,  doppelt  schwer,  den  „Faden  der  Erzah- 
lung"  wieder  aufzunehmen.  Einige  Zeilen  von  Dir  hatten 
eine  sylphidische  Briicke  uber  Kliifte  geschlagen,  die  eine 
Reise  mit  sich  bringt.  Denn  das  ist  es  nun  endlich  in  zwolfter 
Stunde  geworden:  eine  Reise.  Auf  der  ich  mich  einsam  aber 
ungebunden   auf    einer   goldenen    Strafie    fortbewege.    Am 

360 


zehnten  Oktober  habe  ich  Capri  verlassen,  bin  in  Positano, 
dann  -  wiederum  langer  als  meine  Absicht  war  —  in  Neap  el 
gewesen  und  seit  einer  Woche  in  Rom.  Nicht  ganz  mit  dem 
sicheren  Gefuhl  der  fertigen  Schrift  in  der  Tasche,  der 
Teil  III  und  SchluB  nodi  fehlen,  aber  materialmaBig  geord- 
net  bis  ins  Genaueste  bereitliegen.  Capri  war  kein  Boden 
mehr  und  die  Arbeit,  die  ich  in  Berlin  schleunigst  abschlieBen 
muB,  kam  iiber  Teil  II  nicht  hinaus.  Die  Reinschrift,  mit  der 
mein  eigentlicher  Anteil  erst  einsetzt,  und  fur  die  ich  die 
unerlaBliche  Serenitat  erhoffe,  findet  einen  Stoff  vor  aus  dem 
etwas  werden  kanri.  An  vielen  Partien  wird  nichts  mehr 
geandert  werden.  —  Am  letzten  Tage  in  Capri  traf  die  Nach- 
richt  ein,  auf  die  ich  seit  zwei  Wochen  gefaBt  sein  muBte, 
die  mich  aber  auch  jetzt  erst  langsam  erreicht:  Rang  ist  ge- 
storben.  DaB  auch  in  Dir  sein  Bild  dank  der  kurzen  Begeg- 
nung  aufbewahrt  ist,  ist  gut.  Ich  habe  nichts  gefarbt,  als  ich 
seiner  Frau  in  dem  Brief  e,  in  dem  ich  mitzuteilen  suchte,  wie 
ich  an  ihm  hing,  schrieb,  daB  seltsamerweise  ich  diesem 
Mann,  ebenso  wie  seine  Unterstiitzung  und  Bestatigung  das 
zu  danken  vermochte  und  danken  muBte,  was  ich  von  deut- 
scher  Bildung  Wesentlichstes  in  mich  aufgenommen  habe. 
Denn  nicht  nur,  daB  in  diesem  Bereiche  die  Hauptgegen- 
stande  unsrer  beharrlichen  Betrachtung  fast  samtlich  die- 
selben  waren  —  das  Leben,  daB  in  diesen  groBen  Gegenstan- 
den  lebt  habe  ich  menschlich  ganz  allein  in  ihm  lebendig 
gesehen,  ausbrechend  mit  desto  mehr  vulkanischer  Gewalt- 
samkeit,  als  es  unter  der  Kruste  des  iibrigen  Deutschland 
erstarrt  lag.  Wenn  ich  mit  ihm  sprach,  war  nicht  sowohl 
Harmonie  in  unsern  Gedanken,  als  daB  ich,  wetterfest  und 
athletisch,  an  dem  unmoglichen,  zerrissenen  Massiv  der  seini- 
gen  mich  versuchte  und  oft  genug  eine  Zinne  mit  weitem 
Ausblick  auf  eigene  unerschlossene  Gedankenbereiche  ge- 
wann.  Sein  Geist  war  von  Wahnsinn  durchzogen  wie  ein 
Massiv  von  Schluchten.  Aber  durch  die  Moralitat  dieses 
Mannes  gewann  Wahnsinn  keine  Macht  iiber  ihn.  Ich  habe 
das  wunderbare  menschliche  Klima  dieser  Gedankenland- 
schaft  ja  gekannt:  es  war  andauernd  die  Frische  des  Sonnen- 
auf gangs.  Aber  wie  erstarrt  diese  Lands chaft  nach  Sonnen- 

361 


untergang  daliegt,  das  ist  mir  audi  klar  und  ich  denke  mit 
Unruhe  und  ohne  einen  Ausblick  auf  Losung  zu  finden  an 
das  Schicksal  seiner  Sachen.  Wer  kann  da  herankommen?  Das 
Shakespearewerk  ist  wahrscheinlich  zum  allergroBten  Teile 
vollendet.  Das  Schicksal  seiner  Frau  ist  schwer.  Der  dritte 
Sohn  (einer  fiel),  der  vor  Monaten  endlich  von  einer  Tuber  - 
kulose  geheilt  schien,  muB  zum  zweiten  Male  operiert  wer- 
den.  Sie  lebt  ganz  allein  in  dem  kleinstadtischen  Ort,  in  dem 
ihr  Mann  keinen  Verkehr  mit  irgend  jemandem  unterhal- 
ten  hat. 

Schrieb  ich  Dir  —  ich  glaube  es  wohl  -  daB  ich  in  Capri 
viel  mit  Bloch  zusammen  war?  Cassirer  gibt  ein  Jahrbuch 
heraus,  in  dem  er  Reklame  fiir  Bloch  braucht.  Mit  Telegram- 
men  und  Ahnlichem  gelang  es  mir  nun,  die  Rezension  vom 
„Geist  der  Utopie",  die  dort  zu  spaten  Ehren  kommen  soil, 
mit  1100  Lire  in  den  Dienst  meiner  Reise  zu  stellen.  In  ein 
bis  zwei  Monaten  erhaltst  Du  einen  kompletten  Separatabzug 
der  Wahlverwandtschaftenarbeit.  Heute  neuere  Baudelai- 
riana,  in  Nachbarschaft  von  solchen  der  Lotte  Wolff.  Ich 
weiB  nicht  mehr,  ob  Du  sie  kennen  gelernt  hast.  Dann  wird 
sowie  ich  die  Reins chrift  habe,  lettisch,  und  vielleicht  auch 
deutsch  „Neapel"  erscheinen1.  Von  dieser  Stadt  habe  ich  auch 
mit  dem  Aufenthalt  in  Rom  nicht  Abschied  genommen. 
Vielmehr  sprach  mich  das  moderiert  Weltstadtische  hier  nach 
dem  extremen  Temperament  des  neapolitanischen  Stadt- 
lebens  kiihl  an.  Ich  ermesse  erst  jetzt,  wie  orientalisch  Neapel 
ist,  Hier  suchte  ich  vor  allem  fruhchristliche  Denkmaler.  Der 
Antike  stehe  ich  so  unwissend  gegeniiber,  daB  ihre  Reste,  die 
nur  in  archaologischer  Betrachtung  ihr  Leben  gewinnen,  auf 
mich  vorschriftsmaBig  imposant  wirken.  Und  wie  sehr  mir 
zur  Renaissance  ein  von  Studium  unvermitteltes  Verhaltnis 
f  ehlt,  sah  ich  heute  drastisch,  als  in  der  Galeria  Borghese  kein 
Bild  vor  1400  zu  entdecken  war  und  ich  meinen  Spaziergang 
durch  die  oden  Sale,  mit  dem  Besuche  der  vatikanischen 
Galerie  verglich,  in  der  ich  vor  jedem  Bilde  [wie]  eine 
Schnecke  vor  jedem  Steinchen  innehielt.  Morgen  gehe  ich 
nocheinmal  dorthin.  Die  ersten  Sale  enthalten  herrliche  Bil- 
der  der  Sienischen  und  anderer  Schulen  aus  dem  Trecento. 


362 


Was  habe  ich  erst  in  Florenz  zu  erwarten.  Nichts  will  ich  von 
Michelangelo s  sixtinischer  Kapelle  schreiben,  als  daB  sie  mei- 
ner  neutralen  unwissenden  Erwartung  beim  ersten  Anblick 
den  Garaus  gab.  Sie  ist  unsagbar  schon  und  gewaltig.  Im 
Augenblick  vermag  ich  nichts  uber  sie  zu  schreiben.  (Es  geht 
ein  schreckliches  Gewitter  uberderStadt  nieder).  Mit  Raff aels 
Bildern  vermag  ich  nichts  anzufangen.  — 

Soweit  aus  Rom,  wo  ich  dies  ungefahr  am  12.  Oktober 
schrieb. 

Heute  ist  der  5.  November.  Die  kindische  Feststellung 
liber  Raffael  (kindisch  auch  wenn  sie  richtig  ist)  verstimmte 
mich,  so  daB  ich  den  Brief  liegen  lieB.  Indessen  trat  das 
Lustige  ein,  daB  hier  —  in  Florenz  -  ein  wirklich  betroff  enes 
Einhalten  vor  einer  Tafel  sich  ergab,  die  mit  „Raffael?"  be- 
zeichnet  ist.  Natiirlich  ist  das  ganz  typisch  fur  mich  —  aber 
das  Einhalten  keinesfalls  durchs  Fragezeichen  verursacht. 
Es  ist  ein  unheimlicher  Jungling,  der  darauf  portratiert  ist. 
Burckhardts  Bemerkung  von  „damonischer  Religiositat"  auf 
Raff  aels  Bildern  ist  iiberhaupt  nicht  aus  den  Fingern  gesogen. 
Aber  mir  wird  gerade  dabei  nicht  wohl.  Den  Johannesknaben 
mit  dem  vielsagend  erhobenen  Finger  wirst  Du  aus  Repro- 
duktionen  kennen.  Anders  wirkte  doch  die  verwandte  Inten- 
tion im  Knaben  der  sixtinischen  Madonna  auf  mich. 

Seit  besagtem  Gewitter  ist  meine  Fahrt  meist  unter  grauem, 
ungemafien  Himmel  erf olgt,  doch  so,  daB  ich  die  Landschaf- 
ten  fur  kurze  Weile  immer  in  der  Sonne  sah,  bis  auf  Assisi. 
Dort  erschien  ein  dichter  Herbstnebel  fur  den  f  estungsartigen 
Bau  von  S.  Francesco  nicht  unpassend.  Aber  der  Tag,  den  ich 
dort  zubrachte,  erlaubte  kaum,  etwas  von  den  Fresken  der  an 
sich  schon  dunkeln  Unterkirche  wahrzunehmen.  Desto  besser 
konnte  ich  die  der  Oberkirche  von  Giotto  studieren.  Zuletzt 
habe  ich,  in  Ansehung  der  Einsamkeit  meiner  Streifereien, 
zuviel  Bilder  zu  sehen  bekommen  und  doch  soviel  Zeit  nicht 
gehabt,  mich  auf  Architektur  zu  konzentrieren.  Denn  meine 
vollig  induktive  Weise,  mich  mit  der  Topographie  der  Orte 
bekannt  zu  machen  und  jedes  groBe  Bauwerk  in  seiner  laby- 
rinthischen  Umgebung  banaler,  schoner  oder  armseliger 
Hauser  aufzusuchen,  erfordert  zu  viel  Zeit  und  laBt  mich  zu 

363 


eigentlichem  Buchstudium  nicht  kommen:  ohne  dieses  blei- 
ben  mir  von  Architektonischem  nur  Eindriicke.  Von  der  Topo- 
graphie  der  Orte  aber  nehme  ich  ein  ausgezeichnetes  Bild 
mit:  es  handelt  sich  darum  sich  zunachst  durch  eine  Stadt  so 
durchzutasten,  daB  man  souveran  dahin  zuriickkehrt.  Der 
erste  begrenzte  Aufenthalt  an  solchen  Platzen  kann  etwas 
Subalternes  nicht  umgehen,  wenn  er  nicht  auf  strengster 
Vorbereitung  beruht.  Strenger  umgrenzte  Begriffe  oder 
wenigstens  Fragen  gewann  ich  nur  von  einigen  Malern. 
Ganz  besonders  von  Signorelli,  der  einen  Teil  des  Doms  von 
Orvieto  ausgemalt  hat,  in  Fresken,  deren  innere  Verwandt- 
schaft  (vielleicht  gibt  es  auch  EinfluB)  mit  den  hundert  Jahre 
spatern  Michelangelos  in  der  sixtinischen  Kapelle  langst  f  est- 
gestellt  ist.  Ubrigens  schrieb  ich  Dir  nichts  von  den  illumi- 
nierten  Handschriften  der  Vatikanischen  Bibliothek,  die  in 
Schaukasten  ausliegen.  Es  lohnt  schon  Kardinal  zu  werden 
um  die  durchblattern  zu  diirfen.  Aber  vielleicht  fiihren  auch 
die  Stufen  Deiner  Carriere  dahin.  (Naturlich  denke  ich  nicht 
an  Missales  und  Miniaturen,  sondern  an  die  altesten  Bibel-, 
Vergil-,  Terenz  Handschriften,  die  dort  liegen,)  Allzugut  ists 
mir  in  Florenz  mit  dem  Faschismus  geworden.  Es  gab,  in  den 
paar  Tagen  meines  Hierseins  nicht  weniger  als  drei  Festtage 
mit  groBter  Machtentfaltung.  Stundenlange  Prozessionen 
sperrten  mich  in  ein  kleines  Viertel  in  dem  es  nichts  zu  sehen 
gibt.  Wenn  ich  dann  sei  es  resigniert,  sei  es  um  einen  Durch  - 
bruch  zu  versuchen,  mich  ins  Gewiihl  der  Spalierbildenden 
begab,  so  geschah  es  jedesmal  genau  in  der  Sekunde,  auf  die 
es  ankam,  die  Sachverstandigere  in  vielstundigem  Posten- 
stehen  erwartet  hatten  und  die  ich  dann,  da  ich  mich  vor 
Ungeduld  in  die  erste  Reihe  geschoben  hatte,  als  vbllig  trost- 
lose  Konstellation  erkannte  an  dieser  sichtbaren  Stelle  aber 
begriiBen  muBte.  So  konnte  ich  vom  Konig,  der  sehr  klein, 
mindestens  die  Militarmutze  sehen  und  so  bekam  ich  bei 
anderen  Gelegenheiten  Del  Croix  zu  sehen,  ein  Mann,  der  im 
Kriege  vtillig  zu  schanden  geschossen  wurde,  und  eine  Haupt- 
rolle  in  der  faszistischen  Politik  spielt.  Von  den  Umziigen 
der  Jugend  zu  schweigen,  an  denen  alles  teilnimmt,  sobald  es 
von  der  Mutterbrust  abgesetzt  ist.  Nicht  anders  ist  es  mir  in 

364 


Perugia  gegangen:  audi  da  sehr  groBes  Aufgebot  -  Vereidi- 
gung  der  Miliz  der  Faszisten  auf  den  Konig  —  kurz:  wenn 
ich  anstatt  Leser  der  Action  Frangaise  zu  sein  ihr  italienischer 
Korrespondent  ware,  hatte  ich  nicht  anders  disponieren 
konnen. 

Urspriinglich  war  meine  Absicht  von  hier  nach  Genua  zu 
fahren,  von  dort  nach  Marseille  zu  Schiff  und  von  dort  nach 
Paris  zu  gehen.  Aber  das  ist  aus  verschiedenen  Griinden 
nicht  moglich.  Ich  habe  mich  darauf  beschranken  miissen,  in 
Neapel,  Rom  und  Florenz  franzbsische  Biicher  einzukaufen; 
meist  Neuerscheinungen.  Den  Autor  Jean  Giraudoux,  von 
dem  ich  „  Juliette  au  pays  des  hommes"  las,  lege  ich  Dir  sehr 
nahe.  Heute  nacht  fahre  ich  nach  Berlin  und  hoffe  dort  bald 
von  Dir  Nachricht  zu  haben. 

Mit  herzlichen  GriiBen  Dein  Walter 

l  Erschien  in  der  FZ  vom  19.  August  1925. 


138  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  22.  Dezember  1924 

Lieber  Gerhard, 

der  Nachtstunde,  in  der  ich  beginne,  steht  dies  strahlende 
Papier,  und  „barocke"  Figuren  magst  Du  aus  dem  geham- 
merten  Biitten  —  so  nennt  mans  —  auch  herauslesen.  Ich 
glaube,  jahrelang  habe  ich  nicht  darauf  geschrieben.  Vor  Dir 
ist,  nach  meinem  langgezogenen  Schweigen,  diese  captatio 
benevolentiae  nicht  uberflussig  und  hoffentlich  nicht  ver- 
geblich.  Grund:  diesmal  im  wesentlichen  das  Erfordernis, 
meine  Arbeit  um  jeden  Preis  zu  beenden.  Dazu  sind  denn 
seit  ein  paar  Tagen  Anstalten  getroffen.  Die  Rohschrift  des- 
jenigenTeils,  den  ich  einzureichen  gedenke,ist  abgeschlossen. 
Das  ist  der  Hauptteil.  Einleitung  und  SchluB,  die  methodi- 
schen  Fragen  gelten,  habe  ich  zuriickgestellt.  Nachgerade 
habe  ich  die  Distanz  zum  Geleisteten  verloren.  Ich  miiBte 


365 


mich  aber  irren  wenn  nicht  die  organische  Gewalt  des  alle- 
gorischen  Bereichs  als  Urgrund  des  Barock  lebendig  erschei- 
nen  sollte.  Indessen  iiberrascht  mich  nun  vor  allem,  daB, 
wenn  man  so  will,  das  Geschriebene  fast  ganz  aus  Zitaten 
besteht.  Die  tollste  Mosaiktechnik,  die  man  sich  denken  kann, 
als  welche  fur  Arbeiten  dieser  Art  so  befremdlich  erscheinen 
diirfte,  daB  ich  in  der  Reinschrift  wohl  hie  und  da  retouchie- 
ren  werde.  Einige  konstitutive  Gebrechen  sind  mir  klar.  Der 
virtuelle  Gegenstand  der  Abhandlung  wird  Calderon  sein; 
die  Unkenntnis  des  lateinischen  Mittelalters  wird  mich  an 
einigen  Stellen  zu  einem  Tiefsinn  genotigt  haben,  den  exak- 
teste  Quellenkenntnis  eriibrigt  hatte.  Indessen,  wird  eine 
solche  Arbeit  iiberall  nur  aus  Urquellen  gespeist,  so  kann  sie 
vielleicht  nicht  zustande  kommen.  Und  daB  sie  dennoch  zu- 
stande  gekommen  zu  sein  wert  ist,  davon  mochte  ich  mich 
iiberredenl  Vorauszusagen  —  mit  voller  Sicherheit  —  wage  ich 
doch  nicht,  ob  aus  dem  Ganzen  die  „Allegorie"  —  das  Wesen, 
um  dessen  Rettung  es  mir  ging  —  in  aller  Totalitat  gleichsam 
momentan  herausspringt.  Von  auBen  wird  sie  sich  (Einlei- 
tung  und  SchluB  nicht  gerechnet)  wohl  so  prasentieren:  Ur- 
sprung  des  deutschen  Trauerspiels  als  Titel.  I  Trauerspiel 
und  Tragodie  II  Allegorie  und  Trauerspiel.  Beide  Teile  in  je 
drei  gegliedert,  iiber  denen  sechs  Mottos  stehen  werden,  wie 
sie  kostbarer  und  rarer  —  unauf findbaren  Barockschriften  fast 
samtlich  entnommen  —  keiner  versammeln  konnte.  —  Erschie- 
nen  sind:  eine  freundschaftliche  (glanzende)  Rezension  des 
Baudelaire  in  der  „Neuen  freien  Presse",  eine  Rezension  von 
mir  iiber  ein  Buch  „Alte  vergessene  Kinderbiicher"  von 
Hobrecker,  einem  mir  bekannten  berliner  Sammler,  in  einer 
Antiquariatszeitschrift,  eine  fernere  desselben  Buches  in  der 
„Leipziger  Illustrierten  Zeitung".1  [.  .  .]  Jetzt  nach  Beendi- 
gung  der  Rohschrift,  fallt  mir  ein  kapitales  Buch  in  die 
Hande,  das  ich  als  letztes  Wort  einer  unvergleichlich  faszinie- 
renden  Forschung  Dir  und  -  sollte  das  noch  am  Platze  sein  — 
der  Jewish  National  Library  -  nenne:  Panofski-Saxl:  Diirers 
Melancholia  I,  Berlin  Lpz  1923  (Studien  der  Bibliothek  War- 
burg). Versaume  nicht,  das  vorzunehmen.  Das  bekannte, 
beruchtigte  Rosenkreuzerbuch2  werde  ich  vor  Abfassung  der 

366 


Reinschrift  kaum  mehr,  desto  vergniigter  —  hoffe  ich  —  nach- 
her  konsultieren.  Mit  „de  planctu  naturae"  bin  ich  gut 
abgefiihrt.  Indessen  hatte  ich  langst  den  Alanus  de  Insulis 
vorgenommen  und  gemerkt,  daB  er  mit  meinem  Gegenstande 
nichts  zu  schaffen  hat.  —  Dieses  Buch  wird  nicht  bei  Arthur 
Scholem  gedruckt  werden,  sondern  es  wird  hergestellt  von . . . 
Jacques  Hegner.  Auch  winkt  mir  endlich  eine  allein  angemes- 
sene  Fraktur.  Dies  alles,  weil  ich  vor  einer  Woche  auf  zwei 
Jahre  einen  Generalvertrag  mit  einem  hiesigen  neugegriin- 
deten  Verlag  abgeschlossen  habe,  fiir  den  ich  zugleich  das 
Lektorat  (aber  ohne  Verpflichtung  und  Honorar)  ubernehme. 
Im  iibrigen  zahlt  der  Verlag  eine  den  Umstanden  nach  an- 
gemessene  Rente,  und  jedes  Jahr  eine  Auslandsreise,  von 
welcher  ich  das  Publikum  durch  ein  Reisetagebuch  zu  infor- 
mieren  habe.  Was  aus  diesem  Unternehmen  werden  wird, 
kann  ich  nicht  ausmachen.  Aber  der  Eindruck  seines  Chefs 
—  er  ist  zehn  Jahre  jiinger  als  ich  —  gelernten  Buchhandlers, 
ist  nicht  ungiinstig.3  Ein  Zeitschriftenplan  hat  sich  ange- 
schlossen,  —  mein  Programm  ist  dem  des  Angelus  in  jeder 
Hinsicht  so  ganzlich  polar,  daB  ich  es  bei  dieser  ratselhaften 
Bemerkung  fiir  heute  bewenden  lasse.  Kommt  es  dazu  oder 
nicht,  so  wirst  Du  es  jedenfalls  erfahren  und  bist,  fiir  den 
Fall  daB  es  Dich  gewinnt  zur  Mitarbeit  in  der  besten  Form 
eingeladen.  Indessen  beschaftigt  mich  vor  der  Hand  meine 
Arbeit  hinreichend.  Dringender  ist,  Dir  mitzuteilen,  daB  ich 
im  Rahmen  einer  weidlichen  Phantasie  Muri  zur  Publizitat 
zu  bringen  hoffe.  Ich  bereite  (als  Privatdruck  oder  als  kauf- 
liche  Erscheinung)  vor:  „Plakette  fiir  Freunde".  (Plaquette 
ist  in  Frankreich  ein  schmales  broschiertes  Sonderheftchen 
mit  Gedichten  oder  ahnlichem  -  ein  terminus  technicus  der 
Buchhandler).  In  mehreren  Kapiteln,  die  je  als  einzige  Uber- 
schrift  den  Namen  eines  mir  Nahestehenden  tragend,  will 
ich  meine  Aphorismen,  Scherze,  Traume  versammeln.  Und 
Muri  soil  sich  unter  dem  Deinigen  entfalten.  -  Wahrschein- 
lich  bin  ich  verpflichtet,  nachstes  Jahr  meine  Sache  iiber  die 
„Neue  Melusine"  zu  schreiben.  [...]  Von  Dir  erwarte  ich: 
Kirjath  Sefer,  Alchemie  und  Kabbala.  Zu  meinem  Schrecken 
vermisse  ich  seit  der  Heimkehr  Deine  Ubersetzung  des  hohen 

367 


Liedes.  Dagegen  hatte  [Ernst]  Simon  das  Jona- Manuscript 
gesandt.  Ich  habe  es  noch  nicht  lesen  konnen.  Wann  darf  ich 
auf  Deine  Arbeiten  zahlen?  Den  SchluB  der  Wahlverwandt- 
schaftenarbeit  wirst  Du,  denke  ich,  im  Februar  erlialten. 
Hemmungen  im  Schreiben,  von  denen  Du  berichtest,  miissen 
oft,  wenn  ich  nicht  irre,  geradezu  Symptome  intensiver  und 
folgenreicher  Vertiefung  sein.  Und  wenn  Deine,  und  hof- 
fentlich  auch  Eschas,  Gesundheit  sich  vollig  wiederhergestellt 
hat,  werden  sie  auch  zuversichtlich  nichts  anderes  bedeuten 
oder  bedeutet  haben.  Aber  eben  deswegen  ware  es  mir  hochst 
willkommen,  davon  mehr,  naheres  zu  horen.  —  In  Berlin  ist 
man  sich,  um  doch  auf  meine  Reise  zuriickzukommen,  iiber 
eine  offenkundige  Veranderung  einig,  die  mit  mir  vorgegan- 
gen  sei.  Die  Exaltation,  mit  der  ich  mich  im  Fruhjahr,  unter 
Fasten  und  ahnlichen  Exerzitien  auf  sie  vorbereitet  und  sie, 
nicht  ohne  Doras  intensive  Unterstiitzung,  auBerlich  und 
innerlich  mir  erkampft  hatte,  war  nicht  umsonst.  Auch  die 
kommunistischen  Signale  —  sie  werden  Dir  eines  Tages  hof- 
f  entlich  praziser  zukommen,  als  von  Capri  aus  —  waren  zuerst 
Anzeichen  einer  Wendung,  die  in  mir  den  Willen  erweckt 
hat,  die  aktualen  und  politischen  Momente  in  meinen  Gedan- 
ken  nicht  wie  bisher  altfrankisch  zu  maskieren,  sondern  zu 
entwickeln,  und  das,  versuchsweise,  extrem.  Natiirlich  besagt 
das,  die  literarische  Exegese  der  deutschen  Dichtungen,  in 
der  es  im  besten  Falle,  wesentlich  zu  konservieren  und  das 
Echte  gegen  die  expressionistischen  Verf alschungen  zu  restau- 
rieren  gilt,  tritt  zuriick.  Solange  ich  nicht  in  der  mir  gemaBen 
Haltung  des  Kommentators  an  Texte  von  ganz  anderer  Be- 
deutung  und  Totalitat  gelange,  werde  ich  eine  „Politik"  aus 
mir  herausspinnen.  Und  freilich  hat  sich  dabei  meine  Uber- 
raschung  iiber  die  Beriihrung  mit  einer  extremen  bolsche- 
wistischen  Theorie  an  verschiedenen  Stellen  erneuert.  Es  ist 
sehr  schade,  daB  ich  eine  zusammenhangende  schriftliche 
AuBerung  iiber  diese  Dinge  noch  nicht  absehen  kann  und 
bis  dahin  vielleicht  noch  Gegenstand  Deiner  Spekulationen 
iiber  die  Wahlverwandtschaft  von  Walter  Benjamin  und 
Werner  Scholem4  bleibe.  Noch  weit  bedauerlicher  aber,  daB 
wir  uns  nicht  sprechen  konnen.  Denn  noch  steht  mir  keine 

368 


andere  Aufierungsform  in  dieser  Sache  zurVerfiigung.  Merk- 
wiirdig  und  unvorhergesehn  hat  sich  ergeben,  daB  der  Kern 
unserer  internationalen  Gesellschaft  auf  Capri  hier  wieder 
zusammen  ist,  etwa  vermindert  durch  Ernst  Bloch,  der  weiter 
in  Positano  haust.  [. . .] 

Erich  Unger  und  Adolf  Caspary  haben  ein  Werk  von 
30  Seiten  gegen  Schulreform  und  fur  das  humanistische 
Gymnasium  erscheinen  lassen5.  Der  Privatzauberer  Erwin 
Loewenson6  hat  eine  Metaphysik  der  Vortragskunst  in  einem 
Sammelbuch  zu  Ehren  von  Ludwig  Hardt  geschrieben7.  Der 
Privatdozent  David  Baumgardt8  ist  es  endlich  nach  Ein- 
reichung  der  vierten  Habilitationsschrift  iiber  „Baader  und 
die  romantische  Philosophie"  geworden.  Alle  hier  genannten 
Werke  habe  ich  nicht  gelesen,  empfehle  sie  aber  angelegent- 
lich  und  bin  gern  bereit,  sie  gegen  30  %  Zuschlag  zu  be- 
sorgen. 

Ein  Bild  von  Rang  habe  ich  nicht:  ich  will  sehen,  ob  ich 
Dir  eines  verschaffen  kann.  Ich  hatte  schon  langst  vor  Dir 
mitzuteilen,  dai3  er  gelegentlich  in  einem  Gesprach  iiber  die 
„Muhlen  am  Rande  des  Abgrunds"9  mich  auf  die  Edda  ver- 
wies,  wo  die  Miihle  als  Unterweltssymbol  eine  Rolle  spielt.  — 
Gestern  am  ersten  Chanukah- Abend  bekam  Stefan  eine 
Eisenbahn,  sowie  eine  herrliche  Indianer-Ausriistung,  eine 
der  schonsten  Spielzeugsachen,  die  seit  langem  auf  den  Markt 
gekommen  sind :  bunte  Federbtische,  Axte,  Ketten.  Da  jemand 
anders  ihm  zufallig  zum  gleichen  Tage  eine  Negermaske 
schenkte,  so  habe  ich  ihn  heute  friih  in  grandiosem  Aufzug 
auf  mich  zutanzen  sehen.  —  Bitte  schreibe  mir  recht  bald. 
Sowie  ich  meine  Arbeit  fertig  habe,  werden  meine  Briefe 
wieder  haufiger  werden.  Audi  vonAgnon10  schreibe  mir  bitte. 

Lebe  wohl  und  sei  herzlich  gegriifit 

Dein  Walter 

1  In  der  Weihnachtsnummer. 

2  Von  Hargrave  Jennings. 

3  Er  hiefi  Littauer. 

4  Ein  Bruder  Scholems,  der  damals  kommunistischer  Reichstagsabge- 
ordneter  war  und  1927  bei  der  Stalinisierung  der  KPD  ausgeschlossen 
wurde. 


369 


5  Die  Vergewaltigung  des  Gymnasiums  durcli  den  Geist  des  prakti- 
schen  „Lebens".  Bin.  1924. 

6  Uber  Loewenson  (geb.  1888  in  Thorn,  gest.  1963  in  Tel  Aviv)  siehe 
H.  Tramer,  Berliner  Fruhexpressionisten  im  Bulletin  des  Leo  Baeck 
Instituts  VI,  S.  245-254.  L.  lebte  sehr  zuriickgezogen. 

7  Ludwig  Hardts  Rezitation,  eine  neue  Kunstgattung,  in  „Ludwig 
Hardts  Vortragsbuch",  Hamburg  1924. 

8  Starb  1963  in  den  USA.  Bis  1953  Privatdozent  in  Berlin.  -  Von  den 
oben  genannten  vier  Personen  waren  Unger,  Loewenson  und  Baum- 
gardt  Bekannte  von  W.  B. 

9  Eine  im  Buch  Sohar  vorkommende  Metapher. 

10  Agnon  war  nach  Palastina  zuriickgekehrt  und  lebte  in  Jerusalem. 


139  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin,  30.  Dezember  1924 

Hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal! 

Das  Jahr,  das  zu  Ende  geht,  will  ich  nicht  verstreichen  lassen, 
ohne  mich  dankbar  zu  erinnern,  daB  es  mit  Ihrem  Anteil 
meine  Arbeit  bestatigt  hat.  Sie  werden  es,  so  hoffe  ich,.  nicht 
als  unziemlich  empfinden,  wenn  ich,  aus  dieser  Dankbarkeit 
heraus,  Ihnen  ein  gluckliches  kommendes  wiinsche. 

Ich  selbst  diirfte  vielleicht  riickblickend  das  vergangne  so 
nennen,  das  mir  mit  einem  langen  Auf  enthalt  in  Italien,  mit 
der  Begriindung  eines  festeren  Verhaltnisses  zu  einem  Ver- 
lage  (welches  ich  indirekt  den  „Neuen  deutschen  Beitragen" 
verdanke)  langgehegte  Wiinsche  erfiillte,  hatte  es  mir  nicht 
meinen  Freund  Christian  Rang  genommen.  Sie  sind,  wie 
Frau  Rang  mir  schrieb,  durch  einen  der  Sonne  von  dem  Tode 
verstandigt  worden.  Hatte  sie  dem  auch  die  Bitte  nicht  bei- 
gegeben,  daB  ich  meinerseits  die  Todesnachricht  Ihnen  uber- 
gabe,  so  wiirde  ich  doch  nun,  nachdem  einige  Zeit  verstrichen, 
vor  Ihnen,  hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal,  dieses 
Mannes  und  seines  so  bittern,  so  unzeitigen  Todes  gedenken 
wollen.  Niemals  hatte  man  von  ihm  als  einem  „Vollendeten" 
sprechen  kbnnen,  aber  das  Alter  zu  erleben,  schien  er  mir 
vorbestimmt  und  in  einer  Zeit,  da  es  fast  in  alien  um  seine 


370 


Wiirde  gekommen  ist,  sie  zu  erneuern.  Auf  Capri,  wo  wir 
zuletzt  zusammen  waren  und  seine  Gedanken  sich  sammelten 
wahrend  er  ausruhte,  sprach  er  von  der  Absicht,  Deutschland 
zu  verlassen,  die  politischen  Fragestellungen,  die  es  ihm  auf- 
notigte,  zu  meiden  und  in  der  Schweiz—  er  dachte  an  Zurich  — 
ganz  philosophischen  und  theologischen  Arbeiten  zu  leben. 
Die  Rettung  ihrer  umfangreichen  Vorstudien  in  die  Form 
des  „Nachlasses"  erscheint  besonders  schwer.  Fur  diejenigen, 
die  ihm  geistig  nahestanden,  gewinnt  durch  diesen  Sachver- 
halt  Ihre  Publikation  der  „Seligen  Sehnsucht"  *  eine  eigene 
Bedeutung.  Es  wiirde  diesen  Tod  noch  trauriger  fur  sie 
machen,  wenn  sie  sich  sagen  miiBten,  daB  nirgends  dieser 
Mann  mit  den  ihm  angelegensten  Gedanken  bei  Lebzeiten  zu 
Wort  gekommen  ware.  Dieses  Schicksal,  das  um  ein  geringes 
sich  vollzogen  hatte,  haben  Sie  abgewendet. 

Mit  freudiger  Spannung  sehe  ich  dem  nachsten  Heft  der 
„Beitrage"  entgegen;  die  Aufzeichnungen  von  [Carl  Jakob] 
Burckhardt2,  die  Sie  dort  fortzusetzen  versprechen,  haben 
mich  in  dem  letzten  ganz  besonders  gefesselt. 

In  aufrichtiger  Verehrung  verbleibe  ich  Ihr  sehr  ergebener 

Walter  Benjamin 

1  Im  1.  Heft  der  „Neuen  Deutschen  Beitrage". 

2  Carl  Jakob  Burckhardts  „Kleinasiatische  Reise".  -  Vgl.  audi  Hugo 
von  Hofmannsthal  u.  Carl  J.  Burckhardt:  Briefwechsel.  Frankfurt  am 
Main  1956.  S.  168  f. 


140  An  Gerhard  Scholem 

Frankfurt  a.  M.,  19.  Februar  1925 

Lieber  Gerhard, 

in  einem  Brief e  nach  Capri,  den  ich  oft  uberdacht,  ja  zitiert 
habe,  hast  Du  mir  geschrieben,  mit  groBter  Besorgnis  folgtest 
Du  mir  und  hattest  den  Eindruck  daB  nun,  da  das  AuBere 
sich  zu  ebnen  scheme,  meine  innern  Widerstande  gegen  die 

371 


Habilitation  die  Oberhand  behalten  wiirden.  Die  Diagnose 
ist  richtig,  die  Prognose,  hoffe  ich,  falsch.  Denn  immerhin 
ist  nun  derjenige  Teil  der  Arbeit  den  ich  einzureichen  ge- 
denke  in  der  Urschrift  und  zu  zwei  Dritteln  auch  in  hand- 
schriftlicher  Reinschrift  fertig.  Aber  jetzt  erst  sehe  ich,  mit 
wie  knapper  Not  das  alles  unter  Dach  und  Fach  gekommen 
ist  und  wie  die  Argo  so  wird  furchte  ich  auch  dieses  Ent- 
deckerschiff  lein  um  das  goldne  VlieB  der  barocken  Allegorese 
sein  Zeichen  abbekommen  von  zwei  aneinanderschlagenden 
Inseln  (Zykladen  heiBen  sie  wohl)  und  der  kraftig  geplante 
wohl  gezimmerte  bibliographische  Schwanz-  und  Steuerteil 
wird  dran  glauben  rmissen.  Nicht  als  ob  er  fortf alien  sollte; 
davon  kann  natiirlich  keine  Rede  sein,  Aber  ich  werde  die 
Sache  was  Seitenzahlen  Buchtitel  etc  in  diesen  Verweisen 
betrifft,  etwas  auf  Exaktheit  polieren  miissen,  sonst  werde  ich 
bei  der  don  quichotesken  Art  wie  ich  diesem  philologischen 
Teil  der  Sache  die  Ehre  geben  wollte,  nie  zu  Ende  kommen. 
Sowieso  werde  ich  den  Ablieferungstermin  beim  Verleger 

-  den  ersten  Marz  —  weit  iiberschreiten.  Ist  doch  der  SchluB 
der  Sache,  den  ich  ebenso  wie  den  groBten  Teil  der  Einlei- 
tung  in  Frankfurt  nicht  einliefere,  noch  nicht  geschrieben. 
Diese  Einleitung  ist  eine  maBlose  Chuzpe  —  namlich  nicht 
mehr  und  nicht  weniger  als  Prolegomena  zur  Erkenntnis- 
theorie,  so  eine  Art  zweites,  ich  weiB  nicht,  ob  besseres,  Sta- 
dium der  friihen  Spracharbeit,  die  Du  kennst,  als  Ideenlehre 
frisiert.  Ubrigens  werde  ich  mir  die  Spracharbeit  dafiir  noch 
einmal  durchlesen. 1  Sei's  wies  sei  ich  bin  f  roh,  diese  Einleitung 
geschrieben  zu  haben.  Ihr  urspriingliches  Motto  war:  „Uber 
Stock  und  liber  St  eine  /  Aber  brich  Dir  nicht  die  Beine" 

—  wahrend  jetzt  ein  so  beschaffnes  Motto  von  Goethe  dasteht 
(aus  der  Geschichte  der  Farbenlehre)  daB  den  Leuten  das 
Maul  offen  bleibt.  Dann  gibts  zwei  Teile  I  Trauerspiel  und 
Tragodie  II  Allegorie  und  Tragodie  und  einen  wiederum 
methodischen  SchluBteil.  I  und  II  je  in  drei  Teilen  mit  ins- 
gesamt  sechs  Mottos,  mit  denen  der  Leser  nichts  zu  lachen 
hat.  Motto  des  SchluBteils  von  Jean  Paul2,  die  sechs  mittle- 
ren  aber  alle  hanebiichensten  Barockschmbkern  entnommen. 
Einige  kleine  Vorleseproben  fielen  imposant  aus.  Ich  habe  ja 

572 


liber  der  Arbeit  jeden  MaBstab  verloren.  Eine  neue  Trago- 
dientheorie  gibt  es  audi;  sie  ist  zu  einem  groBen  Teil  von 
Rang.  Daselbst  ist  nachhaltig  Rosenzweig  zitiert  worden, 
sehrzu  [Gottfried]  Salomons3  MiBvergniigen,  der  behauptet, 
das  alles  —  was  Rosenzweig  uber  Tragik  sagt  —  stiinde  schon 
bei  Hegel.  Und  vielleicht  ist  es  nicbt  unmoglich.  Ich  habe  die 
vollstandige  „Asthetik"  nicht  einsehen  konnen.  —  Aber  diese 
Arbeit  ist  fur  mich  ein  SchluB  —  um  keinen  Preis  ein  Anfang. 
Bereits  mit  der  nachsten,  zu  der  ich  mich  dem  Verleger  ver- 
pflichtet  habe,  der  „Neuen  Melusine"  will  ich  ins  Romantische 
zuriick  und  (vielleicht  schon)  ins  Politische  voran;  ganz 
anders  polar  arbeiten,  als  in  dem  mir  nun  zu  temperierten 
Klima  der  Barockarbeit,  wiewohl  sie  auf  andere  nicht  ganz 
so  temperiert  wirken  diirfte.  Aber  im  Augenblick  muB  ich 
nun  die  lauliche  Luft  einatmen:  dazu  bin  ich  hergekommen: 
habe  auch  gleich  den  schonstenGrippenschnupfenbekommen. 
Es  ist  die  Frage,  ob  ich  Schultz  vor  seiner  Abreise  noch  etwas 
einhandigen  kann;  die  Schreibmaschinenschrift  ist  eben  erst 
begonnen  worden.  Jedenfalls  stelle  ich  mich  ihm  demnachst 
vor.  Die  Dinge  liegen  nicht  ungunstig:  Schultz  ist  Dekan; 
auch  sonst  ist  einiges  praktisch  gelagert.  Vor  fast  allem, 
was  mit  dem  glucklichen  Ausgang  gegeben  ware,  graut  mir: 
Frankfurt  voran,  dann  Vorlesungen,  Schiller,  etc.  Dinge,  die 
die  Zeit  morderisch  angreifen,  da  ohnehin  ihre  Okonomie 
nicht  meine  starkeSeite  ist,  sehr  vielgestaltige  Verlagsangele- 
genheiten,  eigene  Arbeiten  -  Melusine,  dann  Politik  -  zu 
machen  sind,  und  endlich,  wenn  iiberhaupt,  dann  bald  mit 
dem  Hebraischen  Ernst  gemacht  werden  muB.  Vorlaufig  bin 
ich  bestrebt,  den  hiesigen  Wind  von  alien  Seiten  in  meinen 
Segeln  zu  fangen  und  habe  mich  zu  guterletzt  auch  noch  um 
die  Redaktion  einer  Radiozeitschrift,  genauer  eines  Beiblat- 
tes,  beworben.  Diese  Arbeit  ware  nebenamtlich  zu  machen, 
wird  aber  wegen  Honorardifferenzen  wohl  nicht  so  leicht  mir 
zufallen.  Die  Sache  ist  die,  daB  Ernst  Schoen  hier  seit  Mona- 
ten  eine  bedeutende  Stelle  als  Manager  des  Frankfurter 
„Rundfunk"-Programms  hat  und  sich  fur  mich  verwendet. 
Hier  quatschen  alleUniversitatslehrer  durch  denRundfunketc. 
Den  Tod  Deines  Vaters  ersah  ich  zufallig  aus  der  Anzeige 

373 


in  der  Zeitung.  Tritt  eine  Anderung  Deiner  auBern  Lage 
ein?  —  Ich  will  nun  teils  auf  Deinen  Brief,  teils  noch  auf 
meine  Arbeiten  kommen.  Was  Agnon  betrifft,  so  habe  ich  in 
dem  Sinne,  in  welchem  wir  es  in  Frankfurt  einmal  erwogen 
haben,  vor,  in  der  „Neuen  Melusine"  auf  Biegen  oder  Bre- 
chen  des  „Rabbi  Gadiel"  zu  gedenken.  Wenn  es  audi  aus- 
fiihrlich.  vielleicht  nicht  sein  kann,  so  soil  es  doch  auf  eine 
Art  geschehen,  die  ihm  gut  tut.  Und  Muri  [.  .  .]  endlich: 
mein  Barockbuch  betreffend,  so  kannst  Du  denken,  mit  wel- 
cher  Ungeduld  ich  es  in  Deiner  Hand  erwarten  werde.  Streng 
genommen  und  unter  uns  geredet  hat  es,  mit  Rangs  Tod, 
seinen  eigentlichen  Leser  verloren.  Denn  wer  wird  an  diesen 
abseitigen  und  sehr  verschollnen  Dingen  ganzen  Anteil  neh- 
men  konnen?  Ich,  als  der  Autor,  bin  heute  vielleicht  dazu  der 
letzte  (im  negativen  Sinn:  tue  es  nicht).  Aber  es  bleibt  genug, 
wovon  mir  hochst  wichtig  ist,  Dein  Echo  zu  vernehmen.  Und 
manchmal  fasse  ich  ein  Zutrauen,  daft  das  Ganze  —  wenns 
nur  erst  da  ware  —  rund  und  sonderbar  ausgefallen  ist.  Eine 
schwere  Kugel,  alle  Neune  damit  zu  schieben  —  und  SchluB. 
Leider  kann  ich  Rosenkreuzerisches  nicht  mehr  beriicksich- 
tigen. 

Lektiire  hat  es  sonst  wenig  gegeben.  Incredibile  dictu:  Das 
neue  Buch  von  Thomas  Mann:  Der  Zauberberg  fesselt  mich 
durch  schlechthin  souverane  Mache.  Sonst  gibt  es  „  Cory  don" 
von  Andre  Gide  —  gescheute  und  kuragierte  Dialoge  iiber  die 
Knabenliebe,  den  en  aber  gar  zu  sehr  das  attische  Salz  fehlt. 
[.  .  .]  Lukacs  hat  ein  Buch:  „Lenin"  gemacht.  Kennst  Du  es? 
Bloch  schreibt  aus  Karthago.  Du  also  besteige  denn  die  Wart- 
tiirme  Jerusalems  und  schaue  um  Dich. 

Meine  Bibliomanie  geht  seltsam  —  mir  erklarlich  —  zu- 
riick.  Seit  Monaten  kaufte  ich  nichts.  Was  ich  sparen  kann, 
das  war  bisher  nicht  viel,  will  ich  dem  Reisen  widmen  und 
zuschlagen.  Aber  die  letzte  Anschaffung  war  epochal.  Der 
deutsche  Tasso  von  Paris  von  dem  Werder  Frankfurt  a/M 
1624. 

Fur  heute  habe  ich  denn  alles  untergebracht.  Mit  „sympa- 
thetischer"   Tirite  geschrieben  bedecken  GruB  —  und  gute 

374 


Wiinsche  den  Rest  des  Bogens.  Drohungen  schlieBen  sich  an, 
fiir  den  Fall,  dafi  Deine  Antwort  auf  sich  warten  lass  en  sollte. 

Dein  Walter 

1  In  der  Tat  sind  Satze  aus  der  damals  ungedruckten  Spracharbeit  in 
das  Trauerspielbuch  wortlich  ubernommen  worden,  vor  allem  im 
Schluftabsatz. 

2  Dieser  SchluBteil  ist  bei  der  Reinschrift  ausgefallen. 

3  Damals  Privatdozent  der  Soziologie  in  Frankfurt  (1892-1964). 


141  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  6.  April  1925 

Lieber  Gerhard, 

wiewohl  von  Neuigkeiten  wenig  vorliegt  und  dieser  Brief 
—  ich  hoffe  —  Deinen  nachsten  kreuzen  wird,  will  ich  doch 
wieder  einmal  Nachricht  geben.  Frankfurt  hat  triibe  auf  mir 
gelegen,  teils  wegen  der  daselbst  zu  absolvierenden  zum  gro- 
flen  Teil  mechanischen  Arbeit  des  Diktats,  der  Bibliographic 
und  andrer  technischer  Dinge,  teils  wegen  des  mir  so  beson- 
ders  verhaBten  Stadtlebens  und  Stadtbildes  an  diesem  Ort, 
endlich  durch  die  nicht  unerwartete,  dennoch  entnervende 
Unzuverlassigkeit  der  meine  Angelegenheit  entscheidenden 
Instanz.  Dieser  Professor  Schultz,  der  wissenschaftlich  wenig 
bedeutet,  ist  ein  gewiegter  Weltmann,  der  wahrscheinlich  in 
manchen  literarischen  Dingen  eine  bessere  Nase  hat  als  junge 
Cafehaus-Besucher.  Aber  mit  dieser  Affiche  seiner  intellek- 
tuellen  Talmi-Kultur  ist  auch  bereits  erschbpfend  uber  ihn 
gehandelt.  In  jeder  andern  Hinsicht  ist  er  mittelmaBig,  und 
was  an  diplomatischem  Geschick  ihm  eignet,  wird  durch  eine 
HasenfuBigkeit  paralysiert,  die  sich  in  korrekten  Formalis- 
mus  kleidet.  Uber  die  Aufnahme  meiner  Arbeit  weiB  ich  noch 
nichts  oder  besser  gesagt,  noch  nichts  Gutes.  Als  ich  eine 
Woche  nach  Einlieferung  des  ersten  Teils  den  zweiten  ihm 
iibergab,  fand  ich  ihn  kiihl  und  heikel,  iibrigens  offenbar 
wenig  informiert.  Er  hatte  sich  wohl  nur  mit  der  Einleitung, 

375 


dem  sprodesten  Teil  des  Ganzen,  befaBt.  Danach  reiste  ich 
hierher  und  indessen  ist  er,  sei  es  selbst  verreist,  sei  es  in  eine 
vorsichtige  Verborgenheit  getaucht,  aus  der  ihn  [Gottfried] 
Salomon  nicht  aufzuspiiren  vermochte.  —  Wenn  er  vor  andert- 
halb  Jahren  mir  die  sehr  genaue  Hoff  nung  gab  -  wenn  audi 
nicht  das  bindende  Versprechen  —  auf  Grund  einer  neuen 
dementsprechenden  Arbeit  meine  Habilitation  fur  Literatur- 
geschichte  zu  befiirworten,  so  zog  er  jetzt,  noch  vor  Ein- 
lieferung  der  Arbeit,  zuriick  und  pladierte  fiir  Asthetik,  bei 
welcher  Sachlage  seine  Stimme  natiirlich  nicht  ganz  so  maB- 
gebend  bleibt.  Wie  dem  nun  sei  —  von  einer  Habilitation 
kann  nur  die  Rede  sein,  wenn  er  mit  groBter  Verve  fiir  mich 
eintritt.  Wiewohl  ein  abenteuerlich  genauer  Apparat  sein 
Staunen  weckte,  kann  ich  das  mit  GewiBheit  nicht  erwarten. 
Denn  schlieBlich  spielt  tausenderlei  hinein,  und  auch  Ressen- 
timent.  Wie  er  dannzu  Salomon,  sogar  mit  anstandiger  Selbst- 
ironie  auBerte,  das  einzige,  was  er  gegen  mich  habe,  ware, 
daB  ich  nicht  sein  Schiiler  sei.  Die  ganze  Arbeit  kennt  bisher 
nur  Salomon,  der  sich  denn  auch  meiner  Ansicht,  daB  sechse 
sich  damit  habilitieren  konnten,  nicht  verschlieBt.  Von  der 
erkenntnistheoretischen  Einleitung  habe  ich  nur  die  zweite, 
zahmere  Halfte  eingereicht.  Meine  urspninglich  festgefaBte 
Absicht,  der  inoffiziellen  Einleitung  einen  gleichbeschaff enen 
SchluB  entsprechen  zu  lassen,  wird  sich  wohl,  trotzdem  die 
Forderung  der  Symmetric  und  sonst  Formales  im  Aufbau 
dafiirsprache,  nicht  verwirklichen.  Die  Steigerung,  die  ich  in 
dem  AbschluB  des  Hauptteils  erreiche,  ware  nicht  zu  iiber- 
holen  und  um  den  methodischen  Gedankengangen  iiber  „Kri- 
tik",  die  ich  plante,  die  Kraft,  nach  diesem  AbschluB  nach  zu 
f  olgen  zu  verleihen,  ware  eine  wreitere  Arbeit  von  Monaten 
erforderlich,  der  en  Resultat  dann  durch  den  Umfang  leicht 
den  ganzen  Bau  erdriicken  kbnnte.  Zudem  muB  das  Manu- 
skript  endlich  in  die  Druckerei.  Das  wird  in  einigen  Tagen 
stattfinden  miissen.  - 

Bloch  siehst  Du  nicht.  Begreiflich :  er  ist  seit  vier  Wochen 
wieder  hier,  da  der  Mieter  seines  Hauses,  der  mit  phanta- 
stisch  hohen  Raten  seinen  afrikanischen  Aufenthalt  zu  finan- 
zieren  hatte,  dieser  Verpflichtung  sich  entzog.  So  muBt  Du 

376  . 


Dir  an  [Ernst]  Toller  geniigen  lassen.  Ubrigens,  wie  keiner 
Deiner  Briefe  ohne  verheiBungsvolle  Ratsel  zu  sein  pflegt,  so 
haben  mich  auch  die  vier  Punkte,  die  den  Rezensenten  von 
„durch  die  Wiiste"  vertreten,  gespannt  und  ich  vermutete 
einen  Augenblick,  das  seist  Du.  Hoffentlich  geht  es  mir  nicht 
wie  mit  einer  friiheren  Konjektur,  zu  der  geheimnisvolle 
Auslassungen  iiber  Karl  Kraus  und  Zionismus  mich  veran- 
laBten.  Ich  erwarb  das  beschrieene  (oder:  beschreite)  August- 
heft  der  Fackel  von  1924  und  fand  statt  eines  imaginierten 
Brief  es  von  Dir  an  K.  K.  feige  und  mittelmaBige  Scherze  iiber 
Palastina.  „Alchemie  und  Kabbala"  war  hochwillkommen. 
Wann  erscheint  der  SchluB  ?  DaB  ich  „nach  RedaktionsschluB" 
nichts  Rosenkreuzerisches  meiner  eignen  Arbeit  mehr  ein- 
verleiben  kann,  schrieb  ich  Dir  wohl.  Zudem  habe  ich  das 
wissenschaftliche,  zumal  das  bibliographische  Arbeiten  nicht 
etwa  durch  das  hohe  MaB  oder  die  „Tiefe"  des  Nachdenkens 
sondern  durch  eine  Akribie  aus  vertrackten  Hintergr linden 
iiberspannt  und  bin  auf  tolle  Weise  den  Verlockungen  der 
herrlichen  Friihlingssonne  preisgegeben.  Das  Reisegift  das 
ich  im  vorigen  Jahre  mir  injiziert  habe,  wirkt  nun  -  ein  Jahr 
nachdem  ich  sie  antrat  -  aufs  neue  und  ich  bin  bei  weitern 
Reiseplanen.  Aber  ihre  Moglichkeit  ist  nicht  gesichert.  Dabei 
lage  —  und  trotz  allem :  liegt  —  dringende  Arbeit  vor  mir.  Die 
„Neue  Melusine"  muB  vorbereitet  werden.  Hofmannsthal 
f  orderte  ein  privates,  personliches  Gutachten  iiber  den  „Turm" , 
eine  Umdichtung  von  Calderons  „Leben  ein  Traum",  die  er 
herausbrachte;  die  Absolvierung  dieser  Arbeit  plane  ich  mit 
einer  publizistischen  zu  verbinden.  Eine  neue  Revue  fur  lite- 
rarische  Kritik  bei  Rowohlt  erbittet  meine  standige  Mitarbeit 
und  ich  gedenke  zunachst  eine  Rezension  des  „Turms"  ein- 
zuliefern 1  [. . .]  Thomas  Mann  publiziert  im  letzten  Heft  der 
„Neuen  Rundschau"  einen  kleinen  Essay  iiber  „Goethes  Wahl- 
verwandtschaften"  2.  Ich  habe  ihn  noch  nicht  gelesen.  Aber  er 
ist  mir  auf  fall  end  durch  eine  sich  in  letzter  Zeit  oft  und  oft 
erneuernde  Begegnung  mit  diesem  Autor.  Ich  weiB  kaum, 
wie  ich  es  anstellen  soil,  Dir  mitzuteilen,  daB  dieser  Mann, 
den  ich  gehaBt  habe  wie  wenige  Publizisten,  mit  seinem 
letzten  groBen  Buch,  dem  „Zauberberg'\  das  mir  in  die 

377 


Hande  fiel,  mir  geradezu  nahe  gekommen  ist;  mit  einem 
Buche,  in  dem  [m]ich  untriiglich  Eigenstes,  was  mich  bewegt 
und  immer  bewegte,  auf  eine  Art,  die  ich  streng  kontrollie- 
ren  kann  und  gelten  lassen,  ja  in  Vielem  sehr  bewundern 
muB,  angesprochen  hat.  Es  ist,  so  wenig  anmutig  dergleichen 
Konstruktionen  sind,  mir  dennoch  nicht  anders  denkbar,  ja 
schlechtweg  sicher,  daB  iiber  dem  Schreiben  eine  innere  Wand- 
lung  mit  dem  Verfasser  sich  vollzogen  haben  muB.  —  Ob  er 
meine  Arbeit  iiber  die  Wahlverwandtschaften  kennt,  weiB 
ich  noch  nicht.  Immerhin  vermag  ich  in  seiner  gegenwartigen 
AuBerung  iiber  das  Buch  nicht  mehr  etwas  schlechthin  Zu- 
f alliges  zu  sehen.  Sonst  muB  ich  dieses  Thema  fallen  [lassen] : 
es  ist  einer  brief  lichen  Mitteilung  nicht  angemessen.  Am 
vorletzten  Abend  in  Frankfurt  suchte  mich  der  Direktor  der 
Bremer  Presse,  Dr.  Wiegand  auf,  um  mich  fur  eine  Aus- 
wahl  aus  Wilhelm  von  Humboldt  zu  gewinnen.  Ich  sagte 
ihm,  daB  ich  vertraglich  gebunden  sei,  zudem  aber  in  diese 
Tiefen  der  deutschen  Klassik  mich  nicht  einlassen  konne.  Ich 
will  mit  den  hebraischen  Stunden  demnachst  beginnen.  Ver- 
schiedene  Umstande  machen  es  mir  unmoglich,  mich  in  der 
Sache  mit  Gutkinds  in  Verbindung  zu  setzen.  Ich  mochte 
Dich  hiermit  dringend  gebeten  haben,  mir  sowohl  fur  Berlin 
wie  fur  Frankfurt  eine  Vertrauensperson  zu  nennen,  an  die 
ich  mich  wenden  kann.  Sei  es,  daB  diese  selbst  den  Unterricht 
ubernahme,  sei  es,  daB  sie  fur  einen  geeigneten  Lehrer  Sorge 
tragen  wiirde.  Hierauf  bitte  ich  Dich  um  moglichst  post- 
wendende  Antwort. 

Von  Dir  erhoffe  ich  eine  Antwort  auf  meine  Briefe,  ver- 
bunden  mit  instruktiven  Gloss  en  zur  Eroffnung  der  Univer- 
sitat. 

Die  herzlichsten  GriiBe  Dein  Walter 

1  Erschien  in  der  „Literarischen  Welt"  vom  9.  April  1926. 

2  NR,  April  1925,  S.  391-401.  Unbeeinfluflt  von  W.B.s  Gedanken. 


378 


142  An  Gerhard  Scholem 

Frankfurt  a.  M.  [ca.  20.-25.  Mai  1925] 

Lieber  Gerhard, 

ich  sitze  wieder  in  Frankfurt,  in  einer  der  ewigen  Warteperi- 
oden,  in  welche^pich  die  hiesige  akademische  Unternehmung 
gliedert,  wenn  nicht  auflost.  Seit  einer  Woche  liegt  mein 
f ormelles  Habilitationsgesuch  bei  der  Fakultat.  Meine  Chan- 
cen  sind  so  unerheblich,  daB  ich  mit  der  Bewerbung  bis  zu- 
letzt  gezogert  habe.  Denn  indem  die  Habilitation  fur  deutsche 
Literaturgeschichte  mir  wegen  meiner  „Vorbildung"  zuletzt 
und  unwiderruflich  als  unmoglich  erklart  wurde,  war  ich  auf 
„  Asthetik"  verschlagen  und  hier  drohen  von  neuem  die  Wider- 
stande  von  [Hans]  Cornelius.  Denn  er  hat  einen  Lehrauftrag 
fur  „AUgemeine  Kunstwissenschaft",  welche  mit  der  Asthe- 
tik zusammen  in  einem  Fach  rangiert.  Dazu  kommt  die  Un- 
zuverlassigkeit  von  Schultz,  der  sichzwarmirgegeniiberkeine 
BlbBe  geben  will  und  uber  die  Arbeit  einige  kurze  Worte 
notgedrungen  hochster  Anerkennung  fallen  lieB,  aber  auch 
keine  Lust  hat,  sich  anzustrengen.  So  kann  derzeit  kein 
Mensch  sagen,  was  dabei  herauskommt.  Ich  zahle  in  der 
Fakultat  eine  Anzahl  wohlwollend  neutraler  Herren,  weiB 
aber  niemanden,  der  die  Sache  eigentlich  fiihren  sollte.  Wird 
die  Sache  vornherein  abschlagig  beschieden,  so  weiB  ich  es  in 
wenigen  Tagen.  Wahrscheinlicher  ist,  daB  eine  Kommission 
bis  Ende  des  Semesters  an  der  Arbeit  sitzen  wird  und  ich  froh 
sein  muB,  wenn  es  vor  den  Sommerferien  noch  zur  Entschei- 
dung  kommt.  Freilich  werde  ich  wohl  unter  diesen  Umstan- 
den  kaum  die  ganze  Zeit  hier  sitzen,  sondern  die  Wartezeit, 
wenn  irgend  moglich  in  Paris,  sonst  in  Berlin  abmachen.  Die 
Angel egenheit  von  welcher  Seite  ich  sie  auch  sehe,  bleibt 
dubios  selbst  vom  materiellen  Standpunkt  aus.  Die  eigent- 
liche  Universitatskarriere  einzuschlagen,  liegt  mir  ferner  und 
f  erner,  aus  tausend  Griinden.  „  Asthetik"  ist  einer  der  schlech- 
testen  Starts  —  zudem  —  fur  diese  Laufbahn.  Und  alles  was 
schlieBlich  absehbar  ist,  sind  180  M  monatlicher  „Beihilfe". 

379 


Aber  irgend  ein  Gewicht,  das  all  dies  schon  kaum  mehr  besafi, 
hat  es  wieder  erhalten,  durch  die  miserable  Wendung  meiner 
Vermogens-  oder  vielmehr  Einkommensverhaltnisse.  Mein 
Verleger  hat  namlich,  ohne  auch  nur  ein  einziges  Buch  zum 
Erscheinen  gebracht  zu  haben,  Bankrott  gemacht.  Die  an- 
sehnlichen  Schulden  betrugen  55  000  M,  denen  nichts  gegen- 
iiberstand.  Andere  sind  schwerer  als  ich  betrogen,  dem  er  doch 
zumindest  einige  Zahlungen  gemacht  hat,  wahrend  sie  ihr 
Geld  an  einen  wagemutigen  jungen  Mann  verloren  haben, 
der  mit  Gliick  etwas  hatte  erreichen  konnen,  im  Ungliick  aber 
dermaBen  den  Kopf  verloren  hat,  daB  er  ganz  comme  il  faut 
nach  eroffnetem  Bankrott  ein  Sanatorium  aufgesucht  hat. 
Einige  Wochen  spater  ist  Dora  in  einer  ertraglichen  und  er- 
tragreichenNeben-Stelle,  die  sie  neben  ihrer  Hauptstelle  inne 
hatte,  gekiindigt  worden.  Das  alles  liegt  iiberaus  ungliicklich. 
Noch  zeigt  sich  nichts  Besseres.  Einiges  Kleinere  ist  in  diesem 
Zusammenhange  kaum  zu  zahlen:  so  wirst  Du  in  einigen 
Wochen  von  mir  und  einer  Capreser  Bekannten  in  der  Frank- 
furter Zeitung  einen  Essay  „Neapel"  lesen,  der  im  Satz  ist1. 
Von  August  ab  wird  als  Wochenzeitschrift  ein  Journal  „die 
literarische  Welt"  bei  Rowohlt  erscheinen,  an  der  ich  nicht 
nur  mit  einem  standigen  Referat  liber  neuere  franzosische 
Kunsttheorie  beteiligt  bin,  sondern  welches  ich  als  Publika- 
tionsorgan  fur  Muri  gewonnen  habe.  Die  Bestande  der  Bi- 
bliothek  werden  daselbst  unter  den  iibrigen  „Buchereingan- 
gen"  und  zwar  zum  Teil  mit  eigens  hierfiir  verfaBten 
Besprechungen  eingereicht  werden.2  Diese Kritiken,  wie  wohl 
auch  einige  der  Titel,  werden  Dir  neu  sein.  So  eroffne  ich  mit 
einem  Daublerschen  Reisebericht  „Athos  und  Atheisten" 
—  einem  Nachweis,  daB  die  sogenannten  Atheisten  keine 
Gottesleugner  sondern  eine  uralte  fromme  Monchsgemein- 
schaft  vom  heiligen  Berge  Athos  gewesen  seien.  Der  letzte 
Teil  meiner  neuen  Arbeit  wird  unter  dem  Titel  „Konstruk- 
tion  der  Trauer"  in  einem  Jahrbuch  des  Verlages  Cassirer, 
in  dem  auch  meine  Kritik  vom  „Geist  der  Utopie"  steht,  im 
Laufe  des  Sommers  erscheinen.  Jetzt  bin  ich  an  einer  kuri- 
osen  franzosischen  Dichtung  „L'Anabase",  dem  Werk  eines 
jungen  Pseudonyms3,  das  ich  in  Stellvertretung  von  Rilke 

380 


ubersetze.  Urspriinglich  war  dieser  namlich  zum  Verdeut- 
scher  ausersehen.  Aber  er  hat  sich  mit  aller  Bewunderung 
davon  zuriickgezogen  und  will  nur  eine  Vorrede  zur  spatern 
Publikation  schreiben.  Ich  halte  das  Ding  fur  unbetrachtlich. 
Die  Ubersetzung  ist  auBerordentlich  schwer,  doch  lohnt  es 
sich,  da  das  kurze  „Gedicht  in  Prosa"  ganz  anstandig  hono- 
riert  wird.  Als  Verlag  ist  die  Insel  vorgesehen.  Diese  Uber- 
setzung hat  mir  Hofmannsthal  durch  eine  Intervention  in 
Paris  verschafft,  (Er  war  im  Friihjahr  in  Tunis  und  reiste 
iiber  Paris  zuriick).  An  einem  der  letzten  Tage  meines  vori- 
gen  Aufenthalts  hier  kam  (sozusagen  in  Hofmannsthals  Auf- 
trag)  der  Leiter  der  Bremer  Presse  zu  mir.  [  .  .  .]  Diese  hochst 
chancenreiche  Begegnung  habe  ich  ungenutzt  voriibergehen 
lassen,  ja  sogar— im  sicheren  Gefuhl  meines  ja  nun  abgenutz- 
ten  Vertrages  —  gesprachsweise  und  in  der  Kritik  von  Hof- 
mannsthals Intentionen  mich  viel  zu  weit  vorgewagt.  Der- 
gestalt  habe  ich  jetzt,  da  mir  an  der  Aufnahme  derBeziehungen 
enorm  liegen  muB,  sehr  verminderte  Chancen  und  ich  weiB 
nicht,  welchenErfolg  verschiedene  Versuche  erlangen,  die  ich 
in  dieser  Hinsicht  mir  vorsetze.  Ich  habe  hier  eine  der  nicht 
allzu  zahlreichen  Dummheiten  meines  Lebens  zu  beklagen. 
Der  Bremer  Presse  will  ich  fur  die  nachste  Nummer  ihrer 
Zeitschrift  eine  Arbeit  uber  Tiecks  „Blonden  Eckbert",  die 
ich  schreiben  will  -  eine  Sache  vermutlich  von  wenigen  Sei- 
ten  —  antragen, 

[. . .] 

Soviel  iiber  die  tiefbetnibliche  Kollision  literarischer  und 
dkonomischer  Vorhaben.  Im  Biicherverzeichnis  der  gelesenen 
Schriften,  das  ich  etwa  seit  dem  Abiturium  fiihre,  nahere  ich 
mich  der  Jubilaumszahl  1000  4.  Die  letzten  Etappen  waren: 
Der  Zauberberg  von  Thomas  Mann  —  Geschichte  und  Klas- 
senbewuBtsein,  eine  auBerordentliche  Sammlung  von  Lukacs 
politischen  Schriften  -  Paul  Valery:  Eupalinos  ou  l'archi- 
tecte,  die  einzige  schbne  und  bedeutende  Schrift  in  der  Form 
des  platonischen  Dialoges,  mit  Sokrates  in  der  Mitte,  die  ich 
auBer  den  Originalschriften  kenne.  Ich  werde  sie  in  der  „Lrte- 
rarischen  Welt"  anzeigen.  Fur  mich  hangt  alles  davon  ab, 
wie  sich  die  verlegerischen  Beziehungen  gestalten.  Wenn  mir 

381 


da  nichts  gliickt,  so  werde  ich  meine  Beschaftigung  mit  marxi- 
stischer  Politik  wahrscheinlich  beschleunigen  und  -  mit  der 
Aussicht  in  absehbarer  Zeit  mindestens  vorubergehend  nach 
Moskau  zu  kommen  -  in  die  Partei  eintreten.  Diesen  Schritt 
werde  ich  iiber  kurz  oder  lang  wohl  auf  alle  Falle  tun.5  Der 
Horizont  meiner  Arbeit  ist  nicht  mehr  der  alte  und  ich  kann 
ihn  nicht  kunstlich  verengen.  Natiirlich  ist  es  zunachst  ein 
ungeheuerlicher  Konflikt  der  Krafte  (meiner  individuellen), 
in  den  dies  und  das  Studium  des  Hebraischen  treten  miissen 
und  eine  grundsatzliche  Entscheidung  sehe  ich  nicht  ab,  son- 
dern  muB  das  Experiment  machen,  hier  oder  dort  zu  begin- 
nen.  Die  Totalitat  des  dunkel  oder  heller  von  mir  erahnten 
Horizonts  kann  ich  nur  in  diesen  beiden  Erfahrungen  ge- 
winnen.  — 

Hier  habe  ich  eine  mehrtagige  Pause  eintreten  lassen. 
Meine  Angel egenheiten  sind  indessen  nicht  weiter  geriickt, 
Heute  abend  diirfte  sie  in  einer  Fakultatssitzung  vorkom- 
men.  Meine  Hoffnung  stimme  ich  zusehends  mehr  herab;  die 
Ressortfrage  liegt  zu  schwierig.  Vor  zwei  Jahren  hatte  ich 
angesichts  dieser  Lage  der  Dinge  die  heftigste  moralische 
Entriistung  aufgebracht.  Heute  durchschaue  ich  den  Mecha- 
nismus  dieser  Institution  zu  sehr  um  das  zu  vermogen,  Vor 
einigen  Tagen  lernte  ich  in  Gesell'schaft  Professor  [Joseph] 
Horovitz  kennen,  mit  dem  Du  ja  unten  auch  gesprochen  hast. 
Viel  konnte  ich  mit  ihm  nicht  reden,  aber  weniges,  was  er 
iiber  die  Eroffnung  der  Universitat  sagte,  beruhrte  sich  mit 
Deinem  Bericht  nahe.  Diese  Mitteilungen,  die  Du  mir  machst, 
haben  mich  sehr  interessiert:  ganz  besonders  aber  Deine  An- 
deutungen  iiber  den  Konflikt  des  sozialistischen  Siedlungs- 
systems  mit  den  amerikanischen  Geldgebern.  Ich  werde  Dir 
immer  dankbar  f iir  weitere  Berichte  aus  diesem  Gesichtspunkt 
sein  und  in  jedem  Sinn  ist  es  mir  wesentlich,  wenn  ich  hbre, 
wie  Du  unter  der  besorgten  Erwartung  von  den  Wirkungen 
intensiver  kapitalistischer  Kolonisation  die  weiteren  Ereig- 
nisse  beurteilst.  Nicht  ganz  bis  ins  einzelne  durchsichtig  ist 
mir  Deine  Bemerkung  iiber  die  „scheintot"  tradierte  Sprache, 
die  im  Munde  der  neuen  Generation  als  lebendiges  und  ver- 
wandeltes  Hebraisch  sich  gegen  die  Sprechenden  zu  kehren 

382 


droht.  Vielleicht  ist  es  Dir  moglich,  ein  weiteres  Wort  dazu 
zu  sagen.  Komm  Du  diesem  Wunsch  nach,  wenn  auch  ich 
mich  nicht  postwendend  iiber  das  „Wahrnehmungsproblem"6 
vernehmen  lassen  kann.  Einmal  habe  ich  mich  lange  nicht 
mehr  damit  beschaftigt.  Neulich  wollte  ich  einmal  „Zur 
Phanomenologie  der  Wahmehmung",  ein  Buch  von  Moritz 
Schapp7  das  Dir  vielleicht  bekannt  ist,  (aus  der  Linke-Zeit), 
lesen;  aber  ich  hatte  die  Zeit  nicht.  Dann  imifite  ich  auch 
wissen,  zu  welchen  Stellen  Dir  die  Erlauterungen  besonders 
dringlich  scheinen.  Und  endlich  werde  ich  nicht  Unrecht 
haben,  wenn  ich  in  dieser  Deiner  Wifibegier  auch  den  huma- 
nen  Ausdruck  bedenklicher  Er-  und  Abwagung  des  von  mir 
sub  III  VerfaBten  mutmaBe.  Dariiber  fordere  wiederum  ich 
Dich  zu  unerschrockner  Einbekennung  auf .  —  Enthalte  mir 
bitte  die  Glossen  zu  „ Rabbi  Gadiel  das  Kind"  nicht  vor.  Ist 
der  SchluB  von  „Alchemie  und  Kabbala"  schon  heraus,  so 
veranlasse  bitte  die  Sendung  an  mich.  Den  ersten  Teil  las  ich 
aufmerksam;  da  die  Arbeit  philologisch  ist,  entnahm  ich  ihr 
naturlich  nicht  allzuviel;  ihr  Wesentliches  liegt  aufierhalb 
meines  Bildungskreises.  Besitzen  aber  mochte  ich  sie.  Die 
(sozusagen  „synthetischen")  Reflexionen  zum  Bahir,  aus 
denen  Du  eine  Einleitung  des  Buches  zu  bilden  gedachtest, 
haben  sich  vorerst  wohl  in  die  unter  „horbarem  Seufzen" 
angelegte  Mappe  verkrochen? 

Dieser  Tage  geht  das  Manuskript  meines  Trauerspiel- 
buches  an  Hofmannsthal.  —  Meine  augenblickliche  Beschafti- 
gung  gilt  —  neben  der  Ubersetzung  aus  dem  Franzosischen 
und  gelegentlichenArbeiten-  dem  Marchen  als  Vorbereitung 
der  Arbeiten  liber  den  blonden  Eckbert  und  die  Melusine.  Im 
stillen  hege  ich  die  Meinung,  iiber  die  Schonheit  der  Mar- 
chen imiBte  Neues  und  (Jberraschendes  sich  aussprechen  las- 
sen.  Man  hat  doch  kaum  bisher  nach  ihr  gefragt.  Zudem 
beginnt  mich  diese  Form  der  geistigen  Produktivitat  zu  fes- 
seln.  Eine  panoramatische  Ubersicht  iiber  die  hier  zu  durch- 
pfliigenden  Breiten  des  kritischen  Schrifttums  zeigt  im  gan- 
zen  schlechte,  steinige  Ackererde.  WeiBt  Du  ergiebigere 
Biicher  der  Art?  Stofflich  hochst  lobenswert,  aber  ohne  theo- 
retische  Aspekte  ist  die  herrliche  Sammlung  von  Wesselski: 

383 


„Marchen  des  Mittelalters",  die  vor  zwei  Jahren  in  Berlin 
erschienen  ist.  In  der  Tat  ware  ich  Dir  fur  Angabe  von  nen- 
nenswerten  theoretischen  Schriften  zur  Marchenkunde  dank- 
bar.  —  Die  Perspektive  eines  Besuches,  die  Du  aufrollst,  freut 
mich,  wie  Du  begreifen  wirst,  sehr.  Hoffentlich  wird  dann 
Deine  Dozentur  zumindest  bereits  in  voller  Bliite  stehen. 
Von  meiner  verspreche  ich  —  zuhochst  —  mir  eine  brennend 
rote,  spate  Kakteenbliite,  Unbeschadet  dieser  Erwartung  aber 
werde  ich  wohl  Ende  dieser  Woche  Frankfurt  verlassen,  sei 
es,  dafi  bis  dahin  eine  negative  Entscheidung  fiel,  sei  es,  dafi 
mein  akademischer  Astralleib  die  Wanderung  durch  das 
Labyrinth  der  Kommissionsberatungen  wird  antreten  miis- 
sen.  —  Bubers  Berliner  Vortrag  habe  ich  mir  nicht  angehort. 
War  er  denn  nennenswert?  Deine  AuBerung  lafit  ja  darauf 
schliefien.  Die  GriiBe  von  Escha  erwidere  ich  vielmals.  Dir 
wiinsche  ich  reiche  Beute  fur  die  geheimnisvolle  Mappe  und 
schlieBe  mit  herzlichen  GriiBen. 

Dein  Walter 
Ernst  Schoen  griifit  herzlich! 

1  Schriften  II.  S.  72-82. 

2  Es  blieb  bei  dem  anonym  erschienenen  „Buchereinlauf"  in  Jahrg.  I.. 
No.  2. 

3  St.  John  Perse. 

4  In  dieses  Verzeichnis,  das  W.  B.  mit  grower  Sorgfalt  fuhrte,  kamen 
nur  Schriften,  die  er  bis  zum  Ende  gelesen  hatte. 

5  Er  tat  ihn  nie.  Vgl.  den  Brief  vom  17.  April  1931  (No.  203). 

6  Ein  alteres  Manuscript  von  W.  B. 

7  Der  Autor  heiflt  Wilhelm  Schapp  (1910  erschienen). 


143  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin- Grunewald,  11.  6.  1925 

Hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal! 

Ihr  letztes  Schreiben  machte  mir  das  Erscheinen  des  neuen 
Heftes  der  „Beitrage"  durch  die  Ankundigung  des  „Turms" 


384 


und  die  freundliche  Ermunterung,  vom  Eindruck  Ihres  Werks 
auf  mich  zu  schreiben,  doppelt  erwiinscht.  Nun  liegt  es  seit 
Wochen  vor  und  wenn  ich  erst  heute  schreibe,  so  ist  die  Tat- 
sache,  daB  ich  von  Ihr'er  Riickkunft  aus  Afrika  erst  unlangst 
erfuhr,  nur  einer  der  Griinde  dafiir.  Ich  habe  mich  wieder 
und  wieder  mit  dem  Drama  befassen  rmissen,  um  iiber  den 
tiefen  Eindruck  der  Lektiire  hinaus  Raum  fiir  die  Rechen- 
schaft  von  ihm  mir  zu  gewinnen.  Sie  werden  es  mit  Nach- 
sicht  aufnehmen,  wenn  ich  die  Meinung  gestehe,  fiir  die^e 
Rechenschaft  etwas  besser  vorbereitet  zu  sein  als  ein  beliebi- 
ger  anderer  Leser  und  darum  werde  ich  Ihnen  meine  Freude 
vertrauen  diirfen,  in  ihm  einen  geistigen  Bereich  mir  immer 
deutlicher  eroifnet  zu  sehen,  an  den  meine  letzten  Studien 
ganz  nah  mich  herangefuhrt  hatten.  In  Wahrheit  sehe  ich  in 
Ihrem  Werk  ein  Trauerspiel  in  seiner  reinsten,  kanonischen 
Form.  Und  zugleich  empfinde  ich  die  auBerordentliche  drama- 
tische  Kraft,  deren  diese  Form,  der  verbreiteten  Bildungs- 
Meinung  zum  Trotz,  in  ihren  hochsten  Reprasentationen 
f  ahig  ist.  Ein  Vergleich  mit  Ihren  iibrigen  Werken  steht  mir 
an  dieser  Stelle  nicht  zu:  aber  vielleicht  empfinde  ich  recht, 
wenn  ich  dieses  letzte  als  eine  Kronung  ihrer  Erneuerung 
und  Wiedergeburt  jener  deutschen  Barockform  ansehe  und 
als  ein  Werk  von  hochster  Autoritat  fiir  die  Buhne.  Der  Mo- 
ment —  um  nur  einen  zu  nennen  —  da  Sigismund  im  Saale  vor 
dem  Alkoven  seiner  Mutter  zuriickschauert,  miiBte  einer  der 
grbBten  Augenblicke  eines  groBen  Schauspielers  werden. 
Und  sogleich  will  ich  den  Julian  nennen,  iiber  dem  ein  Mensch 
zum  Schauspieler  sich  miiBte  entziinden  konnen,  wie  er, 
wunderbar  durch  den  lateinischen  Spruch  des  Arztes  auf- 
gerufen,  treu  dieses  nachtige  Wesen  durchs  ganze  Drama 
bewahrt.  Am  nachsten  beruhrt  in  dieser  Gestalt  mich  das 
groBartige  Widerspiel  tiefer  Schwache  und  tiefer  Treue. 
Einer  Treue,  die  unfreiwillig,  nur  aus  Schwache  kommt  und 
dennoch  wunderbar  mit  ihr  versbhnt.  Denn  dieser  Mann 
nahert  der  befreienden  Entscheidung  sich  aufs  Haar  und 
bleibt  doch,  wo  er  steht,  als  ewiger  Diener  des  Entschiednen, 
gebannt.  Ich  fiihle  selbst,  wie  weit  meine  Worte  hinter  dem 
Geheimnis  dieser  Figur  zuriickbleiben,  der  ich  nicht  bald 

385 


Wesensgeschwister  im  dramatischen  Bereich  zu  nennen 
wuBte.  Anders  Basilius,  wie  mir  scheint  ein  echter  Bruder  des 
Konigs  Claudius.  Wie  wunderbar  aus  dem  Munde  dieses  Ver- 
lornen  die  groBe  Schilderung  der  Abendlandschaft  am  Agi- 
dientage  kommt:  wie  wahrhaft  dramatisch  und  weit  vom 
lyrischen  Intermezzo  entfernt  sie  wird,  da  sie  diesem  Manne 
vom  Munde  geht.  Wer  wird  das  heute  sprechen  konnen?  Vor 
mehr  als  zehn  Jahren  horte  ich  Paul  Wegner  das  Gebet  des 
Konigs  Claudius  so  sprechen,  wie  weder  er  noch  sonst  wohl 
einer  es  heute  zustande  brachte.  —  Es  hat  mich  Studium  und 
Uberlegung  dahin  gefuhrt,  daB  ich  mit  einem  gewissen  Grade 
von  Sicherheit  glaube  vermuten  zu  diirfen,  daB  Sie  mit  Cal- 
deron  nicht  mehr  als  den  puren  Stoff  der  Sage  teilen  und  tei- 
len  wollten.  Und  darum  schiene  ein  Wort  des  Vergleiches  mir 
wenig  angebracht.  Wohl  aber  darf  ich  Ihnen  vielleicht  sagen, 
daB  ich  mir  Calderons  in  diesem  wie  fast  in  jedem  Drama 
hochst  merkwiirdiges  und  philosophisches  Vorgehen  verdeut- 
lichte:  er  kristallisiert,  fast  im  Sinne  der  Moralitaten,  das 
Tiefste  als  Formel;  die  wendet  er  hin  und  her  und  in  dem 
facettierten  Inbegriff  reflektiert  sich  bedeutsam  ein  sehr  un- 
bekummert,  leicht  und  fliichtig  aufgebautes  Spiel.  Mit  einem 
Wort:  Calderon  entnimmt  dem  Stoff  nichts  als  die  Formel 
seines  Titels,  diese  freilich  philosophischer  gehandhabt,  als 
man  es  ohne  ihn  je  denken  konnte,  aber  dem  Dramatischen 
des  Stoffes  konnte  sein  Drama  so  wenig  entsprechen,  wie 
irgend  ein  „Schauspiel"  dies  vermochte.  Es  ist  der  Stoff  eines 
„Trauerspiels"  und  der  Sigismund  Ihres  Dramas  ist  „Crea- 
tur"  in  weit  radikalerem  Sinne  als  Calderons  „H6fling  des 
Berges",  ja  als  nur  einer  unter  den  Helden  der  barocken 
Dramatik,  die  ich  zu  nennen  wiiBte.  Irre  ich,  wenn  ich  in  ihm 
das  in  die  niichterne  Mitte  derTrauerspielbuhnegeriickt  sehe, 
was  bei  Shakespeare  als  Caliban,  Ariel,  Tiermensch  und 
Elementargeist  aller  Art  den  farbigen  Rand  der  komischen 
ausmachte?  Denn  eben  von  hier  aus  lost  es  mir  sich  auf,  wie 
der  Kinderkonig  am  SchluB  diesem  Prinzen  entgegenkommt. 
Die  Kindlichkeit  ist  es  ja,  was  die  junge  Menschenkreatur 
von  der  Tiergeburt  unterscheidet  und  deren  Schutz  ist  Sigis- 
mund verweigert  worden.  In  ihm  wachst  nun  das  Kindsein, 

386 


aber  innerlich,  aber  riesengroB,  aber  verhangnisvoll ;  weil 
ihm  das  rettendeMaB,  das  imUmgang  mitEltern  liegt,  fehlt. 
Er  wird  dergestalt  Richter  von  unbestechlicher,  furchtein- 
floBender  Reinheit.  DaB  er  mit  Frauen  nichts  zu  s  chaff  en 
haben  kann,  ist  uberdeutlich.  Aber  gewiB  ist  auch,  wie  zuletzt 
die  dumpf en  Geister  der  fruhen  Jahre  im  Turme  dieses  riesen- 
hafte  Kind  stiirzen  mussen.  Sein  Ringen  um  die  Sprache  ist 
davon  ein  Vorspiel.  Hochst  beachtenswert  erschienen  mir  alle 
dramatischen  Hinweise  hierauf ;  ich  erkannte  ein  Grundmotiv 
der  Trauerspieldichtung  nicht  nur  unvergleichlich  entschieden 
sondern  erstmalig  an  diesen  Stellen  schauspielerisch  greifbar 
erklart.  Und  eben  dahingehortfiir  mich  auch  die  Behandlung 
der  Orgel  in  der  machtigen  Szene  des  dritten  Aktes;  wie  denn 
im  Trauerspiele  immer  die  Musik  den  Klageton  der  Men- 
schenstimme,  befreit  von  den  Bedeutungen  und  den  Voka- 
beln,  singend  ausschwingt.  So  behalt  auch  hier  Musik  in  den 
Posaunenklangen  das  letzte  „Wort".  Unterliegen  muB  ja  der 
Prinz.  Ist  es  im  Grund  nicht  nur  die  wiederkehrende  Gewalt 
der  toten  Dinge,  des  Schweins,  mit  dem  er  eines  zu  werden 
fiirchtete,  der  er  unterliegt?  In  der  Beschworung,  welche  da 
zumeist  in  Trauerspielen  nichts  als  Intermezzo  ist,  vernichtet 
dieses  Kind,  das  sie  auf  Kinderweise  als  sein  letztes  Mittel 
handhabt,  sich  selbst.  Die  Geister,  die  dem  Trauerspiele  obli- 
gat  sind,  verbinden  hier  sich  innigst  mit  der  Kreatur. 

Es  ware  mir  empfindlich,  wenn  mit  diesen  wenigen  Wor- 
ten  ich  etwas  Fremdes  Ihnen  vorgetragen  haben  sollte,  wenn 
die  Gedanken  meines  neuen  Buches  darin  dem  Geiste  Ihres 
Werkes  unziemlich  begegnet  waren.  Ich  hoffe,  dem  ist  nicht 
so  und  diese  Gedanken  werden  Sie  nicht  hindern,  bei  geleg- 
ner  Zeit  einen  Blick  in  das  Manuscript  zu  werfen,  das  Ihnen 
mit  gleicher  Post  zugeht.  Ich  wurde  Sie  mit  einem  Schreib- 
maschinenexemplar  nicht  behelligen,  wenn  ich  schon  ent- 
schieden Aussicht  auf  die  Drucklegung  hiitte.  Die  Technik 
der  gehauften  Zitationen  bedarf  vielleicht  einer  Erklarung; 
aber  ich  mochte  mich  hier  auf  den  Hinweis  beschranken,  daB 
die  akademische  Intention  der  Arbeit  nichts  als  ein  AnlaB, 
und  zwar  als  ein  ironisch  aufgenommener  dieser  Schreibart 
mir  gewesen  ist.  Das  Manuscript  steht  zu  Ihrer  Verfiigung 

387 


so  lange  als  Sie  es  wiinschen  sollten.  DaB  ich  mit  seiner  Uber- 
sendung  nicht  den  mindesten  Anspruch  auf  Ihre  Zeit  erheben 
kann,  ist  mir,  wie  Sie  mir  glauben  werden,  selbstverstandlich 
bewuBt. 

Vor  allem  andern  aber  habe  ich  nun,  hochverehrter  Herr 
von  Hofmannsthal,  den  warmsten  Dank  Ihnen  abzustatten 
fiir  die  Giite,  mit  welcher  Sie  auch  auf  Reisen  meiner  gedacht 
haben.  Durch  eine  Freundin,  Frau  Helen  Hessel1,  welche  in 
Paris  sich  aufhielt,  wurde  mir  bekannt,  daB  Sie  es  sind,  dem 
ich  die  Betrauung  mit  einer  Ubersetzung  der  Anabase  von 
St. -J.  Perse  zu  danken  habe.  Ich  bin  zur  Zeit  an  dieser  Auf- 
gabe  und  versichere  Sie,  daB  ich  mein  bestes  tun  werde,  Ihrer 
pariser  Empfehlung  Ehre  zu  machen.  Und  Ihre  Wirksamkeit 
war  urn  so  providentieller,  als  gerade  in  jene  Tage  das  Ende 
eines  angenehmen  aber  sehr  kurzfristigen  Verhaltnisses  zu 
einem  jungen  Verlag  fiel,  den  Schwierigkeiten  zur  Liquida- 
tion zwangen. 

Eine  etwas  andere  Bewandtnis  als  mit  der  Trauerspiel- 
arbeit  hat  es  mit  dem  kleinen  Aphorismen- Manuscript,  das 
ihr  beiliegen  oder  folgen  wird.  Hier  wiire  ich  Ihnen  fiir  eine 
freundliche  Durchsicht  unter  dem  Gesichtspunkt  verbunden, 
ob  Sie  wohl  mit  dem  einen  oder  andern  eine  leere  Seite  der 
„Beitrage"  Ihrem  Sinne  gemaB  ausfiillen  mogen.  Ich  weiB, 
daB  auch  Personliches  unter  den  Sachen  ist,  dem  eine  solche 
Publikation  ein  anspruchsvolles  Gesicht  gabe.  Ohnehin  bitte 
ich  Sie,  das  nur  als  eine  Anfrage  in  aller  Bescheidenheit  zu 
nehmen.  Den  AnlaB  zu  ihr  gab  mir  ein  freundlicher  Besuch 
von  Herrn  Dr.  Wiegand  in  Frankfurt.  Selten  war  es  mir  er- 
laubt  iiber  literarische  und  publizistische  Fragen  mit  einem 
gleich  vornehmen  und  weitblickenden  Manne  zu  reden.  Wir 
kamen  auf  die  Beitriige  zu  sprechen  und  Herr  Wiegand  sprach 
von  Ihrem  bleibenden  redaktionellen  Interesse  an  meinen 
Arbeiten.  Auch  dafur  mochte  ich  Ihnen  danken. 

Vor  einiger  Zeit  trat  ich  mit  einem  Vorschlage  an  Herrn 
Dr.  Wiegand  heran,  auf  den  gerade  heute  friih  seine  Antwort 
eintraf.  Es  handelt  sich  um  die  deutschen  Sagen.  Sie  beschaf- 
tigen  mich  jetzt  mehrfach.  Mein  Ausgangspunkt  sind  eine 
Reihe  von  Fragen,  deren  Abhandlung  in  einer  Arbeit  iiber 

388 


Goethes  „Neue  Melusine"  sich  zu  vereinigen  bestimmt  ist. 
Diese  Arbeit,  die  ich  seit  Jahren  schon  plane,  soil  nicht,  wie 
die  Wahlverwandtschaftenstudie  das  literarische  Thema  gegen 
den  Hintergrund  von  Goethes  Gestalt  stellen,  vielmehr  im 
Zusammenhange  des  Volksmarchens  diesem  Kunstmarchen 
zu  erhohter  Sichtbarkeit  verhelfen.  Dabei  habe  ieh  ganz 
besonders  der  Marchenform  nachzugehen.  Denn  mir  stent 
eine  Bestimmung  des  Marchens  vor  Augen,  die  aus  den 
Daten  seiner  Form  sehr  Wesentliches  abnimmt.  Und  hier  ist 
der  Vergleich  mit  Sagen  aufierst  nahgelegen.  Der  —  von  den 
March  en  mannichfach  verschiedene  —  Sagenstil,  seine  „epi- 
sche  Lauterkeit",  um  mit  Grimm  zu  reden,  stand  mir  als  ein 
hochstes  und  viel  zu  wenig  geschatztes  Besitztum  der  deut- 
schen  Sprache  vor  Augen,  als  ich  Herrn  Wiegand  brieflich 
den  Vorschlag  einer  Sammlung  machte,  die  unter  diesem  Ge- 
sichtspunkt  eine  Anzahl  von  Sagen  als  Dokumente  einer  voll- 
kommenen  und  eigengesetzlichen  Prosa  zu  vereinigen  hatte. 
Ich  denke  daran,  daB  gerade  kiirzere,  unscheinbare  Stiicke 
-  etymologische  Sagen  oder  gewisse  wie  scheu  und  fliichtig 
hin  geraunte  Geistersagen  erst  in  solchem  Zusammenhange, 
den  eine  Nachrede  gegebenenfalls  rechtfertigen  konnte,  zu 
ihrer  hochsten  Ehre  kamen.  Herr  Wiegand  erfreute  mich 
durch  die  Mitteilung,  daB  er  in  dieser  Sache  mit  mir  zu  spre- 
chen  vorhat.  Ich  hoffe  ihn,  sei  es  hier,  sei  es  in  Frankfurt  zu 
sehen.  Ende  des  Monats  namlich  werde  ich  moglicherweise 
ein  weiteres  Mai  nach  Frankfurt  fahren.  Die  Entscheidung 
iiber  meine  akademischen  Plane  und  damit  einen,  wie  auch 
immer  briichigen,  Rahmen  fur  die  nachste  Zukunft  ist  dann 
fallig. 

Zulange  schon  habe  ich  mit  diesen  Berichten  von  mir  Sie 
aufgehalten.  Dagegen  darf  ich  wohl  noch  hinzufiigen,  daB 
Rangs  NachlaB  zur  Zeit  in  GieBen  liegt,  wo  ein  Anglist  sich 
des  Shakespeare- Werkes  annehmen  wird2.  -  Ich  bitte  Sie,  die 
Ausdehnung  dieses  Briefes  meiner  GewiBheit  Ihres  freund- 
lichen  und  giitigen  Anteils  an  meinem  Tun  zuzurechnen. 

Mit  der  Versicherung  meines  bleibenden  Dankes  bin  ich 
Ihr  sehr  ergebner 

Walter  Benjamin 

389 


1  Bekannt  unter  dem  Schriftstellernamen  Helen  Grund;  Gattin  von 
Franz  Hessel. 

2  Theodor  Spira,  damals  Privatdozent  in  GieBen. 


144  An  Rainer  Maria  Mike 

Berlin,  3.  Juli  1925 

Hochverehrter  Herr  Rilke! 

Fur  die  freundliche  Zuversicht,  aus  der  Sie  mit  der  Uber- 
setzung  der  „Anabasetl1  mich  haben  betrauen  wollen,  sage 
ich  Ihnen  von  Herzen  Dank.  Ich  habe,  ehe  ich  mit  der  eigent- 
lichen  Arbeit  begann,  das  Buch  wieder  und  wieder  gelesen 
und  bin  nun  mit  dem  Werke  nah  vertraut.  Beifolgend  erhal- 
ten  Sie  sieben  Kapitel.  Frau  Hessel  und  neuerdings  Herr  von 
Miinchhausen  2  versicherten  mich  Ihrer  freundlichen  Bereit- 
schaft,  mit  Rat  in  Schwierigkeiten  mich  zu  unterstiitzen.  An 
solchen  Schwierigkeiten  fehlt  es  nicht.  Wenn  ich  nur  einige 
wenige  Stellen  am  Rande  fragend  bezeichnet  habe,  so  geschah 
es  in  dem  Sinne  der  Bitte :  iiberall  dort,  wo  Ihnen  Anstofiiges 
begegnen  sollte,  mir  giitigst  einen  Hinweis  am  Rande  geben 
zu  wollen.  Es  gibt  auch  abgesehen  von  den  vier  bezeichneten 
Stellen  Manches,  was  mir  nur  provisorisch  ausgedriickt  zu 
sein  scheint.  An  solchen  Stellen  ist  die  richtige  Losung  viel- 
leicht  nur  dem  moglich,  der  mit  den  letzten  Intentionen  des 
Autors  vertraut  und  dadurch  vor  Gewaltsamkeiten  bewahrt  ist. 
Im  iibrigen  hoffe  ich,  daB  Treue  und  Studium  mich  vor  emp- 
findlichen  MiBgriffen  im  ganzen  geschiitzt  haben.  Die  Atmo- 
sphare  der  —  im  weiteren  Sinne  gesprochen  —  das  Werk  ent- 
stammt,  habe  ich  im  Laufe  der  Wochen  mir  deutlich  werden 
lassen.  Insbesondere  hat  mich  im  Surrealisme  (einige  seiner 
Intentionen  sind  ja  wohl  auch  bei  St.  Perse  unverkennbar) 
ergriffen,  wie  die  Sprache  erobernd,  befehlshaberisch  und 
gesetzgebend  ins  Traumbereich  einriickt.  Der[n]  raschere[n] 
Atem  dieser  prosodischen  Aktion  habe  ich  vor  allem  im 
Deutschen  f  estzuhalten  gesucht. 

590 


Ich  bin  sehr  gliicklich,  an  einem  kleinen  Teile,  dank  Ihrer 
Giite,  an  der  Verbindung  deutschen  und  franzosischen  Schrift- 
tums  wirken  zu  diirfen.  Der  Weg  der  Ubersetzung,  zumal  der 
eines  so  sproden  Werkes,  ist  zu  diesem  Ziele  gewiB  einer  der 
schwersten,  eben  darum  aber  auch  wohl  weit  rechtmaBiger, 
als  etwa  jener  der  Reportage. 

Meine  letzte  erschienene  Arbeit  iiber  Goethes  Wahlver- 
wandtschaften  erlaube  ich,  zum  Zeichen  meiner  dankbaren 
Ergebenheit,  mir,  Ihnen  mit  der  nachsten  Post  zugehen  zu 
lassen. 

Fur  jedes  Wort,  das  Sie  zur  Berichtigung  meines  Textes 
mir  zukommen  lassen  werden,  versichere  ich  Sie  im  Voraus 
genauer  Aufmerksamkeit  und  aufrichtigen  Dankes. 

Mit  dem  Ausdruck  der  vorziiglichsten  Hochachtung  und 
den  ergebensten  Empfehlungen 

Ihr  sehr  ergebener  Walter  Benjamin 

1  Rilke  war  urspriinglich  als  Ubersetzer  vorgesehen.  B.  trat  auf  Vor- 
schlag  Hofmannsthals  an  seine  Stelle.  Die  von  B.  in  Gemeinschaft  mit 
Bernhard  Groethuysen  iibertragene  Ausgabe  war  fiir  1929  angekiin- 
digt,  Hofmannsthal  hatte  eine  Vorrede  verf a!3t ;  das  Erscneinen  unter- 
blieb  dann,  wahrscheinlich  auf  Wunsch  des  Autors,  der  auch  erst  1945 
eine  franzdsische  Neuausgabe  des  Poems  erlaubte.  Die  Ubertragung 
erschien  1950  in  einer  als  „durchgesehene  und  iiberarbeitet  von  Her- 
bert Steiner"  bezeichneten  Fassung  in:  Das  Lot,  Heft  4,  Berlin,  Okto- 
ber  1950. 

2  Than  km  ar  Preiherr  von  Miinchhausen;  ein  Freund  Rilkes. 


145  An  Gerhard,  Scholem 

Berlin,  21.  Juli  1925 

Lieber  Gerhard, 

es  hat  diesmal  unmenschlich  lange  bis  zum  Schreiben  gedau- 
ert.  Dein  Brief  vom  Juni  mit  hochst  dankbar  empfangenen 
Bemerkungen  iiber  die  Lage  im  Lande  und  den  Stand  Deiner 
Arbeit  ist  lange  unbeantwortet  geblieben.  Es  wollte  zu  keiner 
Klarheit  iiber  die  schwebenden  Angelegenheiten  kommen  und 

391 


daher  vertagte  ich  Berichte  an  Dich.  Nun  ist  das  soweit:  ich 
hoffe,  Du  bist  indessen  nicht  bose  geworden  und  einige  Aus- 
fiihrlichkeit  wird  Dich  entschadigen.  Zu  dieser  kann  ich  im 
ersten  Punkte,  dem  Abbruch  meiner  frankfurter  Vorhaben, 
mich  allerdings  nicht  entschlieBen.  Es  war  alles  soweit,  daB 
Anfang  Juli  meine  vierte  oder  fiinfte  Reise  dorthin  hatte  von 
statten  gehen  sollen,  als  durch  meine  Schwiegereltern  ein  Brief 
des  Romanisten  [Matthias]  Friedwagner  mich  erreichte,  der 
nach  Wien  die  ganzliche  Aussichtslosigkeit  meiner  Schritte 
meldete.  Die  Freundschaft  fiir  meinen  Schwiegervater  hatte 
ihn  zu  sondieren  veranlaBt  und  da  stellte  sich  denn  heraus,  daB 
die  beiden  alten  Kraxen  Cornelius  und  Kautzsch l,  der  erstere 
vielleicht  wohl-  der  zweite  eher  iibelwollend  von  der  Arbeit 
denn  doch  garnichts  verstehen  wbllten.  Alsbald  wandte  ich 
mich  an  Salomon  urn  genauere  Auskunft.  Dieser  konnte  auch 
nichts  ermitteln,  als  daB  allgemein  man  zur  schleunigsten 
Riicknahme  des  Gesuches  riete,  um  die  offizielle  Zuriick- 
weisung  mir  zu  ersparen.  l?reilich  hatte  Schultz  (als  Dekan) 
mir  die  Versicherung  erteilt,  solche  in  jedem  Falle  mir  erspa- 
ren zu  wollen.  ErlieB  nichts  von  sich  horen.  Zuder  Annahme, 
daB  er  hochst  illoyal  vorging  habe  ich  triftige  Griinde.  Alles 
in  allem  bin  ich  froh.  Die  altfrankische  Postreise  uber  die 
Stationen  der  hiesigen  Universitat  ist  nicht  mein  Weg,  - 
Frankfurt  nach  dem  Tode  von  Rang  geradezu  die  bitterste 
Wuste.  Indessen  habe  ich  doch  das  Ansuchen  nicht  zunick- 
gezogen,  da  ich  willens  bin,  der  Fakultat  das  ganze  Risiko 
einer  negativen  Entscheidung  zu  iiberlassen.  Wie  die  Dinge 
weiter  verlaufen  sollen,  ist  ganz  dunkel.  Naturlich  ist  eine 
Revision  zum  Bessern  wohl  ganzlich  ausgeschlossen,  trotzdem 
Literaturgeschichte  infolge  einiger  neuer  Veranderungen  im 
Lehrkbrper  zur  Zeit  sehr  schwach  besetzt  ist.  Auch  ware  fiir 
mich  das  erste  in  solchem  Falle,  daB  ich  im  Winter  mich  be- 
urlauben  lieBe.  -  Soviel  liber  das  letzte  Stadium  dieser  Unter- 
nehmung.  Mit  der  Weigerung  meiner  Eltern  im  Falle  einer 
Habilitierung  mich  aufzubessern,  der  Wendung  zum  politi- 
schen  Denken,  dem  Tode  von  Rang  ist  im  vergangenen  Jahre 
eine  Voraussetzung  nach  der  andern  fiir  diese  Unternehmung 
dahingef  alien.  Das  kann  nichts  daran  andern,  daB  eine  derart 

392 


schnode  Spielerei  mit  meinen  Bemiihungen  und  Leistungen 
im  Falle  ich  noch  heute  an  dem  Projekt  hinge  mich  bis  aufs 
auBerste  reizen  und  erbittern  wiirde.  Es  ist  recht  beispiellos, 
daB  eine  Arbeit  wie  die  meinige  in  Auftrag  gegeben  und 
sodann  dergestalt  ignoriert  wird.  Denn  -  soviel  erinnere  ich 
aus  dem  vorletzten  Stadium  des  Verlaufes,  iiber  den  ich  doch 
wohl  an  Dich  berichtet  habe  —  es  war  schlieBlich  Schultz,  der 
vor  der  Fakultat  sich  meiner  Habilitation  fur  „Literatur- 
geschichte"  widersetzte  und  diese  dadurch  auf  den  gegen- 
wartigen  Stand  hinausfiihrte.  Unter  diesen  Umstanden  ist 
mir  ein  wissenschaftliches  Gutachten,  wie  es  mir  kiirzlich 
zukam,  doppelt  wertvoll.  Hofmannsthal  besitzt  einen  Abzug 
meiner  Arbeit  und  hat  ihn  dem  Professor  der  Germanistik  in 
Wien,  [Walther]  B recht,  mitgeteilt.  Dem  Lehrer  eines  gewis- 
sen  Cysarz,  der  mein  unmittelbarer,  gelegentlich  sichtlich 
befehdeter  Vorganger  auf  diesem  Gebiet  der  Literatur- 
geschichte  ist.  Brecht  habe  nun  die  Arbeit  mit  hdchstem  Bei- 
fall  aufgenommen  und  sei  bereit,  mit  seinem  Gutachten  bei 
jedem  Verleger  fiir  sie  einzutreten.  Zu  dem  gleichen  erbietet 
in  diesem  sehr  hilfsbereiten  und  positiven  Briefe  sich  Hof- 
mannsthal. Vielleicht  sende  ich  Dir  dessen  Kopie  bei  Ge- 
legenheit  ein.  Er  spricht  davon,  im  Tiefsten  seiner  eigenen 
Versuche  von  meinen  Deduktionen  betroffen  zu  sein,  sagt 
sehr  viel  Schones  und  Freundliches,  nennt  das  Buch  „in 
vielen  Abschnitten  vollig  meisterhaf t" .  Ich  bin  sehr  unge- 
duldig  es  in  Deinen  Handen  zu  wissen  und  zu  horen,  ob  Du 
damit  etwas  anfangen  kannst. 

Inzwischen  ist  nicht  viel  geschafft  worden  und  soweit  ich 
meine  Zeit  an  Lettern  gewendet  habe,  geschah  es  lesend.  Vor 
allem  nahm  ich  mir  Neuestes  aus  Frankreich  vor:  Die  herr- 
lichen  Schriften  von  Paul  Valery  (Variete,  Eupalinos)  einer- 
seits,  die  fragwiirdigen  Bucher  der  Surrealisten  auf  der 
andern.  Vor  diesen  Dokumenten  muB  ich  allmahlich  mich 
mit  der  Technik  des  Kritisierens  vertraut  machen.  Bei  einer 
neuen  literarischen  Revue,  die  im  Herbst  erscheinen  soil  -  ich 
denke,  dariiber  habe  ich  schon  an  Dich  berichtet  —  habe  ich 
Mitarbeit  aller  Art,  insbesondere  ein  standiges  Referat  iiber 
neue  franzosische  Kunsttheorie  ubernommen.  Ebendort  wer- 


393 


den  die  besten  Stucke  des  Bibliothekskataloges  von  Muri,  in 
kurzen  Rezensionen  prasentiert  werden.  Diese  und  andere 
Allotria  wirst  Du  seinerzeit  erhalten.  Fur  heute  einen  Aus- 
schnitt  aus  dem  „Berliner  Tageblatt".  Durch  die  Druck- 
anordnung  kommen  die  Thesen 2  urn  ein  gutes  Teil  ihrer 
Schlagkraft.  Denn  gemeint  sind  sie  als  zwei  einander  gegen- 
uberstehende  Kolonnen,  deren  einzelne  Glieder  zwar  in  ihrer 
Entsprechung,  die  jedoch  —  zumal  die  zweite  -  auch  als 
Ganzes  heruntergelesen  sein  wollen.  Das  beste  an  der  Sache 
ist,  daft  ich  Dir  diesen  Wisch  noch  nicht  dedizieren  kann. 
Vielmehr  muB  ich  ihn  zuriickerbitten,  weil  die  „  Thesen"  nur 
in  der  ExpreB-Ausgabe  des  „Tageblatts"  erschienen,  von  der, 
als  ich  eine  Woche  nach  dem  Erscheinungstermin  von  der 
Drucklegung  unterrichtet  wurde,  nur  mehr  ein  paar  Stucke 
in  Berlin  aufzutreiben  waren.  In  der  Art  dieser  Thesen  ist 
fur  ein  kiinftiges  Aphorismenbuch  einiges  aufgezeichnet 
worden.  Die  Vorbereitung  des  Marchenbuches  aber  ist  noch 
nicht  weit  gediehen.  „Neapel"  ist  noch  immer  nicht  in  der 
frankfurter  Zeitung"  erschienen.  Eine  andre  kleine  Sache, 
eine  Lappalie,  wurde  kurzlich  dort  angenommen 3.  Die  Vor- 
bereitung des  Marchenbuches  uberschneidet  sich  mit  einem 
anderen  Plane,  dessen  problematische  Ausfiihrung  ich  dispo- 
niere.  Ich  habe  eine  Anthologie  von  Sagen,  deutschen  Sagen, 
im  Sinne,  Grundlage  sind  zwei  Gesichtspunkte :  1)  die  jeweils 
lakonischste  Fassung  eines  Motivs,  verbunden  mit  den  wich- 
tigsteri  Varianten  sprachlicher  Art.  Mir  liegt  dabei  das  Ge- 
heimnis  der  S&genformeln  im  Sinne  und  auf  wie  verschiedene 
und  bedeutende  Art  die  Sagen  anzudeuten  verstehen.  2)  eine 
Auslese  von,  unbeschadet  ihrer  Echtheit,  exzentrischen  und 
entlegeneren  Motiven.  Kurz  es  handelt  sich  um  einen  Ver- 
such,  ausgehend  vom  sprachlichen  Wesen  der  Sage,  zum 
ersten  Male  seit  Grimm  (soviel  ich  weiB)  an  den  ganzen 
Komplex  ungehemmt  durch  lokale  oder  historische  Ein- 
schrankungen  heranzutreten  und  Funken  aus  den  vielenStei- 
nen  zu  schlagen,  die  nach  Grimm  noch  aus  dem  Sagenberge 
herausgebrochenwurden.  Anordnung  undKiirze  mussenhier, 
wie  mir  scheint,  Wunder  wirken  und  auch  sachlich  zwingende 
Hinweise  fur  die  Deutung  geben.  Doch  weniger  diese  als 

394 


einen  Versuch  iiber  die  Prosa  der  Sage  wiirde  ich  einem  von 
mir  zu  schreibenden  Nachwort  vorbehalten.  Ich  weiB  noch 
nicht,  ob  das  zustande  kommt.  —  Marcel  Proust  wirst  Du  dem 
Namen  nach  kennen.  Dieser  Tage  habe  ich  iiber  die  Uber- 
setzung  des  Hauptwerkes  aus  seinem  groBen  Romancyclus 
„A  la  recherche  du  temps  perdu"  abgeschlosseru  Es  ist  das 
dreibandige  Werk  „Sodome  et  Gomorrhe"  das  ich  zu  iiber- 
setzen  habe.  Die  Bezahlung  ist  keineswegs  gut  aber  doch  so 
ertraglich,  da!3  ich  glaubte  die  enorme  Arbeit  auf  mich  neh- 
men  zu  miissen.  Zudem  kann  ich  mir,  wenri  die  Ubertragung 
gelingt,  davon  ein  festes  Akkreditiv  als  Ubersetzer  verspre- 
chen,  wie  es  etwa  Stefan  Zweig  hat.  Vielleichthaben  wirgele- 
gentlich  iiber  Proust  gesprochen  und  ich  habe  beteuert,  wie  nah 
mir  seine  philosophische  Betrachtungsweise  steht.  Ich  fuhlte 
sehr  Verwandtes,  sooft  ich  von  seinen  Sachen  etwas  las.  Wie 
das  nun  bei  einer  intimen  Auseinandersetzung  sich  bewahren 
wird,  darauf  bin  ich  gespannt.  Balzacs  „Ursule  Mirouet",  die 
ich  fur  ein  Schandgeld  seinerzeit  fur  Rowohlt  zu  ubertragen 
iibernahm,  wird  in  drei  Wochen  erscheinen.  Die  Ubertragung 
des  zweiten  Teils  habe  ich,  da  das  Geld  nicht  die  Arbeitszeit 
wert  war,  weiter  abgegeben  und  nur  durchgesehen.  Ich 
glaube,  Dir  schon  geschrieben  zu  haben,  daB  ich  in  Rilkes 
Auftrag  ein  ganz  neues  Gedicht  aus  der  Schule  der  surrealistes 
iibersetzt  habe:  „Anabase"  von  St. -J.  Perse  (das  ist  ein  Pseu- 
donym —  wer  dahinter  steht,  weiB  ich  nicht.)  Proben  der 
Ubersetzung  habe  ich  nach  Paris  abgesandt.  —  Kurzlich  hat 
die  Bremer  Presse  sich  zum  zweiten  Male  an  mich  mit  dem 
Gesuch  gewandt,  eine  Ausgabe  von  Wilhelm  von  Humboldt 
in  Auswahl  fur  sie  zu  ubernehmen.  Aus  vielen  Grvinden  habe 
ich  das  zweite  Anerbieten  angenommen,  wahrend  ich  das 
erste  abgelehnthatte.  Naheres  steht  noch  nicht  fest:  ich  werde 
wohl  demnachst  mit  dem  Direktor  der  Bremer  Presse  zusam- 
menkommen  und  iiber  das  Ganze  beraten.  Vielleicht  kannst 
Du  mir  einige  wertvolle  Hinweise  zu  Humboldt  geben  —  Du 
hast  ihn  doch  wohl  teilweise  studiert.  Mir  war  es  sehr  an- 
genehm,  in  diesem  Anerbieten  mich  Spranger,  Litt  und 
anderen  Universitatslehrern,  die  dafiir  sonst  ins  Auge  gefaBt 
waren,  vorgezogen  zu  sehen. 

395 


Auf  literarische  Einkiinfte  grtindet  sich  meine  Hoffnung, 
in  kurzem  eine  groBe  Reise  antreten  zu  konnen.  Ich  plane 
von  Hamburg  mit  einem  Frachtdampfer  iiber  Spanien  und 
Italien  nach  Sizilien  zu  gehen.  Der  Dampfer  lauft  alle 
groBen  spanischen  Hafen,  wenn  auch  wohl  zumeist  nur  auf 
Stunden  an.  Man  soil  hier  verhaltnismaBig  billig  reisen  und 
ich  hoffe  so  meinen  heiBen  Wunsch  zu  erfullen  auch  diesen 
Sommer  wieder  die  August-  und  Septembersonne  im  siid- 
lichsten  Europa  iiber  mir  brennen  zu  fiihlen.  Vermutlich 
werde  ich  allein  sein.  -  Bloch  ist  in  Erbschaftsangelegenhei- 
ten  in  Riga.  —  Gutkinds  sind  im  August  in  Holland  eingela- 
den.  Ich  habe  sie  in  letzter  Zeit  wenig  gesehen,  fahre  aber 
demnachst  wieder  hinaus.  -  An  Kraft  habe  ich  in  der  Tat 
nicht  geschrieben.  Es  schien  mir  damals,  von  Italien  aus  wohl 
denkbar  wieder  einmal  mit  ihm  zusammenzukommen.  Und 
denkbar  ist  es  mir  in  dem  Sinne  auch  heute  noch,  daB  ich 
gegen  die  Gelegenheit,  die  uns  zusammenfuhrte,  gar  nichts 
einzuwenden  hatte.  Diese  Gelegenheit  aber  zu  machen  bin 
ich  auBer  stande. 

Hast  Du  „Geschichte  und  KlassenbewuBtsein"  von  Luka.cs 
eigentlich  gelesen?  Und  ist  jene  „Erledigung"  4  des  Buches 
durch  Deborin  oder  wen  sonst  auch  in  deutscher  oder  einer 
andern  Sprache  als  der  russischen  zuganglich5.  Sie  wiirde 
mich  aufs  hbchste  interessieren.  Vielleicht  kannst  Du  mir  die 
bibliographischen  Daten  geben. 

Ernst  Schoen  hat  sich  seinerzeit  sehr  iiber  Deinen  GruB 
gefreut.  Er  ist  noch  in  Frankfurt,  strebt  aber  nach  Kraften 
von  dort  hierher  zu  gelangen.  -  Warest  Du  iibrigens  zwblf 
Jahre  j linger  und  noch  im  Bliitestadium  Deiner  historischen 
Studien,  so  wiirde  ich  Dir  von  Werner  Hegemann:  Fridericus 
empfehlen.  Es  ist  mir  kiirzlich  zugesandt  word  en  und  enthalt 
den  radikalsten  Versuch,  die  „GrbBe"  dieses  Monarch  en  zu 
erledigen,  den  man  denken  kann.  Dabei  ist  es  ganz  vorziiglich 
geschrieben  und  es  macht  einen  hochst  verlaBlichen  Ein- 
druck.  Die  Form  hat  es  allerdings:  eines  ungeschlachten 
Dialoges,  der  sich  iiber  500  Seiten  hinzieht,  aber  selbst  das 
hat  Haltung  und  erinnert  an  die  philosophischen  Gesprache 
der  Englander  (Hobbes:  Leviathan).  Sonst  findet  dies  oder 

396 


das  sich  in  der  Bibliothek  ein  —  wiewohl  ich  wirklich  seit 
einem  Jahr  so  gut  wie  nichts  mehr  kaufe,  da  mir  andere  Ver- 
wendungen  meiner  Mittel  gebieterisch  vor  Augen  stehen. 
Mein  Bruder  schenkte  mir  den  ersten  deutschen  Auswahlband 
von  Lenins  Schriften.  Den  zweiten,  der  die  philosophischen 
Schriften  enthalten  wird  und  in  Kiirze  erscheint,  erwarte  ich 
sehr  ungeduldig.  Einige  nachgelassne  Sachen  von  Kafka  lieB 
ich  mir  zur  Rezension  geben6.  Seine  kurze  Geschichte  „Vor 
dem  Gesetz"  gilt  mir  heute  wie  vor  zehn  Jahren  fur  eine  der 
besten,  die  es  im  Deutschen  gibt.  Sodann  habe  ich  die  samt- 
lichen  Schriften  von  Poe,  deutsch,  erhalten.  Neben  den  Schre- 
ber  und  jenes  Tabellenbuch  das  wir  in  Miinchen  erstanden, 
tritt  dieser  Tage  in  meine  Bibliothek  ein  neues  paranoisches 
Welt-  und  Staatssystem :  Ganz-Erden- Universal- Staat.  Eine 
Schrift,  die  sich  sehen  lassen  kann7. 

Auf  Deine  eigenen  Schriften  warte  ich  gespannt.  DaB  ein 
Verleger  fiir  die  „physiognomischen  Traditionen  der  Kab- 
bala"  schwer  zu  finden  sein  sollte,  erscheint  mir  ganz  unglaub- 
lich.  Ich  will  sagen:  unglaubhaft.  —  Stehst  Du  mit  [Moses] 
Marx  —  und  er  mit  dem  Euphorion-Verlag  —  nicht  mehr  in 
Verbindung?  Naturlich  habe  ich  vom  jiidischen  Verlagswesen 
keine  Kenntnis,  Aber  vielleicht  kannst  Du  ganz  einfach  an 
die  Vereinigung  wissenschaftlicher  Verleger  (W.  de  Gruyter) 
denken?8  Sonst:  Buber  hat  zu  dem  neuen  Marcan-Verlag  in 
Koln  Beziehung.  Zum  Thema  selber  interessiert  Dich  viel- 
leicht eine  Arbeit  iiber  Physiognomik  in  der  altera  franzosi- 
schen  Literatur,  die  ich  selbst  freilich  noch  nicht  las.  Sie  steht 
im  Jahrgang  1911  (Band  29)  der  von  Vollmoller  heraus- 
gegebenen  „Romanischen  Forschungen". 

Schrieb  ich  Dir,  dafi  zwei  Frankfurter  Freunde  von  Rang 
eine  Auswahl  seiner  Brief  e,  welche  gleichzeitig  ein  Bild  sei- 
nes Lebensganges  geben  soil,  veranstaltenwollen.  Nach  einem 
Briefe  von  Frau  Rang,  der  gestern  eintraf,  scheint  diese  not- 
wendige  und  gluckliche  Unternehmung  freilich  weniger  ge- 
festigt  als  ich  gehofft  hatte. 

Bitte  schreibe  mir  recht  bald  wieder.  Du  hast  ja  nun  einen 
recht  genauen  Uberblick  iiber  mein  Tun  (oder  —  wenn  Du 
willst  —  Nichtstun)  erhalten.  Was  denkt  man  bei  Euch,  und 


397 


was  denkst  Du,  iiber  den  ZionistenkongreB,  der  bald  statt- 
findet? 

Briefe  richte  bitte  hierher. 

Sehr  herzliche  GriiBe  Dein  Walter 
PS  Ich  muB  noch  erzahlen,  daB  ich  vor  zwei  Wochen  auf 
der  StraBe  Ernst  Lewy  begegnete.  Wir  griiBten  uns  und  er 
sprach  mich  an.  Seine  erste  Mitteilung  an  mich  war,  er  sei 
Professor  geworden.  (Denn  seit  einiger  Zeit  ist  er  in  Berlin 
rehabilitiert  —  aber  wohl  nur  als  Titular- Professor).  Das 
alles  fallt  mir  eben  ein  iiber  der  Lektiire  von  Humboldts 
sprachphilosophischen  Schriften  in  der  von  Steinthal  kom- 
mentierten  Ausgabe. 9  Diese  enthalt  einen  Essay  iiber  Hum- 
boldts Stil,  der  vorziiglich  ist  und  zeigt,  wo  die  Affinitat  von 
Lewy  zu  seinem  Lieblingsautor  liegt.  Steinthal  schreibt  iiber 
Humboldts  „Tiefe"  mit  hervorragendem  Freimut. 

1  Rudolf  Kautzsch  (1868-1945). 

2  „Dreizehn  Thesen  wider  Snobisten".  Berliner  Tageblatt,  10.  Juli 
1925.  Jetzt  Schriften  I,  S.  558  f. 

3  Vermutlich  „Sammlung  von  Frankfurter  Kinderreimen".  Erschienen 
am  15.  August  1920. 

4  Scholem  hatte  den  Ausdruck  ironisch  gebraucht. 

5  A.  Deborin,  „Lukacs  und  seine  Kritik  des  Marxismus",  erschien 
deutsch  in  „Arbeiter-Literatur",  Heft  10,  Wien,  Oktober  1924,  S.  615 
bis  640.  Die  Kritik  „entlarvtea  die  „idealistiscben  und  sogar  mystischen 
Tendenzen"  des  Buches  von  Lukacs. 

6  Dies  ist  das  erste  Zeugnis  der  Beschaftigung  mit  Kafka,  die  W.  B. 
bis  zum  Ende  festhielt. 

7  In  W.  B.s  Bibliothek  gab  es  eine  kleine  Sammlung  von  Schriften 
Geisteskranker,  der  er  groBe  Aufmerksamkeit  zuwandte.  Schreber: 
gemeint  sind  die  „Denkwiirdigkeiten  eines  Nervenkranken"  von  Daniel 
Paul  Schreber,  Leipzig  1903. 

8  Das  Buch  blieb  ungedruckt,  weil  Sch.  Zweifel  an  seinen  Thesen  auf- 
stiegen. 

9  Berlin  1883. 


398 


146  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin,  2.  August  1925 

Hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal! 

Als  ich  mich  anschickte  heute  Ihnen  von  ganzem  Herzen  f iir 
den  immer  erneuten  Anteil  an  meinen  Sachen  und  fur  die 
immer  gleiche  Warme,  mit  der  Sie  ihn  bekunden,  zu  danken, 
kam  IhrSchreiben  vom  31ten  das  mich  nun  noch  weiter  durch 
Ihre  freundliche  Absicht,  auch  diesmal  wieder  mir  die  „Bei- 
trage"  zu  eroffnen  tief  erfreut  und  verpflichtet.  Sie  werden, 
so  vertraue  ich,  es  verstehen  und  keinerlei  falschen  Nebenton 
darin  horen,  wenn  ich,  im  Stillen  gleichsam,  die  Hoffnung 
ausspreche,  in  einer  guten  Stunde  einmal  von  Mund  zu  Mund 
meinen  Dank  nicht  nur  sondern  die  Dankbarkeit  vor  allem 
bekunden  zu  diirfen,  mit  der  Ihre  stete  Fiirsorge  mich  erfiillt 
hat.  Denn  so  darf  ich  doch  geradezu  die  Anregungen  Ihres 
vorletzten  Briefes  bezeichnen,  soweit  sie  auf  meine  Frank- 
furter Unternehmung  sich  beziehen.  Uber  diese  sprach  ich 
vor  zwei  Tagen  mit  Dr.  Wiegand.  Sie  sind  inzwischen  zum 
negativen  Beschlusse  so  gut  wie  gediehen  und  man  tragt  mir 
an,  freiwillig  das  Gesuch  um  Habilitation  zuriickzuziehen. 
Blicke  ich  auf  den  verschlungnen  Gang  der  Dinge  zuriick,  so 
habe  ich  alien  Grund  der  innren  und  auBren  Uberzeugung, 
welche  mehr  und  mehr  mir  verwehrte,  einen  Ort  fruchtbarer, 
und  vor  allem,  lauterer,  Wirkung  in  der  heutigen  Universitat 
zu  achten,  mich  zu  freuen.  Denn  wieviel  unfruchtbare  Ent- 
riistung  wieviel  Galle  wiirde  in  jedem  andern  Falle  eine  Be- 
handlung,  wie  man  sie  mir  angedeihen  lieB,  in  mir  erweckt 
haben.  1st  es  doch  erst  auf  Grund  genauester  Fuhlung  ge- 
schehen,  die  ich  unter  Vorlage  zumal  des  Essays  uber  die 
Wahlverwandtschaften  vor  drei  Jahren  genommen  habe,  dafi 
ich  in  Ubereinstimmung  mit  einem  dortigen  Universitats- 
lehrer  mir  vorsetzte,  die  Arbeit  iiber  das  Trauerspiel  zu 
schreiben  und  vorzulegen.  GewiB  erscheint  es  wertvoll,  liegt 
es  nahe,  mit  der  lebendigen  Rede  vor  Jiingere  treten  und  sie 
gewinnen  zu  kbnnen:  aber  der  Ort  an  dem  das  geschieht  und 
die  Auslese  der  Menschen,  die  er  trifft,  ist  nicht  gleichgultig. 

399 


Und  so  gewiB  es  auBerhalb  der  Hochschule  heute  noch  keinen 
gibt,  der  die  Fruchtbarkeit  des  Wirkens  gewahrleistet,  so 
gewiB  scheint  mir,  daB  die  Hochscbule  selber  mehr  und  mehr 
die  Lauterkeit  ihrer  Lehrquellen  triibt.  Gedanken  dieser— nur 
angedeuteten  —  Richtung  sind  es,  die  mich  verschmerzen 
lassen,  daB  heute  und  friiher  auch  eine  Intervention,  wie  Ihre 
Giite  sie  vorsah,  in  Frankfurt  nicht  zum  Ziele  mehr  gefuhrt 
hatte.  Sie  deuten,  hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal, 
zugleich  Ihre  Geneigtheit  an,  einen  Verlag  fur  meine  Arbeit 
zu  interessieren.  Diese  liegt  zur  Zeit  noch  bei  Rowohlt  in 
Berlin,  an  den  sie  mein  Freund  Franz  Hessel  als  dortiger 
Lektor  empfohlen  hatte.  Bei  der  Wahl  dieses  Verlages  spielte 
meinerseits  der  Gedanke  mit,  eher  einen  allgemeiner  inter  - 
essierten  als  einen  geradezu  wissenschaftlichen  Verlag  im  eng- 
ren  Sinne  zu  gewinnen.  Denn  die  „wissenschaftliche"  Hal- 
tung  im  heutigen  Sinn  ist  ja  nicht  das  Hervortretende  meines 
Versuches  und  unter  dem  Gesichtspunkt  als  einem  geradezu 
wissenschaftlichen  Verlage  konnte  leicht  ebendas  den  Wert 
der  Schrift  driicken,  worin  fur  mich  ihr  Interesse  liegt.  Wie 
dem  nun  sei  —  Ihre  Zeilen  werden  mich  veranlassen,  Sie  iiber 
den  Ausgang  der  Verhandlung  mit  Rowohlt  zu  unterrichten ; 
von  Ihrer  eignen  Stellung  zu  meinem  Buch  ist  Rowohlt,  wie 
ich  weiB,  mehrfach  unterrichtet.  Das  Manuscript  betreffend, 
so  ersuche  ich  Sie,  daniber  weiterhin  in  jedem  Ihnen  er- 
sprieBlich  scheinenden  Sinne  zu  verfiigen.  Insbesondere  stelle 
ich  es  auf  einige  Zeit  Herrn  Professor  Brecht1  gern  zur  Ver- 
fiigung. 

Bei  seinem  Hiersein  beriet  Dr.  Wiegand  mit  mir  die  Hum- 
boldt-Auswahl  der  Bremer  Presse.  Dankbar  und  uberzeugt 
werde  ich  an  der  Aufgabe  mitarbeiten,  die  Herr  Dr.  Wiegand 
mit  wenigen  Worten  mir  evident  machte:  die  Studenten  zum 
Gebrauche  der  groBen  Gesamtausgaben,  die  heute  unsere 
groBen  Denker  und  Schriftsteller  nicht  erschlieBen  sondern 
sekretieren,  zu  stimmen  und  vorzubereiten.  Die  Beschafti- 
gung  mit  Humboldt  fiihrt  mich  unmittelbar  auf  meine 
Studentenzeit,  wo  ich  unter  Anleitung  eines  menschlich 
hbchst  seltsamen  und  dem  kontemplativen  Ingenium  des 
spaten  Humboldt  auf  fast  groteske  Weise  kongenialen  Man- 

400 


nes  die  sprachwissenschaftlichen  Schriften  im  Seminar  las. 
Ich  darf  das  vielleicht  erwahnen,  weil  der  betreffende  Ihnen 
moglicherweise  bekannt  ist  (fast  mochte  ich  es  fiir  sicher 
halten)  als  Verfasser  eines  Biichleins  iiber  „die  Sprache  des 
alten  Goethe".  Es  ist  Ernst  Lewy,  derzeit  Professor  fiir 
finnisch-ugrische  Sprachen  in  Berlin. 

Der  Gedanke  des  Sagenbuches  muB  vorerst  noch  bei  mir 
ausreifen  und  am  Material  zureichend  entwickelt  werden. 
DaB,  falls  ich  mit  ihm  auf  dem  richtigen  Wege  bin,  zur 
rechten  Zeit  ich  bei  Dr.  Wiegand  die  freundlichste  und  for- 
derndste  Hilfe  finden  werde,  —  daran  zweifle  ich  nicht  im 
leisesten.  Von  neuem  habe  ich  bei  seinem  Hiersein  und  erst- 
maligen  langern  Gesprach  den  Wert  des  Vertrauens  empfun- 
den,  zu  dem  Sie  mich  ihm  gegeniiber  einluden, 

Ich  finde  in  Ihrem  Schreiben  vom  Julianfang  den  Hinweis 
auf  eine  Sammlung  von  „traurigen"  Puppenspielen  aus 
Niederosterreich.  Sie  nennen  Kislick  (?)  und  Winter  als  Her- 
ausgeber.  Leider  habe  ich  hier  den  Band  2  nicht  ermitteln 
konnen.  Falls  Ihnen  genauere  Angaben  zur  Verf  iigung  stehen, 
so  ware  ich  fiir  deren  —  gelegentliche  -  Mitteilung  Ihnen  sehr 
verpflichtet.  In  einer  Berliner  Zeitung  las  ich  dieser  Tage, 
daB  noch  heute  bauerliche  Staatsaktionen  von  Tiroler  Bauern 
fiir  ihres  gleichen  gegeben  werden.  Der  Ausflug  des  Seminars 
von  Prof.  [Arthur]  Kutscher  in  Munchen  zu  einer  derartigen 
Vorstellung  war  beschrieben. 

Ich  verbleibe,  hochverehrter  Herr  von  Hofrnannsthal,  mit 
dankbaren  und  ergebnen  GriiBen 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Walther  Brecht;  1957  vorzeitig  aus  politischen  Griinden  pensioniert. 
Freund  und  Nachlai3verwalter  Hofmannsthals. 

2  Deutsche  Puppenspiele.  Hrsg^.  von  Richard  Kralik  und  Joseph  Win- 
ter. Wien  1885. 


401 


147  An  Gerhard  Scholem 

Neapel,  21.  September  1925 

Lieber  Gerhard, 

hier  scheint  die  Regenzeit  zu  beginnen.  Ich  bin  in  ein  Cafe 
gefluchtet,  wo  ich  schreibe.  Aber  das  Wetter  hat  an  dem  Brief 
keinen  Anteil.  Er  war  auch  in  der  heifien  Sonne  heute  —  und 
lange  genug  ■—  fallig.  Ich  muBte  ihn  von  rechtswegen  mit 
dem  Reisebericht  belasten.  Meine  Karte  aus  Cordoba  oder 
Se villa  wirst  Du  erhalten  haben.  Dort  habe  ich  [mich]  an 
siidspanischer  Baukunst,  Landschaft  und  Sitte  in  den  wenigen 
Tagen  aus  ganzer  Kraft  vollgesogen.  In  Sevilla  habe  ich 
einen  gewaltigen  Barockmaler  gefunden,  an  dem  die  Wid- 
mungen  der  „Fleurs  du  Mai"  nicht  voriibergegangen  waren, 
wenn  Baudelaire  ihn  gekannt  hatte!  Juan  Valdez  Leal1,  der 
die  Kraft  von  Goya,  die  Gesinnung  von  Rops,  den  Stoff  von 
Wiertz  hat.  Leider  vereitelte  das  heftige  Unwohlsein,  das 
mich  dort  in  den  letzten  Stunden  des  Aufenthalts  befiel,  daB 
ich  mir  Abbildungen  verschaffte.  Wir  fuhren  dicht  an  Gibral- 
tar vorbei  und  sahen  Afrika  liegen.  Nach  drei  [Tagen]  haben 
wir  Barcelona,  eine  wilde  Haf  enstadt,  die  auf  kleinem  Raume 
den  Pariser  Boulevard  mit  grofiem  Gliick  nachbildet,  ange- 
laufen.  Uberall  habe  ich  Cafes  und  Volksquartiere  in  sehr 
versteckten  Winkeln  zu  sehen  bekommen,  teils  indem  ich 
mich  meinen  standhaften  Irrgangen  iiberlieB,  teils  in  enger 
Fraternitat  mit  dem  Kapitan  und  den  „Of fizieren" .  (So  heiBen 
bei  der  Handelsmarine  die  oberen  Chargen).  Diese  Leute 
waren  die  einzigen  mit  denen  ich  reden  konnte.  Sie  sind 
ungebildet  aber  nicht  ohne  Freiheit  im  Urteil.  Und  dann 
haben  sie  —  was  auf  dem  Festland  so  leicht  nicht  gefunden 
wird  -  fur  den  Unterschied  von  Erzogenen  und  Unerzogenen 
Sinn.  In  Neapel  wollte  der  Kapitan  mich  nicht  weglassen  und 
ich  bilde  mir  etwas  darauf  ein,  daB  der  Mann,  der  naturlich 
keinen  Begriff  von  meiner  Schreiberei  hat,  solche  zu  erhalten 
begehrte.  Erbekommt  dieUbersetzung  der  „UrsuleMirouet", 
die  inzwischen  wahrend  meiner  Abwesenheit  von  Berlin  noch 
erschienen  sein  diirfte.  Dann  lagen  wir  in  Genua  noch  und 

402 


in  Livorno.  Ich  fuhr  auf  einen  Tag  an  die  Riviera  und  ging 
den  schonen  Uferweg  von  Rapallo  nach  Portofino.  Es  ist  mir 
so  im  Sinn,  als  ob  Du  die  Gegend  kennst.  Von  Livorno,  wo 
wir  lange  lagen,  hatte  ich  MuBe,  nach  Pisa  und  Lucca.  Denn 
dortselbst  gibt  es  nichts  und  der  Stadt  sieht  man  ihren  Sohar2 
so  wenig  an,  wie  irgend  einer  Bibliopolis  ihre  Krone.  In 
Lucca  empfing  am  Abend  meiner  einsamen  Ankunft  mich 
der  denkwiirdigste  Jahrmarkt.  Er  wird  registriert  und  inacht 
statt  eines  Reise journals  Figur,  da  ich  dank  Littauers  Zusam- 
menbruch  diese  Reise  ohne  literarische  Verpflichtungen  ma- 
chen  kann.  ImGrunde  draut  freilich  die  Proust-Ubersetzung. 
Oder  sollte  ich  Dir  nicht  geschrieben  haben,  daB  ich  die  Ver- 
pflichtung  sein  dreibandiges  Werk  „Sodome  et  Gomorrhe" 
zu  iibertragen,  gegen  eine  mafiige  Gage  fiir  den  nachsten 
Monat  iibernommen  habe?  Ich  will  diese  Arbeit  wenn  mog- 
lich  in  Paris  absolvieren.  Im  Oktober  -  gegen  Ende  des  Mo- 
nats  —  mochte  ich  dorthin  via  Marseille  fahren.  Es  ist  eine 
Aufgabe,  von  deren  Vertracktheit  mir  noch  die  Begriff e  feh- 
len:  so  muBte  es  sein,  damit  ich  sie  iibernehmen  konnte.  Die 
undankbarste,  die  gedacht  werden  kann,  und  mit  Recht,  nach 
dem  Widerhall  selbst  der  bestmoglichen  Leistung,  aber  sehr 
fruchtbar  moglicherweise  fiir  mich.  Nach  Capri  soil  es  dies 
Jahr  nur  fiir  wenige  Tage  gehen  und  auch  hier  will  ich  nicht 
mehr  lange  bleiben.  Die  Stadt  hat  den  ganzen  Platz  in  mei- 
nem  Herz,  den  sie  vom  vorigen  Jahr  einnimmt,  wieder  ganz 
gefiillt.  Gestern,  an  einem  heiBen  Sonntag,  habe  ich  sie  von 
einer  neuen  Seite  her  umschritten  und  umzingelt  und  ihre 
Topographie  ist  schon  kartographisch  ein  faszinierendes  Stu- 
dium  fiir  mich.  Ubrigens  werde  ich  damit  ohne  eine  Relief  - 
karte  wohl  nicht  zu  Rande  kommen.  Ich  schlafe  in  einer 
schnbden  aber  reinlichen  Kammer  fiir  10  lire.  —  Hier  auf  der 
Post  fand  ich  denn  endlich  den  Druck  von  „Neapel"  vor.  Am 
15.  August  hat  ihn  die  frankfurter  Zeitung"  gebracht, 
einige  Tage  vorher  eine  andere  Kleinigkeit  von  mir.  Beides 
kann  Dir  im  Augenblick  darum  nicht  zugehen,  weil  ich  selber 
nur  einen  Abzug  hierherbekam.  Spater.  —  Schreibe  mir  und 
schreibe  mir  ein  Wort,  ob  in  Wien  sich  auf  dem  KongreB 
Wichtiges  zutrug.  Ich  weiB  von  ihm  nichts.  Zwei  Stunden 

403 


bevor  ich  zur  Bahn  ging  habe  ich  in  Berlin  einen  Vertrag  mit 
dem  Verlage  Ernst  Rowohlt  unterzeichnet.  Er  garantiert  mir 
fur  das  nachste  Jahr  ein  Fixum  und  bringt:  „Ursprung  des 
deutschen  Trauerspiels"  „Goethes  Wahlverwandtschaften" 
„Plaquette  fiir  Freunde".  Das  dritte  ist  ein  Aphorismenbiich- 
lein,  von  dem  noch  nicht  feststeht,  ob  es  seinen  geplanten 
Titel.  wird  wahrmachen  konnen.  [. . .]  Mit  welcher  Freude 
ich  Deinen  Mendelssohn3  und  auch  den  Riviere  bekommen 
habe,  schrieb  ich  Dir.  Bleibe  bitte  mit  all  Deinem  Gedruckten 
nicht  im  Verzug.  Was  ich  hier  zu  tun  habe,  ist  Kritiken  zu 
verfassen.  Eine  Rezension  von  Unruhs  „Fliigel  der  Nike"  soil 
den  Platz,  den  ich  namentlich  in  der  „  Liter arischen  Welt" 
behaupten  will  —  vieles  bleibt  hochst  variabel  pseudonym  4  - 
abstecken5.  Diese  Rezension  mufi  einfach  formidabel  werden. 
Wie  denn  das  Buch  der  Abhub  des  deutschen  republikani- 
schen  Schrifttums  ist.  —  Dein  letzter  Brief  hat  die  Reise  mit- 
gemacht;  ich  lese  ihn  nochmals  und  adoptiere  den  Begriff  der 
„kleineren  Unsterblichkeit"  -  deren  Tiir  mir,  wer  weiB?  die 
Frankfurter  Hausmeister  denn  doch  auch  vor  der  Nase  zu- 
geschlagen  haben?  —  mit  so  hohem  Beifall,  als  meine  kleinen 
Thesen  gegen  die  Urmenschen  -  Neger  -  Idioten  -  Kunst 
tiefen  MiBfall  bei  Dir  erregt  haben.  Warum?  Da  ist  -  bis  auf 
eine  hoch-  und  niedergestapelte  These  -  alles  suppenklar. 
Umso  vernichtender  traf  „Mann  ohne  Schatten".  Ich  ver- 
spreche  die  Papiere  meines  Schattens  mit  Hin-  und  Ruck- 
reisevisum  in  die  kleinere  Unsterblichkeit  bald  abzuliefern. 
Denn  unter  dieser  Sonne  ist  das  Wort  der  groBte  Schimpf. 
Und  so  wirft  denn  die  Morgensonne  meines  Ruhmes  so  langen 
Schatten,  daB  der  vor  mir  in  Jeruscholajim  ankommt.  Quod 
felix  faustumque  sit! 

Herzlichst  Dein  Walter 

1  Murillos  Nachfolger  als  President  der  Akademie  von  Sevilla  (1622 
bis  1690). 

2  W.  B.  hatte  bei  Scholem  oft  eine  sechsbandige  Ausgabe  des  „Sohar" 
aus  Livorno  gesehen. 

3  Die  Erstausgabe  von  Mendelsohns  ^Jerusalem". 

4  Er  bevorzugte  die  Pseudonyme  A.  Ackermann  und  Anni  M.  Bie 
(Anagramm!),  spater  auch  E.  J.  Mabinn. 

5  Erschien  in  der  Nr.  21.  Mai  1926. 


404 


148  An  Rainer  Maria  Rilke 

Riga,  9.  November  1925 

Hochverehrter  Herr  Rilke, 

Sie  werden  es  giitig  entschuldigen  mogen,  wenn  Sie  nicht 
umgehend  auf  Ihr  Telegramm  eine  Nachricht  erhielten;  es 
erreichte  mich  erst  auf  langen  Umwegen  in  Neapel  und  in 
die  Tage  seines  Eintreffens  fielen  die  Vorbereitungen  zu  mei- 
ner  zeitweiligen  Ubersiedelung  hierher.  Es  hat  mich  sehr 
dankbar  und  gliicklich  gemacht,  dies  wertvolle  Zeichen  Ihres 
Interesses  an  meiner  Ubertragung  zu  erhalten.  Uber  das 
Problematische,  das  ihr  an  manchen  Stellen  der  Beschaffen- 
heit  des  Textes  und  der  Schwierigkeit  der  Entscheidung 
[wegen]  eignen  muB,  bin  ich  mir  im  klaren.  Ich  hege  auch 
die  Hoffnung,  vor  der  Drucklegung  iiber  gewisse  Einzel- 
heiten  noch  Belehrung  und  Beratung  zu  empfangen,  sei  es, 
daB  mir  von  Ihnen  ein  Hinweis  kame  oder  daB  auch  nur  ich 
bei  meinem  geplanten  Aufenthalt  in  Paris  mit  Freunden  die 
Arbeit  durchgehe.  Das  letztere  konnte  freilich  erst  imFebruar 
sein  und  vielleicht  haben  Sie  die  Drucklegung  friiher  anbe- 
raumt.  Es  wiirde  mich  interessieren,  zu  erfahren  ob  bereits 
ein  Verlagsabkommen  besteht  und  mit  wem.  Wenn  ich  Frau 
Hessel  recht  verstanden  habe,  so  werden  Sie  der  deutschen 
Ausgabe  eine  Vorrede  mitgeben.  Die  Vorrede  von  Larbaud 
zur  russischen  habe  ich  kiirzlich  durch  Herrn  von  Munch  - 
hausen  erhalten.  -  Hier  beschaftigt  mich,  wenn  ich  d[ie]s 
noch  hinzufiigen  darf  —  ausschlieBlich  die  Dhersetzung  von 
Sodome  et  Gomorrhe.  Je  weiter  ich  in  die  Arbeit  eingehe, 
desto  dankbarer  bin  ich  den  Umstanden,  die  sie  mir  anver- 
trauten!  Der  Gewinn  einer  so  eingehenden  Beschaftigung  mit 
dem  groBen  Meisterwerk  wird  mir  im  Laufe  der  Zeit  sehr 
fiihlbar  werden.  —  Ich  erlaube  mir  schlieBlich  die  Hoffnung 
auszusprechen,  daB  Ihr  Befinden,  hochverehrter  Herr  Rilke, 
sich  gebessert  haben  mochte  und  Sie  bei  Gelegenheit  sich  mit 
einer  Zeile  meiner  erinnern  wollten. 
[SchluB  fehlt] 


405 


149  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin,  28.  Dezember  1925 

Hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal! 

Ich  danke  Ihnen  herzlich  fiir  Ihre  freundlichen  Zeilen  aus 
Aussee.  Diesmal  kann  ich  nicht  unmittelbar  auf  die  darin 
enthaltene  Anregung  eingehen,  meine  Gedanken  iiber  Shake- 
speares Metaphorik  Ihnen  zu  entwickeln.  Ich  bedaure  das 
sehr.  Es  ist  mir,  wenn  ich  eine  groBere  Arbeit  abgeschlossen 
habe,  fiir  langere  Zeit  nicht  moglich,  auf  ihren  Them  en-  und 
Gedankenkreis  mich  zuriickzuwenden  und  ohne  das  konnte  es 
bei  dieser  Frage  nicht  abgehen:  aus  einem  Grunde  freilich, 
der  nicht  danach  angetan  ist,  mein  Verschieben  zu  bescho- 
nigen.  Ich  bin  im  Shakespeare  nicht  eigentlich  zu  Hause  son- 
dern  nur  in  Abstanden,  vereinzelt  an  ihn  herangetreten. 
Andererseits  habe  ich  ja  im  Umgang  mit  Florens  Christian 
Rang  gelernt,  was  es  bedeutet,  in  ih'm  heimisch  zu  sein  und 
langst  hatte  ich  ihm  das  Thema,  das  Sie  beriihren,  wenn  er 
noch  lebte,  vorgetragen.  Ich  weiB  nicht,  ob  auch  hier  die 
Konfrontation  von  Shakespeare  und  Calderon  so  aufschluB- 
reich  ware,  wie  sie  sonst  in  vieler  Hinsicht  es  ist.  Jedenfalls 
hat  Calderon  eine  blendende  Metaphorik,  die  mir  von  der 
Shakespeares  hdchst  verschieden  scheint:  ist  dies  der  Fall,  so 
wurden  beide  sich  gewifi  als  die  bedeutsamen  polaren  Aus- 
pragungen  der  barocken  Bilderrede  zu  erkennen  geben 
(Shakespeares  Bild  als  „Gleichnis  und  Figur"  der  Handlung 
und  des  Menschen,  das  Calderonsche  als  romantische  Poten- 
zierung  des  Redens  selber).  Aber  ich  muB  fiir  jetzt  damit  ab- 
brechen;  wenn  es  zur  Ausfiihrung  eines  alten  Planes  von  mir, 
einen  Kommentar  zum  „ Sturm"  zu  schreiben,  kame,  so 
stiinde  Ihre  Frage,  glaube  ich,  im  Brennpunkt  der  Darstel- 
lung.  Zur  Zeit  achte  ich  genauer  auf  die  Metaphorik  von 
Proust,  der  —  in  einer  interessanten  Kontro verse  mit  Thibau- 
det  iiber  den  Stil  von  Flaubert l  —  die  Metapher  schlechthin 
fiir  das  Wesen  des  Stils  erklart.  Ich  bewundere,  wie  er  den 
vielleicht  allgemeinen  Brauch  der  groBen  Dichter,  die  Me- 
tapher dem  Naheliegenden  und  Belanglosen  zu  entnehmen, 

406 


dem  Stande  heutiger  Dinge  iiberraschend  anpaBt  und  einen 
ganzen  Komplex  ausgeleierter  weltlaufiger  Verhaltnisse  im 
Dienst  eines  tieferen  Ausdrucks  gleichsam  mobil.  macht,  in 
die  schlaffsten  Perzeptionen,  indem  er  sie  zum  bildlichen 
Ausdruck  heranzieht,  einen  schonen  kriegerischen  Lakonis- 
raus  bringt.  Neben  der  tjbersetzung  beschaftigt  mich  Kriti- 
sches;  aber  je  groBer  der  Reiz  ist,  iiber  einige  aktuelle  Gegen- 
stande,  besonders  Biicher  der  pariser  Surrealisten,  mir  Rechen- 
schaft  zu  geben,  desto  empfindlicher  wird  die  Schwierigkeit 
fiihlbar,  ephemere  und  doch  vielleicht  nicht  oberflachliche 
Uberlegungen  irgendwo  unterzubringen.  Hoffnungen,  die  ich 
auf  das  Erscheinen  der  „Literarischen  Welt"  in  diesem  Sinn 
setzte,  muB  ich  ein  wenig  herabstimmen.  -  Ich  hoffe  und 
wiinsche  Ihnen,  hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal,  daB 
Sie  bei  guter  Gesundheit  und  Arbeitsstimmung  ins  neue  Jahr 
hiniibergehen.  Sollte  in  seinem  ersten  Drittel,  etwa  bis  Ende 
Marz  oder  Anfang  April,  es  ein  neues  Heft  der  „Beitrage" 
bringen,  so  wiirde  der  Abdruck  meines  Melancholiekapitels 
gewiB  ohne  Schwierigkeiten  (von  Rowohlt  und  von  mir) 
immer  noch  Vorabdruck  werden.2  In  jedem  Falle  stehe  ich 
Ihnen  jederzeit  mit  dem  genauen  Texte  von  „Melancolei 
redet  selber"  von  Andreas  Tscherning  (aus  dem  „Vortrab  des 
Sommers  deutscherGedichte"  Rostock  1655)3  zur  Verf iigung. 
Ich  glaube  die  —  auch  dichterisch  —  starksten  Stellen  aus  dem 
hie  und  da  etwas  ungefiigen  Text  herausgehoben  zu  haben, 
doch  bleibt  das  Ganze  immer  schon  und  merkwiirdig.  Ein 
Bedenken  konnte  vielleicht  eher  darin  liegen,  daB  ein  Ab- 
druck in  einer  wertlosen  Anthologie  von  Barocklyrik,  die  vor 
einigen  Jahren  in  Berlin  herauskam,  sich  findet.  —  [Ernst] 
Cassirers  Arbeit  iiber  die  „Begriffsform  im  mythischen  Den- 
ken"  4  habe  ich  vor  langerer  Zeit  mit  viel  Interesse  gelesen. 
Fraglich  aber  blieb  mir,  ob  der  Versuch  durchfiihrbar'  ist,  das 
mythische  Denken  nicht  nur  in  Begriffen  -  d.  h.  kritisch  - 
darzustellen,  sondern  auch  durch  den  Kontrast  gegens  Be- 
griffliche  hinreichend  zu  erleuchten. 

Mit  den  besten  GriiBen  Ihr  herzlich  ergebener 

Walter  Benjamin 


407 


1  In  der  Nouvelle  Revue  Francaise,  Januar  1920.  Vgl.  jetzt  Marcel 
Proust:  Tage  des  Lesens.  Drei  Essays.  Frankfurt  am  Main  1965. 

2  Tatsachlich  erst  im  August  1927  in  den  „Neuen  Deutschen  Bei- 
tragen"  erschienen  (2.  Folge,  3.  Heft,  S.  89  fE.);  die  Bucliausgabe  er- 
schien  1928. 

3  Aus  dem  Gedicht  wird  wiederholt  im  Trauerspielbuch  zitiert. 

4  Leipzig  1922. 


1  JO  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  14.  Januar  1926 

Lieber  Gerhard, 

ich  hatte  langst  vor,  Dir  zu  schreiben.  Gerade  heute  kam 
Dein  Brief  an  Dora.  Sie  wird  Dir  gewiB  selbst  antworten. 
DaB  er  sie  sehr  erfreut  hat  darf  ich  wohl  verraten.  Damit 
wird  ein  genauerer  Bericht  liber  Stefan  ja  wohl  auch  in  ihr 
Schreiben  ubergehen.  Er  lernt  zwar,  freilich,  Hebraisch  - 
aber  in  den  fakultativen  Stunden  wird  wohl  nicht  viel  ge- 
schafft  und  lieb  ist  ihm  nur  die  biblische  Erzahlung,  die  bei 
einem  anderen  Lehrer  liegt.  Bei  dieser  Gelegenheit  wiirde  ich 
gern  wissen,  ob  Du  ein  jiidisches  Lesebuch  (mit  deutschem 
Text)  weiBt,  das  ich  mit  Stefan  vornehmen  konnte.  Ich  lese 
ihm,  wenn  nicht  taglich,  so  doch  jede  Woche  einige  Stunden 
vor  und  schweife  dabei  ziellos  durch  ein  Marchenhaus,  wie 
unsere  Biicher  es  nahelegen.  Statt  dessen  wiirde  ich  ihm  gern 
jiidische  Geschichte  oder  Geschichten  vorlesen,  was  schlieB- 
lich  auch  —  ungeachtet  meiner  bevorstehenden  Befassung  mit 
Marchenfragen  -  mir  selbst  besser  anschlagen  wiirde.  Aber 
ich  weiB  nicht,  ob  es  etwas  gibt,  was  solch  unbestimmten 
Zwecken  entgegenkommt.  Es  hat  in  letzter  Zeit,  auch  fiir 
ihn,  Festlichkeiten  gehagelt;  Chanuka  (danach,  seitens  mei- 
ner Eltern  Weihnachten)  Doras  Geburtstag  und  er  hat  mehr 
Geschenke  bekommen  als  sein  immer  noch  dxirftig  ausgestat- 
tetes  Zimmer  fassen  kann.  Natiirlich  hat  er  schon  langst  sein 
eigenes:  Grete  hat  ein  Zimmer  neben  der  Kiiche,  in  dem 
friiher  mein  Bruder  wohnte.  Dieser  wird  in  einigen  Tagen 

408 


ein  sympathisches  junges  Madchen  heiraten1,  eine  Freundin 
meiner  Schwester,  die  er  zur  Kommunistin  sich  herangebildet 
hat.  Es  haben  also  seine  christlichen  Schwiegereltern  in  einen 
doppelt  bitteren  Apfel  zu  beiBen.  1st  iibrigens  Dein  Bruder 
Werner,  wie  Du  einmal  voraussagen  zu  wollen  schienst,  aus 
der  Partei  „entfernt"  worden?2  —  Uber  die  „opinions  et 
pensees"  meines  Sohnes  habe  ich  seit  seiner  Geburt  ein  Biich- 
lein  gefuhrt,  das  zwar  —  infolge  meiner  vielen  Abwesenheiten 
nicht  gerade  umfangreich  ist,  aber  doch  einige  Dutzende 
seltsamer  Worter  und  Redensarten  auffiihrt.  Ich  trage  mich 
mit  der  Absicht,  es  in  die  Schreibmaschine  zu  geben  und 
eines  der  wenigen  Exemplare  ware  Dir  dann  sicher.  Ernst 
Schoen,  der  Weihnachten  in  Berlin  war,  hub  an  und  begann 
groBe  Dinge  von  ihm  zu  prophezeien.  Zu  Chanuka  wurde 
iibrigens  mein  altes  Puppentheater  hervorgeholt  und  ihm 
sowie  einer  befreundeten  Kinderelite  eine  erstaunliche  Feerie 
von  Raimund  zu  vollendeter  Darstellung  gebracht.  Wir  wa- 
ren  drei  Mann  hoch  hinter  der  Biihne  beschaftigt. 

In  letzter  Zeit  ist  kaum  etwas  von  mir  erschienen,  es  sei 
denn  im  „Querschnitt"  ein  Aufsatz  iiber  Revue  und  Theater 
von  einem  Bekannten,  dem  Regisseur  Bernhard  Reich  und 
mir  gemeinsam  verfaBt3.  Ich  sende  Dir  nachstens  ein  Kon- 
voliitchen  solcher  kleinen  Sachen  aus  der  letzten  Zeit.  Fur 
das  Barockbuch  und  die  Wahlverwandtschaftenarbeit  werden 
die  Druckproben  gemacht.  Ich  habe  in  letzter  Zeit  siindhaft 
viel  gelesen  und  nicht  einmal  am  Proust  iibersetzt.  Dafiir 
kann  ich  nun  sagen,  daB  ich  in  den  neuen  franzosischen  An- 
gelegenheiten  au  fait  bin:  bleibt  nur,  diese  fadenscheinige 
Tatsache  in  einen  soliden  Zusammenhang  zu  verweben.  Sonst 
las  ich  Trotzki:  Wohin  treibt  England?  —  ein  sehr  gutes 
Buch,  Sodome  et  Gomorrhe  —  endlich  zu  Ende,  und  allerdings 
einen  auf  den  Schreibtisch  geschneiten  Walzer  C.  A.  Bernoulli : 
J.  J.  Bachofen  und  das  Natursymbol.  Das  geht  mich  —  mdr- 
chenhafter  Weise  —  naher  an.  Die  Auseinandersetzung  mit 
Bachofen  und  Klages  ist  unumganglich  -  freilich  spricht  vie- 
les  dafiir,  daB  sie  ganzlich  stringent  nur  aus  der  judischen 
Theologie  zu  fuhren  ist,  in  welcher  Gegend  denn  also  diese 
bedeutenden  Forscher  nicht  umsonst  den  Erbfeind  wittern. 


409 


Dieser  Bernoulli,  der  sein  Talent  zur  gelehrten  Kolportage 
schon  im  Nietzsche-Overbeck-Buch  erwiesen  hat,  hat  nichts 
gelernt  und  nichts  vergessen.  Lehrreich  ist  der  Walzer  doch 
und  das  „Europa-Institut"  (?)  der  Universitat  Jerusalem 
miiBte  ihn  sich  zulegen.  A  Propos:  so  beginne  und  spare  im 
Katalog  eine  scheme  weiBe  Seite  unter  B  fur  mich  aus.  [. . .] 
Vom  neuen  Schicksal  [Robert]  Eislers  wirst  Du— wahrschein- 
lich  besser  als  ich  —  informiert  sein.  Das  „Institut  de  Coope- 
ration intellectuelle"  4  (oder  wie  es  heifit)  hat  neben  Schulze- 
Gavernitz  ihn  als  Vertreter  von  Deutschland5  berufen.  Und 
was  die  deutschen  Gelehrten  dazu  sagen,  wirst  Du  Dir  aus- 
malen  konnen.  Jedenfalls  sitzt  er  in  Paris  und  wenn  ich  Ende 
Februar  (wie  ich  es  plane)  dorthin  komme,  so  werde  ich  ihn 
auf  suchen. 

Nun  sehe  ich  Deinen  Brief  durch  und  stelle  ich  fest,  daB 
ich  Dir  -  in  puncto  Eisler  zumindest  -  olle  Kamellen  mitteile, 
dagegen  so  und  so  viele  Fragen  unbeantwortet  lieB.  Also: 
Stefan  geht  in  die  gewohnliche  Schule  -  nicht  in  die  jiidische. 
Um  Emil  Cohn  handelt  es  sich  bei  seinem  Religionsunterricht 
offenbar  nicht.  [Heinz]  Pflaums  Proust-Theorie  kann  ich  so 
per  Distanz  nicht  agreieren:  mir  schien  durchaus  viel  strenge 
franzosische  Schulphilosophie,  der  besten  Tradition,  von 
Cartesius  zu  den  Sensualisten,  in  seinen  Buchern  erkennbar. 
Im  ubrigen  ist  das  ein  zu  verschranktes  Thema  fur  schrift- 
liche  Verstandigung.  Es  gibt  in  diesen  Buchern  uberaus 
bedeutende  Sichten  und  Satze,  das  ganze  wird  vielleicht  pro- 
blematischer  je  genauer  man  sich  damit  befaBt.  Wie,  im 
ubrigen,  geht  es  Pflaum?6  Wenn  Du  meine  Proust-tJber- 
setzung  liest,  so  wirst  Du  vielleicht  nicht  weit  kommen.  Es 
miiBte  schon  seltsam  zugehn,  wenn  sie  lesbar  wird.  Die  Sache 
ist  grenzenlos  schwierig  und  Zeit  kann  ich  ihr  aus  vielen 
Griinden,  vor  allem  der  knappen  Bezahlung  wegen,  nur  sehr 
gemessen  zur  Verfiigung  stellen.  Notizen  iiber  ihn  „En  tra- 
duisant  Marcel  Proust"  will  ich  mal  in  der  „Literarischen 
Welt"  veroffentlichen.  —  Ich  hatte  mich  gefreut,  Dir  einen 
Prospekt  von  der  „Wirklichkeit  der  Hebraer"7  beizulegen. 
Aber  ich  kame  post  festum.  Lesen  werde  ich  die  Sache.  Und 
ich  bitte  Dich  recht  dringend,  die  Grundgedanken  Deiner 

410 


Kritik  mir  zuganglich  zu  machen.  Mir  liegt  natiirlich  sehr 
viel  daran.  Die  Sache  wird  interessanter  sein  als  Ungers, 
immerhin  geistreiches  Buch:  „Gegen  die  Kunst"  Lpz  Meiner 
1925.  Desgleichenbin  ich  auf  die  Verlautbarungen  im  Alters- 
stil,  wie  Deine  Antrittsvorlesung  8  sie  enthalten  kann,  unge- 
heuer  gespannt  und  ich  hoffe,  Deine  Frau  geht  bald  an  die 
TJbersetzung.  Von  mir  zu  diesem  Unternehmen  Gliick-  und 
Segenswiinsche. 

Soweit.  Ein  Bulletin  von  der  Dich  so  sehr  interessierenden 
Geisterschlacht  will  ich  aus  diplomatischen  Griinden  heute 
—  da  die  guten  Geister  fur  einige  Zeit  durch  passive  Resistenz 
meinen  Orders  sich  entziehen  —  nicht  abgeben.  Bei  den  herz- 
lichsten  GriiBen  an  Dich  und  Deine  Frau  aber  haben  sie  in 
besonderer  Sitzung  mitzutun  sich  entschlossen 

Dein  Walter 

1  Hilde  B.,  spater  als  Justizminister  der  DDR  bekannt  geworden. 

2  Dies  trat  ein  Jahr  spater  ein. 

3  Jg.  1925,  S.  1039-1043. 

4  Des  Volkerbundes. 

5  Es  handelte  sich  urn  Osterreich.  Der  Aufruhr  war  der  gleiche. 

6  Pflaum  lebte  seit  1925  in  Jerusalem.  Tiber  seine  Personlichlceit  ver- 
gleiche  Scholems  Gedenkrede  auf  ihn  in  „Romanica  et  Occidentalia. 
Etudes  dedi£es  a  la  memoire  de  H.  Peri  (Pflaum)".  Jerusalem  1963, 
S.7-11. 

7  Von  Oskar  Goldberg. 

8  Als  Dozent  an  der  Hebraischen  Universitat,  im  Herbst  1925. 


151  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin,  25.  Februar  1926 

Hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal, 

Sie  haben  die  groBe  Gute  gehabt,  eine  Abschrift  des  Briefes, 
den  Sie  an  die  „Schmiede"  x  gerichtet  haben,  mir  zuzusenden. 
Haben  Sie  fur  Ihre  freundliche  Information  (die  zudem  von 
entschiednem  Nutzen  fiir  den  Verlag  und  seine  Stellung  zur 
Proust- Ubersetzung  zu  werden  verspricht)  den  herzlichsten 

411 


Dank.  Vor  mehr  als  einer  Woche  legte  man  mir  -  nach  seiner 
Absendung  -  eine  Copie  des  an  Sie  gerichteten  Verlagsbriefes 
in  der  Proust-  Angelegenheit  vor.  Ich  habe  nicht  notig,  Ihnen 
zu  sagen,  daB  ichbestiirzt  war,  und  zwar  nicht  mehr  der  Sache 
wegen,  fur  die  man  Sie  da  beanspruchte  als  der  Form  wegen, 
in  der  es  geschah.  Gewisse  Stellen  legten  mir  sogar  den  Ge- 
danken  nahe,  Ihnen  ausdriicklich  zu  versichern,  daB  ich  dem, 
was  da  von  „Grundsatzen  der  Ubertragung"  vorgebracht 
wurde,  ganz  fern  stehe.  Im  iibrigen  macht  das  debacle,  das  der 
Verlag  mit  diesem  untauglichen  ersten  Ubersetzungsversuche^ 
erlitt 2,  meinen  Anteil  an  der  Proust-Ubersetzung  noch  verant- 
wortungsvoller  und  prekarer.  Ohne  auf  die  Schwierigkeit  des 
Ubersetzens  im  Allgemeinen  zu  reflektieren  —  die  Grenzen  der 
moglichen  Leistung  (die  naturlich  bei  Sch[ottlaender]  iiber- 
haupt  nicht  gesichtet  sind)  scheinen  mir  in  diesem  Falle  be- 
sonders  streng  dadurch  umschrieben,  daB  die  lang  ausgehalt- 
nen  Proustschen  Perioden,  die  dem  Originalwerk  ein  gut  Teil 
seines  Charakters  durch  die  Spannung  mitteilen,  in  der  sie 
zum  franzosischen  Sprachgeist  uberhaupt  stehen,  im  Deut- 
schen  ahnlich  beziehungsvoll  und  iiberraschend  nicht  wirken 
konnen.  Derart  daB,  was  gerade  dem  deutschen  Leser  an 
Proust  das  Wichtigste  sein  konnte,  in  dessen  Sprache  kaum 
zu  iibertragen  ist.  Bleibtfreilich  des  Wesenhaften  noch  immer 
die  Fiille.  Denn  es  ist  ja  ein  durchaus  neues  Bild,  das  er  vom 
Leben  gibt,  indem  er  den  Zeitverlauf  zu  dessen  MaB  macht. 
Und  die  problematischste  Seite  seines  Ingeniums:  die  ganz- 
liche  Elimination  des  Sittlichen  bei  hochster  Subtilitat  in  der 
Beobachtung  alles  Physischen  und  Spirituellen,  ist  vielleicht 
—  zu  einem  Teil  —  als  die  „Versuchsanordnung"  in  dem  im- 
mensen  Laboratorium  zu  verstehen,  wo  mit  tausend  Reflekto- 
ren,  konkaven  und  konvexen  Spiegelungen  die  Zeit  zum  Ge- 
genstand  der  Experimente  gemacht  wird.  Ich  kann,  mitten 
beim  Ubersetzen,  keine  eigentliche  Klarung  der  tiefen  und 
zwiespaltigen  Eindriicke  erhoffen,  mit  denen  Proust  mich 
erfullt.  Aber  langst  hege  ich  den  Wunsch,  eine  Reihe  meiner 
Beobachtungen,  aphoristisch  wie  sie  unter  der  Arbeit  sich  bil- 
den,  unter  dem  Kennwort  „En  traduisant  Marcel  Proust" 
zusammenzufassen.  -  Die  Giite,  mit  der  Sie  nochmals  meiner 


412 


Anzeige  des  „Turms"  gedenken,  war  mir  sehr  wohltuend. 
Es  ist  fur  mich  eine  groBe  Freude,  das  Wenige  aufzuzeichnen, 
was  mir  in  den  vorgeschriebnen  Schranken  zu  sagen  moglich 
ist  und  die  einzige  Befiirchtung  bleibt,  das  Pragmatische  der 
Anzeige  mochte  etwa  zu  sehr  hinter  den  Gedanken  zuriick- 
treten,  dielhr  Werk  in  mir  wachrief.  Ich  will  indessenhoffen, 
daB  sie  ihre  Aufgabe  erfiillt,  ohne  der  Verlegenheit  des  Ortes 
Konzessionen  zu  machen.  Die  geradezu  panische  Angst  der 
„Literarischen  Welt"  vor  jeder  nicht  schlechtweg  im  Aktuel- 
len  verspielten  AuBerung  ist  grotesk.  Bevor  ich  dieseTendenz 
des  Blattes  ahnen  konnte,  bei  seiner  Begriindung,  trug  ich  zu 
allererst  dem  Herausgeber  den  Wunsch  vor,  den  „Turm"  an- 
zeigen  zu  diirfen.  Das  wurde  auf  die  lange  Bank  geschoben 
wie  so  vieles  andere.  Wenn  ich  dann  zbgernder  erschien  als 
Haas  nun  seinerseits  an  mich  herantrat,  so  ist  das  eine  Geste 
der  Vorsicht  [.  .  .]  und  sie  ware  nicht  einmal  der  Erwahnung 
wert,  wenn  sie  nun  (ohne  Ihr  freundliches  Abwarten)  nicht 
AnlaB  neuer  Konfusion  des  Herausgebers  hatte  werden  kon- 
nen.  —  Ich  griiBe  Sie  in  herzlichster  Ergebenheit. 

Ihr  Walter  Benjamin 
PS  Ich  las  kiirzlich  zura  ersten  Male  die  „natiirlichen 
Abentheuer"  des  armen  Mannes  im  Tockenburg  3,  bewegt  von 
der  Schbnheit  des  Ganzen  und  dem  unvergleichlichen  SchluB. 
Kennen  Sie  des  Verfassers  Notizen  iiber  Shakespeare?  Sie 
muBten  nach  der  Autobiographic  zu  schlieBen,  sehr  merk- 
wiirdig  sein. 

1  Berliner  Verlag,  in  dem  die  unvollendete  erste  deutsche  Proust- 
Ubersetzung  erschien.  Nach  dem  ersten,  von  Rudolf  Schottlaender 
iibersetzten  Band  ging  die  Ubertragung  an  B.  und  Franz  Hessel  iiber. 
In  deren  Ubertragung  erschienen  „Im  Schatten  der  jungen  Madchen" 
1927  im  Verlag  Die  Schmiede  und  „Die  Herzogin  von  Guermantes" 
1930  bei  Piper;  das  Manuskript  von  nSodom  und  Gomorra"  scheint 
verloren  zu  sein,  wenn  es  uberhaupt  je  abgeschlossen  wurde. 

2  Willy  Haas  hatte  im  Januar  in  der  „Literarischen  Welt"  eine  Um- 
frage  iiber  Schottlaenders  Ubersetzung  veranstaitet,  die  wenig  schmei- 
chelhaft  fiir  B.  Sch.  ausfiel. 

3  UlrichBraker:  Lebensgeschichte  und  natiirliche  Abenteuer  des  armen 
Mannes  im  Tockenburg.  1789. 


413 


IS  2  AnlulaRadt 

Paris,  22.  Marz  1926 

Juliette,  bien-aimee,  au  pays  de  1'homme1 

ce  qui  signifie:  mari  en  ce  cas.  Bitte  um  Entschuldigung  fur 
den  -  zwar  reizenden  -  Anfang,  der  zur  Not  jedoch  bis  auf 
weiteres  unverstandlich  bleiben  muB.  Auf  alle  Falle  ziehe 
riiemanden  zur  Erklarung  heran;  die  Ubersetzung  lief  ere  ich 
auf  Wunsch  im  nachsten  Brief  gegen  50  Pfennig  in  Brief  - 
marken  nach.  Ich  bin  also  in  Paris  und  gedenke  nachster 
Tage  das  der  Familie  R.2  auch  offiziell  mitzuteilen.  Jetzt 
werde  ich  die  Stimme  noch  weiter  senken,  was  figiirlich  durch 
Bleistiftschrift  ausgedriickt  wird. 

Wie  meine  Ankunft  sich  hier  machte,  ist  durch  folgende 
Stationen  bezeichnet:  Hagen,  von  wo  es  um  fiinf  Uhr  friih 
abging,  Eisenbahnfahrt  mit  Poker  zwischen  einem  Spanier, 
einem  Agypter,  einem  Berliner  und  mir,  Eintreff  en  splendid, 
mit  [Thankmar  von]  Miinchhausen  an  der  Bahn,  sodann 
zwei  Stunden  spater  Cafe  du  Dome  (im  Montparnasse,  wo 
jetzt  die  Russen  das  neue  Bohemequartier  gemacht  haben 
-  im  Gegensatz  zu  Montmartre,  wo  ich  dies  schreibe)  ein 
Abendessen  in  kleiner  Gesellschaft,  worauf  sodann  ein  wun- 
dervoller,  unentdeckter  Schwof,  der  hier  bal  musette  heiBt 
und  mit  nichts  Berlinerischem  Ahnlichkeit  hat.  Fur  Manner 
und  Frauen  und  fur  Manner  untereinander.  Es  gibt  eine 
kleine  Strafie  mit  diesen  engen  Schank-  und  Tanzzimmern, 
in  denen  wohl  auBer  uns  kein  einziger  Auslander  zu  sehen 
war.  U.  s.  w.  Zuletzt  um  vier  in  einem  Bums-  und  Tanz- 
palast.  Weil  mir  Paris  somit  gleich  in  die  Fingerspitzen  ging, 
konnte  ich  schon  am  nachsten  Tag  an  meiner  Ubersetzung 
sitzen.  Seit  Jahren  bin  ich  nicht  so  friih  aufgestanden  wie 
hier.  Aber  es  hilft  nicht, -wenn  ich  uber  meine  Abende  ver- 
fiigen  will,  muB  ich  es  tun.  Natiirlich  bleibt  mir  keine  Zeit, 
zu  allgemeinen  Bildungskuriositaten.  Ich  kann  nur  machen, 
was  mir  SpaB  macht,  wenn  ich  nicht  gerad  schreibe.  Das 
heiBt,  ich  gehe  nur  von  auBen  an  die  Stadt  heran:  Lage  der 
StraBen,  Verkehrsmittel,  Caf^s  und  Zeitungen  beschaftigen 

414 


mich.  Einmal  bin  ich  im  Theater  gewesen  und  habe  eine  die- 
ser  hiibschen,  saubern,  anspruchslosen  Komodien  gesehen,  die 
es  in  Deutschland  nicht  gibt.  Mittag  kostet  durchschnittlich 
soviel  wie  bei  Dir,  aber  es  gibt  mehr  Gange  —  sehr  gut  ge- 
kocht,  in  einer  Kutscherkneipe  neb  en  meinem  Hotel.  Bisher 
habe  ich  noch  kein  einziges  Buch  gekauft:  wenn  Du  bedenkst, 
dafi  es  einige  StraBen  voll  davon  gibt,  dann  will  das  viel  be- 
sagen  —  zum  Teil  ist  allerdings  auch  die  Menge  ein  Grund. 
Um  Bilder  habe  ich  mich  etwas  mehr  gekummert,  hatte  eine 
Einladung  zur  Eroffnung  der  „Independants"  —  das  sind  die 
hiesigen  Juryfreien— ,  aber  die  Bilder  waren  grafllich.  Dage- 
gen  habe  ich  in  vielen  Kunstsalons  schemes  gesehen,  indem 
ich  die  SpezialstraBe  entlang  und  drei  Minuten  in  jeden 
Laden  ging. 

Ich  werde  nicht  nach  Fontenay  zu  Hessels  herausziehen, 
sondern  in  einem  netten  —  wenn  auch  kalten  Zimmerchen, 
mit  Komfort  wohnen  bieiben,  um  einmal  endlich  das  Ver- 
gniigen,  in  einem  Hotel  zu  wohnen,  auszukosten.  Dorthin 
also  schreibe  mir  einen  netten  Brief,  damit  ich  Dir  dann  wei- 
ter  erzahle.  Vieles  muB  man  ja  erzahlen  -  z.  B.  eine  famose 
Kasperl-Vorstellung  im  Kindertheater.  LaB  meinen  Kopf3 
schbn  eingewickelt !  Adieu.  Herzliche  GriiBe  Jula  alles  Gute. 
Meine  Adresse  ist  4  Avenue  du  pare  Montsouris  Hotel  du 
Midi 

Dein  Walter 

1  Eine  Anspielung  auf  den  Titel  des  Buches  von  Jean  Giraudoux, 
„Juliette  au  pays  des  hommes",  das  W.  B.  sehr  schatzte. 

2  Jula  Gohn  war  seit  einigen  Monaten  (1925)  mit  Fritz  Radt  ver- 
heiratet. 

3  Eine  Skulptur,  die  J.  C.  Anfang  1926  von  W.  B.  gemacht  hatte. 


415 


IS  3  An  Gerhard  Scholem 

Paris,  5.  April  1926 

Lieber  Gerhard, 

nach  recht  griindlichem,  wenn  auch  nicht  tiefem  Schweigen, 
hoffe  ich  jetzt  verlaBlichere  Korrespondenz  ankiindigen  zu 
diirfen.  Wenn  namlich  mein  Vorhaben,  mich  in  etwas  hier 
seBhaft  zu  machen,  gelingt.  Im  Augenblick  sind  die  Vorbe- 
dingungen  dazu  in  Gestalt  eines  wunderbar  reinlichen  und 
angenehmen  Hotelzimmers  und  einer  regelmaBigen,  wenn 
auch  subaltemen  Arbeit  gegeben.  Ich  bin  nun  etwas  iiber 
vierzehn  Tage  hier.  Ungefahr,  seit  der  gleichen  Zeit,  wirst 
Du,  wie  ich  hoffe,  durch  Deine  Mutter  meine  bescheidene 
Manuscriptsammlung  erhalten  und  huldvoll,  oder  minder, 
aufgenommen  haben.  Rowohlt  verschiebt  den  Erscheinungs- 
termin  meiner  Sachen  in  den  Herbst,  sodaB  im  Augenblick 
auf  stattlichere  Zuwendungen  an  Deine  Bibliothek  von  mir 
aus  nicht  zu  rechnen  ist.  Dafiir  wirst  Du  dann  im  Oktober, 
wie  ich  hoffe,  den  Aphorismenband  erhalten,  in  dem  der 
groBte  Teil  der  Bemerkungen  Dir  Inedita  sein  werden.  In 
ihm  iiberschneiden  sich  meine  altere  und  eine  jiingere  Phy- 
siognomic von  mir  nicht  zum  Nutzen  seiner  weithinwirken- 
den  Evidenz,  desto  interessanter  aber  —  wenn  das  nicht  zu  viel 
gesagt  ist  —  f ur  Dich,  den  stillen,  gewiegten  Beobachter.  Sonst 
ist  nicht  sonderlich  vieles  ans  Licht  getreten.  Am  erwahnens- 
wertesten  die  zehnzeilige  Vorrede,  die  ich  zum  Trauerspiel- 
buch  an  die  Adresse  der  Universitat  Frankfurt  geschrieben 
habe  und  die  ich  zu  meinen  gelungensten  Stiicken  zahle.  Ein 
kurioser  Auftrag  wird  mir  demnachst  die  bestellten  dreihun- 
dert  Zeilen  abnotigen.  Die  neue  GroBe  Russische  Enzyklo- 
padie  wiinscht  von  mir  soviel  iiber  Goethe  vom  Standpunkt 
der  marxistischen  Doktrin  zu  hbren.  Die  gottliche  Frechheit, 
die  in  der  Entgegennahme  solchen  Auftrages  liegt,  hat  es  mir 
angetan  und  ich  denke  mir  hier  das  Einschlagige  aus  den 
Fingern  zu  saugen.1  Nun,  man  wird  (doch  da)  sehen.  Eine 
Unsumme  noch  nicht  gedruckter  kleiner  Sachen  —  Bachofen- 
Rezension2,  Unruh-Rezension,  Hofmannsthal-Rezension  lie- 

416 


gen  bei  der  Literarischen  Welt.  Nach  wie  vor.  Meine  knappe 
pariser  Biicherei  stellt  sich  hauptsachlich  aus  einigen  kommu- 
nistischen  Dingen  zusammen:  die  Lukacs-Abfertigungen  in 
der  „Arbeiter-literatur"  (auf  die  ich  mir  noch  keinen  Vers 
machen  kann)  und  eine  „  Allgemeine  Tektologie" 3  oder  Lehre 
von  der  Organisation  als  neuer  Grundwissenschaft,  welche  an 
Stelle  der  ehemaligen  „Philosophie"  zu  treten  hatte  von 
Bucharin,  Professor  in  Leningrad.  Von  diesem  habe  ich  vor 
kurzem  den  schwer  genieBbaren  und  sehr  fragmentarischen 
ersten  Versuch  einer  marxistischen  Universalgeschichte:  „Die 
Entwicklungsformen  der  Gesellschaft  und  die  Wissenschaft" 
studiert. 

Natiirlich  sehe  ich  mich  hier  nach  Kraft  en  um,  hore  con- 
ferences in  engen  Kreisen,  lerne  nach  und  nach  die  groBen 
Leute  kennen.  [.  .  .]  Was  aus  solchem  Beginn  wird,  bleibt 
abzuwarten.  Vor  allem  werde  ich  mir  nachster  Tage  einen 
gebildeten  jungen  Mann  verschreiben,  mit  dem  ich  mehr- 
mals  in  der  Woche  gelehrt  konversiere,  weil  mir  sprachlich 
noch  vieles  unmoglich  ist. 

Bloch  hat  fur  die  nachsten  Tage  sein  Kommen  in  Aussicht 
gestellt.  Zur  Zeit  ist  er  in  Siidfrankreich  in  Sanary.  Ich  werde 
ihm  dann  die  Bergmannsche  Rezension  geben.  Fur  den  Bei- 
trag  von  Escha  herzlichen  Dank!  Wann  kann  ich  ihre  Uber- 
setzung  der  Antrittsvorlesung  erwarten?4  -  Vor  einigen 
Tagen  ist  hier  in  der  Union  intellectuelle  [Hans]  Driesch 
empfangen  worden.  Er  hat  einen  guten  Eindruck  gemacht. 
Demnachst  steht  den  Leuten  hier  das  Entsprechende  mit 
Scheler  bevor. 

Hat  Deine  Disputation  mit  Agnon  stattgefunden?  Wie 
stiinde  Agnon  zu  eirier  Ubersetzung  von  Sachen  von  ihm  ins 
Franzosische.  Ich  konnte  so  etwas,  sein  Einverstandnis  vor- 
ausgesetzt,  sehr  wohl  ins  Auge  fassen.  Wiirde  er  einwilligen, 
etwa  im  „ Commerce",  einer  Revue  fur  Dichtung,  zu  erschei- 
nen?  Vielleicht  kannst  Du  gelegentlich  seine  Gedanken  in 
dieser  Hinsicht  erforschen. 

Bitte  schreibe  mir  Eislers  pariser  Adresse  oder  sage  mir, 
wo  ich  sie  ermitteln  kann. 

WeiBt  Du,  ob  Marx  noch  am  Euphorion-Verlag  beteiligt 

417 


ist?  Ich  habe  da  neulich  ein  ekelerregendes  „Agyptisches 
Tagebuch"  von  Bethge  in  die  Hande  bekommen5,  das  dort 
erschienen  ist  Nun  aber  etwas  sehr  Schones,  das  Ihr  lesen  und 
in  Jerusalem  bekannt  machen  sollt.  Das  Buch  heiBt  „Der 
Russe  redet"  6  und  ist  im  Drei-Masken-Verlag  erschienen.  Es 
bringt  ohne  Anmerkungen,  Daten  noch  Namen  Satze  aus 
Unterhaltungen  und  Erzahlungen  russischer  Soldaten,  wie 
eine  Samariterin,  die  an  der  Front  war,  sie  von  Fall  zu  Fall 
aufgezeichnet  hat.  Es  ist  vielleicht,  wahrscheinlich,  das  auf- 
richtigste  und  positivste  Buch,  welches  der  Krieg  hervor- 
gebracht  hat. 

Sehr  herzliche  GriiBe  Dir  und  Escha 

Dein  Walter7 

Ich  mochte  das  Marchen  vom  Dornroschen  zum  zweiten 
Male  erzahlen. 

Es  schlaft  in  seiner  Dornenhecke.  Und  dann,  nach  so  und 
so  viel  Jahren  wird  es  wach. 

Aber  nicht  vom  KuB  eines  glticklichen  Prinzen. 

Der  Koch  hat  es  aufgeweckt,  als  er  dem  Kiichenjungen  die 
Ohrf eige  gab,  die,  schallend  von  der  aufgesparten  Kraft  so  vie- 
ler  Jahre,  durch  das  SchloB  halite. 

Ein  schones  Kind  schlaft  hinter  der  dornigen  Hecke  der 
folgenden  Seiten. 

DaB  nur  kein  Gliicksprinz  im  blendenden  Riistzeug  der 
Wissenschaft  ihm  nahe  kommt.  Denn  im  brautlichen  KuB 
wird  es  zubeiBen. 

Vielmehr  hat  sich  der  Autor,  es  zu  wecken,  als  Kiichen- 
meister  selber  vorbehalten.  Zu  lange  ist  schon  die  Ohrfeige 
fallig,  die  schallend  durch  die  Hallen  der  Wissenschaft  gel- 
len  soil. 

Dann  wird  auch  diese  arme  Wahrheit  erwachen,  die  am 
altmodischen  Spinnrocken  sich  gestochen  hat,  als  sie,  verbot- 
nerweise,  in  der  Rumpelkammer  einen  Professorentalar  sich 
zu  weben  gedachte. 
Frankfurt  a/M,  Juli  1925 

(Vorrede  zum  Trauerspielbuch) 8 

418 


1  Sein  Artikel  titer  Goethe  ist  im  deutschen  Originaltext  erhalten,  in 
der  spater  redigierten  ausfuhrlicheren  Fassung. 

2  Gemeint  ist  die  Rezension  von  Bernoullis  Bacho£en-Buch;  sie  er- 
schien  am  10.  Sept.  1926. 

3  Gemeint  ist  A.  A.  Bogdanow,  Allgemeine  Organisationslehre,  Teltto- 
logie.  Bd.  I,  Bin.  1926. 

4  Sie  erschien  nur  auf  hebraisch. 

5  Von  W.  B.  in  der  LW  vom  11.  Juni  1926  besprochen. 

6  Von    Ssofja    Fedortschenlto,    1925.    Von   W.  B.    in   der   LW   vom 
5. 11. 1926  besprochen. 

7  Das  Folgende  auf  einem  Extra-Blatt. 

8  Die  Vorrede  ist  nicht  erschienen. 


154  AnJulaRadt 

Paris,  8.  April  1926 

Liebste  Jula, 

in  meinem  letzen  Briefe  stand  nicht  viel,  seine  ganze  Energie 
war  in  die  Formulierungen  gefahren,  die  zur  Behebung  des 
Irrtums  notig  waren.  Du  hast  mich  am  Telefon  falsch  ver- 
standen:  nun,  in  den  Brief  en,  hoffentlich  desto  besser.  [.  .  .] 
—  Ich  bin  nun  also  fur  eine  Weile  allein  in  Paris,  denn  Frau 
Hessel  rechne  ich  nicht,  weil  sie  erstens  mit  eigenen  Angele- 
genheit-en  sehr  befafit  ist,  wenn  sie  einmal  anwesend  ist,  fur 
mich  aber  meistens  nur  eine  gesellschaftliche  Manoveriibung 
dabei  herauskommt,  die  nicht  immer  SpaB  macht  auch  wenn 
sie  klappt.  Sie  hat  bisweilen  eine  drollige  Lust,  mit  mir  zu 
flirten  und  ich  versteife  mich  mit  mindestens  ebensoviel  Ver- 
gniigen  darauf,  das  nicht  zu  tun.  Desto  besser  ist  es  mit 
Munchhausen  gewesen;  wir  haben  (in  Gesellschaft  seiner 
hiesigen  Flamme,  einer  wenig  belangvollen  aber  garni cht 
storenden  Malerin,  derenMann  auf  eine  garnicht  zubeschrei- 
bende  Weise  im  Hintergrund  zerflieBt)  eine  runde  Zahl  hiib- 
scher  Abendessen,  Tag-  und  Nachtspaziergange  und  zuletzt 
die  herrliche  Autotour  nach  Chantilly  und  Senlis  unternom- 
men,  von  dessen  Hotel  du  Grand  Cerf  dieser  Bogen  noch 
zeugt.  Von  dem  Chok,  der  mich  in  Senlis  befiel,  als  in  der 
Kathedrale  mir  Munchhausen  sagt,  dafi  1914  die  Deutschen 

419 


in  ihr  gewesen  sind,  habe  ich  Dir  geschrieben.  Und  dann  muB 
man  sich  sagen,  was  es  heiBt,  den  Riickzug  von  Paris,  das 
einen  halben  Tagemarsch  entfernt  liegt,  anzutreten.  -  Es 
scheint,  daB  schicke  Gojim1  augenblicklich  ganz  mein  Fall 
sind.  Am  angenehmsten  war  es  audi  immer,  wenn  wir  zu 
zweien  waren.  Aber  in  diesem  Genre  wird  es  nicht  weiter 
gehn;,  der  freundliche,  durchaus  nicht  schicke  Hessel  kommt 
her  und  auBerdem  hat  Bloch,  kaum  daB  er  mich  hier  wuBte, 
seine  Ankunft  in  Paris  angezeigt,  die  allerdings  inzwischen 
schon  uberfallig  ist.  Er  will,  sympathischerweise,  ohne  Frau 
erscheinen,  die  in  Sanary  weitermalt,  Miinchhausen  fuhr 
nicht  ab,  ohne  mir  einige  nutzliche  Briicken  geschlagen  zu 
haben.  So  hat  er  mich  beim  Grafen  Pourtales  eingefiihrt,  wo 
ich  in  vierzehn  Tagen  einen  franzosischen  Vortrag  iiber  M. 
Stefan  George  zu  horen  bekommen  soil.  Ein  Salon  mit  kost- 
baren  Mobeln,  von  vereinzelten  Damen  und  Herren  garniert, 
die  den  heillosesten  Physiognomien  ahneln,  denen  man  nur 
bei  Proust  begegnen  kann.  Das  tat,  daB  ich  beim  ersten  Vor- 
trag, den  ich  neulich  horte  -  die  Sache  findet  gegen  drei  Uhr 
mittags  statt  -  mitten  in  der  schonsten  Snoberei,  als  man  von 
Dante  Gabriel  Rossetti  etwas  vortrug,  beinahe  eingeschlafen 
ware.  Miinchhausen,  neben  mir,  erhielt  sich  nur  mit  Koket- 
tieren  muhsam  wach.  Dann  war  ich  neulich  zu  einem  Friih- 
stiick,  welches  in  einem  der  allerersten  Pariser  Restaurants  die 
Fiirstin  Bassiano  fur  sieben  Personen,  unter  denen  ich  und 
Miinchhausen  waren,  gegeben  hat.  Es  begann  mit  riesenhaf- 
ten  Kaviarportionen  und  ging  in  dieser  Art  weiter.  Mitten  im 
Zimmer  wurde  auf  dem  Herd  gebraten  und  vor  dem  Anrich- 
ten  zeigte  man  alles  vor.  Dabei  war  unter  dieser  Gesellschaft 
sogar  ein  waschechter  italienischer  Revolutionar.  AuBerdem 
gab  es  den  Chefredakteur  der  Nouvelle  Revue  Francaise,  der 
einen  vorzuglichen  Eindruck  macht  und,  unter  anderen 
[Bernhard]  Groethuysen,  den  Alfred  [Cohn]  glaube  ich  noch 
in  Berlin  gehbrt  hat  und  der  mein  Nachbar  war.  -  Ich  bin 
hier  iibrigens  fleiBig,  zum  mindesten  beim  "Obersetzen  und 
was  das  Erstaunlichste  ist,  es  wird  mir  ganz  leicht.  Dazu  habe 
ich  freilich  ein  Regime  entdeckt,  das  zauberhaft  die  Kobolde 
zum  Helfen  lockt  und  darin  besteht,  daB  wenn  ich  morgens 

420 


aufstehe  ich  ohne  mich  anzukleiden,  ohne  Hande  oder  Kor- 
per  auch  nur  mit  einem  Tropfen  Wasser  zu  benetzen,  ja  ohne 
auch  nur  zu  trinken,  mich  an  die  Arbeit  setze  und  nichts  tue, 
ehe  das  Pensum  des  ganzen  Tages  beendet  ist  —  geschweige 
denn  fruhstiicken.  Das  bringt  die  seltsamsten  Wirkungen  zu- 
stande,  die  man  denken  kann.  Nachmittag  kann  icli  dann  vor- 
nehmen  was  ich  will  oder  bummeln.  Und  ich  schlendere  oft 
ohne  Erregung  die  Quais  lang:  wirkliche  Seltenheiten  sind 
dort  sehr  selten  geworden  und  der  Anblick  unzahliger  mitt- 
lerer  Biicher  stimmt  mich  eher  gemigsam.  Zudem  kann  man 
sich  iiber  dem  Flanieren  leicht  fur  einige  Zeit  das  Lesen  ab- 
gewohnen:  mir  sieht  es  jedenfalls  danach  aus.  Dies  und  das 
sehe  ich  im  Theater  —  ich  nehme  es,  wie  es  gerade  ein  Frei- 
billet  mit  sich  bringt.  So  komme  ich  gerade  jetzt  aus  der 
Auffiihrung  von  [Georg]  Kaisers  „Kolportage",  dem  einzi- 
gen  seiner  Stiicke,  das  ich  vertrage.  Es  war  hier  in  Paris  ein 
MiBerfolg.  Erstens  ist  es  fur  Franzosen  nicht  zuganglich 
und  zweitens  hat  man  es  nicht  sehr  gut  gegeben.  Die  erste 
Auffiihrung  im  Lessingtheater  war  besser.  Was  ich  an 
Avantgarde-Theater  gesehen  habe,  eine  surrealistische  Soiree 
in  einem  kleinen  Privattheater  auf  dem  Montmartre  vor  ge- 
ladenem  Publikum  war  jammervoll.  Aber  nichts  geht  iiber 
die  Jahrmarkte  und  das  schonste  an  aller  Kunst  und  allem 
Betrieb  dieser  Stadt  ist,  daB  sie  dem  wenigen,  was  noch  als 
Rest  von  dem  Urspriinglichen,  Natiirlichen  sich  halt,  seinen 
Glanz  laflt.  Diese  Markte  fallen  wie  Bomben  in  dieses  oder 
in  jenes  Stadtviertel:  jede  Woche  wird  man,  wenn  man  es 
darauf  anlegt,  irgend  einen  Boulevard  finden,  wo  SchieB- 
buden,  Seidenzelte,  Fleischbanke,  Antiquare,  Bilderhandler, 
Waffelstande  hintereinander  aufgereiht  sind.  Die  wunder- 
vollen  Glaskugeln,  in  denen  dichter  Schnee  fallt,  habe  ich  auf 
der  foire  aux  jambons  et  aux  ferrailles  (Schinken-  und  Alt- 
eisen-Markt)  gekauft  und  diese  Woche  gehe  ich  irgendwann 
auf  die  foire  aux  pains  d'epice  (Pfefferkuchen-Markt).  Auf 
der  foire  aux  pains  d'epice  werde  ich  Dir  einen  schonen 
Pf efferkuchen  kaufen,  der  wird,  bis  wir  uns  wiedersehen,  auf 
meinem  Schreibtisch  stehen.  Keinem  „Schreib"tisch  aber 
einem  wundervollen  soliden  Mobel,  wahrscheinlich  dem  ein- 


421 


zigen  richtigen  Tische,  der  im  ganzen  Hotel  aufzutreiben 
gewesen  ist.  Ich  habe  Dir  einen  richtigen  Brief,  bis  obenhin 
voll,  schreiben  wollen,  liebe  Jula.  Etwas  was  man  in  die 
Hand  nehmen  und  auf  den  Tisch  stellen  kann,  und  zum 
herumgehen.  Wenn  Du  zufrieden  bist,  dann  schreibe  mir  und 
denke,  daB  nicht  alle  Tage  so  heiBe  Sonntagssonne  bei  mir 
einfallt,  wie  Du  nach  diesem  Brief  es  glauben  wirst.  Wie 
steht  es  mit  der  Ausstellung? 

Sehr  herzlich  Dein  Walter 

*  In  humoristischer  Abwandlung  der  jiidischen  Redewendung  „schik- 
kere  [d.  h.  betrunkene]  Gojim". 


155  An  Jula  Radt 

Paris,  30.  April  1926 

Liebe  Jula, 

mit  diesen  Worten  vollziehe  ich  eine  doppelte  Einweihung: 
die  eines  neuen  Fullfederhalters  und  dieser  Bogen,  die  frei- 
lich  nur  fur  Dich  als  Briefpapier  gelten  -  sonst  sind  sie  mein 
kostbarstes  Manuscript  in  einer  Tonung,  nach  der  ich  lange 
gesucht  habe,  und.  die  die  besten  Gedanken  aus  mir  heraus- 
lockt.  Mit  dem  warmeren  Wetter  —  wir  haben  keine  Sonne 
aber  nach  Wochen  eisiger  Kalte  legt  sich  nun  plotzlich  Som- 
merschwule  iiber  die  StraBen  -  tauche  ich  ganz  allmahlich 
in  Stadt  und  Leben  wieder  auf.  Die  letzten  Wochen  hatte  ich 
unter  schrecklichen  Depressionen  verbracht.  Dies  ist  natiir- 
lich  auch  Schuld,  daB  Du  in  dieser  Zeit  nichts  von  mir  hor- 
test.  Ja,  ich  bin  auch  noch  nicht  auf  der  foire  (dem  Pfeffer- 
kuchen-Jahrmarkt)  gewesen  und  noch  steht  auf  meinem 
Schreibtisch  kein  Kuchen  fur  Dich.  Es  hat  Tag  aus  Tag  ein 
geregnet,  man  konnte  nicht  daran  denken.  Aber  wenn  Du  die- 
sen  Brief  liest,  wird  schon  alles  in  guter  Ordnung  besorgt  sein. 
Nun  war  freilich  dieser  gedachte  Pfefferkuchenaufbau  pla- 
stischer,  monumentaler  und  weniger  freBhaft  (jawohl:  freB- 

422 


haft)  gemeint,  als  Du  ihn  verstanden  hast:  er  ist  fur  baldige 
Riickkunft  kein  Zeichen  (es  hat  mir  nichts  ausgemacht,  daB 
er  steinhart  sein  kann,  wenn  Du  ihn  bekommst).  Ich  denke 
hier  viel  an  Dich  und  vor  allem  wiinsche  ich  Dich  oft  in  mein 
Zimmer,  das  ganz  gewiB  keine  Ahnlichkeit  hat  mit  dem  in 
Capri  und  das  Dir  doch  sehr  einleuchten  wiirde  —  und  Du 
mir  sehr  darinnen.  Aber  zuriick  will  ich  vorlaufig  nicht  kom- 
men,  dieser  Stadt  gegeniiber  vielmehr  die  Kraft  einer  dauern- 
den  Werbung,  welche  zu  ihrem  Bundesgenossen  die  Zeit 
macht,  mit  aller  Geduld  ausprobieren.  Ja  diese  Geduld 
gibt  mir  eine  Indolenz,  welche  beinah  zu  groB  ist.  Ich 
sehe  fast  nichts  von  allem  was  „gesehn"  werden  muB,  tue 
ich  [sic]  mich  weniger  um  als  ich  es  konnte,  bringe  bis- 
her  nicht  viel  mehr  zu  stande  als  die  Arbeit  an  meiner 
tlbersetzung.  Mit  einigen  Ausnahmen  freilich.  Im  Hotel  des 
Ventes  (das  ist  das  groBe  stadtische  Pariser  Auktionshaus 
—  ein  Institut,  zu  dem  es  kein  Gegenstiick  in  Berlin  gibt) 
weiB  ich  so  gut  wie  ein  Pariser  Bescheid.  Ich  habe  viele 
Biicherauktionen  mitgemacht  (die  dort  neben  anderen  statt- 
fmden)  und  umso  mehr  dabei  gelernt,  als  ich  wenig  gekauft 
habe.  Und  dann  habe  ich,  als  es  mir  am  schlechtesten  ging, 
den  ganzen  Proust  in  die  Ecke  geworfen  und  ganz  fiir  mich 
all  ein  gearbeitet  und  einige  Notizen  geschrieben,  an  denen 
ich  sehr  hange :  vor  allem  eine  wunderschone  iiber  Matrosen 
(wie  sie  die  Welt  ansehen),  eine  iiber  Reklame,  andere  iiber 
Zeitungsfrauen,  die  Todesstrafe,  Jahrmarkte,  SchieBbuden, 
Karl  Kraus !  —  lauter  bittere,  bittere  Krauter,  wie  ich  sie  jetzt 
in  einem  Kuchengarten  mit  Leidenschaft  ziehe  —  Nun  hast 
Du  also  wie  eine  Prinzessin  aus  tausend  und  einer  Nacht 
Gundolfs  und  meinen  Kopf  auf  Deinen  SchloBzinnen  aufge- 
pflanzt 2  und  treibst  dahinter  Dein  Unwesen  (und  ohne  Dich 
darin  zu  unterbrechen,  gebe  ich  Dir  schnell  einen  KuB).  Viel- 
leicht  erzahlst  Du  mir  nun  aber  doch  etwas  von  Gundolfs 
Tagen  in  Berlin  (ich  bin  natiirlich  nicht  unverschamt  genug, 
um  Vertraulichkeiten  Dich  anzugehen  und  bitte  niir  in  aller 
Bescheidenheit  um  ein  paar  schone  Liigen).  Ich  wiirde  ja  ein- 
fach  bei  Dir  anrufen  aber  die  Menschentechnik  ist  noch  nicht 
weit  genug,  um  so  ein  Ferngesprach  von  Paris  nach  Berlin 


423 


zu  fiihren.  [...]-  Ich  habe  begonnen,  franzosische  Konversa- 
tionsstunden  bei  einem  Schiller  der  Ecole  Normale  zu  neh- 
men,  aber  sie  sind  mir  zu  teuer,  ich  werde  mich  wohl  bald 
nach  anderem  umsehen.  Augenblicklich  liegt  mir  daran,  das 
Leben  dieser  Schuler  (die  im  Anfang  der  Zwanziger  stehen) 
etwas  kennen  zu  lernen,  deswegen  behalte  ich  sie  noch  bei. 
Vielleicht  ein  andermal  erzahle  ich  Dir  davon.  Ich  leme  hier 
ein  Bediirfnis  nach  Einsamkeit  kennen,  wie  ich  noch  nie  im 
Leben  es  gehabt  habe.  Es  ist  freilich,  so  seltsam  das  klingt,  nur 
die  Kehrseite  davon,  dafi  ich  einsam  hier  bin.  Die  angenehme 
Gegenwart  von  Hessel  und  die  problematische  von  Ernst 
Bloch  and  era  daran  naturlich  nichts.  Bloch  ist  aufierordent- 
lich  und  mir,  als  b ester  Kenner  meiner  Sachen  sehr  ehrwiir- 
dig  (er  weiB  viel  besser  Bescheid  als  ich  selber,  denn  er  hat 
nicht  nur  alles  inne,  was  ich  je  geschrieben  habe,  sondern 
auch  jedes  gesprochene  Wort  von  vor  Jahren)  aber  wahrend 
ich  mich  ganz  den  Erscheinungen  des  pariser  Lebens  hin- 
geben  muB,  ist  und  bleibt  bei  ihm  Garmisch  die  Sehnsucht, 
auf  die  er  immer  zuriickkommt.  Naturlich  tauchen  auch  sonst 
mannichfache  Gestalten  auf.  Vorgestern  sprach  ich  Valeska 
Gert,  die  nachste  Woche  hier  einen  Tanzabend  gibt.  Karl 
Kraus  war  hier,  urn  den  ich  mich  nicht  gekiimmert  habe. 
—  [...]  —  Die  Notizen  von  mir,  die  Dir  [Eugen]  Wallach 
geschickt  hat,  standen  in  der  frankfurter  Zeitung"3.  —  Jula, 
schreibe  mir  einen  sehr  brauchbaren  Brief,  dem  ich  Paris 
zeigen  kann.  Und  wann  Dir?  (Kannst  Du  mir  iibrigens  einen 
Wink  wegen  Eures  Hochzeitgeschenks  geben.  Es  ist  fur  mich 
Lumpen  naturlich  nicht  leicht,  Euch  bei  den  zusammen  etwas 
zu  schenken.  Mache  mir  doch  einen  Vorschlag.  [.  .  .]  Die 
Sonne  kommt  mir  aufs  Blatt  und  ich  schliefie  diesen  Brief, 
der  aus  dem  bedeckten  Paris  der  vergangnen  Tage  herkommt. 
Einen  kitschigen  Maiglockchengrufl 

Dein  Walter 

1  Stiicke  aus  dem  Bande  „Einbahnstral3e". 

2  Sie  hatte  auch  von  Gundolfs  Kopf  eine  Skulptur  gemacht. 

3  „Kleine  Illumination".  FZ,  14.  April  1926. 


424 


156  An  Gerhard,  Scholem 

Paris,  29.  Mai  1926 

Lieber  Gerhard, 

ich  hole,  wie  Du  schon  am  Format  entnehmen  kannst,  zu 
einem  ausfuhrlichen  Brief  aus.  Dabei  freilich  macht  mich 
etwas  beklommen,  daB  ich  auf  das  kaum  werde  antworteri 
konnen,  wonach  Du  am  dringendsten  fragst.  Eben  darum 
stelle  ich  in  Gottes  Namen  den  untauglichen  Versuch  dazu 
vorne  an.  Im  Grunde  ist  es  mir  bitter,  mich  theoretisch  resii- 
mieren  zu  sollen,  da  mein  Buch  (wenn  es  denn  eines  werden 
sollte)  iiber  die  Dinge  noch  nicht  gereift  ist  und  das  Momen- 
tane  sich  vielmehr  als  ein  Versuch  zu  erkennen  gibt,  die  rein 
theoretische  Sphare  zu  verlassen.  Dies  ist  auf  menschliche 
Weise  nur  zwiefach  moglich,  in  religioser  oder  politischer 
Observanz.  Einen  Unterschied  dieser  beiden  Observanzen  in 
ihrer  Quintessenz  gestehe  ich  nicht  zu.  Ebensowenig  jedoch 
eine  Vermittlung.  Ich  spreche  hier  von  einer  Identitat,  die 
sich  allein  im  paradoxen  Umschlagen  des  einen  in  das  andere 
(in  welcher  Richtung  immer)  und  unter  der  unerlaBlichen 
Voraussetzung  erweist,  daB  jede  Betrachtung  der  Aktion 
riicksichtslos  genug,  und  radikal  in  ihrem  Sinne  verfahrt. 
Die  Aufgabe  ist  eben  darum  hier  nicht  ein  fur  alle  Mai,  son- 
dern  jeden  Augenblick  sich  zu  entscheiden.  Aber  zu  entschei- 
den.  Eine  andere  Identitat  dieser  Bereiche  als  die  des  prak- 
tischen  Umschlagens  mag  es  gebeh  (gibt  es  gewiB)  fiihrt  aber 
uns,  die  war  hier  und  jetzt  nach  ihr  suchen  wollten,  tief  in  die 
Irre.  Immer  radikal,  niemals  konsequent  in  den  wichtigsten 
Dingen  zu  verfahren,  ware  auch  meine  Gesinnung,  wenn 
eines  Tages  ich  der  kommunistischen  Partei  beitreten  sollte 
(was  ich  wiederum  von  einem  letzten  AnstoB  des  Zufalls  ab- 
hangig  mache).  Die  Moglichkeit  meines  Verbleibens  in  ihr  ist 
dann  einfach  experimentell  festzustellen  und  interessant  und 
fraglich  weniger  das  Ja  und  Nein  als  das  Wielange?  Und  was 
gewisse  unumstoBliche  Einsichten  (als  etwa  die  vom  Unzu- 
treffenden  der  materialistischen  Metaphysik  oder,  meinet- 
wegen,    auch    der    materialistischen    Geschichtsauffassung) 

425 


betrifft,  so  konnen  solche  ehernen  Waff  en  im  Ernstf  allpraktisch 
vielleicht  ebensoviel  und  mehr  im  Bunde  mit  dem  Kommu- 
nismus  ausrichten  als  gegen  ihn.  Wenn  es  wahr  sein  sollte, 
daB  ich,  wie  Du  schreibst,  „hinter  einige  Grundsatze"  ge- 
kommen  sein  sollte,  von  denen  ich  zu  Deiner  Zeit  noch  nicht 
gewuBt  habe,  so  „hinter"  den  vor  allem:  wer  aus  unserer 
Generation  nicht  nur  phraseologisch  den  geschichtlichen 
Augenblick,  in  welchem  er  auf  der  Welt  ist,  als  Kampf  fiihlt 
und  erfaBt,  kann  auf  das  Studium,  auf  die  Praxis  jenes  Mecha- 
nismus  nicht  verzichten,  mit  welchem  die  Dinge  (und  die 
Verhaltnisse)  und  die  Massen  ineinander  wirken.  Es  sei  denn, 
daB  vom  Judentum  aus  ein  solcher  Kampf  vollstandig  anders, 
disparat  (niemals  feindlich)  hierzu  sich  organisiert.  Das 
andert  nicht:  „gerechte",  radikale  Politik,  die  eben  darum 
nichts  als  Politik  sein  will,  wird  immer  fur  das  Judentum 
wirken  und,  was  unendlich  viel  wichtiger  ist,  immer  das 
Judentum  fur  sich  wirksam  finden.  Aber  mit  solchem  Satze 
ist  eben  der  Punkt  schon  erreicht,  wo  die  Entfernung  vom 
Konkreten  beschamend  wird.  Und  gerade  weil  Du  im  Kon- 
kreten,  wie  ich  unbedingt  annehme,  weit  mehr  durch  Dein 
gegenwartiges  Leben  und  seine  Entscheidungen  zu  Hause 
bist  als  ich  durch  meines  und  meine,  muBt  Du,  wenn  ich 
nicht  irre,  aus  diesen  wenigen  Silben  doch  manches  entneh- 
men  konnen;  zumal,  warum  ich  nicht  daran  denke,  „abzu- 
schworen",  wozu  ich  gestanden  habe,  warum  ich  mich  des 
„friihern"  Anarchismus  nicht  schame,  sondern  die  anarchi- 
stischen  Methoden  zwar  fur  untauglich,  die  kommunistischen 
„Ziele"  aber  fur  Unsinn  und  fur  nichtexistent  halte.  Was  dem 
Wert  der  kommunistischen  Aktion  darum  kein  Jota  benimmt, 
weil  sie  das  Korrektiv  seiner  Ziele  ist  und  weil  es  sinnvoll 
politische  Ziele  nicht  gibt. 

Dergleichen  wiederholte  Uberlegungen  aus  einigen  Buch- 
besprechungen  oder  Reisenotizen  zu  entnehmen,  kann  Dir 
und  keinem  freilich  zugemutet  werden  (eine  falsche  Kon- 
struktion!  aber  gut).  Wolle  auch  was  hier  beiliegt  oder  mit 
gleicher  Post  folgt,  nicht  anigmatisch  lesen  sondern  nur  als 
Information,  wie  ich  ein  Taschengeld  mir  verdiene  auffassen. 
An  dem  „Unruh"  habe  ich  freilich  im  vorigen  Jahre  auf 

426 


Capri  mit  Applikation  gearbeitet.  Er  erscheint  erst  jetzt 
(etwas  gekiirzt)  well  Heinz  Simon1  selbst  bei  der  „Literari- 
schen  Welt"  wegen  eines  weit  zahmeren  Angriffs  mit  furcht- 
baren  Drohungen  intervenierte.  Es  hat  einhalbes  Jahrgedau- 
ert  bis  ich  das  Erscheinen,  das  mich  die  Mitarbeit  an  der 
Frankfurter  Zeitung  kosten  diirfte,  durchsetzte. 

Weiter,  zu  den  auBeren  Lebensumstanden.  In  Paris  bin 
ich  nicht  mit  einem  festumrissenen  Plan  sondern  wegen  einer 
Anzahl  von  auBeren  Umstanden.  In  erster  Linie  die  Proust - 
Ubersetzung  zu  beenden  und  durchzusehen,  wofur  hier  ge- 
wisse  Erleichterungen  natiirlich  zu  finden  sind.  Dann  lebt 
man  um  den  halben  oder  dritten  Teil  des  Geldes  wie  in  Ber- 
lin. Dagegen  habe  ich  natiirlich  im  Sinne,  mich  wenn  es  geht, 
hier  durch  einige  Arbeiten  bekannt  zu  machen.  Da  es  aber 
bei  mir  zu  einem  anstandigen  Franzosisch,  daB  sich  tel  quel 
publizieren  lieBe,  nicht  langt,  so  bin  ich  auf  Ubersetzer  ange- 
wiesen  und  das  macht  die  Sache  so  schwierig,  daB  ein  Erfolg 
fraglich  ist.  Meine  Verbindungen  sind  nicht  gut  und  nicht 
schlecht,  sondern  so  wie  in  f remder  Umgebung  es  meist  in  der 
ersten  Zeit  ist:  Leute  soviel  man  will,  um  eine  viertel  Stunde 
sich  angenehm  zu  unterhalten,  niemand  der  sehr  darauf 
brennt,  Naheres  mit  einem  zu  tun  zu  haben.  Ich  habe  Girau- 
doux,  den  Pressechef  im  Auswartigen  Amt,  den  ich  als  Ro- 
mancier  sehr  liebe,  einmal  mit  gutem  Erfolge  in  PaBfragen, 
spater  mit  mangelhaftem  in  Ubersetzungsfragen  konsultiert 
und-das  ist  bezeichnend.  Um  engsten  Kontakt  mit  der  Sprache 
zu  finden,  habe  ich  sogar  Konversationen  mit  einem  Schiiler 
der  ficole  Normale  -  einem  staatlichen  Studenteninstitut, 
begriindet  unter  Napoleon  I,  wo  eine  Elite  auf  Staatskosten 
im  Internat  lebt  —  eingerichtet;  was  ich  brauche  aber  ist  ein 
Tempo  und  eine  Temperatur,  wie  es  sich  nur  ungezwungen 
ergeben  kann  und  in  der  Tat  einige  Male  im  Gesprache  mit 
[Francois]  Bernouard  —  einem  hiesigen  Verleger  und  Druk- 
ker,  der  u.  a.  einen  zweisprachigen  kompletten  Talmud  (!), 
eine  ebenso  eingerichtete  Bibel  als  Luxusdrucke,  an  denen 
schon  viele  Jahre  gearbeitet  wird,  herausbringt  —  sich  gefun- 
den  hat.  Ob  mir  also  gelingt,  einen  Aufsatz  iiber  Proust  („En 
traduisant  Marcel  Proust")  den  ich  zu  schreiben  vorhabe  und 


427 


anderes,  Geschriebenes,  an  den  hiesigen  Tag  zu  befordern, 
steht  sehr  dahin.  Provisorisch  sind  meine  auBern  Umstande 
auch  ohne  dies  zufriedenstellend,  da  ich  fur  die  winzige  Frist 
eines  Jahres,  seit  Januar  von  Rowohlt  Monatsraten  fur  meine 
Biicher  bekomme  und  im  Augenblick  dazu  die  Zahlungen  fiir 
die  tlbersetzungen  treten. 

Ich  arbeite  neben  dieser  Ubersetzung,  die  Mitte  Juli  spa- 
testens,  provisorisch,  abgeschlossen  sein  durfte  —  die  Arbeit 
an  den  Korrekturen  wird  formidabel  —  nur  noch  an  dem 
Notizbuch,  das  ich  nicht  gern  Aphorismenbuch  nenne  (wenn 
ich  von  geringerm  absehe,  wie  einer  Keller- Anzeige,  die  ich 
jetzt  zu  schreibenhabe2).  Der  jungste  Titel— eshat  schon  viele 
hinter  sich  —  heiBt:  „StraBe  gesperrtl"  Um  in  diesem  Zusam- 
menhang  nochmals  auf  die  Artikel  fiir  RuGland  zu  kommen— 
zu  Goethe  treten  noch  einige  neuere  franzosische  Dichter, 
liber  die  ich  kurz  schreiben  soil,  so  wollen  wir  beide  abwar- 
ten,  was  dabei  herauskommt.  Die  „Literaturgeschichte",  die 
neuere  zumindest,  soweit  ich  siekenne,  darf  vonihrenMetho- 
den  so  wenig  Aufhebens  machen,  daB  eine  „marxistische" 
Betrachtung  Goethes  ein  AnlaB  zur  Improvisation  wie  ein 
anderer  ist.  Worin  sie  besteht  und  was  sie  lehrt,  werde  ich 
selbst  festzustellen  haben  und  wenn  (wie  ich  sehr  anzuneh- 
men  geneigt  bin)  vomMarxismus  aus  so  wenig  wievonirgend 
einem  andern  durchdachten  Gesichtspunkt  aus  „Literatur- 
geschichte"  streng  genommen  auch  nur  existiert,  so  hindert 
das  nicht,  daB  bei  dem  Versuch,  aus  solchem  Gesichtswinkel 
mich  auf  einen  Gegenstand  zu  beziehen,  auf  den  ich  sonst 
kaum  mich  zuriickwenden  werde,  etwas  Interessantes  heraus- 
kommen  kann,  was  dann  im  schlimmsten  Falle  sogar  das 
Redaktionskomitee  getrost  ablehnen  mag. 

Halbwegs  bitter  ist  im  Berichte  von  Deinen  Arbeiten  die 
Bemerkung  „nichts  von  allgemeinem  Interesse".  Wenn  mein 
Interesse  schon  ein  ganzlich  unzustandiges  und  hilfloses  ist, 
so  ist  es  eben  als  ein  solches  an  Deinen  Arbeiten,  denn  doch 
kein  allgemeines.  Vielleicht  berichtest  Du  mich  also  bei  Ge- 
legenheit  doch  naher.  Andachtig  habe  ich  mir  -  in  der  irr- 
tiimlichen  Annahme,  daB  sie  von  Dir  sei  —  die  Blochkritik 
von  Hugo  Bergmann  in  den  letzten  Tagen  iibersetzen  lassen. 

428 


Mein  Staunen  am  Anfang  kannst  Du  Dir  vorstellen.  Die 
Unterschrift  hat  mich  beruhigt.  [.  .  .]  Der  Ubersetzer  ist 
Meir  Wiener  gewesen,  der  zur  Zeit  hier  lebt3.  Bergmanns 
Hebraisch  hat  ihm  nicht  gefallen,  desto  mehr  liebt  er  der 
paideumatischen  Priigel  sich  zu  entsinnen,  die  Du  im  „  Juden" 
seinerzeit  ihm  verabreicht  hast.  Buber  betreffend,  so  enthielt 
die  Frankfurter  Zeitung4  eine  Besprechung  der  Bibeluber- 
setzung  durch  [Siegfried]  Kracauer,  die  mir  soweit  ohne 
Kenntnis  des  Hebraischen  eine  gegeben  zu  werden  vermag, 
schlechthin  zutreff  end  vorkam,  zudem  mancherlei  iibernimmt, 
was  ich  miindlich  ihm  zu  dem  Thema  gesagt.  Ich  will  sehen: 
habe  ich  sie  noch,  so  lege  ich  sie  bei.  Verschaffe  sie  Dir  an- 
dernfalls  samt  der  (gegenstandslosen)  Replik  und  der  Duplik. 

Mit  diesem  Brief  kann  ich  keinen  liliputanischen  Staat 
machen.  Dafiir  will  ich  Dir  aber  erzahlen,  daB  ich  in  der 
hebraischen  Abteilung  des  Musee  Cluny  das  Buch  Esther 
auf  ein  Blatt  geschrieben  entdeckte,  welches  nicht  ganz  die 
Halfte  des  Vorliegenden  mifit.  Vielleicht  beeilt  dies  doch 
Deinen  Besuch  in  Paris. 

Nun  zu  den  schonen  und  enormen  Dingen,  die  Dein  Brief 
von  Dir  selber  vermeldet,  den  innigsten  Gluckwunsch.  Besser 
konnte  ja  wohl  die  Zukunft  Dir  garnicht  blicken.  In  meiner 
darf  ich  im  Augenblick  kaum  wagen,  weiter  zu  sehen  als  bis 
zu  dem  Erscheinungstermin  meiner  Sachen  -  das  ware  Okto- 
ber.  Sowie  ich  zu  selbstandiger  Arbeit  komme,  beginne  ich 
das  Buch  uber  Marchen,  das  in  meinen  Brief  en  ja  wohl  seit 
Jahren  schon  spukt. 

DaB  Bloch  in  Paris  ist,  ist  Dir  wohl  nach  einer  Ankiindi- 
gung  meines  letzten  Briefes  nicht  uberraschend.  Hessel  des- 
gleichen,  mit  dem  ich  zur  Zeit  durch  die  Proust -Ubersetzung, 
seine  Kenntnis  der  Stadt  und  vielfaltig  konformen  Reaktio- 
nen  etwas  naher  verbunden  bin.  Gestern  reiste  Ernst  Schoen 
ab,  der  mit  seiner  Frau  auf  einige  Tage  iiber  Pfingsten  hier 
war  und  an  Fernerstehenden  ware  erst  recht  kein  Mangel. 
Dies  alles  der  Grund,  aus  dem  ich  bisher  noch  nicht  mich  ent- 
schlieBen  konnte,  nach  Eisler  mich  umzusehen.  Blochs  Zu- 
stand,  insbesondere,  macht  mirgegenwartiggarkeineFreude. 
[.  .  .]  Und  was  auch  immer  geschehen  moge:  auf  mich  ist  fur 

429 


ein  „System  (!)  des  Materialismus"  weiB  Gott  nicht  zu 
rechnen. 

Du  siehst,  ein  groBer  schoner  Brief  wie  Dein  letzter,  ist 
noch  immer  an  mich  nicht  verschwendet.  Ich  hoffe  sehr,  bald 
wieder,  immer  Genaueres,  zu  erfahren;  vielleicht  kommen 
wir  dann  doch  dazu,  einander,  auch  ohne  dffentliche  Kund- 
machungen,  zu  durchschauen. 

Ich  sende  Dir  und  Escha  sehr  herzliche  GriiBe, 

Dein  Walter 

1  Der  Besitzer  der  frankfurter  Zeitung". 

2  Literarische  Welt,  5.  Aug.  1927. 

3  Historiker  der  hebraischen  und  jiddischen  Literatur  (1893-1941). 
Gegen  einen  Band  expressionistischer  Obersetzungen  aus  dem  Hebra- 
ischen hatte  sich  Scholems  Aufsatz  „Lyrik  der  Kabbala?"  im  „Juden" 
gewandt.  Siehe  Brief  108. 

4  Vom  27.  und  28.  April  1926;  wiederabgedruckt  in  Kracauer,  Das 
Ornament  der  Masse,  Ffm.  1963,  S.  173-186. 


151  An  Gerhard  Scholem 

Agay  (Var),  18.  September  1926 
Lieber  Gerhard, 

heute  ist  uber  Berlin  Dein  Brief  aus  Safed1  gekommen.  Ich 
habe  mich  —  mindestens  —  dreifach  dariiber  gefreut.  Erstens: 
daB  Du  selber  -  mit  deinen  Augen  -  Safed  siehst.  Zweitens: 
daB  Du  die  alternierendeFolge  im  Brief  schreiben  nicht  unbe- 
dingt  streng  beobachtet.  Drittens:  daB  im  Augenblick,  da  ein 
Brief  an  Dich  begonnen  werden  sollte,  dieser  von  Dir  eintraf . 
Sollte  die  Digression  und  ihr  mathematischer  Charakter  in 
meiner  Brief schreiberei  Dir  neu  vorkommen  und  auff alien,  so 
f  iihre  ihn  auf  mein  Versenktsein  in  den  dritten  Band  des  Trist- 
ram Shandi2  zuriick.  Zugleich  ersiehst  Du  so  daB  fruher  oder 
spater  Deinen  literarischen  Indikationen  Folge  gegeben  wird; 
hoffentlich  rechnest  Du  Dir  nicht  aus  (und  behieltest,  rech- 
nendenfalls,  nicht  recht)  wann  stetige  Proportionen  voraus- 
gesetzt,  dann  die  Lektiire  des  Steinheim  3  bei  mir  f allig  wer- 
den muBte.  Dieser  Brief  und  noch  mehr  das  Schreibpapier 

430 


sagen  Dir,  daB.es  audi  unvermittelte  EntschlieBungen  bei 
mir  gibt.  So  warte  ich  garni  cht,  bis  ich  zu  Hause  bin,  sondern 
beginne  scbon  hier,  am  Strande,  die  aufgestapelten  Begeben- 
heiten  vorDir  abzutragen  und  einzurangieren.  Ichhabemich, 
um  damit  zu  beginnen,  hierher  und  auf  den  Tristram  Shandi 
zuriickgezogen,  weil  es  mir  (mit  zweifelhafter  Aussicht  auf 
Besserung)  nervenmafiig  schlecht  geht  und  Ruhe  und  Allein- 
sein  mir  notig  sind.  Auf  lange  kann  ich  ohnedies  nicht  blei- 
ben  sondern  muB  spatestens  Mitte  Oktober  wieder  in  Berlin 
sein.  Schreibe  also  vorlaufig  dorthin.  An  eine  genauere  Ge- 
staltung  vager  Plane  fiir  den  Winter  zu  gehen,  hindert  mich 
vorlaufig  mein  Befinden.  DaB  aber,  auch  fiir  das  nachste  Jahr 
die  elliptische  Lebensweise  Berlin-Paris  bestehen  bleibt,  ist 
dadurch  sehr  wahrscheinlich  gemacht,  daB  allem  Vermuten 
nach  die  Dinge  sich  so  gestalten:  daB  der  gesamte  deutsche 
Proust  von  Hessel  (Franz  Hessel,  der  Dir  aus  Biichern  von 
sich  oder  Brief  en  von  mir  vielleicht  halbwegs  ein  Begriff 
und  mir  ein  lieber,  angenehmer,  befreundeter  Mitarbeiter 
ist)  und  mir  gemacht  wird*  Der  erste  Band,  dessen  Uberset- 
zung  durch  einen  dritten  ein  groBes,  publizistisch-kritisches 
Fiasko  gab,  werden  wir  wohl  neu  iibersetzen  [!],  den  zweiten 
haben  wir  vor  einem  Monat  abgeschlossen,  den  dritten  (der 
in  wieder  anderen  Handen  lag)  werden  wir  neu  iibersetzen, 
weil  die  gelief  erte  Ubertragung  nicht  publiziert  werden  kann, 
(sie  ist  zu  schlecht),  der  vierte  liegt  seit  langem  von  mir  iiber- 
setzt  im  Manuscript  beim  Verlage.  Ein  jeder  dieser  genann- 
ten  „Bande"  umfaBt  bibliotheksmaBig  deren  zwei  bis  drei. 
Uber  diese  Arbeit  selbst,  ware  viel  zu  sagen.  Ad  I,  daB  sie 
mich  in  gewissem  Sinn  krank  macht.  Die  unproduktive  Be- 
schaftigung  mit  einem  Autor,  der  Intentionen,  die,  ehema- 
ligen  zumindest,  von  mir  selber  verwandt  sind,  so  groBartig 
verfolgt,  fuhrt  bei  mir  von  Zeit  zu  Zeit  so  etwas  wie  innere 
Vergiftungserscheinungen  herauf.  Ad  2  sind  aber  die  auBe- 
ren  Vorteile  der  Sache  nennenswert.  Das  Honorar  ist  diskuta- 
bel  und  die  Arbeiten  an  keinen  bestimmten  Aufenthaltsort 
(a  la  rigueur  freilich  immer  wieder  einmal  an  Paris)  gebun- 
den,  in  Frankreich  aber  als  Proust-Ubersetzer  sich  einzufiih- 
ren  sehr  angenehm.  Ich  gehe  auch  schon  wer  weiB  wie  lange 

431 


mit  einer  Aufzeichnung  „En  traduisant  Marcel  Proust"  in 
Gedanken  urn  und  habe  eben  jetzt  in  Marseille  von  den  dor- 
tigen  „Cahiers  du  Sud"  die  Zusage  erhalten,  sie  zu  bringen. 
Nur  mit  der  Abfassung  wird  es  noch  gute  Weile  haben.  Im 
Grunde  wird  sie  iiber  das  Ubersetzen  eigentlich  wenig  ent- 
halten;  sie  wird  von  Proust  handeln.  -  Bei  dieser  Gelegenheit 
schalte  ich  ein,  was  ich  zum  Buber-Disput  noch  zu  sagen, 
vielmehr  besser  zu  fragen  habe.  Zu  fragen,  nach  den  Elemen- 
ten  D einer  Stellungnahme,  die  mir  hier  natiirlich  das  wich- 
tigste  ist.  DaB  ich  mich  selber,  geschweige  Kracauer,  in  dieser 
Sache  nicht  als  kompetent  ansehe,  brauche  ich  nicht  zu  sagen. 
Ich  kann  iiber  etwas,  zu  dem  ich  keinen  taktischen  Zugang 
habe  (das  ich  nicht  greifen  kann)  sondern  nur  aus  der  Feme 
und  von  oben  in  Einer  Richtung  -  vom  Massiv  des  deutschen 
Sprachgeistes  aus  —  liegen  sehe,  nur  MutmaBungen  haben. 
[. .  .]  Ich  habe  keine  Vorstellung,  was  oder  wem  in  aller  Welt 
an  einer  Ubersetzung  der  Bibel  ins  Deutsche  zur  Zeit  von 
rechts  wegen  liegen  konnte.  Gerade  jetzt  —  da  die  Gehalte 
des  Hebraischen  neu  aktualisiert  werden,  das  Deutsche  sei- 
nerseits  in  einem  hochst  problematischen  Stadium  und  vor 
allem  fruchtbare  Beziehungen  zwischen  beiden,  wenn  iiber- 
haupt,  so  nur  latent  mir  scheinen  moglich  zu  sein,  kommt 
da  nicht  diese  Ubersetzung  auf  ein  fragwiirdiges  Zur- 
Schau-Stellen  von  Dingen  hinaus,  welche  zur  Schau  ge- 
stellt  sich  augenblicks  im  Lichte  dieses  Deutsch  desavouieren? 
Wie  gesagt  wird  diese  Frage  mir  von  den  Proben  des 
Textes,  die  ich  kenne,  nur  umso  naher  gelegt.  Es  ware 
schon,  wenn  Du  mir  hierauf  wenigstens  andeutungsweise 
mitteilen  konntest,  wie  Du  Dich  seinerzeit4  zu  diesem 
Thema  geauBert  hast.  [.  .  .]  Um  Frankfurt  herum  scheint 
mir  alles  verfahren:  meine  Unruh-Kritik  soil  keinerlei 
Echo  geweckt  haben,  es  sei  denn,  daB  man  eine  vor  lauter 
Dummheit  schon  gerissene  Erwiderung  auf  sie  so  nennen 
will,  die  eih  Freund  dieses  Edelmannes  demnachst  in  der 
„Literarischen  Welt"  mit  einer  Duplik  von  mir  versehen,  ver- 
offentlichen  soil.  Mir  fallt  es  aber  sehr  schwer,  zum  zweiten 
Male  etwas  zu  der  Sache  zu  bemerken.  Erfreulicher  kann  Dir 
vielleicht  eine  kleine  Notiz  von  mir  zu  Hebels  lOOjahrigem 

432 


Todestag  begegnen,  die,  wenn  Du  dieses  erhaltst,  Dir  in  der 
„Literarischen  Welt"  schon  vorliegen  wird.  Gleichzeitig 
schrieb  ich  fur  Zeitungen  noch  eine  andere5.  Vor  allem  ist  nun 
mein  Buch  „EinbahnstraBe"  fertig  geworden  -  von  dem  ich 
Dir  doch  wohl  schon  schrieb?  Es  ist  eine  merkwiirdige  Orga- 
nisation oderKonstruktion  aus  meinen„Aphorismen"  gewor- 
den, eine  StraBe,  die  einen  Prospekt  von  so  jaher  Tiefe  -  das 
Wort  jiicht  metaphorisch  zu  verstehen!  —  erschlieBen  soil,  wie 
etwa  in  Vicenza  das  beruhmte  Biihnenbild  Palladios:  Die 
StraBe.  Weihnachten  soil  es  vorliegen,  hoffentlich  kommt  es 
dazu.  Den  Erscheinungstermin  des  Barockbuches,  dem  ich 
mir  allerdings,  und  ungeduldig,  Dich  als  Leser  wunschte,  so- 
wie  des  Wahlverwandtschaftenbuches  hat  Rowohlt  vertrags- 
widrig  immer  von  neuem  vertagt.  Es  soil  im  Oktober  eine 
definitive  Festsetzung  erfolgen.  Meine  Scripta  stehen  also, 
wie  Du  siehst,  fast  samtlich  noch  aus  (nur  Proust:  A  l'ombre 
des  jeunes  filles  en  fleurs  kbnntest  Du  vielleicht  vor  Weihnach- 
ten noch  erhalten)  wahrend  Deine  es  gottseidank  (und  leider) 
wohl  hauptsachlich  in  Bezug  auf  mich  tun.  Denn  ich  habe 
bisher  weder  den  Beliar-Aufsatz  noch  den  Beitrag  iiber  die 
Damonenkompilation  der  Briider  Cohen6  (falls  dieser  inzwi- 
schen  audi  schon  erschienen  sein  sollte).  Bitte  laB  mir  das 
Fertige  doch  sogleich  —  nach  Berlin  —  zugehen.  Mit  beson- 
derer  Spannung  aber  wiirde  ich  auf.  „Kontemplation  und 
Extase  in  der  jiidischen  Mystik"  warten,  wenn  dieser  Vor- 
trag  in  einer  mir  mittelbar  oder  unmittelbar  zuganglichen 
Sprache  erscheint.  Du  hast  ihn  doch  programmaBig  gehal- 
ten?  Die  Rezension  iiber  den  Kabbalaschander  (Pauly?)  sende 
mir  ebenfalls  bitte  gleich  nach  Erscheinen7.  —  Die  Hoffnung, 
einige  Zeit  in  Paris  mit  Dir  zusammenzusein,  will  ich  sehr 
festhalten.  Deinerseits  wirst  Du  im  Ernstfalle  dafiir  —  als  fur 
eine  wissenschaftliche  Reise  —  das  Geld  doch  aufbringen  kon- 
nen?  Wenn  wir  uns  sehen,  wird  hoffentlich  das  Trauerspiel- 
buch  vorliegen.  Die  Vorrede  dazu  macht  mir  Kummer.  Den 
einzig  gangbaren,  von  Dir  vorgeschlagenen  Weg  einer  Be- 
merkung  von  abschlieBender  Sachlichkeit,  habe  ich  mir  durch 
den  Umstand  verschlossen,  daB  ich  die  Arbeit  (wahrscheinlich 
sehr  ttiricht!)  um  der  „Ablehnung"  zu  entgehen,  zuriickzog. 

433 


Und  daher  bleibe  ich  weiter  unschliissig,  was  zu  tun,  weil  ich 
sie  nur  sehr  ungern  ohne  ein  Wort  lib er  Entstehung  und 
Kindheitsschicksal  heraus  lassen  wiirde. 

[...]■ 

Komme  ich  nach  Berlin,  so  steht  auf  meinem  Programm 
unter  anderem  eine  Generalrevision  meiner  Bibliothek  an 
Hand  des  endlich  aufzuarbeitenden  Zettelkataloges.  Ich  will 
viel  ausrangieren ;  im  Wesentlichen  mich  auf  deutsche  Lite- 
ratur  (neuerdings  mit  gewisser  Bevorzugung  des  Barock,  was 
aber  meine  Mittel  sehr  schwer  machen),  franzosische  Litera- 
tur,  Religionswissenschaft,  Marchen  und  Kinderbucher  be- 
schranken.  In  der  letzten  Gruppe  gibt  es  nicht  zahlreiche 
Neuerscheinungen,  doch  sind  sie  fast  alle,  glaube  ich,  Deiner 
Teilnahme  wiirdig.  Insbesondere  drei  Schauerromane  aus  den 
fiinfziger  Jahren  —  mit  bunten  Bildern!  —  enorm  schon  und 
selten,  von  denen  ich  zwei  kiirzlich  durch  Tausch  erworben 
habe.  Und  zwar  gegen  die  Erstausgabe  von  Burckhardts: 
Geschichte  Konstantins  des  GroBen.  —  Vergangenen  Sonntag 
bin  ich  in  Aix-  en  -Provence  gewesen.  Kommst  Du  etwa  nach 
Frankreich  iiber  Marseille,  so  muBt  Du  ganz  bestimmt  die 
zweistiindige  Fahrt  mit  der  Tram  machen,  um  diese  unsagbar 
schon  entschlummerte  Stadt  zu  sehen.  Ein  Stiergefecht,  das 
ich  am  Nachmittag  vor  ihren  Toren  mir  ansah,  paBte  kaum 
hin  und  verlief  etwas  kummerlich.  —  Zum  SchluB  will  ich 
Dir  erzahlen,  daB  mit  der  gleichen  Post,  die  Deinen  Brief 
brachte,  von  der  „Literarischen  Welt"  die  Aufforderung 
kam,  von  Buber  die  „Rede  iiber  das  Erzieherische"  und  „Das 
BuchNamen"  (??),  vonRosenzweig  „DieSchrift  und  Luther" 
zu  besprechen.  Ich  brauche  Dir  nicht  zu  sagen,  daB  ich  das 
schon  bleiben  lasse  und  umso  eher  Belehrung  und  Nachrich- 
ten  von  Dir  erwarte. 
Ich  griiBe  Dich  und  Escha  herzlich 

Dein  Walter 

1  W.  B.  schrieb  Saafed.  Safed  in  Galilaa  -  die  heiligc  Stadt  der  Kat- 
balisten.  Sch.  verbrachte  dort  die  Sommerferien. 

2  Die  Schreibung  ist  eine  Mischung  aus  Shandy  und  dem  in  Bodes 
deutscher  Ubersetzung  gebrauchten  Schandi. 

3  S.  L.  Steinheim,  Die  Offenbarung  nach  dem  Lehrbegriff  der  Syn- 

434 


agoge  (1855-1865),  ein  Hauptwerk  der  jiidischen  Religionsphilosophie. 

4  In  einem  ausfuhr lichen  Brief  an  Buber  im  April  1926.  Scholems 
Bedenken  lagen  in  ganz  anderer  Richtung.  Zur  Sache  vgl.  jetzt  Sch.'s 
Rede  iiber  diese  Ubersetzung  in  seinen  „Judaica"  (Bibliothek  Suhr- 
kamp  No.  107),  207-215. 

5  Schriften  II,  S.  279-283. 

6  Hebraische  Arbeiten  Sch.'s. 

7  Eine  Besprecbung  von  Paul  Vulliaud,  La  Kabbale  Juive,  Paris  1925, 
die  Sch.  in  der  Orientalistischen  Literaturzeitung  1925,  Spalte  494  ff. 
veroffentlicht  hatte.  Jean  de  Pauly  war  der  Autor  der  franzosischen 
Sohar-Ubersetzung,  von  der  Sch.  aiich  nichts  hielt. 


1J8  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin,  30.  Oktober  1926 

Lieber  und  hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal! 

Sie  erneuern  mit  jedem  Ihrer  Brief e  die  Forderung,  die  aus 
dem  BewuBtsein  mir  zuteil  wird,  daB  meine  Arbeit  —  sachlich 
wie  auBerlich  -  auf  Sie  zahlen  darf.  Ihr  letzter  Brief  aber 
steigert  sie  noch,  indem  er  ungeachtet  einer  Schweigsamkeit, 
die  mich  selber  zuletzt  bedriickte,  so  freundschaftliche  und, 
wie  Sie  wissen,  so  begliickende  Wortefiir  mich  und  mein  Buch 
findet.  Der  letzte  Sommer  ist  mir  ungut  verlaufen  und  wenn 
im  Augenblick  das  Schlimmste  iiberwunden  scheint,  ist  doch 
ein  gemindertes  Wohlbefinden  der  Riickstand  einer  langen 
Folge  von  besorgten  Tagen.  Im  Juli  ist  mein  Vater  gestorben. 
Die  letzten  Wochen,  da  ein  Brief  an  Sie  mir  von  Tag  zu  Tag 
dringlicher  wurde,  hielten  mich,  im  Zusammenhange  damit, 
auBere  Geschafte  ab.  Und  endlich  hatte  ich  dennoch  schneller 
auf  Ihren  mir  so  hochst  wichtigen  Vorschlag  in  der  Verlags- 
angelegenheit  geantwortet,  wenn  nicht  Rowohlt  seit  meiner 
Ruckkehr  verreist  gewesen  ware.  Nehmen  Sie  bitte  vor  allem 
den  herzlichsten  Dank  fur  das  hilfreich  Ermutigende,  das  fur 
mich  in  ihm  liegt.  Ich  kann  im  Augenblick,  ohne  Rowohlt 
nochmals  gesprochen  zu  haben,  nicht  ganz  insReinekommen. 
Ein  letztes  Ultimatum  in  der  Sache  schulde  ich  ihm  noch. 
(Auch  spielt  mein  Wunsch  mit,  insofern  es  moglich,  meine 

435 


Sachen  alle  im  gleichen  Verlage  erscheinen  zu  sehen:  mein 
neues  Notizen-  oder  Aphorismenbuch  fande  in  einen  wis- 
senschaftlichen  Verlag  nicht  leicht  Eingang.  Rowohlt  dage- 
gen  hat  es  iibernommen).  Das  Entscheidende  aber  bleibt,  dafi 
das  Barockbuch  in  ein  paar  Monaten  unbedingt  vorliegen 
muB.  Kann  Rowohlt  mir  diese  biindige  GewiBheit  nicht 
geben,  so  wiirde  ich  mit  Dank  und  Vertrauen  den  nachsten 
Schritt  Ihrem  Ermessen  anheimgeben.  In  diesem  Sinne  bitte 
dank  en  Sie  auch  [Walther]  Brecht. 

Im  September  bin  ich  iiber  Paris  nach  Marseille  gefahren 
und  habe  diese  wundervolle  Stadt,  das  noch  herrlichere  Aix 
und  vierzehn  Tage  Mittelmeer  genieBen  diirfen.  Nun  bin 
ich  seit  einiger  Zeit  hier  und  will  bis  Weihnachten  bleiben. 
Ein  bis  zwei  Monate  werde  ich  mich  noch  mit  "Ubersetzen  be- 
f  assen,  dann  aber  das  auf  langere,  Zeit  hinter  mir  lassen.  Dazu 
ordne,  revidiere  und  sichte  ich  meine  Bibliothek  und  mache 
dabei,  wie  das  die  Regel  ist,  uberraschende  Entdeckungen.  So 
lernte  ich  nicht  ohne  Staunen,  wie  noch  um  die  Mitte  des  vori- 
gen  Jahrhunderts  Literaturgeschichte  geschrieben  wurde.  Wie 
kraftig,  relief  mafiig  profiliert  im  Sinne  eines  schon  geglieder- 
ten  Frieses  ist  die  dreibandige  Geschichte  der  deutschen  Lite- 
ratur  seit  Lessings  Tod,  die  Julian  Schmidt1  verfaBt  hat.  Man 
sieht,  was  mit  der  Organisation  im  Sinne  der  Nachschlage- 
werke  dergleichenBiicher  verlorenhaben,wiedie  (unanfecht- 
baren)  Erfordernisse  neuerer  wissenschaftlicher  Technik  un- 
vereinbar  mit  der  Gewinnung  eines  eidos,  eines  Lebensbildes 
sind.  Auch  ist  erstaunlich,  wie  mit  der  historischen  Distanz 
die  Objektivitat  dieser  eigenwilligen  Chronistengesinnung  zu- 
nimmt,  wahrend  nichtsdie  wohlabgewogenelaueUrteilsweise 
in  neueren  literargeschichtlichen  Werken  davor  bewahren 
wird,  als  spannungs-  und  interesseloser  Ausdruck  des  Zeit- 
geschmacks  zu  erscheinen,  eben  weil  nichts  Personliches  ihn 
korrigiert.  Es  traf  sich,  daB  ich  gerade  in  den  letzten  Tagen 
Walzels  „Wortkunstwerk"  ein  in  diesem  Sinne  typischmoder- 
nes  Buch,  und  immer  noch  der  besseren  eines,  anzuzeigen 
hatte,  und  dies  und  anderes  habe  in  meiner  Besprechung2 
zum  Ausdruck  zu  bringen  gesucht.  Die  Arbeit,  die  mich  ver- 
anlaBt,  dergestalt  auf  eine  bestimmte  Periode  deutscher  Lite- 

436 


raturgeschichtsschreibung  zuriickzugehen,  ist  ebenso  reizvoll 
als  verantwortlich  und  schwer:  ich  habe  den  Artikel  „Goethe" 
fiir  eine  russische  Enzyklopadie  abzuf  assen.  Freilich  erschiene 
es  mir  fast  als  Wunder,  wenn  es  mir  gliicken  konnte,  auf  ver- 
haltnismaBig  kurzem  Raume  ein  Bild  Goethes  zu  geben,  das 
gerade  in  gegenwartige  russische  Leser  sich  einzeichnet; 
grundsatzlich  aber  scheint  es  mir  nicht  alleinmoglichsondern 
hdchst  fruchtbar. 

Das  Notizbuch  zieht  wohl  oder  iibel  seinen  Gewinn  aus 
der  unbilligen  Verzogerung  seines  Erscheinens  und  hat  in 
Marseille  undhier  noch  manches  in  sich  aufgenommen.  Nicht 
ganz  ohne  Bangnis  werde  ich  eines,  hoffentlich  baldigen, 
Tages  es  Ihnen  vorliegen  wissen.  Denn  es  stellt  ein  Hetero- 
genes  oder  vielmehr  Polares  dar,  aus  dessen  Spannung  viel- 
leicht  gewisse  Blitze  zu  grell,  gewisse  Entladungen  zu  polternd 
hervorgehen.  (Nur  der  falsche  Klang  des  Theaterdonners  be- 
gegnet  Ihnen,  hoffentlich,  nirgends  darin.) 

DaB  der  geplante  Vorabdruck  des  Melancholiekapitels  nun 
doch  zustande  kommen  soil  f reut  mich  um  meinetwillen  und 
als  gutes  Omen  fur  den  Fortgang  der  „Beitrage".  Es  ist  nicht 
schwer,  das  Kapitel  dem  Umfang  nach  den  redaktionellen 
Erfordernissen  anzupassen.  Wollten  Sie  die  Giite  haben,  im 
gegebenen  Augenblick  das  Manuscript  mir  zugehen  zu  las- 
sen,  so  erhalten  Sie  es  sofort  mit  Strichen  zuriick,  die  das 
Wesentliche  des  Gedankenganges  und  der  Zitate  unange- 
tastet  lassen.  -  Wird  es  Ihnen  nicht  als  Eitelkeit  erscheinen, 
wenn  ich  ausspreche,  dafi  am  innigsten  mich  die  Wendung 
erfreut  hat,  in  der  Sie  lobend  des  Stilistischen  Erwahnung 
tun?  Ich  habe  mir  dabei  viel  „Miihe  gegeben",  einmal,  weil 
ich  nicht  anders  konnte,  dann  aber  ausgehend  von  der  Maxime, 
daB  einem  streng  durchgefiihrten  Minimalprogramm  des 
Stils  ein  gliicklich  durchgefuhrtes  Maximalprogramm  des 
Gedankens  fiir  gewohnlich  entspricht.  Endlich  frappierte 
mich  Ihr  Brief  mit  Ihrem  Hinweis  auf  das  eigentliche,  so 
sehr  versteckte  Zentrum  dieser  Arbeit:  die  Darlegung  iiber 
Bild,  Schrift,  Musik  ist  wirklich  die  Urzelle  der  Arbeit  mit 
ihren  wortlichen  Anklangen  an  einen  jugendlichen  Versuch 
von  drei  Seiten  „Uber  die  Sprache  in  Trauerspiel  und  Trago- 

437 


die".  Die  tiefere  Ausfiihrung  dieser  Dinge  wiirde  mich  frei- 
lich  aus  dem  deutschen  Sprachraum  in  den  hebraischen  fiih- 
ren  miissen,  der,  aller  Vorsatze  ungeachtet,  bis  zum  heutigeri 
Tage  immer  noch  unbetreten  vor  mir  liegt.  Es  ist  ein  Gliick, 
fiir  das  ich  nicht  einmal  Ihnen  danken  darf,  daB  Sie  die 
schopferische  Probe  auf  die  Analyse  eines  (in  der  Tat  nur 
dem  Oberflachlichen  und  im  Oberflachlichen)  vergangeneri 
Zustandes  des  deutschen  Dramas  machen.  Mit  verdoppelter 
Ungeduld  erwarte  ich  die  Auffuhrung  und  damit  die  neue 
SchluBfassung  des  „Turms".  So  bringt  mir  was  Sie  schreiben 
ein  Echo,  auf  das  ich  fast  verzichten  zu  miissen  geglaubt  hatte. 
Denn  ich  wuflte  damals,  unter  der  Arbeit,  die  Wahrheit  zu 
sagen,  von  alien  selbst  mir  nahestehenden  Freunden  nur  den 
einzigen  Rang,  von  dem  ich  gewiB  war,  dafi  er  das  „mea  res 
^agitur"  dem  Buche  wiirde  zuerkennen  wollen.  Auch  verdanke 
ich  darin  vieles  Einzelne  seinen  Briefen.  Als  er  starb,  wuBte 
ich  zunachst  nicht:  wer  wird  das  lesen  —  vielmehr:  wen  wird 
es  angehen.  Ihnen  danke  ich  es,  daB  diese  Frage  sich  beant- 
wortet  hat.  Und  durch  Sie  betrifft  es,  wenn  nicht  viele,  so 
doch  jedenfalls  alle,  die  es  betreffen  will  und  darf.  Vielleicht 
darf  ich  neben  der  Teilnahme  von  [Walther]  Brecht  spater 
auch  auf  das  Interesse  des  hamburger  Kreises  um  [Aby] 
Warburg  hoffen.  Jedenfalls  wiirde  ich  unter  seinen  Mitglie- 
dern  (zu  denen  ich  selber  keine  Beziehungen  habe)  am  ersten 
akademisch  geschulte  und  verstandnisvolle  Rezensenten  zu- 
gleich  mir  erwarten;  im  iibrigen  werde  ich  gerade  von  Seiten 
der  offiziellen  Wissenschaft  nicht  allzuviel  Wohlwollen  mir 
erwarten. 

Ich  verbleibe  mit  sehr  herzlichen  GriiBen  Ihr  dankbar 
ergebener 

Walter  Benjamin 

PS  Ich  sende  dies  eingeschrieben,  weil  ich  nicht  weiB,  ob 
die  Adresse  genau  genug  ist. 

1  Unter  diesem  Titel  von  der  5.  Aufl.,  1866  f.,  an. 

2  Erschienen  im  Literaturblatt  der  Frankfurter  Zeitung  vom  7. 11. 
1926  (Jahrg.  59,  Nr.  45). 


438 


159  An  Jula  Radt 

Moskau 

Sadowaja  Triumfalnaja 

26.Dezember  1926 

Liebe  Jula, 

hoffentlich  bekommst  Du  diesen  Brief.  Dann  antworte  mir 
auch  schon.  Ich  wage  erst  jetzt  zu  schreiben,  denn  jetzt  erst 
habe  ich,  seit  meiner  Ankunft,  die  ersten  Nachrichten  aus 
Deutschland  erhalten,  Ich  dachte  daher,  alles  geht  verloren. 
Aber  die  Post  scheint  zuverlassig  zu  sein.  Eine  Karte  habe 
ich  Dir  bereits  geschrieben.  —  Du  muBt  nicht  denken,  daB  es 
leicht  ist,  von  hier  Nachricht  zu  geben.  An  dem  was  ich  sehe 
und  hore,  werde  ich  sehr  lange  zu  arbeiten  haben,  bis  es  sich 
mir  irgendwie  formt.  Die  Gegenwart  in  diesen  Verhaltnis- 
sen  —  und  sogar  schon  eine  fliichtige  —  hat  einen  auBerordent- 
lichen  Wert.  Es  ist  alles  im  Bau  oder  Umbau  und  beinah 
jeder  Augenblick  stellt  sehr  kritische  Fragen.  Die  Spannun- 
gen  im '  offentlichen  Leben  —  die  zum  groBen  Teil  einen 
geradezu  theologischen  Charakter  haben  -  sind  so  groB,  daB 
sie  alles  Private  in  unvorstellbarem  MaBe  abriegeln.  Wenn 
Du  hier  warest,  so  wiirdest  Du  Dich  wahrscheinlich  noch 
weit  mehr  wundern  als  ich  es  tue;  ich  erinnere  mich  an 
manches,  was  Du  im  Sommer  in  Agay  iiber  „RuBland"  ge- 
sagt  hast.  —  Bewerten  kann  ich  das  alles  nicht;  im  Grunde 
sind  dies  Verhaltnisse,  zu  denen  man  mitten  in  ihnen  Stel- 
lung  nehmen  kann  und  muB,  dann  vielleicht  sogar  in  vielem 
eine  ablehnende;  von  auBen  kann  man  sie  nur  beobachten. 
Und  es  ist  vollig  unabsehbar,  was  dabei  in  RuBland  zunachst 
herauskommen  wird.  Vielleicht  eine  wirkliche  sozialistische 
Gemeinschaft,  vielleicht  etwas  ganz  anderes.  Der  Kampf,  der 
dariiber  entscheidet,  ist  ununterbrochen  im  Gange.  Sachlich 
mit  diesen  Verhaltnissen  verbunden  zu  sein  ist  hochst  frucht- 
bar  —  mich  aus  grundsatzlichen  Erwagungen  in  sie  hinein- 
zustellen,  ist  mir  nicht  moglich.  Wie weit  ich  aber  sachliche 
Beziehungen  zu  den  hiesigen  Angelegenheiten  bekomme, 
werde  ich  sehen.  Verschiedene  Umstande  machen  es  wahr- 


439 


scheinlich,  dafi  ich  von  jetzt  ab  aus  dem  Ausland  ausfiihr- 
lichere  Artikel  an  russische  Zeitschriften  geben  werde  und 
moglicherweise  werde  ich  auch  in.  groBerem  Umfang  an  der 
„Enzyklopedie"  arbeiten.  Es  ist  sehr  viel  zu  tun  und  in 
geisteswissenschaftlichen  Angelegenheiten  haben  die  Leute 
hier  einen  unvorstellbaren  Mangel  an  sachverstandigen  Mit- 
arbeitern.  -  Was  ich  andererseits  uber  meinen  Aufenthalt 
hier  etwa  schreiben  werde,  weiB  ich  noch  nicht.  Ich  werde 
Dir  wahrscheinlich  schon  mitgeteilt  haben,  da6  ich  zunachst 
eine  groBe  Materials ammlung  in  Form  eines  Tagebuchs  an- 
gelegt  habe.1  -  Dem  Schrecken  des  Weihnachtsabends  bin  ich 
beim  schonen  Gesumme  eines  Samowars  entronnen.  Es  gab 
auch  sonst  sehr  viel  Schones;  eine  Schlittenfahrt  durch  rus- 
sischen  Winterwald  zu  einem  hiibschen  kleinen  Madchen  das 
ich  besuchte2,  und  dabei  lernte  ich  ein  vorziigliches  Kinder  - 
sanatorium  kennen.  Sehr  viel  bin  ich  im  Theater  —  liber  das 
die  ungeheuerlichsten  Vorstellungen  verbreitet  sind.  In  Wirk- 
lichkeit  sind  von  allem,  was  ich  bis  jetzt  sah,  die  Vorstellun- 
gen bei  Meyerhold  das  einzig  Bedeutende.  Die  Spaziergange 
in  der  Stadt  sind  selbst  bei  groBter  Kalte  (ich  hatte  bis  26°) 
sehr  schon,  wenn  ich  nicht  gerade  iibermudet  bin.  Das  kommt 
mir  wegen  der  Schwierigkeiten  der  Sprache  und  der  Harte 
der  auBeren  Existenz  hier  ofter  vor.  Der  Aufenthalt  in  dieser 
Jahreszeit  ist  auBerordentlich  gesund  und  ich  habe  mich, 
alles  in  allem  und  trotz  allem  genommen,  sehr  lange  nicht  so 
gut  gefuhlt.  Aber  er  ist  unvorstellbar  teuer,  wahrscheinlich 
ist  Moskau  so  ungefahr  der  teuerste  Platz  der  Erde.  —  Mehr 
und  Konkreteres  werde  ich  Dir  erzahlen,  wenn  ich  zuriickbin. 
Hast  Du  den  Kopf  von  Stone3  photographieren  lassen?  Wie 
geht  es  Dir  eigentlich?  Ist  Use4  in  Berlin  gewesen?  Wie  geht 
es  mit  Fritz?  Dieses  alles  schreibe  mir  fein  sauberlich  auf, 
auf  mehreren  Bogen  Deines  erlauchten  diinnen  Papiers.  Die 
Adresse  kannst  Du  mit  lateinischen  Buchstaben  schreiben. 
Aber  antworte  anmutig  und  postwendend.  Ich  wunsche  Dir 
gnadige  Sylvester-  und  freundliche  Neujahrsdamonen. 

Dein  Walter 

1  Das  Tagebuch  ist  erhalten. 

2  Die  Tochter  von  Asja  Lacis. 

440 


3  Sascha  Stone}  ein  bekannter  Photograph,  hatte  auch  den  Umschlag 
von  W,  B.s  „EinbahnstraBe"  gemacht.  Die  Photographie  des  Kopfes 
ist  erhalten. 

4  Use  Hermann,  eine  Freundin  der  Adres satin.  Jula  Cohn-Radt  hatte 

ihr  herliner  Atelier  im  Hause  von  Use  Hermanns  Extern. 


160  An  Gerhard  S cholera 

Berlin,  23.  Februar  1927 

Lieber  Gerhard, 

morgen  sind  es  drei  Wochen,  daB  ich  wieder  in  Berlin  bin.  Es 
gibt  sehr  viel  Arbeit  fur  mich.  Ich  fordere  sie  nicht  hinrei- 
chend  schnell;  jede  kleine  Leistung,  die  zu  stande  kommt,  ist 
bei  mir  in  sehr  viel  MiiBiggang  verpackt.  Jetzt,  nach  kurzer 
iib erst andener  Ankunftsgrippe,  beschaftigt  mich  ein  Artikel 
iiber  Moskau1.  Einige  winzige  Referate  wirst  Du  in  der  „Li- 
terarischen  Welt"  gesehen  haben  oder  imFolgenden  noch  fin- 
den2;  etwas  Zusammenhangenderes  zu  schreiben  ohne  dem 
Abgrund  des  Geschwatzes  zu  verfallen,  der  sich  unter  sol- 
chem  Versuche  fast  bei  jedem  Schritte  vor  einem  offnet,  ist 
sehr  schwer.  Gewisse  Einzelheiten,  die  sich  nicht  durch  mich 
bestimmen  lieBen,  wirkten  zeitweise  ungiinstig  auf  meine 
Aktionsmoglichkeiten  in  Moskau  ein,  so  daB  ich  nicht  so  viel 
herumgekommen  bin,  wie  ich  es  gewiinscht  hatte.  Aber  zwei 
Monate,  in  denen  ich  so  oder  so  in  und  mit  der  Stadt  mich 
herumschlagen  muBte,  haben  mir,  wie  ich  von  hier  aus  und 
in  Unterhaltungen  mit  hiesigen  Leuten  sehr  bald  festgestellt 
habe,  doch  Dinge  gegeben,  zu  denen  ich  auf  anderm  Wege 
kaum  gekommen  ware.  Moglich,  daB  mir  gelingt  (aber  ich 
weiB  es  nicht)  einiges  davon  fur  so  avertierte  Leser  wie  Dich 
in  denNotizen  iiber  Moskau  transparent  zu  machen,  an  denen 
ich  augenblicklich  arbeite. 

Mit  meinem  Goethe- Artikel  fur  die  russische  Enzyklopa- 
die  habe  ich  wenig  Gliick  gehabt.  Freilich  laBt  der  Tatbestand, 
daB  er  nicht  erscheinen  wird,  sich  auch  anders  begriinden. 
Den  Leuten  ist  sozusagen  das  Expose  eines  solchen  Artikels, 

441 


welches  ich  ihnen  eingesandt  habe,  zu  radikal  gewesen.  Sie 
werden  der  europaischenGelehrtenweltgegenubergut  aristo- 
telisch  von  Furcht  und  Mitleid  geschiittelt,  wollen  ein  Stan- 
dard werk  marxistischer  Wissenschaft,  gleichzeitig  aber  etwas 
zu  stande  bringen,  was  in  Europa  eitel  Bewunderung  erwek- 
ken  soil.  Immerhin  glaube  ich,  daB  dieses  Expose  so  interes- 
sant  ausgefallen  ist,  daB  es  mat  einigen  Kautelen  einmal 
anderswo  erscheinen  kdnnte. 

Dora  und  ich  griiBen  Euch  herzlich. 

Dein  Walter 

1  Die  Kreatur,  1927,  S.  71-101.  Jetzt  Schriften  II,  S.  30-66. 

2  In  den  Nrn.  vom  3.  Dez.  1926  und  11.  Febr.  1927. 


161  An  Martin  Buber 

Berlin,  23.  Februar  1927 

Sehr  verehrter  Herr  Buber, 

etwas  langer  als  ich  vermutet  hatte,  hat  sich  mein  Aufent- 
halt  in  Moskau  hingezogen.  Als  ich  dann  in  Berlin  angekom- 
men  war,  muBte  ich  zunachst  eine  Grippe  absolvieren.  Nun 
bin  ich  seit  einer  Reihe  von  Tagen  an  der  Arbeit,  kann  Ihnen 
aber  Ende  Februar  das  Manuskript1  noch  nicht  iibersenden. 
Wiirden  Sie  so  freundlich  sein,  mir  zu  schreiben,  wann  Sie 
Deutschland  verlassen?  Ich  werde  unter  alien  Umstanden 
trachten,  das  Manuskript  etwa  acht  Tage  vorher  in  Ihre 
Hande  gelangen  zu.lassen.  Ihr  Hinweis  auf  Wittigs  Arbeit 
ist  mir  wertvoll  und  einleuchtend.  Eines  kann  ich  Ihnen  aufs 
Bestimmteste  zusagen  -  das  Negative:  alle  Theorie  wird  mei- 
ner  Darstellung  fernbleiben.  DasKreatiirliche  gerade  dadurch 
sprechen  zu  lassen,  wird  mir,  wie  ich  hoff e,  gelingen :  soweit 
mir  eben  gelungen  ist,  diese  sehr  neue,  befremdende  Sprache, 
die  laut  durch  die  Schallmaske  einer  ganz  veranderten  Um- 
welt  ertont,  aufzufassen  und  festzuhalten.  Ich  will  eine  Dar- 
stellung der  Stadt  Moskau  in  diesem  Augenblick  geben,  in 

442 


der  „alles  Faktische  schon  Theorie"  ist  und  die  sich  damit 
aller  deduktiven  Abstraktion,  aller  Prognostik,  ja  in  gewis- 
sen  Grenzen  auch  alien  Urteils  enthalt,  welche  samtlich  mei- 
ner  unumstoBlichen  Uberzeugung  nach  in  diesem  Fall 
durchaus  nicht  von  „geistigen"  Daten  sondern  allein  von 
wirtschaftlichen  Fakten  aus  gegeben  werden  konnen,  iiber 
die  selbst  in  RuBland  nur  die  wenigsten  einen  geniigend  gro- 
Ben  Uberblick  haben.  Moskau,  wie  es  jetzt,  im  Augenblick 
sich  darstellt,  laBt  schematisch  verkiirzt  alle  Mbglichkeiten 
erkennen:  vor  allein  die  des  Scheiterns  und  des  Gelingens  der 
Revolution.  In  beiden  Fallen  aber  wird  es  etwas  Unabsehba- 
res  geben,  dessen  Bild  von  aller  programmatischen  Zukunfts- 
malerei  weit  unterschieden  sein  wird  und  das  zeichnet  sich 
heute  in  den  Menschen  und  ihrer  Umwelt  hart  und  deutlich  ab. 
Hiermit  verbleibe  ich  fiir  heute  mit  den  besten  GriiBen 
Ihr  sehr  ergebener 

Walter  Benjamin 

l  Von  „Moskau"  fiir  die  „Kreatur". 


162  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Pardigon,  5.  6.  1927 

Hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal, 

es  ist,  glaube  ich,  bald  ein  Jahr  vergangen,  seit  ich  Ihnen 
geschrieben  habe.  Inzwischen  bin  ich  in  RuBland  gewesen 
und  wenn  ich  wahrend  meiner  beiden  Monate  in  Moskau 
nichts  verlauten  lieB,  weil  ich  unter  dem  ersten  Eindruck  des 
fremden  intensiven  Lebens  nichts  berichten  konnte,  so  habe 
ich  spater  in  der  Hoffnung  gezogert,  meinen  Versuch  einer 
Beschreibung  dieses  Aufenthaltes  dem  ersten  Briefe  an  Sie 
beilegen  zu  konnen.  Er  ist  aber,  trotzdem  er  in  den  Fahnen 
langst  vorliegt,  noch  nicht  erschienen.  Dort  habe  ich  es  unter- 
nommen,  diejenigen  konkreten  Lebenserscheinungen,  die 
mich  am  tiefsten  betroffen  haben,  so  wie  sie  sind  und  ohne 
theoretische  Exkurse,  wenn  auch  nicht  ohne  innere  Stellung- 

443 


nahme,  aufzuzeigen.  Natiirlich  liefi  die  Unkenntnis  der 
Sprache  mich  uber  eine  gewisse  schmale  Schicht  nicht  hin- 
ausdringen.  Ich  habe  aber,  mehr  noch  als  an  das  Optische 
mich  an  die  rhythmische  Erfahrung  fixiert,  wo  die  Zeit,  in 
der  die  Menschen  dort  leben  und  in  der  ein  urspriinglicher 
russischer  Duktus  mit  dem  neuen  der  Revolution  sich  zu 
einem  Ganzen  durchdringt,  das  ich  westeuropaischen  MaBen 
noch  weit  inkommensurabler  fand  als  ich  erwartet  hatte. 
—  Die  literarische  Unternehmung,  die  ich,  sehr  nebenbei,  auf 
dieser  Reise  im  Sinne  trug,  hat  sich  als  undurchfuhrbar  er- 
wiesen.  Die  Leitung  der  groBen  russischen  Enzyklopadie 
stellt  einen  Apparat  von  fiinf  Instanzen  dar,  umfaBt  sehr 
wenig  kompetente  Forscher  und  ist  nicht  im  entfernte- 
sten  im  Stande,  ihr  Riesenprogramm  zu  bewaltigen.  Ich  sel- 
ber  habe  beobachten  konnen,  mit  wieviel  Unkenntnis  und 
Opportunisms  man  zwischen  dem  marxistischen  Programm 
der  Wissenschaft  und  dem  Versuch,  ein  europaisches  Prestige 
sich  zu  sichern  hin  und  her  schwankt.  Diese  private  Enttau- 
schung  aber  kommt  ebenso wenig  wie  die  Schwierigkeiten 
und  Harten  eines  moskauer  Aufenthalts  im  tiefsten  Winter 
gegen  den  gewaltigen  Eindruck  auf,  den  eine  Stadt  mitteilt, 
in  der  alle  Bewohner  noch  erschiittert  sind  von  den  groBen 
Kampfen,  in  die,  so  oder  anders,  jeder  verwickelt  war.  Mei- 
nen  Aufenthalt  in  RuBland  schloB  ich  mit  dem  Besuch  von 
Sergejero-Lawra  ab,  dem  zweitaltesten  Kloster  des  Reich es 
und  der  Wallfahrtsstatte  aller  Bojaren  und  Zaren.  Zimmer 
voller  juwelenbedeckter  Stolen,  voller  unabsehbar  aufgereih- 
ter  illuminierter  Evangeliare  und  Andachtsbucher,  von  den 
Manuscripten  der  Athosmonche  bis  zu  denen  des  17ten  Jahr- 
hunderts,  ebenso  zahllose  Ikonen  aus  alien  Zeiten  mit  ihren 
Goldverkleidungen,  aus  denen  die  Madonnenkopfe  wie  aus 
chinesischen  Halseisen  hervorschauen,  durchschritt  ich,  mehr 
als  eine  Stunde  bei  einer  Temperatur  von  20°  unter  Null.  Es 
war  wie  das  Gefrierhaus  wo  eine  alte  Kultur  wahrend  der 
revolutionaren  Hundstage  sich  unter  Eis  konserviert.  In  den 
berliner  Wochen,  die  folgten,  war  meine  Arbeit  im  wesent- 
lichen,  dem  Tagebuch,  das  ich  zum  ersten  Male  seit  funfzehn 
Jahren  und  sehr  ins  Einzelne  auf  dieser  Reise  gefiihrt  habe, 

444 


die  Dinge  zu  entnehmen,  die  der  Mitteilung  fahig  sind.  Von 
Proust  war,  als  ich  nach  Deutschland  zuriickkam  „Im  Schat- 
ten  der  jungen  Madchen"  erschienen  und  der  Verlag  hat,  wie  . 
ich  mich  vergewisserte,  in  meiner  Abwesenheit  den  Band 
Ihnen  zugehen  lassen.  Sollten  Sie  einen  Blick  hineingeworfen 
haben,  so  sind  Sie  hoffentlich  nicht  allzu  unfreundlich  be- 
riihrt  worden.  Die  Aufnahme  durch  die  Kritik  war  giinstig. 
Aber  was  besagt  das?  Ich  glaube  mir  dariiber  klar  zu  sein, 
daB  jede  Ubersetzungsarbeit,  die  nicht  aus  hochsten  und 
dringendsten  praktischen  Zwecken  (wie  Bibeliibersetzung  — 
als  Typus)  oder  aus  rein  philologischer  Studienabsicht  unter- 
nommen  wird,  etwas  Absurdes  behalten  muB.  Ich  ware  schon 
glucklich,  wenn  es  in  diesem  Fall  nicht  allzu  aufdringlich 
merkbar  wird.  —  Die  Lange  dieses  Brief  es  wird  Ihnen,  hoch- 
verehrter  Herr  von  Hofmannsthal,  au£  den  ersten  Blick  an- 
geraten  haben,  ihn  auf  einen  Augenblick  zuriickzulegen,  da 
Sie  nicht  allzusehr  mit  Ihrer  Zeit  rechnen  miissen;  und  nur 
aus  dieser  Erwartung  und  im  BewuBtsein  von  Ihrem  wahren 
Interesse  fur  mich,  nehme  ich  den  Mut,  noch  weiter  von  mir 
zu  erzahlen.  Im  ganzen  gilt  zur  Zeit  meine  Arbeit  der  Festi- 
gung  meiner  pariser  Position.  Denn  ich  werde  versuchen, 
den  Aufenthalt  dort  -  jetzt  bin  ich  fur  ein  paar  Pfingsttage 
mit  meiner  Frau  in  Pardigon,  bei  Toulon  —  durch  literarische 
Berichte  und  andere  nebensachlichere  Arbeiten  zu  sichern. 
Zwar  habe  ich  die  Wahrheit  meiner  ersten  Erfahrung,  die 
Sie  mir  selbst  so  nachdriicklich  bestatigt  haben,  immer  wieder 
bewahrt  gefunden:  es  ist  ganz  auBerordentlich  selten,  Fiih- 
lung  mit  einem  Franzosen  zu  gewinnen,  die  fahig  ware,  eine 
Unterhaltung  iiber  die  erste  Viertelstunde  hinauszutragen. 
Aber  es  ist  mit  der  Zeit  eine  Versuchung  fur  mich  geworden, 
dem  f  ranzbsischen  Geist  auch  in  seiner  aktuellen  Gestalt  nahe 
zu  kommen,  ganz  abgesehen  davon  daB  er  mich  anhaltend 
im  historischen  Kostiim  beschaftigt  und  ich  durchaus  vor- 
habe,  an  diese  seine  altere  Erscheinung  einmal  mein  Wort  zu 
plazieren.  Ich  denke  manchmal  an  eine  Arbeit  iiber  die  fran- 
zosische  Tragodie  als  an  ein  Gegenstlick  meines  Trauerspiel- 
buches.  Urspriinglich  war  mein  Plan  bei  diesem  Buche  ge- 
wesen,  das  deutsche  und  das  franzosische  Trauerspiel  in  ihrer 

445 


kontrastierenden  Natur  zu  entwickeln.  Zu  alledem  tritt  aber 
ein  anderes.  Wahrend  ich  mit  meinen  Bemiihungen  und 
Interessen  in  Deutschland  unter  den  Menschen  meiner  Gene- 
ration mich  ganz  isoliert  fiihle,  gibt  es  in  Frankreich  einzelne 
Erscheinungen  -  als  Schriftsteller  Giraudoux  und  besonders 
Aragon  -  ais  Bewegung  den  Surrealismus,  in  denen  ich  am 
"Werk  sehe,  was  auch  mich  beschaftigt.  Fur  jenes  Notizen- 
buch,  von  dem  ich  Ihnen  vor  langer  Zeit,  sehr  verf riiht,  einige 
Proben  sandte,  habe  ich  in  Paris  die  Form  gefunden.  Ich 
habe  die  Hoffnung,  einiges  daraus  ebenso  wie  Teile  meines 
Berichts  aus  Moskau  in  Ubersetzung  hier  veroffentlichen  zu 
konnen.  Dagegen  bin  ich  mit  dem  Gang  der  Dinge  in 
Deutschland  wenig  zufrieden.  Rowohlt  hat  den  Gesamtver- 
trag,  den  ich  mit  ihm  habe,  in  ideellen  Teilen  so  riicksichtslos 
verletzt,  daB  ich  mich  augenblicklich  nicht  entschlieBen  kann, 
ihm  das  Imprimatur  zum  Barockbuche  zu  erteilen.  Ich  weiB, 
daB  diese  ewigen  Verschleppungen  schlieBlich  verhangnisvoll 
werden  konnen.  In  kurzem  muB  aberdieEntscheidung  fallen, 
nach  der  sich  richtet,  ob  ich  bei  Rowohlt  bleibe  oder  einen 
anderen  Verleger  suche.  Inzwischen  erhielt  ich  vor  vielen 
Wochen  die  erste  Korrektur  des  Melancholiekapitels  in  den 
„Beitragen".  Gleichzeitig  mit  deren  Erledigung  ging  ein 
langer  Brief  an  Herrn  Wiegand  ab.  Es  ist  mir  nicht  erkliir- 
lich  und  auf  die  Dauer  beunruhigend,  kein  Wort  von  Herrn 
Wiegand  zu  horen.  Ich  weiB  mir  sein  Stillschweigen  nicht 
zurechtzulegen.  Hier  in  Pardigon  arbeite  ich  an  einer  langst 
geplanten  Anzeige  der  groBen  kritischen  Ausgabe  von  Kellers 
Werken.  (Ich  stieB  zufallig  bei  dieser  Gelegenheit  auf  einige 
Worte,  die  er  iiber  die  franzosische  Tragbdie  sagt;  sie  fallen 
durch  ihre  hohe  Einsicht  aus  allem  heraus,  was  damals  iiber 
diesen  Gegenstand  zu  sagen  Mode  war.)  Diese  Arbeit  macht 
mir  viel  Freude  und  in  der  Hoffnung,  daB  sie  auch  einige 
geben  kann,  will  ich  sie  Ihnen  gleich  nach  Erscheinen  zu- 
senden.  Ich  mochte  mit  der  Versicherung  schlieBen,  wieviel 
ein,  wenn  auch  noch  so  kurzes  Wort  von  Ihnen  mir  bedeuten 
wiirde  und  bleibe  mit  dem  Ausdruck  aufrichtiger  Verehrung 
und  herzlichen  GriiBen 

Ihr  sehr  ergebner  Walter  Benjamin 

446 


163  An  Martin  Buber 

Paris,  26.  Juli  1927 

Sehr  verehrter  Herr  Doktor  Buber, 

Sie  werden  nicht  gut  von  mir  gedacht  haben:  ich  habe  sehr 
lange  nicht  von  mir  horen  lassen.  Einige  Monate  wuBte  ich 
nicht,  wo  ich  Sie  zu  suchen  habe.  Inzwischen  sind  Sie  sicher 
aus  Palastina  zuriick.  Als  dann  das  Heft  erschien,  wollte  ich 
Ihnen  ein  paar  Worte  dariiber  schreiben.  Ich  habe  lange  ge- 
braucht  es  mir  anzueignen.  Es  ist  ein  Ganzes,  das  mir  allmah- 
lich  genaue,  bestimmte  Ziige  angenommen  hat.  Ich  brauche 
Ihnen  nicht  zu  sagen,  wie  gliicklich  ich  bin,  hier  neben  Rang 
zu  stehen.  Dieser  Brief1  ist  eines  der  konzentriertesten  Be- 
kenntnisse,  die  ich  von  ihm  kenne.  Es  ist  fur  mich  unendlich 
schade,  dai3  die  Auseinandersetzung  zwischen  seinen  gefeif- 
testen  geistigen  und  meinen  jiingsten  sachlichen  Erf  ahrungen : 
kultische  —  kommunistische  Arbeit  rein  virtuell  bleibt,  selbst 
in  mir  selber  noch  durchaus  nicht  ausgetragen  ist.  Dieser 
Mann  —  das  habe  ich  langst  gewuBt  —  ware  fiir  mich  der 
einzige  Freund  gewesen,  in  dessen  Gesprachen  diese  Fragen 
mir  schnell,  entscheidend  sich  geschlichtet  hatten.  „Moskau" 
hatte  jene  personlicheren  Akzente,  von  denen  Ihr  letzter  Brief 
spricht,  deutlicher  angenommen,  wenn  ich  das,  was  vor,  wah- 
rend  und  nach  diesem  Auf  enthalt  mich  bewegte,  vor  ihn  hatte 
bringen  konnen.  Dennoch  ist  es  hoffentlich  einigen  Lesern 
deutlich  geworden,  dafi  diese  „optischen"  Schilderungen  in 
ein  Gedankengradnetz  eingetragen  sind.  Haben  Sie  Stimmen 
iiber  „Moskau"  gehbrt,  so  ware  mir  sehr  wertvoll  zu  wissen, 
welche.  —  Sehr  merkwiirdig,  ich  mochte  sagen  beunruhigend 
in  der  Wahrheit  ihrer  Feststellungen  und  der  Fragen  die  sie 
erregen  ist  die  Arbeit  von  Wittig.  Ich  glaube,  es  ist  sehr  lange 
her,  daB  man  diese  einfachen  aber  unendlich  schwer  greif- 
baren  Erfahrungen  neu,  evident  hat  aussprechen  konnen.  Es 
wiirde  mich  interessieren  zu  wissen,  ob  Rang  und  Wittig  sich 
gekannt  haben.  -  Fiir  die  Zukunft  mochte  ich  Ihnen  noch- 
mals  ausdriicklich  meine  Bereitschaft  zur  Mitarbeit  an  der 


447 


„Kreatur"  versichern  und  werde,  wenn  ich  selbst  im  Umkreis 
meiner  Arbeit  einen  Gegenstand  sichte,  der  in  Betracht  kom- 
men  konnte,  Sie  das  wissen  lassen.  —  Scholem  kommt  dieser 
Tage  mit  seiner  Frau  nach  Paris. 

Mit  den  besten  Empfehlungen  und  GriiBen 

Ihr  sehr  ergebener  Walter  Benjamin 

Noch  besser,  wenn  Sie  gelegentlich  einen  Vorschlag  haben. 

1  An  Walther  Rathenau. 


164  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Tours,  16.8.  1927 

Lieber  hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal, 

Sie  haben  mir  mit  den  freundlichen  Worten  aus  Mendola 
eine  groBe  Freude  gemacht.  Aber  auch  die  fragende  Reserve, 
mit  der  Sie  meine  angekiindigte  Absicht  iiber  Keller  zu 
schreiben  aufnehmen,  war  mir  wesentlich  und,  ich  glaube, 
verstandlich.  Dieser  Aufsatz  liegt  inzwischen  im  ersten 
Augustheft  der  „Literarischen  Welt"  vor  und  mag  Ihnen 
friiher  oder  spater  vor  Augen  kommen.  Heute  will  ich, 
schlecht  und  recht,  ein  zwei  Worte  dazu  anmerken:  iiber  eine 
eben  geendete  Arbeit  spricht  es  sich  ja  immer  am  schwersten. 
Ich  weiB  heute  nicht  mehr  genau,  worauf  meine  erste  Bin- 
dung  an  Keller  zuriickgeht;  als  ich  im  Jahre  1917  in  die 
Schweiz  kam,  stand  mir  meine  Liebe  fur  ihn  schon  deutlich 
fest  (das  ist  mir  zufallig  durch  ein  sehr  lebhaftes  Gesprach 
in  Erinnerung,  das  ich  einige  Wochen  nach  meiner  Ankunft 
mit  meiner  Frau  hatte).  Dann  fanden  Ernst  Bloch  und  ich 
uns  in  der  Rekapitulation  der  Kellerschen  Schriften  zusam- 
men  und  ich  erinnere  mich,  daB  fur  uns  beide  zu  verschie- 
denen  Zeiten  und  vielleicht  sogar  aus  verschiedenen  Griinden 
die  Beschaftigung  mit  dem  „MartinSalander"  dem  das  Siegel 
aufdruckte.  Alles  was  der  Name  Kellers  in  Ihnen  Wider  - 


448 


strebendes  aufruft,  habe  ich  an  der  Lektiire  des  „Griinen 
Heinrich"  erfahren  und  im„MartinSalander"  einen  anderen 
Pol  dieser  Welt  mit  ganz  anderem  geistigen  Wetter  sehen 
wollen.  (Erst  nachdem  ich  den  Aufsatz  geendet  hatte,  fiel  mir 
beim  Lesen  auf,  daB  der  „Griine  Heinrich"  darin  garnicht 
genannt  ist  und  das  erschien  mir,  wenn  ich  so  sagen  darf,  als 
Probe  aufs  Exemplar.  Denn  um  dieses  Werk  sammelt  als  um 
ihr  Panier  sich  die  Liebe  der  Philister  zu  dies  em  Autor.) 
Immerhin  schwebt  mir  die  Notwendigkeit  vor,  die  Einheit 
in  der  das  Beschrankte  und  Lieblose  mit  dem  Umfassenden 
und  Liebevollen  echt  schweizerisch  sich  in  dem  Mann  ver- 
schrankt,  noch  ganz  anders  einsichtig  zu  machen.  In  meinem 
Sinne  sind  das  was  ich  gab  nur  Prolegomena  -  es  ist  ein  Hin- 
weis  auf  einen  anderen  iibersehenen  Keller  nicht  die  Kon- 
struktion  dieses  Autors  aus  seinen  beiden  scheinbar  so  dispa- 
raten  Halften.  An  eine  solche  Aufgabe  wage  ich  fur  jetzt 
nicht  zu  gehen.  Ich  hoffte  mich,  wenn  auch  nur  durch 
Kontraststimmung,  nach  AbschluB  des  Aufsatzes  durch  die 
Lektiire  von  Ricarda  Huchs  kleinem  Inselbiichlein  iiber 
Keller1  dazu  bestimmen  zu  kbnnen;  aber  mein  Widerwille 
gegen  diese  salbungsvollen,  kurzbeinigen  Satzhaufen  war  so 
groB,  daB  ich  garnichts  davon  hatte.  -  Ich  richte  diese  Zeilen 
aus  Tours  an  Sie.  Ohne  recht  um  den  Feiertagskalender  des 
Landes  zu  wissen,  habe  ich  die  zentrifugale  Bewegung,  die  in 
diesen  Tagen  (am  15ten  August  wird  Assomption  begangen) 
Paris  seinen  Einwohnern  mitteilt,  an  mir  verspiirt  und  den 
langgehegten  Plan  wahr  gemacht,  in  das  binnenlandische 
Frankreich  zu  gehen.  Seit  ich  vor  vielen  Jahren  ein  paar 
Zeilen  Peguys  iiber  Orleans  und  die  Loire-Gegend  gelesen 
hatte,  stand  diesen  Bildern  ein  Raum  in  mir  off  en,  den  sie 
nun  freilich  viel  schoner  und  strahlender  einnehmen,  als  ich 
ahnen  konnte.  Besonders  die  Stadt  Tours,  die  dem  FluB  seine 
griinen  Ufer  und  Ins  ein  laBt  und  ihn  mit  ihren  Briicken 
wahrhaft  zu  streicheln  scheint.  Ich  glaube  auch,  soweit  ein 
einsamer  Aufenthalt  einem  fur  dergleichen  MaBstabe  laBt, 
langsam  ein  Auge  fur  die  Kathedralen  zu  gewinnen,  indem 
ich,  ohne  furs  erste  nach  mehr  zu  fragen,  den  verborgenen 
einzelnen  oder  typischen  Schonheiten  einer  jeden  nachgehe. 

449 


So  wird  mir  unvergeBlich  der  Chor  der  sonst  garnicht  glan- 
zenden  Kathedrale  von  Orleans  sein,  der  auf  einem  niedrigen, 
sanft  ansteigenden  Postament  wie  auf  einem  Kissen  sich  auf- 
hebt.  An  den  Schlossern  fiel  mir  die  gliickliche  Reserve  auf, 
mit  den  en  sie  den  Renaissanceformen  entgegenkommen; 
selten  diirfen  diese  das  Spielerische,  zumindest  an  derFassade, 
herauskehren  und  ohne  jede  Vermittlung  geht  der  private 
mit  dem  militarise]! en  Lebensstil  zusammen.  Ich  hoffe,  wenn 
ich  zum  zweiten  Male,  in  hoffentlich  kurzer  Zeit,  in  diese 
Gegend  komme,  mehr  zu  wissen  und  besser  ausgeriistet  zu 
sein.  In  der  Tat  werde  ich  mit  franzosischer  Kultur  dieses 
(des  XVI.  und  XVII.)  Jahrhunderts  mich  etwas  beschaftigen, 
um  zu  sehen,  ob  ich  einer  Arbeit  iiber  die  franzbsische  Tra- 
godie,  von  der  ich  Ihnen  im  letzten  Briefe  wohl  etwas  an- 
deutete,  naher  trete.  Fur  heute  griiBe  ich  Sie  herzlichst  und 
wiinsche  Ihnen  einen  schonen  Herbst  in  Osterreich.  Im 
Winter  plane  ich  diesmal  nach  Wien  zu  koramen,  falls  meine 
Absicht,  dort  einen  Vortrag  zu  halten,  sich  durchfuhren  laBt. 
Ich  ware  sehr  gliicklich,  wenn  mich  das  mit  Ihnen  zusam- 
menfiihrte  und  mir  endlich  die  Moglichkeit  brachte,  Dank 
und  Verehrung  iiber  den  Rahmen  meiner  Briefe  hinaus 
Ihnen  zu  bekunden. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Ricarda  Huch:  Gottfried  Keller.  Leipzig  1914. 


165  An  Max  Rychner 

Paris,  den  18.  Oktober  1927 

Sehr  geehrter  Herr, 

Ihr  Vorschlag,  fur  den  ich  Ihnen  hier  herzlich  danke,  trifft  in 
der  merkwiirdigsten  Weise  ins  Zentrum  meiner  eigenen 
Intentionen.  Denn  wenn  er  mir  die  Moglichkeit  eroffnet, 
gerade  in  Ihrer  Zeitschrift1,  die  ich  seit  langem  kenne  und 

450 


sehr  schatze  und  damit  vor  einem  schweizerischen  Publikum, 
welches  von  Haus  aus  fiir  deutsche  Geistesbewegungen  einen 
freieren  und  kritischeren  Blick  hat,  mich  zu  dem  gegenwar- 
tigen  Stand  der  deutschen  Belletristik  im  Zusammenhang  zu 
auBern,  so  veranlaBt  er  mich  eben  dadurch  iiber  gewisse 
Bedenken,  die  mich  bisher  von  einer  offentlichen  Formulie- 
rung  meiner  eigenen  sehr  reservierten  Stellung  zu  dieser 
Produktion  abhielten,  zur  Tagesordnung  iiberzugehen.  Und 
der  einzige  Vorbehalt  den  ich  machen  muB,  betrifft  den 
Termin.  Abgesehen  davon,  daB  ich  zur  Zeit  durch  die  Druck- 
legung  von  zwei  Biichern  auBerlich  sehr  beansprucht  bin, 
verlangt  ein  Aufsatz,  wie  Sie  ihn  erwarten  diirfen,  einige 
MuBe.  Ich  mochte  Sie  also  bitten,  ihn  ungefahr  Ende  des 
Jahres  erwarten  zu  wollen. 

Darf  ich  hinzufugen,  wie  wertvoll  mir  Ihr  Echo  auf  mei- 
nen  Keller- Aufsatz  gewesen  ist,  wie  sehr  die  Wirkung,  die 
Sie  andeuten,  mich  erfreut  und  bestatigt  hat.  Ich  habe  zwei 
Jahre  in  der  Schweiz  gelebt,  glaube  sie  ein  wenig  zu  kennen 
und  was  am  schweizerischen  Wesen  es  mir  angetan  hat,  haben 
Sie  gewiB  hie  und  da  zwischen  den  Zeilen  vernommen.  Was 
ich  versuchte,  ist,  wenn  ich  so  sagen  darf,  eine  kleine  intelli- 
gible Grenzberichtigung  zu  Gunsten  schweizerdeutschen  Bo- 
dens  gegen  das  Reichsdeutsche. 

Ich  sah  hier  [Ferdinand]  Hardekopf  und  wir  sprachen  von 
Ihnen.  Mit  viel  Vergmigen  las  ich  Ihre  Verse  im  September- 
Querschnitt.  Dieser  Tage  fahre  ich  nach  Berlin.  Ihre  freund- 
liche  Antwort  erbitte  ich  an  meine  dortige  Adresse:  Berlin- 
Grunewald,  Delbriickstr.  23. 

Ich  begriiBe  Sie  mit  besonderer  Hochachtung  als 

Ihr  ergebener  Walter  Benjamin 

1    „Neue  Schweizer  Rundschau." 


451 


166  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin-Grunewald,  24.  11.  1927 

Hochverehrter  lieber  Herr  von  Hofmannsthal, 

die  Sendung  der  Bremer  Presse,  der  auch  Ihr  Brief  beilag,  ist 
von  der  Post  versehentlich  nach  Paris  nachgesandt  worden 
und  hat  dort  erst  eine  Woche  in  meinem  Hotel  gelegen,  bevor 
sie  zuriickging.  Dennoch  hatten  Sie  schon  fruher  von  mir 
gehort,  aber  leider  betraf  mich  nach  meiner  Ruckkehr  ein 
Anfall  von  Gelbsucht,  mit  dem  ich  auch  jetzt  noch  zu  tun 
habe.  So  bitte  ich  Sie  denn  -  eben  empfange  ich  Ihre  Karte 
vom  22ten  —  mein  verspatetes  Schreiben  freundlich  entschul- 
digen  zu  wollen. 

Wenn  ich  von  meinem  Kranksein  absehe,  sieht  es  lichter 
aus.  Endlich  scheint  nun,  kurz  vor  Weihnachten,  das  Trauer- 
spielbuch  vorliegen  zu  sollen.  Und  jetzt,  da  ich  es  gewisser- 
maBen  entlasse,  darf  ich  Ihnen  noch  einmal  innigen  Dank 
fur  den  Beistand  sagen,  den  Sie  mir  in  einer  manchmal  be- 
irrenden  Wartezeit  haben  zuteil  werden  lassen.  Ich  weiB 
nicht,  wo  das  Buch  heute  lage  -  beinahe  nicht,  wie  ich  zu  ihm 
stande  -  wenn  ich  nicht  in  Ihnen  den  ersten,  den  verstehend- 
sten,  im  schonsten  Sinne  geneigtesten  Leser  gefunden  hatte. 

(...]■ 

Mit  einigem  Zogern  lege  ich  Ihnen  heute  nun  doch  auch 
meinen  Keller- Aufsatz  vor  (er  geht  Ihnen  mit  gleicher  Post 
zu,  und  vielleicht  haben  Sie  ihn  schon  bemerkt).  Ich  wiirde  es 
fast  als  eine  Unaufrichtigkeit  empfinden,  wenn  ich  Ihnen 
diesen  AufriB  eines  Gelandes,  das  mich  Jahre  hindurch  im- 
mer  wieder  in  sich  hineinzog,  nun  vorenthielte.  Ich  mochte 
ihn  in  Ihren  Handen  wissen,  selbst  wenn  Sie  ihn  lieber  mit 
Schweigen  ubergehen. 

Fur  heute  griiBe  ich  Sie  herzlichst  und  hoffe  Ihnen  bald 
Neues  zu  schicken. 

Ihr  herzlich  Ihnen  ergebener  Walter  Benjamin 


452 


167  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin-Grunewald,  4.  12.  1927 

Hochverehrter  lieber  Herr  von  Hofmannsthal, 

nehmen  Sie  herzlichen  Dank  fur  die  miinchener  Rede1  und 
die  Worte,  mit  denen  Sie  sie  mir  sandten.  Mich  hat  die  Dar- 
stellung  des  deutschen  Typus,  den  Sie  darin  in  den  Mittel- 
punkt  stellen,  sehr  ergriffen.  Ich  glaube  in  ihm  neb  en  vielen 
andern  auch  die  Ziige  von  Rang  wiederzufinden.  Und  damit 
hat  das,  was  Sie  hier  sagen,  mir  den  Vorsatz  wieder  lebendig 
gemacht,  mit  der  Figur  von  Alfred  Brust  mich  bekannt  zu 
machen,  in  dem  alles,  was  Sie  das  Wissende;  Ahnende  dieses 
Menschenschlags  nennen,  bis  ins  Qualvolle  gesteigert  ist. 
Brust  ist  mir  nicht  nur  aus  den  „Neuen  Deutschen  Beitragen" 
bekannt.  Rang  hat,  wie  Sie  sicher  wissen,  in  der  letzten  Zeit 
seines  Lebens  mit  ihm  korrespondiert.  Ich  will  zunachst  „Die 
verlorene  Erde"  2  vornehmen.  (Der  willkommene  AnlaB  ist 
mir  ein  tlberblick  iiber  die  wichtigsten  Romane  der  letzten 
Jahre,  den  ich  in  der  „NeuenSchweizer  Rundschau"  zu  geben 
habe.)  Dann  aber  hat  mich  wieder  sehr  auf  Nordisches  das 
wundervolle  Stuck  von  Passarge  in  Borchardts  Landschafts- 
buch  verwiesen.  Eine  Anzeige  dieses  Buches3  geht  Ihnen 
nachstens  zu. 

Ich  wiinsche  Ihnen  ein  freundliches  Jahresende  und  griiBe 
Sie  herzlich  Ihnen  ergeben 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Hugo  von  Hofmannsthal:  Das  Schrifttum  als  geistiger  Raum  der 
Nation.  Miinchen  1927. 

2  Leipzig.  1926. 

3  Die  Rezension  von  „Der  Deutsche  in  der  Landschaft".  Besorgt  von 
Rudolf  B orchard t.  Miinchen  1927  erschien  in  der  Literarischen  Welt 
vom  3.  2.  1928  (Jg.  4,  Nr.  5),  S.  5. 


453 


168  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  30.  Januar  1928 

Lieber  Gerhard, 

erblicke  in  dies  em  vermutlich  unabsehbar  lang  sich  gestalten- 
den  Brief  den  Kettenblitz,  dem,  entsprechend  der  Entfernung 
des  Gewitterherdes  vom  heiligen  Lande,  nach  einigen  Tagen 
ein  langhinrollender  Donner  in  Gestalt  eines  gewaltigen 
Biicherpaketes  folgt,  Moge  er  ein  vollnachtonendes  Echo  in 
den  Berggriinden  von  Eurer  Magnifizenz  Haupte  finden. 

Es  ging  schlechterdings  nicht  an,  nochmals  zu  schreiben, 
um  wieder  das  Erscheinen  meiner  Biiclier  „anzukirnden". 
Und  bis  sie  dann  beide  vorlagen  ist  es  glucklich  Ende  Januar 
geworden.  Jetztdarf  ich  endlich  ein  schlichtes:  „da"  sprechen. 
In  Deiner  Eigenschaft  als  Protektor  der  Universitatsbiblio- 
thek  bekommst  Du  gleichzeitig  von  beiden  Werken  ein  zwei- 
tes  Exemplar  und  in  der  nicht  geringern  des  Protektors 
meiner  Laufbahn  vom  Trauerspielbuche  ein  drittes  mit  Wid- 
mung  an  Magnes1. 

Was  sonst  noch  an  bibliophilen  Fransen  diese  Gaben 
schutzend  umhullt  ist  Dir,  mit  mancherlei  eingewebten 
Gluckwiinschen,  herzlich  zugedacht. 

Damit  nicht  genug  wird  ein  Nachtragspaket  angekiindigt, 
enthaltend:  einige  Aufsatze  aus  der  „Literarischen  Welt", 
die  bald  erscheinen,  „Moskau"  -  fiir  Magnes  -  das  ich  von 
Buber  erst  nachfordern  muO  und  das  gewunschte  Andrian- 
heft  der  „[Neuen  Deutschen]  Beitrage",  von  dem  ich  eben- 
falls  im  Augenblick  kein  Duplikat  mehr  besitze.  Dagegen  tut 
mir  uneridlich  leid,  fiir  die  Wahlverwandtschaftenarbeit  ver- 
sagen  zu  miissen.  Mir  bleibt  einzig  und  allein  mein  Hand- 
exemplar.  Ich  habe  keine  Aussicht,  dafi  meine  Bemiihungen, 
Magnes  eines  zur  Verfiigung  zu  stellen,  gliicken  und  bitte 
Dich,  durch  eine  Leihgabe  des  Deinigen  hier  fiir  mich  ein- 
zuspringen.  Ebenfalls  kann  ich  „Uber  Sprache  iiberhaupt" 
nicht  schicken,  da  ich  nur  ein  einziges  Exemplar  dieser  Arbeit 
besitze.  Ich  bedaure  das  sehr,  denn  sie  ist  in  unsern  Zusam- 
menhangen   sehr  wichtig.   Auch  konnte   ich   sie   naturlich 

454 


letzten  Endes,  wenn  Du  sie  fur  entscheidend  haltst  (was  ich 
denn  doch  bei  der  Anzahl  der  iibrigen  Arbeiten  und  ihrer 
Verwandtschaft  mit  der  Vorrede  zum  Trauerspielbuch  nicht 
annehme)  abschreiben  lassen. 

Und  nun  laB  mich  gleich  eingangs  von  dem  hiermit  Ge- 
planten  reden.  Es  ist  vielleicht  der  letzte  Augenblick,  an  dem 
es  fur  mich  noch  Chancen  hat,  dem  Hebraischen  und  allem 
was  fur  uns  damit  zusammenhangt,  mich  zuzuwenden.  Aber 
es  ist  auch  ein  sehr  giinstiger.  Meiner  inneren  Bereitschaft 
nach  zunachst.  Wenn  ich  die  Arbeit,  mit  der  ich  augenblick - 
lich,  vorsichtig,  provisorisch,  beschaftigt  bin  —  den  sehr  merk- 
wiirdigen  und  auBerst  prekiiren  Versuch  „Pariser  Passagen. 
Eine  dialektische  Feerie"  so  oder  so  (denn  nie  habe  ich  mit 
solchem  Risiko  des  MiBlingens  geschrieben)  beendet  habe,  so 
wird  fur  mich  ein  Produktionskreis  -  der  der  „Einbahn- 
straBe"  —  in  ahnlichem  Sinn  geschlossen  sein,  wie  das  Trauer- 
spielbuch den  germanistischen  abschloB.  Die  prof anen  Motive 
der  „EinbahnstraBe"  werden  da  in  einer  hollischen  Steigerung 
vorbeidefilieren.  Verraten  kann  ich  im  iibrigen  von  dieser 
Sache  noch  nichts,  habe  noch  nicht  einmal  genaue  Vorstel- 
lungen  vom  Umfang.  Immerhin  ist  das  eine  Arbeit  von 
wenigen  Wochen.2 

Rowohlt  hat  mir  zwar  die  Fortsetzung  des  Vertrages  an- 
geboten,  jedoch  zu  so  ungiinstigen  Bedingungen,  daB  ich 
vorlaufig  ablehiite.  Auf  der  andern  Seite  interessiert  sich 
Hegner  dafiir,  einen  Generalvertrag  mit  mir  zu  machen.  Das 
tate  ich  aber  nur,  wenn  das  Wasser  mir  bis  zum  Hals  geht. 
Denn  die  katholische  Grundrichtung  (trotz  Buber!)  dieses 
Verlages  geht  mir,  wie  Du  begreifst,  auf  das  Heftigste  wider 
den  Strich. 

Es  lage  mir  also  nichts  naher,  als  jetzt,  auf  freier  Bahn, 
mich,  mit  entschiedener  Wendung,  dem  Hebraischen  zu  ver- 
schreiben.  Ich  bin  frei,  aber  leider  im  doppelten  Sinne  des 
Wortes:  von  Verpflichtungen  und  von  Einkommen.  Wenn 
Du  jetzt  mit  Magnes  ernstlich  iiber  mich  sprichst,  so  stelle 
ihm  diese  Dinge  dar,  wie  sie  liegen:  daB  ich  eine  Hilfe,  besser 
gesagt  eine  Sicherung  brauche,  wenn  ich  jetzt  von  dem  in 
wenn  auch  langsamer  Fahrt  befindlichen  Karren  abspringen 

455 


will,  der-auf  der  Laufbalin  des  deutschen  Schriftstellers  sich 
dahinbewegt.  Und  nenne  wenn  es  dazu  kommt,  daB  er  nach 
einer  Summe  Dich  fragt  300  M  im  Monat  fur  die  Dauer 
eines  beschleunigten  Studiums,  dessen  ZeitmaB  er,  unter  der 
Voraussetzung  ganzlicher  Freiheit  von  andern  Bindungen 
und  Interessen,  selber  am  besten  wird  abschatzen  konnen. 

Soviel  hiervon.  Es  ist  wichtig  genug  und  es  steht  nun  so, 
daB  ich  je  friiher  je  lieber  wiiBte,  wie  er  sich  dazu  stellt. 
Trotzdem  ich  versuche,  meine  Verhandlungen  mit  den  Ver- 
legern  so  schleppend  wie  moglich  zu  fiihren,  weil  ich  im 
Grunde  nicht  das,  sondern  das  Hebraische  will,  und  daher, 
damit  ich  mir  hier  nicht  Chancen  verscherze,  auf  die  ich  unter 
Umstanden  doch  angewiesen  bleibe,  an  einer  baldigen  Ant- 
wort  interessiert  bin,  erscheint  mir  weit  wichtiger,  daB  Du 
genau  nach  Deinem  Ermessen  vorgehst,  auf  die  Gefahr,  daB 
ich  noch  eine  Zeitlang  im  Ungewissen  bleiben  nriiBte. 

Fur  Deine  Notizen  uber  unser  Symbolgesprach  danke  ich 
Dir  sehr.  Im  Augenblick  kann  ich  nicht  versuchen,  die  Kon- 
kordanz  mit  meinen  iibrigen  Aufzeichnungen  herzustellen 
und  muB  sie  daher  den  Akten  einverleiben,  die  Dir  eines 
Tages  vor  Augen  kommen  werden.  Das  wird  dann,  wie  ich 
hoffe,  im  Austauschverfahren  gegen  die  Kommentare  zu 
Hiob  und  Jona  sein.  A  propos  der  Schrift  zu  Bubers  50tem 
Geburtstag3.  Einen  Beitrag  dazu  bekam  ich  dieser  Tage  von 
einem  -  Dir  wohl  kaum  bekannten  -  Dr.  [Ernst]  Joel  ge- 
schildert,  der  in  die  Festschrift  die  Aufzeichnungen  eines 
Epileptikers  iiber  eine  ihm  zuteil  gewordene  Offenbarung 
stiftet.  Sie  scheinen  auBerst  bemerkenswert. 

Ich  selber  kenne  den  Betreffenden  aus  meiner  berliner 
Studentenzeit,  da  er  Vorsitzender  des  sogenannten  sozialen 
Amtes4  war  und  in  der  Rede,  welche  ich  im  Mai  1914  bei 
Ubernahme  meines  Presidiums  hielt,  von  mir  mit  einer 
Kriegserklarung  in  aller  Form  bedacht  wurde.  Er  und  ein 
anderer  meiner  Opponenten  aus  jener  Zeit  haben  sich  durch 
Gottes  —  oder  Satans — Fiigung  wunderbar  verwandelt  und  sind 
zu  Kariatyden  an  dem  Portal  geworden,  durch  das  ich  nun 
schon  zweimal  in  die  Bezirke  des  Haschisch  eingegangen  bin. 
Diese  beiden  Arzte  namlich  machen  Versuche  iiber  Rausch- 


456 


gifte,  zu  denen  sie  mich  als  Versuchsperson  gewinnenwollten. 
Ich  bin  darauf  eingegangen.  Die  Aufzeichnungen,  die  ich 
teils  selbststandig,  teils  im  AnschluB  an  die  Versuchsproto- 
kolle  daruber  gemacht  habe,  diirften  einen  sehr  lesenswerten 
Anhang  zu  meinen  philosophischen  Notizen  geben,  mit  denen 
sie,  und  z.  T.  sogar  die  Erfahrungen  im  Rausch,  die  engsten 
Beziehungen  haben.  Diese  Nachricht  aber  mochte  ich  im 
SchoBe  der  Familie  Scholem  beschlossen  wissen. 

Was,  nebenbei  gesagt,  deren  berliner  Zweig  betriff t,  so  hat  er 
mir  Grund  zur  Unzuf riedenheit  gegeben.  Dein  Bruder  [Erich] 
hat  sich  alles  bei  mir  zeigen  lassen  und  es  mitgenommen,  um 
dann  denkbar  weit  davon  abzuriicken.  In  zwolfter  Stunde  hat 
er  sich  dann  freilich  durch  Ubersendung  einiger  Privatdrucke 
aus  seiner  Offizin  wieder  rehabilitiert.  Von  Deinem  Alpha- 
bet5 aber,  daB  [sic]  er  unbedingt  drucken  wollte  und  dessen 
Fahnen  mir  zugehen  sollten,  habe  ich  noch  nichts  zu  sehen 
bekommen.  —  Zu  meinem  Kummer  hat  Franz  Blei,  der  dieser 
Tage  eine  neue,  schlechte  soi-disant  satirische  Zeitschrift 
herausgibt,  das  Muri- Manuscript  ebenfalls  nicht  gebracht, 
wird  aber  mit  Quellenangabe,  einiges  daraus  zitieren. 

Von  der  Aufnahme  meiner  Biicher  weiB  ich  noch  nichts. 
[. . .]  Dich  wird  interessieren,  daB  Hofmannsthal,  der  wuBte, 
daB  mir  an  einer  Verbindung  mit  dem  Warburgkreis  liegt, 
vielleicht  etwas  iibereifrig,  das  Heft  der  Beitrage,  das  den 
Vorabdruck  bringt,  mit  einem  Brief e  von  sich  an  [Erwin] 
Panofsky  geschickt  hat.  Diese  gute  Absicht,  mir  zu  niitzen  hat 
-  on  ne  peut  plus  -  £choue  (miBghickt,  und  wie!).  Er  schickte 
mir  einen  kiihlen,  ressentimentgeladenen  Antwortbrief  Panof  - 
skys  auf  diese  Sendung  ein.  Kannst  Du  Dir  darauf  einen  Vers 
machen? 

In  den  letzen  Tagen  hatte  ich  eine  groBe  Freude.  Andre 
Gide  war  in  Berlin  und  hat,  als  einzigen  deutschen  Publi- 
zisten,  mich  empfangen  und  mir  eine  zweistiindige  Unter- 
haltung  gewahrt,  die  ungeheuer  interessant  war,  und  von  der 
Du  einen,  freilich  sehr  fur  die  Offentlichkeit  zensierten  Be- 
richt  wahrscheinlich  in  der  „Literarischen  Welt"  lesen  wirst. 6 
Was  Du  daraus  kaum  ersehen  wirst,  ist,  daB  das  Gesprach 
wundervoll  war  und  was  es  bedeutet.  Gide  laBt  sich  namlich 


457 


audi  in  Frankreich  nicht  sprechen.  Er  hat  mich  wahrend 
dieser  Unterhaltung  zwei,  drei  Mai  gebeten,  noch  zu  bleiben 
und  mir,  und  spater  noch  dritten,  gesagt;  wie  erfreulich  ihm 
unsre  Begegnung  gewesen  sei.  Auf  Gides  besonderenWunsch, 
der  seine  conference,  derentwegen  er  hergekommen  war, 
nicht  gehalten  hat  und  sich  irgendwie  sonst  halboffiziell  den 
Leuten  vorstellen  wollte,  habe  ich  neben  der  groBen  Darstel- 
lung  des  Gespraches  ein  Interview  fiir  die  Deutsche  Allge- 
meine  Zeitung  (Gide  wollte  aus  gewissen  vernunftigen  Griin- 
den  gerade  dieses  Blatt)  geschrieben,  das  heute  erschienen  ist. 
Ich  hoff  e,  daB  dieses  Gesprach  meine  Position  in  Paris  (wohin 
ich  jedenf alls  zuriickkehre,  vielleicht  im  April,  Hebraisch 
kann  ich  dort  ebensogut  lernen)  sehr  verbessern  wird. 

Vor  zwei  Monaten  hat  mich, .  durch  Hessel  veranlaBt, 
Wolfskehl  besucht.  Es  war  ganz  niedlich,  sans  aucune  impor- 
tance. Ein  paar  Tage  spater  sah  ich  inn  nochmals  bei  Hessel, 
da  gab  es  ein  schones  Gesprach. 

Eschas  Kritik  von  Goitein7  hat  mich.  sehr  interessiert,  ja, 
soweit  man  in  Unkenntnis  des  Werkes,  von  dem  die  Rede  ist, 
sagen  kann,  mir  sehr  eingeleuchtet.  Das  Schicksal  von  Doras 
Buch  ist  noch  nicht  entschieden.  Sie  schreibt  aber  viel  und 
halt  augenblicklich  im  Rundfunk  einen  Vortragszyklus. 

Ich  glaube  mit  diesem  ausfuhrlichen  Bericht  mich  rehabi- 
litiert  zu  haben  und  nur  um  ein  Ubriges  zu  tun,  bemerke  ich 
noch,  daB  ich  den  „Fridericus"  von  Hegemann  seit  Men- 
schengedenken  kenne  und  schatze  und  daB  der  „Napoleon", 
den  der  gleiche  Autor  vor  kurzem  bei  Hegner  erscheinen 
lieB8,  langst  nicht  so  gut  sein  soil. 

Alles  hier  Berichtete  und  Bedachte,  vor  allem  aber  den 
Hauptgegenstand,  empf ehle  ich  Deiner  Scharfsicht  und  Fur- 
sorge.  Ich  erwarte  baldigen,  respektvollen  Dank  fiir  die  ein- 
gangs  erwahnte  Sendung  und  griiBe  herzlichst. 

Dein  Walter 

1  Dr.  Judah  L.  Magnes  (1877-1948),  Kanzler  der  Universitat  Jeru- 
salem, den  Sch.  in  Paris  mit  W.  B.  bei  einem  folgenreichen  Gesprach 
zusammengebracht  hatte.  . 

2  In  dem  Konfiikt  zwischen  der  hier  zum  ersten  Mai  erwahnten  (aber 
schon  1927  im  Gesprach  so  bezeichneten)  Arbeit  iiber  die  „Pariser  Pas- 

458 


sagen",  seinem  unvollendeten  Hauptwerk,  und  dem  Hebraischen  unter- 
lag  das  Hebraische  schlieBlich. 

3  „Aus  unbekannten  Schriften",  1928. 

4  Der  Freien  Studentenschaft. 

5  „Amtliches  Lehrgedicht  der  Philosophischen  Fakultat  der  Haupt- 
und  Staats-Universitat  Muri  von  Gerhard  Scholem,  Pedell  des  reli- 
gionsphilosophischen  Seminars.  Zweite,  umgearbeitete  und  den  letzten 
approbierten  Errungenschaften  der  Philosophie  entsprechende  Aus- 
gabe.  Muri  Verlag  der  Universitat."  Erschien  als  Privatdruck,  Berlin 
1928. 

6  In  der  Nn  vom  17.  Febr.  1928.  Jetzt  Schriften  II,  S.  296-504. 

7  S.  D.  Goiteins  hebraisches  Drama  „Pulcelina".  Der  Aufsatz  war  in 
der  „Judischen  Rundschau"  erschienen. 

8  „Napoleon  oder  Kniefall  vor  dem  Heros";  1927. 


169  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin-Grimewald,  8.  2.  1928 

Hochverehrter  lieber  Herr  von  Hofmannsthal, 

Sie  sind  nun  gewiB  im  Besitz  meiner  beiden  Bucher. 

Wahrend  die  „Einbahnstrafte"  im  Entstehen  war,  habe  ich 
Ihnen  kaum  davon  Nachricht  geben  konnen,  und  kann  es 
nun,  da  das  Buch  selber  vor  Ihnen  liegt,  um  so  viel  schwerer. 
Eine  Bitte  aber  liegt  mir  Ihnen  gegeniiber  am  Herzen:  in 
allem  Auffallenden  der  inneren  und  auBeren  Gestaltung 
nicht  einen  KompromiB  mit  der  „Zeitstromung"  sehen  zu 
wollen.  Gerade  in  seinen  exzentrischen  Elementen  ist  das 
Buch  wenn  nicht  Trophae  so  doch  Dokument  eines  inneren 
Kampfes,  von  dem  der  Gegenstand  sich  in  die  Worte  fassen 
lieBe:  Die  Aktualitat  als  den  Revers  des  Ewigen  in  der  Ge- 
schichte  zu  erfassen  und  von  dieser  verdeckten  Seite  der 
Medaille  den  Abdruck  zu  nehmen.  Im  iibrigen  ist  das  Buch  . 
in  vielem  Paris  verpflichtet,  der  erste  Versuch  meiner  Aus- 
einandersetzung  mit  dieser  Stadt.  Ich  setze  inn  in  einer  zwei- 
ten  Arbeit  fort,  die  „Pariser  Passagen"  heiBt. 

Diesem  Briefe  lege  ich  zwei  Ausschnitte  bei.  Wenn  die 
Besprechung  des  „Deutschen  in  der  Landschaft"  Ihnen  und 
Herrn  Wiegand  etwas  von  der  Freude  und  dem  Gewinn  sagt, 

459 


den  ich  bei  der  Lektiire  des  Borchardtschen  Buches  hatte, 
ware  ich  sehr  gliicklich. 

Gide  ist,  wie  Ihnen  sicher  bekannt  ist,  in  Berlin  gewesen. 
Ich  habe  ihm,  leider  nur  einmal,  in  einer  zweistiindigen 
reichen  und  fesselnden  Unterhaltung  gegeniiber  gesessen.  Da 
er  ziemlich  riickhaltlos  iiber  alle  literarischen  Dinge  sprach, 
die  wir  beriihrten,  andererseits  seine  Stellung  in  Frankreich 
so  exponiert  ist,  lieB  unser  Gesprach  sich  nur  sehr  bruch- 
stiickweise  wiedergeben  und  vieles  Wesentliche  muBte  ich  fur 
meine  personlichen  Notizeh  zuriickbehalten.  Der  beiliegende 
Ausschnitt  ist  eine  Fassung  des  Gespraches,  die  ich  auf  Gides 
Wunsch  fur  die  „ Deutsche  Allgemeine  Zeitung"  schrieb. 
Eine  ausfiihrliche  Darstellung  sende  ich  Ihnen,  sobald  sie  in 
der  „ Literarischen  Welt"  erschienen  ist.  Gide  ist  eine  durch 
und  durch  dialektische  Natur  mit  einem  fast  beirrenden 
Reichtum  von  Vorbehalten  und  Verschanzungen.  DiesenEin- 
druck,  den  schon  das  Werk  auf  seine  Weise  gibt,  steigert  die 
miindliche  Rede  bald  ins  GroBartige  bald  ins  Problematische. 

Im  iibrigen  steht  meine  letzte  Woche  unter  dem  beherr- 
schenden  EinfluB  der  Lektiire  von  Lesskov.  Seitdem  ich 
begann,  in  der  neuen  Gesamtausgabe  des  Verlages  Beck  zu 
lesen,  kann  ich  kaum  absetzen.  [. . .] 

Ich  danke  Ihnen  fiir  die  Zusendung  des  befremdenden 
Briefes  von  Panofsky.  DaB  er  „von  Fach"  Kunsthistoriker 
ist,  war  mir  bekannt.  Ich  glaubte  aber  nach  der  Art  seiner 
ikonographischen  Interessen  annehmen  zu  diirfen,  er  sei  ein 
Mann  vom  Schlage  wenn  schon  nicht  vom  AusmaB  von  Emile 
Male,  jemand,  der  wesentlichen  Dingen,  auch  wenn  sie  nicht 
sein  Fach  in  seiner  ganzen  Breite  betreffen,  Interesse  ent- 
gegenbringt.  Nun  bleibt  mir  nichts  als  mich,  meiner  unzei- 
tigen  Bitte  wegen  bei  Ihnen  zu  entschuldigen.  [. . .] 

Gestern  sah  ich  zum  ersten  Male  die  endgultige  Fassung 
des  „Turms".  Ich  habe  sie  noch  nicht  gelesen,  freue  mich 
aber  darauf ,  bei  Gelegenheit  dieser  Ausgabe  in  der  litera- 
rischen Welt"  auf  das  Drama  zuruckkommen  zu  diirfen. 

Ich  griiBe  Sie  herzlichst  und  bitte  Sie  auch  Ihrer  Tochter 
Christiane  meine  GriiBe  zu  sagen. 

Wie  immer  Ihnen  ergeben  Ihr  Walter  Benjamin 

460 


170  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin-Grunewald,  24.  2.  1928 

Hochverehrter  lieber  Herr  von  Hofmannsthal, 

ich  fiirchte,  Ihr  Aufenthalt  konnte  seinem  Ende  entgegen 
gehen  und  Berlin  in  den  letzten  Tagen  seine  Anspriiche  so 
gebieterisch  geltend  machen,  daB  fur  mein  Grunewaldzim- 
mer  Ihnen  keine  Stunde  mehr  bleibt.  Dem  mochte  ich  mit 
diesen  Zeilen  zuvorkommen  und  Sie  bitten,  mir  wenn  Ihre 
Zeit  es  irgend  erlaubt,  in  den  nachsten  Tagen  einen  Anruf 
zukommen  zu  lassen,  damit  wir  uns  iiber  eine  Begegnung 
verstandigen  konnen. 

Fiir  heute  bin  ich  mit  herzlichen  GriiBen 

Ihr  dankbar  ergebner  Walter  Benjamin 


171  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  ll.Marz  1928 

Lieber  Gerhard, 

ich  danke  Dir  fiir  Deinen  ausgezeichneten  Brief  und  ant- 
worte  Dir  ganz  eingehend.  DaB,  aber  auch  wie,  die  jiidischen 
Dinge  in  ihm  konkret  werden,  ist  fiir  mich  von  entscheiden- 
der  Wichtigkeit.  Namlich  was  mich  in  Deinem  Brief  am 
gliicklichsten  betroffen  hat,  ist  der  Gedanke,  der  jiidischen 
Welt  in  meinem  Denken,  wenn  und  soweit  sie  aus  der  Latenz 
hervortreten  sollte,  vorderhand  ihren  Schutz  zu  lassen  und 
jene  lehrende  Beschaftigung  —  wie  immer  man  sie  nennen 
will  —  mit  dem  Franzosischen  und  Deutschen  als  ein  Gehege 
um  sie  zu  ziehen.  Das  kommt  durchaus  meinem  tiefsten  —  ich 
muB  gestehen,  mir  selbst  bisher  noch  nicht  bewuBten  Wollen 
entgegen  und  ich  bin  dem  Scharfblick  und  der  Zartheit  dank- 
bar,  mit  denen  Ihr  an  meine  Situation  herangetreten  seid. 
Hier  springe  ich  gleich  ins  AuBerlichste  um  —  und  kann 

461 


wieder  vom  Gliick  sagen,  daB  Du  Magnes  schon  etwas  auf 
die  Bedenklichkeiten  hingewiesen  hast,  die  sich  bei  der  Ein- 
f orderung  akademischer  Garantien  meiner  wissenschaftlichen 
Qualifikation  ergeben  konnen.  Ich  beginne  aber  beim  Posi- 
tives Hofmannsthal  ist  Euch  sicher.  Seit  ich  Dir  zum  letzten 
Male  geschrieben  habe,  habe-  ich  seine  personliche  Bekannt- 
schaft  gemacht.  Er  war  kurze  Zeit  in  Berlin,  wir  sahen  uns 
zweimal,  das  zweite  Mai  hier  bei  mir.  Aus  Erwagungen,  die 
nichts  mit  den  praktischen  Zwecken  zu  tun  haben,  von  denen 
wir  jetzt  reden,  hatte  ich  mich  von  vornherein  entschlossen, 
Hofmannsthal  iiber  mem  Verhaltnis  zum  Jiidischen  und 
damit  zur  Frage  des  Hebraischen  einige  Worte  zu  sagen.  Und 
nicht  nur  hierbei  ergab  sich,  daB  er  erstaunlich  schnell  und 
wirklich  beteiligt  in  meine  Intentionen  sich  hineinfand. 
(Noch  mehr  als  in  diesem  Falle  iiberraschte  mich  das  als  ich 
begann  von  meiner  Arbeit  „Pariser  Passagen"  zu  reden  — 
einem  Versuch,  der  umfanglicher  ausf alien  konnte  als  ich 
es  dachte  und  zu  dem  die  „Briefmarken-Handlung"  der 
„EinbahnstraBe"  auf  schiichterne  Weise  den  Ton  stimmt.) 
Brieflich  kann  ich  es  Dir  kaum  andeuten,  wie  schwierig  mir 
manchmal  eine  Situation  wurde,  die  so  viel  wahres  Verstehen 
und  Entgegenkommen  auf  seiner  und  so  viel  unverauBerliche 
Reserve  bei  aller  Bewunderung  auf  meiner  [Seite]  zusam- 
mentreffen  lieB.  Dazu  kommt  manchmal  ein  fast  greisen- 
hafter  Zug  von  ihm,  wenn  er,  gewiB  mit  Dingen,  die  zu 
seinen  besten  gehoren,  ihm  innerlichste  sind,  sich  nirgends 
verstanden  sieht.  Miindlich  auch  iiber  die  hbchst  aufschluB- 
reichen  Plane  von  ihm,  die  er  mir  sagte,  als  von  meiner 
Passagenarbeit  gesprochen  wurde.  Ich  schreibe  unter  genauer 
Entwicklung  der  Situation  morgen  oder  iibermorgen  nach 
Rodaun,  wo  er  jetzt  ist. 

Herzliche  GriiBe  von  Dora 

Dein  Walter 


462 


172  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin-Grunewald,  17.  3.  1928 

Lieber  hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal, 

lassen  Sie  mich  nun,  da  Sie  —  rch  hoffe  es  —  wohl  und  in 
gliicklicher  Verfassung  nach  Rodaun  zuruckgekehrt  sind, 
unser  Gesprach  fast  genau  an  dem  Punkte  wieder  aufneh- 
men,  an  dem  wir  es  unterbrechen  muBten.  Ich  bin  jetzt 
doppelt  gliicklich,  daB  ich  die  Gelegenheit  ergriff,  um  Ihnen 
iiber  meine  innersten  Absichten  etwas  mitteilen  zu  konnen, 
vom  AuBern  zu  sprechen,  das  schneller  Gestalt  annehmen 
will  als  ich  es  ahnte.  In  Kiirze:  Die  Universitat  Jerusalem 
beabsichtigt,  in  absehbarer  Zeit  sich  ein  Institut  fur  Geistes- 
wissenschaften  anzugliedern.  Und  zwar  geht  man  damit  um, 
den  Lehrauftrag  fur  neue  deutsche  und  f ranzosische  Literatur 
dort  an  mich  zu  vergeben.  Bedingung  ist,  daB  ich  in  zwei 
bis  drei  Jahren  solide  Kenntnisse  im  Hebraischen  gewonnen 
habe.  Es  ist  auch  nicht  so  gemeint,  daB  damit  eine  unbe- 
dingte  Fixierung  meines  Studiengebietes  ausgesprochen  ware, 
vielmehr  ist  die  Absicht,  mich  auf  eine  sehr  organische  Art 
an  die  judischen  Dinge  heranzufuhren  und  in  welch  em  Grad 
das  geschehen  kann  durchaus  offen  zu  lassen.  Was  mich  be- 
trifft,  so  kann  ich  von  dem'seltnen  Falle  reden,  daB  mit  einer 
Perspektive  mir  selbst,  in  dieser  Form,  beinah  noch  unbe- 
wuBte  Wunsche  beim  Namen  gerufen  sind.  Nichts  wiirde  mir 
innerlich  mehr  entsprechen  als  im  schiitzenden  Gehege  mei- 
ner  bisherigen  Arbeiten  zunachst  nur  Sprachliches,  ja  Tech- 
nisches,  lernend  aufzunehmen,  alles  Weitere  daliin  gestellt 
bleiben  zu  lassen. 

Mein  Freund  Scholem,  der  an  der  Universitat  Jerusalem 
einen  Lehrauftrag  fiir  die  Philosophie  der  Kabbala  hat, 
brachte  mich  im  letzten  Herbst  in  Paris  mit  dem  standigen 
Rektor  der  Universitat  Dr.  Magnes  zusammen.  Wir  hatten 
ein  sehr  eingehendes  Gesprach,  nach  dem  zum  ersten  Male 
mein  Plan,  mich  dem  Hebraischen  zu  widmen,  die  bestimmte 
Gestalt  annahm,  in  der  Sie  ihn  kennen  lernten  und  forderten. 
Dr.  Magnes  ist  nun  sehr  geneigt,  eine  Geldhilfe,  die  mein 

463 


Studium  notig  machen  wiirde,  auf  einem  der  fur  solche 
Dinge  gangbaren  Wege  zu  beschaffen;  wie  es  aber  in  alien 
ahnlichen  Fallen  ist,  so  braucht  er  auch  hier  —  und  ganz 
abgesehen  von  der  Frage  der  auBeren  Mittel,  schon  um  eine 
spatere  Berufung  ins  Auge  fassen  zu  konnen  —  einige  Refe- 
renzen  iiber  meine  Befahigung.  Dr.  Scholem  schreibt  mir, 
daB  in  diesem  Sinne  eine  AuBerung  von  Ihnen  von  hochstem 
Wert  sei  und  er  legt  mir  nahe,  Dr.  Magnes  die  Moglichkeit 
zu  geben,  sich  mit  einer  schriftlichen  Anfrage  an  Sie  zu  wen- 
den.  Ich  tue  das,  mit  der  inneren  Uberzeugung,  daB  ich 
damit  um  mehr  als  einen  Dienst  und  um  eine  wirkliche 
bedeutungsvolle  Hilfe  bitte,  daB  Sie  sie  darum  auch  um  so 
sicherer  erfullen  werden.  Wie  ich  vermute  wird  ein  kurzer 
Brief  des  Dr.  Magnes  in  absehbarer  Zeit  bei  Ihnen  eintreff en. 
Die  Frage  akademischer  Referenzen  im  engsten  Sinne  des 
Wortes  war  schwierig.  Ich  habe  mir  da  erlaubt  neben  einigen 
anderen  Germanisten  und  Philosophen  Professor  Brecht  an- 
zugeben. 

Was  Sie  mir  bei  Ihrem  Hiersein  Bestatigendes  und  Prazi- 
sierendes  aus  Ihren  eigenen  Planen  zum  Projekt  der  „Pariser 
Passagen"  sagten,  ist  mir  immerfort  gegenwartig  und  macht 
mir  zugleich  immer  klarer,  wo  die  Hauptakzente  zu-  liegen 
haben.  Augenblicklich  bemiihe  ich  mich  um  das  Durftige, 
was  bisher  zur  philosophischen  Darstellung  und  Ergriindung 
der  Mode  versucht  worden  ist:  was  es  mit  diesem  natiirlichen 
und  ganz  irrationalen  ZeitmaBstab  des  Geschichtsverlaufs 
eigentlich  auf  sich  hat. 

Eines  habe  ich  sehr  bedauert,  bei  Ihrem  Hiersein  versaumt 
zu  haben.  Ich  hatte  so  gerne  mit  Ihnen  iiber  Alfred  Brust 
gesprochen.  Nicht  nur  weil  ich  aus  den  „Neuen  Deutschen 
Beitragen"  und  von  [Willy]  Haas  weiB,  daB  er  Sie  inter- 
essiert  und  daB  Sie  Anteil  an  ihm  nehmen,  sondern  weil  wir 
wohl  auch  die  Freundschaft  zwischen  Rang  und  Brust  be- 
ruhrt  hatten  -  die  sich  freilich  wohl  nie  gesehen  haben.  Mir 
ist  sein  Werk  doch  fremd  und  wohl  auf  immer.  Ich  habe 
begonnen  „ Jutt  und  Jula"  1  zu  lesen,  erkenne,  daB  man  die- 
sem Mann  die  groBte  Achtung  schuldet  und  spure  die  Krafte, 

464 


die  da  wirksam  sind  doch  als  gefahrliche,  feindliche,  die  ich 
vielleicht  nur  einmal,  eben  in  der  Gestalt  von  Rang,  bezwun- 
gen  und  zu  wahren  Genien  geworden  sah. 

Die  wenigen  Zeilen  uber  den  „Turm",  die  diesem  hier 
beiliegen,  bitte  ich  Sie,  nachsichtig  aufzunehmen. 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen 

Ihr  aufrichtig  Ihnen  ergebener  Walter  Benjamin 

PS  Eben  treffen  Ihre  freundlichen  Zeilen  aus  Rodaun  mit 
der  erfreulichen  Nachricht  liber  [Walther]  Brecht  ein.  Bitte 
sagen  Sie  ihm  bei  Gelegenheit  meinen  Dank  —  oder  vielleicht 
noch  besser,  ich  darf  nach  Erscheinen  seiner  Besprecbung 
selbst  AnlaB  nehmen,  mit  ihm  in  Verbindung  zu  tret  en,  Aber 
verzeihen  Sie  —  das  eine  schlieBt  ja  das  andere  nicht  aus. 

Ich  wiinsche  Ihnen  von  Herzen  reiche  gesegnete  Friih- 
lingswochen. 

1  B.  rezensierte  das  Buch  in  der  Literarischen  Welt  vom  30.  3.  1928 
(Jg.  4,  Nr.  13),  S.  5,  unter  dem  Titel:  „Eine  neue  gnostische  Liebes- 
dichtung". 


173     An  Alfred  Cohn 

Berlin,  27.  Marz  1928 

Lieber  Alfred, 

spat  genug  stelle  ich  mich  an  Deinem  Ferien- Lager  mit 
einemPackchen  ein,  zu  dem  hier  die  erforderliche  Gebrauchs- 
anweisung:  das  Elementar  [?]  sei  zuerst  und  vor  allem  Deinem 
Studium  empf  ohlen,  wonach  Du  es  hoff entlich  mit  doppeltem 
Vergniigen  in  Deine  Bibliothek  einstellst.  Sodann  nimm  die 
franzosischen  Skribenten  zur  Hand  und  sende  sie  mir  nach 
vollzogener  Bekanntschaftsfeier  wieder  zuriick.  Dem  Jouglet1 
lege,  wenn  Du  Lust  hast,  einen  Empfehlungs-  oder  Urias- 
Brief  ins  Maul,  damit  ich  weiB,  was  ich  von  ihm  zu  halten 
habe  und  ob  er  wirklich  wichtig  genug  ist,  besprochen  zu 

465 


werden.  Mit  dem  Buche  von  Benda  habe  ich  das  getan,  und 
trotzdem,  was  ich  dariiber  schrieb2,  wenn  iiberhaupt,  so  an 
einem  blamablen  Orte  erscheinen  wird,  sollst  Du  es  nach 
Moglichkeit  zu  Gesicht  bekommen. 

Schreibe  mir,  was  Du  machst  und  wie  es  Dir  geht. 

Entsprechende  Mitteilungen  von  raeiner  Seite  mag  beredt 
genug  die  freundliche  Bitte  vertreten,  mir  die  10  Mark  so- 
bald  Du  es  tun  kannst,  zunickzusenden.  — 

Schade  daB  Du  nicht  hier  bist:  ich  schreibe  Dir  dies  nam- 
lich  am  Abend  eines  Tages,  an  dem  ich  Berlin  als  Hauptstadt 
des  Reiches  wieder  einmal  in  den  Rachen  habe  sehen  konnen. 
Das  kam  so:  Gestern  abend  las  Kraus  als  viertes  und  letztes 
in  der  Reihe  seiner  Offenbach-Vorlesungen  das  „Pariser 
Leben".  Es  war  die  erste  Operettenvorlesung,  die  ich  von  ihm 
horte  und  ich  will  Dir  hier  von  dem  Eindruck,  den  sie  mir 
machte,  umso  weniger  schreiben,  als  sie  gerade  jetzt  eine 
ganze  Ideenmasse  —  Du  weiBt,  aus  welchem  Bereich  —  in  Be- 
wegung  setzte,  so  daB  ich  Mlihe  habe,  iiber  meine  Gedanken 
den  Uberblick  zu  behalten.  Unter  den  Zusatzstrophen  gab  es 
ein  Couplet  mit  dem  SchluBvers  „Ich  bring  aus  jeder  Stadt 
den  Schuft  -  heraus".  Es  war  deutlich,  daB  es  auf  Kerr  ging. 
Kurz  vor  der  ersten  Pause  verlas  Kraus,  stehend,  einen  kur- 
zen  Text,  der  darauf  hinauslief  zu  sagen:  „Ich  nenne  hier 
Kerr  offentlich  einen  Schuft,  um  zu  sehen,  ob  ich  ihn  auf 
diese  Weise  zu  einer  Klage  werde  zwingen  konnen.  In  meiner 
Hand  sind  die  Beweise,  daB  Kerr  mich  im  Jahre  1916  den 
obersten  Militarbehorden  als  hochverraterischen,  defaitisti- 
schen  Autor  denunziert  hat".  —  Mir  ist  zu  dieser  Vorlesung 
wie  gesagt  einiges  eingefallen  und  ich  wollte  unbedingt  iiber 
sie  schreiben,  naturlich  ohne  diesen  „Zwischenfall"  zu  eska- 
motieren,  sondern  vielmehr  kurz  ihn  als  dynamisches  Zen- 
trum  des  Abends  hinstellen.  Das  Ergebnis  eines  Vormittags 
war  die  Erfahrung,  daB  ein  Referat  liber  diesen  Vortrag 
nirgends  unterzubringen  war.  Meine  Notiz  werde  ich  darum 
nicht  weniger  schreiben,  habe  aber  nur  noch  wenig  Hoffnung, 
sie  erscheinen  zu  sehen3. 

So  ist  Berlin. 

Im  ubrigen  hatte  ich  von  Kraus  einen  groBeren  Eindruck 

466 


als  je  bisher.  Jetzt  namlich,  da  er  seine  adaequaten  Gegen- 
stande  gefunden  hat,  ist  er,  bis  in  die  auBere  Natur  hinein, 
gewachsen,  aufrechter  und  entspannter  geworden. 

Leider  ist  heute  abend  noch  allerhand  zu  besorgen  und  ich 
muB  schlieBen.  An  der  Potsdamer  Briicke  hat  heute  eine 
Buchhandlung  ein  Sonderfenster  mit  meinen  Schriften  ein- 
gerichtet  und  in  dessen  Mitte  ist  Julas  Kopf  ausgestellt. 

Herzliche  GriiBe  an  Dich  und  Grete 

Dein  Walter 

1  Vermutlich  Rene  Jouglet,  „Le  nouveau  corsaire"  (deutsch  1927). 

2  Vermutlich  „La  trahison  des  clercs".  Die  Besprechung  erschien  im 
Mai  1928  in  den  „Humboldt-Blattern". 

3  Sie  erschien  in  von  der  Redaction  an  den  Stellen  iiber  Kerr  zensu- 
rierter  Form  in  der  „ Liter arischen  "Welt"  vom  20.  April  1928. 


174     An  Max  Rychner 

Berlin,  22.  April  1928 

Sehr  geehrter  Herr  Rychner, 

in  der  regnerischen  Stille  eines  Sonntagvormittags  werde  ich 
meiner  Beschamung  soweit  Herr,  um  Ihnen  schreiben  zu 
konnen.  Ich  hatte  mir  gleich  dariiber  klar  sein  miissen,  daB 
der  ehren-  und  reizvolle  Vorschlag,  den  Sie  mir  im  vergange- 
nen  Herbst  gemacht  haben,  durch  seine  Dimensionen  ent- 
mutigend  auf  mich  wirken  wiirde.  Meine  Schwerfalligkeit  in 
der  Konzeption  —  verzeihen  Sie,  wenn  ich  es  ausspreche  -  ist. 
so  groB,  daB  ich  an  ein  im  eigentlichen  Sinne  representatives 
Thema  -  deutsch e  Literatur  der  letzten  zwei  Jahre  vor  dem 
Forum  zu  behandeln,  das  mir  seit  langem  unter  alien,  die  um 
deutschsprachliche  Zeitschriften  herumliegen  als  das  wich- 
tigste  erscheint  —  kaum  herankomme. 

Dagegen  steht  es  £iir  mich  fest,  daB  -  Ihr  spateres  Einver- 
standnis  vorausgesetzt  —  das  erste  wesentliche  Stuck,  das  ich 
von  meiner  Arbeit  fortgeben  kann,  der  „Neuen  Schweizer 
Rundschau"  gehoren  soil.  Ich  denke  da  an  Teile  eines  Essays 
„Pariser  Passagen",  an  dem  ich  seit  Monaten  arbeite  und  der 

467 


bei  meiner  bevorstehenden  Riickkunft  nach  Paris  abgeschlos- 
sen  werden  mufi. 

Sollten  Sie,  sehr  geehrter  Herr  Rychner,  im  Lauf e  des  Juni 
nach  Paris  kommen,  so  ware  es  mir  sehr  wertvoll,  Ihre  Be- 
kanntschaft  zu  machen.  Soeben  erst  habe  ich  [mit]  groBer 
Freude  Ihre  Anmerkungen  zu  Holitscher  und  Keyserling 
gelesen.  Meine  pariser  Adresse  ist  Paris  XlVe  4  Avenue  du 
pare  Montsouris,  Hotel  du  midi.  Andererseits  ist  es  moglich, 
daB  ich  im  Herbst  in  die  Schweiz  komme.  Bis  dahin  hoffe  ich 
zuversichtlich,  meine  literarische  Unzuverlassigkeit  Ihnen 
gegeniiber  repariert  zu  haben. 

Mit  besonderer  Hochachtung 

Ihr  ganz  ergebener  Walter  Benjamin 


17  J     An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  23.  April  1928 

Lieber  Gerhard, 

heute  liegen  Deine  Brief e  vom  22ten  Marz  und  vom  12ten 
April  vor  mir.  AuBerdem  aber  das  Sonderheft  des  „Juden"  \ 
das  ich,  kaum  war  es  in  Deinem  Schreiben  angekiindigt, 
schon  bei  der  Ewerbuchhandlung  subscribierte.  Nicht  vor  mir 
liegt  die  Jiidische  Rundschau  mit  Deiner  Notiz  liber  Agnon2, 
die  ich  moglichst  ungesaumt  von  Dir  erbitte.  Hier  kann  man 
sie  im  StraBenhandel  schon  nicht  mehr  haben.  Warum 
nimmst  Du  Dir  nicht  mein  gutes  Beispiel  zu  Herzen,  der  ich 
Dir  niemals  eine  Zeile  von  mir  in  der  Literarischen  Welt 
bibliographisch  „nachweise"  sondern  Dich,  mit  allem  halb- 
wegs  Erheblichen,  in  natura  bediene. 

Und  so  auch  heute.  Aus  dem  Aufsatz  von  Haas,  der  mit 
gleicher  Post  folgt,  siehst  Du,  wie  mein  Herr  Redakteur  mich 
zu  ehren  gedachte  und  unbeschadet  einiger  hochst  bedenk- 
licher  Auslassungen  kann  man  sich  diese  Rezension  denn 
doch  gef  alien  lassen.  Gegen  Ende  scheint  sie  mir  einiges  sehr 
Kluge  zu  sagen.  Im  iibrigen  hat  sich  fur  das  Trauerspielbuch 
am  friihesten  Ungarn   engagiert.   In   einer  philologischen 

468 


Zeitschrift,  die  mit  Unterstiitzung  der  Akademie  der  Wissen- 
schaften  herausgegeben  wird,  hat  ein  mir  bisher  unbekannter 
Herr  mich  ausgezeichnet  besprochen.  Der  Herausgeber  dieses 
Organs  seinerseits  teilt  mir  mit,  daB  er  das  Buch  in  seinen 
Budapester  Vorlesungen  bereits  empfiehlt.  Einige  gewichtige 
Stimmen  ziehen,  wie  Du  weiBt,  noch  herauf.  Darunter  die 
des  Herrn  Richard  Alewyn,  dessen  Votum  in  der  Deutschen 
Literaturzeitung  zu  erwarten  stent.3  Dir  wird  der  Name 
eben  so  neu  sein  wie  mir,  aber  hier  halt  man  groBe  Stiicke 
auf  ihn. 

Ich  habe  mich  uber  den  Brief  von  [Fritz]  Strich  sehr  ge- 
freut.4  Je  mehr  nun  die  Sache  in  das  entscheidende  Stadium 
riickt,  desto  besser.  Ich  werde  Anfang  Juni  in  Paris  sein. 
Bitte  sende  mir  ein  einfiihrendes  Schreiben  an  den  grand  rab- 
bin oder  an  eine  andere  Instanz,  die  fur  den  Nachweis  eines 
hebraischen  Lehrers  in  Frage  kommt.  Ich  hoffe  bestimmt, 
bevor  ich  Berlin  verlasse,  noch  ein  Wort  von  Magnes  zu  er- 
halten.  In  jedem  Falle  werde  ich  mich  so  arrangieren,  daB 
ich  ihn  bei  der  Sitzung  des  Kuratoriums  sehe.  Den  Weg  nach 
Paris  werde  ich  im  Sinne  Deiner  Andeutung  uber  Frank- 
furt nehmen,  falls  Buber  im  Laufe  des  Mai  nicht  herkommt. 
Ich  schreibe  demnachst  an  ihn.  Die  folgende  Nummer  der 
Literarischen  Welt  bringt  von  mir  eine  kurze  Anzeige  von 
dem  Buch  „Aus  unbekannten  Schriften",  in  dem  Du  mit 
Deinem  Beitrag  sichtbarlich  genannt  bist5.  Mehr  Ehren  habe 
ich  Amhoorez6  nicht  zu  vergeben.  Dagegen  hat  es  gewaltig 
den  Anschein  als  diirfte  und  miiBte  ich  hinter  SchloB  und 
Riegel  die  Stirn  iiber  das  Sonderheft  des  „Juden"  sehr  kraus 
ziehen.  Nur  ist  freilich  Dein  Aufsatz  darin,  um  sie  zu  glat- 
ten.  Der  ist  sehr  schon.7  Ich  habe  an  unser  Gesprach  im  Cafe 
Versailles  an  der  Gare  Montparnasse  gedacht,  wo  ich  zum 
ersten  Male  diese  Glocken  lauten  horte.  Ich  glaube,  dieser 
Aufsatz  markiert  im  Gleisnetz  Deines  Denkens  einen  Knoten- 
punkt;  ich  ahne  wenigstens  nach  alien  Richtungen  hin  be- 
fahrbare  Strecken  ausgehen. 

Ich  will,  quant  a  moi,  nicht  versaumen  mitzuteilen,  daB  ich 
noch  immer  mit  den  „Pariser  Passagen"  befaBt  bin.  Wahr- 
scheinlich  habe  ich  Dir  gelegentlich  gesagt  oder  geschrieben, 

469 


wie  langsam  und  gegen  welche  Widerstande  die  Arbeit  Ge- 
stalt  gewinnt.  Habe  ich  sie  aber  einmal  ergriffen,  dann  ware 
wirklich  eine  alte  gewissermaBen  rebellische,  halb  apokryphe 
Provinz  meiner  Gedanken  unterworfen,  besiedelt,  verwaltet. 
Es  fehlt  noch  viel,  aber  ich  weiB  genau,  was  fehlt.  So  oder 
anders  werde  ich  in  Paris  damit  zuRande  kommen.  Und  dann 
werde  ich  die  Probe  auf  das  Exempel  gemacht  haben,  wie 
weit  man  in  geschichtsphilosophischen  Zusammenhangen 
„konkret"  sein  kann.  Man  wird  mir  nicht  nachsagen  konnen, 
dafi  ichs  mir  leicht  gemacht  hatte. 

Unterdessen  ist  ein  Brief  aus  Moskau  gekommen.  Dort 
scheint  man  sich  plotzlich  eines  Bessern  besonnen  zu  haben 
und  tragt  mir,  unter  sehr  annehmbaren  Bedingungen,  an, 
den  Artikel  Goethe  fur  die  groBe  Enzyklopadie,  im  Umfang 
von  einem  Bogen,  zu  schreiben.  Ich  nehme  naturlich  an. 

Noch  ein  Wort  zu  der  Festschrift  des  „Juden".  Ich  las  den 
sympathischen  Artikel  von  Magnes.  [Max]  Brod  miBfiel  mir 
dagegen  schon  verzweifelt.  Und  wie  man  gar  den  ungliick- 
lichen  Gedanken  haben  konnte,  die  Briefe  von  Rosenzweig 
zu  publizieren,  die  Dinge  beriihren,  iiber  die  man  doch  so 
nicht  offentlich  Rechenschaft  leisten  kann,  ist  mir  unver- 
standlich.  Zu  Ludwig  StrauB  muB  ich  mir  noch  Mut  machen. 
Dann  werde  ich  sehen,  ob  ich  [Ernst]  Miillers  Aufsatz  iiber 
das  Hebraische  verstehe  und  es  wohl  damit  bewenden  lassen. 

Sehr  schon  ist  es,  wenn  Du  an  Saxl8  schreibst  oder  ge~ 
schrieben  hast.  Was  [H.  H.]  Schaeder  angeht,  so  mochte  ich 
am  liebsten  warten,  bis  seine  Rezension  meines  Buches  in  der 
„Neuen  Schweizer  Rundschau"  erschienen  ist.  Das  ist  dann 
der  gegebene  Augenblick,  mit  einem  Briefe  hervorzutreten. 
Um  auf  Cassirer  EinfluB  zu  nehmen,  wird  es  dann  wohl  zu 
spat  sein.  Aber  dafiir  sehe  ich  iiberhaupt  keinen  gangbaren 
Weg.  Sobleibt  mirnichtsubrigalsabzuwarten.  Bitte  schreibe, 
so  wie  Du  etwas  von  dort  erfahrst. 

Schreibe  iiberhaupt  bald,  undherzlicheGriiBe  anDich  und 
Escha  von 

Deinem  Walter 

1  Zu  Bubers  50.  Geburtstag. 

470 


2  "Ober  die  Erzahlungen  S.  J.  Agnons,  in  der  J.  R.  vom  4.  April  1928. 

3  1st  nie  erschienen. 

4  Dr.  Magnes  holte  Gutachten  von  Germanisten  fur  eine  geplante 
Berufung  W.  B.s  nach  Jerusalem  ein. 

5  In  der  Nr.  vom  27.  April. 

6  Hebraisch:  Ignorant. 

7  „Uber  die  Theologie  des  Sabbatianismus",  jetzt  audi  in  dem  Band 
„Judaica  (1963),  S.  119-146. 

8  Fritz  Saxl,  Direktor  der  Bibliothek  Warburg  und  Mitautor  des  Wer- 
kes  uber  Diirers  Melancolia  I. 


176  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin  Grunewald,  5.  5.  1928 

Hochverehrter  lieber  Herr  von  Hofmannsthal, 

herzlichen  Dank  fur  Ihre  Karte.  Ich  bin  sehr  glucklich,  daB 
nun  Ihre  Hand  in  dieser  Sache  waltet  und  hoffe,  sie  wird 
nach  unserm  Wunsche  ausgehen.  Man  ist  auch  an  Prof.  [Fritz] 
Strich  in  Munchen  wegen  eines  Gutachtens  herangetreten 
und  er  soil  sich  sehr  freundlich  geauBert  haben.  DaB  Magnes 
sich  an  Brecht  wendet,  liegt  durchaus  im  Bereiche  der  Mog- 
lichkeiten.  Etwas  genaueres  weiB  ich  dariiber  natiirlich  nicht. 
Wohl  aber  nenne  ich  ihn  am  BeschluB  eines  curriculum  vitae, 
an  dem  ich  wissenschaftliche  Referenzen  anzugeben  habe, 
neben  anderen. 

Ich  arbeite  weiterhin  und  fast  ausschlieBlich  an  den  „Pari- 
ser  Passagen".  Was  ich  will,  steht  mir  deutlich  vor  Augen, 
aber  es  ist  gerade  hier  auBerordentlich  gewagt,  die  gliickliche 
Einheit  von  theoretischer  Anschauung  und  gedanklicher 
Armatur  darstellen  zu  wollen.  Es  sind  ja  nicht  nur  Erfahrun- 
gen  aufzurufen  sondern  einige  entscheidende  Erkenntnisse 
vom  historischen  BewuBtsein  in  unerwartetem  Licht  zu  be- 
wahren;  mir  stellt  sich  -  wenn  ich  das  sagen  darf  -  der  Gang 
Ihres  „Priesterzoglings"  durch  die  Jahrhunderte  als  eine 
Passage  dar. 

Zwischen  dieser  Arbeit  und  doch  nicht  durchaus  ihr  fremd 
wird  sich  jetzt  nur  die  Rezension  eines  Buches  einschieben, 

471 


das  mir,  bei  nur  erst  fliichtigem  Einblick,  sehr  bemerkens- 
wert  schien.  Mirgeler:  Geschichte  und  Dogma,  soeben  bei 
Hegner  erschienen. 1 

Der  wunderbareFriihsommer,  den  wir  jetzt  haben,  und  die 
Staatsbibliothek  halt  en  mich  immer  noch  hier  und  ich  weiB 
nicht,  wann  ich  dieses  Jahr  fortkomme. 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen  wie  immer  Ihnen  ergeben 

Ihr  Walter  Benjamin 

1   Diese  Rezension  ist  nicht  erschienen. 


177  An  Gerhard  Scholem 

24.  Mai  1928 

Lieber  Gerhard, 

diesem  Briefe  lege  ich  ein  Duplikat  der  vita  und  des  Exposes 
bei,  das  heute  an  Magnes  nach  London  abgeht.  Hoffentlich 
bist  Du  damit  zufrieden.  Aus  dem  Brief  an  Magnes  siehst 
Du,  daB  es  mit  Paris  noch  immer  nichts  werden  will  und  wann 
und  ob  fur  dieses  Jahr,  das  weiB  ich  selber  nicht.  Denn  ich 
trenne  mich  schwer  von  Berlin.  Da  ist  erstens  mein  Zimmer 
-  und  zwar  ein  neues,  denn  ich  wohne  fur  den  Augenblick 
nicht  im  Grunewald  sondern  im  tiefsten  Tiergarten  -  In  den 
Zelten  -  in  einem  Zimmer,  in  das  durch  beide  Fenster  nichts 
als  Baume  zu  mir  hereinsehen.  Es  ist  wunderbar  und  dabei 
zehn  Minuten  von  der  Staatsbibliothek  entfernt,  dem  anderen 
Brennpunkt  der  Ellipse,  die  mich  hier  bannt.  Die  Arbeit  uber 
Pariser  Passagen  setzt  ein  immer  ratselhaf  teres,  eindring- 
licheres  Gesicht  auf  und  heult  nach  Art  einer  kleinen  Bestie 
in  meine  Nachte,  wenn  ich  sie  tagsiiber  nicht  an  den  ent- 
legensten  Quellen  getrankt  habe.  WeiB  Gott,  was  sie  anrich- 
tet,  wenn  ich  sie  eines  Tages  frei  lasse.  Aber  daran  ist  noch 
langst  nicht  zu  denken  und  wenn  ich  schon  unablassig  in  das 
Gehause  starre,  in  dem  sie  ihr  Wesen  treibt,  so  lasse  ich  doch 
fast  kaum  einen  den  Blick  hineinwerf en. 

Immerhin  nimmt  sie  mich  restlos  in  Anspruch.  Ich  erfuhr 

472 


es  also  mit  gemischten  Gefiihlen,  daB  Sowjet-RuBland  in  sich 
gegangen  ist  und  mir  in  zwolfter  Stunde  nun  doch  den 
Goetheartikel  fur  die  Enzyklopadie  iibertragen  hat.  Auch  das 
ist  Grand  genug,  vorlaufig  hier  zu  bleiben.  An  das,  was  sonst 
noch  fallig  ist,  besonders  einige  groBe  Artikel  iiber  die  fran- 
zosische  Literaturbewegung,  darf  ich  garnicht  denken.  Neu- 
erdings  hat  mich  die  „Neue  Rundschau"  zur  Mitarbeit  auf- 
gefordert.  Eine  groBe  Riickschau  iiber  die  deutsche  Literatur 
der  letzten  Zeit,  die  ich  fur  die  „NeueSchweizer  Rundschau", 
eine  der  anstandigsten  Zeitschriften,  iibernommen  hatte, 
habe  ich  schon  wieder  absagen  miissen. 

Ich  bin  sehr  froh,  daB  Hofmannsthal  so  zweckmaBiggeant- 
wortet  hat.  Es  war  ein  sehr  gliicklicher  Zuf all,  daB  er  durch  die 
Gesprache  mit  mir  bei  seinem  letzten  berliner  Aufenthalt  in 
gewissen  Grenzen  —  selbstverstandlich  nur,  was  meine  hebrd- 
ischen  Absichten  angeht  —  im  Bilde  war.  Nun  bekomme  ich 
eben  noch  die  ausgezeichnete  Antwort  von  [Walther]  Brecht. 
Schonen  Dank! 

Einen  Besuch  in  Palastina  im  Herbst  habe  ich  fest  in  mei- 
nen  Jahresplan  eingestellt.  tJber  die  finanzielle  Grundlage 
meiner  Lehrzeit  hoffe  ich  vorher  mit  Magnes  im  Klaren  zu 
sein.  Ich  danke  Euch  herzlich  fur  Eure  Einladung  und  werde 
naturlich  sehr  gerne  ein  paar  Wochen  bei  Euch  wohnen, 
wenn  Ihr  es  einrichten  konnt.. 

In  der  Tat,  mit  der  gegenwartigen  Arbeit  hoffe  ich,  meine 
eigentliche  Produktion  vorlaufig  abzuschlieBen,  um  nur  zu 
lernen.  Eine  schnelle  Anzahlung,  die  mir  Rowohlt  auf  ein 
projektiertes  Buch  iiber  Kafka,  Proust  etc  gegeben  hat,  hoffe 
ich  auf  die  Passagenarbeit  verrechnen  zu  konnen.  Bei  dieser 
Arbeit  bin  ich  iibrigens  auf  meine  Weise  auf  Max  Brod  ge- 
stoBen,  der  sich  mir  in  Gestalt  eines  Biichleins  von  1913 
„t)ber  die  Schonheit  haBlicher  Bilder"  prasentierte.  Es  ist 
merkwiirdig,  wie  er  vor  fiinfzehn  Jahren,  zuerst  auf  einer 
Klaviatur  gefingert  hat,  fur  die  ich  mich  bemiihe,  eine  Fuge 
zu  schreiben. 

DaB  Dein  erster  Kafkaband  Dir  solchen  Segen  gebracht 
hat,  ist  um  so  viel  erbaulicher  als  ich  —  ein  deutscher  Schrift- 
steller  -  mir  Band  fur  Band  im  Buchhandel  habe  kaufen 


473 


miissen,  daher  auch  „das  SchloB"  und  „Amerika"  immer 
noch  nicht  besitze  —  ganz  zu  schweigen  von  der  seltnen,  ver- 
griffenen  „Betrachtung",  Sie  ist  von  Kafkas  alteren  Sachen 
die  einzige,  die  mir  fehlt. 

Hier  verdanken  (gut  schwyzerisch)  Hessel  und  Gutkinds 
schonstens  den  Empfang  des  Alphabets.  Auch  hat  Dein  Bru- 
der  mir  eine  ausreichende  Zahl  von  Exemplaren  zur  Verfii- 
gung  gestellt. 

Gutkind  hat  hier  in  etlichen  Judenzirkeln  eine  Debatte 
iiber  „Wege  zum  Ritual"  angezettelt  und  ich  stehe  schon  auf 
der  schwarzen  Liste,  weil  ich  noch  nicht  hinmarschiert  bin. 
Morgen  gibt  es  wieder  einen  Galaabend  und  wenn  ich  nicht 
noch,  wie  ich  sehnlichst  erhoffe,  ein  Theaterbillett  zu  einem 
neuen  Stuck  geschenkt  bekomme,  werde  ich  der  jxidischen 
Zaubervorstellung  beiwohnen. 

Beiliegend  allotria  aus  der  „Literarischen  Welt".  Schreibe 
bitte  bald,  und  zwar  in  die  DelbriickstraBe,  wohin  ich  Anfang 
Juni  wieder  iibersiedle. 

Herzliche  GriiBe  an  Dich  und  Escha  Dein  Walter 


178  An  Gerhard  Scholem 

Frankfurt  a.  M.,  2.  Juni  1928 

Lieber  Gerhard, 

der  Onkel  meiner  Mutter,  der  Mathematiker  [Arthur]  Schon- 
flies,  ist  gestorben.  Ich  habe  in  den  letzten  Jahren  ihn  oft  ge- 
sehen  und  sehr  gut  mit  ihm  gestanden.  Wie  Du  vielleicht 
weiBt,  habe  ich  auch  wahrend  meiner  frankfurter  Unter- 
nehmungen  bei  ihm  gewohnt.  Ich  bin  zur  Beisetzung  her- 
gekommen.  Die  war  am  31.  Mai. 

Gestern,  am  1.  Juni,  bin  ich  im  Sinne  Deiner  brief  lichen 
Erinnerungen  in  Heppenheim  gewesen.  Es  ist  gerade  die 
Tagung  irgend  einer  religiossozialistischen  Gruppe  in  Hep- 
penheim, eine  Tagung,  die  von  Buber  nicht  einberufen  ist, 
an  der  er  aber  doch  Interesse  zu  nehmen  schien,  so  daB  seine 
Zeit  fur  mich  sehr  beschrankt  war.  Das  hat  die  Dinge  aber 

474 


vielleicht  eher  erleichtert.  Unser  halbstiindiges  Gesprach  in 
seiner  Wohnung  war  sehr  bestimmt  und  sehr  positiv.  Ich 
kann  kaum  daran  zweifeln,  daft  Buber  in  der  Tat,  wie  er  es 
mir  zusagte,  sich  fur  die  Sache  einsetzen  wird.  Er  ging  soweit 
mich  nach  der  Summe  zu  fragen,  was  mir  besonders  ange- 
nehm  war  und  ich  nannte  ihm  die  zwischen  uns  ofters  er- 
wahnten  300  Mark. 

Magnes  will  am  17.  Juni  in  Heppenheim  sein.  Da  aber 
Buber  (der  nicht  an  der  Sitzung  des  Kuratoriums  teilnimmt) 
erst  um  den  20.  von  einer  schweizer  Reise  zuriickkommt,  ist 
noch  nicht  ausgemacht,  daB  sie  sich  begegnen.  tjbrigens,  um 
das  im  allgemeinen  zu  sagen,  war  Buber  etwas  besser  im 
Bilde  als  ich  annahm. 

Da  die  Dispositionen  von  Magnes  so  liegen,  hoffe  ich  ihn, 
Mitte  Juni  in  Berlin  auf  seiner  Durchreise  zu  sprechen.  Ich 
werde  ihm  dann  sagen,  daB  mir  sehr  wichtig  ist,  bis  zum 
Herbst  liber  die  Grundlagen  der  Sache  fixiert  zu  sein. 

An  meiner  Schrift  nimm  keinen  AnstoB.  Ich  schreibe 
fruhmorgens  mit  schlechter  Tinte  im  Bett.  Ich  bin  mit  den 
Nerven  ziemlich  bas  und  auf  einen  Tag  nach  Konigsstein 
gefahren.  Hier  ist  es  sehr  schon,  und  es  tut  mir  nur  leid,  daB 
ich  heute  abend  wieder  in  Frankfurt  sein  muB. 

Auf  der  Riickreise  werde  ich  wohl  in  Weimar  Station 
machen  und  mir  zum  Gedeihen  meines  Enzyklopadie-Arti- 
kels  wiedereinmal  die  Goethiana,  die  ich  langer  als  zehn 
Jahre  nicht  sah,  vergegenwartigen. 

Bitte  schreibe  bald.  Herzliche  GruBe  an  Dich  und  Escha 

Dein  Walter 


179  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  18.  Juni  1928 

Lieber  Gerhard, 

es  konnte  sein,  daB  Du  von  Magnes  den  Verlauf  unserer 
berliner  Besprechungen  fruher  erfahren  hast  als  durch  diese 


475 


Zeilen.  Unmittelbar  nach  seinem  Hiersein  (kaum  da8  Dora 
und  Stefan  nach  Pardigon  gefahren  waren,  wo  wir  im  vori- 
gen  Sommer  gewesen  sind)  traf  meine  Mutter  ein  Schlagan- 
fall.  Die  ersten  Erscheinungen  haben  sich  etwas  zuriickgebil- 
det,  aber  es  sind  immer  noch  Lahmungen  und  schwere  Sprach- 
storungen  da.  Ich  wohne  nun  wieder  im  Grunewald  (mein 
Zimmer  hat  Ernst  Bloch  als  Statthalter  iibernommen)  und 
fand  hier  in  den  ersten  Tagen  natiirlich  keine  Ruhe  zum 
Schreiben. 

Unser  Gesprach  hat  ungefahr  eine  halbe  Stunde  gedauert. 
Magnes  hatte  einen  anstrengenden  Tag  mit  Irrfahrten  und 
verpaBten  Terminen  hinter  sich,  und  ich  hatte  eine  Weile 
Besorgnis,  ob  ich  ihn  iiberhaupt  erreichen  wiirde.  Als  es  dann 
soweit  war,  war  er  sehr  freundlich  und  sehr  prazis.  Wir  ge- 
langten  zu  Folgendem:  Erstens:  Magnes  wolle  und  konne  die 
Universitat  als  solche  in  der  Sache  weder  als  Geldgeberin 
noch  als  wissenschaftliches  Institut  binden.  Aber  die  Gutach- 
ten,  die  er  iiber  mich  erhalten  habe,  seien  ausgezeichnet  und, 
wenn  in  zwei  Jahren  das  Institut  fur  Geisteswissenschaft, 
dessen  Grundlagen  auf  der  londoner  Konf erenz  fixiert  worden 
seien,  den  vorgesehenen  Ausbau  erfahren  wiirde,  so  rechne  er 
durchaus  mit  der  Wahrscheinlichkeit,  dort  fur  mich  einen 
Lehrauftrag  in  irgend  welcher  Gestalt  zu  erhalten.  Zweitens: 
Er  verpflichtet  sich,  von  sich  aus  und  ohne  weitere  Schritte, 
einen  Fonds  fur  mein  Studium  des  Hebraischen  auszusetzen. 

[. . .] 

Er  schien  den  groBten  Wert  darauf  zu  legen,  daB  ich 
mich  hier  mit  [Leo]  Baeck1  iiber  die  Dinge  berate,  und  sagte 
mir  zu,  ihn  zu  veranlassen,  sich  an  mich  zu  wenden.  Ich 
wundere  mich,  daB  das  bisher  noch  immer  nicht  geschehen 
ist.  Soil  ich  die  Initiative  ergreifen?  [.  .  .]  Von  Baeck  sagte 
mir  Magnes  daB  Du  ihn  sehr  schatzst.  [.  .  .] 

Soviel  davon.  Ich  hoffe,  daB  das  Gesprach  mit  Magnes  fiir 
Dich  keine  Schwierigkeit  hat,  wiirde  ihm  natiirlich  auch 
schreiben,  wenn  ich  nicht  wiiBte,  daB  auch  er  wiinscht,  nun 
mit  Dir  iiber  die  Dinge  zu  sprechen.  [.  .  .] 

Nach  der  Riickkehr  von  Weimar  habe  ich  ein  ganz  kleines 
„Weimar"  geschrieben,  das  Du  hoffentlich  bald  und  zwar 

476 


anderswo  als  inder  „LiterarischenWelt"  zusehenbekommst.2 
Und  dann  habe  ich  mich  mit  der  Todesverachtung  dessen, 
den  der  Termin  die  Sporen  fiihlen  laBt,  an  den  Sowjet- 
Goethe  gemacht.  Die  imlosbare  Antinomie,  einen  popularen 
Goethe  vom  materialistischen  Standpunkt  auf  einem  Bogen 
zu  schreiben,  brauche  ich  Dir  nicht  auseinanderzusetzen.  So 
eine  Arbeit  kann  man  nicht  spat  genug  beginnen,  da  ist  der 
drohende  RedaktionsschluB  in  der  Tat  die  einzige  Muse.  Ich 
habe  im  iibrigen  auf  mein  Lieblingsbuch  iiber  Goethe,  die 
dreibandige,  unsagliche  Darstellung  des  Alexander  Baum- 
gartner  S  J  zuriickgegriffen,  die  ich  jetzt  noch  mit  reiferem 
Ertrag,  und  genauer,  durchgehe  als  zur  Zeit,  da  ich  die 
„Wahlverwandtschaftenarbeit"  schrieb.  Auch  der  groteske 
„Goethe"  von  Brandes  steht  auf  meinem  Schreibtisch  und 
den  von  Emil  Ludwig  wird  mir  der  Verlag  Rowohlt  dedi- 
zieren  miissen.  Aus  solch  gegornen  Hbllensaften  werden  wir 
keinen  Nektar,  wohl  aber  eine  flache  Schale  von  prima  mit- 
telgutem  Opferwein,  vor  Lenins  Mausoleum  zu  verschiitten, 
destillieren. 

Ein  Buch  hat  mich  in  den  letzten  Tagen  sehr  bewegt: 
Anja  und  Georg  Mendelssohn:  Der  Mensch  in  der  Hand- 
schrift, 3  Ich  bin  im  Begriffe,  nach  seiner  Lektiire  den  Sinn 
fur  Schriften,  der  mir  vor  ungefahr  10  Jahren  verloren  ging, 
wieder  zu  gewinnen.  Es  ist  ein  Buch,  das  genau  die  Richtung 
halt,  die  ich  im  Grunde  in  der  Betrachtung  von  Schriften 
gefuhlt  und  doch  selbstverstandlich  nicht  gefunden  habe. 
Intuition  und  Ratio  zugleich  sin.d  in  diesem  Gebiete  niemals 
weiter  vorgetrieben  worden.  Es  enthalt  eine  ebenso  kurze 
wie  treffende  Auseinandersetzung  mit  Klages. 

Hoffentlich  geht  bei  Euch  alles  gut.  Ich  habe  lange  nichts 
von  Dir  gehort.  Bitte  schreibe  sehr  bald  und  seid  herzlich 
gegruBt. 

Dein  Walter 

1  Leo  Baeck,  Rabbiner  in  Berlin. 

2  Erschien  in  der  NSR,  Okt.  1928.  Jetzt:  Stadtebilder.  Ffm.  1965. 

3  W.B.  rezensierte  das  Buch  in  der  „Literarischen  Welt"  vom  3.  August 
1928. 


477 


180  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  1.  August  1928 

Lieber  Gerhard, 

meine  Reise  nach  Palastina  nebst  strikter  Beobachtung  der 
von  Eurer  hierosolymitanischen  Exzellenz  vorgeschriebenen 
Lehrfolge  sind  bescblossene  Sache.  Es  wird  ferner  dafiir  ge- 
standen,  da8  der  ersterbend  Unterfertigte  bevor  er  erez  israel 
mit  seinen  Sohlen  betritt,  die  landesiiblichen  Schriftzeichen 
lesen  kann.  Wogegen  er  sich  fiir  etwaige  Eingaben  an  die 
Behorden  vorerst  der  Hilfe  offentlicher  Schreiber  zu  bedie- 
nen  gedenkt,  wie  solche  im  Orient,  dem  Berichte  der  Reisen- 
den  nach  allerorten  zu  finden  und  speziell  in  Jerusalem  in 
der  Gegend  der  mea  schearim1  angesiedelt  sein  sollen.  Durch 
einen  solchen  gedenkt  er  zuvorderst,  an  den  Professor  Magnes 
das  Ersuchen  zu  richten,  einen  sei  es  fiir  einen,  sei  es  fiir 
mehrere  Monate  bestimmten  Teilbetrag,  dessen  Hohe  er 
dessen  Ermessen  uberlaBt,  an  den  TJnterfertigten  gelangen 
zu  lassen. 

Soweit,  lieber  Gerhard,  der  offizielle  Teil  dieses  Schreibens. 
Nunmehr  die  sachlichen  Einzelheiten.  Zunachst  der  Termin 
meiner  Ankunft.  Dieser  wird  sich  vielleicht  gegen  Mitte 
Dezember  verschieben.  Das  hangt  erstens  davon  ab,  ob  ich 
mir  vorsetzen  kann,  die  Passagenarbeit  noch  bevor  ich  Eu- 
ropa  verlasse,  abzuschlieBen.  Zweitens  ob  ich  im  Herbst  in 
Berlin  eine  russische  Freuhdin  sehe.2  Beides  ist  noch  unent- 
schieden.  Uber  das  erste  werde  ich  in  ein  paar  Wochen  in 
Paris  Klarheit  haben.  Ich  will  namlich  in  ungefahr  zehn  bis 
zwanzig  Tagen  nach  Frankreich  fahren,  dort  zuerst  zwei 
Wochen  reisendermaBen  im  Limousin  —  Limoges,  Poitiers 
etc.  zubringen  und  dann  nach  Paris  gehen.  Dort  werden  dann 
wohl  auch  meine  hebraischen  Lesestudien  stattfinden.  Zu  die- 
sem  Zwecke  bitte  ich  Dich  um  eine  Einfiihrung  beim  Grand - 
Rabbin.  Richte  sie,  wie  uberhaupt  alle  Post,  an  meine  Gru- 
newald-Adresse. 

Da  ich  mindestens  4  Monate,  eher  langer  in  Jerusalem  zu 
bleiben  gedenke,  so  ist  ja  der  Zeitpunkt  meiner  Ankunft  nicht 

478 


von  so  ausschlaggebender  Wichtigkeit  als  ware  es  nur  fiir 
einige  Wochen.  Darin  gegebenenfalls  Dich  mitten  im  Seme- 
ster anzutreffen,  miiBte  ich  mich  zur  Not  bescheiden.  In 
wenigen  Wochen  werde  ich  iiber  die  Terminfrage  im  Kla- 
ren  sein. 

Zu  jneiner  Finanzlage  ist  zu  bemerken,  daB  ich  an  sich 
neben  den  Betragen  von  oder  via  Magnes  noch  mit  kleinen 
Nebengeldern  der  „Literarischen  Welt"  rechnen  kann.  Dabei 
mufl  ich  aber  beriicksichtigen,  daB  Dora  augenblicklich  ohne 
jedes  Fixum  ist  und  noch  nicht  absehbar  ist,  wie  ihre  auBere 
Situation  sich  gestaltet.  Du  weiBt  ja  wohl,  daB  der  „  Bazar", 
bei  dem  sie  ein  Jahr  lang  angestellt  war,  eingegangen  ist. 
Von  Rowohlt  habe  ich  fiir  jetzt  nichts  zu  erwarten.  Bitte  ver- 
anlasse  daher  Magnes  zu  einer  Sendung  am  ersten  September. 
Das  war  auch  der  Termin,  den  ich  ihn  hier  bei  unserer  Unter- 
haltung  als  Beginn  fiir  die  Zahlungen  anzusetzen  bat. 

Was  Du  im  vorletzten  Brief  iiber  die  „EinbahnstraBe" 
sagst,  hat  mich  wie  kaum  eine  Stimme  bestatigt.  Es  traf 
zusammen  mit  gelegentlichen  Bemerkungen  in  Zeitschriften. 
Ich  begegne  allmahlich  immer  haufiger  bei  jungen  franzo- 
sischen  Autoren  Stellen,  die  im  Kurs  ihrer  eignen  Gedanken- 
gange  nur  Schwankungen,  Irrungen,  doch  den  EinfluB  eines 
magnetischen  Nordpols  verraten,  der  ihren  KompaB  beun- 
ruhigt.  Und  auf  den  halte  ich  Kurs.  Je  deutlicher  die  Emp- 
fmdlichkeit  der  heutigen  fiir  diese  Influenzen  mir  wird,  je 
mehr  mit  anderen  Worten  die  strenge  Aktualitat  dessen,  was 
ich  vorhabe,  mir  aufgeht,  desto  dringlicher  warnt  es  mich 
bei  mir  selbst,  hier  den  AbschluB  zu  iiberstiirzen.  Das  wahr- 
haft  aktuelle  kommt  immer  zurecht.  Vielmehr:  die  Gesell- 
schaft  beginnt  nicht,  bevor  dieser  spateste  Gast  nicht  eintrat. 
Vielleicht  kommt  man  hier  zu  einer  geschichtsphilosophischen 
Arabeske  um  jene  wundervolle  preuBische  Redensart:  „Je 
spater  der  Abend,  desto  schoner  die  Gaste",  aber  das  alles 
tauscht  mich  nicht  dariiber,  daB  das  Risiko  dieser  Arbeit 
groBer  ist  als  irgend  eines,  das  ich  bisher  iibernahm. 

Hocherfreulich  Deine  Nachricht  von  Saxl  und  Hofmanns- 
thals  Brief,3  fiir  dessen  Einzelheiten  und  Finessen  ich  Doras 
Riickkunft  abwarten  muB.  Sie  will  in  ein  paar  Tagen  mit 

479 


Stefan  hier  sein.  Sie  kommen  aus  Osterreich,  wo  sie  mit  mei- 
nen Schwiegereltern  zusammen  waren.  Was  nun  Deinen, 
mir  ehrenvollen,  Wunsch  angeht,  iiber  die  kritischen  Stim- 
men  zu  meinen  Biichern  auf  dem  Laufenden  gehalten  zu 
werden,  so  kann  ich  nicht  viel  mehr  tun  als  versprechen,  mit 
meinem  ganzen  Dossier  (denn  ich  sammle  das  alles)  in  Jeru- 
salem mich  vorzustellen.  Vorgreifend  aber  dies:  Die  Frank- 
furter Zeitung  bringt  eine  groBe  Besprechung  der  beiden 
Sachen  im  Literaturblatt  vom  15.  Juli,  die  Vossische  Zeitung 
eine  ausfiihrliche  Rezension  der  „EmbahnstraBe"  in  ihrer 
Nummer  vom  1.  August,  die  erste  stammt  von  Kracauer4,  die 
zweite  von  Bloch. 

Der  letztgenannte  Verf asser  wird  binnen  kurzem  zum  drit- 
ten  Mai  heiraten.  Er  ist  von  seiner  zweiten  Frau,  die  Du  ja 
wohl  kanntest,  geschieden  und  heiratet  eine  sehr  junge  Jiidin 
aus  Lodz. 

A  pure  titre  d'information  berichte  ich  noch,  daB  der 
Proust  sich  wieder  zu  regen  beginnt,  aber  wohl  nur,  um  die 
schwachen  Lebensreste  seiner  deutschen  Inkarnation  imHohl- 
weg  eines  Prozesses  auszuatmen.  Niichterner  und  behutsamer 
gesagt:  Die  Schmiede  hat  ihre  Rechte  an  dem  Werk  und  ihre 
Manuscripte  der  Ubersetzung  an  den  Verlag  Piper  verkauft. 
Der  hat  sich  uns  gegeniiber  so  schlecht  (rude  und  schofel)  ein- 
gef iihrt,  daB  wir  den  Versuch  machen,  durch  Anf echtung  der 
"Qbertragung  der  Rechte  ihn  zur  Raison  zu  bringen.  Das  be- 
deutet  einerseits,  daB  von  da  in  absehbarer  Zeit  kein  Geld  zu 
haben  sein  wird.  Andererseits  bringt  es  nur  meinen  Willen 
zum  Ausdruck,  angesichts  der  ungeheuer  absorbierenden,  auf 
meine  eigenen  Schrift[en]  intensiv  influenzierenden  Natur 
dieser  Arbeit  sie  zu  sehr  diskutablen  Bedingungen  oder  aber 
garnicht  wiederaufzunehmen. 

Zwei  Biicher  will  ich  noch  nennen.  Eines  der  Kuriositat 
halber,  weil  es  seit  Jahren  iiber  nichts  Gedrucktem  mich  so 
geekelt  hat;  das  andere,  weil  es  groBartig  ist  und  ich  es  Dir 
als  Leser  nahelegen  will.  Zunachst  also:  Alfred  Kleinberg: 
Die  deutsche  Dichtung  in  ihren  sozialen  Bedingungen. 5  Die 
erste  groBe  materialistische  Literaturgeschichte.  Es  ist  das 
einzig  Dialektische  an  diesem  Buche,  dafi  es  genau  an  der 

480 


Stelle  steht,  an  der  die  Dummheit  anfangt  Niedertracht  zu 
werden.  Ich  habe  diese  widerliche  Mischung  von  banalem 
Idealismus  und  materialistischen  Abstrusitaten  wegen  meines 
„Goethe"  vornehmen  miissen.  Und  habe  nur  wieder  gesehen, 
daB  dies  —  namlich  der  Artikel  —  etwas  ist,  wobei  einemkeiner 
hilft  und  daB  man  ihn  anders  als  mit  gliicklicher  Unverfro- 
renheit  gar  nicht  zustande  bringt.  Dementsprechend  bin  ich 
auch  immer  noch  weit  genug  vom  Ziele  entfernt. 

Uber  den  SchluBabsatz  des  „Cardozo"6  miindlich.  Ein 
MiBverstandnis  durch  Ahnungslose  ist  in  der  Tat  syntak- 
tisch  vorstellbar  —  ich  ware  aber  nie  darauf  gekommen.  Den 
Wissenden  war  es  genug  und  gerade  diese  wenigen  SchluB- 
zeilen  konnten  sich  doch^an  andere  nicht  richten. 

Von  Gutkinds  endlich  und  der  Bewegung  in  der  Ritual- 
und  Devotionalien-Branche  weiB  ich  nichts  neues.  Eine 
Karte  aus  Wilna  kam  von  ihnen  an.  Dort,  reime  ich  mir 
zurecht,  werden  sieFlattaubesuchthaben.  Dann  rief  ich  zehn 
Tage  spater  bei  ihnen  in  Griinau  an  und  da  hieB  es,  sie  sind 
in  Paris.  Uber  eine  denkwiirdige  Debatte  Gutkind-Unger7 
werde  ich  Dir  unter  Palmen  berichten,  falls  es  nicht  schon 
auf  den  Schneefeldern  dieser  Bogen  geschah. 

GriiBe  Escha,  meine  kiinftige  Lehrerin,  in  Ehrfurcht  und 
sei  selbst  mit  herzlichen  DekanatsgriiBen  bedacht  von 

Deinem  Walter 

1  Das  Viertel,  wo  Scholem  wohnte. 

2  Deren  Erscheinen  hatte  mehr  mit  den  EntwicMungen  der  folgenden 
zwei  Jahre  zu  tun,  als  in  den  Briefen  nach  Jerusalem  sichtbar  wurde, 

3  An  Magnes,  von  dem  Sch.  ihm  eine  Kopie  geschickt  hatte. 

4  Jetzt  in  „Ornament  der  Masse".  F£m.  1963,  S.  249  ff. 

5  Berlin  1927.  Das  zweite  Buch,  das  zu  nennen  er  vergai3,  war  offen- 
bar  von  Kommerell. 

6  Scholems  im  Brief  vom  23.  April  1928  erwahnter  Aufsatz,  dessen 
letzte  Satze  eine  polemische  Anspielung  gegen  Oskar  Goldberg  ent- 
hielten. 

7  Uber  das  Ritual  der  Tora.  Erich  Unger  vertrat  die  Anschauungen 
Oskar  Goldbergs. 


481 


181  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  30.  Oktober  1928 

Lieber  Gerhard, 

ich  liege  im  Bett,  urn  einer  drohenden  Anwandlung  von 
Gelbsucht  noch  rechtzeitig  zu  entwischen.  Urn  Dir  die  Requi- 
siten  des  Stillebens,  das  ich  wenigstens  auBerlich  vorstelle, 
aufzuzahlen:  Da  gibt  es  eine  Schreibunterlage,  die  heiBt: 
Mirgeler  „Geschichte  und  Dogma"  und  will  nun  endlich 
glossiert  sein,  ein  Biichergebirge  das  sich  urn  das  Doppelmassiv 
der  beiden  Werke  von  Julien  Green  aufbaut:  Mont-Cinere 
und  Adrienne  Mesurat,  die  mich  nicht  eher  ruhen  lieBen  als 
bis  ich  mir  die  Besprechung  von  beiden  aufhalste1  und  nun 
weiB  ich  nicht  ein  noch  aus  und  endlich  zu  Ehren  meines 
Unwohlseins  ein  waschechter  Roman  „  Joseph  sucht  die  Frei- 
heit"  von  Hermann  Kesten,  der,  wie  ein  paar  Leute  wissen 
wollen,  bedeutsam  ist. 

Auf  Green  aber  glaube  ich  Dich  schon  hingewiesen  zu 
haben  und  urn  die  „  Adrienne  Mesurat"  (die  ja  ich  nicht  ent- 
deckt  habe  und  die  schon  in  Europa  benihmt  ist)  kann  keiner 
meiner  Freunde  herumkommen.  Da  wir  einmal  bei  diesen 
stehen :  ich  hoffe  meine  strikte  Unterbrechung  aller  Publika- 
tion  in  den  letzten  Monaten  hat  deren  allseitige  Anerken- 
nung  erfahren.  Es  ware  um  so  wiinschenswerter  als  ich  sie 
nun  beim  best  en  Willen  langer  nicht  aufrechterhalten  kann 
und  neulich  die  Redaktion  der  „Literarischen  Welt"  mit  eini- 
gen  Manuscripten  betrat,  als  die  Bande  dabei  war,  eine  Hol- 
lenmaschine  an  meine  Adresse  zu  konfektionieren. 

Von  dem,  was  in  letzter  Zeit  fertig  geworden  ist,  weiB  ich 
zum  Teil  noch  nicht,  wann  und  wie  es  erscheinen  wird.  Ich 
zahle  immerhin  auf:  der  Sowjet- Goethe;  Marseille  (eine 
ganz  kurze  Skizzenreihe)2;  ein  geheimnisvolles  Protokoll  aus 
Marseille,  das  Du  eines  Tages  eigenhandig  in  Empfang 
nehmen  wirst;  eine  Rezension  der  Goetheschen  Farbenlehre 
in  neuer  Ausgabe3;  eine  neue  „Theorie  des  Romans",  die 
sich  Deines  hochsten  Beifalls  und  ihres  Platzes  neben  Lukacs 
versichert  halt.4 


482 


Ich  werde  nun  in  absehbarer  Zeit  durchaus  nichts  Grofie- 
res  mehr  beginnen.  Der  Weg,  mit  den  hebraischen  Stunden 
zu  beginnen  ist  frei.  Ich  warte  nur  die  Ankunft  meiner 
Freundin  ab,  weil  mit  ihr  die  Entscheidung  iiber  meinen 
Aufenthalt  in  den  nachsten  Monaten  fallt,  der  nicbt  not- 
wendig  Berlin  ist.  Der  eigentliche  Sprung,  den  das  Hebra- 
ische  ja  notwendig  durch  meine  engeren  Projekte  machen 
muB,  wird  nun  die  Passagenarbeit  betreffen.  Damit  konver- 
giert  aber  sehr  eigentiimlich  ein  anderer  Umstand.  Um  die 
Arbeit  aus  einer  allzu  ostentativen  Nachbarschaft  zum 
mouvement  surr^aliste,  die  mir  fatal  werden  konnte,  so  ver- 
standlich  und  so  gegriindet  sie  ist,  herauszuheben,  habe  ich 
sie  in  Gedanken  immer  mehr  erweitern  und  sie,  in  ihrem 
eigensten,  winzigen  Rahmen  so  universal  machen  miissen, 
daB  sie,  schon  rein  zeitlich,  und  zwar  mit  alien  Machtvoll- 
kommenheiten  eines  philosophischenFortinbras^feErfoc/za/t 
des  Surrealismus  antreten  wird.  Mit  anderen  Worten:  ich 
schiebe  die  Abfassungszeit  der  Sache  ganz  gewaltig  hinaus, 
auf  die  Gefahr  hin,  eine  ahnlich  pathetische  Datierung  des 
Manuscripts  wie  bei  der  Trauerspielarbeit5  zu  bekommen. 
Ich  glaube,  es  ist  jetzt  genug  und  auf  genugend  unvollkom- 
mene  Weise  da,  um  das  grofie  Risiko  einer  solchen  Dehnung 
des  Arbeitstempos  und  damit  des  Gegenstandes  eingehen  zu 
konnen.  [  .  .  .] 

Gleichzeitig  mit  diesem  geht  „  Weimar"  an  Dich  ab  und 
als  besondere  Leihgabe  auf  unbestimmte  Frist  (mit  dem 
Reservat,  das  Exemplar  im  Bedarfsfalle  zuriickzuerbitten)  der 
„ Goethe",  der  in  der  Gestalt,  wie  er  unter  Deine  glucklichen 
Augen  kommt,  wohl  weder  in  RuBland  noch  in  Deutschland 
das  Licht  der  Welt  sehen  wird.  Ich  meinerseits  werde  sehen, 
Deinem  vorzuglichen  Goldberg-Brief6  eine  ehrenvolle  Auf- 
nahme  zuteil  werden  zu  lassen,  zunachst,  indem  ich  ihn  in 
feierlicher  Weise  kreisen  lasse.  Dabei  denke  ich  besonders  an 
Frankfurt,  weil  ich  demnachst  vielleicht  auf  einige  Zeit  dort 
bin. 

Ich  glaube  jetzt  im  Friihjahr  nachsten  Jahres  zu  kommen. 
Klimatische  Erwagungen  spielenfiir  michgrundsatzlichkeine 
Rolle,  was  also  unter  solchem  Gesichtspunkt  gegen  diesen 

483 


Termin  sprache,  lassen  wir  ruhig  aus  dem  Spiel.  Was  aber 
sonst  zu  beriicksichtigen  ware,  wirst  Du  mir  gelegentlich 
schreiben.  Bis  dahin  ist  ja  Zeit. 

In  Sachen  Kraus-Kerr7  —  ja,  da  geht  es  hoch  her  et  moi- 
meme  j'y  suis  pour  un  tout  petit  peu.  Inzwischen  ist  eine 
neue  Groteske  (Fall  des  Czernowitzer  Irrsinnigen  -  Paul  Ver- 
laine-Zech)  dazugekommen  8  —  monumentale  und  von  Eurem 
ergebenen  Diener  vorhergesagte,  wenn  auch  in  ihren  dilu- 
vianischen  MaBen  nicht  abgeschatze  Blamage  von  Kraus. 
(Und,  zu  seiner  Ehre  sei  es  gesagt:  eine  v.erdiente).  Eine  neue 
Kraus- Notiz,  Gegenstuck  zum  Kriegerdenkmal,9  ein  Ver- 
such,  seine  jiidische  Physiognomie  zu  zeichnen,  befindet  sich 
seit  langerer  Zeit  unter  meinen  Nachtragen  zur  „Einbahn- 
straBe". 

Soweit  fur  heute.  Viele  herzliche  GriiBe  Dir  und  Escha 

Dein  Walter 

1  Die  beiden  Besprechungen  erschienen  in  der  „Literarischen  Welt" 
vom  16.  Nov.  1928,  bzw,  der  „Internationalen  Revue",  1928,  Heft  2, 
S.  116. 

2  NSR,  April  1929.  Jetzt  Schriften  II,  S.  67-71. 

3  In  der  „Literarischen  Welt"  vom  16.  Nov.  1928. 

4  Welche  Arbeit  gemeint  ist,  ist  unsicher. 

5  „Entworfen  1916,  verfafit  1925". 

6  „An  einen  Leser  von  Oskar  Goldbergs  Wirklichkeit  der  Hebraer", 
(ungedruckt). 

7  Der  Polemik  zwischen  Karl  Kraus  und  Alfred  Kerr,  die  sich  in  der 
„Fackel"  und  dem  „Ber liner  Tageblatt"  abspielte. 

8  Kraus  hatte  Gedichte  veroffentlicht,  die  ein  Arzt  in  Czernowitz  bei 
einem  Insassen  eines  Irrenhauses  gefunden  hatte  und  einige  davon 
mit  dem  hochsten  Lob  bedacht.  Die  wahren  Autoren  meldeten  sich 
bald,  nicht  durchweg  zur  Freude  von  Kraus.  Siehe  Nr.  781-786,  800- 
805  der  Fackel. 

9  In  „EinbahnstraBe". 


484 


Walter  Benjamin 
Briefe  2 

Herausgegeben  und  mit  Anmerkungen 
versehen  von  Gershom  Scholem 
und  Theodor  W.  Adorno 


Suhrkamp  Verlag 


edition  suhrkamp  930 

Erste  Auflage  1978 

©  Suhrkamp  Verlag,  Frankfurt  am  Main  1966.  Printed  in  Germany.  Alle 

Rechte   vorbehalten,    insbesondere    das    der   Obersetzung,    des    offentlichen 

Vortrags  und  der  Obertragung  durch  Rundfunk  und  Fernsehen,  audi  ein- 

zelner  Teile.  Druck  Nomos  Verlagsgesellschaft,  Baden-Baden.  Gesamtaus- 

stattung  Willy  Fleckhaus. 

*    3    4    5    6    7    -    96    95    94    93    92    91 


BRIEFE  1929-1940 


Svendborg,  Sommer  1938 


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WW  r'  tf*pV%fi* ,  J*  -j/  jk.V-.--i,  £4.  Arty*  *+*A*fa/. 

*cu'**m  yfk*iM**<u  fob*. 

******  C    L  </    • 


182  An  Max  Rychner 

Berlin- Grunewald,  den  15.  Jan.  29 

Sehr  geehrter  Herr  Rychner, 

beifolgend  die  editio  ne  varietur  meines  kleinen  Flugblattes 
^Marseille". 

Mit  Ihrer  Frage  nach  Proust  machen  Sie  mich  verlegen. 
Man  schamt  sich  fiir  Deutschland,  fiir  die  Umstande,  die  es 
herbeigefuhrt  haben,  daB  diese  Sache  von  Anfang  an  in  lieb- 
und  ahnungslosen  Handen  gelegen  hat  (und  wenn  sie  jetzt 
auch  neue  Hande,  doch  nicht  bessere  Kopfe  zu  ihnen  finden). 
Sie  verstehen,  ich  spreche  von  den  Verlegern.  Dem  Publikum 
kann  man  kaum  etwas  vorwerfen.  Es  ist  ja  an  die  Dinge  noch 
gar  nicht  herangekommen.  Erst  der  von  Schottlaender  iiber- 
setzte  Band,  ein  lacherliches  Debut.  Dann  der  Band,  den  Hes- 
sel  und  ich  iibersetzt  haben,  in  ganz  anderm,  nicht  unbedingt 
geschickten  Format.  Zwei  Bande  also,  die,  als  Ubersetzung, 
weder  auBerlich  noch  innerlich  Kontinuitat  haben  und  dann 
das  ganzliche  Abbrechen.  Seit  kurzem,  wie  Sie  vielleicht  wis- 
sen,  ein  neuer  Verleger,  der  sich  ebenso  wenig  wie  sein  Vor- 
ganger  zu  der  Erkenntnis  durchringen  kann,  daB  Proust  nur 
als  Oeuvre,  nicht  in  einzelnen  Banden  in  Deutschland  durch- 
gesetzt  werden  kann.  Wenn  Sie  bedenken,  daB  das  Werk  bis 
Sodom  und  Gomorrha  einschlieBlich  in  unsefer  Ubertragung 
schon  seit  Jahren  fertig  ist,  werden  Sie  verstehen,  wie  lebhaft 
wir  Ihren  MiBmut  mitfuhlen,  und  wie  dankbar  wir  Ihnen 
sind,  daB  Sie  in  Ihrer  Rundschau  so  ziemlich  den  einzigen 
Platz  eroffnet  haben,  an  dem  man  wieder  und  wieder  auf 
Proust  verwies.  Natiirlich  bleibt  unendlich  viel  zu  tun.  Eben- 
so naturlich,  daB  auch  ich  daran  schon  gedacht  habe,  etwas 

485 


zur  Deutung  Prousts  beizutragen.  Ich  stehe  aber  dem  Ganzen 
noch  zu  nahe,  es  steht  noch  zu  groB  vor  mir.  Ich  warte,  bis 
ich  Details  sehe,  an  denen  ich  dann,  wie  an  Unebenheiten 
einer  Mauer,  hochklettern  will.  Sicher  wird  unsere  deutsche 
Proust-Forschung  sehr  anders  aussehen  als  die  franzosische. 
In  Proust  lebt  doch  noch  so  viel  groBeres  und  wichtigeres  als 
der  „Psychologe",  von  dem  in  Frankreich,  soviel  ich  sehe,  fast 
ausschlieBlich  die  Rede  ist.  Wenn  wir  uns  etwas  gedulden,  so 
bin  ich  sicher,  Sie  werden  eines  Tagesr  von  welcher  Seite  es  sei, 
eine  vergleichende  Arbeit  iiber  deutsche  und  franzosische 
Proust-Kommentare  ebenso  gerne  erhalten  wie  bringen. 

Fur  heute  schlieBe  ich  mit  den  aufrichtigsten  Empfehlun- 
gen  als  Ihr  ergebener 

Walter  Benjamin 


183  An  Alfred  Cohn 

[Februar  1929] 

Lieber  Alfred, 

ich  will  durchaus  keinen  Tag  verstreichen  lassen  sondern  Dir 
sofort  zu  Deiner  Sendung  gratulieren.  Die  Sachen  sind  noch 
nicht  bei  der  Redaktion,  aber  sie  werden  natiirlich  gedruckt. 
Ich  stehe  dafiir  ein  wie  fur  meine  eignen.  Sei  nicht  bose, 
wenn  ich  Dir  sage,  daB  die  Rezensionen  noch  besser  sind  als 
ich  es  beim  festesten  Vertrauen  in  Deinen  Scharfblick  und 
Deine  Ausdruckskraft  erwarten  konnte.  Ich  freue  mich,  end- 
lich  in  diesem  verzweifelten  Exil,  das  die  „Literarische  Welt" 
darstellt,  einen  Mitverbannten  zu  haben. 

Besonders  die  Rezension  der  Luxemburg-Biographie  ist 
vollendet. 

Bitte  entschuldige,  daB  der  angekiindigte  Panferow  „Die 
Genossenschaft  der  Habenichtse"1  nicht  kam.  Urspriinglich 
hatte  ich  es  auf  meinen  Namen  genommen  und  auch  schlieB- 
lich  behalten,  weil  meine  russische  Freundin,  die  seit  einiger 
Zeit  hier  ist,  mit  Panferow  sehr  gut  bekannt  ist  und  mir 

486 


allerlei  von  ihm  erzahlen  will,  was  ich  einer  Rezension  zu 
gute  kommen  lassen  mochte. 

Seitdem  ich  weiB,  daB  Du  das  Pergamentbuch  bekommen 
sollst,  bin  ich,  jedenfalls  darin,  viel  fleiBiger  und  beschreibe 
es  in  die  Kreuz  und  die  Quer 2.  Ja  -  um  einen  Augenblick  da- 
bei  zu  verweilen:  ich  meine  jenes  groBere  Heft  in  biegsamem 
Pergamentdeckel,  mit  dem  Du  mich  in  Mannheim  beschenkt 
hast.  Der  Umgang  mit  ihm  hat  mir  zudem  ein  beschamendes 
faible  fiir  dieses  ganz  diinne,  durchscheinende  und  doch  vor- 
zugliche  Papier  gegeben,  das  ich  hier  leider  nirgends  auftrei- 
ben  kann.  WeiBt  Du  eine  Quelle,  wo  man  es  en  gros  beziehen 
kann? 

Ich  will  dafiir  sorgen,  daB  Du  jetzt  moglichst  regelmaBige 
Buchersendungen  von  der  Redaktion  direkt  bekommst.  Fiir 
die  zweite  Frankreich-Nummer  mochte  ich  der  Redaktion 
doch  vorschlagen,  dreiBig  Zeilen  aus  dem  Flaubertschen  dic- 
tionnaire  des  idees  regues  3  zu  bringen.  Ich  schreibe  Dir  noch 
dariiber.  Wenn  Du  Dich  fiir  den  Aufsatz  iiber  Surrealismus  4 
interessierst,  wirst  Du  gut  tun,  das  vollstandige  Erscheinen 
abzuwarten  und  ihn  dann  in  Einem  zu  lesen.  Sinnwidriger 
als  es  geschehen  ist,  lieB  sich  namlich  die  Abteilung  der  Fort- 
setzungen  gamicht  vornehmen; 

Fiir  heute  will  ich  schlieBen  und  tue  es  mit  alien  guten 
Wiinschen  fiir  Deine  Gesundheit  und  herzlichen  GriiBen  an 
Grete  und  die  Kinder 

Dein  Walter 
PS  Von  einer  eigentlichen  „Rubrik"  Burschells  in  der  „Lite- 
rarischen  Welt"  weiB  ich  nichts.  Bitte  schreibe  mir  Genaueres. 
Im  iibrigen  hoffe  ich,  das  wird  sich  mit  der  Zeit  alles  von 
selbst  gut  einspielen. 

1  Erschien  1928.  Von  W.  B.  in  der  „Literarischen  Welt"  vom  15.  Marz 
1929  besprochen. 

2  Dies  Buch  im  Pergamenteinband  befindet  sich,  aus  dem  NachlaB 
von  Alfred  Cohn,  in  Scholems  Besitz.  Es  ist  in  kleinster  Schrift  eng 
beschrieben. 

3  Aus  Bouvard  et  P^cuchet. 

4  Erschien  in  der  „Literarischen  Welt"  vom  1.,  8.  und  15.  Februar  1929. 


487 


184  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  14.  Februar  1929 

Lieber  Gerhard, 

ich  will  mit  dem  Gestandnis  beginnen,  daB  ich  Deinen  letz- 
ten  Brief,  auf  den  ich  hiermit  postwendend  antworte,  schon 
sehr  anstandig  finde  -  angesichts  meines  skandalbsen  Verhal- 
tens,  denn  so  muB  dieses  Verhalten  jedenfalls  aussehen. 

Nun  zur  Darlegung  der  Verhaltnisse,  aus  denen  es  hervor- 
geht,  da  steht  an  erster  Stelle  der  wochenlange  Kampf ,  in  den 
mich  meine  Zusicherung  an  Dich  (und  mich  selbst)  im  Friih- 
jahr  nach  Palastina  zu  kommen,  versetzt  hat.  Und  nun  tue 
ich  es  nicht.  Nun  verschiebe  ich  dieses  Kommen  zum  zweiten 
Mai,  und  habe  mit  der  Gefahr  zu  rechnen,  von  Dir  nicht 
mehr  ernst  genommen  zu  werden.  Es  liegen  nun  freilich  zwei 
sehr  dringliche  Riicksichten  vor.  Ich  will  gleich  mit  der  Dir 
gegeniiber  schwachern,  mir  gegeniiber  aber  starkern  begin- 
nen. Die  ist,  daB  die  Passagenarbeit,  die  ich  mit  hundert 
Kiinsten  (von  denen  das  Beifolgende  zeugt)  zu  umgehen  ge- 
sucht  habe,  sich  nicht  langer  abdrangen  laBt.  Noch  weiB  ich 
nicht,  ob  das  auf  eine  unmittelbare,  sofortige  Abfassung  zielt, 
ich  glaube  es  nicht  einmal.  Aber  das,  was  sich  da  augenblick- 
lich  in  mir  abzeichnet,  muB  f  estgehalten  werden,  wenn  dieses 
ganze  Unternehmen  nicht  mit  dem  Zusammenbruch  enden  soil. 

Ich  habe  also  gar  keinen  andern  Weg,  das  Hebraische  in 
Berlin,  als  reines  Sprachlernen,  sof ort  auf zunehmen  und  diese 
beiden  Wege  angespanntesten  Lernens  und  angespanntesten 
Schreibens  zugleich  durchzufiihren.  Ich  kenne  die  hundert 
Bedenken,  die  dem  entgegenstehen.  Aber  jedes  meiner  beiden 
Vorhaben  ist  schon  in  sich  so  reich  an  unabsehbarem  Risiko, 
daB,  sie  zugleich  durchzufiihren  schon  wieder  die  Vernunft 
der  Krisis  enthalt.  Bitte  schreibe  mir  postwendend  die  berli- 
ner  Instanz  fur  meinen  hebraischenUnterricht.  Ich  weiB,  daB 
Du  das  schon  einmal  tatest,  aber  ich  kann  den  Brief  jetzt  nicht 
heraussuchen. 

Der  auBere  Grund  ist  eine  schwere  Erkrankung  meiner 
Mutter  —  vor  einem  viertel  Jahr  ein  Schlaganf  all,  seit  einigen 

488 


Tagen  bedrohlicheVerschlimmerungderLage.  Ichhabejeden 
Grund,  im  Falle  ihres  Todes  nicht  zu  weit  und  zu  lange  ab- 
wesend  zu  sein. 

Meine  weiteren  Dispositionen  sind:  Reise  nach  Palastina 
im  Herbst,  moglichst  mit  Dir  zusammen,  wenn  Du  aus  Europa 
zuriiekkommst.  Bisdahin  ein  Auf  enthalt  voneinigenWocben 
in  Paris,  im  iibrigen  absolut  keine  Reisen. 

Nun  zu  Deinen  Arbeiten.  Die  „Entstehung  der  Kabbala"  l 
habe  ich  mit  hbchstem  Interesse  (o  dlirfte  ich  auch  sagen:  mit 
Nutzen  —  aber  das  darf  ich  heute  weiB  Gott  noch  nicht)  gele- 
sen.  Was  Du  geleistet  hast  ergibt  zugleich  den  Begriff  des 
Tohu  wa  Bohu  aus  dem  Deine  Programmschrift  sich  erhebt. 
Sodann,  was  Deinen  auBerordentlichen  Brief  iiber  Goldberg 
betrifft,  so  hoff e  ich  mich  nutzlich  gemacht  zu  haben.  Ermu- 
tigt  durch  den  groBen  Erfolg,  den  dessen  Verlesung  vor  Hes- 
sel  hatte,  iibergab  ich  ihn  einem  Dir  gewiB  bekannten,  mir 
wie  ich  nicht  leugnen  will  vertrauenerweckenden  und  sym- 
pathischen  Dr.  [Leo]  StrauB 2  von  der  jiidischen  Akademie 
zwecks  Abschrift  und  weiter  Verbreitung  in  partibus  infide- 
lium.  Ich  werde  ihn  demnachst  wieder  einmal  auf  der  Staats- 
bibliothek  abfangen  und  dann  hoffe  ich,  seine  Berichte  vom 
Kriegsschauplatze  entgegenzunehmen.  Ubrigens  haben  die 
Goldberg-Menschen  ihre  Aktivitat  in  geregelteBahnen  gelei- 
tet  und  laden  als  „Philosophische  Gruppe"  allwochentlich  an 
den  Plakatsaulen  zu  ihren  Dienstagsveranstaltungen  ein. 

Von  meinen  Arbeiten  ware,  bibliographisch,  etwas  noch 
anzudeuten,  daB  in  der  „Neuen  Schweizer  Rundschau"  ein 
„ Weimar"  erschienen  ist,  das  die  dem  Sowjetstaate  abge- 
wandte  Seite  meines  Janushauptes  aufs  lieblichste  vorstellt. 
Aber  den  werde  ich  Dir  wohl  zugeschickt  haben.  Andernfalls 
f ordere  ihn  bitte  an.  Das  Haupt  wird  sich,  vollstandig,  wenn 
auch  nur  en  miniature,  nach  Erscheinen  von  „ Marseille"  dar- 
stellen,  das  ich  urn  dieser  Korrespondenz  willen  an  gleicher 
Stelle  erscheinen  sehen  mochte.  Es  besteht  darauf  Aussicht. 
Was  mich  sonst  in  letzter  Zeit  anging  ersiehst  Du  einiger- 
maBen  deutlich  aus  dem„Surrealismus",  einem  lichtundurch- 
lassigen  Paravent  vor  derPassagenarbeit.  Unter  den  Artikeln, 
die  ich  vorbereite  ist  einer,  mit  dem  ich  etwas  AnstoB  zu 


489 


geben  hoffe:  „Tief stand  der  literarischen  Kritik  in  Deutsch- 
land".  Fernerhin  hat  der  Endesunterfertigte  eine  grofie  No- 
velle  von  Jouhandeau  „Le  marie  du  village"  libersetzt,  uber 
deren  Schicksal  noch  nichts  bekannt  ist.3  En  demeurant 
glaubt  er  Dich  auf  diesen  Autor,  dem  in  der  Stickluft  kleiner 
franzosischer  Sakristeien  Visionen  sich  zeigen,  vor  denen  die 
gewiegtesten  Heiligen  von  nebenan  ReiBaus  nehmen  wiirden, 
schon  hingewiesen  zu  haben.  Sonstige  Allotria  wirst  Du 

—  Gott  sei's  geklagt  —  in  einer  zweiten  Frankreichnummer 
finden. 

Was  wiinscht  die  „Jiidische  Rundschau"  xiber  mich  zu.er- 
fahren?  Und  warum  entziehst  Du  Dich  solcher  Aufgabe? 

-  Aber  ich  weiB  es  recht  gut  und  der  Himmel  moge  Dich 
dafiir  segnen. 

Ganz  submissest  mochte  ich  Deine  Bemerkungen  zu  [Karl] 
Kraus  und  der  Halacha  anfordern.  Ich  mochte  meinen,  daB 
sie  mir  nicht  bekannt  sind.  BewuBt  entsinne  ich  mich  nicht, 
von  Dir  etwas  dariiber  gehort  zu  haben.  In  seinen  berliner 
Demarchen,  vom  groBen  Fackelheft  gegen  Kerr  an,  zeigt  sich 
eine  so  ungliickliche  Hand,  daB  aus  der  geplanten  Ubersied- 
lung  hierher  wohl  nichts  werden  wird. 

Nun  ich  bin,  wenn  schon  nicht  erfreulich  so  doch  ausfiihr- 
lich  gewesen,  und  werde  es  weiter  sein.  Bitte  antworte,  wenn 
auch  noch  so  kurz,  baldigst.  Herzliche  GriiBe  an  Dich  und 
Escha 

Dein  Walter 
[.-■] 

1  Im  „Korrespondenzblatt  des  Vereins  zur  Begriindung  einer  Akade- 
mie  fiir  die  Wissenschaft  des  Judentums",  Berlin  1928,  S.  5—23. 

2  Jetzt  Professor  of  Political  Science  an  der  Universitat  Chicago,  geh. 
1899. 

3  Erschien  1931  unter  dem  Titel  „Der  Dorfbrautigam"  in  der  „Euro- 
paischen  Revue",  VII.,  S.  105-131. 


490 


18  J  An  Gerhard  Scholem 

15.  Marz  1929 

Lieber  Gerhard, 

ich  hore  mit  Freude,  daB  Du  wahrscheinlich  nicht  nach  Eu- 
ropa  kommst.  Das  wird  mir  also  erlauben,  meine  Reise  nach 
Palastina  eventuell  schon  vor  dem  Herbst  anzutreten. 

Gestern  habe  ich  Buber  gesprochen.  Ihm  die  Situation  ein- 
gehend  klaxgelegt  und  von  ihm  erfahren,  daB  Dr.  Magnes 
im  Augenblick  nicht  hier  ist,  aber  in  ein  paar  Tagen  zuriick- 
erwartet  wird.  An  ihn  werde  ich  mich  wenden.  Weltsch1  ist 
schon  nach  Palastina  abgefahren.  Buber  erzahlte,  daB  er 
mich  fur  Vortrage  an  der  Schule  der  jiidischen  Jugend  emp- 
fohlen  habe.  Vorlaufig  sehe  ich  mich  indessen  mehr  auf  deren 
Banken  als  auf  deren  Kathedern. 

Optime,  amice  fragst  Du,  was  sich  wohl  hinter  der  Surre- 
alismus-  Arbeit  verbergen  mag.  (Ich  glaube,  sie  Dir  komplett 
zugesandt  zu  haben,  bitte  schreibe,  ob  Du  sie  erhieltest.)  In 
der  Tat  ist  diese  Arbeit  ein  Paravent  vor  den  „Pariser  Passa- 
gen"  —  und  ich  habe  manchen  Grund,  was  dahinter  vorgeht, 
geheim  zu  halten.  Gerade  Dir  aber  immerhin  soviel:  daB  es 
sich  hier  eben  um  das  handelt,  was  Du  einmal  nach  Lektiire 
der  „EinbahnstraBe"  beriihrtest:  die  auBerste  Konkretheit, 
wie  sie  dorthin  und  wiederfurKinderspiele,fiir  einGebaude, 
eine  Lebenslage  in  Erscheinung  trat,  fur  ein  Zeitalter  zu  ge- 
winnen.  Ein  halsbrecherisches,  atemraubendes  Unterneh- 
men,  nicht  umsonst  den  Winter  iiber  -  auch  wegen  der 
schrecklichen  Konkurrenz  mit  demHebraischen— immer  wie- 
der  vertagt,  also  zeitweise  mich  lahmend,  nun  ebenso  unauf- 
schiebbar  wie  zur  Zeit  unabschlieBbar  befunden. 

Daraus  ergibt  sich,  a  tempo  das  Hebraische  aufzunehmen 
und  daneben  die  Passagenarbeit  soweit  zu  f ordern,  daB  sie 
dann  in  Palastina  sich  von  neuem  und  ohne  Schaden  zuriick- 
stellen  laBt.  Das  beste  ware,  sie  wiirde  sich  explosiv  vollen- 
den.  Damit  kann  ich  aber  nicht  rechnen.  An  Magnes  schreibe 
ich  sowie  ich  die  Stunden  begonnen  habe. 

Fur  die  nachste  Frankreich-Nummer  der  ,,Literarischen 


491 


Welt"  habe  ich  ein  Rudel  Kritiken  verfaBt  und  spinne  zur 
Zeit  an  einigen  Arabesken  zu  Proust2.  Der  Surrealismus  liat 
mir  einen  erfreulichen,  erfreuten,  ja  begeisterten  Brief  von 
Wolfskehl  eingetragen,  und  mir  auch  sonst  noch  ein  oder 
zwei  freundliche  Blicke  eingetragen.  Ich  hoffe  darauf ,  Dir  in 
kurzem  eine  „ Marseille"  iibersenden  zu  konnen  und  etwas 
anderes,  das  sich  „Kurze  Schatten"3  benennt.  Was  von  alle- 
dem  oder  sonst  Du  aber  unter  meiner  „experimentellen Damo- 
nologie"  verstehst,  das  enthiille  mir  baldigst. 

Der  erwahnte  [Leo]  StrauB  ist  mir  aus  den  Augen  ver- 
schwunden.  Da  es  aber  unter  Mitnahme  einer  umfangreichen 
Bibliographie  iiber  das  Marchenwesen  geschah,  so  werde  ich 
ihm  nun  einen  Steckbrief  nachsenden,  der  vielleicht  auch  die 
Sache  Deines  Goldbergbriefes  fordert,  den  er  auch  noch  in 
Handen  hat.  Ubrigens  entfaltet  dieser  Goldbergkreis  eine 
regelmaBige  Dienstagsaktivitat  am  Nollendorfplatz.  Vor- 
tragsabende:  fiir  mich,  der  sie  nur  auf  den  Plakaten  genieBt, 
Photomontagen  ernster  Zores  auf  miesen  Ponems. 4 

Die  Eile  der  jiidischen  Gemeinde  in  Berlin  ist  fiir  mich  in 
der  Tat  bedauerlich. 5  Que  faire?  Der  Start  ist  nun  abgesteckt. 
Man  muB  die  Bahn  im  Auge  behalten.  Du  bekommst  lauf  end 
weitere  Nachricht. 

Herzlichst  Dein  Walter 

Was  Du  iiber  das  Parlament  und  die  Arab  erf  rage  schreibst 6, 
schien  mir  einleuchtend  und  war  wahrscheinlich  sehr  notig. 
Mache  Dich  weiter  durch  solche  Sendungen  bemerkbar,  zu- 
nachst  erbitte  ich  sehr  dieNotiz  iiber  dieHerkunft  vonKraus' 
Sprache  aus  dem  Musivstil  —  Halachastreit. 

1  Robert  Weltsch,  Chefredakteur  der  „Jiidischen  Rundschau". 

2  Erschienen  in  der  „Literarischen  Welt"  vom  21.  Juni  -  5.  Juli  1929. 
Jetzt  Schriften  IT,  S.  132-147. 

3  NSR,  Nov.  1929.  Jetzt  Schriften  II,  S.  13-22. 

4  Jiidisch:  Ernster  Sorgen  auf  hafilichen  Gesichtern.  Gemeint  ist: 
echte  Probleme  werden  hier  von  falschen  Leuten  behandelt. 

5  Nicht  mehr  verstandlich. 

6  In  einera  Aufsatz  in  der  .Jiidischen  Rundschau"  vom  8.  Febr.  1929. 


492 


186  An  Gerhard  Scholem 

[6.  Juni  1929] 

Lieber  Gerhard, 

Deinen  Brief  beantworte  ich  postwendend. 

Der  Brief  anMagnes,von  dem  ichDir  zu  informatorischen 
Zwecken  eine  Copie  beilege,  geht  morgen,  nachdem  er  in 
Schreibmaschinenausfertigung  vorliegt,  an  ihn  ab. 

Ich  vermag  Deinen  Vorwurfen  leider  nicht  das  mindeste 
entgegenzusetzen ;  sie  sind  absolut  begriindet  und  ich  stoBe  in 
dieser  Sache  auf  ein  schon  pathologisches  Zogern,  das  mir 
leider  auch  sonst  bei  mir  hin  und  wieder  bekannt  ist.  Die 
Kiirze  des  letzten  Briefes  an  Dich  hast  Du  allerdings  doch 
eher  miBverstanden.  Sie  entsprang  aus  der  Eile,  Dir  anzu- 
melden,  daB  die  Sache l  endlich  in  Gang  ist.  Und  das  besagt 
nun  allerdings  um  so  mehr,  je  komplizierter  die  vorliegenden 
Hemmungen  waren.  (Deren  Gestalt  und  AusmaB  Du  iibri- 
gens  doch  nur  zumteil  kennst  und  die  soweit  sie  rein  persbn- 
licher  Natur  sind,  mundlicherMitteilung  vorbehalten  werden 
miissen.) 

Mein  Kommen  im  Herbst  ist  nur  abhangig  von  meiner 
materiellen  Lage.  Von  sonst  nichts,  Gesundheit  vorausgesetzt. 
Dagegen  kann  ich  Dich  nur  versichern,  daB  nun  da  ich  begon- 
nen  habe,  mein  Hebraisch  unabhangig  von  dem  Termin  mei- 
ner Palastinareise,  hier  oder  dort,  unbedingt  durchgefiihrt 
wird. 

Ich  muB  ubrigens,  mitden  Vorbehalten,  die  eine  sehrkurze 
Erfahrung  erfordert,  feststellen,  daB  ich  in  Lernstimmung 
bin  und  wenn  schon  nicht  leicht,  so  doch  nicht  so  phantastisch 
schwer  lerne  wie  ich  gefiirchtet  hatte  und  daB  es  mir*in  ge- 
wissen  Grenzen  sogar  Freude  macht.  Ich  glaube  daB  Mayers2 
Methode  sehr  gut  ist:  viel  Schriftliches,  ins  Hebraische  iiber- 
setzen. 

Ich  nehme  wie  gesagt  taglich  Stunde  und  habe  wo  ich  gehe 
und  stehe  die  Grammatik  bei  mir.  Vorlaufig  sind  wir  noch  in 
ihr  beheimatet,  Mayer  hat  aber  vor,  bald  zur  Lektiire  iiber- 
zugehen.  [.  .  .]  Du  wirst  anerkennen,  daB  die  langst  geschul- 

493 


dete  Nachricht  liber  diese  Verhaltnisse  nun  so  vollstandig 
vorliegt,  als  das  zur  Zeit  moglich  ist.  Ich  wende  mich  zu 
einigem  andern.  [.  .  .]  Ich  bereite  vor:  „Die  singende  Blume 
oder  die  Geheimnisse  des  Jugendstils"  fiir  die  Frankfurter 
Zeitung. 

Ich  habe  einige  nennenswerte  Bekanntschaften  gemacht. 
Ad  1  die  nahere  mit  Brecht  (iiber  den  und  iiber  die  viel  zu 
sagen  ist)  ad  2  die  mit  Polgar,  der  jetzt  zu  Hessels  nachstem 
Kreise  gehdrt.  Von  Hessel  ist  erschienen:  „Spazieren  in  Ber- 
lin" 3.  Ich  werde  veranlassen,  daB  ers  Dir  zuschickt.  —  Schoen 
ist  kiinstlerischer  Leiter  des  frankfurter  Rundfunks  und  ein 
wichtiger  Mann  geworden. 

Ich  bleibe  mindestens  bis  zum  ersten  August  in  Berlin, 
eventuell  etwas  langer.  Mein  urspriinglicher  Plan  ist,  dann 
ein  paar  Wochen  nach  Paris  zu  gehen,  von  dort  via  Marseille 
nach  Palastina. 

Bitte  halte  mich  von  Deinen  Entscheidungen  auf  dem 
Laufenden.  Sage  Agnon  alles  Herzliche;  ich  werde  ihm 
schreiben.  Uber  seine  Zeilen  habe  ich  mich  sehr  gefreut. 

Uber  den  Baader  reden  wir  also  im  Herbst  noch  einmal, 
ich  werde  versuchen  ihn  solange  zu  halten.4 

Ich  arbeite  sehr  viel.  Soweit  es  Druckgestalt  in  der  Litera- 
rischen  Welt  annimmt,  wirst  Du  es  von  nun  ab  regelmaBig 
bekommen.  Hiermit,  vor  allem  aber  mit  den  vorstehenden 
Mitteilungen,  hoff e  ich  unsern  Korrespondentenhimmel  etwas 
gereinigt  zu  haben  und  verspreche  weitern  bestandigen  Ost- 
wind. 

beracha  gam  le5-Escha 

Dein  Walter 

1  Die  hebraiscben  Stunden. 

2  Sein  Lehrer  Dr.  Max  Mayer  (geb.  1887),  jetzt  in  Haifa. 

3  Von  W.  B.  besprochen  in  der  „Literarischen  Welt"  vom  4.  Okt.  1929. 

4  Bezieht  sich  auf  W.  B.'s  Exemplar  der  Schriften  Franz  von  Baaders, 
das  Scholem  fiir  die  Universitatsbibliothek  in  Jerusalem  erwerben 
wollte. 

5  In  bebraischen  Scbriftzeichen.  („GruB  auch  an . . .").  Diese  Studien 
wxirden  im  Juli  unterbrochen  und  kaum  wieder  aufgenommen. 


494 


187    An  Max  Rychner 

Berlin,  7.  Juni  1929 

Sehr  verehrter  Herr  Rychner, 

auf  Ihre  freundlichen  Zeilen  vom  April  hatte  ich  Ihnen  wohl 
mit  einem  kurzen  „einverstanden"  antworten  mussen.  Wenig- 
stens  entnehme  ich  es  daraus,  da6  ich  bisher  noch  keine  Kor- 
rekturen  erhielt.  Aber  das  bin  ich  gewiB  — einverstanden.  Und 
gerade  im  Zusammenhange  dieser  Noten  lege  ich  keinen  ent- 
scheidenden  Wert  auf  das  „Schone  Entsetzen"1  —  so  lieb  es 
mir  wegen  des  Erlebten  ist,  aus  dem  es  hervorgeht.  Damit 
wir  aber  nicht  unbescheidenerweise  die  musische  Neunzahl 
fur  diese  Schatten  anrufen,  sende  ich  Ihnen  fur  die  nun  frei- 
gewordene  Stelle  hier  eine  neue  und  wir  bleiben  bei  zehn. 

GewiB  hatte  ich  friiher  von  mir  horen  lassen,  ware  ich 
nicht  durch  das  Studium  des  Hebraischen  in  einen  neuen  mich 
bis  aufs  letzte  beanspruchenden  Arbeitskreis  getreten.  Meine 
iibrigen  Arbeiten  miissen  sich  die  Zeit  nehmen,  wo  sie  sie 
finden.  Ich  bin  mindestens  bis  Anfang  August  in  Berlin. 
Aber  da  Sie  mir  keine  Hoffnung  machen  kbnnen,  auf  diesem 
Boden  zu  erscheinen,  sollen  Sie  wissen,  dafi  ich  sodann  fur 
kurze  Zeit  in  Paris  sein  werde. 

Mit  freundlichen  Griiflen  —  und  einem  besonderen  Dank 
fur  den  C.  F.  Meyer,  den  Sie  mir  zugehen  lieBen  und  der 
mir  wert  geworden  ist 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Ein  Stuck  in  „Kurze  Schatten". 


495 


188  An  Hugo  von  Hofmannsthal 

Berlin-Grunewald,  26.  6.  1929 

Lieber  und  hochverehrter  Herr  von  Hofmannsthal, 

vielleicht  erreicht  dieser  Brief  Sie  gleichzeitig  mit  den  herz- 
lichen  GriiBen,  die  ich  Frau  Wiesenthal  bat,  Ihnen  zu  iiber- 
bringen.  Die  Kluft  meines  Schweigens  ware  so  besser  uber- 
briickt  als  mit  den  verschiedenen  Dingen,  die  hier  beiliegen. 

Ich  habe  diese  kleinen  Arbeiten  fiir  Sie  gesammelt  und  war 
immer  froh,  wenn  ich  etwas  zuriicklegen  konnte,  wo  von  ich 
mir  sagte,  in  einem  giinstigen  Augenblick  konne  es  Sie  als 
Leser  finden.  Der  Proust- Aufsatz,  von  dem  ich  hoffentlich 
nicht  ohne  Grund  annehme,  daB  er  Ihnen  einen  gewissen 
BegrifT  von  dem  gibt,  was  mich  vor  Jahren"  in  Paris  beschaf - 
tigte  und  dem  Sie  Ihren  Anteil  schenkten,  sollte  das  ganze 
l)brige  Ihnen  empfehlen;  darum  habe  ich  bis  zu  seinem  Er- 
scheinen  gewartet.  Der  „Surrealismus"  ist  ein  Gegenstiick 
zu  ihm,  das  einige  Prolegomena  der  Passagen- Arbeit  enthalt, 
von  der  wir  einmal  bei  mir  gesprochen  haben.  „  Weimar"  ist 
ein  Nebenprodukt  meines  „  Goethe"  fiir  die  Russische  Enzy- 
klopadie.  Ob  der  je  erscheinen  wird,  weiB  ich  nicht.  Fest  steht 
nur,  daB  er  in  die  Enzyklopadie  hochstens  bis  zur  Unkennt- 
lichkeit  entstellt  gelangen  kann.  Vor  einem  Jahr  bin  ich  in 
Weimar  gewesen.  Der  Eindruck  ist  an  einigen  Stellen  der 
Arbeit  zugute  gekommen,  um  derentwillen  der  Aufenthalt 
gedacht  war.  Die  Essenz  aber  suchte  ich,  unbeschwert  vom 
Zusammenhang  einer  Darstellung,  auf  diesen  beiden  Seiten 
festzuhalten.  Zu  ihnen  ist  „ Marseille" 1  ein  Gegenstiick. 
Schwach  wahrscheinlich,  mir  aber  aus  dem  hochst  unmaB- 
geblichen  Grunde  lieb,  weil  ich  mit  keiner  Stadt  so  gekampft 
habe.  Ihr  einen  Satz  abzuringen,  konnte  man  sagen,  ist  schwe- 
rer  als  aus  Rom  ein  Buch  herauszuholen. 

Seit  zwei  Monaten  habe  ich  endlich  mit  meinem  Vorsatz 
ernst  gemacht :  ich  lerne  hebraisch.  Diesen  Einschnitt  in  meine 
Arbeit  auch  auBerlich  und  so  markant  zum  Lebensabschnitt 
zu  machen  wie  Sie  es  mir  in  unserm  ersten  Gesprach  so  uber- 
zeugend  anrieten,  lieB  sich  nicht  durchfuhren.  Ich  konnte 

496 


nicht  von  Berlin  fortgelien.  Doch  habe  ich  hier  einen  ganz 
ausgezeichneten  Lehrer  gefunden,  einen  alteren  Mann  mit 
bewunderungswiirdigem  Verstandnis  fur  meine  Lage  und 
doch  mit  der  notigen  Autoritat,  um  den  Vokabeln  und  Sprach- 
f ormen  EinlaB  bei  mir  zu  erzwingen.  Im  ganzen  ist  am  gegen- 
wartigen  Zustand  fur  mich  nur  schwierig  der  Wechsel  zwi- 
schen  Lernen  und  literarischer  Aktivitat.  Ich  konnte  mir  eine 
Reihe  der  schonsten  Tage  mit  nichts  als  Grammatik  denken. 
Umsomehr  als  ich  an  die  erwahnte  Passagenarbeit  im  Augen- 
blick  doch  nicht  gehen  kann.  Sie  ist  aber  nach  Material  und 
Fundierung  in  den  Monaten  seit  ich  Sie  sah  sehr  gewachsen 
und  ich  darf  sie  ein  paar  Monate  ruhen  lassen  ohne  sie  zu 
gefahrden. 

Vermutlich  gehe  ich  im  Laufe  des  September  fur  einige 
Monate  nach  Palastina.  Am  ersten  August  liquidiere  ich 
meine  berliner  Situation  und  leider  auch  das  schone  Zimmer, 
in  dem  ich  Sie  bei  mir  sehen  durfte  und  gehe  zunachst  nach 
Paris. 

Sehen  Sie  bitte,  lieber  Herr  von  Hofmannsthal,  in  diesem 
Brief e  nicht  nur  den  Rechenschaftsbericht  sondern  den 
Wunsch,  in  Ihrer  Erinnerung  lebendig  zu  bleiben. 

Ich  bin  mit  herzlichen  Griiften  Ihr  aufrichtig  Ihnen  er- 
gebener 

Walter  Benjamin 

PS  „  Weimar"  und  ^Marseille"  liegen  der  Sendung  nicht 
bei.  Ich  bat  Rychner  schon  vor  mehreren  Monaten,  sie  Ihnen 
direkt  zu  senden. 

Das  Ersch  einen  von  Proust  III  hat  sich  lange  verzogert 
und  darum  auch  die  Absendung  dieser  Zeilen.  Nun  kann  ich 
ihnen  Gewisseres  hinzufugen.  Am  17.  September  fahre  ich 
von  Marseille  iiber  Konstantinopel  und  Beyrouth  nach  Jaffa. 
Anfang  Oktober  will  ich  in  Jerusalem  sein  und  dort  drei 
Wintermonate  ausschliefilich  dem  weiteren  Studium  widmen. 
Schon  jetzt  beansprucht  es  mich  soweit,  daB  ich  an  keine 
groBe  Arbeit  denken  kann  und  die  kleinen  noch  langer  brau- 
chen  als  sonst.  Immerhin  hoff  e  ich  Ihnen  nach  einigen  weite- 
ren Wochen  einen  ganz  kleinen  Versuch  iiber  den  Jugendstil 
senden  zu  konnen,  der  in  der  frankfurter  Zeitung"  erschei- 

497 


nen  soil.  Danach  beschaftigt  mich  „Warum  es  mit  der  Kunst 
Geschichten  zu  erzahlen  zu  Ende  geht"  -  d.  h.  der  Kunst  der 
miindlichen  Erzahlung. 

Ich  erneuere  Ihnen  meine  herzlichsten  und  ergebensten 
GriiBe. 

W.B. 

1  NSR,  April  1929.  Jetzt  Schriften  II,  S.  67-71. 


189  An  Gerhard  Scholem 

Volterra,  27.  Juli  1929 

Lieber  Gerhard, 

Du  magst  sagen,  was  Du  willst:  meine  Brief e  sind  alles  in 
allem  nicht  so  sparlich,  selten  kurz.  Und  was  ich  mir  dieFrei- 
heit  genommen  habe  uber  den  Stand  der  europaischen  Korre- 
spondenz  festzustellen,  hatte  Dir  die  Tugenden  meiner  inter  - 
nationalen  nur  in  helleres  Licht  riicken  sollen.  Zu  diesen 
gehort,  wie  ich  unermudlich  bestrebt  bin,  Dir  wechselnde  und 
rare  Datierungen  darzubieten.  In  diesem  Sinne,  mindestens, 
kann  auch  vorliegendes  Schreiben  Deine  Aufmerksamkeit 
erbitten.  Es  kommt  namlich  aus  einem  Zentrum  der  etruski- 
schen  Kultur,  sagen  wir  aus  ihrer  Vorholle,  sofern  ich  eben 
eine  37jahrige  Unwissenheit  von  diesen  Dingen  durch  einen 
dreistiindigen  Museumsbesuch  gebufit  habe.  Aus  Volterra. 
Nicht  umsonst  unbekannt;  ohneSchadenselbstvonD'Annun- 
zio  besungen;  hochst  groBartig,  inmitten  einer  Art  schnee- 
losen,  afrikanischen  Engadins  gelegen  —  so  klar  sind  die  rie- 
senhaften  Oden  und  die  kahlen  Berge  seiner  Umgebung. 

Ganz  steil  iiber  mir  bewegt  sich  die  Wetterfahne  des  alten 
burgartigen  Munizipio  wie  ein  Dachdecker. 

FolgendermaBen  bin  ich  hergekommen.  [Wilhelm]  Speyer 
hat  mich  aufgefordert,  ihn  im  Auto  nach  Italien  zu  begleiten. 
Er  ist  bei  Freunden  in  Forte  dei  Marmi.  Ubermorgen  wollen 
wir  zusammen  zurlickfahren.  Ich  nahm  seinen  Vorschlag  an. 

498. 


Er  kam  drei  Tage  nachdem  Dr.  Mayer  nach  Bad  Eibing  zur 
Kur  verreist  war.  Wir  haben  besprochen,  daB  ich  ihm  laufend 
meine  schriftlichen  Arbeiten  schicke.  Das  habe  ich  auch  be- 
gonnen,  aber  der  Fernunterricht  bleibt  etwas  prekar.  Kurz, 
ich  sitze  nun  eine  Woche  in  San  Gimignano  und  bin  heute 
hier  heriibergefahren.  Morgen  gehe  ich  nach  Siena.  Dort 
wird  die  Zeit  etwas  kurz  sein.  Aber  Speyers  Dispositionen 
sind  wandelbar,  [.  .  .] 

Uber  San  Gimignano  schreibe  ich  Dir  nichts.  Ich  denke 
auch,  Du  horst  den  Namen  nicht  zum  ersten  Male.  Vielleicht 
gibt  es  spater  einmal  etwas  von  mir  dariiber  zu  lesen1.  Im 
schlimmsten  Fall  miiBtest  Du  mit  Bildern  von  Derain  vorlieb 
nehmen,  im  besten,  die  Situation  selber  zur  Kenntnis  nehmen, 
wo  Du  so  gewiB  der  einzige  Palastinenser  wie  ich  der  einzige 
Deutsche  sein  wirst. 

Jetzt  meine  kommenden  Dispositionen.  Fur  Mitte  August 
bis  Anfang  September  hat  man  mir  eine  Einladung  fur  Pon- 
tigny  in  Aussicht  gestellt.  Zur  sogenannten  zweiten  Dekade; 
das  ist  die  alljahrliche  Zusammenkunft  der  beriihmtesten 
Dichter  Frankreichs,  von  Gide  begonnen  die  meisten  groBen 
Rom[an]ziers  und  Lyriker.  Leider  bestehen  Schwierigkeiten 
rein  technischer  Art.  [.  .  .]  Weiter  sind  meine  Dispositionen 
in  Frage  gestellt  durch  einen  ProzeB  2  und  durch  den  Gesund- 
heitszustand  meiner  Mutter,  der  das  schlimmste  befiirchten 
laBt.  Sauf  imprevu  aber  mochte  ich  mich  im  September  in 
Marseille  einschiffen  und  am  5ten  Oktober,  mit  dem  Lamar - 
tine,  in  Jaffa  eintreffen.  Ich  wurde  also  sehr  bald  nach  meiner 
bevorstehenden  Ruckkehr  nach  Frankreich  gehen  und  dann 
nicht  mehr,  vor  meiner  Abreise,-  nach  Berlin  zuriickkehren. 

Hofmannsthals  Tod  hat  mich  betrubt.  Ich  bin  nicht  sicher, 
daB  er  einen  Brief  mit  einer  groBeren  Sammlung  meiner 
Arbeiten  noch  bekommen  hat.  Er  ging  zwei  Wochen  vor  der 
Katastrophe  ab,  aber  in  Rodaun  war  es  Sitte,  Hofmannsthal 
die  Post  immer  nur  nach  MaBgabe  seines  Ergehens  vorzu- 
legen.  Die  Frechheit  der  deutschen  Nachruf e  war  widerwartig. 

Bitte  schreibe  doch  einmal,  woran  Du  sitzt.  In  San  Gimi- 
gnano habe  ich  mir  die  Hande  an  den  Dornen  eines  allerdings 
stellenweise  iiberraschend  schon  bliihenden  Rosenbuschs  aus 


499 


Georges  Garten  zerschunden.  Es  ist  das  Buch  „Der  Dichter 
als  Fiihrer  in  der  deutschen  Klassik".  Sein  Verfasser  heiBt 
Kommerell  und  meine  Rezension:  Wider  ein  Meisterwerk. 3 
Jetzt  besteige  ich  den  Autobus  und  wenn  ich  wieder  in  Ber- 
lin bin,  diirftest  Du  bereits  im  Besitz  der  hier  deponierten 
herzlichsten  Griifie,  an  Dich  und  Escha,  sein. 

Dein  Walter 

1  In  der  „Frankfurter  Zeitung"  vom  23.  August  1929.  Jetzt  Schrif- 
ten  II,  S.  83  f. 

2  W.  B.s  Scheidung. 

3  Schriften  II,  S.  307-314. 


190  An  Gerhard  Scholem 


Berlin- Grunewald,  Delbriickstr.  23,  4.  August  1929 

Lieber  Gerhard, 

im  Augenblick  da  ich  in  Wolken  von  Staub  unter  einem 
Gebirge  von  Kisten  meine  zehn-  oder  selbst  zwanzigjahrige 
SeBhaftigkeit  aufgebe  und  diese  Wohnung  verlasse,  fallt  mir 
das  Manuskript  der  Trauerspielarbeit  in  die  Hande.  Es  ist 
nicht  schon1,  vielleicht  nicht  einmal  ganz  vollstandig.  Aber 
auch  das  Buch  hat  seine  Fehler,  darin  ist  es  ihm  also  zugeho- 
rig.  Und  indem  es  mil  diesen  Worten  an  Deiner  Schwelle  sich 
rauspert  und  den  Staub  der  Jahre  von  sich  abschuttelt  nimmst 
Du  es  hoffentlich  freundlich  auf.  Mehr  sobald  diese  Tage 
uberwunden  sind  und  ich  die  Dispositionen  der  nachsten 
Monate,  bzw.  meiner  Reise  nach  Palastina  iiberblicke.  Post 
erreicht  mich  via  Grunewald. 

Herzlichst  Dein  Walter 

1   Es  ist  mikroskopisch,  mit  vielen  Durchstreichungen,  geschrieben. 


500 


191  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  Friedrich  Wilhelmstr.  1 5 

bei  Hessel 

18.  September  1929 

Lieber  Gerhard, 

gestern  habe  ich  Dir  als  hundertpferdigen  Vorsparm  dieser 
Zeilen  ein  Radiogramm  geschickt,  das  meine  Ankunft  auf 
den  vierten  November  festsetzt.  Unumwunden  stelle  ich  f  est, 
daB  die  dortigen  Ereignisse1  an  dieser  einmonatlichen  Ver- 
schiebung  keinen  Anteil  haben,  das  hangt  mit  meinem  pro- 
funden  MiBtrauen  in  Zeitungsinformationen  zusammen. 
Aber  Dein  Brief  laBt  mich  annehmen,  daB,  in  andrer  Hin- 
sicht,  dies  MiBtrauen  diesmal  leider  iiber  das  Ziel  schoB. 
Nein,  der  wahre  Grund  war  ein  schon  erwahnter  Gerichts- 
termin  und  daneben  eine  Arbeit  mit  Speyer  —  Wilhelm 
Speyer,  dem  Romancier  und  Dramatiker  —  die  finanziell  von 
einigem  Belang  fur  mich  sein  kann.  Von  diesem  neuen  Ter- 
min  werde  ich  nun  freiwillig  nicht  abgehen.  Der  Zustand 
meiner  Mutter  ist  nun  auch  etwas  gebessert. 

Ich  weiB  nicht,  ob  ich  Dir  einmal  geschrieben  habe,  daB 
seit  ungefahr  einem  Jahre  eine  Freundin,  Frau  Lacis,  in 
Deutschland  ist.  Sie  stand  kurz  vor  ihrer  Heimkehr  nach 
Moskau,  da  ist  sie  vorgestern  wieder,  so  scheint  es  wenigstens, 
von  einem  akuten  Anfall  von  Enzephalitis  befallen  worden 
und  gestern  hab  ich  sie,  da  ihr  Zustand  es  noch  eben  erlaubte, 
in  den  Zug  nach  Frankfurt  gesetzt,  wo  [Kurt]  Goldstein,  der 
sie  kennt  und  sie  schon  behandelt  hat,  sie  erwartet.  Ich  werde 
ebenfalls  bald,  moglichst  schon  vor  meiner  Reise  nach  Mar- 
seille, wo  ich  mich  einschiffe,  heriiberfahren.  In  den  letzten 
Wochen  habe  ich  dort  dreimal  oder  sogar  viermal  im  Rund- 
funk  gesprochen.  Erheblich  ist  von  diesen  Vortragen  alien - 
falls  ein  ausfuhrlicher  iiber  Julien  Green,  den  Du  unter 
meinen  mitgebrachten  Papieren,  falls  nicht  vorher  gedruckt, 
zu  sehen  bekommen  wirst. 2 

In  der  letzten  Zeit  habe  ich  auBergewohnlich  viel  gearbei- 
tet,  nur  aber  nicht  Hebraisch,  das  ich  ohne  einen  Lehrer 

501 


gegen  meine  hiesigen  auBerlich  und  innerlich  drangenden 
Beschaftigungen  nicht  durchsetzen  kann.  Nach  Dr.  Mayers 
Abreise  npchmals  einen  neuen  fur  vier  Wochen  heranzuzie- 
hen  schien  mir  aber  indiskutabel.  Ich  habe  fiir  Palastina  zu- 
nachst  einen  Auf enthalt  von  drei  Monaten  angesetzt,  in  denen 
ich  im  wesentlichen  nichts  anderes  als  Grammatik  zu  lemen 
wiinsche. 

Bitte  schreibe  mir,  ob  der  Ankauf  des  Baader  weiterhin 
erwiinscht  ist.  Ich  sende  ihn  dann  sofort.  Die  Auszahlung  hat 
Zeit  bis  sie  an  Ort  und  Stelle  erfolgen  kann* 

Von  meinen  Arbeiten  gehen  zwei  kleine  gleichzeitig  oder 
in  Kiirze  an  Dich  ab.  Uber  Hofmannsthal  habe  ich  nichts 
geschrieben  und  nichts  schreiben  kbnnen;  miindlich  warum. 
Einen  neuen,  meinen  dritten  „Hebel"  habe  ich  kiirzlich  fiir 
die  Frankfurter  Zeitung3  geschrieben,  ein  kleines  Stuck  aus 
Passagenzusammenhangen  bei  Gelegenheit  einer  Rezension 
von  Hessels  Berlinbuch  unter  dem  Titel  „Die  Wiederkehr  des 
Flaneurs"  zum  Vorschein  gebracht,  eine  zutzige  Abhand- 
lung  uber  Robert  Walser4  und  eine  Novelle  geschrieben.  Jetzt 
bin  ich  an  der  endgultigen  Redaktion  der  groBen  Rezension, 
die  mich  in  San  Gimignano  beschaftigt  hat.  Es  handelt  sich 
um  die  erstaunlichste  Publikation,  die  in  den  letzten  Jahren 
aus  dem  Georgekreise  hervorging:  Kommerells  Buch  „Der 
Dichter  als  Fiihrer  in  der  deutschen  Klassik". 

Inzwischen  hat  sich  mit  Heulen  und  Zahneklappern  die 
Eroffnung  der  „season"  vollzogen.  Esgab  etwasUnbeschreib- 
liches,  Ostjiidisches  von  Mehring,  von  dem  ungliickselig  bera- 
tenen  Piscator  mit  viel  Bravour  inszeniert;  und  erst  dieses 
Stiick  ist  so  ganz  bodenlos  schlecht  wie  ich,  in  einer  Rezen- 
sion aus  der  Frankfurter  Zeitung5,  die  ich  Dir  vermutlich 
gesandt  habe,  seine  Chansons  machte.  Mit  dem  neuen  Stiick 
von  Brecht  ist  auch  nicht  viel  Ehre  einzulegen  und  was  sonst 
etwas  zu  betrachten  ware  hat  noch  keine  Freibilletts  ab- 
geworfen. 

Ich  habe  in  den  sturmischen  Tagen  zum  ersten  Male  nach 
der  „Jiidischen  Rundschau"  gegriffen:  Mir  schien  da  ein  sehr 
zages,  offizioses  Lavieren  sich  abzuspielen,  aber  vielleicht  war 
ich  zu  naiv  um  das  Blatt  mit  Verstand  zu  lesen,  Der  letzte 


502 


und  neueste  Bericht  in  Berliner  Blattern  stand  im  Tageblatt 
und  wirkte  eher  beunruhigend.  Dein  Brief  ist  mir  natiirlich 
auBerst  instruktiv  gewesen.  Ich  denke  mir,  daB  man  auf  Sei- 
ten  der  Vernunft  auch  unter  den  Juden  in  der  Minoritat  ist 
und  Dein  Stand  entsprechend  schwierig  sein  kann. 

Ich  schlieBe  mit  einem  Verzeichnis  meiner  gegenwartigen 
Lekture,  in  der  sich  mein  Tun  und  Treiben,  marxistisch  gere- 
det,  so  halbwegs  „spiegelt":  Krupskaja:  Erinnerungen  an 
Lenin;  Cocteau:  Les  Enfants  Terribles  (sehr  aus  der  Passa- 
gengegend);  Gontscharow:  Oblomow. 

Bitte  bedenke,  daB  ich  diesmal  in  meiner  Antwort  sehr 
schnell  war  und  lohne  dies 

Deinem  Walter 

1  Die  schweren  Unrahen  in  Palastina  im  August  1929. 

2  Erschien  in  der  NSR,  April  1950.  Jetzt  Schriften  II,  S.  152-158. 

3  Im  Literaturblatt  der  FZ  vom  6.  Oktober  1929. 

4  Erschien  im  „Tagebuch",  1929,  S.  1609  ff.  Jetzt  Schriften  II,  S.  148 
bis  151. 

5  Vom  23.  Juni  1929. 


192  AnMaxRychner 

Berlin,  21.  November  1929 

Verehrter  Herr  Rychner, 

Nehmen  Sie  vorweg  Dank  flir  Ihre  freundlichen  Zeilen  zu 
meinem  Hebel.  Ich  verdanke  meinen  Schweizer  Jahren  so 
viel  fiir  das  Verstandnis  dieses  allemannischen  Wesens,  daB 
ich  vielleicht  einmal  den  Versuch  wagen  konnte,  ihr's  zu  ent- 
gelten,  indem  ich  daran  ging,  so  trockene  Nebelwesen  wie 
diesen  Ermatinger  samt  den  Seinen  auszuschwefeln.  Das  hat 
mich  besonders  gefreut,  daB  Sie  den  Ermatinger  so  deutlich 
visiert  fanden.  Mir  ist  die  Natur  dieses  Mannes  schon  vor 
Jahren  an  einem  unscheinbaren  Studienerlebnis  aufgegangen. 
Es  war  die  Zeit  wo  ich  an  meinem  „  Keller"  —  und  zwar  erst 
in  Berlin  dann  in  Paris  —  saB.  Bestrebt  dem  neuesten  Stande 


503 


der  Wissenschaft  mich  anzugleichen,  hatte  ich  in  Berlin  aus 
der  Ermatingerschen  Ausgabe  von  Kellers  Leben  und  Brief  en 
gearbeitet  und  lernte  erst  in  Paris  -  wo  es  diese  nicht  gab  - 
die  Bechtholdsche  kennen.  Und  nun  wurde  mir  mit  einem 
Schlag  alles  deutlich,  was  vorher  -  ich  weiB  selbst  nicht  durch 
welche  Anordnung,  welche  Not  en,  wTelche  Aura  des  Ermatin- 
gerschen Buches  -  mir  unsichtig  und  verschwommen  geblie- 
ben  war. 

Haben  Sie  im  letzten  Inselalmanach  das  zweite  der  Gedichte 
von  Gertrud  Kolmar1  gelesen?  Ich  fand  es  dort  zuerst  und 
es  machte  mir  einen  groBen  Eindruck. 

Nehmen  Sie  bitte,  was  hier  beiliegt,  in  Augenschein.  Sie 
haben  in  Gestalt  dieses  Manuskripts 2  den  Urheber  der  Ver- 
zogerung,  die  mein  Essay  uber  „ Roman  und  Erzahlung" 
erlitten  hat  und  vielleicht  fiir  eine  Weile  noch  f  erner  erleidet. 
Ich  miiBte  mich  sehr  irren,  wenn  das  Phanomen  Julien  Green 
Ihnen  nicht  langst  nahe  und  bedeutend  ware  und  ich  wiirde 
diesen  Versuch,  es  in  seiner  Tiefe  darzustellen  mit  groBer 
Freude  gerade  bei  Ihnen  beherbergt  sehen. 

Cela  dit,  darf  ich  Ihnen  vielleicht  mitteilen,  daB  man  sich 
an  einer  andern  (mir  sehr  viel  weniger  lieben)  Stelle  fiir  die- 
ses Manuskript  wieder  inter essiert  und  daraus  -  ungern  ge- 
nug  -  den  Grund  herleiten,  Sie  um  einen  moglichst  friihen 
Bescheid  zu  bitten. 

Mit  groBer  Spannung  vsehe  ich  dem  Schaederschen  Hof- 
mannsthalbuche  entgegen. 

Fiir  heute  bin  ich  mit  dem  Ausdruck  herzlicher  Verbun- 
denheit 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Sie  war  (mutterlicherseits)  W.  B.s  Kusine. 

2  „Julien  Green". 


504 


193  An  Gerhard  Scholem 

Paris,  20.  Janvier  1930 
Cher  Gerhard, 

tu  vas  me  trouver  fou  sans  doute;  mais  j'eprouve  une  diffi- 
culte  tellement  immense  a  abandonner  mon  silence  et  t'ecrire 
sur  mes  projects  que  peut-etre  je  n'y  parviendrai  jamais  sans 
me  trouver  cette  facon  d'alibi  qu'est  pour  moi  le  francais. 

Je  ne  puis  plus  me  each er  que  toute  cette  question— ajournee 
depuis  si  longtemps  -  menace  de  constituer  un  des  graves 
echecs  de  ma  vie.  D'abord  quant  au  voyage  en  Palestine  je  ne 
pourrai  l'envisager  qu'au  plus  tot  le  moment  ou  mon  divorce 
aura  ete  prononce.  Cela  ne  semble  pas  etre  si  proche.  [.  .  ]  Tu 
comprends  que  le  sujet  m'est  penible  a  un  point  tel  que  j'y 
passe. 

[.  .  ,]  II  me  faut,  je  crois,  abandonner  definitivement  1'es- 
poir  d'apprendre  l'hebreu  tant  que  je  serais  en  Allemagne, 
les  travaux  et  les  sollicitations  me  venant  de  tout  part  etant 
trop  pressantes  et  ma  situation  economique  etant  trop  pre- 
caire  pour  pouvoir  les  ecarter  entierement. 

Je  suis  en  train  de  porter  mes  regards  vers  les  derniers 
deux  ans,  c'est- a- dire  le  temps  de  mon  absence  de  Paris,  et 
de  me  rendre  compte  de  ce  qui,  pendant  ces  mois,  a  ete  fait. 
Deux  choses  principalement,  a  ce  que  je  vois.  D'abord  je  me 
suis  fait  —  a  vrai  dire  dans  des  proportions  modestes  —  une 
situation  en  Allemagne.  Le  but  que  je  m'avais  [l]  propose  n'est 
pas  encore  pleinement  realise,  mais,  enfin,  j'y  touche  d'assez 
pres.  C'est  d'etre  considere  comme  le  premier  critique  de  la 
litterature  allemande.  La  difficulte  c'est  que,  depuis  plus  de 
cinquante  ans,  la  critique  litteraire  en  Allemagne  n'est  plus 
consideree  comme  un  genre  serieux.  Se  faire  une  situation 
dans  la  critique,  cela,  au  fond,  veut  dire:  la  reorder  comme 
genre.  Mais  sur  cette  voie  des  progres  serieux  ont  ete  realises 
-  par  d'autres,  mais  surtout  par  moi.  Voila  pour  ma  situation. 
Quant  aux  travaux  j'espere  en  pouvoir  rendre  compte  publi- 
quement  en  quelque  temps,  Rowohlt  dtant  dispose  de  publier 
sous  forme  d'un  livre,  un  choix  de  mes  essais,  comme  tu  as 

505 


ete  assez  gentil  de  me  le  proposer,  dans  une  de  tes  dernieres 
lettres,  C'est  pour  ce  livre  que  je  prepare  deux  nouveaux  essais 
surtout:  Tun  concernant  le  „modern  style"  (Jugendstil), 
l'autre  la  situation  et  la  theorie  de  la  critique. 

Mais  puis,  et  surtout,  ce  dont  il  va  s'agir,  c'est  mon  livre 
„Pariser  Passagen".  Je  suis  bien  desole  que  pour  tout  ce  qui 
se  rattache  a  lui  -  et  a  vrai  dire  c'est  le  theatre  de  tous  mes 
combats  et  de  toutes  mes  idees  —  l'entretien  soit  la  seule  com- 
munication possible.  Qa.  ne  se  prete  pas  du  tout  a  etre  exprime' 
par  des  lettres.  Je  me  borne  done  a  noter  que  je  compte  pour- 
suivre  ce  travail  sur  un  autre  plan  que  jusqu'a  present  je 
l'avais  entrepris.  Tandis  que  jusqu'ici  e'etait  surtout  la  docu- 
mentation d'une  part,  la  metaphysique  d'autre  part,  qui 
m'avaient  retenu,  je  vois  que  pour  aboutir,  pour  donner  un 
echafaudage  ferme  a  tout  ce  travail,  il  ne  me  faudra  pas 
moins  qu'une  etude  aussi  bien  de  certains  aspects  de  Hegel 
que  de  certaines  parties  du  „Kapital".  Ce  que  pour  moi  au- 
jourd'hui  semble  une  chose  acquise,  c'est  que  pour  ce  livre 
aussi  bien  que  pour  le  „Trauerspiel"  je  ne  pourrai  pas  me 
passer  d'une  introduction  qui  porte  sur  la  theorie  de  la  con- 
naissance  —  et,  cette  fois  surtout  sur  la  theorie  de  la  conais- 
sance  de  l'histoire.  C'est  la  que  je  trouverai  sur  mon  chemin 
Heidegger  et  j'attends  quelque  scintillement  de  l'entre-choc 
de  nos  deux  manieres,  tres  differentes,  d'envisager  l'histoire. 

Quant  a  mon  sejour  actuel  a  Paris  il  est  d'assez  courte 
duree.  C'est- a- dire  que  je  retournerai  a  Berlin  les  premiers 
jours  de  fevrier.  Apres-demain  j'irai  pour  deux  jours  a  Franc- 
fort.  Ici  j'ai  repris  contact  avec  plusieurs  gens  plus  ou  moins 
importants,  de  plus  j'en  ai  vu  beaucoup  d'autres  que  jus- 
qu'alors  je  ne  connaissais  pas  encore.  Ce  qui  me  preoccupe 
c'est  qu'il  semble  que  cette  fois  je  ne  vais  pas  parvenir  a  voir 
Gide.  Entre  ceux  que  j'ai  abordes  les  plus  interessants  sont: 
Emmanuel  Berl  et  Marcel  Jouhandeau.  Quant  au  dernier  il 
me  semble  que  j'ai  deja  du  t'en  parler.  Ce  sont  des  etudes  de  la 
vie  journaliere  catholique  en  province  frangaise  qu'il  fait: 
toute  imbue  d'un  mysticisme  formidable  et  comme  l'autre 
jour  quelqu'un  me  disait  „un  peu  sentant  le  fagot".  En  effet 
il  y  a  dans  ces  tableaux  ou  toujours  les  memes  personnages  re- 

506 


viennent,  une  sorte  d'enchevetrement  entre  la  piete  et  le  vice 
qui,  des  fois,  frise  le  satanisme.  Je  te  recommande  surtout  les 
livres  suivants:  Les  Pincengrain,  Prudence  Hautechaume, 
Opales,  Astaroth.  Berl  a  debute  dans  le  mouvement  surre- 
alist e,  dont  a  present  il  s'est  detache  completement.  II  a  fait 
des  romans  que  je  ne  connais  pas  et  qui  probablement  sont 
sans  grande  importance.  Ce  qui  le  distingue  c'est  une  intelli- 
gence critique  tout  a  fait  rare,  dont  il  fait  preuve  surtout  dans 
un  livre  „Mort  de  la  pensee  bourgeoise".  Ce  livre  est  destine" 
a  ouvrir  une  s^rie  de  pamphlets,  dont  le  deuxieme  volume 
„Mort  de  la  morale  bourgeoise"  a  commence  a  paraitre  dans 
la  revue  „ Europe".  Ces  ecrits  sont  etonamment  pres  de  mon 
propre  point  de  vue.  Mais  comme  il  se  contente  rigoureuse- 
ment  d'une  „  critique"  les  difficultes  qui  surviennent  aussi- 
tot  qu'on  s'efforce  de  batir  sur  ce  fondement  semblent  etre 
restees  inconnues  a  Tauteur.  Du  reste  il  est  juif . 

D'autre  part  j'ai  revu  Green.  Est-ce  que  tu  as  lu  „Adrienne 
Mesurat"?  Dans  un  des  prochains  numeros  de  la  „Nouvelle 
Revue  Suisse"  va  paraitre  un  essai  sur  Green  que  j'ai  ecrit. 
Puis  je  compte  donner  des  extraits  d'un  journal  de  Paris  que 
je  tiens  soigneusement  a  la  „Literarische  Welt". 

Je  viens  juste  a,  temps  pour  pouvoir  suivre  de  pres  une 
querelle  acharnee  qui  a  eclate  au  milieu  du  groupe  surrea- 
liste  et  dont  la  victime  semble  devoir  etre  un  de  leurs  leaders 
principaux,  Andre"  Breton.  Sur  quoi  tu  liras  mes  observations 
dans  la  „ Liter arische  Welt". 

Je  termine  cette  lettre  avec  un  oppressement  presque  egal 
a  celui  qui  pesait  sur  moi  en  le  commencant.  C'est  avec 
d'autant  plus  d'  instance  que  je  te  prie  de  me  r£pondre,  aussi 
de  me  donner  une  idee  de  ce  qui  sont  les  etudes  qui  t'occupent 
a  present. 

Quand  est-ce  que  tu  viendras  en  Europe?  Mes  souvenirs  les 
plus  chers  pour  toi. 

Walter 


507 


194  An  Gerhard  Scholem 

Paris,  25.  Januar  1930 

Lieber  Gerhard, 

eben  komme  ich  von  einer  kurzen  Reise  hierher  zuriick,  finde 
den  letzten  Brief  von  Dir,  den  man  mir  aus  Berlin  nach- 
geschickt  hat.  Er  hat  mir,  wie  Du  siehst,  den  Gebrauch  der 
Muttersprache  zuriickgegeben.  Wenn  ich  das  sage,  so  meine 
ich,  daB  ich  die  auBerordentliche  Rucksicht,  die  groBe  Freund- 
schaft,  die  Du  mir  in  dieser  ganzen  Sache  nun  ein  Jahr  lang, 
langer,  bestatigt  hast,  nie  vorher  so  empfunden  habe  wie  heute 
friih  als  ich  Deinen  Brief  las.  Und  das  soil  nicht  heiBen,  ich 
hatte  sie  vorher  nicht  gewuBt. 

Da  ich  hore,  daB  Du  zum  Tode  von  [Franz]  Rosenzweig 
das  Wort  ergreifst,  fiihle  ich  mich  doppelt  geborgen  in  dem 
Bescheid,  den  ich  gerade  gestern,  in  Frankfurt,  der  Frankfur- 
ter Zeitung  erteilte,  die  mich,  sogar  unter  besonders  giinsti- 
gen  auBern  Bedingungen,  einlud,  iiber  Rosenzweigs  Gedan- 
kenweltzu  schreiben.  Er  warablehnend.  Gestern  vergegenwar- 
tigte  ich  mir  die  gewaltige  Bemuhung,  die  eine  solche  Arbeit 
mich  gekostet  hatte  -  die  zudem  meinem  gegenwartigen 
Beschaftigungskreis  fern  liegt  —  heute  daneben  das  Ergebnis 
und  wie  diirftig  es  neben  Deiner  Rede  sich  hatte  ausnehmen 
miissen,  die  aus  dem  Vollen  kommt.  Allerdings,  sie  zu  horen 
hatte  ich  mir  gewunscht  -  audi  ohne  sie  zu  verstehen.  Und  an 
eine  deutsche  Ubertragung  ist  nicht  zu  denken?1 

Ich  habe  in  Frankfurt  zwei  Radio vortrage  gehalten  und 
kann  mich  nun  nach  meiner  Riickkehr  mit  etwas  zweck- 
dienlicheren  Dingen  befassen.  Zunachst  habe  ich  eine  An- 
zeige  der  literaturkritischen  Arbeiten  von  Franz  Mehring  vor 
Augen.  Im  iibrigen  hoffe  ich,  in  absehbarer  Zeit  die  Brot- 
arbeit,  wenigstens  journalistische,  so  sehr  wie  nur  moglich 
einzuschranken,  Du  weiBt,  zugunsten  welcher  Beschaftigun- 
gen.  Ich  bin  nicht  unzuf  rieden,  daB  mir  im  Organisatorischen, 
Technischen  schon  jetzt  eine  bestimmte  Scheidung  gelungen 
ist,  indem  ich  fast  nichts  mehr  von  dem,  was  ich  als  Brot- 
arbeit,  sei  es  in  Zeitschriften,  sei  es  im  Rundfunk,  ansehen 

508 


muB,  mehr  niederschreibe  sondern  derartige  Dinge  einfach 
diktiere,  Du  begreifst,  daB  mir  dies  Verfahren  sogar  eine 
gewisse  moralische  Entlastung  gibt,  indem  die  Hand  damit 
den  edleren  Korperteilen  allmahlich  wieder  zuriickgewonnen 
wird. 

Ich  habe  Dir  von  meinem  denkwiirdigsten  pariser  Abend 
noch  garnicht  berichtet.  Es  war  der  in  Gesellschaft  von  Mon 
Albert  verbrachte.  Mon  Albert  ist  Albertine,  ist  das  Verhalt- 
nis  von  Marcel  Proust.2  Ich  habe  mit  ihm  zu  Abend  geges- 
sen.  Es  gab  manch  bemerkenswerten  Augenblick  in  unsern 
Diskursen,  nichts  aber,  das  mit  dem  ersten  Anblick  des  Man- 
nes  sich  messen  kann,  wie  er  mir  in  dem  kleinen  homosexuel- 
len  Badeetablissement  wurde,  das  Mon  Albert  in  der  rue  St. 
Lazare  von  einem  Podium  aus  leitet,  auf  dem  der  Tisch  mit 
Badeutensilien,  pochettes-surprises  und  Eintrittsbilletts  steht. 
Wenn  ich  vor  drei  Wochen  mein  pariser  Tagebuch  hand- 
schriftlich  begonnen  habe,  so  hat  der  St  off  sich  mittlerweile 
sehr  gedrangt,  daB  ich  es  wohl  nur  mit  Hilfe  meiner  Sekre- 
tarin  werde  fortfiihren  konnen.  Von  dem  Abend  mit  Mon 
Albert  werde  ich,  ausschlieBlich  fur  Dich  und  als  Geschenk, 
ohne  das  ich  —  ohne  dessen  Versprechen  ich  —  diesen  Brief  an 
Dich  nicht  abgehen  lassen  mochte,  einen  Durchschlag  herstel- 
len  lassen.3 

Soviel.  Interessiert  es  Dich  zu  horen,  daB  Ernst  Bloch  in 
Wien,  bei  Lukacs,  ist  und  mit  ihm,  wie  es  scheint  ziemlich 
fruchtlose,  alte  Debatten  unter  sehr  veranderten  Bedingun- 
gen  wieder  aufzunehmen  sucht? 

Alles  Herzliche  Dein  Walter 

^  Sch.s  Gedenkrede  erschien  nur  auf  hebraisch,  ihre  Gedanken  sind 
aber  in  einem  anderen  Aufsatz  („Judaica",  S.  226-234)  zum  Teil  auf- 
genonunen. 

2  Er  durfte  eher  Jupien  in  Prousts  Roman  zum  Vorbild  gedient  haben. 

3  Dieser  Bericht  „Abend  mit  Monsieur  Albert"  ist  erhalten.  Eine  ge- 
kiirzte  Fassung  erschien  in  der  „Literarischen  Welt"  Nr,  16/17  von 
April  1930.  Der  Besuch  fand  am  21.  Januar  1930  statt. 


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195  [Gerhard  Scholem  an  Walter  Benjamin] 

Jerusalem,  20.  Februar  1950 

[.  .  .]  Es  ist  vielleicht  gut,  daB  wir  uns,  nachdem  Du  in  Dei  - 
nen  letzten  Briefen,besonders  in  dem  ersten,  der  ein  sehr  sel- 
tenes  Gefiihl  der  Beklommenheit  in  mir  ausgelost  hat,  die 
zwischen  uns  akute  Angel egenheit  in  einer  fur  mich  ja  durch- 
aus  unmiBverstandlichen  Weise  aufgerollt  hast,  daB  wir  uns 
also  klarmachen,  wo  wir  stehen.  Vor  drei  Jahren  meintest 
Du,  und  ich  mit  Dir,  daB  Du  an  einem  Punkt  angekommen 
seiest,  wo  eine  fruchtbare  Auseinandersetzung  mit  dem  Juden- 
tum  als  der  einzige  Weg  zu  einem  positiven  Fortschritt  in 
Deiner  Arbeit  erschien.  Auf  Grund  dieser  Einsicht,  iiber  die 
wir  beide  uns  gewiB  zu  sein  schienen,  habe  ich  getan,  was  ich 
getan  habe,  in  der  Absicht,  Dir  die  Moglichkeit  einer  Reali- 
sierung  Deiner  Intentionen  zu  verschaff  en. l  Nun  ist  die  Frage, 
die  sich  doch,  nachdem  drei  Jahre  verstrichen  sind,  auf  Grund 
Deiner  Stellung  und  Beschaftigung  von  selbst  zu  beantwor- 
ten  scheint,  die:  ist  nicht  die  damalige,  von  Dir  auch  vor 
Magnes  dargelegte  und  vertretene  Auffassung  von  Dir  schon 
langst  iiberwunden?  Du  beweist  ja  in  actu,  daB  der  Problem  - 
kreis,  in  den  Du  getreten  bist,  einerseits  und  die  Stellung  als 
hervorragendster  Literatur-Kritiker,  die  Du  Dir  errungen 
hast,  oder  jedenfalls,  ich  bin  dessen  sicher,  erringen  kannst, 
andererseits,  sich  durchaus  jenseits  jener  jiidischen  Welt,  an 
die  wir  damals  dachten,  als  fortzeugend  fruchtbar  und  Dich, 
selbst  gegen  Deine  eigene  Deutung  durchaus  positiv  ausfiil- 
lend  erweisen.  Ich  halte  es  fur  gut,  wenn  wir  uns  dariiber 
klar  wurden,  schon  um  mich  hier  in  Jerusalem  nicht  in  eine 
schiefe  Situation  zu  bringen,  da  ich  ja  nicht  gut  Jahre  hin- 
durch  behaupten  kann,  Du  stundest  vor  etwas,  wozu  Du,  wie 
mir  immer  wahrscheinlicher  wird,  in  Wirklichkeit  niemals 
kommen  wirst.  Da  aber  gerade  bei  Dir,  wie  wir  beide  nur 
allzu  gut  aus  1  anger  Erfahrung  wissen,  die  inneren  Hem- 
mungen  erst  die  auBeren  hervorrufen,  so  ist  fur  uns  die 
Frage:  sind  nicht  offensichtlich  die  Hemmungen,  die  nun  seit 
zwolf  Jahren  etwa  in  Deiner  Stellung  zu  diesen  Dingen  sich 

510 


geltend  machen,  wenn  auch  in  jeder  Epoche  Deines  Lebens  in 
einer  anderen  geistigen  oder  leiblichen  Gestalt,  so  grund- 
legend,  daB  es  besser  ist,  anstatt  f  alschen  Illusionen  iiber  eine 
niemals  aktuell  erfolgen  kbnnende  Auseinandersetzung  iiber 
das  Judentum,  die  wir  nun  bald  fiinfzehn  Jahre  fur  unsere 
gemeinsame  Sache  gehalten  haben,  nachzuhangen,  lieber 
doch  der  (fur  mich  immerhinbedriickenden,  aber  doch  wenig- 
stens  eindeutigen)  Wirklichkeit  Deiner  Existenz  jenseits 
jener  Welt  ins  Auge  zu  sehen?  Es  ist  ja  evident,  daB  von  der 
Dich  jetzt  absorbierenden  Problemstellung  aus  Du  wiederum 
zu  anderen  kommen  wirst,  daB  Deine  vor  drei  Jahren  ge- 
auBerte  Meinung,  daB  ohne  den  Weg  zum  Hebraischen  Dir 
nur  der  aus  der  Literatur  weg  in  die  reine  parteipolitische 
Arbeit  als  saubere  Tatigkeit  absehbar  bleibe,  sich  als  iiber - 
trieben  und  falsch  herausgestellt  hat,  und  daB  speziell  von 
der  Warte  Deiner  prasumptiven  Stellung  als  einziger  echter 
Kritiker  der  deutschen  Literatur  aus  keine  Notwendigkeit 
eines  Weges  zum  Hebraischen  abzusehen  ist.  Ich  mochte  Dich 
mit  diesen  Erwagungen  veranlassen,  Dich  hieriiber  nicht  nur 
mit  Dir  selbst  auseinanderzusetzen  —  ich  habe  den  Eindruck, 
dem  Du  ja  kaum  widersprechen  wirst,  daB  Du  das  in  dieser 
Sache  nicht  gern,  vor  allem  nicht  mit  Leidenschaft  tust  —  son- 
dern  auch  Dich  dariiber  mit  der  Offenheit,  die  ich  Dir  ent- 
gegenbringe  und  in  dieser  Frage  mehr  als  in  jeder  andern 
von  Dir  glaube,  erwarten  zu  diirf  en,  mir  gegeniiber  zu  erkla- 
ren,  damit,  sei  dem  wie  ihm  sei,  wir  uns  nicht  gegenseitig  mit 
einerPrivat-ApokalyptikumdieDivergenzenunsererLebens- 
laufe  betriigen.  Ich  bin  ja  gewiB  der  Mensch,  der  es  mit  Fas- 
sung  und  vielleicht  auch  leidlichem  Begreifen  ertragen  wird, 
wenn  sich  herausstellt,  daB  Du  in  diesem  Leben  nicht  mehr 
mit  einer  wirklichen  Begegnung  mit  dem  Judentum  auBer 
im  Medium  unserer  Freundschaft  rechnen  kannst  und  rech- 
nest.  Ich  glaube  manchmal,  daB  Du  mehr  mit  Riicksicht  auf 
mich  als  mit  Riicksicht  auf  Dich  in  diesen  Dingen  sprichst 
—  so  paradox  sich  das  vielleicht  anhort,  ich  halte  es  wirklich 
fur  eine  richtige  Umschreibung  Deiner  Stellung  in  manchen 
Momenten,  und  ich  muBte  nicht  das  fur  Dich  fiihlen,  was  ich 
fiihle,  wenn  ich  nicht  unter  dieser  Situation  litte.  Ich  sage 

511 


mitunter:  aus  Freundschaft  mit  mir  wagt  Walter  sich  keine 
klare  Rechenschaft  iiber  seine  Lage  abzugeben,  vermeidet  er, 
„sich  in  ihr  Zentrum  erkennend  zu  versetzen"  2  —  aber  ich 
versichere  Dich,  daB  dies  weder  moralisch  noch  symbolisch 
ein  Grund  f  iir  Dich  sein  darf  und  soil.  Mir  ist  es  weit  wichti- 
ger  zu  wissen,  wo  Du  wirklich  bist,  als  wo  Du  Dich  vielleicht 
einmal  hinzubegeben  hoffst,  da  ja  bei  derKonstitutionDeines 
Lebens  sicher  ist,  daB  Du  immer,  mehr  als  jeder  andere,  wo- 
anders  hinkommen  wirst  als  wo  Du  willst.  Wenn  ich  mich 
aber  in  diesen  Gedanken  vollig  irren  sollte  —  ich  glaube  es 
freilich  nicht  —  nun,  um  so  besser,  es  einmal  gesagt  zu  haben. 
Denn  Deine  Biographie  jedenfalls  gibt  ja  seit  den  letzten 
zehn  Jahren  reichlich  AnlaB  zu  solchen  Irrtumern,  selbst  bei 
Deinen  Freunden.  Und  um  wie  viel  mehr  miissen  wir  wiin- 
schen,  daB  die  Krisis  Deines  auBeren  Lebens3,  die  ich  aus  den 
Andeutungen  Deiner  Brief e  erschlieBen  muB,  ohne  doch  die 
Macht  zu  haben,  in  sie  einzugreifen,  wenigstens  Dir  auch 
Klarheit  daruber.verschaffen  soil,  sowohl  wohin  Du  gehorst 
als  wo  Du  stehst. ' 

In  Freundschaft   gedacht  und  mit  ganzem  Herzen  ge- 
schrieben.  Dein  Gerhard 

1  Scholem  hatte  ihm  ein  Stipendium  verschafft,  das  ihm  ermoglichen 
sollte,  ein  Jahr  ausschlieBlich  dem  Studium  des  Hebraischen  sich  zu 
widmen. 

2  Zitat  aus  einer  Arbeit  W.  B.s 

3  Seine  Scheidung. 


196  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  Meinekestr.  9,  25.  April  1950 

Lieber  Gerhard, 

noch  einmal  lese  ich  die  letzte  Seite  Deines  Briefes  vom  20ten 
Februar.  Und  rioch  einmal  muB  ich  die  abschlieBende  Ant- 
wort  auf  die  Frage,  die  sie  enthalt,  hintanhalten.  Freilich 


512 


nicht  mehr  auf  lange.  Und  nicht  ohne  Dir  zu  sagen,  daB  sie 
zu  einem  Teile  -  namlich  dem  der  unser  Verhaltnis  betrifft  - 
in  ihrer  alternativen  Form  unlosbar  ist,  Lebendiges  Juden- 
tum  habe  icli  in  durchaus  keiner  anderen  Gestalt  kennen  ge- 
lernt  als  in  Dir.  Die  Frage,  wie  ich  zum  Judentum  stehe,  ist 
immer  die  Frage  wie  icb  -  ich  will  nicht  sagen  zu  Dir  (denn 
meine  Freundschaft  wird  hier  von  keiner  Entscheidung  mehr 
abhangen)  —  zu  den  Kraften,  die  Du  in  mirberuhrthast,  mich 
verhalte.  Wovon  auch  immer  diese  Entscheidung  abhangen 
mag  —  wie  sehr  sie  auf  der  einen  Seite  eingebettet  in  schein- 
bar  ihr  ganz  fremde  Sachverhalte,  auf  der  andern  in  jenes 
auBerst  ausgespannte  Zogern,  das  mir  in  alien  wichtigsten 
Lagen  meines  Daseins  Natur  ist  -  sie  fallt  sehr  bald.  Nach- 
dem  ich  das  sehr  verstrickte  Knauel  meiner  Existenz  nun  ein- 
mal  an  einer  Stelle  zu  Ibsen  —  ich  bin  inzwischen  von  Dora 
geschieden  —  begonnen  habe,  wird  auch  dieser  „Gordische 
Knoten",  wie  Du  mein  Verhaltnis  zum  Hebraischen  einmal 
mit  Recht  genannt  hast,  sich  entknoten  mussen. 

Da  ich  denn  doch  einmal  auf  den  herrlichen  Grundlagen, 
die  ich  in  meinem  zweiundzwanzigsten  Jahr  gelegt  hatte,  das 
ganze  Leben  nicht  habe  aufbauen  konnen,  habe  ich,  nach  sie- 
ben  Jahren  des  Zbgerns,  dafiir  zumindest  sorgen  mussen,  den 
Beginn  eines  neuen  nicht  jenseits  der  vierzig  vorzunehmen. 
In  diesem  Beginne  stehe  ich  also  nun,  durch  und  durch,  ange- 
fangen  vom  Wohnen  bis  in  die  Erwerbsarbeit,  auf  das  Provi- 
sorium  gestellt,  seit  bald  einem  Jahr  ohne  Bibliothek  (die 
gespeichert  ist)  und  bedenkliche  Schwierigkeiten  vor  Augen, 
von  denen  prozessuale,  vielleicht,  noch  die  geringsten  sein 
werden.  Jedenfalls  gedenke  ich  nach  dieser  Seite,  was  meinen 
Aufenhaltsort  betrifft,  keine  weitere  Riicksicht  zu  nehmen. 

Im  Sinne  dieses  groBen  Provisoriums  bitte  ich  Dich,  diesen 
Brief  interimistisch  zu  nehmen.  Es  verengt  sich  alles  zu  einer 
Entscheidung,  die  nicht  mehr  lange  auf  sich  wird  wart  en  las- 
sen.  Sie  kann,  im  positiven  Falle,  nur  darin  bestehen,  daB 
ich  vor  Ende  dieses  Jahres,  und  zwar  zunachst  auf  unbe- 
schrankte  Zeit,  heriiberkame. 

Ich  habe  einige  Drucksachen  an  Dich  abgesandt.  [,  .  .] 

Mein  Vertrag  mit  Rowohlt  uber  den  Essayband  ist  ab- 

513 


geschlossen.  Ich  habe  fur  dies  en  noch  eine  ganze  Anzahl 
Stiicke  fertigzustellen  und  arbeite  zur  Zeit  an  einem  „Karl 
Kraus" *,  der  etwa  den  Umfang  des  „Green"  haben  soil. 
Das  Studium  der  Literatur  iiber  Kraus  in  alien  ihren  Tei- 
len'  ist  hochst  interessant.  Meine  letzte  kleine  Arbeit  ist 
liberschrieben  „  Aus  dem  Brecht-Kommentar" 2  und  wird  hof- 
fentlich  in  der  Frankfurter  Zeitung  erscheinen.  Sie  ist  ein 
erster  Niederschlag  meines  in  letzter  Zeit  sehr  interessan- 
ten  Umgangs  mit  Brecht.  Ich  werde  sie  Dir  sofort  nach 
Erscheinen  senden.  Es  bestand  hier  der  Plan,  in  einer  ganz 
engen  kritischen  Lesegemeinschaft  unter  Fiihrung  von 
Brecht  und  mir  im  Sommer,  den  Heidegger  zu  zertrum- 
mern.  Leider  wird  aber  Brecht,  dem  es  ziemlich  schlecht 
geht,  sehr  bald  verreisen  und  allein  nehme  ich  es  nicht  auf 
mich. 

An  dieser  Stelle  erinnere  ich  mich  mit  Schrecken  der 
neuen  Walzer,  die  meinen  Schreibtisch  dnicken.  Ich  gebe 
Dir  einen  Begriff  davon,  wenn  ich  links  Watsons  „Behavio- 
rismus",  rechts  Klages  „Geist  und  Leben"  nenne. 

Was  gibt  es  aus  Deiner  Arbeit? 

Wie  es  auch  immer  sei,  diirften  die  beiden  vergangenen 
Monate  von  mir  aus  die  letzte  lange  Pause  in  unserm  Brief - 
wechsel  gewesen  sein.  Mit  diesen  Worten,  die  so  sorgfaltig 
verpackt  eine  Bitte  enthalten,  will  ich  schlieBen. 

Alles  Herzliche  Dein  Walter 

1  Erschien  im  Literaturblatt  der  FZ  vom  10.,  14.,  17.  und  18.  Marz 
1931.  Jetzt  Schriften  II,  S.  159-195. 

2  Erschien  im  Literaturblatt  der  FZ  vom  6.  Juli  1930. 


197  An  Gerhard  Scholem 

Zoppot,  15.  August  1950 

Lieber  Gerhard, 

ja,  Dein  Buch l  hat  mich  in  Berlin  erreicht  und  ich  danke  Dir 
sehr  dafiir.  Du  hast  nun  mit  Deinem  Namen  die  eigentlichen 


514 


Forts  der  Philologie,  die  Anmerkungen,  besetzt  und  kannst 
nun  kiinftig  Deine  Gedanken  mit  aller  Sicherheit  in  den 
Weinbergen  und  Ackern  des  GroBgedruckten  sich  ergehen 
und  nahren  lassen. 

Wird  es  wieder  in  absehbarer  Zeit  wieder  einmal  etwas 
deutsches  von  Dir  geben?  Damit  der,  sozusagen,  kalten  Be- 
schamung,  die  ich  beim  Empfang  Deiner  hebraischen  Sachen 
fiihle,  auch  wieder  einmal  eine  heiBe  beim  Lesen  f olge. 

Es  ist  friihmorgens,  die  See  larmt  vor  meinem  Fenster.  Ich 
habe  die  letzte  oder  vorletzte  Station  meiner  Reise  erreicht 
—  das  ist  Zoppot.  So  schbn  die  groBe  Reise  war,  die  ich  hinter 
mir  habe  —  bis  iiber  den  Polarkreis  und  in  das  nordliche  Fin- 
land hinein  —  so  war  sie  doch  zu  einsam,  um  ganz  zu  einer 
Erholung  zu  werden;  ich  habe  auch  auf  dem  Schiff  an  viel 
gearbeitet.  Hier  aber  bin  ich  mit  einem  Bekannten  und  dessen 
Frau2  und  beginne  langsam  mich  zu  erholen,  es  ist  mir,  als  sei 
es  nach  Jahren  das  erste  Mai.  Die  Redaktionen  grollen  weil 
ich  nichts  tue.  Ich  aber  muB  die  wenigen  Gelegenheiten,  die 
ich  im  Leben  zum  Faulenzen  habe,  ausnutzen.  Das  hindert 
nicht,  daB  ich  mich  mit  allerhand  Nebensachen  herumschlage. 
Ich  habe  einen  Zyklus  „Nordische  See"  3  gemacht,  den  Du 
ja  wohl  in  absehbarer  Zeit  zu  sehen  bekommen  wirst.  Auf 
dem  Schiff  habe  ich  Jouhandeau  iibersetzt.  Und  dann  mich 
wahrend  der  ganzen  Reise  mit  den  neuesten  mythologicis 
befaBt.  Das  eine,  [Erich]  Ungers  „Wirklichkeit,  Mythos, 
Erkenntnis"  wird  Dir  wohl  bereits  vorliegen.  Dagegen  weiB 
ich  nicht,  ob  man  in  Jerusalem  schon  von  dem  groBen  Werk 
von  Klages  „Der  Geist  als  Widersacher  der  Seele"  spricht. 
Was  mich  betrifft,  so  habe  ich  den  erstenBand  obenhindurch- 
gesehen,  es  mit  Exaktheit  durchzustudieren,  erfordert  viele 
Wochen.  Es  ist  nun,  in  welchen  Zusammenhangen  auch 
immer  der  Verfasser  einem  suspekt  sein  und  bleiben  mag4, 
ohne  Zweifel  ein  groBes  philosophisches  Werk.  Es  ware  vol- 
lig  miiBig,  wenn  ich  Dir  etwa  hier  andeuten  wollte,  worum 
es  sich  handelt.  Ich  habe  auch  noch  keine  eigene  „Stellung" 
zu  dem,  was  darin  steht,  bezogen.  In  keinem  Falle  hatte  ich 
mir  vorstellen  konnen,  daB  ein  so  hanebiichener  metaphysi- 
scher  Dualismus,  wie  er  bei  Klages  zugrunde  liegt,  je  sich  mit 

515 


wirldich  neuen  und  weittragenden  Konzeptionen  verbinden 
konne.  Seit  ich  hier  seBhaft  geworden  bin,  habe  ich  mich  mit 
Ungers  Buch  beschaftigt  und  nunmehr  davon  zwei  Drittel 
heruntergewiirgt.  Ich  bin  ganz  iiberaus  enttauscht:  so  viel 
Plumpheit  verbunden  mit  soviel  Trockenheit  habe  ich  nicht 
oft  in  einer  philosophischen  Darstellung  angetroffen.  Eine 
systematische  Auseinandersetzung  mit  dem  Kritizismus  zur 
Grundlage  einer  Konzeption  der  mythischen  Welt  zu  machen, 
ist  zwar  vielleicht  nicht  unmoglich,  aber  ein  so  abstruses  Ver- 
fahren,  daB  der  philosophische  Gedanke  ans  Ziel  kommt  wie 
ein  Hungerkiinstler,  der  mit  unsaglicher  Miihe  die  hesperi- 
schen  Garten  aufsucht,  um  dort  seine  Kunst zu  zeigen.  Sprach- 
lich  ist  das  Buch  unter  jeder  Kritik.  Man  ubersieht  keinen 
Augenblick,  wie  sehr  der  Verfasser  darauf  brennt,  nach  Er- 
ledigung  der  Formalien,  die  mit  diesem  Buch  konzediert  wird, 
nun  endlich  mit  der  Zauberei  zu  beginnen,  und  dabei  die  ver- 
lorene  Zeit,  sogut  es  gehen  mag,  einzuholen.  Gegeniiber  den 
vorhergehenden  Schriften  von  Unger  scheint  es  mir  nichts 
neues  zu  enthalten,  nur  daB  in  jenen  eine  groBere  Konzision 
und  Originalitat  herrschte,  die  die  Riicksicht  aufs  Publikum 
hier  scheinbar  nicht  aufkommen  lieB.  [.  .  *.] 

Ich  mochte  bald  von  Dir  horen,  besonders  iiber  die  Bueher, 
von  denen  ich  oben  andeutend  sprach,  dann  audi,  ob  Du  seit 
der  abstoBenden  Faselei  von  [Friedr.]  Wolters5  gut  gefunden 
hast,  Dich  mit  neueren  deutschen  Sachen  zu  bef assen.  Da  ich 
den  Wolters  einmal  erwahne  -  Deinen  Heroismus  ihn  ganz 
zulesenhabe  ichfreilich  nicht  aufgebracht-so  will  ich  sagen, 
daB  das  einzig  Verwendbare  mir,  -  aus  freilich  sehr  besonde- 
ren  Konstellationen  —  die  Mitteilungen  waren,  die  da  iiber 
Schuler  zu  finden  sind.  Ich  habe  mir  audi  einBandchen  nach- 
gelassener  Bruchstiicke6  zum  verborgenen  Anstaunen  kom- 
men  lassen.  Die  Hauptmasse  des  Nachlasses  ist  in  den  Handen 
von  Klages. 

Sei  herzlich  mit  Escha  gegniBt 

Dein  Walter 

1  Eine  Beschreibung  der  kabbalistischen  Handschriften  in  Jerusalem. 

2  Fritz  und  Jula  Radt. 

3  In  der  FZ  vom  18.  Sept.  1930.  Jetzt  „Stadtebilder",  S.  47  bis  54. 

516 


4  Uber  seinen  Antiseinitismus  war  sich  W.  B.  vollig  klar;  vgl.  den 
Brief  vom  14.  jamiar  1926. 

5  „Stefan  George  und  die  Blatter  fur  die  Kunst",  Berlin  1950. 

6  Aus  dem  NachlaB  von  Alfred  Schuler. 


198  An  Gerhard  Scholem 

Berlin  [3.  Oktober  1930],  PrinzregentenstraBe  66 

Lieber  Gerhard, 

ein  Situationsbericht  aus  der  Stille,  nur  eben  damit  Du  nicht 
denkst,  es  sei  die  der  Verge Blichkeit.  Eher  schon  die  der 
mancherlei  Zurustungen  und  Bekiimmernisse.  Freilich  selbst 
diese  letzeren  spielen  vorm  Hintergrunde  schemer  besonnter 
Wande,  wie  sie  meine  neue  —  nur  leider  vermutlich  sehr  pro- 
visorische  Wohnung  einschlieBen.  Aus  ihrhabe  ichDir,  glaub 
ich,noch  nicht  geschrieben.  Es  ist  das  erste  Mai,  daB  dasLeben 
mich  in  ein  Atelier  verschlagen  hat,  das  aber  klimatisch  und 
optisch  ganz  von  der  Kalte  frei  ist,  die  mir  dergleichen  Unter- 
kunft  fruher  suspekt  machte.  Neben  alien  erdenklichen  Vor- 
ziigen,  vor  allem  dem  der  tief  sten  Stille  hat  es  innen-  wie  auBen- 
architektonisch  bemerkenswerteste  Nachbarschaft.  Einerseits, 
auf  der  StraBe,  eine  neue  Synagoge,  die  ich  bis  Rosch  ha 
Schanah l  sie  einweihte,  f iir  eine  Ausgeburt  protestantischen 
Theologengeistes  im  Eirchenbau  hielt;  andererseits,  auf  dem 
Flur,  einen  Vetter  von  mir  —  Arzt2  -  nebst  seiner  Frau,  mit 
denen  ich  erfreuliche  Beziehungen  unterhalte. 

[.  .  .]  Du  hast  vor  vielen  Jahren  so  nahen  Anteil  an  mei- 
nem  projektierten  Angelus  novus  genommen,  daB  ich  Dir  als 
einzigem  auBerhalb  ein  Wort  dariiber  vertrauen  mochte,  das 
vorderhand  den  Weg  zu  Deinen  Lippen  nicht  finden  moge. 
Es  handelt  sich  also  urn  eine  neue  Zeitschrift  und  zwar  die 
einzige,  die  meine  eingewurzelte  Uberzeugung,  daB  ich  mir 
mit  dergleichen  nicht  nochmals  konne  zu  schaffen  machen, 
in  der  Gestalt  zumindest,  die  sie  im  Projektenstadium  an- 
nahm,  bezwungen  hat.  Ich  habe  diesem  Plan  zum  Verleger 

517 


Rowohlt  .den  Weg  gebahnt,  indem  ich  mich  zum  Vertreter 
der  organisatorischen  und  sachlichen  Losungen  machte,  die 
ich  gemeinsam  mit  Brecht  in  langen  Gesprachen  fur  diese 
Zeitschrift  ausgearbeitet  habe.  Ihre  Haltung  soil,  formal, 
eher  wissenschaftlich,  ja  akademisch  als  journalistisch  sein 
und  sie  soil  „Krisis  und  Kritik"  heiBen.  Rowohlt  also  ist 
durchaus  dafiir  gewonnen;  jetzt  wird  sich  die  groBe  Frage 
erheben,  ob  es  noch  moglich  ist  die  Leute,  die  etwas  zu  sagen 
haben,  zu  einer  organisierten,  yor  allem  kontrollierten  Arbeit 
zu  vereinigen.  Daneben  besteht  die  immanente  Schwierigkeit 
jeder  Kollaboration  mit  Brecht,  von  der  ich  freilich  annehme, 
daB  wenn  iiberhaupt  einer,  ich  imstande  sein  werde,  mit  ihr 
fertig  zu  werden.  Um  diesen,  etwas  schalen  Andeutungen 
einige  Wiirze  zu  geben,  fiige  ich  Dir  einen  Bogen  aus  einem 
neuen  noch  nicht  erschienenen  Buche  von  Brecht3  bei,  der  zu 
Deiner  (und  Eschas)  ausschlieBlicher  Information  dient,  und 
den  ich  Dich  bitte  mir  umgehend  zuriickzusenden. 

„Karl  Kraus"  wachst  sich  langsam  zum  Neun-Monats- 
Kind  aus.  Ich  bin  gewiB,  daB  das  letzte  Heft  der  Fackel,  das 
den  Brief wechsel  mit  der  Literarischen  Welt  enthalt,  schon 
in  Deinem  Besitz  ist.  Haas  gibt  da  das  abschreckende  Beispiel 
eines  echt  deutschen  Preventivkrieges.  Im  iibrigen  beginnt, 
wahrend  ich  dieses  schreibe,  eine  Offenbachvorlesung  von 
Kraus,  die  ich  nah  daran  war  zu  besuchen.  Ich  vertroste  mich 
aber  auf  eine  Vorlesung  des  „Timon",  die  im  November,  im 
Rundfunk,  stattfindet.  Die  Erleuchtung,  die  ich  mir  gerade 
von  ihr  fiir  Kraus  wie  fiir  Shakespeare  verspreche,  ist  be- 
trachtlich.  [.  .  .] 

Merkwiirdig  war  mir  Dein  Hinweis  auf  [Max]  Picard. 
Sein  Buch  werde  ich  mir  beschaff  en.  Im  iibrigen  kann  es  sein, 
daB  er  identisch  mit  jemandem  Namens  Picard  ist,  von  dem 
vor  einigen  Wochen  in  dem  Literaturblatt  der  Frankfurter 
Zeitung  sehr  bemerkenswerte  Lektorengutachten  publiziert 
wurden.  Dergleichen  verfasse  ich  jetzt  des  ofteren  fiir  Ro- 
wohlt. Genau  gesagt  sind  es  Obergutachten  iiber  Manuskripte, 
die  ihm  von  den  ordentlich  bestellten  Lektoren  empfohlen 
werden.  Dieses  streng  unter  uns  zu  halten;  ich  schreibe  es  Dir 
vor  allem,  weil  ich  dergestalt  an  eine  deutsche  Ubersetzung 

518 


der  Lebenserinnerungen  von  Schmarja  Lewin4  kam.  Mir 
standen  von  ihr  aber  nur  Bruchstiicke  zur  Verfugung.  Ich 
bitte  Dich  mir  wenn  moglich  ein  Wort  iiber  Charakter  und 
Wert  dieses  Buches  zu  sagen. 

[...] 

Das  ist  viel  neues  in  kiirze  und  verdient  baldigst  mit  einem 
palastinensischen  Situationsbericht  erwiedert  zu  werden. 

Alles  herzliche  Dir  und  Escha,  und  NeujahrsgriiBe,  die 
soviel  Jahre  vorhalten  mogen  als  sie  Tage  zu  spat  kommen 

Dein  Walter 

1  Hebraisch:  Neujahrsfest. 

2  Dr.  Egon  Wissing,  jetzt  in  Boston  und  seine  verstorbene  Frau  Gert, 
geb.  Feis. 

3  „Versuche",  Heft  2  (1950). 

4  ..Kindheit  im  Exil". 


199  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  3.  November,  1930 
Lieber  Gerhard, 

ich  war  sehr  froh,  von  Dir  zu  horen.  Mit  Deinem  Briefe 
kam  der  Sonderdruck  iiber  die  Prophetie  als  Selbstbegeg- 
nung. 1  Du  kannst  Dir  schwer  vorstellen,  mit  welchem  Ge- 
fiihl  ich  Deiner  Arbeit  bei  diesem  Goldbergwerk  zusehe.  Ich 
habe  die  paar  Seiten  mit  wahrer  Spannung  gelesen.  Dabei 
passionierte  mich  die  Niichternheit,  mit  der  die  Quellen,  von 
denen  Du  sprichst,  die  mystischen  Sachverhalte  einordnen 
oder  zur  Debatte  stellen.  An  das  Zentraleuropaische  Biiro  fiir 
Selbstbegegnung  2  habe  ich  die  fraglichen  Seiten  noch  nicht 
geleitet,  gedenke  das  aber  dieser  Tage  zu  tun. 

Mit  meiner  nachsten  Sendung  wirst  Du  Programm  und 
Statut  einer  neuen  Zeitschrift  namens  „Krise  und  Kritik" 
erhalten,  die  von  Ihering  im  Verlag  Rowohlt  als  Zweimonats- 
zeitschrift  herausgegeben  werden  soil  und  mich  neben  Brecht 
und  zwei,  drei  andern  als  Mitherausgeber  auf  dem  Titel 
nennt.  [.  .  .] 

519 


Nun  ware  mitzuteilen,  daB  gestern  nach  langer  schwerer 
Krankheit  meine  Mutter  gestorben  ist  und  damit  meine  Ver- 
haltnisse  in  die  stretta  eingetreten  sind,  in  welcher  die  Ent- 
scheidung  iiber  die  Zukunft  fallen  muB.  [.  .  .] 

Ich  lese  noch  einmal  von  Deinem  Leser  in  Tunis,  Wie 
schon  und  wie  wohlgetan  von  Verfasser  und  Leser.  An  mich 
schreiben  immer  nur  Irrsinnige. 

Nachdenklich  habe  ich  Deine  Feststellungen  zum  Ende  der 
Balfourpolitik3  gelesen.  Sie  haben  meine  langjahrige  Vermu- 
tung,  die  schon  durchEschasMitteilungenbekraftigt  wurden, 
gesteigert:  die  Ahnung  namlich,  daB  Du  Dich  in  der  einzi- 
gen  auf  die  Dauer  wetterfesten  Ecke  des  Zionismus  angesie- 
delt  habest.  Fiir  heute  dieses  Kurze  aber  Herzliche. 

Dein  Walter 

1  Aus  der  Monatsschrift  fiir  Geschichte  und  Wissenschaft  des  Juden- 
tums,  1930. 

2  Ernst  Bloch,  in  dessen  „Geist  der  Utopie"  dieser  Begriff  eine  Rolle 
spielte. 

3  1930  begann  die  offizielle  Sabotage  der  englischen  Regierong  an  der 
1917  von  ihr  selbst  inaugnrierten  zionistischen  Palastinapolitik. 


200  An  Bertolt  Brecht 

Berlin-Wilmersdorf,  [Ende  Februar  1931] 

Lieber  Herr  Brecht, 

Von  Brentano  werden  Sie  schon  gehort  haben,  daB  ich  von 
der  Mitherausgeberschaft  der  Zeitschrift  zuriickgetreten  bin. 
Natiirlich  hatte  ich  sehr  gern  alles  noch  einmal  mit  Ihnen 
besprochen.  Aber  [Bernard  von]  Brentano,  bei  dem  ich  vor- 
gestern  mir  die  ersten  Manuskripte  -  „Der  Generalangriff" 
von  Brentano,  „Der  KongreB  von  Charkow"  von  Kurella, 
„Idealismus  und  Materialismus"  von  Plechanow  —  geben  lieB 
und  dem  ich  die  entscheidenden  Bedenken  sagte,  die  deren 
Lekture  in  mir  erweckt  hatten,  war  der  Ansicht,  ich  miisse 

520 


meinen  EntschluB  Rowohlt  sofort  mitteilen,  um  ihm  nicht 
spater  eine  Handhabe  gegen  das  Unternehmen  zu  geben. 

Sie  erinnern  sich  gewiB  unseres  Gespraches  kurz  vor  mei- 
ner  Abreise  im  Dezember,  in  dem  ich  mit  Ihnen  meine  Ab- 
sicht  erwog,  meinen  Namen  als  Mitherausgeber  zuriickzu- 
ziehen.  Die  Griinde,  die  ich  Ihnen  damals  sagte,  schienen 
Ihnen  —  von  meinem  Standpunkt  aus  —  einleuchtend.  Aber 
natiirlich  wollte  ich  vor  weiteren  Schritten  die  Entwicklung 
der  Zeitschrift  abwarten.  Nun  jedoch  nach  der  Lektiire  der 
bisher  vorliegenden  Manuskripte  ware  ein  weiteres  Vertagen 
zur  Zweideutigkeit  geworden.  Wenn  ich  die  Haltung  dieser 
Manuskripte  mit  derjenigen  vergleiche,  die  sich  aus  der  ur- 
spriinglichen  Bestimmung  der  Zeitschrift  ergab,  so  stellt  sich 
heraus : 

die  Zeitschrift  war  geplant  als  ein  Organ,  in  dem  Fach- 
manner  aus  dem  biirgerlichen  Lager  die  Darstellung  der 
Krise  in  Wissenschaft  und  Kunst  unternehmen  sollten.  Das 
hatte  zu  geschehen  in  der  Absicht,  der  biirgerlichen  Intelli- 
genz  zu  zeigen,  daB  die  Methoden  des  dialektischen  Materia- 
lismus  ihnen  durch  ihre  eigensten  Notwendigkeiten  —  Not- 
wendigkeiten  der  geistigen  Produktion  und  der  Forschung,  im 
weiteren  auch  Notwendigkeiten  der  Existenz  -  diktiert  seien. 
Die  Zeitschrift  sollte  der  Propaganda  des  dialektischen  Mate- 
rialismus  durch  dessen  Anwendung  auf  Fragen  dienen,  die 
die  burgerliche  Intelligenz  als  ihre  eigensten  anzuerkennen 
genbtigt  ist.  Ich  habe  Ihnen  auch  gesagt,  wie  kenntlich  mir 
diese  Tendenz  gerade  in  Ihren  Arbeiten  ist,  wie  sehr  zugleich 
aber  gerade  sie  mir  beweisen,  daB  die  Herstellung  solcher 
Beitrage,  die  innerhalb  der  deutschen  Literatur  etwas  grund- 
legend  Neues  darstellen,  sich  schwer  mit  den  Erfordernissen 
journalistischer  Aktualitat  verbinden  laBt.  Nun  haben  diese 
Erfordernisse  sich  immer  spiirbarer  gemacht.  Am  15.  April 
soil  die  erste  Nummer  erscheinen  und  von  den  drei  Aufsat- 
zen,  die  vorliegen,  kann  —  welchen  Wert  sie  auch  haben 
mogen  — kein  einziger  fachmannische  Autoritatbeanspruchen. 
Der  von  Plechanow  konnte  das  einmal,  das  ist  aber  25  Jahre 
her. 

Meine  Bereitschaft  zur  Mitarbeit  bleibt  vollkommen  un- 


521 


verandert  bestehen.  Von  Rowohlt  horte  ich,  dafi  er  Wert  dar- 
auf  legt,  mich  in  der  ersten  Nummer  zu  haben;  ich  werde 
also  fiir  die  erste  Nummer  etwas  schreiben.  Um  aber  der  Zeit- 
schrift  Arbeiten  zuwenden  zu  konnen,  wie  sie  mir  vorschweb- 
ten,  dazu  bediirfte  icli  leider,  bei  meiner  Arbeitsweise,  viel 
groBerer  Fristen.  Solange  ich  nicht  in  der  Lage  bin,  solche 
grundlegenden  Arbeiten  beizusteuern  und  sie  auch  von  ande- 
rer  Seite  nicht  vorliegen,  kame  meine  Mitherausgeberschaft 
auf  die  Unterzeichnung  cines  Aufrufs  heraus.  Dergleichen 
habe  ich  aber  nie  vorgehabl;. 

Mit  freundlicJien  GriiBen  Ihr  Walter  Benjamin 


201  AnMaxRychner 

[Die  Abschrift  des  folgenden  Brief es  sandte  Benjamin  Scho- 
lem  mit  folgender  Vorbemerkung  ein:  „Dies  habe  ich  dem 
Herausgeber  der  „Neuen  Schweizer  Rundschau"  auf  seinen 
Artikel  „Kapitalismus  und  scheme  Literatur"  —  eine  Rezen- 
sion  der  gleichnamigen  Schrift  von  Brentano  —  geschrieben. 
Der  Artikel  wurde  mir  mit  dem  Motto :  „Dic,  cur  hie?"  zuge- 
sandt.  Walter"] 

Berlin- Wilmersdorf,  7.  Marz  31 
Cur  hie?  -  Dieses  hie,  lieber  Herr  Rychner,  ist  ein  weites 
Feld;  ich  bin  nicht  sicher,  daB  Sie  mich  in  dem  Sektor  auf- 
tauchen  sehen,  den  Sie,  durch  Brentanos  Arbeit  veranlaBt, 
ins  Auge  fassen.  Der  meine  liegt  eher  entgegengesetzt,  aber 
freilich  im  gleichen  Kreise.  Es  wurde  bei  weitem  die  Moglich- 
keiten  einer  schriftlichen  Darlegung  iiberschreiten,  wollte  ich 
Ihnen  auseinandersetzen,  was  mich  zur  Anwendung  materia- 
listischer  Betrachtung  gefiihrt  hat.  Und  wenn  es  mir  gelange, 
so  ware  immer  noch  offen,  welcher  Art  diese  Anwendung 
eigentlich  ist.  Eines  aber  will  ich.  doch  gleich  zur  Sprache 
bringen:  die  denkbar  starkste  Propaganda  einer  materialisti- 
schen  Anschauungsweise  hat  mich  nicht  in  Gestalt  kommuni- 
stischer  Broschiiren,  sondern  in  der  der  „reprasentativen" 

522 


Werke  erreicht,  die  in  meiner  Wissenschaft  -  der  Liter  atur- 
geschichte  und  der  Kritik  —  auf  biirgerlicher  Seite  in  den 
letzten  zwanzig  Jahren  ans  Licht  traten.  Mit  dem,  was  da  die 
akademische  Richtung  geleistet  hat,  habe  ich  genau  so  wenig 
zu  schaffen  wie  mit  den  Monumenten,  die  ein  Gundolf  oder 
Bertram  aufgerichtet  haben  -  und  um  mich  friih  und  deut- 
lich  gegen  die  abscheuliche  Ode  dieses  offiziellen  und  inoffi- 
ziellen  Betriebs  abzugrenzen,  hat  es  nicht  marxistischer  Ge- 
dankengangebedurft— die  ich  vielmehr  erst  sehr  spat  kennen- 
gelernt  habe  -  sondern  das  danke  ich  der  metaphysischen 
Grundrichtung  meiner  Forschung.  Wie  weit  gerade  eine 
strenge  Beobachtung  der  echten  akademischen  Forschungs- 
methoden  von  der  heutigen  Haltung  des  biirgerlich-idealisti- 
schen  Wissenschaftsbetriebs  abfuhrt,  darauf  hat  mein  Buch 
„Ursprung  des  deutschen  Trauerspiels"  die  Probe  gemacht, 
indem  es  von  keinem  deutschen  Akademiker  irgendeiner 
Anzeige  ist  gewiirdigt  worden.  Nun  war  dieses  Buch  gewiB 
nicht  materialistisch,  wenn  audi  bereits  dialektisch.  Was  ich 
aber  zur  Zeit  seiner  Abfassung  nicht  wuBte,  das  ist  mir  bald 
nachher  klarer  und  klarer  geworden:  daB  von  meinem  sehr 
besonderen  sprachphilosophischen  Standort  aus  es  zur  Be- 
trachtungsweise  des  dialektischen  Materialismus  eine  -  wenn 
auch  noch  so  gespannte  und  problematische  -  Vermittlung 
gibt.  Zur  Saturiertheit  der  burgerlichen  Wissenschaft  aber 
gar  keine. 

Cur  hie?  —  Nicht  weil  ich  „Bekenner"  der  materialistischen 
„ Weltanschauung"  ware;  sondern  weil  ich  bestrebt  bin,  die 
Richtung  meines  Denkens  auf  diejenigen  Gegenstande  zu 
lenken,  in  denen  jeweils  die  Wahrheit  am  dichtesten  vor- 
kommt.  Und  das  sind  heute  nicht  die  „ewigen  Ideen",  nicht 
die  „zeitlosen  Werte".  Sie  nehmen  an  einer  Stelle  Ihrer  Ar- 
beit auf  meinen  Keller- Auf satz  in  schoner  und  ehrender 
Weise  bezug,  Aber  Sie  werden  mir  zugeben:  auch  in  diesem 
Aufsatz  war  es  mein  exaktes  Bemiihen,  die  Einsicht  in  Keller 
an  der  in  den  wahren  Stand  unseres  gegenwartigen  Daseins 
zu  legitimieren.  DaB  die  historische  GroBe  einen  Standindex 
hat,  kraft  deren  jede  echte  Erkenntnis  von  ihr  zur  geschichts- 
philosophischen  —  nicht  psychologischen  —  Selbsterkenntnis 

523 


des  Erkennenden  wird,  das  mag  eine  recht  unmaterialistische 
Formulierung  sein,  ist  aber  eine  Erfahrung,  die  mich  den 
hanebiichenen  und  rauhbeinigen  Analysen  eines  Franz  Meh- 
ring  immer  noch  eher  verbindet,  als  den  tiefsinnigsten  Um- 
schreibungen  des  Ideenreiches,  wie  sie  lieute  aus  Heideggers 
Schule  hervorgehen. 

Sie  verstehen,  daB  ich  zu  Ihrem  kleinen  Anruf  nicht 
schweigen  konnte,  obwohl  ich  genau  weiB,  daB  jeder  Versuch 
schriftlicher  Verstandigung  in  der  unmaBgeblichen  Brief- 
gestalt  eben  so  viel  BloBen  freigeben  muB  als  er  Worte  ent- 
halt.  Da  kann  man  nicht s  machen.  Vielleicht  darf  ich  auch 
annehmen,  daB  als  Sie  mir  die  Frage  stellten,  an  die  das  hier 
Gesagte  so  locker  anschlieBt,  es  nicht  geschah,  ohne  daB  Sie 
im  Stillen  zumindest  einige  Losungsversuche  bei  sich  erwogen 
hatten.  Von  solchen  ware  mir  der  vertrauteste,  in  mir  nicht 
einen  Vertreter  des  dialektischen  Materialismus  als  eines 
Dogmas,  sondern  einen  Forscher  zu  sehen,  dem  die  Haltung 
des  Materialist  en  wissenschaftlich  und  menschlich  in  alien 
uns  bewegenden  Dingen  fruchtbarer  scheint  als  die  idealisti- 
sche.  Und  wenn  ich  es  denn  in  einem  Worte  aussprechen  soil: 
ich  habe  nie  anders  f  orschen  und  denken  konnen  als  in  einem, 
wenn  ich  so  sagen  darf,  theologischen  Sinn  —  namlich  in  Ge- 
maBheit  der  talmudischen  Lehre  von  den  neunundvierzig 
Sinnstufen  jeder  Thorastelle.  Nun*.  Hierarchien  des  Sinns 
hat  meiner  Erfahrung  nach  die  abgegriffenste  kommunisti- 
sche  Plattitiide  mehr  als  der  heutige  biirgerliche  Tiefsinn,  der 
immer  nur  den  einen  der  Apologetik  besitzt. 

Indem  ich  Sie  fiir  diese  Improvisation  um  Verzeihung 
bitte  —  vor  einem  Schweigen  hat  sie  nur  den  Vorzug  der  Hof - 
lichkeit  —  darf  ich  Ihnen  zugleich  vielleicht  sagen,  daB  Sie 
fundiertere  Antworten  auf  die  von  Ihnen  gestellte  Frage  als 
ich  expressis  verbis  heute  Ihnen  zu  geben  vermag,  zwischen 
den  Zeilen  eines  Essays  „Karl  Kraus"  finden  diirften,  der 
demnachst  wohl  in  der  frankfurter  Zeitung"  erscheinen 
wird. 

Mit  freundschaftlichem  GruB  Ihr  Walter  Benjamin 


524 


202  [Gerhard  Scholem  an  Walter  Benjamin] 

Jericho,  30.  Marz  1931 

Lieber  Walter, 

ich  halte  mich  eine  Woche  in  Jericho  auf,  mit  Nichtstun  und 
dergleichen  beschaftigt,  als  Preparation  auf  den  nachste 
Woche  falligen  Besuch  meiner  Mutter  und  meines  Bruders 
in  Jerusalem;  morgen  fruh  fahre  ich  zu  einer  kleinen  Reise 
aufs  Tote  Meer,  auf  dem  ich  all  diese  Jahre  noch  nie  gewesen 
bin.  In  meinen  MiiBiggang  hinein  traf  en  deine  beiden  Brief - 
kopien,  die  der  Briefe  an  Brecht  und  Rychner,  die  also  fur 
einen  „Originalbrief"  zu  stehen  haben.  Der  Brief  an  Brecht 
erfiillt  meine  Erwartung,  die  ich  schon  die  ganze  Zeit  iiber 
hegte,  daB  aus  dieser  Zeitschrift,  von  der  du  mir  schriebst, 
nichts  werden  kann,  ohne  daB  ich  in  Unkenntnis  der  Details 
viel  dazu  sagen  konnte.  Dagegen  mochte  ich  dir  einiges  zu 
dem  andern  Brief  sagen,  den  ich  als  gewissermaBen  auch  an 
mich  als  Mitadressaten  gerichtet  empfinde.  Ich  bedauere  sehr, 
den  Aufsatz  Rychners  nicht  zu  kennen,  der  vielleicht  reelle 
Einsichten  enthalt.  Das  was  sich  aber  zu  deinem  Brief  sagen 
laBt,  ist  vermutlich  unabhangig  davon  —  die  Frage  die  cur 
hie?  ist  jedenfalls  gut  formuliert.  Ich  bitte  dich,  meine  Be- 
merkungen  im  selben  Geist  des  Wohlwollens  als  Abbreviatur 
zu  wiirdigen,  den  du  vom  Leser  jenes  Brief es  zu  erwarten 
berechtigt  warst. 

Seitdem  ich  mehr  oder  weniger  umfangreiche  Proben  jener 
Betrachtung  von  Angelegenheiten  der  Literatur  im  Geist  des 
dialektischen  Materialismus  aus  deiner  Feder  kenne,  bef  estigt 
sich  in  mir  auf  eine  klare  und  bestimmte  Weise  die  Einsicht, 
daB  du  in  dieser  Produktion  in  einer  selten  intensiven  Art 
Selbstbetrug  begehst,  was  zumal  dein  bewunderungswurdiges 
Essay  iiber  Karl  Kraus  (das  ich  lei  der  nicht  hier  unten  habe) 
mir  aufs  bedeutsamste  dokumentiert.  Die  von  dir  ausgespro- 
chene  Erwartung,  daB  ein  off enbar  so  verstandnisvoller  Leser 
wie  Herr  Rychner  in  diesem  Essay  in  auch  nur  irgendeinem 
Sinne  eine  Rechtfertigung  deiner  Sympathien  fiir  den  dialek- 
tischen Materialismus  „zwischen  denZeilen"  werde  zufinden 


525 


wissen,  scheint  mir  vollig  triigerisch:  vielmehr  wird  das  ge- 
naue  Gegenteil  derFall  sein,  worunter  ich  folgendes  verstehe: 
Es  ist  jedem  unbefangenen  Leser  deiner  Arbeiten,  scheint 
mir,  klar,  daB  du  in  den  letzten  Jahren  dich  zwar,  entschul- 
dige  wenn  ich  sage:  krampfhaft,  bermihst,  deine  zum  Teil 
sehr  weitreichenden  Einsichten  in  einer  der  kommunistischen 
denkbar  angenaherten  Phraseologie  vorzutragen,  daB  aber 
—  und  hierauf  scheint  es  mir  anzukommen  —  eine  verbliiffende 
Fremdheit  und  Beziehungslosigkeit  besteht  zwischen  deinem 
wirklichen  und  deinem  vorgegebenen  Denkverfahren.  Du  ge- 
winnst  Deine  Einsichten  nicht  etwa  durch  eine  strenge  An- 
wendung  einer  materialistischen  Methode,  sondern  vollstan- 
dig  unabhangig  davon  (bestenfalls),  oder  (schlechtestenfalls, 
wie  in  manchen  Arbeiten  aus  den  letzten  zwei  Jahren)  durch 
ein  Spielen  mit  den  Zweideutigkeiten  und  Interf  erenzerschei- 
nungen  dieser  Methode.  Wie  du  selbst  vollig  zutreff  end  Herrn 
Rychner  schreibst,  wachsen  deine  eigenen  und  soliden  Er- 
kenntnisse  aus  der,  sagen  wir  kurz,  Metaphysik  der  Sprache, 
welche  recht  eigentlich  das  ist,  womit  du,  zu  unverstellter 
Klarheit  gelangt,  eine  hochbedeutende  Figur  in  der  Geschichte 
kritischen  Denkens  sein  konntest,  der  legitime  Fortsetzer  der 
fruchtbarsten  und  echtesten  Traditionen  eines  Hamann  und 
Humboldt.  Das  ostensible  Bemuhen  dagegen,  diese  Resultate 
nun  in  einen  Rahmen  einzuspannen,  in  dem  sie  sich  plotzlich 
als  Scheinresultate  materialistischerUberlegungen  darstellen, 
bringt  ein  ganz  fremdes,  mit  Leichtigkeit  von  jedem  intelli- 
genten  Leser  loszulosendes  Form-Element  herein,  das  deiner 
Produktion  in  dieser  Zeit  den  Stempel  des  Abenteuerlichen, 
Zweideutigen  und  Volteschlagerischen  aufdriickt.  Du  wirst 
verstehen,  daB  ich  einen  so  demonstrativen  Ausdruck  nicht 
ohne  groBtes  "Widerstreben  gebrauche;  aber  wenn  ich  mir 
zum  Beispiel  die  geradezu  phantastische  Diskrepanz  vergegen- 
wartige,  die  in  einer  so  groBartigen  und  zentralen  Arbeit  wie 
der  liber  Kraus  zwischen  der  wahren  und  der  durch  die 
Terminologie  vorgestellten  Methode  klafft,  wie  da  plotzlich 
alles  hinkt,  well  die  Einsichten  des  Metaphysikers  iiber  die 
Sprache  des  Burgers,  ja  sagen  wir  selbst  iiber  die  des  Kapita- 
lismus,  auf  kunstliche  und  eben  nur  allzu  leicht  durchschau- 

526 


bare  Weise  identifiziert  werden  mit  denen  des  Materialisten 
xiber  die  okonomische  Dialektik  der  Gesellschaft  dergestalt, 
daB  es  scheinen  mochte,  als  ob  sie  auseinander  hervorgingen! 
—  so  bestiirzt  es  mich,  mir  sagen  zu  rmissen,  daB  diese  Selbst- 
tauschung  nur  moglich  ist,  weil  du  sie  willst,  und  mehr:  daB 
sie  nur  dauern  kann,  solange  sie  nicht  auf  die  materialistische 
Probe  gestellt  wird.  Die  vollige  GewiBheit,  die  ich  behaupte, 
dariiber  zu  haben,  was  deinem  Schrifttum  geschehen  wiirde, 
wenn  es  sich  beifallen  lieBe,  innerhalb  der  kommunistischen 
Partei  zu  erscheinen,  ist  recht  trubselig.  Ich  jglaube  fast,  du 
willst  diesen  Schwebezustand,  und  miiBte  doch  jedes  Mittel 
begriiBen,  ihn  zu  beenden.  DaB  deine  Dialektik  nicht  die  des 
Materialisten  ist,  der  du  sie  anzunahern  strebst,  wiirde  sich  in 
dem  Moment  eindeutig  klar,  explosiv,  herausstellen,  wo  du 
als  typischer  Konterrevolutionar  und  Bourgeois,  wie  es  nicht 
ausbleiben  konnte,  von  deinen  Mitdialektikern  entlarvt  wer- 
den wiirdest.  Solange  du  fur  Burger  iiber  Burger  schreibst, 
kann  es  dem  echten  Materialisten  ganz  gleich,  ich  mochte 
sagen:  schnuppeegal  sein,  ob  du  dich  der  Illusion  hinzugeben 
wunschst,  mit  ihm  einig  zu  sein.  Im  Gegenteil:  er  miiBte 
eigentlich  jedes  Interesse  haben,  dialektisch  gesehen,  dich  in 
ihr  zu  bestarken,  da  dein  Dynamit  auf  jenem  Terrain  ver- 
mutlich  auch  ihm  erkennbar  starker  sein  konnte  als  seines. 
(Vergleichbar  etwa,  entschuldige  die  Parallele,  wie  er  in 
Deutschland  gewisse  psychoanalytische  Bolschewisten  a  la 
Erich  Fromm  ermutigt  hat,  die  er  in  Moskau  umgehendst 
nach  Sibirien  schicken  wiirde.)  In  seinem  eigenen  Lager  kann 
er  dich  nicht  brauchen,  da  die  rein  abstrakte  Identification 
eurer  Spharen  dort  bei  den  ersten  Schritten  ins  Zentrum 
hinein  auffliegen  muB.  Da  du  nun  selbst  gewissermaBen  von 
der  anderen  Ecke  her  an  einem  gewissen  in  suspenso-Zu- 
stand  eures  illegitimen  Verhaltnisses  interessiert  bist,  so 
kommt  ihr  ganz  gut  miteinander  aus;  es  fragt  sich  nur,  um 
auch  dies  geziemend  zu  sagen,  wielange  noch  bei  einem  so 
zweideutigen  Verhaltnis  die  Moralitat  deiner  Einsichten, 
eines  deiner  kostbarsten  Giiter,  gesund  bleiben  kann.  Denn 
es  ist  nicht  so,  wie  du  es  vielleicht  siehst,  daB  du  dich  fragst, 
wie  weit  man  versuchsweise  mit  der  Haltung  des  Materiali- 

527 


sten  etwa  kommt,  da  du  evidentermaBen  diese  Haltung  bei 
deinem  schopferischen  Verfahren  noch  nie  und  in  keinem 
Falle  eingenommen  hast,  und  wie  ich  glaube,  als  alter  Theo- 
loge  sagen  zu  diirfen,  auch  ganzlich  unfahig  bist,  es  mit 
Erfolg  zu  tun.  Und  da  bei  einer  gewissen  Robustheit  des 
Entschlusses,  die  ich  glaube  in  diesem  speziellen  Falle  bei 
dir  voraussetzen  zu  diirfen,  die  Projizierung  deiner  Erkennt- 
nisse,  die  wie  du  so  wahr  sagst  im  theologischen  Verfahren 
gewonnen  sind,  auf  die  materialistische  Terminologie  recht 
und  schlecht,  mit  einigen  unumganglichen  Verschiebungen, 
denen  nichts  im  Abzubildenden  entspricht,  denkbar  ist  - 
dialectica  dialecticam  amat  —  so  konnt  ihr  es  schon  noch  lange 
miteinander  halten,  namlich  genau  so  lange,  wie  die  Um- 
stande  es  euch  gestatten,  in  eurer  Zweideutigkeit  zu  verhar- 
ren,  was  bei  den  obwaltenden  historischen  Verhaltnissen  noch 
sehr  lange  sein  kann.  So  sehr  ich  also  bestreite,  daB  es  etwas 
gegeben  hat,  was  dich,  wie  du  an  Rychner  behauptest,  zur 
Anwendung  materialistischer  Betrachtung  gef iihrt  hat,  zu 
der  deine  Produktion  vielmehr  keinerlei  echten  Beitrag  lie- 
fert,  so  sehr  verstehe  ich,  daB  du  zu  der  Selbsttauschung  ge- 
kommen  bist,  die  Einfiihrung  einer  gewissen  Tendenz  und 
Terminologie,  in  der  Klassen  und  Kapitalismus,  wenn  auch 
kaum  deren  Gegenteil  vorkommen,  in  die  Metaphysik,  mache 
deine  Betrachtungen  zu  materialistischen.  Das  sichere  Mittel, 
die  vollige  Wahrheit  meiner  Ansicht  nachzuweisen,  namlich 
den  Eintritt  in  die  K.  P.  D.,  kann  ich  dir  freilich  nur  ironisch 
empfehlen.  Denn  wie  weit  eine  strenge  Beobachtung  der  ech- 
ten materialistischen  Forschungsmethoden  von  der  idealen 
Haltung  des  metaphysisch-dialektischen  Wissenschaftsbetrie- 
bes  abf iihrt  (um  deine  Formulierung  zu  variieren)  —  diese 
Probe  zu  machen,  die  nur  als  capitis  diminutio  deiner  Exi- 
stenz  enden  kann,  bin  ich  als  Freund  doch  nicht  imstande, 
Dir  so  ohne  Weiteres  anzuraten.  Ich  neige  eher  dazu  anzu- 
nehmen,  daB  es  mit  dieser  Verbindung  eines  Tages  genau  so 
unversehens  aus  sein  wird,  wie  es  angefangen  hat.  Wenn  ich 
mich  darin  irre,  so  werden  die  hohen Unkosten  dieses  Irrtums, 
wie  ich  fiirchte,  von  dir  getragen  werden,  was  zwar  paradox, 
aber  der  dann  entstandenen  Situation  nur  angepaBt  ware:  du 

528 


warest  zwar  nicht  das  letzte,  aber  vielleicht  das  unbegreif- 
lichste  Opfer  der  Konfusion  von  Religion  und  Politik,  deren 
Herausarbeitung  in  ihrer  echten  Beziehung  von  niemand 
deutlicher  erwartet  werden  durfte  als  von  dir.  Aber,  wie  die 
alten  spanischen  Juden  zu  sagen  pflegten:  was  die  Zeit  kann, 
kann  auch  der  Verstand. 

Uber  anderes  ein  anderes  Mai.  Ich  warte  immer  auf  Briefe 
von  dir,  vielleicht  setzt  dieser  hier  deine  Fiillfeder  in  polemi- 
sche  Rotation! 

Sei  aufs  herzlichste  gegriiBt  Dein  Gerhard 


203  An  Gerhard  S cholera 

Berlin- Wilmersdorf,  17.  April  1931 

Lieber  Gerhard, 

es  ist  mir  ebenso  unmoglich,  deinen  groBen  Brief  heute  schon 
zu  beantworten  als  dir  den  Empfang  noch  langer  unbestatigt 
zu  lassen.  Ich  bewundere  die  Generositat,  die  aus  seiner  hand- 
schriftlichen  Abfassung  spricht;  sie  sagt  mir,  daB  du  nicht 
einmal  eine  Abschrift  dieses  Dokuments  dir  gesichert  hast. 
Desto  sorgsamer  wird  es  bei  mir  verwahrt  werden.  Darunter 
bitte  ich  dich  nicht  „verborgen"  zu  verstehen  oder  „vergra- 
ben".  Nein,  es  stent  vielmehr  so,  daB  ich  der  Aufgabe,  die 
dieser  Brief  mir  stellt,  gerecht  zu  werden,  eine  gewisse  Chance 
nur  habe,  wenn  ich  die  Antwort  planmaBig  vorbereite.  Und 
dazu  ist  der  erste  Schritt,  was  du  geschrieben  hast,  mit  einigen 
mir  Nahestehenden  durchzugehen.  Das  ist  in  erster  Linie  der 
dir  noch  unbekannte  Gustav  Gliick,  kein  Schriftsteller,  son- 
dern  ein  hoherer  Bankbeamter,  daneben  vielleicht  noch  Ernst 
Bloch.  Im  iibrigen  konnte  es  meine  Basis,  die  von  Haus  aus 
schmal  genug  ist,  verbreitern,  wenn  du  Einblick  in  das 
ensemble  der  Brechtschen  „Versuche"  nahmest.  Kiepenheuer, 
der  sie  verlegt  hat,  ist  nachster  Tage  bei  mir  und  da  werde  ich 
versuchen,  die  Folge  fur  dich  herauszuschlagen.  Im  iibrigen 
habe  ich  dir  vor  Wochen  den  hochbedeutenden  Aufsatz  iiber 


529 


die  Oper  aus  den  „Versuchen"  geschickt,  aber  du  hast  dazu 
nichts  geauBert.  Ich  komme  auf  diese  Dinge,  weil  dein  Brief, 
ohne  die  Absicht  zu  haben,  weiter  als  ad  hominem  zu  argu- 
mentieren,  meine  eigene  Position  durchschlagt,  um  projektil- 
haft  ins  Zentrum  der  Stellung  zu  treff en,  die  eine  kleine  aber 
wichtigste  avantgarde  hier  zurzeit  besetzt  halt.  Vieles  von 
dem,  was  mich  dazu  gefuhrt  hat,  mich  mehr  und  mehr  mit 
Brechts  Produktion  solidarisch  zu  machen,  ist  gerade  in  dei- 
nem  Brief e  zur  Sprache  gebracht;  das  heiBt  aber,  Vieles  in 
jener,  dir  noch  unbekannten  Produktion  selbst. 

Du  wirst  am  Klange  dieser  Zeilen  bemerken,  daB  deine 
naheliegende  Erwartung,  mit  deinem  Briefe  eine  polemische 
AuBerung  von  meiner  Seite  zu  provozieren,  nicht  in  Erfiil- 
lung  gehen  kann.  Wie  er  denn  iiberhaupt  keine  expansive 
oder  aff ekthafte  Reaktion  bei  mir  zur  Folge  haben  kann,  aus 
dem  Grunde,  weil  meine  Situation  viel  zu  prekar  ist,  um  mir 
dergleichen  leisten  zu  konnen.  Es  fallt  mir  doch  im  Traume 
nicht  ein,  Unfehlbarkeit,  ja  auch  nur  Richtigkeit  in  anderm 
Sinne,  als  dem  des  notwendig,  des  symptomatisch,  des  pro- 
duktiv  Falschen  von  ihr  zu  behaupten.  (Mit  solchen  Satzen 
ist  wenig  getan,  aber  ich  muB  versuchen,  -  da  du  im  Groflen 
von  so  weit  her  so  genau  erkannt  hast,  was  hier  gespielt 
wird  —  dir  nun  auch  vom  Geringeren,  den  reflexiven  Ober- 
tonen  sozusagen,  eine  Vorstellung  zu  geben.)  Insbesondere 
sollst  du  nicht  meinen,  daB  ich  das  Schicksal  meiner  Sachen  in 
der  Partei,  bezw,  die  Dauer  einer  moglichen  Parteizugehorig- 
keit  betreffend,  die  mindesten  Illusionen  habe.  Aber  kurz- 
sichtig  ware  es,  diesen  Umstand  nicht  fur  abanderungsfahig 
zu  halten,  wenn  schon  unter  keiher  kleineren  Bedingung  als 
der  einer  deutschen  bolschewistischen  Revolution.  Nicht  als 
ob  eine  siegreiche  Partei  im  geringsten  zu  meinen  heutigen 
Sachen  ihre  Stellung  revidieren  wiirde,  wohl  aber  in  dem 
anderen,  das  sie  mir  anders  zu  schreiben  moglich  machen 
wiirde.  Das  heiBt:  ich  bin  entschlossen,  unter  alien  Umstan- 
den  meine  Sache  zu  tun,  aber  nicht  unter  jedem  Umstand  ist 
diese  Sache  die  gleiche.  Sie  ist  vielmehr  eine  Entsprechende. 
Und' falschen  Umstanden  richtig  —  d.  i.  mit  „Richtigem"  — 
zu  entsprechen,  das  ist  mir  nicht  gegeben.  Das  ist  auch,  so- 

530 


lange  man  als  Einzelner  besteht  und  zu  bestehen  gesonnen 
ist,  gar  nicht  wiinschenswert. 

Ein  anderes  ebenso  provisorisch  zu  Formulierendes :  es  gibt 
die  Frage  der  Nachbarschaft.  Wo  liegt  meine  Produktions- 
anstalt?-  Sie  liegt  —  audi  dariiber  hege  ich  nicht  die  mindesten 
Illusionen  -  in  Berlin  W.  W.  W.,  wenn  du  willst.  Die  aus- 
gebildetste  Zivilisation  und  die  „modernste"  Kultur  gehoren 
nicht  nur  zu  meinem  privaten  Komfort,  sondern  sie  sind  zum 
Teil  geradezu  Mittel  meiner  Produktion.  Das  heifit:  es  liegt 
nicht  in  meiner  Macht,  meine  Produktionsanstalt  nach  Ber- 
lin O.  oder  N.  zu  verlegen.  (In  meiner  Macht  stiinde,  nach 
Berlin  O.  oder  N.  zu  iibersiedeln,  aber  dort  anderes  zu  tun, 
als  ich  hier  tue.  Ich  gebe  zu,  daB  sich  das  aus  moralischen 
Griinden  vielleicht  fordern  lieBe.  Ich  werde  vorderhand  sol- 
dier Forderung  aber  nicht  nachkommen;  ich  werde  sagen, 
daB  es  mir,  gerade  mir  und  sehr  vielen,  deren  Position  der 
meinen  gleich  ist,  ganz  unverhaltnismaBig  schwer  gemacht 
wird).  Aber  willst  du  mir  wirklich  verwehren,  mit  meiner 
kleinen  Schreibfabrik,  die  da  mitten  im  Westen  liegt,  ganz 
einfach  aus  dem  gebieterischen  Bedurfnis,  von  einer  Nach- 
barschaft, die  ich,  aus  Griinden,  hinzunehmen  habe,  mich  zu 
unterscheiden  -  willst  du  mir  mit  dem  Hinweis,  das  sei  ja 
nichts  als  ein  Fetzchen  Tuch,  verwehren,  die  rote  Fahne  zum 
Fenster  herauszuhangen?  Wenn  man  schon  „gegenrevolutio- 
nare"  Schriften  verfaBt  —  wie  du  die  meinen  vom  Partei- 
standpunkt  aus  ganz  richtig  qualifizierst  -  soil  man  sie  der 
Gegenrevolution  auch  noch  ausdrucklich  zur  Verf  ugung  stel- 
len?  Soil  man  sie  nicht  vielmehr  denaturieren,  wie  Spiritus, 
sie  -  auf  die  Gefahr  hin,  daB  sie  ungenieBbar  fur  jeden 
werden  -  bestimmt  und  zuverlassig  ungenieBbar  fur  jene 
machen?  Kann  die  Deutlichkeit,  mit  der  man  sich  von  den 
Verlautbarungen,  der  Sprache  von  Leuten  unterscheidet,  die 
im  Leben  zu  vermeiden  man  immer  besser  lernt,  jemals  zu 
groB  sein?  Ist  sie  in  meinen  Schriften  nicht  eher  zu  klein  und 
ist  sie  in  anderer  Richtung  zu  vergrbBern  als  der  kommu- 
nistischen? 

Wenn  ich  in  Palastina  ware  -  sehr  moglich,  daB  die  Dinge 
dann  ganz  anders  lagen.  Deine  Stellung  in  der  Araberfrage 

531 


beweist,  daB  es  dort  noch  ganz  andere  Methoden  eindeutiger 
Differenzierung  von  der  Bourgeoisie  gibt  als  hier.  Hier  gibt 
es  sie  nicht.  Hier  gibt  es  nicht  einmal  die.  Denn  mit  einem 
gewissen  Recht  konntest  du,  was  ich  eindeutig  nenne,  den 
Hohepunkt  der  Zweideutigkeit  nennen.  Gut,  ich  erreiche  ein 
Extrem.  Ein  Schiffbriichiger,  der  auf  einem  Wrack  treibt, 
indem  er  auf  die  Spitze  des  Mastbaums  klettert,  der  schon 
zermiirbt  ist.  Aber  er  hat  die  Chance,  von  dort  zu  seiner 
Rettung  ein  Signal  zu  geben. 

Durchdenke  dies  alles  doch  bitte  genau,  Mache  mir,  wenn 
du  kannst,  einen  Gegenvorschlag. 

Fiir  heute,  und  um  dich  nicht  warten  zu  lassen,  nur  noch 
die  herzlichsten  GriiBe 

Dein  Walter 


204  [Gerhard  Scholem  an  Walter  Benjamin] 

Jerusalem,  6.  Mai  1931 

Lieber  Walter, 

dein  kurzer  Brief  macht  mich  etwas  verlegen,  da  er  am  SchluB 
eine  Stellungnahme  von  mir  verlangt,  die  ich  zu  dem,  was  du 
dort  vorbringst,  gar  nicht  haben  kann.  Du  schilderst  deine 
Situation  noch  einmal.  Nun  —  es  ist  ja  nicht  das  eben,  was 
ich  zur  Sprache  bringen  wollte.  Ich  habe  weder  die  Eigenart 
deiner  Situation  in  einer  biirgerlichen  Welt  bestritten,  noch 
die  (selbstverstandliche)  Berechtigung,  sich  in  historischen 
Entscheidungen  auf  die  Seite  der  Revolution  zu  schlagen, 
noch  die  Existenz  des  traurigen  Phanomens  Nachbarschaft 
oder  Schwache  oder  wie  man  es  sonst  nennen  will.  Und  mit 
Recht  sagst  du  ja,  daB  dein  Brief  noch  keine  Antwort  auf  das 
bildet,  was  ich  vorbringe:  namlich  nicht,  daB  du  kampfst, 
sondern  daB  du  unter  einer  Verkleidung  kampfst,  daB  du  in 
deinem  Schrifttum  in  immer  steigendem  MaBe  einen  mate- 
rialistischen  Wechsel  ausstellst,  den  einzulosen  du  schlechter- 
dings  unfahig  bist,  und  zwar  unfahig  gerade  aus  dem  Ech- 

532 


testen  und  Substantiellsten  heraus,  was  du  hast  oder  bist.  Ich 
bestreite  ja  nicht,  daB  man  eventuell  schreiben  kann  wie 
Lenin,  ich  greife  nur  die  Fiktion  an,  als  ob  man  dies  tate, 
wahrend  man  gerade  etwas  ganz  Anderes  tut.  Ich  behaupte, 
daB  man  in  dieser  Spannung  der  Zweideutigkeit  zwar  leben 
kann  (ja  es  ist  sogar  das,  was  ich  befiirchte),  aber  eben,  urn  es 
einmal  sehr  scharf  auszudriicken,  daB  man  dabei  zugrunde 
geht,  weil  -  und  dies  ist  ein  Punkt,  auf  den  ich  am  meisten 
bei  dir  gebe  —  die  Moralitat  der  Einsichten  in  dieser  Existenz 
verlumpen  muB,  und  dieses  Gut  ist  nun  einmal  lebenswichtig 
und  kann  nicht  und  in  keinem  Fall  neutralisiert  werden.  Du 
schreibst,  mein  Brief  ginge  nicht  nur  dich,  sondern  auch 
manche  Andern  an,  mit  denen  du  ihn  durchzusprechen  geneigt 
seiest.  Nun,  ich  kann  das  nur  begriiBen,  und  daB  er  Ernst  Bloch 
angeht,  ist  auch  mir  evident,  wie  du  vielleicht  schon  aus  dem  er- 
kennen  kannst,  was  ich  dir  uber  sein  Buch  [„Spuren"]  geschrie- 
ben  habe.  [. . .]  Du  schreibst :  mache  einen  Gegenvorschlag. 
Der  konnte  nur  lauten,  dich  zu  deinem  Genius  zu  bekennen, 
den  zu  verleugnen  du  zu  Zeiten  so  aussichtslos  versuchst.  Zu 
leicht  schlagt  Selbstbetrug  in  Selbstmord  um,  und  der  deine 
ware,  weiB  Gott,  mit  der  Ehre  der  revolutionaren  Recht- 
glaubigkeit  zu  teuer  bezahlt.  Dich  gefahrdet  das  Verlangen 
nach  Gemeinschaft,  und  sei  es  selbst  der  apokalyptischen  der 
Revolution,  mehr  als  das  Grauen  der  Einsamkeit,  das  aus  so 
manchen  deiner  Schriften  spricht,  und  auf  das  ich  freilich 
einen  hoheren  Einsatz  zu  machen  bereit  bin  als  auf  die  Meta- 
phorik,  mit  der  du  dich  um  deine  Beruf  ung  betriigst. 

Herzlichst  Dein  Gerhard 


205  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  20.  Juli  1931 

Lieber  Gerhard, 

Eine  stille  Sonntagnacht  und  eine  noch  stillere  Gemiitsver- 
f  assung  will  ich  nutzen  um  wieder  einmal  von  mir  horen  zu 

535 


las  sen.  Ein  wenig  bekiimmert  mich  freilich  die  Perspektive, 
daB  Du  audi  diesmal  wieder  iiber  elliptische  und  lakonische 
Wendungen,  mangelhafte  Informationen  und  fadenscheinige 
Argumente  Klage  fiihren  wirst.  Ohne  Deinen  letzten  Brief 
gerade  vor  mir  zu  haben  -  ich  werde  ihn  aber  noch  einmal 
lesen,  ehe  ich  diesen  absende  -  steht  mir  in  Erinnerung,  daB 
er  von  miBvergniigten  Hinweisen  auf  solche  Stil-  und  Denk- 
mangel  durchzogen  ist.  Nun  mogen  diese  Dinge  liegen  wie  sie 
wollen  —  ich  will  fur  einen  Augenblick  sogar  voraussetzen, 
sie  lagen  genau  so  wie  sie  Dir  erscheinen  -  so  mufit  Du  Dir 
einsichtigerweise  doch  sag  en,  daB  dies  Verhaltnisse  und  Ent- 
wicklungen  -  das  Werk  von  Lebensumstanden  und  Jahren  - 
sind,  die  sich  aus  der  Feme  nur  unendlich  schwer  lenken,  in 
die  Feme  nur  unendlich  schwer  darstellen  lassen.  Wenn  ich 
das  ausspreche,  so  ist  es  weiB  Gott  nicht,  um  mich  hinter 
einer  spanischen  Wand  der  Kontrolle  und  noch  viel  weniger 
Deiner  Freundschaft  zu  entziehen.  Ich  bleibe  bis  zuletzt  zur 
Rechenschaft  bereit,  aber  die  laBt  sich  schriftlich  um  so  viel 
weniger  geben  als  es  sich  ja  -  wie  jedes  Kind  erkennen  kann  - 
auf  meiner  Seite  keineswegs  um  blanke  Standpunkte,  sondern 
um  eine  Entwicklung  handelt,  und  zwar  um  eine,  welch e  sich 
unter  den  schwersten  Spannungen  vollzieht.  Dabei  meine 
[ich]  jetzt  viel  weniger  innere  Spannungen  privater  Natur 
(nein,  was  das  betrifft,  so  ist  mir  selten  soviel  innere  Ruhe 
zuteil  geworden  wie  in  diesen  letzten  Monaten),  ich  meine 
die  Spannungen  des  politischen,  gesellschaftlichen  Lebens- 
raumes,  von  denen  kein  Mensch  und  am  wenigsten  ein  Schrif t- 
steller  bei  seinen  Arbeiten  absehen  und  von  denen  er  noch  viel 
weniger  auf  drei  oder  vier  Briefseiten  einen  ausreichenden 
Begriff  geben  kann.  Gerade  heute  habe  ich  mich  vergewissert, 
daB  die  „Versucheu  von  Brecht  an  Dich  abgegangen  sind. 
Deine  Frage,  was  denn  die  mit  den  Gegenstanden  unserer 
Korrespondenz  zu  tun  hatten,  beantworte  ich  mit  dem  Hin- 
weis,  dafi  wir  uns  von  einer  brieflichen  Thesendebatte  gar 
nichts  versprechen  konnen,  daB  hier  soviel  wie  moglich  die 
aufrichtige  sachliche  Mitteilung  einzutreten  und  die  der 
Brechtschen  „Versuche"  darum  ganz  besondere  Bedeutung 
hat,  weil  diese  Schriften  die  ersten  ^  wohl  verstanden:  dichte- 


534 


rischen  oder  literarischen  —  sind,  fur  die  ich  als  Kritiker  ohne 
(offentlichen)  Vorbehalt  eintrete,  weil  ein  Teil  meiner  Ent- 
wicklung  in  den  letzten  Jahren  sich  in  der  Auseinanderset- 
zung  mit  ihnen  abgespielt  hat  und  weil  sie  scharfer  als  alle 
andern  Einblick  in  die  geistigen  Verhaltnisse  geben,  unter 
denen  die  Arbeit  von  Leuten  wie  mir  sich  hierzulande  voll- 
zieht.  Denn  das  kommt  dazu,  daB  Du  nur  eine  unvollkom- 
mene  Vorstellung  von  den  gesellschaftlichen  und  politischen 
Verhaltnissen  haben  kannst,  unter  denen  hiergearbeitet  wird. 
Gar  nicht  zu  reden  von  den  materiellen,  die  meine  Existenz 
-  ohne  irgend  ein  Vermogen,  ohne  irgend  ein  f  estes  Einkom- 
men  —  mit  der  Zeit  zu  einem  Paradoxon  gemacht  haben,  vor 
dessen  Anblick  ich  manchmal  selber  in  einen  stupor  des  Stau- 
nens  versinke.  Kurz:  es  ware  ganz  gewiB  an  der  Zeit,  daB  wir 
uns  wiedersahen,  und  ich  hoffe,  die  Aussichten  dafiir  sind  bei 
Deiner  Europareise  im  nachsten  Jahr  besser  als  Du  sie  augen- 
blicklich  darstellst.  Inzwischen  ware  es  sehr  wunschenswert, 
wenn  Du  mir  Abziige  mindestens  von  Deinen  Arbeiten  in 
deutscher  Sprache  zugehen  lieBest;  ich  habe  seit  endloser  Zeit 
nichts  mehr  bekommen. 

Zur  Zeit  versuche  ich  mich  an  einer  Anzeige  des  Kafka- 
schen  NachlaBbandes  die  ungemein  schwierig  ist.  Ich  habe 
fast  sein  ganzes  Werk  letzthin  -  teils  zum  zweiten,  teils  zum 
ersten  Male  —  gelesen.  Da  beneide  ich  Dich  um  Deine  jerusa- 
lemitischen  Zauberer;  das  ware  ein  Punkt  uber  den  sie  zu 
befragen  mir  lohnend  scheint.  Vielleicht  winkst  Du  mir  mit 
einer  Andeutung  heriiber.  Auch  wirst  Du  Dir  ja  schon  gele- 
gentlich  Separatgedanken  uber  Kafka  gemacht  haben. 

[...]■ 

Es  ist  ein  rechter  Jammer,  daB  die  Universitat  kein  Geld 
hat.  Hatte  ich  welches  —  ich  habe  meine  bisherigen  Verhalt- 
nisse nun  in  solchem  Grade  .bereinigt,  daB  der  EntschluB 
nach  Palastina  xiberzusiedeln  mir  nicht  schwerer  fiele  als  vor 
die  Tiir  zu  gehen.  Es  ware  der  richtige  Augenblick.  Aber 
meine  „richtigen  Augenblicke"  teilen  meinen  Schicksalsweg 
leider  fast  immer,  nach  dem  Gesetze  des  apollonischen  Schnitts, 
von  auBen.  Konnte  ich  Deutschland  verlassen,  so  ware  es, 

535 


meiner  Meinung  nach,  hbchste  Zeit.  Ich  halte  es  nach  allem 
was  ich  erf ahre  -  und  meine  Inf  ormationen  sind  gewohnlich 
sehr  gut  -  fur  iiberaus  fraglich,  ob  der  Beginn  des  Biirger- 
krieges  langer  als  bis  zum  Herbst  auf  sich  warten  laBt.  Hast 
Du  in  Deutschland  zu  disponieren,  so  ware  es  wohl  richtig, 
diese  Erwagung  inRechnung  zu  stellen.  Ob  Deutschland  jetzt 
eine  Anleihe  von  zwei  Milliarden  bekommt  oder  nicht,  diirfte 
deswegen  an  der  Sache  nur  wenig  andern,  weil  die  Summe 
viel  zu  gering  ist. 

Wie  ist  der  letzte  ZionistenkongreB  zubeurteilen?  Ichhabe 
nur  die  Informationen  der  Frankfurter  Zeitung  zu  sehen  be- 
kommen,  weil  sie  mir  ein  Ehrenabonnement  ausgesetzt  hat. 

Indem  ich  nun  also  bei  den  lacherlichsten  Details  meines 
Daseins  bereits  angelangt  bin,  will  ich  fiir  heute  schlieBen. 
Ich  hoffe,  sehr  bald  von  Dir  zu  hbren 

Herzlichst  Dein  Walter 


206  An  Gerhard Scholem 

[3.  Oktober  1931] 

Lieber  Gerhard, 

ich  sehe  es  ganzlich  ein:  ich  muB  nun  endlich  von  mir  hbren 
lassen,  um  nicht  berechtigte  Verstimmung  bei  Dir  heraufzu- 
rufen.  Die  Zeitverhaltnisse  machen  einem  das  AuBere  aller- 
ding  schwerer  und  schwerer.  Andererseits  bieten  ja  Deine 
letzten  Mitteilungen  fiir  sich  allein  Stoff  genug.  Deine  Aus- 
kunft  auf  meine  Frage  nach  den  Umstanden  des  Zionismus 
hat  mich  sehr  bewegt:  es  war  ein  Schreiben  media  in  vita,  aus 
der  Mitte  des  Lebens,  in  der  im  Fernen  des  Geplanten  schon 
das  Nahbild  des  Wirklichgewordenen,  im  Nahbild  des  Ver- 
wirklichten  das  Fernbild  des  Entworfenen  noch  sichtbar  ist. 
Ich  werde  ihn,  bevor  ich  diese  Zeilen  schlieBe,  noch  einmal 
lesen.  Eine  rmindliche  Kunde  dieser  Dinge,  die  sich  nicht  mit 
der  Klarheit  Deiner  schriftlichen  vergleichen  kann,  kam  mir 
im  Lauf  der  letzten  Wochen  —  oder  schon  Monate?  —  durch 


536 


[Heinz]  Pflaum,  dem  ich  einmal  auf  der  Bibliothek  begegnet 
bin.  [. . .] 

Dann  kam  vor  einigen  Tagen,  nach  einer  hebraischen 
Sendung,  fur  die  ich  Dir  sehr  danke,  Dein  Blatt  iiber  Rosen- 
zweig l,  den  ich  mit  starkstem  Anteil  und,  wenn  ich  als  Am 
Hoorez  diesen  Ausdruck  gebrauchen  darf,  volliger  Beistim- 
mung  las.  Irre  ich  nicht,  so  ist  es  doch  vielleicht  angezeigt, 
derartige  zusammenfassende  Betrachtungen,  in  denen  doch 
wohl  immer  entscheidende  Fermente  auch  aus  Deinen  deut- 
schen  Lehrjahren  sich  vorfinden  werden,  selbst  dann  deut- 
schen  Lesern  zuganglich  zu  machen,  wenn  sie  sich  nicht  auf 
deutsche  Biicher  beziehen,  Eine  friihere  Sendung,  in  der  Du 
eine  mystische  Kabbalabetrachtung  von  einem  neueren  —  ich 
glaube  englischen  —  Gelehrten  besprichst,  habe  ich  auch  dem 
Leo  Strauss  zuganglich  gemacht.  Hans  Kohn,  der  jetzt  im 
Auftrage  der  Frankfurter  Zeitung  iiber  RuBland  berichtet, 
ist  Dir  —  zum  Unterschied  von  mir  —  ja  wahrscheinlich  per- 
sonlich  bekannt2.  Sein  letztes  Referat  iiber  die  Lage  der  Reli- 
gionen  in  RuBland  ermangelte,  wie  mir  schien,  markanter 
Gedanken. 

Kamst  Du  in  absehbarer  Zeit  auf  zehn  bis  zwolf  Tage  nach 
Berlin,  so  wiirdest  Du  vielleicht  auf  nicht  weniger  Merkwiir- 
digkeiten  stoBen  als  andere  Leute  in  Moskau.  Aber  sie  sind 
truber,  sowohl  im  Gesamtaspekt  als  von  mir  her  gesehen.  Die 
Wirtschaftsordnung  Deutschlands  hat  soviel  festen  Grund 
wie  die  hohe  See  und  die  Notverordnungen  uberschneiden 
sich  wie  die  Wellenkamme.  Die  Arbeitslosigkeit  ist  im  Be- 
griff,  die  revolutionaren  Programme  genau  so  antiquiert  zu 
machen  wie  es  mit  den  wirtschaftspolitischen  bereits  gesche- 
hen  ist.  Denn  allem  Anschein  nach  sind  die  faktisch  von  den 
Massen  der  Arbeitslosen  delegierten  bei  uns  die  National- 
sozialisten;  die  Kommunisten  haben  bisher  den  notwendigen 
Kontakt  mit  diesen  Massen  und  damit  die  Moglichkeiten 
einer  revolutionaren  Aktion  nicht  gefunden,  indem  die  Ver- 
tretung  der  Arbeiterinteressen  in  jedem  konkreten  Sinne  durch 
das  phantastische  Heer  der  Reservearmee  immer  mehr  eine 
reformistische  Aufgabe  wird  und  vermutlich  auch  von  den 
Kommunisten  kaum  anders  besorgt  werden  konnte  als  die 

537 


Sozialdemokraten  es  tun.  Jeder,  der  noch  im  Betrieb  steht, 
ist  heute  durch  diese  bloBe  Tatsache  schon  einer  Arbeiter- 
aristokratie  zugehorig,  indessen  bei  den  Arbeitslosen  off  enbar 
ein  riesiger  Rentnerstand,  natiirlich  mikroskopischen  For- 
mats, im  Entstehen  ist;  ein  untatiges  Kleinbiirgertum,  dessen 
Lebenselement  Hasard  und  Nichtstun  ist  und  dessen  Tag  mit 
der  philistrosen  Genauigkeit  ablauft  mit  der  bescheiden[e] 
Spieler  in  denrBadeorten  den  ihren  verleben. 

[. . .] 

Der  Verlag  Piper,  der  zuletzt  die  Rechte  auf  den  Proust 
an  sich  gebracht  hatte,  ist  zu  meiner  groBen  Satisfaktion 
pleite  gegangen.  Es  war  unmoglich,  mit  diesen  Leuten  zu 
arbeiten  und  nunmehr  hat  mein  dilatorisches  Verhalten  sich 
ihnen  gegeniiber  bewahrt.  So  neige  ich  zu  kleinem  Bastel- 
kram,  wie  Besprechungen,  und  lese  gerade  den  „ Vergil"  von 
Theodor  Haecker,  den  der  vom  Wallace-Verleger  Goldmann 
sanierte  Hegner  herausgebracht  hat3.  Es  ist  soviel  Heils- 
geschichte  wie  irgend  mbglich  in  das  schmale  Bandchen  ge- 
preBt;  desto  erfreulicher  sind  einige  profane  Stellen,  wo  der 
Verfasser  es  weniger  frommen  und  begabten  Leuten  deutsch 
gibt.  Dann  liegen  da  neben  mir  die  Fahnen  von  Schmarja 
Levins  „ Childhood  in  Exile",  natiirlich  die  deutsche  Uber- 
setzung.  Willst  Du  sie  geschenkt  haben?  Nur  bitte  schreibe 
mir  gleichzeitig,  was  ich  en  attendant  mit  ihnen  anfangen 
soil?  Besprechen?  Lesen?  (letztere  beiden  Fragen  bitte  ich 
Dich  nicht  als  Alternative  verstehen  zu  wollen.)  Unergriind- 
liche  bibliographische  Studien  haben  mich  auf  folgende  An- 
gabe  gefiihrt:  A.  Scholem:  Allerlei  fur  Deutschlands  Turner, 
Berlin  1885.  Da  wliBte  ich  denn  doch  gerne,  ob  es  sich  um 
eine  posthume  Begegnung  mit  Deinem  Vater  handelt?4 

Und,  da  wir  beim  Bibliographischen  sind,  zum  SchluB 
noch  eine  erfreuliche,  aber  mit  auBerster  Diskretion  zu  be- 
handelnde  Tatsache:  der  groBte  deutsche  Lichtenberg-Samm- 
ler  hat  mich,  gegen  ein  monatliches  Entgelt,  mit  der  Durch  - 
f  iihrung  einer  von  ihm  begonnenen  aber  nicht  abgeschlossenen 
Lichtenberg-Bibliographie  betraut.  Den  von  mir  angelegten 
Zettelkatalog  muBtest  Du  sehen.  Da  ist  denn  wenigstens  eine 
meiner  judischen  Passionen  -  leider  die  belangloseste  —  zu 

538 


ihrem  Recht  gekommen  und,  wie  Du  zugeben  wirst,  am  wiir- 
digsten  Gegenstande.  Ich  glaube,  der  Katalog  wird  ein  Wun- 
derwerk,  das  man  unter  den  Juden  offentlich  zeigen  kann, 
etwa  wie  eine  Synagoge  aus  Strohhalmen.  Mehr  brauche  ich 
wohl  nicht  zu  sagen,  um  die  Bibliothek  zu  einer  Subscription 
zu  veranlassen,  auf  ein  Exemplar,  fur  das  icb  ihr  eine  loh- 
nende  Widmung  versprechen  konnte. 

Es  ist  noch  viel  Raum  auf  dem  Blatt,  aber  das  Post  Script 
will  auch  leben. 

Sehr  herzlich  Dein  Walter 

PS  Der  Mensch  denkt  —  aber  immer  zu  kurz.  Da  ich  nun 
im  Begriff  bin,  uber  der  nochmaligen  Lektiire  Deines  letzten 
Briefes  zum  post-script  zu  kommen,  liegt  der  angefangene 
Bogen  zu  hause  und  ichhabe  nurdies  zurHand.  Sobekommst 
Du,  wenn  schon  von  sonst  nichts,  einen  Begriff  von  den  beiden 
Extremen,  zwischen  denen  sich  meine  Papiersorten  bewegen. 5 
—  Es  geht  mir  ein,  was  Du  von  Kafka  schreibst.  Eng  mit  Dei- 
nen  korrespondierende  Gedanken  sind  mir  in  den  Wochen, 
in  denen  ich  der  Sache  naher  trat,  ebenfalls  gekommen. 
Eine  provisorische  Zusammenfassung  habe  ich  ihnen  in  einer 
kurzen  Notiz  zu  geben  gesucht,  dann  aber  die  Sache,  weil  ihr 
meine  Krafte  im  Augenblick  nicht  entsprechen,  beiseite  ge- 
legt.  Inzwischen  bin  ich  mir  klar  dariiber  geworden,  daB  ich 
den  entscheidenden  AnstoB  vermutlich  von  dem  ersten  und 
schlechten  Buch  iiber  Kafka,  das  ein  gewisser  Johannes  [Jo- 
achim] Schoeps6  aus  dem  Kreise  Brods  vorbereiten  soil,  erhal- 
ten  werde.  Ein  Buch  wiirde  mir  gewifi  meine  Klarstellungen 
erleichtern;  je  schlechter  es  ist,  desto  besser.  Uberrascht  hat 
mich  in  einigen  Ge'sprachen,  die  in  besagte  Wochen  fallen, 
Brechts  iiberaus  positive  Stellung  zu  Kafkas  Werk.  Er  schien 
den  NachlaBband  sogar  zu  verschlingen,  wahrend  Einzelnes 
aus  ihm  mir  bis  heute  Widerstand  geleistet  hat,  so  groB  war 
mir  die  physische  Qual  beim  Lesen.  Im  iibrigen  fehlt.es  mir 
an  erfreulicher  Lektiire  und  -  wenn  ich  von  einigen  Begeg- 
nungen  mit  Stefan  absehe  —  an  allem  Erfreulichen  sonst. 

[.  .  .]  Im  iibrigen  wird  die  Verengerung  des  Lebens-  und 
Schreibraumes  (und  vom  Denkraum  nicht  zu  sprechen)  im- 
mer schwerer  ertraglich.  Ausgreifende  Planungen  sind  ganz- 

539 


lich  unmoglich.  Jeder  groBere  Essay  ist  Produkt  einer 
Konzentration,  die  mit  seinem  Wert  kaum  mehr  im  Verhalt- 
nis  zu  stehen  scheint  und  es  gibt  Tage,  und  Wochen,  wo  ich 
nicht  ein  noch  aus  weiB. 

Ich  unterbrach  mich,  urn  Deine  Kennzeichnung  der  Lage 
im  Zionismus  noch  einmal  zu  lesen.  Das  ist  mit  der  starksten 
Teilnahme  und,  ich  glaube,  mit  soviel  Verstandnis  geschehen 
als  Du  nur  wiinschen  kannst.  Ich  jedenfalls  betrachte  diese 
Zeilen  von  Dir7  als  eine  Art  historischen  Dokuments.  Es 
sollte  mich  wundern,  wenn  nicht  jede  eingehendere  Infor- 
mation, die  ich  von  Dir  erhielte,  mein  Einverstandnis  mit 
Deiner  Haltung  8  prazisieren  wiirde,  ja,  vorstellbar  ware  mir, 
daB  auf  dem  Wege  iiber  diese  Fragen  wir  zu  einer  tiber- 
raschenden  Verstandigung  in  jenem  andern,  nur  sehr  schein- 
bar  ihnen  fremden,  gelangen  wiirden,  die  seit  einiger  Zeit 
zwischen  uns  off  en  sind.  So  oft  es  Dir  moglich  ist,  von  Deinen 
Erfahrungen  in  dieser  Ordnung  der  Dinge  mir  etwas  mit- 
zuteilen,  sei  es  brieflich,  sei  es  auch  nur  durch  Ubermittlung 
von  Dokumenten,  bitte  ich  Dich  sehr  dringend,  es  zu  tun. 

Und  nun  noch  einmal  alles  Gute  und  Herzliche. 

1  Eine  Kritik  des  „Sterns  der  Erlosung",  die  in  Scholems  „Judaica" 
wieder  abgedruckt  ist. 

2  Er  lebte  bis  1933  in  Jerusalem. 

3  Von  W.  B.  in  der  „Literarischen  Welt"  vom  5.  Febr.  1932  bespro- 
chen.  Jetzt  Schriften  II,  Seite  315-323. 

4  In  der  Tat.  Scholems  Vater  war  jahrelang  in  der  Berliner  Turner- 
schaft  sehr  aktiv,  bis  der  Antisemitismus  in  ihr  iiberhandnahm. 

5  Ein  sehr  schones  Biitten  und  hauchdiinnes  durchsichtiges  Papier. 

6  Hans  Joachim  Schoeps,  jetzt  Professor  an  der  Universitat  Erlangen. 

7  Es  war  ein  sehr  langer  Brief,  fast  der  einzige,  von  dem  —  auBer  den 
drei-eben  mitgeteilten  Nr.  195,  202,  204  -  eine  Abschrift  erhalten  ist. 

8  Scholem  war  ein  aktives  Mitglied  einer  Gruppe  in  Palastina,  die  aus 
alt  en  Zionisten  bestand,  sich  aber  fur  eine  Umorientierung  der  zionisti- 
schen  Politik  den  Arabern  gegeniiber  einsetzte  und  deswegen  heftigen 
Angriffen  ausgesetzt  war. 


540 


207  An  Gerhard  Scholem 

[28.0ktoberl95l] 

Lieber  Gerhard, 

Dein  letzter,  vom  20ten  datierter  Brief,  hat  mich  so  stark 
und  freudig  betroffen,  daB  die  -  —  in  unserer  Korrespondenz 
in  der  Tat  sensationelle  —  Folge  diese  postwendende  Antwort 
ist.  Du  bist  ja  Kenner  meiner  Arbeit  und  vor  allem:  Biblio- 
graph  genug,  um,  auch  ohne  daB  ich  Dir  je  Andeutungen 
daruber  gemacht  hatte,  mein  Verhaltnis  zu  meinen  Sachen 
und  insbesondre  zu  der  Art  meiner  Publizitat  vorstellen  zu 
konnen.  Der  mir  selbst  manchmal  storenden  Bedenklichkeit, 
mit  der  ich  demPlan  irgendwelcher  „GesammeltenSchriften" 
von  mir  gegeniiber  stehe,  entspricht  die  archivalische  Exakt- 
heit,  mit  der  ich  alles  von  mir  Gedruckte  verwahre  und 
katalogisiere  und  wenn  ich  von  der  okonomischen  Seite  der 
Schriftstellerei  absehe,  darf  ich  sagen,  daB  fur  mich  die  paar 
Blatter  und  Blattchen,  in  denen  sie  auftreten,  mir  das  anar- 
chische  Gebilde  einer  Privatdruckerei  darstellen.  Daher  ist 
auch  das  Hauptobjektiv  meiner  publizistischen  Strategic, 
alles,  was  ich  verfasse  —  von  einigen  Tagebuchnotizen  ab- 
gesehen  —  um  jeden  Preis  zum  Druck  zu  befordern  und  ich 
darf  sagen,  daB  mir  das  —  unberufen  —  seit  etwa  vier  oder 
fiinf  Jahren  gelungen  ist.  Das  Ensemble  meiner  Schriften 
diirfte  -  mit  Ausnahme  von  Ernst  Bloch  [...]—  wohl  iiber  - 
haupt  nur  Dir  bekannt  sein.  Und  darum  hat  die  innige  Billi- 
gung,  die  Du  da  in  Deinem  letzten  Brief e  fur  das  Unschein- 
barste  darin  —  diese  paar  Briefnotizen  —  gefunden  hast,  fur 
mich  einen  unvergleichlichen  Wert  der  Bestatigung. 1  Ware  es 
einer  Steigerung  fahig,  so  wiirden  die  Bemerkungen  iiber  das 
Didaktische  und  die  Krisis,  die  es  in  meinen  Darstellungs- 
mitteln  herbeifuhrt,  sie  eintreten  lassen.  Schmerzhaft  freilich 
ist  die  Andeutung  iiber  die  Passagenarbeit  —  Du  hast  erkannt, 
daB  die  Studie  iiber  Photographie2  aus  Prolegomena  zu  ihr 
hervorging;  aber  was  wird  es  da  je  mehr  geben  als  Prole- 
gomena und  Paralipomena;  das  Werk  zustande  zu  bringen 
daran  konnte  ich  nur  denken,  wenn  meine  Arbeit  auf  zwei 

541 


Jahre  sichergestellt  ware,  die  es  seit  Monaten  nie  mehr  auf 
eben  so  viel  Wochen  ist.  Trotzdem  freilich  -  und  trotzdem 
ich  nicht  die  mindeste  Vorstellung  von  dem  habe,  „was  wer- 
den  soil"  —  geht  mirs  gut.  Ich  kbnnte  sagen  —  und  gewiB 
haben  die  materiellen  Schwierigkeiten  ihren  Anteil  daran  — 
ich  komme  mir  zum  ersten  Mai  in  meinem  Leben  erwachsen 
vor.  Nicht  nur:  nicht  jung  mehr,  sondern  erwachsen,  indem 
ich  eine  der  vielen  in  mir  angelegten  Daseinsformen  nahezu 
realisiert  habe;  die  eigene  Wohnung,  die  ich  seit  kurzem 
habe,  gehort  auch  mit  dazu.  Ich  habe  einen  der  -  wahrschein- 
lich  kurzen,  voriibergehenden  -  Augenblicke  erreicht,  wo  ich 
mich  niemandem  mehr  abzufragen  und  die  Bereitschaft  habe, 
den  verschiedensten  Mobilisierungsbefehlen  zu  folgen.  Der 
gegenwartige  Ausdruck  davon  ist  nichts  anderes  als  die 
lacherliche  Vielgestaltigkeit  meiner  simultan  unternomme- 
nen  Arbeiten.  Da  ist  die  Brief reihe,  die  fortgeht;  da  ist  ein 
etwas  eingehenderer  physiognomischer  Versuch,  die  Zusam- 
menhange  des  Kantischen  Schwachsinns  (im  Alter)  mit  seiner 
Philosophie  darzustellen3,  daneben  eine  vernichtende  Rezen- 
sion  des  Haeckerschen  Vergil,  ein  Lektorat  bei  einem  Ton- 
filmpreisausschreiben,  bei  dem  ich  ungefahr  120  Entwiirfe  in 
der  Wpche  lese  und  beurteile,  eine  kurze  Studie  iiber  Paul 
Valery  4,  die  Du  in  der  nachsten  Sendung  vorfinden  wirst,  und 
ich  weiB  nicht  ob  die  Reihe  vollstandig  ist.  NimmstDu  hinzu, 
daB  die  Einsamkeit  das  Privileg  reicher  oder  mindestens 
okonomisch  gesicherter  Existenzen  ist,  so  begreifst  Du,  daB 
meine  freien  Abende  selten  und  die  vergebenen  nicht  immer 
angenehm  sind.  (Mein  nachster  Umgang  ist  seit  ungefahr 
einem  Jahr  Gustav  Gliick5,  Direktor  der  Auslandsabteilung 
der  Reichskreditgesellschaft,  von  dem  Du  eine  Art  Portrat- 
abriB  -  cum  grano  salis  zu  verstehen  —  in  dem  „Destruktiven 
Charakter"  fmdest,  den  ich  Dir  iibersandte.  Du  erwahntest 
ihn  nicht?) 

Da  wir  einmal  bei  der  Physiognomik  sind:  ich  mochte  wohl 
sehen  was  ein  Kenner  aus  der  Bildausstattung  meiner  Woh- 
nung machen  wjirde.  Noch  hangt  nicht  alles,  aber  schon  gebe 
ich  mir  mit  Schrecken  Rechenschaft,  daB  in  meiner  Kommu- 
nistenzelle  -  wenn  ich  von  einem  kleinenGeburtstagsgemalde 

542 


von  Stefan  absehe  —  nur  Heiligenbilder  hangen:  der  alte 
dreikopfige  Christus,  den  Du  kennst,  eine  Nachbildung  eines 
byzantinischen  Elfenbeinreliefs,  ein  Trickbild  —  drei  ver- 
schiedene  Heiligendarstellungen,  je  nachdem  wie  man  drauf- 
blickt  -  aus  dem  bayerischen  Wald,  ein  Sebastian  und  als 
einziger  Botschafter  der  Kabbala  der  Angelus  Novus,  zu 
schweigen  von  der  „Vorfiihrung  des  Wunders"  die  audi  von 
Klee  ist.  Vielleicht  tust  Du  gut  den  Herren  [Chanoch]  Rein- 
hold6  darauf  vorzubereiten.  Im  iibrigen  wird  er  sehr  gut 
empfangen  werden,  es  ist  schon  lange  niemand  mit  einer  so 
guten  Empf  ehlung  zu  mir  gekommen.  Vielleicht  wird  er  mir 
auch  einiges  Wissenswerte  iiber  die  Situation  des  Zionismus 
mitteilen  kbnnen;  aber  vor  allem  sind  hier  all  Deine  Mit- 
teilungen  meiner  gespanntesten  Aufmerksamkeit  sicher.  Im 
iibrigen  ist  Dir  vielleicht  Deines  entsprechenden  Berichts  im 
vorletzten  Brief e  nicht  mehr  erinnerlich  [sic];  er  ging  sehr 
tief  in  die  Sache  ein.  Ich  ware  bereit,  Dir  eine  Kopie  davon  zu 
senden:  ichkbnnte  mir  denken,  daB  sie  Dir  wichtig  ware.  Eine 
Kopie  meiner  Ant  wort  an  Rychner  —  mit  der  Bitte  um  Riick- 
gabe  —  anbei;  die  Haecker-Rezension  wird  entsprechende 
Gedanken  wie  ich  hoffe  konziser  enthalten. 

Mittlerweile  ist  es  Mitternacht  und  ich  will  hier  Schlufl 
machen.  Du  wirst  diesen  Brief  wieder  sehr  kurz  finden,  aber 
Du  sollst  einmal  sehen,  wie  schmachtig  in  der  Hand  eines 
100  Jahre  spateren  Mitarbeiters  der  Frankfurter  Zeitung, 
wenn  er  die  No  999  der  Brief serie  unseres  Brief wechsels 
walzt,  der  Band  mit  Deinen  und  wie  dick  der  mit  meinen 
erscheinen  wird. 

Sehr  herzlich  Dein  Walter 

1  Es  handelte  sich  um  die  ersten,  spater  in  dem  Band  „Deutsche  Men- 
schen"  zusammengefaBten  „Briefe"  in  der  Frankfurter  Zeitung. 

2  Veroffentlicht  in  der  „Literarischen  Welt"  vom  18.  Sept.,  25.  Sept. 
und  2.  Okt.  1951.  Jetzt  in  „Das  Kunstwerk  im  Zeitalter  seiner  tech- 
nischen  Reproduzierbarkeit",  Ffm.  1963. 

3  Allerhand  Menschliches  vom  groJSen  Kant.  „Literarische  Welt", 
11.  Dezember  1951. 

4  In  der  „Literarischen  Welt"  vom  50.  Okt.  1931, 

5  Jetzt  Vorstandsmitglied  der  Dresdner  Bank  in  Frankfurt  a.  M. 

6  Jetzt  Generaldirektor  des  Unterrichtsministeriums  von  Israel.  Er 
hatte  Scholem  in  Jerusalem  besucht. 


543 


208  An  Gerhard  Scholem 

[20.  Dezember  1951] 

Lieber  Gerhard, 

es  ist  nun  wieder  Weihnacht  geworden,  oder  wie  wir  die  Zeit 
nach  jiidischemKalender  bezeichnen  mogen,  und  wider  meine 
besten  Vorsatze  hat  sich  eine  lange  Pause  in  unserem  Brief - 
wechsel  eingeschoben.  Urn  immerhin  auch  solche  Intermun- 
dien  [!]  zwischen  meinen  Nachrichten  informatorisch  urbar 
zu  machen  kannst  Du  ruhig  annehmen,  daB  sie  Schauplatze 
eines  gesteigerten  Existenzkampfes  sind.  In  der  Tat  hat  mich 
ja  die  Besiedlung  einer  eigenen  Wohnung  okonomisch  vor 
schwierige  Aufgaben  gestellt.  Wahrend  mein  Schlafzimmer 
noch  nicht  aussieht,  wie  ichs  mir  wunsche  —  es  war  vorher  als 
die  [Eva]  Boy1,  von  der  ich  die  Wohnung  iibernahm,  noch 
ihre  lichten  Mobel  drin  hatte,  schoner  als  mit  den  antiken, 
finsteren  zum  Teil  erborgten,  mit  denen  ich  es  jetzt  ausstatten 
muBte  —  also  urn  auf  das  Arbeitszimmer  zu  kommen,  so  ist 
seine  Einrichtung  zwar  auch  nicht  abgeschlossen,  aber  schbn 
und  bewohnbar  ist  es.  Auch  stehen  nun  meine  ganzen  Biicher 
und  selbst  in  diesen  Zeiten  sind  sie  mit  den  Jahren  von  1200 

-  die  ich  doch  langst  nicht  alle  behalten  habe  -  auf  2000 
angewachsen.  Merkwiirdigkeiten  hat  dies  Arbeitszimmer: 
einmal  besitzt  es  keinen  Schreibtisch;  im  Lauf  der  Jahre  bin 
ich  durch  eine  Reihe  von  Umstanden,  nicht  nur  durch  die 
Gewohnheit  viel  im  Cafe  zu  arbeiten  sondern  auch  durch 
manche  Vorstellungen,  die  sich  an  die  Erinnerung  meines 
alt  en  Schreibtisch-Schreibens  anschlieBen,  dazu  gekommen, 
nur  noch  liegend  zu  schreiben.  Von  meiner  Vorgangerin  habe 
ich  ein  Sofa  von  wundervollster  Beschaff enheit  zum  arbeiten 

-  zum  schlafen  ist  es  ziemlich  unbrauchbar  -  ubernommen, 
das,  wie  ich  einmal  von  ihr  horte,  friiher  fur  eine  alte  ge- 
lahmte  Dame  gezimmert  worden  ist.  Dieses  also  ist  die  erste 
Merkwiirdigkeit  und  die  zweite  ein  sehr  weiter  Blick  iiber  das 
alte  zugeschuttete  Wilmersdorfer  Luch,  oder  wie  es  auch  hieB, 
den  Schrammschen  See  —  beinahe  l'atelier  qui  chante  et  qui 
bavarde  —  noch  dazu  jetzt  bei  der  Kalte  zwei  Eisbahnen  und 

544 


f  erner  zu  alien  Jahrzeiten  eine  Uhr  im  Blickf eld ;  besonders 
diese  Uhr  wird  mit  der  Zeit  ein  scliwer  entbehrlicher  Luxus. 
Leider  ist  der  Wohnungspreis  von  der  Art,  als  seien  all  diese 
optischen  Ausstattungsgegenstande  in  ihn  eingerechnet. 

Eine  geradezu  infernalische  Ironie  will  es,  daB  kaum  daB 
ich  diese  Zeilen  geschrieben  hatte,  ein  bis  dato  nie  vernom- 
menes  —  und  vielleicht  erst  seit  kurzem  dort  befindliches  — 
Klavier  unmittelbar  unter  dem  Arbeitszimmer  sich  vernehm- 
bar  macht.  Das  ist  einfach  ein  Schrecken.  Aber  so  fassungslos 
ich  bin,  bleibt  mir  nichts  iibrig  als  weiterzuschreiben.  Da  ist 
denn  mein  erstes,  Dich  auf  ein  Buch  hinzuweisen,  iiber  das 
ich  Dein  Votum  baldigst  und  dringend  erbitte.  Ich  habe  in 
den  letzten  zwei,  drei  Tagen  alles  beiseite  gestellt,  um  mir 
dafiir  Zeit  zu  schaffen  und  stehe  nun  auf  den  letzten  Seiten. 
Es  liegt  ja  wohl  auch  bei  euch  schon  auf,  wenn  diese  Zeilen 
eintreffen,  und  heiBt  „der  Untergang  des  Judentums".  Der 
Verfasser  Otto  Heller  arbeitet  hier  in  der  Redaktion  der  kom- 
munistischen  Zeitung  „  Berlin  am  Morgen".  Sonst  weiB  ich 
nichts  von  ihm  und  vielleicht  ist  er  Dir  besser  bekannt.  Ob- 
wohl  das  Buch  untadelhaft  orthodox  im  Parteisinn  ist,  sollen 
die  offiziellen  Instanzen  dem  Autor  alle  erdenklichen  Schwie- 
rigkeiten  machen.  Wie  immer  Du  zu  dem  Buch  stehen  magst, 
wirst  Du  es  gerechtfertigt  finden,  daB  ich  meine  Enthaltung 
von  judaistischer  Lektiire  in  diesem  Falle  durchbrach.  Die 
Ungereimtheit  und  Abstrusitat  der  materialistischen  Analyse 
der  jiidischen  Religion,  die  man  mit  in  Kauf  nehmen  muB, 
ist  ja  auch  mir  schlieBlich  evident,  dafiir  entschadigen  mich 
aber  Aufklarungen  iiber  die  neueste  Entwicklung  der  Juden- 
politik  in  SowjetruBland,  indem  sie  mir  nicht  nur  ganz  neue 
Einblicke  in  das  jiidische  Geschehen  sondern  auch  in  die 
russischen  Dinge,  ja  anhand  des  Kartenmaterials  bis  ins 
Geographische  hinein  geben.  DaB  der  Verfasser  alle  Fragen, 
die  die  Kulturpolitik,  geschweige  denn  die  geistige  Entschei- 
dung  der  Juden  betreffen,  vbllig  beiseite  gelassen  hat,  ist 
klar;  auf  der  andern  Seite  aber  ist  in  seinen  Prognosen  und 
bevolkerungsstatistischen  Angaben  -  die  gewiB  nicht  neu 
sind-  doch  viel  enthalten  was  sehr  nachdenklich  machen  muB. 
Ich  denke  diese  meine  Fragen  und  Zweifel  werden  ausrei- 

545 


chend  sein,  das  Buch  bei  Dir  einzuf uhren,  wenn  es  nicht  schon 
in  Deinen  Handen  ist. 

Urn  noch  weiter  von  kleinen  Schrift-und-Leseepisoden  zu 
reden,  so  bin  ich  durch  den  Herausgeber,  der  es  mir  sandte, 
auf  eines  der  groBartigsten  und  erschiitterndsten  Documents 
humains  geraten:  das  Leben  von  Pestalozzi  in  den  Zeugnissen 
derer  die  ihn  gekannt  haben.  Man  kann  xiber  biirgerliclie 
Erziehung  wohl  schwerlich  mitreden,  ohne  sich  diese  Physio- 
gnomie  zu  vergegenwartigen,  von  der,  wie  ich  mir  habe  er- 
zahlen  lassen,  in  seinen  beriihmten  padagogischen  Romanen 
fast  nichts  in  Erscheinung  tritt;  in  seinem  personlichen  Wir- 
ken  und  seinem  MiBgeschick  -  er  hat  sich  am  Ende  seines 
Lebens  mit  Hiob  verglichen  -  dagegen  alles. 

Nun  muB  ich  aber  einen  andern  Ton  anschlagend,  fest- 
stellen,  daB  Du  —  im  Gegensatze  zu  jiidischen  und  zu  christ- 
lichen  Duldern  —  unersattlich  bist  und  kaum  daB  Du  nach 
zahllosen  Interventionen  meinerseits  Deine  Brecht-Bande  er- 
halten  hast  (die  ich  hierdurch,  riickwirkend,  feierlich  zu 
Geburtstagsgeschenken  ernenne)  schon  wieder  nach  einem 
Kommentar  schreist.  Auf  die  Gefahr  hin,  Deinem  anstbBigen 
Snobismus  zu  hochster  Befriedigung  zu  verhelfen,  werde  ich 
Dir  in  der  Tat  in  der  nachsten  Sendung  (freilich  mit  der 
Bitte  um  postwendende  Riicksendung)  das  seit  Dreiviertel- 
jahren  bei  der  Frankfurter  Zeitung  befindliche  „Epische 
Theater"  von  mir  im  Manuscript  zusenden.  Jedes  weitere 
Ansinnen  in  dieser  Richtung  jedoch  ablehnend  verweise  ich 
Dich  auf  den  ersten  Band  der  Versuche,  wie  er,  mit  einem 
langen  handschriftlichen  Glossar  von  mir  jederzeit  in  meiner 
Bibliothek  zu  Deiner  Verfiigung  stent.  Auch  Deinen  Brief 
uber  Zionismus  will  ich  Dir  in  Abschrift  zuriicksenden  und 
damit  um  weitere  Mitteilungen  zur  Sache  gebeten  haben. 

Dagegen  mochte  ich  auf  Deine  iiberaus  eingreifendeFrage- 
stellung  betreffend  das  Verhaltnis  der  kommunistischen  Dog- 
matik  zu  den  Forschungsergebnissen  der  mathematischen 
Physik  heute  nur  mit  dem  JEIinweis  eingehen,  daB  die  Frage 
mir  seit  der  niederschmetternden  Erfahrung,  die  ich  in  Riga 
mit  dem  Versuch,  Bucharins  ABC  des  Kommunismus  mir 
anzueignen  machte,  gelaufig  ist.  Eine  Antwort  weiB  ich  nicht, 

546 


indem  ja  der  Nutzen  den  der  Vulgarmaterialismus  fur  ge- 
wisse  Teile  der  Volksaufklarung  hat,  keine  ausreichende  ist. 
Und  wie  nun  der  dialektische  jenen  vulgaren  Materialismus 
zu  so  feinem  Garn  ausspinnen  mag,  daB  auch  so  seltene  Vogel 
wie  Du  und  ich  darin  gefangen  werden  —  das  weiB  ich  nicht. 
Nur  denke  ich  manchmal,  daB  die  „Vier  grauen  Weiber"  aus 
dem  zweiten  Teil  des  Faust  Spinnerinnen  sind,  die  auch  den 
grobsten  Flachs  fein  kriegen. 

Und  somit  alles  Herzliche  in  die  zwolf  heidnischen  Nachte 
hinein ! 

Dein  Walter 

1  Eva  van  Hoboken,  geb.  Hommel,  die  sich  als  Kiinstlerin  Eva  Boy 
nannte. 


209  An  Gerhard  Scholem 

[Ibiza],  22.  April  1932 

Lieber  Gerhard, 

kein  Zweifel,  daB  das  Kuvert  Deine  Verwunderung  erregen 
wird,  zurual  wenn  Du  den  Stempel  entziffern  kannst.  Im 
Augenblick,  da  Du  Dich  den  europaischen  Metropolen  zu- 
wendest1,  habe  ich  mich  auf  den  entlegensten  Winkel  zuriick- 
gezogen.  Das  kam  iiberraschend  wie  -  nach  einer  alten  und 
zutreffenden  Erkenntnis  von  Dir  —  das  meiste  was  mich  be- 
trifft  und  ist  in  erster  Linie  das  Ergebnis  meiner  aus  uner- 
warteten  Einkiinften  und  langeren  Perioden  der  Diirre  so 
merkwiirdig  genahrten  Wirtschaftslage.  Kurz,  die  merkantile 
Konjunktur  des  Goethejahrs  gab  mir  unvorhergesehene  etliche 
Hunderte  zu  verdienen  und  gleichzeitig  kam  die  Nachricht 
von  dieser  Insel  mir  durch  Noeggerath  zu,  der  samt  Familie 
einen  Exodus  dahin  plante.  Ich  habe  mich  also  am  7.  April 
wie  der  —  wie  schon  einmal  vor  sechs  Jahren  auf  den  Fracht- 
dampfer  „  Catania"  begeben  und  bin  in  elftagiger  anfangs 
sehr  stiirmischer  Fahrt  bis  Barcelona,  von  dort  hierher  ge- 
kommen,  wo  ich  Noeggerath  bereits  vorfand.  Wie  abenteuer- 

547 


lich  die  Ankunft  hier  verlief,  wie  den  letzten  AnstoB  zur 
Reise  fiir  ihn  und  mich  ein  Mann  gab,  der  alsbald  -  nicht 
ohne  ihn  empfindlich,  mich  ebenfalls  unangenehm  geschadigt 
zu  haben  -  sich  als  polizeilich  gesuchter  Hochstapler  dar- 
st elite,  welcher  ihm  ein  Haus  auf  der  Insel  vermietet  hat,  das 
er  garnicht  besaB  —  das  sind  Dinge,  die  sich  vor  einem  Kamin- 
f  euer  besser  erzahlen  als  brieflich.  Wie  dem  nun  sei  —  ich  bin 
heute  den  dritten  Tag  hier  und  bitte  Dich,  so  bald  wie  nur 
moglich  mir  hierher  an  die  untenstehende  Adresse  Nachricht 
zu  geben. 

Wie  sich  mein  Sommer  ferner  gestaltet,  hangt  wohl  im 
wesentlichen  von  okonomischen  Dingen  ab.  Aus  der  zuletzt 
iiber  alle  Begriffe  anspannenden  berliner  Erwerbs-  und  Ver- 
handlungsschmach  zu  entrinnen,  war  dies  jedenfalls  die  ein- 
zige  Gelegenheit.  Auch  durfte  sie  keinen  Tag  verschoben 
werden,  um  die  sparlichen  Mittel  nicht  zu  vermindern,  von 
behordlichen  Schwierigkeiten  zu  schweigen.  Du  wirst  dies 
verstehen,  wenn  ich  Dir  sage,  daB  ich  hier  in  einem  Hause 
fiir  mich  allein  lebe,  drei  Mahlzeiten  zwar  sehr  provinzieller 
Art  und  mit  jedwedem  gout  du  terroir  -  im  ganzen  aber 
delikate  -  einnehme  und  fiir  all  dies  taglich  1,80  Mark  zahle. 
Danach  begreift  es  sich  von  selbst,  daB  die  Insel  wirklich 
seitab  des  Weltverkehrs  und  auch  der  Zivilisation  liegt,  so 
daB  man  auf  jede  Art  von  Komfort  verzichten  muB.  Man 
kann  es  mit  Leichtigkeit,  nicht  nur  der  inneren  Ruhe  wegen, 
die  die  bkonomische  Unabhangigkeit  sondern  auch  der  Ver- 
fassung  wegen,  die  diese  Landschaft  einem  mit  gibt;  die 
unberiihrteste,  die  ich  jemals  gefunden  habe.  Wie  Ackerbau 
und  Viehzucht  hier  noch  archaisch  betrieben  werden,  nicht 
mehr  als  vier  Kiihe  auf  der  Insel  sich  finden,  weil  die  Bauern 
an  der  uberkommenen  Wirtschaft  mit  Ziegen  festhalten, 
keinerlei  landwirtschaftliche  Maschinen  zu  sehen  sind  und 
die  Bewasserung  der  Felder  wie  vor  Jahrhunderten  durch 
Schopfrader  geschieht,  die  von  Maultieren  in  Betrieb  gesetzt 
werden,  so  sind  auch  die  Interieurs  archaisch :  drei  Stiihle  an 
der  Zimmerwand  gegeniiber  dem  Eingang  treten  dem  Frem- 
den  sicher  und  gewichtig  entgegen  als  seien  es  drei  Cranachs 
oder  Gauguins  an  der  Wand;  ein  sombrero  iiber  einer  Stuhl- 

548 


lehne  macht  sich  groBartiger  als  eine  Draperie  kostbarer 
Gobelins.  Endlich  die  Gelassenheit  und  Schonheit  der  Men- 
schen  —  nicht  nur  der  Kinder  —  und  dazu  das  fast  ganzlicbe 
Freisein  von  Fremden,  das  man  durch  sparsamste  Informa- 
tionen  iiber  die  Insel  zu  wahren  hat.  Leider  ist  das  Ende  all 
dieser  Dinge  von  einem  Hotel  zu  befurchten,  das  am  Hafen 
in  Ibiza  errichtet  wird.  Immerhin  ist  es  noch  nicht  nahe  an 
der  Vollendung  und  wir  nicht  in  der  Hauptstadt  der  Insel 
sondern  einem  kleinen  und  entlegnen  Ort.  Noeggerath  ist  mit 
seiner  Frau  und  Schwiegertochter,  sowie  seinem  Sohn  hier, 
der  eine  Dissertation  bei  Gamillscheg  [?]  iiber  den  Dialekt 
der  Insel  verfaBt.  Nach  Aufdeckung  des  Hochstaplerschwin- 
dels,  die  nicht  viel  Zeit  in  Anspruch  nahm,  hat  er  die  Erlaub- 
nis  zum  mietfreien  Wohnen  auf  ein  Jahr  in  einem  ganzlich 
im  argen  liegenden  steinernen  Bauernhause  bekommen,  das 
er  auf  seine  Kosten  herrichten  muB.  Seine  Begleitung  ist  sehr 
nett  und  nicht  im  mindesten  storend.  Er  selbst  hat  mit  den 
Jahren  etwas  verloren. 

Morgen  werde  ich  vermutlich  beginnen  zu  arbeiten.  Durch 
besagtes  verbrecherisches  Subjekt  bin  ich  insofern  betroffen 
als  ich  ihm  meine  Wohnung  vermietet  hatte;  nun  steht  sie 
leer  —  denn  die  Kriminalpolizei  ist  hinter  ihm  her  —  und  ich 
muB  die  Miete  selbst  aufbringen.  Die  Dauer  meines  Aufent- 
halts  hangt  in  etwas  von  den  Arbeitsmoglichkeiten  ab,  die  ich 
vielleicht  nicht  iiberschatzen  darf,  jedenfalls  so  lange  ich,  wie 
im  Augenblick  in  der  Nachbarschaft  einer  Schmiede  eihquar- 
tiert  bin.  Was  in  der  letzten  Zeit  gedruckt  erschien,  geht 
gleichzeitig  an  Dich  ab;  dazu  muBt  Du  Dir  zwei  groBe 
Rundfunkstiicke  denken :  „  Was  die  Deutschen  lasen  wahrend 
ihre  Klassiker  schrieben"  und  „Radau  um  Kasperl";  beide 
sind  mit  groBem  Erfolg  aufgefiihrt  worden.  Jetzt  bin  ich 
vom  Berliner  Rundfunk  mit  einem  „Lichtenberg"  beauftragt 
worden,  den  ich  auf  jenem  Mondkrater,  der  nach  Lichtenberg 
benannt  ist,  beginnen  lassen  will  (denn  so  einen  gibt  es  doch 
wohl).  Es  ist  mir  sonderbar,  nun  wieder  alles  mit  der  Hand 
schreiben  zu  miissen,  aber  wie  Du  siehst  absolviere  ich  mein 
Training  durch  unbegrenzte  Briefe. 

Noch  ist  es  hier  nicht  heiB ;  groBe  Glut  soil  erst  der  August 

549 


bringen.  Dann  wirst  Du,  wie  ich  meine,  in  Berlin  sein  und 
vielleicht  sehen  wir  uns  dort.  Sonst  konnte  ich  mir  wohl  vor- 
stellen,  daB  wir  uns  irgendwo  zwischen  Turin  und  Nizza  oder 
audi  in  Turin  selbst  etwa  im  Juni  Rendez-vous  geben. 
Warum  hat  Barcelona  gar  keine  kabbalistischen  Handschrif- 
ten?  Schreibe  in  jedem  Falle  Deine  Dispositionen  gleich. 

Nun  bin  ich  ganz  matt  vor  Hammergeklirr  und  Hahne- 
krahen  und  schlieBe,  vorbehaltlich  eines  PS  mit  den  herz- 
lichsten  GriiBen 

Dein  Walter 

PS  Nun  erst  konnte  ich  Deinen  letzten  Brief  nochmals 
lesen,  lieber  Gerhard,  und  es  fallt  mir  aufs  Herz,  daB  Du 
audi  in  Rom  wieder  so  lange  auf  ihn  warten  muBtest.  Aber 
konntest  Du  Dir  eine  Vorstellung  von  der  Schwierigkeit 
dieser  meiner  letzten  Ablosung  von  Berlin  machen  und  wie 
noch  die  letzte  Stunde  vor  der  Abfahrt  meiner  Redaktions-. 
arbeit  fur  die  Literarische  Welt  zur  Verfiigung  gestellt  wer- 
den  muBte,  um  das  Notige  zu  beschaffen.  Immer  hoffe  ich 
doch,  daB  der  herzliche  Wunsch  fur  eine  gute  Reise,  den  ich 
Dir  sage,  nicht  zu  spat  kommt.  Mochte  sie  gut  fur  uns  beide 
werden.  Mit  welcher  Erwartung  wiirde  ich  dem  merkwurdi- 
gen  Herren  Oko2  und  dem  wundertatigen  Schocken3  ent- 
gegenschreiten.  Ich  lese  zum  zweiten  Mai  die  Chartreuse  de 
Parme.  Hoffentlich  kannst  Du  Dir  dies  zweite  Mai  auch  ein- 
mal  gonnen.  Es  gibt  kaum  Schoneres.  —  Aber  es  dammert.  Ich 
will  schlieBen  ehe  die  Kerzen  kommen,  wenn  welche  da  sind. 

1  Scholem  war  vom  April  bis  November  1932  auf  einer  Reise  durch 
italienische  und  westeuropaische  Bibliotheken  mit  kabbalistischen 
Hand  schrift  ens  ammlungen. 

2  Adolph  Oko  (1883-1944),  Bibliothekar  in  Cincinnati,  der  damals 
einen  Besuch  in  Palastina  gemacht  hatte  und  sich  in  Europa  aufhielt. 

3  Salman  Schocken  (1877-1959),  damals  Inhaber  eines  groBen  Waren- 
hauskon2erns  und  bedeutender  jiidischer  Sammler,  der  gerade  begon- 
nen  hatte,  den  Schocken  Verlag  aufzubauen,  welcher  spater  im  jiidi- 
schen  Buchwesen  eine  hervorragende  Rolle  gespielt  hat. 


550 


210  An  Gretel  Adorno 

[Ibizal932]Friihjahr 

Liebe  Gretel  Karplus, 

wie  es  so  geht  —  12  Stunden,  nachdem  ich  meinen  letzten 
Brief  an  Sie  hatte  abgehen  lassen,  erhielt  ich  den  Ihrigen, 
durch  den  ich  mich  unendlich  erleichtert  fuhle.  Vielleicht  ist 
es  nur  das  Unvermbgen,  eine  Reihe  von  wolkenlosen  Tagen 
in  sich  aufzunehmen  wie  sie  kommen  was  zu  so  beklemmen- 
den  Fragen  fiihrt,  wie  sie  in  meinem  letzten  Brief e  umgehen. 
Es  dauert  ja  lange  bis  man  sich  an  eine  klimatisch  so  fremde 
Situation  anpaBt,  wenn  nicht  ein  gewisser  Hotelkomfort  sich 
vermittelnd  zwischen  das  Land  und  uns  stellt.  Und  wie  weit 
wir  davon  hier  entfernt  sind,  entnehmen  Sie  aus  dem  beilie- 
genden  Bildchen.  Nach  wochenlanger  Arbeit  ist  es  nun  den 
Bekannten,  die  dieses  Hauschen  nach  jahrelangem  Verfall 
wieder  zum  Leben  erweckten,  gelungen,  etwas  ganz  Wohn- 
liches  daraus  zu  machen.  Das  Schonste  ist  der  Blick  aus  dem 
Fenster  auf  das  Meer  und  eine  Felseninsel,  die  nachts  ihren 
Leuchtturm  mir  hereinscheinen  laBt  und  die  Abgeschieden- 
heit  der  Bewohner  gegeneinander  durch  eine  kluge  Raum- 
ordnung  und  beinahe  meterdicke  Wande,  die  keinenTon  (und 
keine  Hitze)  durchlassen.  Ich  fuhre  ein  Leben  wie  die  Hun- 
dertjahrigen  es  als  Geheimnis  den  Reportern  anvertrauen: 
aufstehn  um  sieben  Uhr  und  im  Meer  baden,  wo  weit  und 
breit  kein  Mensch  am  Ufer  zu  sehen  ist  und  allenf alls  nur  in 
der  Hohe  meiner  Stirn  ein  Segler  am  Horizont,  darauf ,  gegen 
einen  gefiigigen  Stamm  im  Walde  gelehnt,  ein  Sonnenbad, 
dessen  heilsame  Krafte  durch  das  Prisma  einer  gideschen 
Satire  (Paludes)  auf  den  Kopf  ubergreifen  und  dann  ein 
langer  Tag  der  Enthaltung  von  all  den  zahllosen  Dingen  — 
weniger  weil  sie  das  Leben  verkiirzen  als  weil  es  sie  garni cht 
gibt  oder  so  schlecht,  daB  man  sie  gerne  beiseite  laBt  -  elek- 
trisches  Licht  und  Butter,  Schnapse  und  flieBendes  Wasser, 
Flirt  und  Zeitungslektiire.  Denn  die  Einsichtnahme  in  die 
mit  einer  Woche  Verspiitung  erscheinenden  Exemplare  der 
Frankfurter  Zeitung  hat  einen  schon  mehr  epischen  Charak- 

551 


ter.  Wenn  Sie  dazunehmen,  daB  audi  meine  ganze  Post  an 
Wissing  geht  -  der  mir  bisher  noch  kein  einziges  Schrift- 
stiick  gesandt  hat  —  so  sehen  Sie,  daB  ich  nicht  iibertrieben 
habe.  Sehr  lange  bin  ich  bei  Biichern  und  Schreibereien  seB- 
haft  gewesen;  erst  in  den  letzten  Tagen  habe  ich  mich  von 
meinem  Uferstreifen  emanzipiert  und  einige  groBe  einsame 
Marsche  in  die  noch  grb'Bere,  noch  einsamere  Gegend  ge- 
macht.  Auf  ihnen  erst  bin  ich  zum  deutlichen  BewuBtsein 
gekommen  in  Spanien  zu  sein.  Diese  Landschaften  sind,  von 
alien  bewohnbaren,  bestimmt  die  sprodesten,  unberiihrtesten, 
die  ich  gesehen  habe.  Einen  deutlichen  Begriff  von  ihnen  zu 
geben  ist  schwer,  sollte  es  mir  am  Ende  gelingen,  so  wird  es 
Ihnen  nicht  verborgen  bleiben.  Vorlaufig  habe  ich  wenig  in 
dieser  Absicht  notiert,  dagegen  mich  dabei  uberrascht,  die 
Darstellungsform  der  EinbahnstraBe  fiir  eine  Anzahl  von 
Gegenstanden  wieder  aufzunehmen,  die  mit  den  wichtigsten 
dieses  Buches  zusammenhangen.  Vielleicht  kann  ich  Ihnen 
davon  in  Berlin  etwas  zeigen.  Dann  werden  wir  auch  iiber 
Korsika  sprechen.  Ich  finde  es  sehr  schon,  daB  Sie  das  gesehen 
haben;  es  gibt  dort  wirklich  sehr  Spanisches  in  der  Land- 
schaft;  aber  so  harte  und  gewaltige  Ziige  grabt,  glaube  ich, 
der  Sommer  dort  doch  nicht  ins  Land.  Hoffentlich  haben  Sie 
auch  ein  paar  Tage  in  dem  wunderbar  stillen  und  altmodi- 
schen  Grandhotel  in  Ajaccio  gewohnt.  Wie  Wiesengrund  es 
in  Marseille  gemacht  hat,  miissen  Sie  mir  auch  eingehend 
erzahlen.  Ich  glaube,  im  Laufe  der  nachsten  Wochen  werde 
ich  wieder  hindurchkommen ;  aber  iiber  die  genauen  Termine 
kann  ich  mir  niemals  recht  schliissig  werden.  Sie  werden  das 
begreif en,  wenn  Sie  bedenken,  daB  ich  hier  fiir  einen  kleinen 
Bruchteil  dessen  lebe,  was  ich  in  Berlin  brauche;  ich  ziehe 
daher  den  Aufenthalt  so  lange  hin  wie  nur  mdglich  [hin]  und 
werde  nicht  vor  Anfang  August  zunicksein.  Bis  dahin  hoff e 
ich  aber  noch  sehr  von  Ihnen  zu  horen. 

Ja,  wenn  ich  mir,  durch  Ihren  Brief,  der  mich  sehr  erfreut 
hat,  ermutigt,  um  ein  kleines  Geschenk  bitten  darf,  so  ware 
es,  mir  eine  kleine  Tiite  (Kuvert)  rauchbaren  Tabaks  als 
„Muster  ohne  Wert"  herzuschicken  —  [...]  Es  gibt  auf  der 
Insel  iiberhaupt  keinen  rauchbaren. 

552 


Auch  ich  (habe)  von  Daga  einen  Brief  bekommen  und  von 
ihrer  Mutter  [Asja  Lacis],  kurz  vor  meiner  Abreise,  audi 
einen.  Im  iibrigen  war  ich  vierzehn  Tage  ganz  im  Russischen 
versunken:  ich  habe  erst  die  Geschichte  derFebruarrevolution 
von  Trotzki  gelesen  und  bin  jetzt  im  Begriff,  seine  Auto- 
biographie  zu  beendigen.  Seit  Jahren  glaube  nichts  mit 
so  atemloser  Spannung  in  mich  aufgenommen  zu  haben, 
Ohne  jede  Frage  miissen  Sie  beide  Biicher  lesen.  Wissen  Sie 
ob  der  zweite  Band  der  Geschichte  der  Revolution  —  Oktober  — 
bereits  erschienen  ist  *  ?  Demnachst  nehme  ich  wieder  Gracian 
vor  und  werde  wohl  etwas  dariiber  schreiben. 

Nun  noch  alles  Gute  und  Freundliche 

Ihr  Walter  Benjamin 

l  Erst  1933  erschienen. 


211  An  Gerhard  Scholem 

San  Antonio,  Ibiza,  1.  Juni  1932 

Lieber  Gerhard, 

mit  Besorgnis  nehme  ich  zur  Kenntnis,  daB  Du  eine  Ab- 
teilung  fur  katholische  Theologie  in  Deiner  Bibliothek  er- 
offnet  hast.  Das  laBt  mich  fur  die  Restbestande  meiner 
Biicherei,  die  mir  nach  der  beriihmten  „Vermietung"  meiner 
Wohnung  geblieben  sind,  wenig  Gutes  ahnen.  Irre  ich  nicht, 
so  steht  da  Einiges,  was  ich  Deinen  beredten  Liisten  nur 
ungern  ausgesetzt  weiB.  Da  es  aber  —  im  Zeichen  des  mah- 
nenden  15.  Juli  (von  dem  Notiz  zu  nehmen,  Dich  in  die 
ehrenvolle  und  vielleicht  auch  ausschlieBliche  Gesellschaft 
von  Stefan  bringt)  -  unklug  sein  mag,  ein  sprodes  Verhalten 
an  den  Tag  zu  legen,  will  ich  lieber  der  besorgten  und  auf- 
richtigern  Ungewifiheit  Ausdruck  geben,  wann  und  wie  wir 
etwa  die  fraglichen  Buchereien  gemeinsam  werden  mustern, 
ja  wie  uberhaupt  miindliche  Verhandlungen  zwischen  uns 
diesen  Sommer  in  die  Wege  konnten  geleitet  werden.  Scharf - 

553 


sichtig  hast  Du  ergriffen,  daB  dies  eine  okonomische  Frage 
ist,  eine  wie  kritische,  davon  konnte  Dir  nur  ein  Einblick  in 
mein  Budget  einen  Begriff  geben. 

Zwischendurch  zu  den  „kleinen  Anfragen",  die  Du  mit 
einer  Beharrlichkeit  vorbringst,  die  dieser  parlamentarischen 
Gattung  wiirdig  ist:  der  Brief  von  Collenbusch1  ist  gedruckt 
und  unter  den  Dir  fehlenden,  die  ich  Dir,  wie  gesagt,  leider 
nicht,  oder  noch  nicht,  zur  Verfiigung  stellen  kann.  Schade, 
weil  Du  darin  kuriose  Mitteilungen  iiber  Collenbusch  f andest. 

Die  Nietzsche- Erf ahrung,  die  Du  in  Jerusalem  machtest, 
ist  mir  durchaus  nicht  erstaunlich.  Ich  habe  noch  keine  Zeit 
gehabt,  mich  mit  der  Frage  zu  befassen,  welche  Bedeutung 
seinen  Schriften  im  Ernstfall  abzugewinnen  ist.  Sollte  ich 
geneigt  sein,  mich  darum  zu  kummern,  so  wiirde  ich  einmal 
nachlesen,  was  Klages  „die  psych ologischen  Errungenschaf- 
ten  Nietzsches"  nennt.  En  attendant  habe  ich  mich,  in  der 
von  Dir  erwahnten  Rezension2,  was  meine  Meinung  iiber 
Nietzsche  selbst  betrifft,  nicht  festgelegt. 

Das  vom  Hauschen  nenne  ich  nun  doch  eine  andere  Sen- 
sation als  die  vom  Auftauchen  Noeggeraths.  Dazu  sage  ich 
wirklich  sehr  herzliche  Gluckwiinsche.  Hatte  ich  eine  Broche  3 
dariiber  zu  sprechen,  so  wiirde  sie  den  Wunsch  enthalten,  es 
moge  mit  seinen  Biichern  und  ihren  Freunden  den  nachsten 
Weltkrieg  iiberdauern.  Dem  Weltuntergange  in  Gestalt  von 
Steuern,  Pleiten,  usw.  wird  es  ja  wohl  aus  eigener  Kraft 
Widerstand  leisten  konnen.  -^  Ich  denke  Deinem  miBtrauischen 
Querulieren  betreffend  Ausbleiben  von  Handschreiben  nun- 
mehr  wirksam  begegnet  zu  sein  und  schlieBe  mit  sehr  herz- 
lichen  GriiBen 

Dein  Walter 

1  Samuel  Collenbuschs  Brief  an  Kant  wurde  von  W.  B.  als  eine  seiner 
groBten  Entdeckungen  auf  dem  Gebiet  der  Brieftailtur  betrachtet;  er 
las  ihn  schon  1918  Scholem  mit  unnachahmbarem  Gesichtsausdruck 
und  teilweise  erhobener  Stimme  vor.  Siehe  „  Deutsche  Menschen" 
(1962),  S.  26. 

2  In  der  „Literarischen  Welt"  vom  18.  Marz  1932. 

3  Jiidisch:  Segensspruch. 

554 


212  An  Gerhard  Scholem 

Nizza,  26.  Juli  1932 
Lieber  Gerhard, 

als  Du  in  Mailand  den  schonen  Brief  schriebst,  der  mich  nun 
hier  erreichte,  war  ich  noch  auf  lbiza.  Mein  Aufenthalt  dort 
hat  sich  um  eine  Woche  iiber  die  von  mir  vorgesehene  Frist 
verlangert.  Es  kam  sogar  noch  eine  ziemlich  improvisierte 
Feier  zustande,  zu  der  den  Elan  weniger  die  Dir  bekannten 
Figuren  des  Repertoires  als  zwei  neu  aufgetauchte  Franzosen 
—  ein  Ehepaar l  —  auf  brachten,  denen  ich  viel  Sympathie  ent- 
gegenbringen  konnte.  Da  sie  erwidert  wurde,  so  waren  wir 
bis  zu  meiner  Abreise  mit  kurzen  Unterbrechungen  zusam- 
men  und  dies  Zusammensein  war  bis  zur  Mitternacht  des 
17ten  Juli  —  dem  Abfahrtstermin  meines  Schiffs  nach  Ma- 
llorca  -  so  fesselnd,  daB  die  Schiff  streppe  schon  zuriickgezogen 
worden  und  das  Schiff  in  Bewegung  gesetzt  worden  war,  als 
wir  uns  am  Quai  prasentierten.  Meine  Sachen  hatte  ich  frei- 
lich  schon  vorher  darauf  verstaut.  Nach  einem  kaltbliitigen 
Handedruck  an  meine  Begleiter  machte  ich  mich,  von  neu- 
gierigen  Ibizenkern  unterstiitzt,  daran,  den  bewegten  Schiffs  - 
rumpf  zu  erklettern,  und  kam  auch  gliicklich  iiber  die  Reeling. 

Damit  bin  ich  bei  den  wichtigen  Einsichten  Deines  Ge- 
burtstagsbrief s 2  angelangt.  Sie  bediirften  fur  mich  keines 
Kommentars  -  es  sei  denn  beziiglich  des  Begriff  s  des  „konter- 
revolutionaren",  dessen  genauere  Bedeutung  als  Qualifika- 
tion  meiner  tieferen  Einsichten  Du  hoffentlich  gelegentlich 
beleuchten  wirst.  Ich  kann  mir  unter  diesem  Begriff  gewifi 
etwas  vorstellen;  dennoch  scheint  er  mir  miBverstandlich. 
Dies  aber  sei  vorausgeschickt,  nur  um  der  Bekundung  meines 
vollen  Einverstandnisses  init  dem  Rest  Deiner  Aussagen  ihr 
ganzes  Gewicht  zu  geben.  Damit  hat  aber  dann  auch  ihr 
ganzes  Gewicht  die  Feststellung,  daB  die  Chancen  fur  die 
Erfiillung  dessen,  was  Du  mir  wiinschst,  die  denkbar  gering- 
sten  sind.  Es  ziemt  uns  beiden,  diesem  Tatbestand  —  in 
dessen  Licht  das  Scheitern  Deiner  palastinensischen  Inter- 
vention in  der  Tat  ein  Verhangnis  ist  —  ins  Auge  zu  sehen. 

555 


Und  wenn  ich  meinerseits  mit  einem  Ernst,  der  nah  an  Hoff - 
nungslosigkeit  ist,  dieses  tue,  so  ganz  gewiB  nicht  darum  weil 
ich  nicht  immer  noch  Vertrauen  zu  meiner  Findigkeit  be- 
saBe,  die  mir  Auskunftsmittel  und  Subsidien  verschaffte.  Es 
ist  vielmehr  die  Ausbildung  dieser  Findigkeit  und  einer  ihr 
entsprechenden  Produktion,  die  jede  menschenwurdige  Arbeit 
aufs  schwerste  gefahrdet.  Die  literarischen  Ausdrucksformen, 
die  mein  Denken  in  den  letzten  zehn  Jahren  sicli  geschaffen 
hat,  sind  restlos  bestimmt  durch  die  PraventivmaBnahmen 
und  Gegengifte,  mit  welchen  ich  der  Zersetzung,  die  mich, 
infolge  jener  Kontingenzen,  in  meinem  Denken  fortgesetzt 
bedroht,  entgegentreten  muBte.  So  sind  zwar  viele,  oder 
manche,  meiner  Arbeiten  Siege  irri  Kleinen  gewesen,  aber 
ihnen  entsprechen  die  Niederlagen  im  GroBen.  Ich  will  nicht 
von  den  Planen  reden,  die  unausgefuhrt,  unangeriihrt  bleiben 
muBten,  aber  doch  an  dieser  Stelle  jedenfalls  die  vier  Biicher 
aufzahlen,  die  die  eigentliche  Triimmer-  oder  Katastrophen- 
statte  bezeichnen,  von  der  ich  keine  Grenze  absehen  kann, 
wenn  ich  das  Auge  iiber  meine  nachsten  Jahre  schweifen 
lasse.  Es  sind  die  „Pariser  Passagen",  die  „Gesammelten 
Essays  zur  Literatur",  die  „Briefe"  una  ein  hochst  bedeut- 
sames  Buch  iiber  das  Haschisch.  Von  diesem  letztern  Thema 
weiB  niemand  und  es  soil  vorlaufig  unter  uns  bleiben.3 

So  viel  von  mir.  Neues  sagt  es  Dir  nicht.  Indem  Du  aber 
siehst  wie  wenig  Schwierigkeit  es  mir  macht,  diese  Situation 
bei  Gelegenheit  auch  meinerseits  mit  Deutlichkeit  auszuspre- 
chen,  fallt  vielleicht  doch  ein  neues  Licht  auf  sie,  das  Dir 
Stoff  zum  Nachdenken  geben  konnte.  Nun  setze  ich  hierher 
die  Adresse  von  Ernst  Schoen,  dem  Du  natiirlich  viele  GriiBe 
sagen  sollst.  Auch  sonst  werden  Dir  ja  in  Frankfurt  allerlei 
merkwiirdige  Leute  iiber  den  Weg  laufen;  vielleicht  sogar 
Theodor  Wiesengrund,  Privatdozent,  der  im  vergangenen 
Semester  Seminar  iiber  das  Trauerspielbuch  abgehalten  hat. 

Das  Geschenk  werde  ich  piinktlichst  einmahnen. 

Alles  Herzliche  Dein  Walter 

1  Jean  Seh. 

2  Es  war  W.  B.'s  40.  Geburtstag, 

556 


3  Aus  dem  Bereich  dieser  Studien  ist  ein  grofierer  Aufsatz  in  der 
^Frankfurter  Zeitung"  erschienen  (4.  Dez.  1932);  „Haschisch  in  Mar- 
seille". Jetzt  „IUuminationen",  Ffm.  1961,  S.  344-350. 


213  An  Theodor  W.  Adorno 

Poveromo  (Marina  di  Massa),  3.  9.  1932 

Lieber  Herr  Wiesengrund, 

Ihr  Brief,  der  so  lange  auf  sich  warten  lieB,  ist  nun  als  er 
ankam  eine  groBe  Freude  fur  mich  gewesen.  Darin  am 
meisten,  wie  eng  gewisse  seiner  Textteile  mit  der  Anlage 
zusammenhangen,  dem  wirklich  kronenden  und  bestatigen- 
den  SchluBstiick  der  „Naturgeschichte  des  Theaters"  *,  fiir 
dessen  Widmung  ich  Ihnen  sehr  herzlich  danke.  Diese  ganze 
Folge  geht  ja  von  einem  hochst  originaren  und  wahrhaft 
barocken  Blick  auf  die  Biihne  und  ihre  Welt  aus.  Ja  ich 
mochte  sagen,  daB  sie  etwas  wie  „Prolegomena  zu  einer  jeden 
kiinftigen  Geschichte  des  barocken  Buhnenhauses"  enthalt 
und  daB  Sie  diese  unterirdische  Beziehung  im  Thematischen 
durch  Ihre  Widmung  so  ins  Licht  heben,  freut  mich  ganz 
besonders.  DaB  im  iibrigen  gerade  dieses  Stuck  vollig  gelun- 
gen  ist,  brauche  ich  Ihnen  wohl  kaum  zu  bestatigen.  Aber 
auch  in  der  Foyer-Folge  stehen  sehr  schone  Dinge  wie  das 
Bild  von  den  beiden  Zifferblattern  und  die  sehr  weisen  Ge- 
danken  xiber  das  Fasten  wiihrend  dieses  Zwischenspiels.  Ich 
hoffe,  daB  ich  nun  auch  sehr  bald  Ihren  Aufsatz  im  Hork- 
heimerschen  Archiv2  zu  Gesicht  bekomme  —  und,  wenn  ich 
noch  eine  Variante  dieses  Wunsches  aussprechen  darf,  mit 
dem  Aufsatze  auch  die  erste  Nummer  dieses  Archives  selbst, 
das  mich  naturlich  lebhaft  interessiert.  Zum  Lesen  hat  man 
hier  viel  Zeit.  Die  kleine  Bibliothek,  die  ich  vor  fiinf  Mona- 
ten  bei  meiner  Abreise  mit  mir  genommen  habe,  ist  nun 
naturlich  auch  schon  bald  durchlaufen.  Es  wird  Sie  interes- 
sieren,  daB  erstmal  auch  wieder  vier  Bande  Proust3  dabei 

557 


sind,  in  denen  ich  oft  lese.  Um  aber  von  einem  neuen  Buch 
zu  sprechen,  das  mir  hier  zukam  und  auf  das  ich  Sie  aufmerk- 
sam  (machen)  mochte.  -  Rowohlt  hat  eine  „Geschichte  des 
Bolschewismus"  von  Arthur  Rosenberg4  herausgegeben,  die 
ich  soeben  beendet  habe  und  die  man  unter  keinen  Umstan- 
den,  so  scheint  mir,  wird  iibergehen  konnen.  Von  mir  wenig- 
stens  muB  ich  sagen,  daB  sie  mir  iiber  vieleDinge,  einschlieB- 
lich  jener  Bezirke,  in  denen  das  politische  in  das  private 
Schicksal  hineinwirkt,  ein  Licht  aufgesteckt  hat.  Uber  letzte- 
res  nachzudenken  geben  mirmancherlei  Verhaltnisseundlhre 
neuerlichen  Hindeutungen  auf  Cysarz5  AnlaB.  Ich  ware  gar 
nicht  abgeneigt,  mit  ihm  in  Verbindung  zu  treten,  kann  es 
aber  doch  nicht  recht  verstehen,  warum  er,  wenn  ein  solcher 
Wunsch  doch  auch  bei  ihm  besteht,  nicht  -  sei  es  direkt,  sei 
es  durch  einen  Brief  von  Grab 6  an  mich  den  Anf ang  macht. 
Mir  ist  nicht  zweifelhaft,  daB -ich  fur  meinen  Teil  in  einer 
analogen  Situation,  auf  seinem  Posten,  so  verfahren  wiirde. 
Im  iibrigen  sind  es  natiirlich  nicht  Prestigegrunde,  die  mein 
Zbgern  veranlassen  sondern  die  Erfahrung,  daB  Fehler  im 
Beginn  einer  Beziehung  die  Neigung  haben,  im  Folgenden 
proportional  sich  zu  vergroBern.  Ich  denke  mir,  daB  Cysarz 
EinfiuB,  beispielsweise,  groB  genug  ware,  mir  von  irgend 
einem  angemessenen  Vereine  oder  Institut  von  Prag  eine 
Vortragseinladung  zu  verschaffen.  Vielleicht  konnen  Sie  Grab 
gelegentlich  in  diesem  Sinn  informieren.  Inzwischen  aber 
danke  ich  Ihnen  sehr  herzlich  fur  die  Ihrige,  die  Sie  an  den 
Bericht  der  Sitzungen  Ihres  Seminars  anschlieBen. 7  Weder 
brauche  ich  Ihnen  zu  versichern  wie  gern  ich  kommen  wiirde 
noch  wie  groBen  Wert  ich  auf  die  Einsicht  in  die  Akten  des 
bisherigen  Verlaufes  lege.  Natiirlich  ware  es  sehr  wiinschens- 
wert,  daB  das  mit  Ihnen  gemeinsam  geschahe.  Aber  -  und 
dies  betrifft  auch  die  Chancen  meiner  Anwesenheit  in  Frank- 
furt -  ich  bin  im  Augenblick  weniger  als  je  Herr  meiner 
EntschlieBungen.  Weder  weiB  ich,  wann  ich  nach  Berlin 
zuriickkehre,  noch  wie  sich  die  Dinge  von  da  aus  gestalten 
werden.  Einige  Wochen  werde  ich  wohl  bestimmt  noch  hier- 
bleiben.  Danach  werde  ich  nach  Berlin  wohl  zuriickmiissen : 
einerseits  um  Wohnungsfragen  zu  regulieren,  andererseits 

558 


weil  Rowohlt  nun  doch  darauf  zu  bestehen  scheint,  meine 
Essays  herauszubringen. 8  An  sich  ist  die  Verfiihrung  zu 
einem  langern  Aufenthalt  in  Deutschland  gewiB  nicht  grofi. 
Man  wird  lib  er all  Schwierigkeiten  antreffen  und  die  vom 
Rundfunk  ausgehenden  werden  vermutlich  mein  Erscheinen 
in  Frankfurt  auch  seltener  machen.  Sollten  Sie  wissen,  wie 
die  Dinge  fiir  Schoen  sich  entwickeln,  so  schreiben  Sie  mirs 
doch  bitte.  Von  ihm  erfahre  ich  garni chts.  Soviel  fiir  heute. 
Sonst  wiiBte  ich  nur  noch  zu  sagen,  daB  ich  an  einer  Folge 
von  Aufzeichnungen  arbeite,  die  friihe  Erinnnerungen  be- 
treff  en. 9  Hoff  entlich  kann  ich  Ihnen  in  absehbarer  Zeit  etwas 
davon  zeigen. 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen  Ihr  Walter  Benjamin 

PS  Ihr  „Zerrbild"  fand  ich  mit  groBem  Vergniigen.  -  Das 

Wort  von  Wolfskehl  in  meiner  Rezension  heiBt:  „Sollte  man 

von    den    Spiritisten    nicht    sagen,    daB    sie    im    Drub  en 

fischen?"  10 


1  Vgl.  Theodor  Wiesengrund- Adorno :  Das  Foyer.  Zur  Naturgeschichte 
des  Theaters,  in:  Blatter  des  Hessischen  Landestheaters,  Darmstadt, 
1952/33,  Nr.  8,  S.  98  ff.;  ders.:  Zur  Naturgeschichte  des  Theaters. 
Fragmente,  a.  a.  O.,  1932/33,  Nr.  9,  S.  101  ff.  und  Nr.  13,  S.  153  ff. 
-  Das  damals  unpubliziert  gebliebene  SchluBstiick  war  im  Manuskript 
Benjamin  gewidmet.  Jetzt  vgl.  den  gesamten  Text  Theodor  W.  Adorno : 
Quasi  una  fantasia.  Musikalische  Schriften  II.  Frankfurt  a.  M.  1963. 
S.  94-112. 

2  Zur  gesellschaftlichen  Lage  der  Musik,  in:  Zeitschrift  fiir  Sozial- 
forschung,  Jg.  1  (1932),  S.  103  ff.  und  S.  356  ff. 

3  Benjamin  sagte  zu  Adorno,  „er  wolle  nicht  ein  Wort  mehr  von  Proust 
lesen,  als  er  jeweils  zu  iibersetzen  habe,  weil  er  sonst  in  eine  siichtige 
Abhangigkeit  gerate,  die  ihn  an  der  eigenen  Produktion  . .  .  hinder e." 
(Theodor  W.  Adorno :  „Im  Schatten  junger  Madchenbliite",  in :  Dich- 
ten  und  Trachten.  Jahresschau  des  Suhrkamp-Verlages  IV.  Frankfurt 
a.  M.  1954.  S.  74.) 

^  Berlin  1932. 

5  Cysarz  exponierte  sich  spater  als  einer  der  entschie  dens  ten  Partei- 
ganger  der  Nazi  unter  den  deutschen  Hochschullehrern,  auch  heute 
noch  begegnet  sein  Name  haufig  im  Zusammenhang  mit  rechtsradi- 
kalen  Organisationen  und  Publikationen. 

6  Hermann  Edler  Grab  von  Hermanns  worth,  Dr.  phil.  et  jur. ;  Sozio- 
loge  und  Musiker;  eng  mit  Adorno  befreundet,  der  ihn  mit  B.  bekannt 
machte. 


559 


7  Adorno  hielt  als  Privatdozent  im  Sommers ernes ter  ein  Seminar  iiber 
neuere  Schriften  zur  Asthetik,  darunter  B.'s  Trauerspielbuch,  an  der 
Frankfurter  Universitat  ab. 

8  Die  Ausgabe  kam  nicht  zustande. 

9  Gemeint  sind  die  Texte  der  „Berliner  Kindbeit  urn  1900". 

10  Vgl.  W.  B.'s  Besprechung  von  Hans  Liebstoeckl,  die  Geheimwissen- 
schaften  im  Lichte  unserer  Zeit.  Wien  1932,  im  Literaturblatt  der 
Frankfurter  Zeitung  vom  21.  8. 1932.  -  Dieser  Abdruck  bringt  das 
Wort  -  das  auch  Friedrich  Gundolf  zugescbrieben  wird  -  durcb  einen 
Setzfehler  um  seine  Pointe:  statt  „im  Driiben"  heiflt  es  hier  „im 
Truben". 


214  An  Gerhard  Scholem 

[Berlin,  15.  Januar  1933] 

Lieber  Gerhard, 

gern  bestatige  ich,  daB  Dein  letzter  Brief  viel  Wissenswertes 
enthalt.  Dennoch  bleibt  manches  zu  beanstanden:  sei  es,  daB 
ich  das  Wissenswerte  viel  zu  spat  erfahre,  wie  Deine  Kunde 
von  der  Tom  Seidmann-Freud \  die  Du  mit  frecher  Stirn  fur 
Dich  behieltest,  indessen  ich  in  meiner  Ahnungslosigkeit  Dir 
meine  Rezensionen  ihrer  Biicher  2  schickte ;  sei  es,  daB  manches 
Wissenswerte  abbricht,  ehe  mein  Hunger  danach  ganz  gestillt 
ist,  wie  Deine  Andeutungen  iiber  Magnes,  von  dessen  Geg- 
nern  -  wer  sie  sind,  was  sie  wollen  und  wo  sie  sitzen  -  ich 
mir  gern  eine  genauere  Vorstellung  machen  wiirde. 

Was  Deinem  Schreiben  bei  so  schweren  Mangeln  dennoch 
Gnade  vor  meinen  Augen  verliehen  hat,  sind  die  wirklich 
ebenso  erbaulichen  wie  zutreffenden  Satze,  die  Du  iiber 
meine  „Berliner  Kindheit"  schreibst. 3  Mit  „zutreffend"  will 
ich  natiirlich  nicht  das  Lob  bezeichnen,  das  Du  ihnen  zuer- 
kennst;  vielmehr  zunachst  einmal  den  Ort,  an  den  Du,  in 
meiner  Arbeit,  diese  Folge  stellst;  zum  andern  aber  auch  die 
ganz  besondern  Erwagungen,  die  Du  dem  Stuck  „Erwachen 
des  Sexus"  widmest.4  Diese  Erwagungen  iiberzeugen  mich 
und  ich  werde  dementsprechend  verfahren.  Im  ubrigen  aber 
kannst  Du  mir  kaum  etwas  sagen,  was  mir  eine  triftigere 

560 


Bestatigung  ware,  als  daB  in  der  Tat  Dir  hin  und  wieder 
einige  Stellen  die  eigene  Kindheit  zu  betreffen  vermocht 
haben.  Damit  hat  Dein  Brief  nicht  wenig  Anteil  daran,  daB 
ich  jetzt  von  neuem  diese  Arbeit  vorgenommen  habe,  um  sie 
um  einige  Stiicke  zu  vermehren.  Nur  muB  [ich]  hier,  wo  ich 
nicht  die  Ruhe  eines  weiten  Strandes  und  eines  abgeschiede- 
nen  Aufenthalts  habe,  mit  doppelter  Behutsamkeit  verfahren. 
Einige  Chance  besteht  dafiir,  daB  nachstens  mit  dem  Ab- 
druck  der  ganzen  Reihe  in  der  Frankfurter-'Zeitung  begon- 
nen  wird.  Im  iibrigen  stehen  an  dieser  Stelle  Veranderungen 
bevor,  von  denen  ich  nicht  weiB,  in  welcher  Richtung  sie  sich 
bewegen  werden.  Ich  habe  daher  in  letzter  Zeit  versucht,  mir 
neue  Verbindungen  zu  schaffen  und  bin  dabei  einerseits  auf 
die  Vossische  Zeitung,  andererseits  auf  die  frankfurter  Zeit- 
schrift  fur  Sozialforschung  gestoBen.  Diese  hat  mir  Auftrage 
teils  gegeben,  teils  in  Aussicht  gestellt.  So  werde  ich  wohl  in 
absehbarer  Zeit  ein  groBes  Werk  iiber  gesellschaftliche  Ver- 
haltnisse  und  Ideologie  des  Barockzeitalters  zur  Besprechung 
bekommen,  das  von  einem  gewissen  [Franz]  Borkenau  stammt, 
von  dem  man  sich  die  bedeutsamsten  Dinge  zuraunt. 

[. . .] 

Ich  meinerseits  wiinsche  dagegen  dringend,  Deinen  offe- 
nen  Brief  anSchoeps  iiber  „J\idischenGlauben  in  dieser  Zeit" 
zu  erhalten.  Gleichzeitig  sage  ich  Dir  deri  schbnsten  Dank 
fur  Ubersendung  der  „Kabbala".5  Wenn  aus  dem  Abgrunde 
des  Nichtwissens,  den  ich  auf  jenem  Erdstrich  besiedelt  habe, 
auch  kein  Urteil  erscheinen  kann,  so  sollst  Du  doch  wissen, 
daB  die  Strahlen  dieser  Darlegungen  selbst  in  ihn  hinab- 
dringen  konnten.  Sonst  aber  muB  ich  mich  mit  spinnendiin- 
ner  Geheimwissenschaft  begniigen;  und  zwar  bin  ich  im 
Augenblick  im  Begriff  zum  Zwecke  eines  Rundfunkspiels 
iiber  Spiritismus  einen  Blick  in  die  entsprechende  Literatur 
zu  tun.  Freilich,  nicht  ohne  mir  ganz  im  Hinterhalte  und 
zum  Privatvergnugen  zu  diesen  Dingen  eine  Theorie  gezim- 
mert  zu  haben,  die  ich  Dir  eines  fernen  Abends  bei  einer 
Flasche  Burgunder  zu  entwickeln  gedenke.  Einzelne  meiner 
neueren  Produkte  -  wie  das  „Taschentuch"  6  oder  die,  ge- 
kiirzte,  „Kaktushecke"  7  bitte  ich  Dich  aus  genau  so  hand- 

561 


greiflichen  Motiven  entstanden  zu  denken  wie  dergleichen 
Geisterrevue  [?].  Ich  sende  sie  Dir  nur,  urn  Dein  Archiv  zu 
ehren,  und  sei  es  auf  meine  Kosten. 

Lafi  mich  alles  wissen,  was  sich  im  Kampfe  urn  Deine  Pro- 
fessur  weiter  ereignet,  und  nimm,  nicht  fiir  ihn,  meine  herz- 
lichsten  Wiinsche 

Dein  Walter 

1  Bedeutende  Illustratorin  von  Kinderbiichern,  die  in  Miinchen  bei 
derselben  Wirtin  wie  Sch.  gewohnt  hatte. 

2  In  der  FZ  vom  13.  Dez.  1930  und  vom  20.  Dez.  1931. 

3  W.  B.  hatte  ihm  das  Manuskript  eingeschickt. 

4  Sch.  hatte  dessen  Sekretierung  verlangt. 

5  Aus  der  Encyclopaedia  Judaica,  Band  IX,  S.  650-732. 

6  Frankfurter  Zeitung  vom  24.  November  1932. 

7  Vossische  Zeitung  vom  8.  Januar  1933. 


21 J  An  Gerhard  Scholem 

Berlin,  [28.  Februar  1933] 

Lieber  Gerhard, 

ich  benutze  eine  ruhige  Stunde  tiefer  Verstimmung,  um  Dir 
wieder  einmal  ein  Blatt  zu  schicken.  Unmittelbarer  AnlaB  ist 
der  Empfang  Deines  iiberaus  bemerkenswerten  Aufsatzes  im 
[Bayrischen]  Israelitischen  Gemeindeblatt  \  den  ich  heute  friih 
erst  von  Fraulein  Marx  aus  Konigsberg  nebst  Deinem  Emp- 
fehlungsbriefe  und  der  Ankiindigung  ihres  Kommens  emp- 
fing.  Der  Tag  verging  weiterhin  unter  Arbeiten  und  Diktat 
an  einem  Horspiel  „Lichtenberg",  das  ich  auf  Grund  eines 
Vertrages,  dessen  besserer  Teil  langst  erfiillt  ist,  und  mir  die 
Flucht  auf  die  Balearen  erleichtert  hat,  nun  abliefern  muB. 
Das  bifichen  Fassung,  das  man  in  meinen  Kreisen  dem 
neuen  Regime  entgegengebracht  hat,  ist  rasch  verbraucht 
und  man  gibt  sich  Rechenschaft,  dafl  die  Luft  kaum  mehr  zu 
atmen  ist;  ein  Umstand,  der  freilich  dadurch  an  Tragweite 
verliert,  daB  einem  die  Kehle  zugeschnurt  wird.  Dies  vor 
allem  einmal  wirtschaftlich.  Die  Chancen,  die  von  Zeit  zu 

562 


Zeit  durch  den  Rundfunk  geboten  wurden  und  die  tiberhaupt 
meine  einzig  ernsthaften  waren,  durften  so  griindlich  fort- 
fallen,  daB  selbst  dem  „Lichtenberg",  wiewohl  er  in  Auftrag 
gegeben  war,  eine  Auffiihrung  nicht  mehr  sicher  ist.  Die 
Desorganisation  der  Frankfurter  Zeitung  schreitet  fort.  Ihr 
Feuilleton-Redakteur  ist  von  seinem  Posten  entfernt  worden, 
obwohl  er  grade  kurz  vorher  durch  Erwerb  meiner  „Berliner 
Kindheit"  zu  einem  lacherlichen  Spottpreis  eine  zumindest 
kaufmannische  Eignung  erwiesen  hatte.  Jetzt  scheint  dort 
Heinrich  Simon  zu  walten.  Die  Publikation  meiner  Arbeit 
ruht  nun  seit  mehr  als  vierzehn  Tagen. 

Die  Aussichten  sie  als  Buch  erscheinen  zu  sehen,  sind  ver- 
schwindend.  Jedermann  sieht,  daB  sie  so  vortrefflich  ist,  daB 
die  Unsterblichkeit  sie  auch  als  Manuscript  zu  sich  berufen 
wird.  Man  druckt  Biicher,  die  es  notiger  haben.  Im  iibrigen 
kann  ich  seit  einigen  Wochen  den  Text,  wenn  ich  es  will,  als 
abgeschlossen  ansehen,  da  mit  der  Abfassung  des  letzten 
Stiicks  —  der  Reihenfolge  nach  das  erste,  denn  es  ist  als  An- 
fangsstiick  ein  Pendant  zum  letzten,  dem  „buckligen  Mann- 
lein"  geworden  —  die  Zahl  von  dreiBig  erreicht  ist.  Dabei  ist 
das  auf  Deinen  Rat  sekretierte  nicht  gerechnet. 

Soweit  mich  nicht  die  faszinierende  Gedankenwelt  Lich- 
tenbergs  fesselt,  bef  angt  mich  das  Problem,  das  mir  die  nach- 
sten  Monate  stellen,  von  denen  ich  weder  weiB,  wie  ich  sie  in 
noch  auBerhalb  Deutschlands  iiberstehen  kann.  Es  gibt  Orte, 
an  denen  ich  ein  Minimum  verdienen  und  solche,  an  denen 
ich  von  einem  Minimum  leben  kann,  aber  nicht  einen  einzi- 
gen,  auf  den  diese  beiden  Bedingungen  zusammen  zutreffen. 
Wenn  ich  Dir  nun  noch  mitteile,  dafi  unter  so  bewandten 
Umstanden  dennoch  eine  neue  —  vier  kleine  Handschriftsei- 
ten  umfassende  -  Sprachtheorie  2  entstanden  ist,  so  wirst  Du 
mir  eine  Ehrenbezeugung  nicht  versagen.  Drucken  lasse  ich 
besagte  Blatter  nicht,  ja  ob  sie  auch  nur  einer  Maschinen- 
iibertragung  fahig  sind,  erscheint  mir  noch  nicht  ganz  sicher. 
Bemerken  will  ich  nur,  daB  sie  bei  Studien  zum  ersten  Stiicke 
der  „ Berliner  Kindheit"  fixiert  wurde. 

Ohne  die  Arbeit  von  Schoeps  zu  kennen,  glaube  ich  doch 
den  Horizont  Deiner  Betrachtungen  etwa  absehen  zu  kon- 

563 


nen  und  kann  aus  tiefster  tlberzeugung  bestatigen,  daB  nichts 
notwendiger  ist  als  den  graBlichen  Schrittmachern  prote- 
stantischer  theologumena  innerhalb  des  Judentums  den  Gar- 
aus  zu  machen.  Aber  das  heiBt  noch  wenig  verglichen  mit  den 
Bestimmungen  der  Off  enbarung,  die  da  bei  Dir  gegeben  und 
bei  mir  in  hohen  Ehren  werden  gehalten  werden.  „Ist  doch 
das  Absolut- Konkrete  das  Unvollziehbare  schlechthin"  -  diese 
Worte  sagen  (von  der  theologischen  Perspektive  abgesehen) 
iiber  Kafka  natiirlich  mehr  als  dieser  Schoeps  bis  an  das  Ende 
seiner  Tage  zu  verstehen  imstande  sein  wird.  Genau  so  wenig 
kann  das  Max  Brod  verstehen  und  ich  habe  hier  einen  der 
Satze  gefunden,  die  am  friihesten  und  tiefsten  in  Deinen 
Uberlegungen  angelegt  gewesen  sein  mogen. 

Es  ware  recht  schon,  wenn  ich  bald  von  Dir  horte.  Den 
kurzen  Brief  sende  ich  mit  der  beruhigenden  GewiBheit  ab, 
ihn  im  Anekdotischen  durch  Erzahlungen  von  Fraulein  Marx 
erganzt  zu  wissen. 

Mit  allem  Herzlichsten  Dein  Walter 

Bei  Durchsicht  Deines  letzten  Brief  es  ergibt  sich,  daB  ich 
noch  mit  einem  kleinen  Post- Script  aufwarten  muB.  Ich  tue 
es  auf  j  enem  edelsten  Papier,  das  ich  vor  nun  f iinf zehn  Jahren 
in  einer  kleinen  Papierhandlung  in  Sarnen,  das  ich  auf  einer 
FuBwanderung  passierte,  bei  Herrn  NarziB  von  Ach  kaufte, 
dessen  Gedachtnis  mir  weit  hbher  steht  als  das  eines  gleich- 
namigen  Psychologen.  Dieses  sonst  tiefsten  Meditationen 
vorbehaltene  Papier  moge  als  Ehrenbezeugung  von  Dir  ver- 
standen  werden. 

Also  mein  Kafkaaufsatz  ist  noch  ungeschrieben  und  zwar 
aus  zwei  Grunden.  Erstens  lag  —  und  liegt  —  mir  durchaus 
daran,  ehe  ich  an  diese  Arbeit  gehe,  den  angekiindigten  Ver- 
such  von  Schoeps  zu  lesen.  Ich  verspreche  mir  von  ihm  eine 
Kodifikation  aller  Irrmeinungen,  die  aus  der  eigentlich  pra- 
ger  Interpretation  von  Kafka  zu  entnehmen  sind  und  Du 
weiBt,  daB  solche  Bucher  von  jeher  inspirierend  auf  mich  ge- 
wirkt  haben.  Aber  auch  aus  dem  zweiten  Grunde  ist  das  Er- 
scheinen  dieses  Buches  mir  nicht  unwichtig.  Denn  es  versteht 
sich  von  selbst,  daB'ich  die  Arbeit  an  einem  solchen  Essay 
nur  auf  Grund  eines  Auftrages  wiirde  unternehmen  konnen. 

564 


Und  woher  sollte  der  aus  heiterem  Himmel  kommen.  Es  sei 
denn,  Du  verschaffst  mireinenpalastinensischen.  InDeutsch- 
land  wird  sich  so  etwas  noch  am  ehesten  in  der  Gestalt  einer 
Rezension  von  Schoeps  hervorbringen  lassen.  Nur  weiB  ich 
nicht,  ob  mit  dem  Erscheinen  des  Buches  zu  rechnen  ist.3 

Was  die  weiteren  Desiderata  Deines  Archivs  betrifft,  nam- 
lich  meine  Rundfunkarbeiten,  so  ist  es  nicht  einmal  mir  selbst 
gelungen,  diese  vollstandig  zu  versammeln.4  AuBerdem  sind 
die  meisten  dieser  Hbrspiele  in  Kollaboration  mit  andern  ge- 
macht.  Bemerkenswert  ist  vom  technischen  Gesichtspunkt 
vielleicht  ein  Stiick  fur  Kinder,  das  in  Frankfurt  und  Koln 
im  letzten  Jahre  gegeben  wurde  und  von  dem  ich  Dir  viel- 
leicht einmal  ein  Exemplar  f rei  machen  kann.  Es  heiBt 
„Radau  um  Kasperl". 

Solltest  Du  den  ^Kierkegaard"5  in  absehbarer  Zeit  nicht 
von  Wiesengrund  erhalten  haben,  so  werde  ich  mir  die  Ehre 
geben,  Dir  ein  Exemplar  der  Umbruchkorrektur,  das  in  mei- 
nem  Besitz  ist,  zu  dedizieren. 

1  „Offener  Brief"  gegen  H.  J.  Schoeps'  „Judischer  Glaube  in  dieser 
Zeit",  Berlin  1932. 

2  „Uber  das  mimetische  Vermbgen",  Schriften  I,  S.  507-510. 

3  Es  ist  nicht  erschienen.  1936  erschien  in  seinem  Biichlein  „Gestalten 
an  der  Zeitenwende"  ein  Aufsatz  iiber  Kafka. 

4  Eine  kleine  Saramlung  ist  in  W.  B.s  NachlaB  erhalten. 

5  Adornos  Habilitationsschrift,  die  Anfang  1933  erschienen  war. 


216  An  Gerhard  Scholem 

Paris,  20.  Marz  1933,  Hotel  Istria 

Lieber  Gerhard, 

so  stiinden  wir  wieder  einmal  im  Begriff  einen  neuen  Ab- 
schnitt  in  unserer  Korrespondenz  einzuweihen,  die,  was  Stem- 
pel  und  was  Adresse  angeht,  von  meiner  Seite  gewiB  nicht 
einformig  ist.  Was  Du  von  Kitty  Marx  dieser  Tage  iiber 
mich  horst,  wird  Dir  gewifi  ein  getreues  Bild  von  den  inneren 

565 


und  au.Beren  Umstanden  geben,  in  die  die  Ereignisse  ein- 
schlugen,  die  sie  wieder  einmal  grundlich  veranderten.  Ehe 
ich  darauf  aber  eingehe,  will  ich  nicht  versaumen,  zu  bemer- 
ken  wie  beklagenswert  ich  es  fand,  daB  ein  Abschiedsbesuch 
-  wenn  ich  es  so  nennen  darf  -  den  Beginn  einer  Bekanntschaft 
bildete,  von  der  ich  mir  viel  Anziehendes  hatte  versprechen 
konnen.  Da  nun  die  Ankunft  des  Brief  es  in  Jerusalem  nicht 
allzu  lange  nach  der  ihren  erfolgt,  lege  ich  auf  die  schwere 
Fracht  von  Mitteilungen  die  er  .enthalten  wird,  fur  sie  ein 
kleines  Willkommenboukett  obenauf . 

Ob  Du  schon  Leute  gesprochen  hast,  die  Deutschland  nach 
dem  15ten  Marz  etwa  verlassen  haben,  bezweifle  ich.  Brief  - 
lich  konntest  Du  nur  durch  besonders  tollkuhne  Individuen 
informiert  sein.  Denn  es  kann  sehr  gefahrlich  werden,  von 
dort  ohne  sorgfaltige  Tarnung  zu  schreiben.  Ich  darf  mich, 
im  Besitz  der  Freiheit,  deutlich  und  umso  kiirzer  fassen. 
Einen  Begriff  von  der  Lage  gibt  weniger  der  individuelle 
Terror,  als  die  kulturelle  Gesamtsituation.  Uber  den  ersteren 
ist  schwer,  absolut  zuverlassiges  in  Erfahrung  zu  bringen. 
Unbezweifelt  sinddie  zahlreichenFalle,  in  denen  Leute  nachts 
aus  ihren  Betten  geholt  und  miBhandelt  oder  ermordet  wer- 
den. Wich tiger  vielleicht  noch,  aber  schwerer  zu  durchleuch- 
ten  ist  das  Schicksal  der  Gefangenen.  Von  diesen  laufen  die 
furchtbarsten  Geruchte  um.  [.  .  .] 

Was  mich  betrifft,  so  sind  es  nicht  diese  -  seit  langem  mehr 
oder  minder  absehbaren  —  Verhaltnisse  gewesen,  die  in  mir, 
und  zwar  erst  vor  einer  Woche,  in  unbestimmten  Formen,  die 
EntschlieBung,  Deutschland  zu  verlassen  zur  schleunigsten 
Entfaltung  gebracht  haben.  Es  war  vielmehr  die  fast  mathe- 
matische  Gleichzeitigkeit,  mit  der  von  alien  iiberhaupt  in 
Frage  kommenden  Stellen  Manuscripte  zuruckgereicht, 
schwebende,  beziehungsweise  abschluBreife  Verhandlungen 
abgebrochen,  Anfragen  unbeantwortet  gelassen  wurden.  Der 
Terror  gegen  jede  Haltung  oder  Ausdrucksweise,  die  sich  der 
offiziellen  nicht  restlos  angleicht,  hat  ein  kaum  zu  uberbie- 
tendes  Mafl  angenommen.  Unter  diesen  Umstanden  kann  die 
auBerste  politische  Zuriickhaltung,  die  ich  seit  jeher  und  mit 
gutem  Grunde  geiibt  hatte,  den  Betreffenden  zwar  vor  plan- 

566 


maBiger  Verfolgung,  nicht  aber  vor  dem  Verhungern  schut- 
zen.  In  alledem  habe  ich  das  Gliick  gehabt,  meine  Wohnung 
auf  ein  Jahr  an  einen  zuverlassigen  Mann  vermieten  zu 
kbnnen.  [.  .  .]  Zumindest  kann  ich  gewiB  sein  —  so  uner- 
traglich  die  deutsche  Atmosphare,  in  der  man  den  Leuten 
eher  auf  die  Revers  und  danach  meist  am  liebsten  schon  gar 
nicht  mehr  in  die  Gesichter  sieht,  ist  —  keinem  Impuls  der 
Panik  gefolgt  zu  sein.  Es  war  vielmehr  die  reine  Vernunft, 
die  hier  alle  Eile  gebot  und  es  gibt  unter  den  mir  naher  ste- 
henden  niemand,  der  das  anders  beurteilt. 

Allerdings  waren  nicht  mehr  allzuviele  von  ihnen  im 
Augenblick  meiner  Abreise  noch  in  Deutschland.  Brecht, 
Kracauer,  Ernst  Bloch  sind  rechtzeitig  weggefahren  [.  .  .] 
Ernst  Schoen  ist  verhaftet  gewesen,  aber  wieder  freigelassen 
worden.  [.  .  .] 

Mit  diesen  Zeilen  kommt  es  mir  nur  darauf  an,  Dich  im 
GroBen  iiber  meine  Lage  und  die  MaBnahmen,  die  ich  in  ihr 
getroffen  habe,  zu  unterrichten.  [.  .  .] 

Schrieb  ich  Dir,  daB  ich  in  Berlin  eine  ganz  kleine  und 
vielleicht  sonderbare  Arbeit  iiber  die  Sprache  verfaBt  habe 
-  ganz  danach  angetan,  Dein  Archiv  zu  zieren? 

Antworte  geschwindest  und  nimm,  mit  Escha,  die  herz- 
lichsten  GriiBe.  * 

Dein  Walter 


217  An  Gretel  Adorno 

Ibiza,  San  Antonio,  15.  April  1935 

Liebe  Felizitas1, 

ich  hatte  Dir  schon  langst  Nachricht  von  mir  und  den  Um- 
standen  geben  mogen,  wenn  ich  seit  zehn  Tagen  nur  irgend- 
wie  —  den  Schlaf  abgerechnet  —  zur  Ruhe  gekommen  ware. 
Und  auch  jetzt  noch  ware  es  nicht  soweit,  hatte  ich  nicht  Ku- 
rage,  es  mit  der  elendesten  Beleuchtung  von  der  Welt  aufzu- 

567 


nehmen  -  namlich  nicht  Kerzen,  sondern  einer  elektrischen 
Funzel  an  einer  unerreichbar  hohenDecke.  AchtTage  bin  ich 
von  Paris  hierhergereist-Aufenhalte  in  Barcelona,  inlbiza- 
um  dann  hier  geradezu  in  einen  Umzug  zu  fallen.  Das  Haus 
vom  vorigen  Jahre  namlich,  das  noch  diesen  Winter  in  mei- 
ner  Phantasie  keine  geringe  Rolle  gespielt  hatte,  war  einige 
Stunden  vor  meiner  Ankunft  von  Noeggeraths  weitervermie- 
tet  worden.  Und  wenn  sie  es  behalten  hatten,  so  hatte  ich 
darin  nach  mancherlei  Veranderungen,  die  im  Raum  hides- 
sen  getroffen  waren,  kein  Quartier  gefunden. 

Die  Decke  mit  der  Funzel  also  ist  in  einem  andern  Haus, 
das  dem  alten  gegeniiber  die  Vorteile  eines  Viertel-  oder 
Achtel-Komforts,  dagegen  die  Nachteile  ungelegnern  Plat- 
zes  und  architektonischer  Banalitat  hat.  Es  ist  namlich  am 
Rande  von  San  Antonio  vom  dortigen  Arzt,  der  fortziehen 
muBte,  erbaut  und  eine  dreiviertel  Stunde  von  der  schonen 
Waldecke  entfernt,  in  der  ich  den  vorigen  Sommer  zugebracht 
habe.  Dies  ist  aber  nur  die  verkleinerte  Y/iedergabe  groBer 
offentlicher  Veranderungen  im  MaBstabe  meines  Privat- 
lebens.  Es  ist  namlich,  unerachtet  einer  wenig  anmutigen  Bau- 
tatigkeit  in  San  Antonio  augenblicklich  kaum  Unterkommen 
zu  finden.  Im  Zusammenhang  damit  sind  wieder  die  Preise 
gestiegen.  Und  so  halten  sich  die  okonomischen  und  die  land- 
schaftlichen  Veranderungen  seit  dem  vorigen  Sommer  die 
Wage.  Beide  sind  allerdings  im  Verhaltnis  zu  dem  phanta- 
stisch  gunstigen  Gesamtniveau  nicht  allzu  empfmdlich.  Et- 
was  anders  steht  es  schon  mit  dem  figiirlichen  Zuwachs  der 
Gegend.  Denn  die  Isolierung  des  vorigen  Sommers  ist  nicht 
nur  durch  die  topographischen  Umstande  sondern  auch  durch 
das  Auftreten  von  „Sommergasten"  erschwert,  bei  denen  sich 
nicht  immer  genau  zwischen  Sommersaison  und  Lebensabend 
unterscheiden  laBt. 

Man  hat  sie  aber  auch  nicht  nbtig,  weil  man  von  Her- 
kunft  und  Natur  der  Leute  hier  in  Tagen  manchmal  mehr 
erfahrt  als  in  Berlin  in  Jahren.  Und  so  kann  ich  Dir,  wenn 
Du  in  einigen  Monaten  herkommst,  eine  ziemlich  instruk- 
tive  Fiihrung  durch  den  hiesigen  Schicksalspark  versprechen. 
Im  iibrigen  ist  ein  neuer  Knotenpunkt  fur  mancherlei  Ver- 

568 


strickungen  im  Entstehen,  indem  ein  Franzose  —  der  Bruder 
jenes  Ehepaares,  von  dem  ich  Dir  erzahlte  —  in  Ibiza,  unmit- 
telbar  am  Hafen  eine  Bar  eroffnet,  deren  jetzt  allmahlich 
hervortretende  Raumfigur  ein  ganz  angenehmes  Quartier 
verspricht. 

Von  Max  [Horkheimer]  bekam  ich  einen  recht  ausfiihr- 
lichen  Brief  aus  Genf,  dem  ich  immerhin  soviel  entnehmen 
kann,  daB  die  Zeitschrift  fortgefiihrt  wird  und  weiter  mit 
meiner  Mitarbeit  rechnet.  DaB  gerade  eine  Soziologie  der 
franzosischen  Literatur,  die  man  zunachst  von  mir  erwartet, 
von  hier  aus  nicht  ganz  leicht  zu  verfassen  ist,  versteht  sich 
von  selbst.  Immerhin  habe  ich  sie  in  Paris  vorbereitet  so  gut 
ich  konnte.2  Spater  darf  ich  scheinbar  wieder  mit  Rezen- 
sionen  rechnen.  Diese  verfasse  ich  zur  Zeit  auch  fur  andere 
Stellen,  ohne  mir  Illusionen  iiber  das  ungewisse  redaktionelle 
Schicksal  der  Manuscripte  zu  machen.  Darf  ich  in  diesem  Zu- 
sammenhang  Dir  eine  Bitte  sagen?  Mein  Madchen  hat  von 
Paris  aus  von  mir  den  Auftrag  erhalten  ein  Rezensionsexem- 
plar  einer  Sammlung  von  Briefen  von  Dauthendey,  das  die 
Frankfurter  Zeitung  mir  sandte,  hierher  an  mich  nachzu- 
schicken. 3  Es  ist  bisher  noch  nicht  eingetroffen  und  mir  liegt 
daran,  es  recht  bald  zu  erhalten.  Kbnntest  Du  da  telephonisch 
einmal  nachfragen.  Im  iibrigen  schreibt  man  mir,  daB  meine 
Rezension  von  Wiesengrunds  Buch  am  2ten  oder  am  9ten  April 
in  der  Literaturbeilage  der  Vossischen  Zeitung  erschienen 
ist. 4  Ich  habe  die  Belegexemplare  nicht  bekommen  und  ware 
Dir  ganz  besonders  dankbar,  wenn  Du  mir  zwei  hierher- 
schicken  beziehungsweise  die  Nachsendung  der  wahrschein- 
lich  in  meiner  Wohnung  liegenden  veranlassen  kbnntest. 

Selbstverstandlich  hofle  ich  sehr  bald  von  Dir  Genaues 
iiber  den  Gang  Deiner  Unternehmungen  seit  dem  1.  April 
zu  horen.  Nicht  nur  dariiber  sondern  auch  iiber  Deine  Ge- 
sundheit.  Und  endlich,  wie  Wiesengrunds  Projekte  sich  wei- 
ter entwickelt  haben.  Ich  bin  fast  sicher,  daB  er  inzwischen 
geneigt  sein  wird,  meine  letzten  miindlichen  Vorschlage 
anzunehmen.  Du  muBt  ihm  sagen,  daB  Max  in  dem  oben 
erwahnten  Brief  sich  mit  einiger  Besorgnis  nach  ihm  erkun- 
digt.  Der  Angelpunkt  Deiner  Angelegenheiten  ist  fur  mich 

569 


die  Frage  Deiner  Sommerreise  und  ihres  Zieles.  Ich  ware  sehr 
niedergeschlagen,  wenn  Du  die  Perspektiven  unseres  langen 
Gesprachs  in  Westend  aus  den  Augen  verlieren  konntest. 
Aber  ich  bin  gewiB,  daB  Du  alles  so  klug  und  genau  bewerk- 
stelligen  wirst,  wie  ich  es  immer  an  Dir  erfahren  habe. 
Schreibe  mir  Genaues  daniber. 

Ich  habe  ernsthaft  begonnen,  Spanisch  zu  lernen  und  bin 
von  drei  verschiedenen  Systemen  dabei  begleitet:  einer  alt- 
modischen  Grammatik,  den  Tausend  Worten  und  endlich 
einer  neuen  und  ganz  raffinierten  Suggestivmethode.  Ich 
denke,  daB  das  in  absehbarer  Zeit  schon  zu  etwas  fuhren 
wird.  Morgen  ist  Ostern  —  da  habe  ich  vor,  meinen  ersten 
groBern  Spaziergang  ins  Land  zu  machen.  Aber  schon  klei- 
nere  haben  mich  xiberzeugt,  daB  eine  halbe  Stunde  entfernt 
von  den  Hausern  ganz  die  alte  Schonheit  und  Einsamkeit  der 
Gegend  zu  fin  den  ist  und  ich  hoffe,  daB  ich  diesmal  nicht  alle 
meine  Entdeckungsreisen  allein  werde  machen  miissen.  Im 
iibrigen  ist  es  am  Tage  manchmal  sehr  heiB,  in  den  Nachten 
aber,  genau  wie  vor  einem  Jahr,  noch  kuhl. 

Seit  ich  diesen  Brief  anfing,  hat  sich  die  Ansicht  des  neuen 
Hauses  schon  etwas  geklart.  Ich  bin  ganz  manierlich  in  einem 
Zimmer  untergebracht,  das  sogar  eine  Art  Ankleideraum 
besitzt,  in  dem  man  nach  langem  Heizen  des  Waschkessels 
sogar  in  einer  Badewanne  ein  heiBes  Bad  nehmen  kann :  fur 
Ibiza  ist  das  etwas  ganz  Marchenhaftes.  AuBerdem  aber  ist 
es  auch  ntitzlich,  denn  an  Baden  im  Meer  wird  vor  Ablauf 
von  vier  bis  sechs  Wochen  fur  mich  kaum  zu  denken  sein.  Im 
Inventar  ist  ferner  ein  Bucherregal  und  ein  Schrank,  so  daB 
ich  meine  paar  Sachen  und  die  Papierchen  ganz  sauber  um 
mich  aufbauen  kann. 

Vielen  Dank  fur  die  Adresse  von  Ernst  [Bloch].  Dieser 
Tage  werde  ich  ihm  eine  Karte  schicken.  Aus  der  groBen 
Welt  habe  ich,  seit  ich  hier  bin,  noch  nicht  viel  gehort.  Auch 
dafiir  erwarte  ich  mit  D einem  nach st en  Brief e  mich  zu 
entschadigen. 

Fur  heute  alles  sehr  Herzliche 

Detlef 


570 


1  Anrede,  die  B.  wahrend  der  Emigration  fur  Gretel  Adorno  brauchte. 

2  Vgl.  Zum  gegenwartigen  gesellschaftlichen  Stand  ort  des  franzo- 
sischen  Schriftstellers,  in:  Zeitschrift  fur  Sozialforschung  3  (1954), 
S.  54-77. 

3  Max  Dauthendey:  Ein  Herz  im  Larm  der  Welt.  Briefe  an  Freunde. 
Miinchen  1933.  -  Eine  Rezension  des  Buches  von  B.  erschien  pseudo- 
nym im  Literaturblatt  der  Frankfurter  Zeitung  vom  30.  4.  1933. 

4  Sie  erschien  am  2.  April. 


218  An  Gerhard  Scholem 

Ibiza,  19.  April  1933 

Lieber  Gerhard, 

wenn  ich  nicht  irre,  hast  Du  bereits  aus  Paris  die  Bestatigung 
erhalten,  daB  mich  dort  Dein  Brief  nach  Berlin  erreicht  hat. 
Nun  habe  ich  vor  wenigen  Tagen  den  erst  en  bekommen,  den 
Du  wieder  nach  Ibiza  gerichtet  hast.  Um  nun  aber  zunachst 
bei  dem  ersteren  nochmals  kurz  zu  verweilen,  will  ich  Deine 
Mitteilung  iiber  den  Logierbesuch  [Gustav]  Steinschneiders 
zum  Gegenstand  einer  kleinen  Anfrage  machen.  Wie  Du 
gelesen  haben  wirst,  ist  unter  den  Sandkofnern,  die  das  er- 
wachende  Deutschland  sich  aus  den  Augen  gerieben  hat,  auch 
der  Hellseher  Hanussen.  Dieser  soil  nun,  einer  Pressenotiz 
zufolge,  mit  seinem  wahren  Namen  Steinschneider  geheiflen 
haben.  Sollte  nun  auch  er  ein  Mitglied  der  schon  ohnehin 
bemerkenswerten  Familie  des  Gustav  sein,  so  lasse  mich  das 
unbedingtwissen.1  Sollte  f erner  derselbe  mit  seinem prasump- 
tiven  Verwandten  dessen  Talent  teilen,  so  sehe  ich  einen 
bedeutenden  Aufschwung  Deiner  kabbalistischen  Studien 
voraus,  indem  das  kostspielige  Photographieren  von  Manu- 
scripten  damit  ja  wohl  wegf alien  wiirde. 

tjberaus  wertvoll  war  mir,  wie  ich  Dir  vielleicht  schon  ge- 
sagt  habe,  Deine  Mitteilung  liber  Schoeps  und  Bluher.  Nun 
erwarte  ich  dessen  Buch  iiber  Kafka  unter  diesen  Umstanden 
mit  verdoppelter  Ungeduld.  Denn  was  sahe  dem  Engel,  der 
den  vernichteten  Teil  von  Kafkas  Werken  betreut,  ahnlicher, 
als  ihren  Schliissel  unter  einem  [.  .  .Jhaufen  zu  verstecken? 

571 


Ob  man  sich  ahnliche  Aufklarungen  von  dem  neuesten  Essay 
iiber  Kafka  versprechen  darf,  weiB  ich  nicht.  Er  stent  im 
Aprilheft  der  Nouvelle  Revue  Francaise  und  stammt  von 
Bernhard  Groethuysen.  Nach  Kenntnisnahme  durch  mich 
kdnntest  Du  ihn  auf  Wunsch  als  Austauschgabe  gegen  andere 
Lektiire  erhalten. 

Denn  wenn  sich  auch  eine  kleine  Hausbucherei  von  30  bis 
40  Banden,  teils  aus  Noeggerathschen  Bestanden,  teils  aus 
meiner  Hinterlassenschaft  vom  Vorjahre  hier  versammelt 
hat,  so  ist  die  denn  doch  eine  schmale  Grundlage.  Die  Ironie 
will  es,  daB  ich  grade  jetzt  im  Auftrage  jener  „Zeitschrift  fur 
Sozialforschung",  die  ihren  Apparat  und  Geld  nach  Genf 
gerettet  hat,  einen  Aufsatz  iiber  die  Soziologie  der  gegen- 
wartigen  franzosischen  Literatur  zu  schreiben  habe  -  und 
schreiben  muB,  da  ich  von  dieser  Seite  zumindest  auf  Bezah- 
lung  rechnen  kann.  [. ...]  Besonders  lobe  ich  die  Eingebung, 
welche  mich  in  Berlin  veranlaBte,  Kitty  Marx  das  Buch  von 
Brecht2  (und  wenn  ich  nicht  irre,  noch  irgend  eine  andere 
Leihgabe)  mit  auf  den  Weg  zu  geben,  indem  ich  so  .in  hof- 
fentlich  kurzer  Zeit  hier  in  deren  Besitz  sein  werde.  Es  wird 
Dir  im  iibrigen  SpaB  machen  zu  horen,  daB,  nach  dem  ich 
mein  eigenes  Archiv  aufs  sorgfaltigste  gesiebt  hatte  und  so 
hier  nur  iiber  einen  Bruchteil  desselben  -  politisch  ganz  un- 
verfangliche  Dinge  —  verfiige,  im  letzten  Augenblick  der 
Einfall  mich  packte,  ein  enorm  provokatorisches  und  gleich- 
zeitig  auBerst  gegliicktes  Werk  von  Brecht,  das  nicht  erschie- 
nen  ist  und  nur  in  Fahnen  existiert,  in  meinen  Koffer  zu 
stecken.  Es  heiBt  „Die  drei  Soldaten"  und  wird  ja  auch  den 
Weg  nach  Palastina  gefunden  haben  oder  eines  Tages  finden. 

Deine  Prognosen,  das  Schicksal  der  deutschen  Juden  be- 
treffend,  wurden  grade  eingelost,  als  sie  hier  ankamen.  Un- 
notig  zu  sagen  daB  sie  sich  mit  den  meinigen  decken.  Schon 
vor  drei  Wochen  bat  ich  Dora,  Stefan  wenn  irgend  moglich 
zu  ihrem  Bruder3  nach  Palastina  zu  schicken.  Im  Augenblick 
aber  scheint  sie  dies  en  Weg  noch  nicht  ins  Auge  zu  f  ass  en. 

Die  Spracharbeit  werde  ich  Dir  ab schreiben.  So  kurz  sie 
aber  auch  ausgef alien  ist,  so  werden  mannichfache  Beden- 

572 


ken  und  Gedanken  unterm  Schreiben  meiner  Hand  Ziigel 
und  Zaum  verspiiren  und  Dich  nicht  vor  manchen  Wochen  in 
Besitz  der  zwei,  drei  Blattchen  kommen  lassen. 

Dein  Walter 
PS  Dein  Brief  vom  13ten  kommt  diesen  Augenblick.  Ich 
kann  ihn  und  die  Nachschrift  von  K.  M.  nun  eben  noch  be- 
statigen.  Gedanken  iiber  dieRiickwirkung  der  deutschen  Vor- 
falle  auf  die  kommende  Geschichte  der  Juden  suchte  ich  mir 
auch  zu  machen.  Mit  sehr  geringem  Erfolg.  Auf  alle  Falle 
steht  die  Judenemanzipation  in  einem  neuen  Licht  da. 

1  Er  war  es  in  der  Tat. 

2  „Die  Mutter." 

3  Victor  Kellner. 


219  An  Kitty  Marx-Steinschneider 

Ibiza,  l.Mai  1933 

Liebes  Fraulein  Marx, 

da  Sie  Bedingungen  gestellt  haben  —  ehe  Sie  geneigt  waren, 
mir  zu  schreiben  —  und  da  jedwede  Diskussion  derselben  auf 
ihre  Erfiillung  hinauslauft,  indem  ja  jene  nur  brief lich  ge- 
schehen  kann,  mbgen  Sie  in  den  ersten  Zeilen  dieses  Schrei- 
bens  das  Zeugnis  meiner  Unterwerfung  sehen.  Je  weiter  aber 
Ihre  Blicke  dringen,  mag  Unmut  Ihre  Stirn  umwolken,  wenn 
Sie  bemerken,  wo  auch  meine  GroBmut  Grenzen  hat.  Zu- 
nachst  einmal  am  untern  Bande  dieses  Blatts.  Weiterhin 
gegen  mein  untadliges  Gedachtnis,  in  dem  ein  Obelisk  mit 
alten  Hieroglyphen  Ihres  Schreib-Versprechens,  jedoch  auf 
keinerlei  Bedingungs-Postament  gegnindet,  steht.  Zum  Drit- 
ten  in  dem  Argwohn,  hinter  Ihrem  Verhalten  konnte  sich  die 
harte  Faust  von  G.  S.  verbergen,  welcher  es  begriiBt,  bei  den 
Gewaltakten,  mit  denen  er  seine  Brief-Tribute  bei  mir  ein- 
treibt,  eine  Bundesgenossin  erworben  zu  haben. 

Indem  ich  hoffe,  mit  den  vorstehenden  Ausfiihrungen  Ihre 
Genugtuung  iiber  mein  Schreiben  auf  ein  Minimum  herab- 

573 


gesetzt  zu  haben,  darf  ich  wohl  urn  so  mehr  Beachtung  fur 
das  schone  Brief  papier  erbitten,  das  ich  seit  Jahren,  bei  Ge- 
legenheit  aus  Paris  beziehe,  ohne  damit  noch  jemals  An- 
erkennung  bei  G.  S.  gefunden  zu  haben.  Was  Ihre,  mir 
nunmehr  postwendend  zuzustellende  Mitteilungen  betrifft, 
so  ware  ich  bereit,  von  einer  besonderen  Priifung  und  Be- 
gutachtung  Ihres  Briefpapiers,  meinerseits  unter  der  Bedin- 
gung  Ab stand  zu  nehmen,  daB  dieselben  enthalten 

Vollstandige  Angaben  iiber  Ihre  Ankunft  und  Unterkunft 
im  heiligen  Lande  —  Eindruck  von  den  Juden  im  Allgemeinen 
und  von  G.  S.  im  besonderen  —  Versprechen,  mir  recht  bald 
die  „Mutter"  zurtickzusenden  -  Mitteilung  iiber  deren  Auf- 
nahme  bei  Ihnen  -  ebenso  anmutige  wie  aufrichtige  Schil- 
derung  Ihres  Tagewerks  -  Wetterbericht. 

Letzeres  zum  Trost,  da  hier  eisige  Kalte  herrscht  (also 
hoffentlich  auch  bei  Ihnen).  Im  ubrigen  wiinsche  ich  Ihnen 
doch  gliicklichere  Lebens-  und  zumal  Arbeitsbedingungen, 
als  sie  hier,  in  einem  lauten  und  von  WindstoBen  erschiitter- 
ten  Hause  vorliegen.  Ich  habe  an  groBere  Sachen  noch  nicht 
herangehen  konnen,  plane  aber  im  still  en  einen  Gracian- 
kommentar1,  zu  dem  ich  einige  Ausgaben  von  und  Schriften 
iiber  Gracian  hier  versammelt  habe.  Dieser  war  ein  Jesuit, 
auf  den  Ihnen,  auf  Verlangen,  G.  S.  bei  einer  Tasse  Tee  eine 
kleine  Rede  halten  wird.  Halten  Sie  sich  vorerst  an  diese, 
denn  was  aus  dem  Kommentar  wird,  ist  noch  ungewiB.  Zur 
Zeit  bin  ich  mit  einer  recht  kuriosen  Schreiberei  iiber  den 
Roman  beschaftigt,  die  vielleicht  noch  gedruckt  -  vermutlich 
eines  der  letzten  Schiff  chen  -  in  den  Haf  en  des  Scholemschen 
Archivs  einlaufen  wird. 

Ich  lese  jetzt  den  zweiten  Band  von  Trotzki;  das  ist  auBer 
Spazierengehen  meine  einzige  Unterhaltung.  Denn  ein  ver- 
niinftiges  Wort  kann  man  hier  selten  vernehmen  und  an- 
bringen  noch  viel  weniger.  Schachpartien  sind  seltene  Hohe- 
punkte  der  Geselligkeit.  Erheitern  Sie  mich  also  schleunigst, 
liebe  K.  M. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  tlber  das  „Handorakel". 

574 


220  An  Gerhard  Scholem 

23.  Mai  1933 

Lieber  Gerhard, 

Dein  Brief  vom  4.  Mai  ist  angekommen.  Zeit  ihn  zu  beant- 
worten  babe  ich  umso  mehr,  als  der  Briefwechsel  mit  deut- 
scben  Korrespondenten  immer  sparlicher  ausfallt.  DaB  die 
Leute  keine  Lust  haben  eines  Meinungsaustauschs  wegen  sich 
in  Gefalir  zu  begeben,  ist  einleuchtend.  Meine  letzte  Anfrage 
lag  Dir  am  4.  Mai  noch  nicht  vor.  Dafiir  hattest  Du  die 
traurige  Nachricbt  iiber  Deinen  Bruder1.  Du  schreibst, 
daB  Du  Dir  von  seinem  Verhalten  kein  Bild  machen  kannst. 
Von  dem  des  meinigen  kann  ich  das  ebensowenig.  Vor  meiner 
Abreise  sprach  ich  ihn  telefonisch.  Da  war  am  Wedding,  wo 
er  wohnt,  schon  zweimal  das  Geriicht  aufgekommen,  daB  er 
tot  sei.  Inzwischen  haben  sich  diejenigen,  derentwegen  ich 
Dich  anfragte,  in  ihren  Grundlagen  bestatigt.  Er  ist  den  S.  A. 
vor  funf  Wochen  in  die  Hande  gefallen  und  liegt  seitdem  als 
Gefangener  im  Staatskrankenhaus  [.  .  .] 

Ich  erwarte  recht  sehr  „Die  Mutter".  Magst  Du  den  Musil 
lesen,  so  behalte  ihn  nur  vorlaufig.  Mir  gibt  das  keinen  Ge- 
schmack  mehr  ab  und  ich  habe  diesen  Autor  bei  mir  mit  der 
Erkenntnis  verabschiedet,  daB  er  kliiger  ist  als  ers  notig  hat. 

Nun  ein  Wort,  das  Falten  in  Deine  Stirn  graben  wird. 
Aber  gesagt  muB  es  doch  sein.  Bei  naherem  Bedenken  des 
Unternehmens,  Dir  meine  neuen  Notizen  iiber  die  Sprache 
zu  schicken,  erkannte  ich,  daB  diBses,  ohnehin  hochst  gewagte 
Vorhaben,  fur  mich  ausfiihrbar  allein  werden  wiirde,  wenn 
ich  vorher  einen  Vergleich  dieser  Notizen  mit  jenen  friihen 
„iiber  Sprache  iiberhaupt  und  iiber  die  Sprache  des  Menschen" 
vornehmen  kbnnte.  Nun  sind  mir  diese  unter  meinen  berliner 
Papieren  naturlich  jetzt  nicht  erreichbar.  Auf  der  andern 
Seite  weiB  ich,  daB  Du  eine  Abschrift  von  ihnen  besitzest.  Ich 
bitte  Dich  darurri  dringend,  diese,  sobald  als  moglich,  einge- 
schrieben  an  meine  hiesige  Adresse  zu  senden.  Verliere  keine 
Zeit;  umso  schneller  erhaltst  Du  dann  meine  neuen  Notizen. 

Kitty  Marx  hat  von  hier  aus  einen  langen  Brief  von  mir 

575 


bekommen.  Ich  ehre  und  begriifie  einen  AnlaB2,  der  dies 
strahlende  Ereignis  in  ihren  Augen  verdunkeln  muBte ;  kann 
ihr  dies  aber  erst  selbst  sagen,  wenn  sie  das  letztere  in  noch 
schwachem  Mafie  gewiirdigt  hat.  Die  „Einbahnstrafle"  be- 
stelle  ihr  nur  schnellstens,  ehe  die  deutschen  Buchhandler  sie 
gelesen  haben. 

Was  fur  ein  Amt  hat  denn  Kraft  in  Hannover  gehabt?  Und 
zahlt  er  noch  zu  Deinen  Korrespondenten?  Und  was  ist  aus 
ihm  geworden?  Und  was  wird  aus  ihm  werden? 

Schreibe  baldigst!  Ziere  Dein  Schreiben  wieder  durch  Bei- 
lagen,  wie  die  vielmals  verdankte  „Jiidische  Rundschau". 

Dein  Walter 

1  Werner  Scholem  wurde  damals  verhaftet  und  verbrachte  sieben 
Jahre  in  Untersuchungshaft  und  Konzentrationslagern,  bis  er  1940  in 
Buchenwald  ermordet  wurde. 

2  Ihre  Heirat  mit  Karl  Steinschneider,  dem  Bruder  von  Gustav  Stein- 
schneider. 


221  An  Gerhard  Scholem 

16. Juni 1933 

Lieber  Gerhard, 

es  ist  ein  paar  Tage  her,  daB  Dein  Brief  vom  23ten  kam  — 
lange  ist  auch  er  unterwegs  gewesen.  Als  er  dann  eintraf ,  bin 
ich  gerade  auf  ein  paar  Tage  fortgegangen;  ich  ergreife  jetzt 
jede  Moglichkeit,  San  Antonio  den  Riicken  zu  kehren.  Bei 
Lichtbesehen  gibt  es  in  seinem  Umkreis,  der  mit  alien  Schrek- 
ken  der  Siedler-und-Spekulantentatigkeit  geschlagen  ist,  kei- 
nen  ruhigen  Winkel  und  keine  ruhige  Minute  mehr.  Auch 
der  billigste  Aufenthalt  kommt  zu  teuer  zu  stehen,  wenn  man 
ihn  mit  dem  InbegrifT  seiner  Arbeitsmoglichkeiten  erkauft 
und  —  so  schwers  auch  ist,  in  Ibiza  zu  erschwinglichen  Preisen 
und  auf  ertragliche  Art  unterzukommen,  so  ist  meine  Uber- 
siedlung  in  die  Stadt  nur  noch  eine  Frage  von  Tagen. 

Inzwischen  entnehme  [ich]  dieser  Situation  den  AnstoB  zu 

576 


groBen  Erkundungswanderungen  ins  Innere  der  Insel.  Die 
eine  unternahm  ich  vor  kurzem  in  der  sehr  angenehmen  Ge- 
sellschaft  eines  Enkels  von  Paul  Gauguin,  der  den  Namen 
seines  GroBvaters  tragt.  Wir  lieBen  uns  von  einem  Langusten- 
fischer  -  nicht  ohne  vorher  Einblick  in  sein  Handwerk  getan 
zu  haben  —  an  einem  einsamen  Kiistenfleck  absetzen,  und 
marschierten  von  dort  in  die  Berge.  Gestern  bin  ich  mit  mei- 
nen  franzosischen  Freunden  vierzehn  Stunden  unterwegs  ge- 
wesen.  Sowie  man  aus  dem  Bereich  der  Sprengungen  und 
Hammerschlage,  der  Klatschereien  und  Debatten,  die  die 
Atmosphare  von  San  Antonio  bilden,  heraus  ist,  hat  man 
wieder  Boden  unter  den  FiiBen.  Mein  alteingesessenes  MiB- 
trauen  gegen  das  Siedlerwesen,  das  ich  zum  ersten  Male  in 
Grunau  als  Gast  im  Hause  Gutkind  kennen  lernte,  hat  hier, 
im  Haus  der  Noeggerath,  eine,  mir  nunmehr  allzudrastische, 
Bestatigung  erfahren.  Hinzu  kommt  die  recht  unerfreuliche 
Natur  der  Dorfbewohner.  Kurz,  ich  sehne  mich  jetzt  schon 
nach  den  gesattigtenSchatten,  mit  denen  die  Fliigel  derPleite 
diese  ganze  Kramer-  und  Sommerfrischlerherrlichkeit  in 
wenigen  Jahren  unter  sich  werden  begraben  haben. 

Auch  Ibiza  hat  seine  Nachteile,  aber  nicht  den  einer  solchen 
Atmosphare.  Nun  greife  ich  noch  einmal  auf  mein  letztes 
Schreiben  zuriick,  um  Dir  zu  sagen,  wie  sehr  bestimmt  ich 
hoffe,  recht  bald  in  den  Besitz  Deines  Exemplars  der  Sprach- 
arbeit  zu  kommen,  um  nach  deren  Durchsicht  meinen  neuen 
Versuch  abschreiben  und  an  Dich  abgehen  lass  en  zu  konnen. 
Von  dieser  bevorstehenden  Bereicherung  Deiner  Bestande  ab- 
gesehen,  wird  eine  mindere  schon  eingetreten  sein ;  wenigstens 
habe  ich  vor  einer  Woche  ein  Kuvert  mit  Neuem  an  Dich 
abgesandt,  worunter  sich  auch  die  ersten  Stiicke  von  Detlef 
Holz J  befinden.  Auch  dessen  Hilf sbereitschaft  ist  aber  be- 
grenzt;  so  muB  ich  fur  einen  Aufsatz,  der  mich  gerade  jetzt 
beschaftigt,  auf  seinen  Beistand  Verzicht  leisten,  um  s einen 
Namen  nicht  augenblicklich  so  zu  kompromittieren,  wie  der 
seines  [Vorgangers?]  kompromittiert  ist.  Zwei  Rezensions- 
exemplare  versetzen  mich  in  die  sehr  leidige  Zwangslage, 
jetzt,  und  vor  einem  deutschen  Publikum,  iiber  Stefan  George 
sprechen  zu  mussen2.  Soviel  glaube  ich  gemerkt  zu  haben: 

577 


wenn  jemals  Gott  eineii  Propheten  (lurch  Erfiillung  seiner 
Prophetie  geschlagen  hat,  so  ist  es  bei  George  der  Fall  ge- 
wesen. 

Wahrscheinlich  schrieb  ich  Dir,  daB  ich  eine  groBe  Arbeit 
iiber  „die  geg en wartige  gesellschaftliche  Stellung  des  fran- 
zosischenSchriftstellers"  abgeschlossen  und  mit  groBenEhren 
in  jenem  frankfurter  Archiv  angebracht  habe,  das  sich  nach 
Genf  gefliichtet  hat.  Sie  haben  mir'jetzt  wieder  einen  neuen 
Auftrag  gegeben,  der  vielleicht  noch  schwieriger  und  sicher 
weniger  erfreulich  ist.  Recht  sonderbar  ist  aber,  daB  aus 
Deutschland  noch  Gesuche  urn  meine  Mitarbeit  von  Stellen 
einlaufen,  die  bisher  wenig  nach  mir  gefragt  haben.  So  hat 
die  „Europaische  Revue"  mich  una  Vorschlage  fur  meine 
Mitarbeit  gebeten. 

Ich  setze  Dir  aber  diese  kurzen  Informationen  umso  eher 
her  als  sie  Dir  ungefahr  ein  Bild  meiner  budgetaren  Situation 
vermitteln,  und  sei  es  auch  nur  in  dem  Sinn,  die  vollige  Un- 
moglichkeit,  einen  Etat  zu  etablieren,  Dir  vorzustellen.  Seit 
ich  Berlin  verlassen  habe  werde  ich  im  Durchschnitt  pro 
Monat  etwa  100  Mark  verdient  haben,  und  das  unter  den 
ungiinstigsten  Verhaltnissen.  Trotzdem  will  ich  nicht  sagen, 
daB  nicht  auch  diese  winzige  Summe  gelegentlich  noch  wiirde 
unterschritten  werden  konnen.  Jedoch  vermutlich  nicht  auf 
lange.  Im  Gegenteil:  ich  nehme  an,  daB  sie  sich  auf  die 
Dauer,  vorausgesetzt,  daB  ich  nicht  ganzlich  —  wie  hier  —  von 
jeder  Produktionsbasis  abgedrangt  bin,  erhohen  wiirde.  Mehr 
HeBe  sich  -  und  auch  nur  tastend  -  sagen,  wenn  man  die 
kiinftigen  deutschen  Pressegesetze  kennen  wiirde. 

Und  somit  habe  ich  mich  an  der  Diskussion,  von  welcher 
ich  durch  Deinen  Brief  erfuhr,  beteiligt.  Ich  will  aber  nicht 
leugnen,  daB  ich  mehr  dazu  zu  sagen  habe.  Zunachst,  um 
auszusprechen  daB  mich  die  Tatsache  einer  solchen  Diskus- 
sion keineswegs  gleichgultig  laBt.  Sie  ist  mir  sogar  ungemein 
wichtig.  Ich  miiBte  aber  nicht  vierzig  Jalire  sein,  wenn  ich 
an  den  Gedanken  der  bloBen  Moglichkeit  der  in  ihr  beschlos- 
senen  Veranderung  nicht  mit  auBerster  Behutsamkeit  heran- 
treten  wiirde.  Ich  sage  mir,  daB  die  Beleuchtung,  unter  der 
ich  an  diesem  neuen  Ufer  in  Erscheinung  trate,  zweideutig 

578 


ausf alien  konnte.  Es  sind  jetzt  tausende  von  Intellektuellen 
bei  euch  angekommen.  Eins  unterscheidet  sie  von  mir;  und 
dies  nur  auf  den  ersten  Blick  zu  meinen  Gunsten.  Dann  aber 
-  wie  Du  sehr  gut  weiBt  -  durchaus  zu  ihren,  dies  namlich: 
unbeschriebene  Blatter  darzustellen.  Nichts  wiirde  sich  ver- 
hangnisvoller  auswirken  als  eine  Haltung  von  mir,  die  dahin 
sich  verstehen  lieBe:  hinter  einer  offentlichen  Kalamitat 
Deckung  fiir  eine  private  zu  suchen.  Das  will  bedacht  werden, 
denn  ich  habe  nichts,  und  ich  hange  an  wenigem.  Unter  sol- 
chen  Umstanden  ist  es  geboten,  jeder  schiefen  Situation  aus- 
zuweichen,  weil  sie  unverhaltnismaBig  folgenschwer  werden 
kann.  Ich  werde  gern  und  mit  vollkommener  Bereitschaft 
nach  Palastina  kommen,  wenn  Du  oder  die,  die  neben  Dir 
dafur  in  Frage  kommen,  annehmen,  dies  sei  moglich,  ohne 
eine  solche  Situation  heraufzufiihren.  Und  wie  mir  scheint, 
ist  es  die  gleiche  Bedingung,  welche  sich  in  die  Frage  kleiden 
laBt:  Ist  dort  fiir  mich  —  das  was  ich  kann  und  weifi  —  mehr 
Raum  als  in  Europa?  Denn  ist  es  nicht  mehr,  dann  ist  es 
weniger.  Dieser  Satz  bedarf  keiner  Erklarung.  Und  auch 
nicht  dieser  letzte:  daB,  wenn  ich  mein  Wissen  und  mein 
Konnen  dort  vermehren  konnte,  ohne  das  Erworbene  preis- 
zugeben,  es  an  meiner  Entschlossenheit  dazu  nicht  fehlen 
wird. 

Mein  Bruder  ist  in  einem  Konzentrationslager.  Gott  mag 
wissen  was  er  da  durchzumachen  hat.  Aber  die  Geriichte  uber 
seine  Verwundungen  sind  jedenfalls  in  einem  Punkt  iiber- 
trieben  gewesen.  Er  hat  kein  Auge  verloren.  Ich  habe  das 
kiirzlich  von  meiner  Schwester  erfahren.  Den  Tod  von  Erich 
Baron3  habe  ich  erst  durch  Dich  erfahren. 

Den  GruB  von  K.  M.  habe  ich  auf  mich  einwirken  lassen. 
Die  Geschichte  ihres  ersten  Brief  es  an  mich  scheint  mir 
durchaus  im  Stile  Tristram  Shandys  zu  verlaufen.  Mit  dieser 
Feststellung  werden  wir  zugleich  am  besten  der  ganzlichen 
UngewiBheit  iiber  sein  Zustandekommen  gerecht. 

Fiir  heute  alles  Herzliche  Dein  Walter 


1  Das  Pseudonym,  unter  dem  W.  B.  nach  1955  noch  zeitweise  in 
Deutschland  schxieb. 


579 


2  Unter  dem  Pseudonym  K.  A.  Stempflinger  in  der  FZ  vom  12.  Juli 
1933.  Jetzt  Schriften  II,  S.  323-330. 

3  Der  Bruder  von  Frau  Lucie  Gutkind  wurde  von  den  Nazis  ermordet. 


222  An  Max  Rychner 

[Feuilletonredaktion  der  Kolnischen  Zeitung] 

San  Antonio,  25.  Juni  1933 

Lieber  Herr  Rychner, 

bis  heute  schuldete  ich  Ihnen  den  Dank  fur  Ihre  sehr  freund- 
lichen  Zeilen  vom  9ten  Mai.  Ich  wollte  ihn  aber  mit  einer, 
wenn  auch  noch  so  kleinen  Beilage  versehen.  Wenige  Tage 
nachdem  ich  Ihnen  geschrieben  hatte,  muBte  ich  aber  auf 
eine  Weile  nach  Genf .  Daher  ist  es  zu  dem  geplanten  Essay 
uber  „Romancier  und  Erzahler"  noch  nicht  gekommen. 

Das  inliegende  Stiickchen1  wird,  hoffe  ich,  durch  seine 
Kiirze  Ihre  Gunst  erwerben. 

Und  nun  lassen  Sie  mich  mit  diesen  Zeilen  noch  eine  Frage 
verbinden:  Ist  es  redaktionell  fur  Sie  tunlich,  hin  und  wieder 
den  AnstoB  zu  meiner  Mitarbeit  durch  Zusendung  von  Neu- 
erscheinungen  an  mich  zu  geben?  Oder  durfte  ich  selbst  ge- 
legentlich  in  solchem  Sinne  die  Initiative  ergreif en?  So  ging 
mir  dieser  Tage  ein  groBeres  Heft  „Die  Stellung  der  Sprache 
im  Aufbau  der  Gesamtkultur"  von  Leo  Weisgerber  Heidel- 
berg 1933  Verlag  der  Winterschen  Universitatsbuchhandlung 
zu,  das  sich  vielleicht  zur  Besprechung  eignen  wiirde,  ohne 
gerade  in  die  Domane  eines  Ihrer  standigen  Referenten  zu 
fallen. 

Meine  Beitrage  wiirde  ich  mit  dem  Namen  zeichnen,  den 
Sie  am  Kopf  des  inliegenden  Manuscripts  finden  und  der 
schon  hin  und  wieder  mit  Ehren  bestanden  hat. 

Durch  meine  Abreise  sind  seinerzeit  die  Belege  der  Num- 
mer  vom  25.  Februar,  in  der  Sie  die  „Kurzen  Schatten"  ge- 
bracht  haben,  nicht  an  mich  gelangt.  Denn  abgesandt  haben 
Sie  sie  gewifl.  Sie  wiirden  mich  aufs  Freundlichste  verpflich- 

580 


ten,  wenn  Sie  mir  von  der  Nummer  ein,  zwei  Exemplare  fur 
mein  Archiv  hierhersenden  wollten. 

In  der  Hoffnung,  bald  Gutes  von  Ihnen  zu  horen  und  mit 
•  recht  herzlichem  GruB 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Vermutlich  „Chinoiserie". 


223  An  Gretel  Adorno 

[Juni  1933] 

Liebe  Felizitas, 

ich  lasse  eine  kleine  Windmusik  den  Gipf  el  der  Pinie  schau- 
keln,  unter  der  ich  sitze,  und  male  einen  vierblattrigen  Dank 
zu  ihren  FiiBen.  Diesen  pfliicken  Sie  sich  fur  Ihren  letzten 
Brief.  Lieber  hatte  ich  Ihnen  ein  paar  diirre,  stachlige  Halme 
von  Ostseediinen  zu  Pfingsten  gewunscht.  Ja,  ich  bin  traurig, 
daB  Sie  den  Kopf ,  statt  ihn  in  die  Wellen  zu  tauchen,  unter 
die  Barentatze1  ducken  sollen.  Lassen  Sie  mich  bald  wissen, 
wann  Sie  ihn  wieder  hervorwagen  diirf  en. 

DaB  aber  die  procura  fur  das  Baren-  der  fur  das  Sorgen- 
kind  zur  Seite  tritt,  ist  trostlich.  Wenn  dabei  nur  nicht  ganz- 
lich  die  abhanden  kommt,  die  Sie  fur  sich  selber  tragen  sollen. 
[. . .]  Was  Sie  eigentlich  von  Zeit  zu  Zeit  zu  Ihrer  Aufhellung 
tun  konnen,  und  wen  Sie  jetzt,  nachdem  das  Sorgenkind  ver- 
schwunden  ist,  sehen.  Bei  diesem  letzten  Stichwort  will  ich 
Ihnen  fur  die  Belegexemplare  des  Kierkegaard  herzlich  dan- 
ken;  auch  anmerken,  daB  die  Redaktion  einen  wichtigen  Ab- 
satz  der  Anzeige  —  gegen  Ende  —  gestrichen  hatte2.  Von  der 
„Europaischen  Revue"  habe  ich  noch  nichts  vernommen. 

Ich  bin  fleiBig  gewesen  und  habe  iiber  „den  gegen wartigen 
gesellschaftlichen  Standort  des  franzosischen  Schriftstellers** 
eine  Arbeit  im  Umfang  von  vierzig  Maschinenseiten  ge- 
schrieben.  Dabei  habe  ich  mich  auf  Gastfreundschaft  stiitzen 
miissen,  die  mir  in  der  Stadt  Ibiza  gewahrt  wurde.  Denn  hier 

581 


in  San  Antonio  sind  indessen  alle  topographischen  MiBhellig- 
keiten,  die  sich  schon  lange  angekiindigt  hatten,  dergestalt  in 
Funktion  getreten,  daB  meine  Ubersiedlung  in  die  Stadt  be- 
schlossene  Sache  ist.  Es  wirddort  unvermeidlichKosten  geben, 
die  etwas  iiber  meine  hiesigen  hinausgehen.  Nachdem  ich 
aber,  nicht  ohne  Erfindergeist,  alle  technischen  Moglichkeiten, 
die  flir  halbwegs  ungestorte  Arbeit  hier  bestanden  hatten, 
ausprobiert  habe,  ohne  daB  audi  nur  eine  sich  bewahrt  hatte, 
muB  ich  meinen  EntschluB  fassen.  Ich  freue  mich  schon 
darauf ,  Ihnen  einmal  miindlich  die  Physiologie  dieses  Hauses 
und  die  Geheimnisse  der  Siedleratmosphare  auseinander- 
zusetzen,  die  sich  allmahlich  in  San  Antonio  gebildet  hat. 

Mir  ist  sie  die  verhaBteste  und  darum  ergreife  ich  seit 
einiger  Zeit  jeden  Vorwand  um  loszukommen.  Das  hat  mir 
neulich  einen  der  schonsten  und  entlegensten  Teile  der  Insel 
erschlossen.  Ich  war  iiamlich  gerade  fertig  zu  einer  einsamen 
Mondscheinwanderung  auf  den  Gipfel  der  Insel,  die  Ata- 
laya  von  San  Jose,  geriistet,  als  ein  fluchtiger  Bekannter  des 
Hauses  auftauchte,  ein  skandinavischer  Bursche,  der  sich  in 
den  Gegenden,  wo  es  Fremde  gibt,  nur  selten  sehen  laBt  und 
in  einem  vergrabnen  Gebirgsdorf  wohnt.  Er  ist  im  iibrigen 
ein  Enkel  des  Malers  Paul  Gauguin  und  heiBt  genau  wie  sein 
GroBvater.  Am  andern  Tage  machte  ich  die  genauere  Be- 
kanntschaft  dieser  Figur  und  sie  war  bestimmt  ebenso  faszi- 
nierend  wie  die  seines  Gebirgsdorfes,  in  dem  er  der  einzige 
Fremde  ist.  Fruh  um  fiinf  fuhren  wir  mit  einem  Langusten- 
fischer  hinaus  und  trieben  uns  erst  drei  Stunden  auf  dem 
Meere  herum,  wo  wir  den  Langustenfang  griindlich  kennen 
lernten.  Es  war  freilich  ein  vorwiegend  melancholisches 
Schauspiel,  indem  mit  sechzig  Reusen  alles  in  allem  dreiTiere 
eingebracht  wurden.  Freilich  riesige  und  freilich  an  anderen 
Tagen  oft  viel  mehr.  Dann  setzte  man  uns  in  einer  versteck- 
ten  Bucht  ab.  Und  dort  bot  sich  ein  Bild  von  derart  unver- 
riickbarer  Vollkommenheit,  daB  etwas  Seltsames,  aber  nicht 
unbegreifliches  in  mir  sich  ereignete:  ich  sah  es  namlich 
eigentlich  garnicht;  es  fiel  mir  nicht  auf;  es  war  vor  Voll- 
kommenheit am  Rande  des  Unsichtbaren. 

Der  Strand  ist  unbebaut;  eine  steinerne  Hiitte  steht  abseits 

582 


im  Hintergrunde.  Vier  oder  fiinf  Fischerboote  waren  hoch 
ans  Ufer  hinaufgezogen.  Neb  en  diesen  Booten  aber  stand  en, 
iiber  und  iiber  schwarz  verhangen,  nur  die  ernsten,  starren 
Gesichter  unverkleidet,  ein  paar  Frauen.  Es  war  als  ob  das 
Wunderbare  ihrer  Anwesenheit  und  das  Ungewbhnliche  ihres 
Aufzugs  einander  die  Wage  gehalten  hatten,  so  daB  gleich- 
sam  derZeiger  einstand  und  mir  garnichts  auffiel.  Ich  glaube, 
daB  Gauguin  im  Bilde  war;  es  gehbrt  aber  zu  seinen  Eigen- 
heiten  fast  nicht  zu  sprechen.  Und  so  machten  wir  beinah 
schweigend  unsern  Anstieg  schon  iiber  eine  Stunde,  als  uns, 
kurz  vor  dem  Dorfe,  auf  das  wir  es  abgesehen  hatten,  ein 
Mann  mit  einem  winzigen  weiBen  Kindersarge  unterra  Arm 
entgegentrat.  Da  unten  in  der  steinernen  Hutte  war  ein  Kind 
gestorben.  Die  Schwarz verhiillten  waren  Klageweiber  gewe- 
sen,  die  unter  ihren  Obliegenheiten  doch  ein  so  ungewohn- 
liches  Schauspiel  wie  die  Ankunft  eines  Kahns  mit  Motor  an 
diesem  Strand  es  war,  nicht  hatten  versaumen  wollen.  Kurz: 
um  dieses  Schauspiel  auffallend  zu  finden,  muBte  man  es  erst 
verstehen.  Andernfalls  sah  man  darauf  so  trage  und  gedan- 
kenlos  wie  auf  ein  Feuerbachsches  Bild,  angesichts  dessen  man 
auch  nur  so  von  feme  denkt,  es  werde  mit  tragischen  Gestal- 
ten  am  Felsenufer  schon  seine  Richtigkeit  haben. 

Im  Innern  des  Gebirges  trifft  man  auf  eine  der  kultivier- 
testen,  fruchtbarsten  Landschaften  der  Insel.  Der  Boden  ist 
von  ganz  tief  eingeschnittnen  Kanalen  durchzogen,  so  schma- 
len  aber,  daB  sie  oft  auf  weite  Strecken  unsichtbar  unterm 
hohen  Gras  flieBen,  das  vom  tiefsten  Griin  ist.  Das  Rauschen 
dieser  Wasserlaufe  gibt  ein  beinah  saugendes  Gerausch. 
Johannisbrotbaume,  Mandeln,  Olbaume  und  Nadelholz  stehen 
an  den  Abhangen  und  der  Talgrund  ist  von  Mais  und  Boh- 
nenpflanzen  bedeckt.  Gegen  die  Felsen  stehen  uberall  bliihende 
Oleanderbiische.  Es  ist  eine  Landschaft,  wie  ich  sie  friiher 
einmal  im  „Jahr  der  Seele"  geliebt  habe,  heute  drang  sie 
vertrauter  mit  dem  reinen  fliichtigen  Geschmack  der  griinen 
Mandeln  in  mich  ein,  die  ich  am  andern  Morgen  um  sechs 
Uhr  von  den  Baumen  stahl.  Auf  Fruhstiick  konnte  man  nicht 
rechnen;  es  war  ein  Ort  abseits  von  aller  Zivilisation.  Mein 
Begleiter  war  der  Vollkommenste,  den  man  fur  so  eine  Gegend 

583 


sich  denken  kann.  Ebenso  unzivilisiert,  ebenso  hoch  kultiviert. 
Er  erinnerte  mich  an  einen  der  Briider  Heinle,  die  so  jung 
gestorben  sind  und  er  hat  einen  Gang,  der  oft  nach  augen- 
blicklichem  Verschwinden  aussieht.  Ich  hatte  es  einem  andern 
nicht  so  leicht  geglaubt,  wenn  er  erklart  hatte,  er  kampfe 
gegen  einen  EinfluB,  den  die  Bilder  Gauguins  auf  ihn  hatten. 
Bei  diesem  Jungen  konnte  ich  genau  begreifen,  wovon  er 
sprach. 

Etwas  ganz  anderes :  in  der  Ziiricher  Illustrierten  erscheint 
seit  etwa  drei  Wochen  der  Abdruck  des  Buches,  in  dem  ein 
gewisser  Trax  Harding  sich  mit  dem  1925  im  brasilianischen 
Urwald  verschwundenen  Obersten  Fawcett  befaBt.  Ich  las 
den  Beginn  des  Abdrucks  und  glaube,  daB  man  es  in  dem 
Tramp  und  Cowboy,  der  dieses  Buch  verfaBt  haben  will  — 
wahrscheinlich  in  der  Tat  verfaBt  hat  -  mit  einem  sehr  wich- 
tigen  und  beispiellos  begabten  Autor  zu  tun  hat.  Wenn  Sie 
das  erste  Kapitel,  das  in  einer  der  ersten  Mai-  oder  letzten 
Aprilnummern  stehen  muB,  gelesen  haben,  werden  Sie  im 
Bilde  sein.  Sie  werden  sich  die  betreffenden  Nummern  der 
Ziiricher  Illustrierten  verschaffen,  diese  Serie  mit  atemloser 
Spannung  lesen  und  mir  dann  schicken.  Ja? 

Dafiir  bekommen  Sie  einen  Abdruck  der  Bennett-Rezen- 
sion  3  sowie  ich  im  Besitz  von  Dublikaten  bin. 

Immer  wieder  habe  ich  Ihnen  fur  eine  der  Anweisungen 
zu  danken,  die  piinktlich  und  zu  dem  verhaltnismaBig  gun- 
stigen  Kurse  von  2,7  ausgezahlt  werden.  Jede  von  ihnen  ist 
fiir  mich  ein  kleines  Modell  von  einem  geborgenen  Dasein 
und  vielleicht  steht  es  mit  ihnen  wie  mit  den  kleinen  Modell - 
hausern  der  Architekten,  die  oft  viel  reizender  aussehen  als 
nachher  das  Leben  in  den  wirklichen  sich  gestaltet.  Und  nun 
wollen  Sie  schon  an  meinen  Geburtstag  denken.  Ich  habe 
lange  nachgedacht  und  mochte  Sie  nur  mit  meinem  liebsten 
Wunsch  verbinden.  Nun  sagt  Mac  Orlan,  fiir  einen  Mann 
von  vierzig  Jahren  konne  es  eigentlich  kein  grb'Beres  Fest 
geben,  als  einen  neuen  Anzug  anzuziehen.  Soweit  gut  -  aber 
nun  werde  ich  einundvierzig  und  da  braucht  man  Trost 
nbtiger  als  Feste.  Ja,  gern  mochte  ich  an  diesem  Tage  blauen 
Rauch  zu  meinem  Schornstein  heraussteigen  lassen.  Aber  seit 

584 


langem  hat  er  sick  nicht  mehr  iiber  meinem  Dache  gekrau- 
selt  und  die  Bilder,  die  ich  in  meinem  letzten  Briefe  Ihnen 
einschloB,  waren  die  letzten,  welche  er  geformt  hat.  Wenn 
Sie  einige  edle  Scheiter  auf  meinen  Herd  legten,  so  waren 
Sie  meinen  schonsten  Stunden  verbunden  und  meine  Rauch- 
fahne  liberal  Haus  wiirde  am  fiinfzehnten  bis  zu  Ihnen 
hiniiberwehn. 

Liebe  Felizitas,  fur  heute  schlieBe  ich  ab.  Natiirlich  sollen 
meine  Biicher  bei  Ihnen  bleiben.  Nur  die  Skripten  liefern  Sie 
bitte  aus;  diese,  der  Einfachheit  halber,  bitte  vollzahlig.  Es 
sei  denn,  daB  Sie  zufallig  auf  irgendein  Stiick  besondern 
Wert  legten.  Aber  das  wiirde  die  andern  Stiicke  vor  den  Kopf 
stoBen,  und  deshalb  nehme  ich  es  kaum  an.  -  Mein  Brief- 
papier  ist  zu  ende  und  ich  kann  das  mir  —  und  hoffentlich 
Ihnen  auch  —  liebgewordene  Kuvert  nicht  auftreiben.  Neh- 
men  Sie  diese  Zeilen,  die  sich  plumper  in  Ihre  Hande  spielen, 
doch  freundlich  auf. 

Wie  immer  Ihr  Detlef 

PS  Ein  freundlich  er  Brief  der  Europaischen  Revue  ist  so- 
eben  gekommen. 

1  Firmenzeichen  der  Handschuhfabrik  in  der  G.  A.  damals  tatig  war. 

2  Dieser  Absatz  ist  wieder  eingefiigt  worden  im  Nachdruck  der  Rezen- 
sion  in:  Dichten  und  Trachten.  Jahresschau  des  Suhrkamp  Verlages. 
20.  Folge.  Frankfurt  an  Main  1962,  S.  47. 

3  B,'s  pseudonym  in  der  Frankfurter  Zeitung  vom  25.  5.  1955  (Jg.  11 \ 
Nr.  578/79)  erscliienene  Rezension  von  Arnold  Bennett:  Konstanze  und 
Sophie  oder  Die  alten  Damen.  Munchen  1952. 


224  An  Jula  Radt 

[Poststempel  24.  7.  1933] 

Liebe  Jula, 

es  war  eine  groBe  Freude  Deinen  Brief  zu  bekommen.  Er 
erschien  namlich  gerade  an  meinem  Geburtstag,  und  das  war 
auf  diese  Weise  natiirlich  noch  schoner  als  wenn  Du  an  ihn 

585 


gedacht  hattest.  Denn  es  ergab  sich,  daB  Dein  UnbewuBtes 
dem  Weltpostverein  zu  meinen  Ehren  in  die  Hande  gearbei- 
tet  hatte. 

Aber  auch  Deine  Nachrichten  sind  erfreulich  gewesen. 
Denn  so  wie  Ihr  es  tut  um  diese  Zeit  im  markischen  Sand- 
bo  den  sich  zu  verwurzeln  ist  riihmlich,  wie  wenig  es  sich 
auch  zur  Nachahmung  fiir  jeden  eignet.  Solltest  oder  konn- 
test  Du  mir  aber  iiber  die  Schultern  sehen,  wahrend  ich  dies 
schreibe,  so  fandest  Du  iiber  diesem  seit  langen  Jahren  in 
Gunst  bei  mir  befindlichen  pariser  Papier  Schatten  von 
Kiefernadeln  spielen,  die  Du  von  den  markischen  nicht 
unterscheiden  konntest  und  wenn  Du  geradeaus  blicktest, 
wiirdest  Du  das  Meer  nicht  sehen,  wenn  es  auch  nur  drei 
Minuten  von  meinem  Sommerversteck  entfernt  ist. 

Ein  solches  habe  ich  namlich  wieder  mit  meinem  Liege - 
stuhl  bezogen  seitdem  es  mir,  nach  einem  weniger  gliick- 
lichen  Debut  am  gegeniiberliegenden  bebauten  Ufer  der 
Bucht  gelungen  ist,  das  beinah  unbebaute  vom  vorigen  Jahre 
wiederzugewinnen.  Bis  dahin  war  meine  Lebensweise  eine 
unstetere,  zwischen  den  ungeniigenden  Arbeitsmoglichkeiten 
von  San  Antonio  und  den  zum  Teil  durchaus  bemerkenswer- 
ten  Zerstreuungen  von  Ibiza  geteilte.  Dann  aber  legte  eine 
geschaftlich  notwendige  Reise  nach  Palma  in  meinen  Auf- 
enthalt  eine  Zasur.  Ich  habe  Mallorca  dieses  Jahr  ausgiebiger 
kennen  gelernt,  auf  Wanderungen  und  Autofahrten.  So 
schon  die  Insel  aber  ist,  so  hat  mich  das,  was  ich  dort  zu 
sehen  bekam,  doch  sehr  in  meiner  Anhanglichkeit  an  Ibiza 
bestarkt,  das  eine  ungleich  verschlossenere  und  geheimnis- 
vollere  Landschaft  hat.  Aus  dieser  Landschaft  schneiden  die 
scheibenlosen  Fensteroffnungen  meines  Zimmers  die  schon  - 
sten  Bilder.  Es  ist  das  einzig  notdiirftig^bewohnbare  eines 
Rohbaus,  an  dem  noch  eine  ganze  Weile  gearbeitet  werden 
wird  und  den  ich  bis  zur  Fertigstellung  als  einziger  Bewoh- 
ner  fiir  mich  habe.  Die  Einschrankung  meiner  Lebensbediirf- 
nisse  und  Lebenskosten  habe  ich  durch  dieses  Quartier  auf  ein 
kaum  mehr  unterbietbares  Minimum  gesenkt.  Das  Fesselnde 
daran  ist  aber,  daB  alles  menschenwiirdig  bleibt  und  daB, 
wenn  etwas  mir  hier  fehlt,  es  vielmehr  auf  der  Seite  der 

586 


menschlichen  Beziehungen  empfindlich  ist  als  auf  der  des 
Komforts. 

Diese  die  Inselchronik  ausmachenden  Beziehungen  sind 
fur  mich  meist  sehr  fesselnd,  aber  manchmal  auch  enttau- 
schend  und  unbefriedigend.  In  diesem  schlimmsten  Falje 
lassen  sie  mir  freilich  zu  meinen  Arbeiten  und  Studien  desto 
reichlicher  Zeit. 

Die  „Berliner  Kindheit  um  neunzehnhundert"  von  der  Du 
leider  so  wenig  verstanden  hast  und  an  der  es  so  viel  zu  ver- 
stehen  gibt,  wachst,  um  wenige  aber  wichtige,  Stiicke.  Ein 
Aufsatz  iiber  Stefan  George  —  vielleicht  der  einzige,  der  zu 
seinem  65ten  Geburtstag  erschienen  ist  —  sagt,  was  ich  im 
Namen  meiner  nachsten  Freunde  zu  diesem  AnlaB  zu  sagen 
hatte.  Ich  denke  es  wird  Dir  vor  Augen  gekommen  sein.  Ich 
wage  aber  kaum  zu  hoffen,  daB  Gedanken,  in  denen  wir  uns 
einmal  begegnet  sind,  bei  uns  von  einer  gleichen  Erfahrung 
gereift  wurden;  zu  dieser  UngewiBheit  ware  mir  freilich  eine 
genauere  AuBerung  von  Dir  so  wertvoll,  daB  ich  sie  erbitte. 

Ich  lese  weiterhin  [Arnold]  Bennett,  in  dem  ich  immer 
mehr  einen  Mann  erkenne,  dessen  Haltung  meiner  gegen- 
wartigen  sehr  verwandt  ist  und  durch  den  ich  in  dieser  mei- 
nigen  mich  bestarke:  einen  Mann  namlich,  bei  dem  eine 
weitgehende  Illusionslosigkeit  und  ein  griindliches  MiBtrauen 
in  den  Weltlauf  weder  zu  moralischem  Fanatismus  noch  zu 
Verbitterung  fiihren  sondern  zu  einer  hochst  durchtriebenen, 
klugen  und  raffinierten  Lebenskunst,  die  dahin  fiihrt  dem 
eigenen  Malheur  die  Chancen,  der  eigefien  Schlechtigkeit 
die  paar  anstiindigen  Verhaltungsweisen,  die  aufs  Menschen- 
leben  kommen,  abzugewirinen.  Der  Roman  „Clayhanger", 
der  in  zwei  Banden  im  Rheinverlage  erschienen  ist,  sollte 
Dir  auch  einmal  in  die  Hande  kommen. 

DaB  meine  Post  mir  wenig  Erfreuliches  zutragt,  wirst  Du 
Dir  denken  konnen.  Gottseidank  betrifft  das  relativ  Beste 
bisher  den  Stefan,  der  zur  Zeit  mit  meiner  Frau  auf  einer 
Autoreise  ist,  die  ihn  durch  Osterreich  und  Ungarn  bis  nach 
Siebenbiirgen  und  Rumanien  fiihrt.  Die  Nachrichten  von 
Freunden  aus  Paris  sind  niederdruckend  und  dem  und  jenem 
geht  es  so  hoffnungslos,  daB  er  die  Korrespondenz  schon  ein- 

587 


gestellt  hat.  Was  etwa  ich  selbst  von  Paris  zu  erwarten  hatte, 
ist  iiberaus  problematisch.  Ein  nicht  ungiinstiger  Auftakt 
lage  allenfalls  in  einer  meisterhaften  (Jbersetzung  der  „Ber- 
liner  Kindheit",  die  ein  pariser  Freund  mit  meiner  Hilfe  hier 
vornimmt.  Aber  sie  schreitet  sehr  langsam  vor. 

Zwischen  den  Zeilen  Deines  Briefes  ist  zu  lesen,  daB  Al- 
fred sich  immer  noch  auf  die  alte,  mannhafte  Art  behauptet. 
Ihn  hatte  ich  gerne  hier;  er  ist  einer  der  wenigen,  die  ich  mir 
unter  diesen  schwierigen  aber  nicht  unfruchtbaren  Verhalt- 
nissen  der  Insel  vorstellen  konnte.  Aber  besser,  Du  sagst  ihm 
nichts  davon  und  griiBt  ihn  nur  herzlich,  wie  auch  Fritz. 

Was  uns  betrifft,  so  sind  Brief e  vielleicht  unsere  groBte 
Chance  miteinander.  Daher  dieser  sehr  herzliche  und  die 
Bitte  um  Deinen  nachsten. 

Walter 

Meine  Kritik  von  „Konstanze  und  Sophie"  steht  unterm 
Titel  „am  Kamin"  in  der  Frankfurter  Zeitung  vom  23.  Mai 
1933. 


225  An  Gerhard  Scholem 

San  Antonio,  31.  Juli  1933 

Lieber  Gerhard, 

Dir,  als  der  unbestrittenen  Autoritat  auf  dem  Gebiete  meiner 
Briefschreiberei,  sollte  der  Anblick  dieses  Briefpapiers  ge- 
niigen,  um  zu  erkennen,  etwas  sei  nicht  ganz  in  Ordnung. 
Und  dieser  Umstand  deckt  mich  jedenfalls  fur  einen  Teil  der 
drei  Wochen,  die  ich  verstreichen  lieB,  ohne  fur  Deinen 
schonen  Brief  zum  Geburtstag  Dir  zu  danken.  Vor  aliem  aber 
fiir  das  anhaltende  Ausbleiben  der  Dir  zustehenden  Notizen 
uber  die  Sprache. 

Ich  bin  namlich  seit  ungefahr  vierzehn  Tagen  krank.  Und 
da  der  Ausbruch  des  (an  sich  nicht  bedeutsamen)  Schadens 
mit  dem  der  Julihitze,  vielleicht  nicht  zufallig  zusammen 
fiel,  so  hatte  ich  alle  Hande  voll  zu  tun,  um  mich  unter  so 

588 


schwierigen  Umstanden  halbwegs  auf  dem  Posten  zu  halten. 
Das  geschah  auf  der  einen  Seite,  indem  ich  alle  verfiigbaren 
Reserven  an  Kriminalromanen  heranzog,  auf  der  andern 
durch  intensive  Wiederaufnahme  der  Arbeit  an  der  „  Berliner 
Kindheit  um  neunzehnhunderf".  Ein  neues  Stuck,  das  ich  den 
friiheren  hinzufiigte,  hat  mich  fixr  eine  Weile  von  jeder 
andern  Arbeit  abgeschnitten.  Entstanden  sind  unter  dem 
Titel  „Loggien"  einige  Seiten  von  denen  ich  nichts  als  sehr 
Gutes  ankiindigen  kann  und  dazu,  daB  sie  das  genaueste  Por- 
trat  enthalten  das  mir  von  mir  selbst  zu  machen  gegeben  ist. 
Ich  hoffe,  Du  wirst  in  einiger  Zeit  dieses  Stuck  gedruckt 
sehen. 

Mit  diesem  wird  dann  freilich  das  Detlefsche  Holz,  das  ich 
in  meine  Lebensflamme  geworfen  habe,  zum  —  mehr  oder 
minder  —  letzten  Mai  aufflackern,  denn  schon  zeichnen  die 
neuen  Pressegesetze  sich  ab,  nach  deren  Inkrafttreten  mein 
Erscheinen  in  der  deutschen  Presse  noch  um  vieles  undurch- 
dringlicher  werden  wird  als  bisher. 

Von  alien  Biidiern  und  Papieren,  die  ja  in  San  Antonio 
liegen,  bin  ich  getrennt.  Wenn  ich  die  geeigneten  Biicher 
hatte,  so  kbnnte  ich  mich  wenigstens  mit  einem  Auftrag  der 
frankfurter  Zeitung",  zum  200sten  Todestage  Wielands  - 
den  ich  so  gut  wie  garnicht  kenne  —  etwas  zu  schreiben  be- 
schaftigen. *  Aber  da  hat  man  mir  nur  kummerliche  Gelegen- 
heitsliteratur  zur  Verfugung  gestellt.  Die  franzosische  t)ber- 
setzung  der  „Berliner  Kindheit"  dagegen  macht  Fortschritte. 
Wir  arbeiten  taglich  daran.  Der  Ubersetzer2  kann  kein  Wort 
deutsch.  Die  Technik,  mit  der  wir  vorgehen,  ist,  wie  Du  Dir 
denken  kannst,  nicht  von  Pappe.  Und  so  entsteht  aber  fast 
durchweg  Hervorragendes. 

Wie  gesagt  -  die  groBe  Hitze  hat  hier  begonnen.  Die  Spa- 
nier,  welche  ihre  Wirkungen  kennen,  sprechen  von  „August- 
Irrsinn"  als  einer  ganz  gelaufigen  Sache.  Mir  macht  es  viel 
SpaB,  seinem  Auftreten  unter  den  Fremden  nachzugehen.  Es 
sind  jetzt  nicht  weniger,  und  -  wie  Du  Dir  leicht  vorstellst  — 
recht  bemerkenswerte  Exemplare  darunter. 

589 


Wenn  Du  nun  auch  auf  die  Sprachnotizen  noch  eine  Weile 
wirst  warten  miissen,  so  hoffe  ich  meinerseits  sehr  bald  auf 
ein  Exemplar  Deines  Manuscripts  fur  Schocken,  umsomehr 
als  ich,  wie  Du  inzwischen  gesehen  haben  wirst,  mich  um 
die  Ersatzbeschaffung  aller  Stiicke,  die  Du  so  freundlich 
warst,  aus  dem  Archiv  meiner  Sachen  mir  zu  iiberlassen,  ver- 
dient  gemacht  habe.  Daneben  ist  nun  wohl  auch  mein  Auf- 
satz  iiber  Stefan  George  in  Deinen  Handen.  Es  scheint, 
nach  dem,  was  man  mir  berichtet,  ein  paar  helle  Kopfe 
gegeben  zu  haben,  die  wuBten,  was  sie  von  „Stempf  linger" 
zu  halten  hatten.  Gern  wiirde  ich  wissen,  was  Du  von  diesem 
Aufsatze  denkst. 

Soviel  fur  heute.  Sei  herzlichst  gegriiBt 

Dein  Walter 

1  Unter  dem  Pseudonym  C.  Conrad  in  der  FZ  vom  5.  Sep.  1935.  Jetzt 
Sckriften  II,  S.  330-342. 

2  Jean  Selz. 


226  An  Gretel  Adorno 

[ohne  Datum] 

Liebe  Felizitas, 

gestern  ist  ein  Kuvert  mit  einigen  Drucksachen  nach  Rxigen 
abgegangen.  Vor  allem  solltest  Du  den  „Ruckblick  auf  Stefan 
George"  kennen  lernen;  es  tut  mir  so  leid,  daB  ich  selbst  diese 
schiittere  Sendung  noch  mit  der  einschrankenden  Bitte  ver- 
sehen  muB,  den  „Ruckblick"  mir  wiederzusenden;  ich  habe 
von  ihm  noch  kein  Dublikat. 

Du  weiBt,  daB  ich  fur  so  Vieles  zu  danken  habe,  daB  dieser 
Brief  an  Dich  schwer  seinen  Anfang  gefunden  hatte,  wenn 
ich  ihn  mit  Dank  begonnen  hatte.  Die  eingangs  erwahnte 
Sendung  stellt  ihn  gewiB  nicht  dar.  Eher  habe  ich  die  Hoff- 
nung,  irgendwo  in  einem  entlegenen  pariser  Bistro,  wenn 
Du  ihn  am  wenigsten  erwartest,  aus  dem  Hinterhalt  mit  ihm 

590 


Dich  zu  erreichen.  Ich  werde  dann  daflir  sorgen,  daB  ich  nicht 
gerade  in  dem  Anzug  stecke,  den  Du  mir  schenkst  und  wel- 
cher  mir  zu  vielem  anderh  eher  die  Freiheit  geben  mag  als  zu 
diesem  Dank.  Vorlaufig  aber  nimm  ihn  bitte  in  der  wetter  - 
f  esten  Verpackung  dieser  wenigen  Worte  hier. 

Ich  bin  froh,  daB  Du  Ferien  hast  und  hoffe  nur,  daB  es 
sehr  schone  werden.  Den  Paulus  [Paul  Tillich]  betreffend 
wartest  Du  jedenfalls  ganz  umsonst  auf  mein  Mitgefuhl; 
wenn  ich  das  fruher  in  dem  gleichen  Falle  unerschopflich 
aufbrachte,  finde  ich  in  diesem  —  der  durch  seinen  Hinter- 
grund  ein  so  ganz  anderer  ist  —  viel  eher  Neid  am  Platze.  Das 
Vergniigen,  ihn  jetzt  in  ein  Verhor  zu  nehmen,  scheint  mir 
nicht  der  schlechteste  Punkt  eines  Ferienprogramms.  Immer- 
hin  —  hoffentlich  gibt  es  bessere  und  hat  zu  diesen  die  Vor- 
lesung  des  „Tom"  *  gehort.  Es  wiirde  mich  natiirlich  sehr 
freuen,  wenn  ich  das  Manuscript  hier  zu  sehen  bekommen 
konnte.  Nicht  als  ob  es  mir  hier  an  Lekture  fehlte:  aber  ich 
habe  groBes  Interesse  daran. 

Was  aber  die  genannte  „Lektureu  betrifft,  so  steht  die  Lust 
zu  ihr  manchmal  im  umgekehrten  Verhaltnis  zur  Dringlich- 
keit.  Da  hat  mich  beispielsweise  Frankfurt  mit  dem  Gedenk- 
artikel  zum  200sten  Geburtstage  von  Wieland  bedacht  und 
ich  habe  ein  gut  Teil  seiner  Werke  in  Reklam  mir  hersenden 
lassen  mussen.  Bisher  sind  sie  mir  alle  unbekannt  gewesen 
und  es  wird  noch  mehr  Gliick  als  Verstand  dazugehoren,  in 
der  Kiirze  der  Zeit  -  und  natiirlich  auch  auf  kiirzestem 
Raume  -  irgend  etwas  Manierliches  zur  Sache  zu  sagen. 
Bevor  ich  ganz  in  dieser  Lekture  verschwinde,  hoffe  ich  aber 
noch  ein  weiteres  Stuck  der  „  Berliner  Kindheit"  abzuschlie- 
Ben,  das  „Der  Mond"  heiBt.  Die  Ahnlichkeit,  welche  Du 
zwischen  den  „Loggien"  und  dem  „Fieber"  bemerkt  hast, 
besteht  natiirlich.  Mir  selber  aber  stehen  die  beiden  Stiicke 
sehr  unterschiedlich  nah;  weit  niiher  als  das  friihere  das 
erstgenannte,  in  dem  ich  eine  Art  von  Selbstportrat  erblicke. 
Wahrscheinlich  werde  ich  es  anstelle  jenes  photographischen, 
das  in  den  „Mummerehlenu  enthalten  ist,  an  die  erste  Stelle 
des  Buches  setzen.  Mit  der  franzosischen  Ubersetzung  geht  es 
langsam,  doch  auf  sehr  zuverlassige  Art  voran. 

591 


Sehr  herzlichen  Dank  fur  die  Miihe,  mit  der  es  Dir  gelang, 
mir  Dublikate  fur  einige  der  „Briefe"  zu  verschaffen.  Ich 
bin  froh,  wenigstens  diese  zu  haben.'  [. . .] 

Um  zum  SchluB  noch  auf  die  kleine  Sendung,  die  diesen 
Zeilen  vorausging,  zuriickzukommen,  so  handelt  es  sich  bei 
der  „Chinoiserie"  2  um  eben  die  kleine  Geschichte,  von  der  Dir 
Elisabeth3  gesprochen  hat.  Wohl  wissend,  daB  sie  einen  an- 
dern  Titel  verdienen  wiirde,  gab  ich  ihr  doch  den,  der  ge- 
druckt  stent.  Verwickelter  und  weniger  erfreulich  steht  es  mit 
den  „Schranken",  deren  Verfassername  arbitrar  gewahlt 
worden  ist  und  die  mir  selber  erst  sehr  spat  vor  Augenkamen.4 
Wiifite  ich  nicht  je.langer  je  genauer,  welche  Verborgenheit 
gerade  jetzt  Versuchen  wie  denen  der  „ Berliner  Kindheit" 
zukommt,  so  wiirde  mich  das  publizistische  Geschick  derFolge 
bisweilen  zur  Verzweiflung  bringen.  Nun  aber  ist  es  an  dem, 
daB  dies  Geschick  mich  lediglich  in  meiner  Uberzeugung  von 
der  notwendigen  Verhiillung,  in  der  allein  Derartiges  ent- 
wickelt  werden  kann,  bestarkt  und  diese  Uberzeugung  hilft 
mir  wieder,  vorlaufig  der  Versuchung  abzuschlieBen  zu  wider- 
stehen.  Dabei  ist  das  Bemerkenswerte,  daB  es  weniger  von 
langer  Hand  geplante  Stlicke  sind,  die  sich  hinzufinden,  viel- 
mehr  meist  solche,  zu  denen  der  Gedanke  mir  erst  kurz  bevor 
ich  an  sie  gehe,  gekommen  ist.  Nach  einem  Brief,  den  ich 
gestern  in  der  Sache  meines  pariser  Quartiers  erhalten  habe, 
werde  ich  kaum  vor  dem  15ten  September  von  hier  abfahren. 
DaB  ich  ohne  Illusionen  dorthin  aufbrechen  werde,  wirst  Du 
Dir  denken  ktinnen.  Bisher  enthalt  die  intellektuelle  Lage 
noch  nicht  viele  Elemente,  die  einem  Verstandnis  meiner 
Arbeiten  zugute  kommen"  konnten.  [. . .] 

Ich  wiinsche  mir  recht  bald  wieder  von  Dir  zu  horen.  Und 
hoffentlich  bringen  Dir  die  Ferien  so  ausgeglichene  Tage  wie 
ich  sie  manchmal  auf  meinem  Arbeitsversteck  im  Busch  ver- 
bringe. 

Sehr  herzlich  Dein  Detlef 

1  Ein  Singspieltext  „Tom  Sawyer"  von  Theodor  W.  Adorno,  dessen 
Komposition  unvollendet  blieb. 

2  In  der  Kolnischen  Zeitung  vom  22.  Juli  1933. 

3  Elisabeth  Wiener,  eine  Freundin  von  Gretel  Adorno. 


592 


4  Der  Text,  zur  „Berliner  Kindheit"  gehorend,  erschien  unter  dem 
Pseudonym  C.  Conrad  in  der  Frankfurter  Zeitung  vonx  14.  7. 1933. 


227  An  Gerhard  Scholem 

Paris,  16.  Oktober  1933 

Lieber  Gerhard, 

wenn  diese  Gliickwiinsche  viel  zu  spat  zu  Rosch  ha  Schanah 
koramen,  so  doch  immer  noch  rechtzeitig  zu  der  von  Dir  er- 
strebten  und  erreichten  Anordnung  Deiner  akademischen 
Obliegenheiten,  der  Professur  nicht  zu  vergessen.  Ehe  ich 
dies  oder  jenes  aus  unserm  letzten  Schriftwechsel  beriihre,  ein 
kurzes  Situationsbild.  Ich  bin  schwer  krank  in  Paris  angekom- 
men.  Das  will  sagen,  dafl  ich  auf  Ibiza  uberhaupt  nicht  mehr 
gesiind  gewesen  bin,  und  der  Tag  meiner  endlichen  Abreise 
fiel  mit  dem  ersten  einer  Folge  schwerster  Fieberanfalle  zu- 
sammen.  Die  Reise  habe  ich  unter  unvorstellbaren  Umstan- 
den  gemacht.  Und  hier  wurde  dann  gleich  nach  meiner 
Ankunft  Malaria  festgestellt.  Eine  energische  Chininkur  hat 
mir  inzwischen  einen  freien  Kopf ,  wenn  auch  durchaus  noch 
nicht  meine  Krafte  wiedergegeben.  Diese  sind  uberhaupt 
durch  die  vielfachen  Unbilden  —  nicht  zum  wenigsten  die 
trostlose  Ernahrung  -  meines  ibizenkischen  Auf  enthalts  sehr 
geschwacht. 

Mein  Archiv  ist,  wenigstens  was  den  handschriftlichen  Teil 
betrifft,  zum  uberwiegenden  Teil  durch  Freunde  hierher  ge- 
bracht  worden.  Von  den  handschriftlichen  Dingen  fehlt  im 
wesentlichen  nur  derNachlaB  der  Heinles.  Was  die  Sicherung 
meiner  Bibliothek  angeht,  so  ist  das  vor  allem  eine  Geldfrage. 

Mit  einigem  Unbehagen  erwarte  ich  noch  immer  die  Be- 
statigung  des  Empfangs  der  Notizen  iiber  die  Sprache,  die  ich 
Dir  von  Ibiza  aus  in  Schreibmaschinen- Ausfertigung  gesandt 
habe.  Du  mufit  sie  ja  wohl  kurz  nach  dem  19ten  September, 

593 


dem  Datum  Deines  letzten  Brief es,  erhalten  haben.  Meiner- 
seits  erwarte  ich  Deinen  Beitrag  im  Schocken-Almanach.1 
Dein  Gedicht  zum  Angelus  Novus  habe  ich  wieder  mit  un- 
verminderter  Bewunderung  gelesen.  Ich  versetze  es  unter  die 
Besten  die  ich  kerme.  Die  Widmung  der  „EinbahnstraBe"  2 
las  ich  mit  Anteil,  der  belebt  wurde  durch  eine  neue  brief  - 
liche  Nachricht  von  K.M.-St.  Bitte  sage  ihr  bei  der  nachsten 
Gelegenheit  sehr  herzliche  GriiBe. 

[...] 

1  „Nach  der  Vertreibung  aus  Spanien." 

2  Ein  Widmungsgedicht  an  Karl  und  Kitty  Steinschneider. 


228  An  Kitty  Marx- Steinschneider 

Paris,  20.  Oktober  1933 

LieBe  ich  es  mir  mit  der  Anrede  so  schwer  machen,  wie  Sie  es 
vielleicht  glauben,  liebe  Adressatin,  so  wurde  sich  dieses 
Schreiben  noch  auf  lange  hinaus  verzogern.  Dahin  soil  es  aber 
nicht  komrnen,  und  sei  es  auch  nur,  weil  Sie  in  Ihrem  letzten 
mir  so  beherzte  Auskunft  iiber  Dinge  gegeben  haben,  derent- 
wegen  ich  bei  Gerhard  nicht  einmal  anzufragen  wage.  Na- 
tiirlich  werde  ich  nicht  verschweigen  —  wenn  es  denn  noch 
gesagt  zu  werden  braucht  —  daB  mein  Einverstandnis  mit 
der  Produktion  von  Brecht  einen  der  wichtigsten,  und  be- 
wehrtesten,  Punkte  meiner  gesamten  Position  darstellt.  Ich 
habe  ihn  literarisch,  wenn  auch  niemals  umfassend  so  doch 
6ft er  annahernd  umschreiben  konnen.  Und  weiter  mochte  ich 
annehmen,  daB  diese  unvollkommenen  Umschreibungen  in 
Palastina  noch  eher  geneigte  Augen  finden  kbnnten  als  die 
erheblichen  „Versuche",  auf  welche  sie  sich  beziehen.  Erstere 
sind  Ihnen  zuganglich.  Ich  nehme  leider  nicht  an,  daB  sie 
mehr  iiber  Sie  vermogen  werden  als  iiber  Gerhard,  welchen 
sie  nur  zu  einem  sehr  bedeutungsvollen  Schweigen  und,  wenn 
ich  mich  nicht  irre,  nicht  einmal  zu  dem  Erwerb  der  Schrif- 
ten  bewegen  konnten,  iiber  die  unsere  Auseinandersetzung 

594 


wohl  nur  vertagt  ist,  freilich,  unbedingt,  mit  meinem  Wil- 
len,  auch  vertagt  sein  soil. 

DaB  aber  wir,  auf  eigene  Faust,  sie  nicht  aufnehmen,  das 
wird  sicher  in  Ihrem  wie  in  meinem  Sinne  sein.  Und  somit 
wiirde  ich  mich  getrost  einigen  Bemerkungen  iiber  Paris  zu- 
wenden,  wenn  sie  nur  halbwegs  erfreulich  ausfallen  konn- 
ten.  Das  ist  bisher  nicht  zu  behaupten.  Ich  bin  vielmehr 
geneigt,  Ihren  Affekten  meine  Anerkennung  iiber  die  magi- 
schen  Gewalten  anzusprechen,  die  ihrer  Befriedigung  offen- 
bar  zu  Gebote  stehen.  Denn  sollte  meine  auBerst  klagliche 
Ankunft  in  dieser  Stadt  nicht  das  Werk  des  „leichten  Neids" 
sein,  dessen  mich  Ihr  letzter  Brief  versi chert?  Ich  kam  mit 
einer  schweren  Malaria  an.  Das  Fieber  ist  inzwischen  iiber  - 
wunden  und  die  Ermattung,  welche  sie  zuriicklieB,  laBt  mir 
genau  die  Kraft,  der  trostlosen  Lage  inne  zu  werden,  doch 
keineswegs  die,  sie  zu  iiberwinden,  indem  ich  nicht  einmal 
dieTreppenstufen  der  billigen  Hotels  ersteigen  kann  indenen 
ich  mein  Unterkommen  wahlen  muB.  Was  von  Juden  und  fur 
Juden  hier  geschieht,  kann  man  vielleicht  am  besten  als  fahr- 
lassige  Wohltatigkeit  bezeichnen.  Es  verbindet  mit  der  Per- 
spektive  auf  Almosen  —  die  selten  eingelost  werden  —  das 
HochstmaB  an  Demiitigungen  und  es  bleibt  f  iir  ehemalige  An- 
gehorige  der  Biirgerklasse  ewig  denkwiirdig,  deren  mit  Juden 
befaBten  AuBenforts  zu  studieren.  Das  ist  denn  auch  die  zur 
Zeit  handgreiflichste  Beschaftigung  Ihres  ergebenen  Dieners, 
der  im  iibrigen  —  trotz  vielversprechender  Korrespondenz  mit 
der  jiidischen  Hochfinanz  -  weder  einen  Pfennig,  noch  eine 
Matratze,  noch  einen  Scheit  Holz  von  dieser  bis  dato  bezogen 
hat. 

Deutsche  zu  sehen,  vermeide  ich.  Lieber  spreche  ich  noch 
mit  Franzosen,  die  zwar  kaum  etwas  tun  kbnnen  oder  mogen, 
aber  die  groBe  Annehmlichkeit  haben,  einem  nicht  ihre 
Schicksale  zu  erzahlen.  Das  gleiche  Verhalten  ist  aber  noch 
unverzeihlicher,  wenn  es  die  Uberwindung  von  Entf  ernungen 
fiir  sich  in  Anspruch  nimmt  und  darum  gedenke  ich  es  nicht 
fortzusetzen. 

Wir  miissen  uns  also  schon  gedulden,  bis  die  Anekdote  wie- 
der  ihren  Platz  in  meiner  Existenz  eingenommen  hat.  Und 

595 


bis  dahin  wird  -  wie  ich  annehme  -  f  iir  Sie  noch  mancherlei 

Zeit  und  Gelegenheit  sein,micli  miteinemGruBzubedenken. 

Mit  den  freundlichsten  Gedanken  Ihr  Walter  Benjamin 


229  An  Gretel  Adorno 


Paris,  30.  Dezember  1933 


Liebe  Felizitas, 

diese  GriiBe  werden  Dich  -  wenn  schon  nicht  zu  Neujahr  so 
doch  sicher  -  im  Augenblicke  Deiner  Riickkehr  nach  Berlin 
erreichen.  Denn  ich  denke,  Du  bist  zu  Neujahr  noch  in  Frank- 
furt. Ich  habe  wieder  Dank  fur  Vieles  zu  sagen  —  auch  fur 
die  frankfurter  Ermahnung,  von  anderen,  Wichtigeren  nicht 
zu  sprechen.  Diese  betreffend  hatte  ich  gewisse  Schritte  vor- 
her  schon  unternommen.  Ich  bin  noch  ohne  Bescheid  und 
habe  alien  Grund  anzunehmen,  daB  sie  vergeblich  gewesen 
sind,  wie  das  von  Anfang  an  zu  erwarten  war.  Naturlich 
macht  es  die  damit  verbundnen  Folgen  nicht  leichter,  sie  vor- 
hergesehen  zu  haben. 

Und  so  laBt  es  sich  nicht  leugnen,  daB  ich  nicht  nur  am 
Ende  des  alten  Jahres  sondern  auch  meines  Lateins  bin.  Ge- 
wiB :  ich  habe  —  wie  ich  Dir  wohl  schrieb  —  vor  kurzem  mei- 
nen  ersten  Auftrag  hier  eingebracht  —  einen  Auf  satz  iiber  den 
Seineprafekten  Haussmann1,  der  Paris  unter  Napoleon  III 
umgebaut  hat.  Auch  sonst  ist  dies  und  jenes  zu  tun.  Gegen 
die  graue  Perspektive  und  die  noch  grauere  Einsamkeit,  die 
jetzt  urn  mich  ist,  kommt  das  alles  nicht  auf.  Der  EntschluB, 
zu  dem  ich  vor  allem  die  Kraft  finden  muBte,  ware  von  hier 
f ortzugehen.  Noch  muB  ich  Einiges  hier  abwarten,  noch  hoffe 
ich  -  an  erster  Stelle  —  auf  Dein  Kommen,  noch  graut  mir 
vor  dem  danischen  Winter,  dem  dortigen  Angewiesensein  auf 
einen  Menschen,  das  sehr  leicht  eine  andere  Form  der  Ein- 
samkeit werden  kann,  einer  ganz  unbekannten  Sprache,  die 
niederdruckend  ist,  wenn  man  fur  alle  alltaglichen  Verrich- 
tungen  selbst  aufzukommen  hat. 

596 


Das  neue  Schulgesetz  gibt  mir  Bedenken  fiir  Stefan  ein. 

Die  Arbeit  hat  augenblicklich  fast  keine  bestatigende  Kraft 
fiir  mich,  denn  die,  zu  der  es  mich  am  meisten  zieht  —  Fort- 
setzung  der  „  Berliner  Kindheit"  kann  ich  mir  nicht  leisten. 

"Qber  den  „Tom"  das  nachste  Mai.  „Vierhandig"  2  habe 
ich  mit  Freude  gelesen.  So  sonderbar  es  klingt,  so  miiBte  ja 
auch  ich  mich  irgendwann  an  ahnliche  Erinnerungen  wagen. 
Ich  habe  auch  Studien  dazu  gemacht,  aber  noch  ist  es  nicht 
soweit. 

[. . .] 

Schreibe  mir  moglichst  bald.  Und  einen  sehr  herzlichen 
Gedanken  ins  neue  Jahr  hiniiber. 

Dein  Detlef 

1  Ein  Auftrag  von  Le  Monde,  aus  dem  dann  nichts  wurde.  Vgl.  aber 
„Zeitschrift  fiir  Sozialforschung"  3  (1934),  S.  442  f.  und  Schxiften  I, 
S.  419-422. 

2  Ein  Aufsatz  von  Theodor  W.  Adorno:  Vierhandig,  noch  einmal,  in: 
Vossische  Zeitung  vom  19. 12. 1933. 


230  An  Gerhard  Scholem 

Paris,  18.  Januar  1934 
Lieber  Gerhard, 

zu  einem  langeren  Brief e  ausholend,  mache  ich  mir  Mut 
durch  das  querkopfige  Format.  Vor  allem  danke  ich  Dir  fiir 
den  Brief  vom  24ten  Dezember  und  fiir  das  Buch.  Du  weifit 
mit  welchem  aufierordentlichen  Anteil  ich  alles  lese,  was  mir 
von  Agnon  zuganglich  ist.  Auf  dies  en  Band,  den  ich  eben  be- 
endet  habe,  werde  ich  noch  ofters  zuriickgreifen. l  Zunachst 
weise  ich  darauf  hin,  wo  es  mir  im  Gesprach  moglich  ist. 
Schoneres  habe  ich  nicht  in  ihm  gefunden  als  „die  groBe 
Synagoge",  die  ich  als  ein  gewaltiges  Musterstiick  ansehe. 
Dann  scheint  mir  noch  die  Geschichte  vom  Biicherwart  ganz 
besonders  bedeutsam.  Musterhaft  ist  Agnon  in  jedem  Stuck 
und  wenn  ich  „ein  Lehrer  in  Israel"  geworden  ware  -  aber 
ebenso  leicht  hatte  ich  wohl  ein  Ameisenlowe  werden  kon- 


597 


nen  -  so  hatte  ich  mir  eine  Rede  iiber  Agnon  und  Kafka  nicht 
nehmen  lassen.  (Ich  bemerke  hier,  daB,  sollte  ich  je  wieder  in 
den  Besitz  meiner  Bibliothek  kommen,  der  „ProzeB"  darin 
fehlen  wird.  Man  hat  ihn  mir  schon  vor  Zeiten  gestohlen. 
Wenn  Du  ihn  auftreiben  konntest,  so  waren  die  schlimmsten 
Verwiistungen  gutgemacht,  die  der  Hochstapler  seinerzeit 
bei  mir  angerichtet  hat.  Das  andere  unverschmerzbare  Stuck 
—  Brechts  „Hauspostille"  im  ersten  Druck,  von  dem  es  nur 
25  Stuck  gibt,  habe  ich  hier  dem  Autor  im  Wege  schwieri- 
ger  Verhandlungen  abgewonnen.) 

Kafkas  Name  veranlaBt  mich,  Dir  zu  schreiben,  daB  ich 
hier  einen  Umgang  mit  Werner  Kraft  aufgenommen  habe. 
Er  sah  mich  auf  der  Bibliotheque  Nationale  und  wandte  sich 
daraufhin  schriftlich  an  mich.  Ich  war  iiberrascht,  von  ihm 
einige  Arbeiten  zu  lesen,  denen  ich  weder  Zustimmung  noch 
Respekt  versagen  kann.  Zwei  von  ihnen  sind  Kommentar- 
Versuche  zu  kurzen  Kafkaschen  Stucken,  zuriickhaltende  und 
keineswegs  einsichtslose.  Kein  Zweifel,  daB  er  sehr  viel  mehr 
als  Max  Brod  von  der  Sache  verstanden  hat.  —  Es  gibt  unter 
den  Maximen  und  Refiexionen,  die  sich  in  Goethes  NachlaB 
gefunden  haben  und  von  deren  wichtigsten  man  wohl  raten 
[kann],  warum  er  sie  nicht  veroffentlicht  hat,  diese  bemer- 
kenswerte:  „Gebranntes  Kind  scheut  das  Feuer;  ein  oft  ver- 
sengter  Greis  scheut,  sich  zu  warmen."  Auf  sie  spiele  ich  an, 
um  ohne  viel  Worte  sagen  zu  konnen,  welche  die  Stimmun- 
gen  sind,  gegen  die  ich  oft  wochenlang  zu  kampfen  habe,  um 
zu  einer  Initiative  zu  kommen,  die  auf  die  Plazierung  mei- 
ner Schriften  gerichtet  ist.  Selten  hat  deren  Uberwindung  in 
letzter  Zeit  zu  etwas  anderem  gefiihrt  als  meinen  Hemmun- 
gen  recht  zu  geben. 

Schrieb  ich  Dir,  daB  mein  Bruder  zu  Weihnachten  aus  dem 
Konzentrationslager  Sonnenburg  entlassen  worden  ist?  So- 
weit  ich  weiB,  schwebt  aber  noch  ein  Hochverratsverfahren 
gegen  ihn.  Wirtschaftlich  ist  er  mit  seinem  einjahrigen  Sohn 
zur.Not  durch  seine  Schwiegereltern  gesichert.  Im  xibrigen 
muB  ich  es  f iir  fast  sicher  halten,  daB  er  auf  die  eine  oder  die 
andere  Weise  die  illegale  Arbeit  wieder  aufnimmt.  Dies 

598 


naturlich  in  strengstem  Vertrauen,  Im  iibrigen  magst  Du  aus 
dieser  Stelle  entnehmen,  daB  es  in  keiner  Weise  Angst  vor 
einer  Zensur  —  vor  welcher?  —  ist,  die  mich  gelegentlich  von 
meinen  eigenen  Dingen  mit  einigem  Lakonismus  sprechen 
laflt.  Was  mich  dazu  veranlaBt  sind  die  iiberaus  bednicken- 
den  Umstande.  Und  ich  rede  da  nicht  allein  von  den  auBern. 
Ich  bin  kaum  je  so  vereinsamt  gewesen  wie  hier.  Wenn  ich 
Gelegenheiten  suchen  wiirde,  mit  Emigranten  im  Cafe  zu 
sitzen  —  die  waren  leicht  beschaff  bar.  Aber  ich  meide  sie. 
Vergegenwartige  Dir,  wie  auBerordentlich  bedeutsam  —  aber 
auch  wie  auBerordentlich  klein  -  der  Kreis  war,  der  mein 
Dasein  in  den  letzten  berliner  Jahren  bestimmte.  Von  den 
Menschen,  die  sein  Zentrum  bildeten,  ist  -  jetzt,  nachdem 
die  Hauptmann,  Brechts  Sekretarin,  nach  Amerika  gefahren 
ist,  nicht  einer  -  von  denen  die  seine  Peripherie  bildeten, 
sind  zwei  hier.  Die  Reise  nach  Danemark  schiebe  ich  nicht 
nur  der  Jahreszeit  wegen  auf.  So  nah  ich  Brecht  befreundet 
bin,  so  hat  doch  das  ausschlieBliche  auf-ihn-angewiesen-sein, 
welches  mir  dort  in  Aussicht  steht,  seine  Bedenken.  Dazu 
kommt,  daB  man  bei  vblliger  Mittellosigkeit,  doch  gut  tut 
jene  Anonymitat  zu  suchen,  die  einem  eine  groBe  Stadt  gibt. 

1  „In  der  Gemeinschaft  der  Frommen;  sechs  Erzahlungen  aus  dem 
Hebraischen",  Berlin  1935.  Drei  der  Erzahlungen  sind  von  Scholem 
iibersetzt. 


231  An  Gretel  Adorno 

Paris,  3.  Marz  1934 

Liebe  Felizitas, 

endlich  liegen  wieder  ein  paar  leichtere  Tage  und  Wochen 
vor  mir. 

Und  das  danke  ich  Dir.  Aber  der  Dank  -  vor  allem  aus  so 
groBer  Feme  —  ist  ein  schwacher  Ausdruck.  Wie  lange  wer- 
den  wir  noch  auf  ihn  angewiesen  bleiben?  -=■  Es  war  eine 


599 


schreckliche  Lage,  aus  der  Du  mir  geholf  en  hast.  Aus  Deiner 
Hilf e  sehe  ich,  daB  Du  sie  verstanden  hast  und  mir  eine 
nahere  Schilderung  hast  sparen  wollen. 

Die  neue  Initiative,  die  ich  durch  Dich  und  Teddie  ge- 
wonnen  habe,  wende  ich  nun  nach  zweifacher  Richtung  auf. 
Uber  die  eine  —  die  der  Passagenarbeit,  die  mich  jetzt  wieder 
viel  beschaftigt,  Naheres  ein  andermal.  Die  andere  beruht 
darauf ,  daB  man  mir  einen  —  ganz  kleinen  —  Kunstsalon  fur 
einige  Vortrage  zur  Verfiigung  stellen  will.  Ich  wurde  dort, 
vor  einem  franzosischen  Publikum  und  in  franzosischer 
Sprache,  einen  Zyklus  von  Vortragen  aus  meinem  Arbeits- 
kreis  halten:  so  iiber  Kafka,  Ernst  Bloch  und  einige  andere 
im  Rahmen  einer  geschlossenen  Reihe  sprechen.  Natiirlich 
steht  es  noch  dahin,  ob  die  Sache  zustandekommt.  Ich  kann 
nur  sagen,  daB  ich  es  sehr  hoffe  und  alle  Verbindungen,  die 
ich  hier  habe,  dafiir  zu  mobilisieren  suche. 

So  wenig  mich  der  Durchschnitt  der  Erfahrungen,  die  ich 
mit  alten  franzosischen  Bekannten  bisher  gemacht  habe,  zur 
Wiederaufnahme  der  ehemaligen  Beziehungen  ermutigt,  so 
muB  ich  doch,  eben  im  Interesse  jenes  Plans,  Bedenken  zu- 
riickstellen.  Und  in  den  nachsten  Tagen  werde'  ich  auf  die 
alteste,  die  ich  hier  habe,  zuriickgreifen.  Ich  weiB  nicht,  ob 
Dir  der  ehemalige  Verleger  Francois  Bernouard l  ein  Begriff 
ist.  Nach  wechselvollen  Schicksalen  ist  er  jetzt  wieder  in  den 
Besitz  einer  Druckerei  gelangt.  Auch  eine  —  freilich  proble- 
matischere  —  literarische  Situation  hat  er  sich  wieder  geschaf- 
fen,  indem  er  sich  zum  animateur  eines  Literaturklubs  -  der 
amis  de  1914  -  machte.  Da  werde  ich  denn  wohl  eines  diens- 
tags  erscheinen  miissen;  vorher  aber  bei  einem  Privatbesuch 
feststellen,  wie  der  Wind  weht. 

Sylvia  Beach,  die  schon  gelegentlich  erwahnte  Verlegerin 
von  Joyce  habe  ich  neulich  in  ahnlicher  Erwagung  aufge- 
sucht.  Sie  hat  eine  englische  Leihbibliothek  hier  im  Quartier. 
Nur  gibt  es  —  so  sagt  sie  mir  wenigstens  —  keine  Englander 
mehr  in  Paris.  In  der  Tat  war  ihre  boutique  recht  still  und 
ich  hatte  alle  Ruhe,  mir  schone  Portraits  und  Handschriften 
von  Walt  Whitmann,  Oskar  Wilde,  George  Moore,  James 
Joyce  und  anderen  zu  besehen,  die  bei  ihr  an  den  Wanden 

600 


hangen.  Das  englische  Milieu  bringt  mich  darauf,  Dir  viel 
SpaB  bei  der  Lektiire  der  Maughamschen  Kriminalgeschich- 
ten  zu  wiinschen,  die  ich  morgen  an  Dich  abschicke.  Neulich 
las  ich,  zufallig,  in  der  Lu  einen  autobiographischen  Riick- 
blick  dieses  alten  Mannes,  der  nun  in  Nizza  auf  seine  vielen 
Erfolge  zuriicksieht.  Und  dieses  Resumee  klingt  sehr  melan- 
cholisch.  Man  entnimmt  ihm  immerhin,  daB  er  fur  das  intel- 
ligence service  gearbeitet  hat  und  seinen  Mr  Ashendon  dem- 
gemaB  nach  dem  Leben  gezeichnet  hat. 

Vielen  Dank  fur  das  Verzeichnis  der  Biicher,  die  Du  zu 
schicken  gedenkst.  Nur  nebenbei:  befinden  sich  nicht  viel- 
leicht  auch  die  „Trugbilder"  sowie  noch  ein  oder  zwei  andere 
Biicher  der  gleichen  Kategorie  bei  Dir?  Nein  -  ich  sehe  noch 
einmal  in  die  Liste  -  da  fehlen  mir  nur  die  Trugbilder  (ein 
Buch  mit  komischen  optischen  Spielereien  auf  bunten  Ta- 
feln.)  Im  iibrigen  ist  es  nicht  so  sehr  wichtig. 

Ich  bin  froh,  daB  Dir  der  Agnon  so  nahe  steht.  Ja  —  meine 
beiden  liebsten  Geschichten  sind  der  Biicherwart  und  die 
groBe  Synagoge.  Die  letzere  sollte  vor  ungefahr  15  Jahren 
unter  den  Beitragen  des  ersten  Heftes  meines  Angelus  Novus 
(der  geplanten  Zeitschrift)  sich  befinden. 

[. . .] 

So  fallen  selbst  alte  Bekannte  weg  und  der  Wert  der  ganz 
wenigen,  die  bleiben,  wird  immer  fxihlbarer.  Damit  aber  bin 
ich  zum  Ausgangspunkt  dieses  Briefes  zuriickgekehrt  und 
mir  bleibt  nur,  zum  SchluB  Dich  zu  erinnern,  dem  Zian 
recht  brav  zu  folgen  und  mir  sehr  bald  zu  schreiben. 

Alles  Alte  und  Liebe  Dein  Detlef 

l  W.  B.  hatte  am  21.  Juni  1929  einen  Artikel  iiber  ihn  in  der  „Litera- 
rischen  Welt"  veroffentlicht. 


601 


232  An  Bertolt  Brecht 

Paris,  5.  3.  1934 

Lieber  Brecht, 

die  Hauptmann1  hat  mir  einen  Brief  geschrieben,  in  dem 
auBer  GriiBen  fur  Sie  audi  einige  Sie  betreffende  Zeilen 
stehen.  Vor  allem  was  den  Gedichtband  angeht: 

„Ist  der  Band2  schon  heraus?  Ich  brauchte  ihn  so  sehr.  Aus 
lauter  Verzweiflung  macht  man  hier  immer  noch  Kuhle 
Wampe 3.  Brecht  konnte  eine  groBe  Sache  hier  sein,  aber  ich 
habe  nichts  von  ihm  dabei.  Wenn  er  heriiberkame,  wiirde  er 
keinerlei  Schwierigkeiten  haben,  sich  schnell  und  ziemlich 
breit  durchzusetzen." 

Wissing  ist  aus  Berlin  zuriick.  [.  .  .]  Immerhin  steht  soviel 
fest,  daB  meine  Biicher  expediert  worden  sind  —  es  handelt 
sich  ungefahr  um  die  Halfte  —  aber  die  wichtigere  Halfte  — 
der  Bibliothek.  Hoffentlich  sind  sie  um  diese  Zeit  schon  auf 
See.  Bitte  lassen  Sie  mich  doch  die  Ankunft  des  Transports  in 
Svendborg  gleich  wissen.  Der  ganze  Transport  ist  bezahlt; 
es  konnten  wohl  hochstens  Abrollgebiihren  in  Svendborg 
noch  zu  erlegen  sein.  Wenn  Sie  die  gegebnenfalls  auslegen 
wollten,  ware  ich  Ihnen  sehr  dankbar.  DaB  die  Biicher  so- 
gleich  zu  Ihrer  Verf iigung  stehen,  brauche  ich  wohl  kaum  zu 
bemerken. 

Mit  der  Arbeit  xiber  HauBmann  steht  es  so,  daB  ich  mich 
nicht  entschlieBen  konnte,  fur  Monde  sie  zu  schreiben.  Die 
Leute  machten  mir  bei  der  zweiten  Besprechung  einen  allzu 
unzuverlassigen  Eindruck.  Dagegen  ist  mein  Material  zu  die- 
ser  Arbeit  vollig  komplett,  so  daB  ich  sie  an  jedem  beliebigen 
Ort  schreiben  kann,  ohne  irgendein  Buch  einzusehen.  Um  mir 
aber  einige  Mittel  zu  beschaffen,  bin  ich  auf  einen  andern 
-Gedanken  gekommen. 

Ich  kiindige  in  den  mir  zuganglichen,  und  einigen  andern 
franzosischen  Kreisen  eine  Vortragsfolge  „L'avantgarde  alle- 
mande"  an.  Ein  Zyklus  von  fiinf  Vortragen  —  die  Karten 
miissen  fiir  die  ganze  Folge  subscribiert  werden.  Aus  den 
verschiednen  Arbeitsgebieten  greife  ich  nur  je  eineFigur  her- 

602 


aus,  in  der  sich  die  gegenwartige  Situation  maBgebend  aus- 
pragt. 

1)  le  roman  (Kafka) 

2)  l'essay  (Bloch) 

3)  theatre  (Brecht) 

4)  journalisme  (Kraus) 

Vorangeht  ein  einleitender  Vortrag  „Le  public  allemand" 
Soviel  zu  meinen  derzeitigen  Projekten. 
Haben  Sie  das  Weill -Interview,  das  ich  Ihnen  schickte,  be- 
kommen? 

Alles  Gute  fur  Ihre  Arbeit  mit  Eisler  und  herzliche  Griifie 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Elisabeth  Hauptmann,  Mitarbeiterin  Brechts. 

2  Vermutlich  „Lieder,  Gedichte,  Chore",  1924  in  Paris  erschienen. 

3  Film  von  Brecht. 


233  An  Gerhard  Scholem 

6.  Mai  1934 

Lieber  Gerhard, 

Dies,  lieber  Gerhard,  stellt  nicht  den  ersten  Versuch  dar,  auf 
Deinen  letzten  Brief  Dir  zu  antworten.  Wenn  aber  der  wie- 
derholte  Ansatz  auf  eine  Schwierigkeit  deutet,  so  liegt  sie 
nicht  im  inhaltlichen  Bescheid,  den  Du  forderst,  sondern  in 
der  Gestalt  Deiner  Forderung,  Du  kleidest  sie  in  eine  -  viel- 
leicht  theoretische  -  Frage:  „Soll  das  ein  kommunistisches 
Credo  sein?" 

Solche  Fragen  ziehen  —  so  scheint  mir  —  auf  dem  Wege 
iiber  den  Ozean  Salz  an  und  schmecken  dann  dem  Gefragten 
leicht  bitter.  DaB  es  mir  so  ergeht,  leugne  ich  nicht.  Ich  kann 
es  mir  nicht  vorstellen,  was  der  f  ragliche  Auf satz  Dich  eigent- 
lich  Neues  iiber  mich  hiitte  lehren  kbnnen.  DaB  Du  nun  gar 
in  ihm  eine  summa  —  oder  ein  credo,  wie  Du  es  nennst  —  fin- 
den  willst,  setzt  mich  in  groBes  Erstaunen. 

603 


Aus  Erfahrung  wissen  wir  beide,  welche  Beliutsamkeit  der 
bedeutsame  Brief wechsel  fordert,  den  wir  einer  jahrelangen 
Trennung  abringen.  Diese  Behutsamkeit  schlieBt  keineswegs 
aus,  daB  schwierige  Fragen  beriihrt  werden.  Aber  das  kon- 
nen  sie  doch  nur  als  personlichste.  Soweit  das  geschehen  ist, 
sind  die  betreff  enden  Stiicke  -  das  kannst  Du  sicher  sein  -  in 
meiner  „inneren  Registrator"  wohl  aufbewahrt.  Deiner  letz- 
ten  Frage  kann  ich  das  nicht  versprechen :  sie  scheint  mehr 
einer  Kontroverse  zu  entstammen  als  unserm  Briefwechsel. 

DaB  wir  den  kontrovers  nicht  fiihren  konnen  liegt  auf  der 
Hand.  Und  wenn  in  seinem  Verlaufe  Bestandstiicke  auftau- 
chen,  die  so  eine  Behandlung  nahe  legen,  so  gibt  es  -  scheint 
mir  -  hier  fur  den  Partner  kein  anderes  Verfahren,  als  sich 
an  das  lebendige  Bild  zu  wenden,  das  einer  von  dem  andern 
in  sich  tragt.  Ich  denke,  daB  das  meinige  in  Dir  nicht  das  von 
einem  Manne  ist,  der  leicht  und  ohne  Not  sich  auf  ein  „  Credo" 
festlegt.  Du  weiBt,  daB  ich  wohl  immer  meiner  Uberzeugung 
gemaB  geschrieben,  selten  aber,  und  nie  anders  als  im  Ge- 
sprach,  den  Versuch  unternommen  habe,  den  ganzen  wider- 
spruchsvollen  Fundus,  dem  sie  in  ihren  einzelnen  Manifesta- 
tionen  entspringt,  zum  Ausdruck  zu  bringen. 

Und  da  sollte  mir  eine  Ubersicht  liber  franzosische  Litera- 
turprodukte  das  Stichwort  bieten  ?!  —  Das  Stichwort  ist  mir, 
soweit  ich  zuriickdenken  kann,  freilich  einmal  gegeben  wor- 
den.  Es  konnte  als  ein  solches  gelten,  weil  es  im  Raum  einer 
Kontroverse  fiel.  Ich  fand  es  in  Gestalt  eines  Briefes,  den 
Max  Rychner  vor  einigen  Jahren  an  mich  gerichtet  hatte.  * 
Es  sollte  mich  nicht  wundern,  wenn  Du  die  Kopie  meiner 
Antwort  seinerzeit  von  mir  geschickt  bekommen  hattest. 
Wenn  nicht,  so  kann  ich  das  jetzt  nicht  nachholen.  Dieser 
Brief  liegt  bei  anderen  Papieren  in  Berlin.  Was  sollte  aber 
auch  dieser  Dir  Neues  sagen?!  DaB  mein  Kommunismus  von 
alien  moglichen  Formen  und  Ausdrucksweisen  am  wenig- 
sten  die  eines  Credos  sich  zu  eigen  macht,  daB  er  —  um  den 
Preis  seiner  Orthodoxie  -  nichts,  aber  gar  nichts  ist,  als  der 
Ausdruck  gewisser  Erfahrungen,  die  ich  in  meinem  Denken 
und  in  meiner  Exist enz  gemacht  habe.  DaB  er  ein  drasti- 
scher,  nicht  unfruchtbarer  Ausdruck  der  Unmoglichkeit  des 

604 


gegenwartigen  Wissenschaftsbetriebes  ist,  meinem  Denken, 
der  gegenwartigen  Wirtschaftsform,  meiner  Existenz  einen 
Raum  zu  bieten,  daB  er  fur  den  der  Produktionsmittel  ganz 
oder  fast  beraubten  den  naheliegenden,  verniinftigen  Versuch 
darstellt,  in  seinem  Denken  wie  in  seinem  Leben  das  Recht 
auf  diese  zu  proklamieren  —  daB  er  dies  alles  und  vieles  mehr, 
in  jedem  aber  nichts  anderes  als  das  kleinere  Obel  ist  (siehe 
den  Brief  von  Kraus  an  jene  Gutsbesitzerin,  die  sich  liber 
Rosa  Luxemburg  auBerte)  ™  habe  ich  notig  Dir  das  zu  sagen? 

Nun  ware  ich  freilich  bestiirzt,  wenn  Du  in  diesen  Worten 
etwas  fandest,  was  einem  Widerruf  auch  nur  ahnlich  sieht. 
Das  Ubel  ist  —  im  Vergleich  zu  denen,  die  uns  umgeben  —  ein 
soviel  kleineres,  daB  es  in  jeder  praktischen,  fruchtbaren  Ge- 
stalt  zu  bejahen  ist  -  nur  in  der  unpraktischen,  unf  ruchtbaren 
des  Credos  nicht.  Und  diese  Praxis  —  im  Falle  des  von  Dir 
bezichtigten  Auf  satzes  eine  wissenschaftliche  —  laBt  derTheo- 
rie  —  dem  Credo,  wenn  Du  willst  —  eine  ungleich  groBere 
Freiheit  als  die  Marxisten  ahnen.  Leider  scheinst  Du  in  die- 
sem  Falle  ihre  Ahnungslosigkeit  gut  zu  heiBen. 

Du  zwingst  mich,  es  auszusprechen,  daB  jene  Alternativen, 
die  off  enkundig  Deiner  Besorgnis  zu  Grunde  liegen,  fur  mich 
nicht  einen  Schatten  von  Lebenskraft  besitzen.  Diese  Alter- 
nativen mogen  im  Schwange  gehen  —  ich  leugne  nicht  das 
Recht  einer  Partei,  sie  kundzugeben  —  es  kann  mich  aber 
nichts  bewegen,  sie  anzuerkennen. 

Wenn  vielmehr  etwas  die  Bedeutung  kennzeichnet,  die  das 
Werk  von  Brecht  -  auf  das  Du  anspielst,  zu  dem  Du  aber, 
soviel  ich  weiB,  Dich  zu  mir  nie  geauBert  hast,  fur  mich  be- 
sitzt,  so  ist  es  eben  dies:  daB  es  nicht  eine  jener  Alternativen 
aufstellt,  die  mich  nicht  kummern.  Und  wenn  die  nicht  ge- 
ringere  Bedeutung  des  Werks  von  Kafka  fur  mich  feststeht, 
so  ist  es  nicht  zum  wenigsten,  weil  nicht  eine  der  Positionen, 
die  der  Kommunismus  mit  Recht  bekampft,  von  ihm  einge- 
nommen  wird. 

Soviel  zu  Deiner  Frage.  Und  hier  liegt  nun  der  Ubergang 
zu  jenen  Erwagungen  Deines  Brief  es  nahe,  fur  die  ich  Dir 
vielen  Dank  sage.  Wie  viel  mir  an  einem  Auftrag,  Kafka  zu 
behandeln,  gelegen  ware,  brauche  ich  nicht  zu  sagen.  MiiBte 

605 


icli  seine  Position  im  Judentum  explizit  behandeln,  so  waren 
mir  dafiir  Fingerzeige  von  anderer  Seite  freilich  unentbehr- 
lich.  Ich  kann  meine  Unwissenheit  da  nicht  zu  Improvisatio- 
nen  ermutigen.  Bisher  hat  Weltsch  freilich  noch  nichts  von 
sich  horen  lassen. 

DaB  Deine  Bemiihung  bei  Schocken  vergeblich  war,  dasbe- 
klage  ich  fur  uns  beide,  ohne  es  iiberraschend  zu  finden. 

[.  .  .]  _      ■ 

Fur  die  kleine  Biicherei 2,  die  Spitzer  ediert,  wiirde  ich  mich 
gewiB  gem  tatig  erweisen;  mir  ist  nur  bisher  kein  brauch- 
barer  Gedanken  gekoramen.  Auf  der  anderen  Seite  erspare 
ich  es  uns,  Dir  eine  Aufzahlung  der  vielen  —  zum  Teil  gewiB 
geringwertigen  —  Versuche  zu  geben,  mir  hier  eine  Existenz- 
grundlage  zu  schaffen.  Sie  haben  mich  nicht  gehindert,  einen 
langern  Essay  —  der  Autor  als  Produzent 3  -  zu  schreiben,  der 
zu  aktuellen  Fragen  der  Liter aturpolitik  Stellung  nimmt.  Ob 
er  gedruckt  erscheinen  wird,  weiB  ich  noch  nicht. 

Mit  dem  „Visionaire"  von  Green  habe  ich  eine  groBe  Ent- 
tauschung  erlebt.  Zur  Zeit  beschaftigt  mich  eine  elende  Stu- 
die  iiber  Flauberts  Asthetik,  die,  in  recht  pretentioser  Gestalt, 
bei  Klostermann  in  Frankfurt  erschienen  ist  und  von  einem 
gewissen  Paul  Binswanger  stammt4.  Auf  der  andern  Seite 
habe  ich  Freude  an  Brechts  neuem  politischen  Drama  „Die 
Rundkopfe  und  die  Spitzkopfe",  das  ich  im  endgiiltigen  Ma- 
nuscript vor  einigen  Tagen  erhalten  habe. 

Welche  Vorstellungen  Du  mit  Deinem  Vorschlag  an  mich, 
Leon  Schestow  hier  aufzusuchen,  verbindest,  bitte  ich  Dich, 
mir  wenigstens  anzudeuten.  Aus  dem,  was  ich  etwa  in  der 
„Kreatur"  von  ihm  gelesen  habe,  sind  mir  nicht  gemigend 
Anhaltspunkte  fiir  solchen  Schritt  geblieben.  Ich  kann  keine 
konkreten  Daten,  die  ihn  betreffen,  in  meinem  Gedachtnis 
vorfinden. 

Und  die  herzlichsten  GriiBe!  Dein  Walter 

'l  Vgl.  den  Brief  vom  7.  Marz  1931  und  die  anschlieBenden  Briefe. 
2   Die   Schocken-Bucherei,    eine   der  wichtigsten   Erscheinungen   des 
Lebens  der  Juden  in  Deutschland  von  1955-1938.  Sie  wurde  von  Dr. 
Moritz  Spitzer  (jetzt  in  Jerusalem)  herausgegeben. 

606 


3  Ungedruckt.  Im  Nachlai3  erhalten. 

4  Von  W.  B.  im  Literaturblatt  der  FZ  vom  12.  Aug.  1954  besprochen. 


234  An  Robert  Weltsch 

Paris,. 9.  Mai  1934 

Sehr  geehrter  Herr  Dr.  Weltsch, 

mit  bestem  Dank  und  postwendend  bestatige  ich  Ihnen  Ihr 
Schreiben  vom  4.  Mai,  das  ich,  auf  dem  Umweg  liber  meine 
alte  Adresse,  erst  gestern  erhielt. 

Fiir  Ihre  Aufforderung  bin  ich  Ihnen  sehr  dankbar,  insbe- 
sondere  aber  verpflichtet  fiir  die  Anregung,  mich  iiber  Kafka 
zu  auBern1.  Ichkann  mir  ein  erwiinschteresThema  nicht  vor- 
stellen;  allerdings  verkenne  ich  auch  nicht  die  besonderen 
Schwierigkeiten,  die  in  diesem  Falle  zu  beriicksichtigen  sind. 
Ich  halte  es  fiir  loyal  und  zweckmaBig,  auf  diese  kurz  hinzu- 
weisen. 

Die  erste  und  gewichtigste  ist  sachlicher  Natur.  Als  Max 
Brod  vor  Jahren  von  Ehm  Welk  wegen  Nichtbeachtung  ge- 
wisser  Kafka'scher  Testamentvorschriften  angegriffen  wurde, 
habe  ich  Max  Brod  in  der  „Literarischen  Welt"  verteidigt. 2 
Das  hindert  mich  aber  nicht,  zu  der  Frage  der  Interpretation 
Kafkas  ganz  anders  zu  stehen  als  Max  Brod.  Insbesondere 
vermag  ich  methodisch  mir  in  keiner  Weise  die  gradlinige 
theologische  Auslegung  Kafkas  (die,  wie  ich  wohl  weiB,  nahe 
genug  liegt)  mir  zueigen  zu  machen.  GewiB  denke  ich  nicht 
im  entferntesten  daran,  den  von  Ihnen  vorgeschlagenen  Arti- 
kel  mit  polemischen  Ausfiihrungen  zu  belasten.  Auf  der 
anderen  Seite  aber  glaube  ich,  Sie  darauf  hinweisen  zu  miis- 
sen,  daB  mein  Versuch,  mich  Kafka  zu  nahern  -  ein  Versuch, 
der  nicht  von  heute  und  gestern  ist  —  mich  Wege  gefiihrt  hat, 
die  von  seiner  gewissermaBen  „offiziellenu  Reception  ver- 
schieden  sind. 

Die  zweite  und  die  dritte  Schwierigkeit  betreffen  techni- 
sche  Fragen.  Es  hangt  sehr  viel  vom  RedaktionsschluB  ab. 

607 


Ich  wiirde  Sie  bitten  -  fur  den  Fall,  daB  Sie  in  den  vorstehen- 
den  Ausfiihrungen  kein  Hindernis  finden,  mich  mit  der  Ar- 
beit zu  betrauen,  mir  den  Ablieferungstermin  soweit  wie 
irgend  moglich  hinauszuriicken.  Ein  Aufsatz  wie  dieser  stoBt 
fur  mich,  der  ich  leider  meine  Bibliothek  hier  nicht  zur  Ver- 
fiigung  habe,  auf  nicht  geringe  bibliographische  Schwierig- 
keiten.  Die  Frage  wiirde  sich  allerdings  auBerordentlich  ver- 
einfachen,  wenn  Sie,  sehr  geehrter  Herr  Weltsch,  es  fiir 
moglich  hielten,  mir  gewisse  hier  kaum  auf zutreibende  Werke 
—  ProzeB,  Landarzt,  Verwandlung,  Amerika  —  durch  die 
Redaktion  der  „Judischen  Rundschau"  auf  kurze  Zeit  leih- 
weise  zur  Verf  iigung  zu  stellen. 

MitgliedderReichsschrifttumskammerbin  ich  nicht.  Eben- 
sowenig  bin  ich  aus  den  betreffenden  Listen  gestrichen  wor- 
den:  Ich  bin  namlich  iiberhaupt  niemals  Mitglied  irgendeiner 
Schriftstellervereinigung  gewesen. 

In  der  Hoffnung,  baldigst  in  den  Besitz  Ihrer  Antwort  zu 
gelangen 

mit  vorziiglicher  Hochachtung  Ihr  sehr  ergebener 

Dr.  Walter  Benjamin 

1  W.  B.s  Aufsatz  erschien  in  der  „Jiidischen  Rundschau"  vom  21.  und 
28.  Dez.  1934.  Die  vollstandige  Fassung  in  Schriften  II,  S.  196-228. 

2  „Kavaliersmoral"  in  der  L.  W.  vom  22.  Nov.  1929. 


235  An  Bertolt  Brecht 

Paris,  21.5.  1934 

Lieber  Brecht, 

es  hat  sehr  lange  gedauert,  bis  die  Dinge  hier  ubersehbar 
geworden  sind.  Ich  wo  lite  Ihnen  etwas  Endgiiltiges  mitteilen 
und  habe  die  Mitteilung  darum  immer  wieder  hinausgescho- 
ben,  Ihnen  nicht  einmal  iiber  die  „Rundkopfeu  geschrieben, 
die  ich  ungemein  wichtig  und  vollkommen  gegliickt  finde. 

608 


Vor  ein  paar  Tagen  sah  ich  Hanns  [Eisler].  Er  meinte,  daB 
ich  Ihnen  ausdriicklich  schreiben  miisse,  von  welcher  Wich- 
tigkeit  mir  eine  Auffiilirung  des  Stiicks  in  London  schiene. 
Ich  denke,  diese  Wichtigkeit  versteht  sich  angesichts  des  Urn- 
stands  von  selbst,  daB  man  dem  Publikum  keine  einleuchten- 
dere,  interessantere  und  faBlichere  Darstellung  des  Gegen- 
stands  geben  kann  als  Sie  es  tun.  Damit  iibergehe  ich  alle 
andern  Qualitaten  des  Stiicks,  die  allerdings  in  diesem  Tat- 
bestand  eingeschlossen  sind. 

Kennen  Sie  Go?  ein  sehr  altes  chinesisches  Brettspiel.  Es 
ist  mindestens  so  interessant  wie  Schach  —  wir  miiBten  es  in 
Syendborg  einfuhren.  Beim  Go  werden  Steine  nie  bewegt, 
nur  auf  das,  anfanglich  leere,  Brett  gesetzt.  Diese  Bewandt- 
nis  scheint  es  mir  mit  Ihrem  Stuck  zu  haben.  Sie  setzen  jede 
IhrerFiguren  und  Formulierungen  an  die  richtigeStelle,  von 
der  aus  sie  von  selber  und  ohne  sich  geberden  zu  miissen  die 
richtige  strategische  Funktion  ausuben.  Ich  glaube,  daB  die 
auBerst  leichte  und  sichere  Hand,  die  Sie  bei  diesem  Verfah- 
ren  beweisen,  auf  das  Publikum  —  und  besonders  ein  engli- 
sches  —  viel  grbBeren  Eindruck  machen  wird  als  die  Prozedu- 
ren,  mit  denen  das  Theater  sonst  ahnliche  Zwecke  verfolgt. 

Einige  von  den  neuen  Liedern  bekam  ich  zu  horen,  die  mir 
sehr  gut  gefallen  haben. 

Unter  dem  Titel  „Der  Autor  als  Produzent"  habe  ich 
versucht,  nach  Gegenstand  und  Umfang  ein  Pendant  zu  mei- 
ner  alten  Arbeit  uber  das  epische  Theater  zu  machen.  Ich 
bringe  es  Ihnen  mit. 

Auf  sehr  bald  und  mit  herzlichen  GriiBen 

Ihr  Walter  Benjamin 


609 


236  An  Gerhard  Scholem 

Svendborg,  9.  Juli  1934 

Lieber  Gerhard, 

Ich  habe  nun  Deine  nacb  Paris  gerichteten  Zeilen  vom 
20ten  Juni  bekommen.  Aus  ihnen  entnehme  ich  zunachst,  daB 
mein  Gedachtnis  sich  eine.  BloBe  gegeben  hat.  In  der  Tat  war 
ihm  der  fragende  Brief l  entschwunden,  auf  welchen  Du  Dich 
beziehst.  [.  .  .] 

Du  wirst  meine  Ansicht  teilen:  es  ware  unklug,  die  Aus- 
sichten  einer  —  wenn  auch  vielleicht  noch  entfernten  miind- 
lichen  Aussprache  durch  unzulangliche  Versuche  schriftlicher 
Auseinandersetzung  zu  vermindern. 

Es  stehen  uns  neben  dem  unmittelbaren  so  viele  mittelbare 
Wege  zur  Verfugung.  Und  so  scheue  ich  mich  —  einen  dieser 
Wege  beschreitend  —  nicht  Dir  die  Bitte,  einiges  iiber  Deine 
Reflexionen  zu  Kafka  mir  mitzuteilen,  zu  wiederholen.2  Sie 
ist  umso  fundi  erter,  als  meine  eigenen  Uberlegungen  zu  die- 
sem  Gegenstande  Dir  ja  nun  vorliegen.  Wenn  sie  in  ihren 
Hauptziigen  auch  dargelegt  sind,  so  haben  sie,  seit  meiner 
Ankunft  in  Danemark,  mich  weiter  beschaftigt  und  wenn  ich 
mich  nicht  irre  wird  die  Arbeit  an  ihnen  mir  noch  fur  eine 
Weile  aktuell  bleiben.  Mittelbar  ist  diese  Arbeit  durch  Dich 
veranlaBt;  ich  sehe  keinen  Gegenstand  in  dem  unsere  Kom- 
munikation  naherliegend  ware.  Und  mir  scheint  nicht,  daB 
Du  meine  Bitte  abschlagen  kannst. 

Schreibe  bitte  baldigst.  Mit  herzlichen  GriiBen  und  alien 
guten  Wiinschen  fur  Eschas  weitere  Genesung 

Dein  Walter 

1  Scholems  oben  abgedruckter  Brief  vom  50.  Marz  1931. 

2  In  einem  ungedruckten  Brief  vom  15.  Mai  1934. 


610 


237     [Aus  einem  Brief  Scholems  an  Walter  Benjamin^  etwa 
10.  Juli  1934] 

Mit  einem  Exemplar  von  Kafkas  „ProzeB" 

Sind  wir  ganz  von  dir  geschieden? 
1st  uns,  Gott,  in  soldier  Nacht 
nicht  ein  Hauch  von  deinem  Frieden, 
deiner  Botschaft  zugedacht? 

Kann  dein  Wort  denn  so  verklungen 
in  der  Leere  Zions  sein  — 
oder  gar  nicht  eingedrungen 
in  dies  Zauberreich  aus  Schein? 

Schier  vollendet  bis  zum  Dache 
ist  der  groBe  Weltbetrug. 
Gib  denn,  Gott,  daB  der  erwache, 
den  dein  Nichts  durchschlug. 

So  allein  strahlt  Offenbarung 
in  die  Zeit,  die  dich  verwarf. 
Nur  dein  Nichts  ist  die  Erfahrung, 
die  sie  von  dir  haben  darf. 

So  allein  tritt  ins  Gedachtnis 

Lehre,  die  den  Schein  durchbricht: 

das  gewisseste  Vermachtnis  x 

vom  verborgenen  Gericht. 

Haargenau  auf  Hiobs  Wage 
ward  gemessen  unser  Stand, 
trostlos  wie  am  jiingsten  Tage 
sind  wir  durch  und  durch  erkannt. 

In  unendlichen  Instanzen 
reflektiert  sich,  was  wir  sind. 
Niemand  kennt  den  Weg  im  ganzen, 
Jedes  Stuck  schon  macht  uns  blind. 


611 


Keinem  kann  Erlosung  frommen, 
dieser  Stern  steht  viel  zu  hoch, 
warst  du  auch  dort  angekommen, 
stiindst  du  selbst  im  Weg  dir  noch. 

Preisgegeben  an  Gewalten, 
die  Beschworung  nicht  mehr  zwingt, 
kann  kein  Leben  sich  entfalten, 
das  nicht  in  sich  selbst  versinkt. 

Aus  dem  Zentrum  der  Vernichtung 
bricht  zu  Zeiten  wohl  ein  Strahl, 
aber  keiner  weist  die  Richtung, 
die  uns  das  Gesetz  befahl. 

Seit  dies  trauervolle  Wissen 
unantastbar  vor  uns  steht, 
ist  ein  Schleier  jah  zerrissen, 
Gott,  vor  deiner  Majestat. 

Dein  ProzeB  begann  auf  Erden; 
endet  er  vor  deinem  Thron? 
Du  kannst  nicht  verteidigt  werden, 
hier  gilt  keine  Illusion. 

Wer  ist  hier  der  Angeklagte? 
Du  oder  die  Kreatur? 
Wenn  dich  einer  drum  befragte, 
Du  versankst  in  Schweigen  nur. 

Kann  solch  Frage  sich  erheben? 
Ist  die  Antwort  unbestimmt? 
Ach,  wir  miissen  dennoch  leben, 
bis  uns  dein  Gericht  vernimmt. 


612 


238     An  Gerhard  Scholem 


Skovbostrand  per  Svendborg,  20.  Juli  1934 

Lieber  Gerhard, 

gestern  kam  nun  die  lange  erwartete  Bestatigung  meines 
„Kafka"  von  Dir.  Sie  war  mir  vor  allem  durch  das  sie  be- 
gleitende  Gedicht  hochst  wertvolL  Seit  Jahren  habe  ich  die 
Grenzen,  die  uns  zur  Zeit  durch  die  aufs  Schriftliche  be- 
schrankte  Kommunikation  auferlegt  sind,  nicht  mit  so  gro- 
13em  Ungeniigen  empfunden  wie  hier.  Ich  bin  sicher,  daB  Du 
dieses  Ungeniigen  verstehst  und  nicht  annimmst,  ich  konnte 
Dir  unter  Verzicht  auf  die  mannichfachen  Experimente  der 
Formulierung,  die  nur  das  Gesprach  ermoglicht,  etwas  Ent- 
scheidendes  iiber  das  Gedicht  sagen.  VerhaltnismaBig  einfach 
liegt  nur  die  Frage  nach  der  „theologischen  Interpretation". 
Ich  erkenne  nicht  nur  an  diesem  Gedicht  die  theologische 
Moglichkeit  als  solche  unumwunden  an  sondern  behaupte, 
daB  auch  meine  Arbeit  ihre  breite  —  freilich  beschattete  — 
theologische  Seite  hat.  Gewandt  habe  ich  mich  gegen  den  un- 
ertraglichen  Gestus  des  theologischen  professional,  der  —  wie 
Du  nicht  bestreiten  wirst  —  die  bisherige  Kafka- Interpreta- 
tion auf  der  ganzen  Linie  beherrscht  und  uns  seine  suffisan- 
testen  Manifestationen  noch  zugedacht  hat. 
Um  meine  Stellung  zu  Deinem  Gedicht  —  das  sprachlich  dem 
von  mir  so  hoch  gestellten  auf  den  Angelus  Novus  nichts 
nachgibt  —  wenigstens  noch  etwas  eingehender  anzudeuten, 
will  ich  Dir  nur  die  Strophen  nennen,  die  ich  mir  ohne  Vor- 
behalt  zueigen  mache.  Das  sind  7  bis  13.  Vorher  einige.  Die 
letzte  wirft  das  Problem  auf,  wie  man  im  Sinne  Kafkas  die 
Projektion  des  jiingsten  Gerichts  in  den  Weltlauf  sich  zu  den- 
ken  habe.  Macht  diese  Projektion  aus  dem  Richter  den  Ange- 
klagten?  aus  dem  Verfahren  die  Strafe?  ist  es  der  Hebung 
oder  dem  Verscharren  des  Gesetzes  gewidmet?  Auf  diese  Fra- 
gen  hat  Kafka,  so  meine  ich,  keine  Antwort  gehabt.  Die  Form 
aber,  in  der  sie  sich  ihm  stellten  und  die  ich  durch  meine  Aus- 
fuhrungen  iiber  die  Rolle  des  Szenischen  und  Gestischen  in 

613 


seinen  Biichern  zu  bestimmen  suchte,  enthalt  Hinweise  auf 
einen  Weltzustand,  in  dem  diese  Fragen  keine  Stellen  mehr 
haben,  weil  ihre  Antworten,  weit  entfernt,  Bescheid  auf  sie 
zu  geben,  sie  wegheben.  Die  Struktur  dieser,  die  Frage  weg- 
hebenden  Antwort  ist  es,  die  Kafka  gesucht  und  manchmal 
sie  im  Fluge  oder  im  Traum  erhascht  hat.  Jedenfalls  kann 
man  nicht  sagen,  er  hat  sie  gefunden.  Und  darum  scheint 
mir  die  Einsicht  in  seine  Produktion  unter  anderem  an  die 
schlichte  Erkenntnis  gebunden,  daB  er  gescheitert  ist.  „Nie- 
mand  kennt  den  Weg  im  Ganzen,  jedes  Stuck  schon  macht 
uns  blind."  Wenn  Du  aber  schreibst:  „Nur  dein  Nichts  ist 
die  Erfahrung,  die  sie  von  dir  haben  darf",  so  darf  ich  mei-. 
nen  Interpretationsversuch  gerade  an  dieser  Stelle  mit  den 
Worten  anschlieBen:  ich  habe  versucht  zu  zeigen,  wie  Kafka 
auf  der  Kehrseite  dieses  „Nichts",  in  seinem  Futter,  wenn  ich 
so  sagen  darf,  die  Erlbsung  zu  ertasten  gesucht  hat.  Dazu 
gehort,  daB  jede  Art  von  Uberwindung  dieses  Nichts  wie  die 
theologischen  Ausleger  urn  Brod  sie  verstehen,  ihm  ein  Grauel 
gewesen  ware. 

Ich  glaube,  Dir  geschrieben  zu  haben,  daB  diese  Arbeit 
noch  eine  Weile  mir  aktuell  zu  bleiben  verspricht;  darin  be- 
steht  denn  auch  der  Hauptgrund  meiner  Bitte  um  Rikksen- 
dung  meines  Manuscripts.  Das  in  Deinen  Handen  befind- 
liche  ist  schon  jetzt  an  wichtigen  Stellen  iiberholt;  denn,  wie 
ich  Dir  bereits  geschrieben  habe,  hat  mich  die  Arbeit  hier 
weiter  beschaftigt.  Ich  bin  aber  bereit,  Dir  ein  Manuscript 
der  endgiiltigen  Fassung  fur  das  Archiv  zuzusagen. 

■[...] 

Ich  denke  Dir  geschrieben  zu  haben,  daB  ich  begonnen 
habe,  fiir  die  Nouvelle  Revue  Frangaise  einen  Aufsatz  uber 
Bachofen1  vorzubereiten.  So  komme  ich  zum  ersten  Male 
dazu  ihn  selbst  zu  lesen;  bisher  war  ich  vorwiegend  auf  Ber- 
noulli und  Klages  angewiesen  gewesen. 

Zu  den  groBen  Annehmlichkeiten  Svendborgs  gehort  ein 
Radio,  das  man  jetzt  besser  brauchen  kann  als  je  vorher.  So 
habe  ich  die  Reichtagsrede  von  Hitler  vernehmen  konnen, 
und  da  es  das  erstemal  iiberhaupt  war,  daB  ich  ihn  horte,  so 
kannst  Du  Dir  ein  Bild  von  der  Wirkung  machen. 

614 


Dies  fur  heute.  Denn  die  Herkunft  der  Geschichte  aus 
dem  „ Kafka" 2  bleibt  mein  Geheimnis,  das  zu  liiften  Dir  nur 
bei  personlicher  Anwesenheit  gelingen  wiirde,  wo  ich  Dir 
dann  allerdings  noch  eine  Anzahl  gleich  schoner  versprechen 
konnte.  GriiBe  Kitty  Marx  und  mache  sie  darauf  aufmerk- 
sam,  daB  ich  den  Pfeil,  den  sie  durch  Nichtbeantwortung 
meines  letzten  Briefes  gegen  mich  gezielt  hat,  immer  noch 
in  der  Brust  trage. 

Herzlichst  Dein  Walter 

1  Erst  1954,  iiberarbeitet  von  Maurice  Saillet,  in  „Les  Lettres  Nou- 
velles",  S.  28-42  verbffentlicht.  Das  einzige  franzosisch  abgefaflte 
Essay  W.  B.s. 

2  „TJber  Potemkin"  (Schriften  II,  S.  196  f .).  Die  Geschichte  stammt  aus 
Puschkins  „Anekdoten";  bei  ihm  heiJBt  der  Kanzlist  Petuschkow,  nicht 
Schuwalkin. 


239     An  Werner  Kraft 

Svendborg,  [Ende  Juli  1934?] 

Lieber  Herr  Kraft, 

Herzlichen  Dank  fur  Ihre  beiden  Briefe  und  die  Beilage. 

Es  ist  mir  sehr  wertvoll  hier,  wo  die  Weltpolitik  im  Vor- 
dergrund  der  Interessen  steht,  durch  Sie  iiber  Literarisches 
aus  Paris  informiert  zu  werden.  So  hat  mich  das,  was  Sie 
iiber  Jouhandeau  schreiben,  veranlaBt,  nach  den  Images  de 
Paris  mich  umzutun.  ttbrigens  weise  ich  Sie,  was  diesen 
Dichter  angeht,  nochmals  auf  die  Novelle  Leda  hin,  die  in 
dem  Band  Prudence  Hautechaume  stehen  diirfte. 

[.  .  .]  Es  wird  Sie  nicht  iiberraschen  zu  horen,  daB  ich  —  un- 
beschadet  einer  anderen  Hauptbeschaftigung  —  noch  immer 
mit  Kafka  befaBt  bin.  Den  auBeren  AnlaB  dazu  bietet  die 
Korrespondenz  mit  Scholem,  der  begonnen  hat,  sich  mit  mir 
iiber  diese  Arbeit  auseinanderzusetzen.  Diese  Uberlegungen 
sind  allerdings  noch  zu  sehr  im  FluB,  um  ein  abschlieBendes 
Urteil  zu  ermoglichen.  Immerhin  wird  es  Sie  inter essieren, 

615 


dafl  er  seine  Ansicht  der  Sache  in  einer  Art  von  theologischem 
Lehrgedicht  niedergelegt  hat,  das  ich  Ihnen  bestimmt  mittei- 
len  werde,  falls  wir  uns  in  Paris  wiedersehen.  Auf  eine  -  wie 
Sie  sich  denken  konnen  —  sehr  unterschiedene  Weise  habe  ich 
iiber  den  gleichen  Gegenstand  mich  mit  Brecht  heraten  kon- 
nen, und  auch  von  diesen  Besprechungen  weist  mein  Text 
Niederschlage  auf. 

Im  iibrigen  sind  solche  oder  ahnliche  Beratungen  im 
Augenblick  nicht  allzu  haufig,  da  die  gemeinsamen  Abende 
durchaus  von  der  Aufmerksamkeit  auf  den  Empf anger  be- 
ansprucht  werden.  Noch  stehe  ich  unter  dem  Eindruck  der 
gestern  um  Mitternacht  verlesenen  Regierungserklarung  von 
Starhemberg,  die  einen  grandiosen  Hohn  auf  die  gesamte 
satirische  Literatur  von  Juvenal  bis  Kraus  darstellt.  Ubrigens 
gehen  iiber  die  Stellung  von  Kraus  recht  verbiirgte  aber  doch 
fast  unglaubliche  Nachrichten  in  dem  Sinne  um,  daB  er  die 
Politik  von  DollfuB  als  das  kleinere  Ubel  akzeptiert  habe. 
(Immerhin  sind  die  Burgschaften  keine  liickenlosen,  so  daB 
ich  Sie  bitte,  das  streng  fur  sich  zu  behalten!) 

Gerade  hier  scheint  mir  die  Stelle,  mit  einem  Wort  auf 
eine  Formulierung  Ihres  letzten  Briefes  einzugehen.  Sie  ge- 
stehen,  den  Kommunismus  „als  Menschheitslosung"  vor  der 
Hand  nicht  annehmen  zu  wollen.  Aber  es  handelt  sich  ja  eben 
darum,  durch  die  praktikablen  Erkenntnisse  desselben  die  un- 
fruchtbare  Pratension  auf  Menschheitslosungen  abzustellen, 
ja  iiberhaupt  die  unbescheidene  Perspektive  auf  „totale" 
Systeme  aufzugeben,  und  den  Versuch  zumindest  zu  unter- 
nehmen,  den  Lebenstag  der  Menschheit  ebenso  locker  aufzu- 
bauen,  wie  ein  gutausgeschlafener,  verniinf tiger  Mensch  sei- 
nen  Tag  antritt. 

Soviel  hiervon.  DaB  Ihnen  die  „Kauferin"  l  gefallt,  freut 
mich  sehr.  AuBerst  gespannt  bin  ich  auf  Ihr  Urteil  iiber  den 
nun  eben  abgeschlossenen  Drei-Grosch  en -Roman,  Um  zum 
SchluB  iiber  meine  Beschaftigung  ein  Wort  zu  sagen,  so 
wird  sie  augenblicklich  vor  allem  durch  das  Studium  von 
Bachofen  bestimmt,  zu  dem  mich  der  Teil  meiner  Bucher,  die 
ich  hier  vorgefunden  habe,  vorziiglich  ausriistet.  Die  Erschei- 
nung  dieses  Mannes  ist  f aszinierend ;  ich  ware  recht  froh, 

616 


Gelegenheit  zu  haben,  ihn  in  der  Nouvelle  Revue  Franchise 
zu  portratieren. 

1  Gedicht  von  Brecht. 


240     An  Gerhard  Scholem 

11.  August  34 

Lieber  Gerhard, 

den  Augenblick,  da  ich  die  -  nun  wohl  endgiiltig  letzte  - 
Hand  an  den  „Kafka"  lege  benutze  ich  urn  explizit  auf 
einige  Deiner  Einwendungen  zuruckzukommen,  auch  Fra- 
gen,  Deinen  Standort  betreffend,  anzuschlieBen. 

Ich  sage  „ explizit"  —  denn  implizit  geschieht  dies  in 
einigen  Hinsichten  durch  die  neue  Fassung.  Ihre  Verande- 
rungen  sind  erheblich,  das  in  Deinem  Besitz  befindliche 
Manuscript  ist,  wie  schon  gesagt,  uberholt..  Ich  erwarte  es 
taglich.  Das  revidierte  kann  ich  Dir  aus  technischen  Griinden 
unmoglich  schicken,  ohne  [daB]  das  ursprungliche  in  meiner 
Hand  ist. 

Einige  dringende  Bitten  voraus :  1)  wenn  irgend  moglich  mir 
„Hagadah  und  Halacha"  von  Bialik  *  baldigst  zuganglich  zu 
machen;  ich  benotige  die  Lektiire.  2)  den  Brief  an  Schoeps,  an 
den  Du  mich  erinnerst2,  als  Unterlage  der  zurzeit  zwischen 
uns  anhangigen  Aussprache  mir  zu  senden. 

Nun  die  paar  Hauptpunkte : 

1)  Das  Verhaltnis  meiner  Arbeit  zu  Deinem"  Gedicht 
mochte  ich  versuchsweise  so  fassen:  Du  gehst  vom  „Nichts 
der  Offenbarung"  aus  (vrgl.  unten  7),  von  der  heilsgeschicht- 
lichen  Perspektive  des  anberaumten  Prozefiverfahrens.  Ich 
gehe  von  der  kleinen  widersinnigen  Hoffnung,  sowie  den 
Kreaturen  denen  einerseits  diese  Hoffnung  gilt,  in  welchen 
andererseits  dieser  Widersinn  sich  spiegelt,  aus. 

2)  Wenn  ich  als  starkste  Reaktion  Kafkas  die  Scham  be- 


617 


zeichne,  so  widerspricht  das  meiner  sonstigen  Interpretation 
in  keiner  Weise.  Vielmehr  ist  die  Vorwelt  -  Kafkas  geheime 
Gegenwart  —  der  geschichtsphilosophische  Index,  der  diese 
Reaktion  aus  dem  Bereich  der  Privatverfassung  heraushebt. 
Das  Werk  der  Thora  namlich  ist  —  wenn  wir  uns  an  Kafkas 
Darstellung  halten  —  vereitelt  worden, 

5)  Hiermit  hangt  die  Frage  der  Schrift  zusammen.  Ob  sie 
den  Schiilern  abhanden  gekommen  ist  oder  ob  sie  sie  nicht 
entratseln  konnen,  kommt  darum  auf  das  gleiche  binaus, 
weil  die  Schrift  ohne  den  zu  ihr  gehorigen  Schliissel  eben 
nicht  Schrift  ist  sondern  Leben.  Leben  wie  es  im  Dorf  am 
SchloBberg  gefiihrt  wird.  In  dem  Versuch  der  Verwandlung 
des  Lebens  in  Schrift  sehe  ich  den  Sinn  der  „Umkehr",  auf 
welche  zahlreiche  Gleichnisse  Kafkas  —  von  denen  ich  „das 
nachste  Dorf"  und  den  „Kiibelreiter"  herausgegriffen  habe, 
hindrangen.  Sancho  Pansas  Dasein  ist  musterhaft,  weil  es 
eigentlich  im  Nachlesen  des  eignen  wenn  auch  narrischen 
und  donquichotesken  besteht. 

4)  DaB  die  Schiiler  —  „denen  die  Schrift  abhanden  gekom- 
men ist"  -  nicht  der  hetarischen  Welt  angehoren,  ist  von  mir 
anfangs  betont  worden,  indem  ich  sie  gleich  den  Gehilfen  zu 
denjenigen  Kreaturen  st elite,  fur  die,  nach  Kafkas  Wort, 
„unendlich  viel  Hoffnung"  vorhanden  ist. 

5)  DaB  ich  den  Aspekt  der  Offenbarung  fur  Kafkas  Werk 
nicht  leugne  geht  schon  daraus  hervor,  daB  ich  —  indem  ich 
sie  fur  „entstellt"  erklare  —  den  messianischen  fur  sie  aner- 
kenne.  Kafkas  messianische  Kategorie  ist  die  „Umkehr"  oder 
das  „Studium".  Richtig  vermutest  Du,  daB  ich  der  theologi- 
schen  Interpretation  an  sich  nicht  den  Weg  verlegen  will 
-  praktiziere  ich  sie  doch  selbst  -  sondern  nur  der  f  rechen  und 
leichtfertigen  aus  Prag.  Die  auf  das  Benehmen  der  Richter 
gestiitzte  Argumentation  habe  ich  als  unhaltbar  zuriick  gezo- 
gen  (sogar  noch  ehe  Deine  Vorstellungen  eintrafen). 

6)  Kafkas  stetes  Drangen  auf  das  Gesetz  halte  ich  fur  den 
toten  Punkt  seines  Werkes,  womit  ich  nur  sagen  will,  daB  es 
grade  von  ihm  aus  interpretativ  mir  nicht  zubewegenscheint. 
Mit  diesem  Begriff  will  ich  mich  in  der  Tat  explizit  nicht 
einlassen. 


618 


7)  Ich  bitte  Dich  urn  Erlauterung  Deiner  Umschreibung, 
Kafka  stelle  „die  Welt  der  Offenbarung  in  jener  Perspektive 
dar,  in  der  sie  auf  ihr  Nichts  zuriickgefiihrt  wird." 

Soviel  fiir  heute.  Gute  Besserung  fur  Escha,  alles  Herz- 
liche  fiir  Dich 

Dein  Walter 

1  Diesen  bedeutenden  Aufsatz  des  groBen  Dichters  Chajim  Nachman 
Bialik  (gest.  1934)  hatte  Scholem  im  „Juden"  IV  (1919),  S.  61-77,  aus 
dem  Hebraischen  iibersetzt. 

2  Vgl.  den  Brief  vom  28.  Februar  1933  (Nr.  215,  S.  562). 


241      An  Gerhard  Scholem 

15.  September  1934 

Lieber  Gerhard, 

ich  gestehe  eigentlich  vorgehabt  zu  haben,  mit  Schreib'en  auf 
die  Bestatigung  der  letzten,  numerisch  eingeteilten  Bemer- 
kungen  zu  Kafka  durch  Dich  zu  warten.  Aber  nun  verbietet 
mir  schon  die  fallige  dankende  Bestatigung  des  Cheks  fiir  den 
Baader,  diese  Zeilen  langer  hinaus  zu  schieben.  Auch  bin  ich 
Dir  Dank  fiir  den  Sonderdruck  der  Kritik  an  [Isaak]  Breuer l 
und  die  Abschrift  des  an  Schoeps  gerichteten  Briefes  schuldig. 

Damit  soil  nicht  gesagt  sein,  daB  [solchen  AbschluB]  der 
Kafka  selber  gefunderi  hat.  Vielmehr  gedenke  ich  ihn  weiter 
aus  einer  Reihe  von  Betrachtungen  zu  speisen,  die  ich  inzwi- 
schen  fortgesponnen  habe  —  und  in  denen  mir  eine  bemer- 
kenswerte  Formulierung  in  Deinem  Brief  an  Schoeps  weite- 
res  Licht  zu  geben  verspricht.  Sie  heifit:  „Nichts  .  .  .  ist,  auf 
historische  Zeit  bezogen,  mehr  einer  Konkretisation  bediirftig 
als  .  .  .  die  .  .  .  ^absolute  Konkretheit"  des  Offenbarungs- 
wortes.  Ist  doch  das  absolut  Konkrete  das  Unvollziehbare 
schlechthin."  Damit  ist  gewiB  eihe  Kafka  unbedingt  betref- 
fende  Wahrheit  ausgesprochen;  gerade  damit  auch  wohl  eine 
Perspektive  eroffnet,  in  der  der  geschichtliche  Aspekt  seines 

619 


Scheiterns  am  ersten  sinnfallig  wird.  Bis  aber  diese  und  an- 
schlieBende  Uberlegungen  eine  Gestalt  finden,  die  sie  definitiv 
mitteilbar  macht,  wird  wohl  noch  einige  Zeit  hingehen.  Und 
Dir  wird  das  umso  verstandlicher  sein,  als  die  wiederholte 
Lekture  meiner  Arbeit  wie  auch  meine  brieflichen  Glossen 
zu  ihr,  Dir  greifbar  gemacht  haben  werden,  daB  gerade  dieser 
Gegenstand  alle  Eignung  hat,  sich  als  Kreuzweg  der  Wege 
meines  Denkens  herauszustellen.  Bei  seiner  grundlicheren 
Markierung  werde  ich  ubrigens  auf  den  Aufsatz  von  Bialik 
bestimmt  nicht  verzichten  konnen.  Ware  es  nicht  mbglich, 
das  betreffende  Heft  des  „Juden"  leihweise  fur  mich  ausfin- 
digzumachen? 

[...] 

Ja,  die  letzte  „Fackel"  ist  auch  in  meine  Hande  gekom- 
men2.  Aber  nach  dieser  Beriihrung  konnten  wohl  auch  die 
eines  Galizianers  ihre  Beredtsamkeit  einbiifien  -  von  meinen 
Lippen  garnicht  zu  reden.  Hier  ist  wirklich  ein  neuer  Timon 
aufgestanden,  der  den  Erwerb  seines  Lebens  hohnlachend 
unter  die  falschen  Freunde  verteilt! 

Zum  SchluB :  Du  bist  so  gut,  Dich  der  franzosischen  Uber- 
setzung  der  „Berliner  Kindheit"  zu  entsinnen.  Davon  be- 
stehen  5  Stiicke;  an  ihre  Verwertung  ist  aber  darum  nicht  zu 
denken,  weil  ich  mit  dem  Mitarbeiter  mich  iiberworfen  habe, 
aus  Umstiinden  die  hbchst  pittoresk  aber  brief licher  Darstel- 
lung  nicht  zuganglich  sind  -  im  iibrigen  nichts  mit  dieser 
Arbeit  zu  tun  haben3.  Aber  vielleicht  wird  es  uns  doch  noch 
einmal  so  gut  [gehen],  daB  ich  Dir  Glanz  und  Elend  des 
letzten  ibizenkischen  Sommers  in  abendlicher  Ruhe  vormalen 
kann. 

Soviel  fur  heute  [. . .] 

Dein  Walter 

1  „Politik  der  Mystik",  aus  der  „Jiidischen  Rundschau"  1934,  no.  57. 

2  Das  groBe  Heft  890-905  der  „Fackel"  vom  JuH  1934,  mit  dem  Titel 
„Warum  die  Fackel  nicht  erscheint". 

3  Vgl.  die  „Erinnerungen  an  W.  B.u,  die  der  Ubersetzer,  Jean  Selz,  in 
der  „Neuen  Ziircher  Zeitung"  vom  8.  Oktober  1961  verbffentlicht  hat. 


620 


242     An  Max  Horkheimer 

Skovbostrand  per  Svendborg,  16.  Sept.  1934 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

ohne  eine  Vorstellung  davon  zu  haben,  wo  diese  Zeilen  Sie 
erreichen  werden,  will  ich  Ihnen  —  auf  gut  Gliick  —  kurz 
Nachricht  von  meinem  Sommer  geben. 

Durch  Herrn  [Friedrich]  Pollock  werden  Sie  gewiB  erfah- 
ren  haben,  daB  wir  uns  —  nach  einem  abweichenden  Projekt  — 
auf  eine  Arbeit  geeinigt  haben,  die  die  kulturwissenschaft- 
liche  und  kulturpolitische  Inventur  der  „Neuen  Zeit"  vor- 
nimmt.  Es  war  natiirlich  nicht  allein  der  gliickliche  Umstand, 
daB  mir  die  Zeitschrift  an  Ort  und  Stelle  vollstandig  zur 
Verfiigung  stent,  der  mich  zu  diesem  Vorschlag  bestimmte. 
Vielmehr  traten  zu  diesem  Umstand  zwei  Uberlegungen. 

Erstens  scheint  es  mir  naheliegend,  einmal  an  einem  prak- 
tischen  Beispiel  zu  zeigen,  wie  kollektive  Erzeugnisse  des 
Schrifttums  einer  materialistischen  Bearbeitung  und  Analyse 
besonders  entgegenkommen,  ja  erst  in  solcher  Bearbeitung 
einer  verniinftigen  Abschatzung  zuganglich  werden.  Dafiir 
ist  eine  Zeitschrift  vom  Format  der  „Neuen  Zeit"  ein  Muster. 
Zweitens  aber  hatte  ich  die  Absicht,  durch  eine  Arbeit,  deren 
dokumentarisches  Interesse  —  ganz  abgesehen  vom  Stand - 
punkt  des  Verfassers  -  ein  gesichertes  ist,  auch  von  der  tech- 
nischen  Seite  her  den  Zwecken  des  „Instituts  fur  Sozialfor- 
schung"  zu  dienen. 

Obwohl  ich  die  Studie  mit  dem  ersten  Halbjahrsband  von 
1914  abschlieBe  —  wahrend  des  Krieges  tritt  die  Kulturpolitik 
in  der  Zeitschrift  natiirlich  ganz  zuriick  —  ist  das  zu  priifende 
Material,  das  sich  auf  32  Bande  verteilt  (und  fast  alle  sind  ja 
gedoppelt)  recht  umfangreich.  Ich  habe  daher  auch  die  Mate- 
rialbeschaff ung  noch  lange  nicht  abgeschlossen  und  werde  aus 
diesem  Grunde  meinen  Aufenthalt  hier  noch  ausdehnen. 

Immerhin  ist  das  nur  in  gewissen  Grenzen  moglich  und 
daher  wiiBte  ich  gern,  ob  die  Zeitschrift,  sei  es  komplett,  sei 
es  in  grbBeren  Teilen,  etwa  in  Ihrer  oder  in  einer  sonstigen 
genfer  Bibliothek  vorhanden  ist.  DaB  ich  spaterhin  durch 

621 


Ihre  freundliche  Vermittlung  Mehrings  „Geschichte  der 
Sozialdemokratie"  und  einige  andere  Werke,  die  ich  zur  Er- 
ganzung  meiner  Materialien  heranziehen  muB,  bekommen 
kann,  halte  ich  fiir  sicher. 

Wenn  Sie  Europa  in  absehbarer  Zeit  uberhaupt  wieder 
betreten,  so  werden  wir  uns  —  wie  ich  bestimmt  hoff  e  —  sehen 
und  kbnnen  dann  an  Hand  meines  Materials  die  Arbeit  be- 
sprechen.  Wahrscheinlich  ware  es  giinstig,  wenn  das  in  Genf 
geschehen  konnte,  und  von  mir  aus  ist  das  vielleicht  nicht 
ganz  unmoglich,  da  ich  unter  Umstanden  meinen  Sohn  in  der 
Schweiz  treffen  werde.  In  diesem  Falle  wiirde  ich  von  hier 
direkt  in  die  Schweiz  gehen.  Aber  diese  Dispositionen  sind 
noch  nicht  ubersichtlich;  immerhin  wiirde  es  mich  sehr 
freuen,  baldigst  die  Ihrigen  zu  erfahren. 

Wollen  Sie  mir  auch  schreiben,  ob  Sie  etwa  durch  Paris 
koraraen,  und  wann? 

Ihnen,  und  dem  Institut,  ist  es,  hoffe  ich,  in  Amerika  ganz 
nach  Wunsch  gegangen.  Ich  fur  mein  Teil  darf  mit  dem 
Sommer  zufrieden  sein.  Zwar  ist  diese  Siidspitze  von  Ftinen 
eine  der  abgelegensten  Gegenden,  die  man  sich  denken  kann 
und  ihre  Unerschlossenheit  hat  nicht  nur  Vorteile,  aber  durch 
vielfaltige  Besuche  und  einen  guten  Radioapparat  ist  der 
Kontakt  mit  der  groBen  Welt  hergestellt.  Freilich  hatte  man 
gerade  in  diesem  Sommer  ja  keinesfalls  auf  ihn  verzichten 
konnen.  Den  osterreichischen  Putsch  von  Anfang  an  —  er  be- 
gann  ja  auf  dem  wiener  Sender  —  mitzuerleben,  wie  es  mir 
durch  Zufall  geschah,  ist  eine  wirklich  denkwiirdige  Erfah- 
rung  gewesen. 

Ihnen  und  Ihrer  Frau  sende  ich  einen  herzlichen  GruB 
und  die  besten  Wunsche 

Ihr  Walter  Benjamin 


622 


243     An  Werner  Kraft 

Svendborg,  27.  September  1934 

[. . .]  Zu  den  Einzelheiten  der  groBen  Darlegung  der  Fak- 
kel1  kann  ich  mich  noch  nicht  auBern,  ja,  ich  muB  dahin- 
gestellt  sein  lassen,  ob  ich  es  je  werde  tun  konnen.  Die 
Kapitulation  vor  dem  Austrofaschismus,  die  Beschonigung 
des  gegen  die  Wiener  Arbeiter  eingesetzten  weiBen  Terrors, 
die  Bewunderung  fur  die  -  Lassalle  ebenbiirtige  -  Rhetorik 
von  Starhemberg  (dessen  Worte  ich  zufallig  selber  im  Rund- 
funk  horte)  —  all  die  hier  einschlagigen  Stellen  —  die  ich  las  — 
machen  die  Bef assung  mit  f erneren  fur  mich  zu  einer  unver- 
bindlichen  Sache,  die  -  ob  ich  ihr  nun  nahertrete  oder  nicht  - 
fur  mich  sich  in  der  Frage  schon  liquidiert  hat:  Wer  kann 
nun  eigentlich  noch  umf alien?  Ein  bitterer  Trost  —  aber  auf 
dieser  Front  werden  wir  keinen  Verlust  mehr  haben,  der 
neben  diesem  auch  nur  der  Erwahnung  wert  ware.  Der  Da- 
mon ist  starker  als  der  Mensch  bezw.  der  Unmensch  gewesen: 
er  konnte  nicht  schweigen  und  so  hat  er  —  im  Selbstverrat  — 
den  Untergang  des  Damons  gefunden.  -  Sehr  dankbar  ware 
ich  Ihnen  fur  Bemerkungen  zu  meinem  Kafka  wie  auch  fur 
sonstige  sprachliche  Glossen  an  meine  Adresse,  welche  Sie 
mir  in  Aussicht  stellten. 

1  Es  handelte  sich  urn  die  von  Karl  Kraus  eingenommene  politische 
Stellung. 


244     An  Gerhard  Scholem 

Svendborg,  17.  Oktober  1934 

Lieber  Gerhard, 

mit  Kafka  geht  es  immer  weiter,  und  ich  bin  Dir  darum 
dankbar  fur  Deine  neuen  Bemerkungen.  Ob  ich  den  Bogen 
jemals  so  werde  spannen  konnen,  daB  der  Pfeil  abschnellt,  ist 

623 


natiirlich  dahingestellt.  Wahrend  aber  meine  sonstigen  Ar- 
beiten  recht  bald  den  Terminus  gefunden  hatten,  an  dem  ich 
von  ihnen  schied,  werde  ich  es  mit  dieser  langer  zu  tun  haben. 
Warum,  deutet  das  Bild  vom  Bogen  an:  hier  habe  ich  es  mit 
zwei  Enden  zugleich  zu  tun,  namlich  dem  politischen  und 
dem  mystischen.  Das  soil  iibrigens  nicht  heiBen,  daB  ich  mich 
in  den  letzten  Wochen  mit  der  Sache  befaBt  hatte.  Vielmehr 
wird  die  in  Deinem  Besitz  befindliche  Fassung  fur  eine  Weile 
unverandert  ihre  Geltung  behalten.  Ich  habe  mich  darauf 
beschrankt  zur  spateren  Reflexion  einiges  bereitzustellen. 

Bedrohlich  ist  die  Tats  ache,  daB  das  Institut  fiir  Sozial- 
forschung  nach  Amerika  ubersiedelt.  Eine  Losung,  ja  nur 
Lockerung  meiner  Beziehung  zu  seinen  Leitern  kbnnte  leicht 
davon  die  Folge  sein.  Was  das  bedeutet,  will  ich  nicht  aus- 
f iihren.  —  Wenn  Du  das  Buch  von  Borkenau *  gelesen  hast,  so 
bist  Du  iibrigens  mit  der  Aktivitat  des  Instituts  wohl  besser 
vertraut  als  ich.  Denn  die  Kreise,  mit  denen  ich  diesen  dick  en 
Band  bisher  von  weitem  umstrichen  habe,  enger  zu  ziehen, 
kommt  nach  Deinem  Bericht  nun  fiir  mich  wohl  kaum  mehr 
in  Frage. 

Ich  bin  14  Tage  von  hier  fort,  in  Kopenhagen  und  in  einer 
kleinen  Provinzstadt  gewesen,  wo  ich  eine  Bekannte  aus 
Deutschland  getroffen  habe.  Leider  war  ich  die  meiste  Zeit 
meiner  Abwesenheit  bettlagerig.  Immerhin  habe  ich  in  Ko- 
penhagen das  Etablissement  eines  Tatowierkiinstlers  entdeckt 
und  die  kleine  Sammlung  von  Bilderbogen^  die  ich  nach  der 
Trennung  von  den  Kinderbiichern  mir  angelegt  habe,  urn 
einige  herrliche  Original- Tat owier-Vorlagen,  von  derKiinst- 
lerhand  des  Meisters,  vermehrt.  [.  .  .] 

Ich  hoffe  Bloch  demnachst  zu  begegnen.  Von  hier  namlich 
fahre  ich  in  drei  Tagen  ab.  Und  zwar  gehe  ich  zu  Dora,  die 
in  San  Remo  ein  Etablissement  ubernommen  hat.  Stefan  ist 
noch  in  Deutschland,  soil  aber  im  nachsten  Fruhjahr  eben- 
falls  herunterkommen.  Ich  schreibe  mit  klammen  Fingern  in 
einem  eiskalten  Zimmer  und  kann  nicht  mehr  viel  hinzu- 
fiigen.  Solltest  Du  Kraft  sehen,  so  sage  ihm  bitte  Dank  fiir 
seinen  Brief.  Deine  Neujahrsgluckwunsche  erwidere  ich  spat 

624 


ab.er  herzlich  und  habe  umso  triftigeren  Grund,  Dir  die  denk- 
bar  beste  Gesundheit  zu  wiinschen  als  Du  —  Deiner  AuBerung 
nach  —  den  Jakobsroman 2  lesen  willst,  wenn  Du  krank  wirst. 

Dein  Walter 

1  „Der  Ubergang  vom  feudalen  zum  biirgerlichen  Weltbild",  Paris 
1934.  Scholem  hatte  sich  sehr  kritisch  dazu  geauBert. 

2  Von  Thomas  Mann. 


245     An  Max  Horkheimer 

SanRemo  [1934] 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

Ihr  Brief  erreicbt  mich  eben  im  Augenblick  meiner  Abreise 
von  Paris.  Herzlichen  Dank  fur  Ihre  Anfragel  Die  Moglich- 
keit,  in  Amerika,  sei  es  an  Ihren  Forschungen,  sei  es  an  denen 
Ihnen  befreundeter  Institute  tatig  zu  sein,  wiirde  ich  auf  das 
Dankbarste  begriiBen.  Ja  ich  darf  sagen:  Sie  verfiigen  fiir 
jedes  Arrangement,  das  Ihnen  zweckmaBig  erscheint,  im 
voraus  uber  meine  Zustimmung. 

So  dankbar  ich  Ihrem  Brief  fiir  die  —  wenn  auch  unge- 
wisse  -  Aussicht  bin,  die  er  mir  mit  Ihrer  Anfrage  eroffnete, 
so  schwer  finde  ich  mich  damit  ab,  unsere  personliche  Begeg- 
nung  auf  lange  hinausgeschoben  zu  sehen.  Aus  meinem  letz- 
ten  Briefe  werden  Sie  entnommen  haben,  daB  ich  sie  mit  dem 
Winter  in  greifbare  Nahe  geriickt  hoffte.  —  Das  ware  zunachst 
fiir  meine  Arbeit  sehr  erwiinscht  gewesen.  Es  wiirde  ihr  ge- 
wiB  zu  statten  kommen,  wenn  wir  gemeinsam  das  umfang- 
liche  Material  vornehmen  konnten,  das  ich  in  den  ungefahr 
vierzig  Doppelbanden  der  „Neuen  Zeit"  gesammelt  habe.  Ich 
habe  darauf  Wert  gelegt,  es  so  zu  wahlen,  daB  es  mehrfache 
Formen  der  Verarbeitung  zulaBt.  In  der  Tat  wiirde  ich  mich 
nicht  gern  auf  einen  definitiven  Text  festlegen,  ohne  die 
Sache  mit  Ihnen  durchgesprochen  zu  haben.  Da  auf  der  an- 
dern  Seite  die  Zeitschrift  noch  mein  groBes  Sammelreferat 

625 


zur  Sprachsoziologie  im  Manuscript  besitzt1,  so  konnte  der 
Artikel  iiber  die  „Neue  Zeit"  vielleicht  zu  einem  Termin 
angesetzt  werden,  der  uns  fur  eine  mundliche  Aussprache 
Zeit  laBt. 

So  sehr  mir  diese  Arbeit  am  Herzen  liegt,  so  wenig  stellt 
sie  freilich  den  einzigen  oder  auch  nur  nachstliegenden 
Gegenstand  einer  Aussprache  mit  Ihnen  dar.  Wir  hatten,  als 
Sie  im  Fruhjahr  das  letzte  Mai  durdi  Paris  kamen,  beide  mit 
einem  friiheren  Wiedersehen  gerechnet.  Sie  lieBen  damals 
das  Gesprach  auch  auf  meine  wirtschaftliche  Lage  kommen 
und  waren  so  freundlich,  mich  Hirer  Hilfsbereitschaft  auch 
fur  die  Zeit  Ihrer  Abwesenheit  zu  versichern.  Ich  meinerseits 
versprach  Ihnen,  von  ihr  nicht  ohne  auBerste  Notwendigkeit 
Gebrauch  zu  machen  und  so  habe  ich  es  auch  gehalten.  Ein- 
mal  in  dieser  Zeit  habe  ich  mich  an  Herrn  Pollock  gewandt 
und  er  hat  mir  auf  meine  Bitte  den  Betrag  fur  meine  Uber- 
siedlung  nach  Danemark  und  den  inzwischen  erfolgten 
Transport  eines  Teils  meiner  Bibliothek  zur  Verfiigung  ge- 
stellt.  Inzwischen  ist  es  mir  den  Sommer  iiber  gelungen,  mit 
meiner  kleinen  Rate  Haus  zu  halten,  ja,  durch  Verkaufe  aus 
meiner  Bibliothek  habe  ich  auch  noch  die  groBe,  kostspielige 
Reise  bestreiten  konnen,  auf  der  ich  mich  eben  befinde  und 
von  der  Paris  eine  Etappe  ist. 

Ich  kann  namlich,  so  leid  es  mir  tut,  hier  nicht  bleiben. 
Nichts  ware  mir  von  Hause  aus  mehr  erwiinscht.  Nachdem 
im  Laufe  dieses  Sommers  die  letzten  Moglichkeiten  journa- 
listischer  Arbeit  fur  mich  weggefallen  sind  -  aus  Deutschland 
bekommt  man  ja  keine  Uberweisungen  mehr  —  wiirde  nichts 
mehr  im  Wege  stehen,  jenes  groBe,  auf  jahrelangen  Studien 
iiber  Paris  beruhende  Buch  in  Angriff  zu  nehmen,  von  dessen 
Plan  ich  Ihnen  gelegentlich  sprach.  Ich  habe  mich  im  Som- 
mer mit  diesem  Material  weiter  beschaftigt,  und  heute  steht 
der  klare  Bau  des  Buches  vor  meinen  Augen.  Es  ware  -  nach 
dem  Urteil  eines  pariser  Freundes  —  sehr  denkbar,  hiesige 
Verleger  fiir  die  Sache  zu  interessieren.  Aber  -  ich  bin  im 
Augenblick  nicht  in  der  Lage,  selbst  meinen  Aufenthaltsort 
zu  bestimmen. 

Ja,  so  dringend  diese  Arbeit  Paris  verlangt,  so  gliicklich 

626 


muB  ich  auf  der  andern  Seite  daruber  sein,  daB  sich  durch 
ein  kleines  Pensionsunternehmen,  das  raeine  friihere  Frau  an 
der  Cote  d'azur  sich  eroffnet  hat,  mir  die  Moglichkeit  bietet, 
ein  oder  zwei  Monate  dort  ein  Unterkommen  zu  finden.  Eben 
diesem  Umstand  verdanke  ich  es,  diese  Zeilen  nicht  mit  einer 
Bitte  abschlieBen  zu  miissen.  Aber  es  sind  nur  ein  bis  zwei 
Monate,  die  dergestalt  als  Ruhepause  noch  vor  mir  liegen  und 
wenn  dieser  Brief  Sie  erreicht,  wird  ein  Viertel  dieser  Frist 
schon  verstrichen  sein. 

Ich  habe  Ihnen,  lieber  Herr  Horkheimer,  diese  Darstellung 
gegeben,  um  Ihnen  den  vollen  Sinn  meines  Einverstandnisses 
mit  Ihrer  Anfrage  zum  Ausdruck  zu  bringen.  Sollte  freilich 
die  amerikanische  Moglichkeit  sich  vorlaufig  nicht  realisieren, 
so  wiirde  ich  —  abgeschnitten  von  alien,  auch  den  bescheiden- 
sten  deutschen  Hilfsquellen  -  in  Kiirze  noch  einmal  iiber 
meine  Existenzmbglichkeiten  mit  Ihnen  zu  Rate  gehen 
miissen. 

Mit  herzlichen  Wiinschen  fur  Sie  und  Ihre  Frau  sowie 
vielen  GriiBen  im  Umkreis 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Erschien  in  der  „Zeitschrift  fiir  Sozialforschung"  4  (1935),  S.  248 
bis  268. 


246     An  Werner  Kraft 

SanRemo,  12.  November  1934 

Lieber  Herr  Kraft, 

Unsere  Korrespondenz  hat  mich  im  Laufe  der  letzten  Mo- 
nate gewaltig  in  Ihre  Schuld  versetzt  und  wenn  ich  eingehen- 
dere  Nachrichten  immer  bis  auf  einen  ruhigeren  Zeitpunkt 
verschob,  so  kann  ich  doch  selbst  nun,  da  ich  ihn  fiir  gekom- 
men  erachte,  nicht  alle  aufnehmen,  wie  ich  es  gern  tate.  Fiir 
das  Wesentlichste  handelt  es  sich  allerdings  nur  um  Aufschub, 
wenn  auch  wohl  einen  geraumen.  Denn  Ihre  letzten  Briefe 

627 


habe  ich  bei  denjenigen  Papieren  aufbewahrt,  die  ich  im 
Augenblick,  da  ich  wieder  an  meinen  Kafka  gehen  werde, 
wieder  vornehme. 

Ich  weiB  nicht,  ob  ich  Ihnen  schrieb,  daB  eine  eingehende 
neue  Befassung  mit  dieser  Arbeit  eigentlich  schon  im  Mo- 
ment ihres  „letzten"  Abschlusses  bei  mir  feststand.  Es  kamen 
in  soldier  Uberzeugung  mehrere  Umstande  zusammen.  An 
erster  Stelle  die  Erfahrung,  daB  diese  Studie  mich  an  einen 
carrefour  meiner  Gedanken  und  Uberlegungen  gebracht  hat 
und  gerade  die  ihr  gewidmeten  weiteren  Betrachtungen  fur 
mich  den  Wert  zu  haben  versprechen,  den  auf  weglosem  Ge- 
lande  eine  Ausrichtung  im  KompaB  hat.  Im  xibrigen  -  falls 
die  Meinung  einer  Bestatigung  bedurft  hatte,  so  ware  sie  mir 
in  den  lebhaften  und  verschiedenartigen  Reaktionen  gewor- 
den,  die  diese  Arbeit  bei  Freunden  hervorgerufen  hat.  Die 
Anschauungen,  die  Scholem  uber  sie  hegt,  sind  Ihnen  be- 
kannt;  bemerkenswert  war  mir,  wie  treffsicher  Sie  die  Oppo- 
sition erraten  haben,  die  von  Brechts  Seite  gegen  diese  Studie 
zu  erwarten  war,  wenn  Sie  auch  von  deren  zeitweiliger  Hef- 
tigkeit  kaum  eine  Vorstellung  haben.  Die  wichtigsten  Aus- 
einandersetzungen  uber  diesen  Gegenstand,  die  der  Sommer 
gebracht  hat,  habe  ich  seinerzeit  schriftlich  f  estgehalten1,  und 
Sie  werden  ihrem  Niederschlag  wohl  fruher  oder  spater  im 
Text  selbst  begegnen.  Im  iibrigen  haben  Sie  sich  ja  diese  Ein- 
wande  bis  zu  einem  gewissen  Grade  zu  eigen  gemacht.  In  der 
Tat  kann  man  die  Form  meiner  Arbeit  als  problematisch 
empfinden.  Aber  eine  and  ere  gab  es  fiir  mich  in  dem  Falle 
nicht;  denn  ich  wollte  mir  freie  Hand  lassen;  ich  wollte  nicht 
abschlieBen.  Es  diirfte  auch,  geschichtlich  gesprochen,  noch 
nicht  an  der  Zeit  sein,  abzuschlieBen  —  am  wenigsten  dann, 
wenn  man,  wie  Brecht,  Kafka  als  einen  prophetischen  Schrift- 
steller  ansieht.  Wie  Sie  wissen,  habe  ich  das  Wort  nicht  ge- 
braucht,  aber  es  laBt  sich  viel  dafiir  sagen,  und  das  wird  von 
meiner  Seite  vielleicht  noch  geschehen. 

Je  mehr  freilich  meine  Arbeit  sich  dem  lehrenden  Vortrag 
nahern  wiirde  —  ich  glaube  iibrigens,  daB  das  auch  in  der 
spatern  Fassung  nur  in  bescheidenen  Grenzen  der  Fall  sein 
konnte.  Desto  deutlicher  werden  in  ihr  Motive  zutage  treten, 

628 


mit  denen  Sie  sich  wahrscheinlich  weit  schwerer  befreunden 
werden  als  mit  ihrer  derzeitigen  Form.  Ich  denke  vor  allem 
an  das  Motiv  des  Gescheitertseins  von  Kafka.  Dieses  hangt 
aufs  engste  mit  meiner  entschlossen  pragmatischen  Inter- 
pretation Kafkas  zusammen.  (Besser  gesagt:  es  war  diese 
Betrachtungsweise  ein  vorwiegend  instinktiver  Versuch,  die 
falsche  Tiefe  des  unkritischen  Kommentars  zu  vermeiden, 
Beginn  einer  Deutung,  die  bei  Kafka  das  Geschichtliche  mit 
dem  Ungeschichtlichen  verbindet.  Ersteres  kommt  in  meiner 
Fassung  noch  zu  kurz.)  In  der  Tat  glaube  ich,  daB  jede  Inter- 
pretation, die  —  im  Gegensatz  zu  Kafkas  eigenem,  in  diesem 
Falle  unbestechlichen  und  lauteren,  Gefiihl  —  von  der  An- 
nahme  eines  durch  ihn  realisierten  mystischen  Schrifttums 
ausginge  statt  von  eben  jenem  Gefiihl  des  Autors  selbst,  sei- 
ner Richtigkeit  und  den  Griinden  des  notwendigen  Schei- 
terns  —  den  geschichtlichen  Knotenpunkt  des  ganzen  Werkes 
verfehlen  wiirde.  Erst  an  diesem  Punkte  ist  eine  Betrachtung 
moglich,  die  der  legitimen  mystischen  Auslegung  —  die  nicht 
als  Auslegung  seiner  Weisheit  sondern  seiner  Torheit  zu 
denken  ist  —  ihr  Recht  gibt.  Das  habe  ich  ihr  in  der  Tat  nicht 
gegeben;  aber  nicht,  weil  ich  Kafka  zu  wenig,  sondern  weil 
ich  ihm  zu  weit  entgegengekommen  bin.  Immerhin  hat  Scho- 
lem  die  Grenzen,  iiber  die  schon  die  gegenwartige  Nieder- 
schrift  sich  nicht  zu  bewegen  gewillt  ist,  sehr  deutlich  emp- 
funden,  wenn  er  mir  zum  Vorwurf  macht,  an  Kafkas  Begriff 
der  „Gesetze"  voruberzugehen.  Ich  werde  —  in  einem  spateren 
Zeitpunkt  —  den  Versuch  machen,  aufzuzeigen,  wieso  —  im 
Gegensatz  zum  Begriff  der  „Lehre"  —  der  Begriff  der  „Ge- 
setze"  bei  Kafka  einen  uberwiegend  scheinhaften  Charakter 
hat  und  eigentlich  eine  Attrappe  ist. 

Fur  den  Augenblick  mag  das  geniigen.  Leid  tut  mir,  dafi 
ich  Ihnen  ein  Exemplar  der  gegenwartigen  Fassung  nicht  zur 
Verfiigung  stellen  kann  und  dies  um  so  mehr  als  ja  wohl 
nicht  die  geringste  Aussicht  besteht,  die  Arbeit  in  dieser  oder 
sonst  einer  Form  gedruckt  zu  sehen.  Sie  steht  auch  in  auBerer 
Hinsicht  somit  an  einem  extremen  Ort  und  ist  wohl  geeignet, 
mich  hin  und  wieder  zur  Betrachtungsweise  des  „Essays" 
zuriickzufiihren,  die  ich  im  iibrigen  mit  ihr  abgeschlossen 

629 


haben  mo  elite.  Dank  fiir  den  Hinweis  auf  den  Aufsatz  von 
Margarete  Susman. 2  Noch  mehr  Dank  wiirde  ich  Ihnen 
schulden,  wenn  Sie  mir  Ihren  Kommentar  zum  „Alten  Blatt" 
senden. 3 

DaB  wir  unsere  Betrachtungen  iiber  Kraus  schriftlich  nicht 
fortsetzen,  schlagen  Sie  mit  Recht  vor.  Ich  mochte  Sie  aber 
auf  einen  kleinen  Sonderdruck4  aufmerksam  machen,  in  dem, 
zu  Kraus'  sechzigstem  Geburtstag,  Freunde  ihrem  Dank  und 
ihrer  Anhanglichkeit  Ausdruck  gegeben  haben,  weil  ich  nicht 
weiB,  ob  er  Ihnen  zu  Gesicht  gekommen  ist.  (Vielleicht  kon- 
nen  Sie  diesen  Privatdruck  durch  Jaray  in  Wien  bekommen.) 
Eine  recht  schone  Betrachtung  von  Viertel  stent  darin;  iibri- 
gens  auch  ein  Gedicht  von  Brecht. 

Ja,  schreiben  Sie  mir,  was  Sie  sich  zu  Montaigne  zurecht 
gelegt  haben.  Ich  kenne  ihn  wenig,  etwas  naher  aller dings 
den  Lukrez,  der  nun  in  der  Tat  eine  ganz  wunderbare  Figur 
ist.  Ihm  verdanke  ich  die  schonsten  Lesestunden,  die  mir  nach 
meiner  Knabenzeit  noch  gegeben  waren.  Das  war  im  Sommer 
vor  zwei  Jahren,  als  ich  jeden  Morgen  von  meinem  Zimmer 
am  einsamen  Strand  von  Ibiza  um  V2  7  ins  Meer  stieg,  um  zu 
baden  und  dann  an  einer  unzuganglichen  Waldstelle,  in 
einem  Polster  von  Moos  und  vor  der  schon  heiBen  Sonne 
geschiitzt,  eine  Stunde  lang,  ehe  ich  zum  Friihstiick  ging, 
Lukrez  zu  lesen.  Und  Lukrez  ist  vor  mancherlei  Sonnenpfei- 
len  ein  Schutz.  Sein  Kapitel  iiber  die  Liebe  gehbrt  sicher  zu 
den  bemerkenswerten  Dingen,  die  in  der  Weltliteratur  dar- 
iiber  zu  finden  sind. 

Ich  wiirde  mich  freuen,  bald  Gutes  von  Ihnen  zu  horen. 
Natiirlich  ist  mir  auch  an  allem  gelegen,  was  Sie  mir  iiber 
Ihre  Wahrnehmungen  und  Betrachtungen  iiber  Palastina 
mitteilen  konnen.  —  Lei  der  muB  ich  furchten,  daB  Ihre  pri- 
vaten  Verhaltnisse  sich  durch  die  neuen  Devisenvorschriften 
von  Deutschland  nicht  vereinfacht  haben.  Werden  Sie  vor  der 
Hand  driiben  bleiben?  Meine  Adresse  finden  Sie  unten- 
stehend.  Ich  werde  wohl  einige  Monate  an  der  cote  bleiben, 
sei  es  hier,  sei  es  in  Frankreich. 

Ehe  ich  schlieBe,  will  ich  Sie  noch  auf  ein  wenig  bekanntes 
Buch  hinweisen,  das  ich  vor  kurzem  las  und. das  ich  an  Be- 

630 


deutung  fur  mich  iiber  fast  alle  groBen  Romane,  ja  unmittel- 
bar  hinter  die  Chartreuse  de  Parme  stelle.  Es  ist  „der  Junker 
von  Ballantrae"  von  Stevenson.  Verschaffen  Sie  sich  das, 
wenn  Sie  konnen. 

1  Das  Heft  mit  der  Aufzeichnung  dieser  Gesprache  ist  in  W.  B.s  Nach- 
la!3  erhalten.  Brecht  erklarte,  der  Auf satz  leiste  dem  „jiidischen  Faschis- 
mus"  Vorschub. 

2  Das  Hiob-Problem  bei  Franz  Kafka.  In:  „Der  Morgen"  V,  1,  1929. 

3  In  Kafkas  „Landarzt". 

4  Stimmen  iiber  Karl  Kraus  zum  60.  Geburtstag,  Wien  1934.  Darin 
von  Brecht  „Uber  die  Bedeutung  des  zehnzeiligen  Gedichts  in  der 
888.  Nummer  der  Fackel  (Oktober  1933)". 


247     An  Alfred  Cohn 

SanRemo,  19.  Dezember  1934 

Lieber  Alfred, 

ich  hatte  die  Freude,  Deinen  Brief  an  der  angegebenen  Stelle 
zu  finden.  Mit  Ruhe  und  aller  Aufmerksamkeit  habe  ich  ihn 
gelesen  und  daraus  entnommen,  mit  wie  kluger  Hand  Du  die 
zarte  Flamme  der  Hoffnung  vor  dem  WindstoB  der  Zeit- 
geschichtebeschiitzt.  Ich  wunscheDireinenhauslichen,  wohl- 
bestellten  Kamin,  in  dem  sie  eines  guten  Tages  ziindet. 

Und  wie  sieht  es  mit  mir  aus?  So  da6  man  wirklich  Beden- 
ken  haben  muB,  einem  lebensklugen  Manne  wie  Dir  im 
Langen  und  Breiten  davon  zu  erzahlen.  Wenn  mir  einer  er- 
klarte,  ich  konne  von  Gliick  sagen,  in  der  herrlichsten  Gegend 
-  und  San  Remo  ist  wirklich  besonders  schon  —  ohne  tagliche 
Lebens-  und  Existenzsorgen  meinen  Gedanken  promenierend 
oder  schreibend  nachgehen  zu  diirfen  —  was  sollte  ich  dem 
Mann  erwidern.  Und  wenn  ein  anderer  sich  vormiraufbaute, 
um  mir  ins  Gesicht  zu  sagen,  es  sei  ein  Elend  und  eine 
Schande,  so  gleichsam  in  den  Trummern  seiner  eignen  Ver- 
gangenheit  sich  einzunisten l,  fern  von  alien  Aufgaben,  Freun- 
den  und  Produktionsmitteln  -  vor  dem  Mann  wiirde  ich  erst 
recht  betreten  schweigen. 

631 


Natiirlich  bin  ich  um  das  tagliche  Pensum  nicht  in  Ver- 
legenheit.  Aber  es  ware  an  der  Zeit,  es  wieder  einmal  von 
weitem  und  aus  dem  Ganzen  her  zu  bestimmen;  wie  sehr,  das 
erkenne  ich,  seitdem  ich  begonnen  habe,  meine  Studien  zu 
den  „Passagen"  genau  und  systematisch  durchzugehen.  Lei- 
der  besteht  nicht  die  geringste  Aussicht,  meinen  Aufenthalts- 
ort  in  absehbarer  Zeit  frei  wahlen  zu  konnen;  ich  werde  froh 
sein  miissen,  wenn  ich  ihn  wechseln  kann.  Ob  es  im  iibrigen 
wieder  in  nordlichem  Sinne  geschehen  wird,  ist  zweifelhaft 
—  seit  Brecht  in  London  ist  —  wo  er  sich  offenbar  immer  noch 
aufhalt  —  ist  keinerlei  Nachricht  von  ihm  zu  erhalten. 

Kurz,  um  die  Moglichkeit  eines  burgerlich-geselligen  Urn- 
gangs,  der  mir  hier  vollkommen  abgeht,  beneide  ich  Dich 
nicht  wenig.  Entschadigt  werde  ich  in  den  nachsten  Tagen 
durch  Stefans  Kommen  werden,  der  die  Weihnachtsferien 
hier  zubringen  wird,  um  Ostern,  wenn  irgend  moglich,  auf 
eine  hiesige  Schule  iiberzugehen. 

DaB  Du  von  Deiner  alten  Gewohnheit,  mich  zu  beschen- 
ken,  noch  immer  nicht  lassen  kannst,  habe  ich  mit  seltner 
Freude  vernommen.  Ich  hatte  Lust,  mich  wieder  einmal  von 
Hand  zu  Hand  bei  Dir  zu  bedanken  -  beziehungsweise  den 
Bilderbogen  an  Ort  und  Stelle  in  Empfang  zu  nehmen  —  aber 
es  ist  doch  sehr  zweifelhaft,  ob  die  Kiiste  mich  bis  zu  Dir 
geleiten  wird2.  Dazu  kommt,  daB  die  so  tief  in  mich  einge- 
grabnen  Linien  Ibizas  in  der  letzten  Zeit  in  schmerzhaften 
Konfigurationen  sich  zusammengezogen  haben.  Damit  meine 
ich  nicht  nur  und  nicht  an  erster  Stelle  den  Tod  von  Jean 
Jacques  Noeggerath3  —  weil  aber  dessen  Lebensfaden  zufallig 
durch  einen  Knoten  des  meinigen  lief,  hat  mich  dieser  Tod 
doch  viel  mehr  betroff  en  als  es  nach  der  Art  unseres  Umgangs 
vermutbar  gewesen  ware. 

Zur  Literatur  wiiBte  ich  Dir  heute  nicht  viel  zu  melden. 
Erst  vom  Horensagen  ist  mir  bekannt,  daB  im  Verlag  Oprecht 
und  Helbling  —  dessen  Lektor  Bernhard  von  Brentano  ist  — 
das  neue  Buch  von  Bloch  herausgekommen  ist.  Es  soil  —  wie 
mir  von  einer  freilich  nicht  unbedingt  unfehlbaren  Stelle  mit- 
geteilt  wurde  -  peinliche  und  bosartige  Auseinandersetzungen 
mit  mir  enthalten4.  Warten  wir  ab!  Brechts  Roman5  ist  bei 


632 


Allert  de  Lange  in  Amsterdam  erschienen.  Ein  neues  Buch 
von  Simenon  habe  ich  gelesen  „Les  suicides",  das  mir  gef alien 
hat.  DaB  ich  seit  drei  Monaten  nicht  miide  werde,  von  Steven- 
sons  Roman  „Der  Junker  von  Ballantrae"  zu  sprechen,  wirst 
Du  wohl  schon  gemerkt  haben  und  ich  werde  Dich  kaum  auf 
ihn  hinzuweisen  brauchen.  —  Vielleicht  interessiert  Dich,  daB 
Hessel,  wie  ich  aus  der  Frankfurter  Zeitung  ersah,  Greens 
„Visionnaire"  iibersetzt  hat. 

Soviel  fur  diesmal.  Es  ware  schon,  wenn  ich  nicht  allzu 
lange  auf  neue  Nachrichten  von  Dir  warten  muB.  Dir  und 
Grete  die  herzlichsten  GriiBe 

Dein  Walter 

1  W.  B.  wohnte  in  der  von  seiner  geschiedenen  Frau  gefuhrten  Pension 
Villa  Verde. 

2  Alfred  Cohn  lebte  damals  als  Kaufmann  in  Barcelona. 

3  Sohn  von  Felix  Noeggerath. 

4  „Erbschaft  dieser  Zeit",  1935.  Uber  Benjamin  vor  allem  S.  275  f£. 

5  „Cer  Dreigroschenroman",  1934. 


248     An  Karl  Thieme 

San  Remo,  25.  Dezember  1934 
Lieber  Herr  Thieme, 

langst  habe  ich  vorgehabt,  fiir  die  mehrfachen  und  gewichti- 
gen  Beweise  Ihres  Gedenkens  Ihnen  den  aufrichtigsten  Dank 
zu  sagen.  Nun  gibt  das  Eintreffen  Ihrer  letzten  Sendung  und 
die  Nahe  des  neuen  Jahres,  zu  dem  Sie  meiner  besonders 
herzlichen  Wunsche  versichert  sein  sollen,  dazu  den  doppel- 
ten  AnlaB. 

Weil  ich  diesem  Dank  keine  gemaBere  Form  geben  konnte 
als  die  der  eingehenden  Auseinandersetzung  mit  Ihrer  be- 
deutsamen  abendlandischenBildungsgeschichte^muB  erfrei- 
lich  als  ein  schriftlicher  und  den  Bedingungen  solcher  AuBe- 
rung  unterworfener,  sehr  unvollstandig  ausfallen.  Mag  das 
Wenige,  daB  ich  einer  mundlichen  Aussprache  mit  Ihnen,  die 
ich  mir  sehr  erhoffe,  voranschicke,  Ihnen  trotzdem  willkom- 
men  sein! 


633 


Mit  etwas  mir  dem  Anschein  nach  Abliegendem  zu  begin- 
nen:  je  weiter  ich  in  Ihrem  Brief  vorankam  und  zumal  als 
ich  der  seinen  ganzen  letzten  Teil  erleuchtenden  Kritik  der 
devotio  moderna  begegnete,  desto  ofter  muBte  ich  an  meinen 
lange  verstorbenen  Freund  Florens  Christian  Rang  denken, 
der  mich  in  langen  Gesprachen,  die  kaum  je  den  Gegenstan- 
den  der  Theologie  galten,  mit  einer  theologischen  Gedanken- 
welt  vertraut  gemacht  hat,  die  tiefe  Kommunikationen  mit 
der  Ihrigen  aufwies.  Ich  kann  es  nicht  anders  denken,  als  daB 
sein  Name  Ihnen  durchaus  vertraut  und  seine  „  Deutsche 
Bauhiitte"2  langst  bekannt  ist.  DaB  Sie  diesem  Manne  nicht 
mehr  begegnen  konnten,  scheint  mir  dennoch  beklagenswert. 
Ihm  lebte,  so  wie  Ihr  Buch  es  fur  Sie  bekraftigt,  die  gesamte 
abendlandische  Kultur  aus  den  Gehalten  der  jiidisch-christli- 
chen  Offenbarung  und  ihrer  Geschichte.  In  einem  umfang- 
reichen  Kommentar,  der  bestimmt  zu  den  merkwiirdigsten 
Hervorbringungen  der  Exegese  gehort,  hat  er  ihre  Herrschaft 
noch  auf  der  Hohe  der  Renaissancedichtung  —  in  Shakespeares 
Sonetten  —  erweisen  wollen. 

Es  liegt  auf  der  Hand,  daB  mich  bei  einer  ersten  Lektiire 
Ihres  Werks  die  theologische  Analyse  der  seit  dem  Humanis- 
mus  herrschenden  Bildungsidee  besonders  gefesselt  hat.  Ihr 
Begriff  der  Gemein-  Wahrheit  eroff net  Ihnen,  wie  mir  scheint, 
hier  auBerordentlich  weittragende  Erkenntnisse.  Ihre  Ana- 
lyse desNeuhumanismus  sowie  derKlassik  erscheint  mir  voll- 
kommen  durchgreif end ;  ich  habe  diese  Seiten  mit  auBer- 
ordentlicher  Spannung  gelesen.  Und  wenn  ich  Ihnen  dies 
sage,  so  brauche  ich  Sie  kaum  daran  zu  erinnern,  daB  mein 
Begriff  der  Gemein -Wahrheit  —  einen  solchen  erkenne  ich 
an!  —  nicht  der  Ihrige  ist;  merke  ich  es  an,  so  geschieht  es  nur 
um  anzudeirten,  wie  breit  der  Weg  durch  die  Bresche  gebahnt 
ist,  die  Sie  in  die  hieratische  Mauer  der  humanistischen  Bil- 
dung  gehauen  haben. 

Unmoglich  kann  ich  auf  die  vielen,  vielen  Stellen  verwei- 
sen,  an  denen  Sie  im  Voriibergehen  kleine  Wegsteine  auf- 
richten,  von  denen  aus  einem  Verweilenden  sich  klare  und 
wohlgebaute  intellektuelle  Landschaften  oder  auch  von  einem 
Strahl  der  Einsicht  erhellte  Kluf te  auftun :  Ihre  wunderbare 


634 


Charakteristik  des  Jesuitenstils  als  eines  unbeteiligt  aufge- 
stellten  Prospektes  erlaubter  Weltlust,  Ihre  Erhellung  der 
lutherischen  Siindenlehre  aus  dem  Begriff  der  „verdammten" 
Pflicht  und  Schuldigkeit,  Ihre  theologische  Kennzeichnung 
des  Welttriebs  als  innercalvinistischer  Auseinandersetzung, 
die  Konfrontierung  des  Calvinismus,  der  nicht  „gefragt"  war 
mit  den  ersten  Christen,  an  welche  die  Frage  erging  oder  Ihr 
schoner  Ursprungsnachweis  des  Jiingerschen  „Arbeiterkrie- 
gers". 

DaB  die  Behutsamkeit  und  die  Kraft,  die  Sie  dem,  was  Sie 
zu  sagen  hatten,  zugewandt  haben,  nirgends  verloren  waren, 
fiih.lt  jeder  halbwegs  geweckte  Leser  Ihrer  Sprache  an.  Nicht 
jeder  aber  —  nur  darum  erlaube  ich  mir  diesen  Hinweis  —  wird 
merken  —  wie  es  zufallig  mir  geschah  — ,  daB  Sie  an  manchen 
Stellen  so  tief  in  die  Sache  eingehen,  daB  vergangene  Sprach- 
gebarden  mit  ihr  zum  Vorschein  kommen.  So  die  des  Pietis- 
mus,  die  in  Samuel  Collenbusch  unvergleichlich  Gestalt  an- 
nahm3  und  mit  der  dieser  Mann  selber  auf  Ihrer  p  136  von 
neuem  vernehmbar  wird:  „ An  die  Stelle  von  Luthers  aus 
Dankbarkeit  fur  seine  gnadenreiche  Erlosung  Gott  das  Gute 
zu  Liebe  tuendem  Glaubigen  .  .  ." 

Ich  habe  genug  gesagt,  um  Ihnen  meinen  Dank,  im  Zu- 
sammenhang  Ihres  eigenen  meines  Buches  gedacht  zu  haben, 
ganz  fiihlbar  zu  machen;  nicht  genug  —  das  weiB  ich  sehr 
gut  —  um  die  kiinftige  Aussprache,  zu  der  ich  kraft  eben  die- 
ses Danks  mich  gedrungen  fiihle,  uberfliissig  oder  auch  nur 
weniger  dringlich  zu  machen.  Im  Sinn  einer  solchen  darf  ich 
Sie  vielleicht  —  gewiB  nurbehelfsweise  —  auf  Fragmente  einer 
groBeren  Arbeit  „Franz  Kafka"  hinweisen,  die  eben  in  der 
„Jiidischen  Rundschau"  erscheinen.  Mir  sind  Exemplare 
erst  angekiindigt,  so  daB  ich  Ihnen  leider  keines  mitsenden 
kann. 

Es  eriibrigt  nur  noch,  Ihnen  zu  sagen,  mit  wie  groBem 
Interesse  ich  die  vier  ersten  Berichte  iiber  die  gegenwartige 
Lyrik4  gelesen  habe,  die  Sie  an  mich  gehen  lieBen.  Ich  habe 
ihnen  viel  Interessantes  entnommen,  freilich  auch  manche 
Einrede  gegen  sie  anzumeldem  Worin  ich  Ihnen  mit  beson- 
derem  Nachdruck  zustimme,  das  ist  die  Verwahrung,  die  Sie 

635 


gegen  die  Doktrin  der  Natur  tel  quel  -  vor  allem  in  dem  Ab- 
schnitt  liber  Elisabeth  Langgasser  -  einlegen  und  die  so  ein- 
greif  end  in  Ihrem  Auf  satz  iiber  Franziskus5  wieder  zu  Worte 
kommt. 

Ich  werde  vermutlich  noch  eine  ganze  Weile  in  San  Remo 
bleiben,  wo  die  Arbeitsbedingungen  gewiB  absolut  gesehen 
ungiinstig,  relativ  gesehen  aber  ganz  annehmbar  liegen.  Dafi 
Sie  in  absehbarer  Zeit  in  meine  Nahe  kommen,  ist  wohl 
wenig  wahrscheinlich,  desto  mehr  wiirde  es  mich  f  reuen,  von 
Ihnen  Nachricht  zu  erhalten. 

Mit  herzlichem  Grufi 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  „Das  alte  Wahre.  Eine  Bildungsgeschichte  des  Abendlandes",  1934. 

2  Erschien  1924. 

3  Ober  Collenbusch  hat  W.  B.  in  dem  Vorwort  zu  des  sen  Brief  an 
Kant  in  „Deutsche  Menschen"  gehandelt, 

4  Sammelrezensionen  in  der  FZ,  vom  21.  Sept.,  11.  Okt.,  27.  Nov.  und 
5.  Dez.  1934. 

5  „Der  Patron  der  tatholischen  Aktion".  In  „Franziskanisches  Leben", 
Jg.  12.  1936. 


249     An  Gerhard  Scholem 

San  Remo,  26.  Dezember  1934 

Lieber  Gerhard, 

Dein  nach  Danemark  an  mich  gerichteter  Brief  hat  vor  zwei 
Wochen  endlich  den  Weg  zu  mir  gefunden.  Nicht  so  eine  in 
ihm  angekiindigte  deutsche  Arbeit,  die  sich  verloren  haben 
mufi.  Ich  hoffe  sehr,  daB  es  Dir  moglich  ist,  mir  ein  anderes 
Exemplar  von  ihr  sehr  bald  hierher  zu  senden.  Ich  muBte 
sonst  auf  den  Gedanken  kommen,  dafi  eine  obere  Kraft  be- 
flissen  sei,  von  den  Quellen  des  mystischen  Schrifttums  mich 
abzuschneiden  —  und  nicht  nur  den  lauteren,  sondern  auch 
den  getriibteren.  Da  ist  zum  Beispiel  seit  Wochen  Blochs 
„Erbschaft  dieser  Zeit"  erschienen.  Aber  glaubst  Du,  ich 

636 


hatte  das  Buch  zu  Gesicht  bekommen?  Nur  soviel  weiB  ich, 
daB  Unruhe  und  Gezank  im  SchoBe  der  Getreuen  dariiber 
sich  vorbereitet,  indem  ich  teils  zu  den  im  Text  mir  erwiese- 
nen  Ehren  begluckwiinscht,  teils  gegen  die  —  angeblich  in 
denselben  Stellen  enthaltenen  -  Schmahungen  in  Schutz  ge- 
nommen  werde.  Auch  vom  Verfasser  selbst  ist  schon  ein  Brief 
eingetroffen.  Nur  eben  fehlen  die  Unterlagen,  die  mir  erlau- 
ben  wiirden,  aus  dem  allem  mir  einen  Vers  zu  machen. 

Am  wenigsten  aber  wirst  Du  zogern  diirfen,  mich  mit 
authentischen  Dokumenten  zu  versehen  wenn  ich  Dir  anver- 
traue,  daB  ich  ins  Hauptquartier  der  wirklichen  Zauberjuden 
gefallen  bin.  Es  hat  namlich  [Oskar]  Goldberg  sich  hier  an- 
sassig  gemacht  und  seinen  Schiiler  Caspary  in  die  Cafes,  die 
„Wirklichkeit  der  Hebraer"  in  den  hiesigen  Zeitungskiosk 
delegiert,  wahrend  er  selbst  -  wer  weiB  —  im  Casino  die 
Probe  auf  seine  Zahlenmystik l  anstellt.  Uberniissig  zu  sagen, 
daB  ich  nach  dieser  Seite  keine  Kommunikationen  aufgenom- 
men  habe.  Weniger  selbstverstandlich  —  aber  leider  nicht 
weniger  wahr  —  daB  solche  auch  nach  sonst  keiner  Richtung 
hier  fur  mich  bestehen  oder  absehbar  sind. 

Den  Worten,  mit  denen  Dein  letzter  Brief  meine  Lage 
streift,  laBt  sich  ein  Irrtum  nicht  nachsagen.  Das  Schlimmste 
ist,  daB  ich  miide  werde.  Und  dies  ist  weniger  eine  unmittel- 
bare  Einwirkung  meiner  ungesicherten  Existenz  als  der  Iso- 
lierung  in  die  deren  Zufalle  mich  versetzen.  Sie  war  kaum  je 
vollendeter  als  hier,  in  einem  Bade-  und  Fremdenpublikum, 
von  dem  fur  mich  schwerlich  etwas  ErsprieBliches  zu  erwar- 
ten  ist,  zu  dem  ich  aber  die  Distanz,  unter  den  obwaltenden 
Umstanden,  taglich  von  neuem  herzustellen  habe. 

Es  bediirfte  nicht  soviel,  um  mir  eine  Reise  nach  Palastina 
als  erwiinscht  erscheinen  zu  lassen;  in  der  Tat  ware  ja  nichts 
angezeigter,  als  wenn  wir  die  Fundamente  unseres  Brief- 
wechsels  der  mit  den  Jahren  zu  einem  Wolkenkratzer  heran- 
gewachsen  ist,  einmal  gemeinsam  inspizieren  wiirden.  Auch 
wiirde  ich  das  Fahrgeld  wohl  am  Ende  zusammen  bringen, 
wenn  die  —  Hin-  und  Ruckreise  bestreitende  —  Summe  sich 
auf  einen  geniigenden  Zeitraum  verteilen  lieBe.  Schreibe  mir 

637 


bitte  naher,  wie  Du  die  Gestaltung  der  Sache  Dir  denken 
wiirdest,  ob  ich  sie  mit  Vortragen  kombinieren  konnte,  usw. 

In  diesen  Tagen  ist  wie  Du  gewifi  gesehen  hast  der  erste 
Teil  des  „Kafka"  erschienen  und  was  lange  gewahrt  hat  ist 
nun  leidlich  geworden.  Mir  wird  diese  Publikation  ein  An- 
stoB  sein,  demnachst  das  Dossier  von  fremden  Einreden  und 
eigenen  Reflexionen  zu  offnen,  das  ich  mir  —  ein  in  meiner 
Praxis  durchaus  neuer  Fall  —  zu  dieser  Arbeit  angelegt  habe. 
In  absehbarer  Zeit  wird  nun  audi  wohl,  in  der  „Zeitschrift 
fur  Sozialforschung"  mein  groBes  Sammelreferat  zur  Sprach- 
theorie  erscheinen,  das  ich  —  wie  Du  vielleicht  schneller  mer- 
ken  wirst  als  mir  lieb  ist  —  als  ein  Lernender  geschrieben 
habe.  Immerhin  habe  ich  aus  diesem  coram  publico  erfol- 
genden  Lehrvorgang  Nutzen  gezogen,  und  zwar  noch  ganz 
neuerdings  durch  die  Bekanntschaft  mit  Karl  Biihlers  „Sprach- 
theorie". 

Dein  Walter 

1   Eine  Anspielung  auf  Goldbergs  Jugendschrift  „Die  fiinf  Biicher 
Mosis,  ein  Zahlengebaude",  Berlin  1908. 


250     An  TheodorW.  Adorno 

SanRemo,  7.  1.  1935 

Lieber  Herr  Wiesengrund, 

ich  vermute  Sie  zuriick  und  gehe  daran,  Ihren  groBen  Brief 
vom  17ten  Dezember  zu  beantworten.  Nicht  ohne  Zogern  -  er 
ist  so  gewichtig  und  greift  derart  in  die  Mitte  der  Sache  ein, 
daB  ich  keine  Aussicht  habe,  ihm  auf  brieflichem  Wege  ge- 
recht  zu  werden.  Umso  wichtiger  ist,  daB  ich  Sie  vor  allem 
andern  noch  einmal  der  groBen  Freude  versichere,  die  Ihr 
lebendiger  Anteil  in  mir  erweckt  hat.  Ich  habe  Ihren  Brief 
nicht  nur  gelesen  sondern  studiert;  er  verlangt  es,  Satz  fur 
Satz  uberdacht  zu  werden.  Da  Sie  meine  Intentionen1  aufs 


638 


genaueste  erfaBt  haben,  so  sind  Ihre  Fehlanzeigen  von  groB- 
tem  Belang.  Das  gilt  in  erster  Linie  von  den  Bemerkungen, 
die  Sie  iiber  die  riiangelnde  Bewaltigung  des  Archaischen 
machen;  es  gilt  also  in  ausgezeichneter  Weise  von  Ihren  Be- 
denken  zur  Frage  der  Weltalter  und  des  Vergessens.  Im 
iibrigen  raume  ich  ohne  weiteres  Ihren  Einwendungen  gegen 
den  Terminus  „Versuchsanordnung"  das  Feld  und  werde  mit 
den  sehr  bedeutsamen  Bemerkungen  zu  Rate  gehen,  die  Sie 
iiber  den  stummen  Film  machen.  Einen  Fingerzeig  gab  mir 
der  Umstand,  daB  Sie  so  besonders  nachdriicklich  auf  die 
„Aufzeichnungen  eines  Hundes"  hinweisen.  Gerade  dieses 
Stuck  ist  mir  —  wohl  als  das  einzige  —  noch  im  Verlauf  meiner 
Arbeit  am  „Kafka"  fortdauernd  fremd  geblieben  und  ich 
wuBte  -  habe  es  auch  wohl  Felizitas  gegeniiber  ausgespro- 
chen  —  daB  es  mir  sein  eigentliches  Wort  noch  zu  sagen  hatte. 
Ihre  Bemerkungen  Ibsen  diese  Erwartung  ein. 

Nachdem  nun  zwei  Teile  —  der  erste  und  dritte  —  erschie- 
nen  sind,  ist  der  Weg  fur  die  Neufassung  frei;  ob  er  freilich 
auf  ein  Publikationsziel  hinauslaufen  und  Schocken  die  er- 
weiterte  Fassung  in  Buchform  herausbringen  wird,  ist  noch 
fraglich.  Die  Umarbeitung  wird,  soviel  ich  jetzt  sehe,  beson- 
ders den  vierten  Teil  zu  betreffen  haben,  der  trotz  des  groBen 
—  oder  vielleicht  wegen  des  allzugroBen  —  Akzents  der  auf 
ihm  liegt,  selbst  Leser  wie  Sie  und  Scholem  nicht  zur  Stel- 
lungnahme  vermocht  hat.  Im  iibrigen  fehlt  unter  den  Stim- 
men,  die  bisher  laut  geworden  sind,  auch  Brechts  nicht;  und 
so  hat  sich  alles  in  allem  eine  Klangfigur  um  ihn  gebildet, 
der  ich  noch  manches  abzulauschen  habe.  Vorlaufig  habe  ich 
eine  Sammlung  von  Reflexioneh  angelegt,  um  deren  Projek- 
tion  auf  den  Urtext  ich  mich  noch  nicht  kummere.  Sie  grup- 
pieren  sich  um  das  Verhaltnis  „Gleichnis  =  Symbol",  in  dem 
ich  die  Kafkas  Werke  bestimmende  Antinomie  denkgerechter 
gefaBt  zu  haben  glaube  als  mit  dem  Gegensatz  „Parabel  = 
Roman".  Die  nahere  Bestimmung  der  Romanform  bei  Kafka, 
iiber  deren  Notwendigkeit  ich  mit  Ihnen  einig  bin  und  die 
bisher  fehlt,  kann  nur  auf  einem  Umweg  erreicht  werden. 

Ich  wiirde  wiinschen  — und  es  ist  garnicht  so  unwahrschein- 
lich  -  daB  manche  dieser  Fragen  noch  off  en  stehen,  wenn  wir 

639 


uns  das  nachstemal  sehen  werden.  Falls  ich  mir  namlich 
wirklich  Hoffnung  im  Sinn  einer  Andeutung  von  Felizitas 
machen  kann,  nach  der  Sie  eine.  Osterreise  nach  San  Remo 
erwogen  haben.  Ich  ware  dariiber  selir  froh  -  ja  mehr  als  Sie 
es,  ohne  meine  gegenwartige  Isolierung  ermessen  zu  konnen, 
wohl  mutmaBen.  Im  Augenblick  stent  hier  allerdings  eine 
kurze  Unterbrechung  bevor;  ich  erwarte  Wissing  und  so 
werde  ich  vielleicht  noch  mittelbar  Zeuge  seiner  letzten  ber- 
liner  Monate,  der  en  Ausklang  Sie  unmittelbar  erlebten.  Und 
auch  das  laBt  mich  eine  Begegnung  mit  Ihnen  erhoffen. 

Uber  den  Ostertermin  hinaus  sehe  ich  nicht.  Brecht  hat 
mich  wieder  nach  Danemark  gebeten,  und  zwar  schon  jetzt. 
Nun  werde  ich  San  Remo  wohl  keinesf  alls  vor  dem  Mai  ver- 
lassen,  auf  der  andern  Seite  aber  mein  Hiersein,  so  wertvoll 
es  mir  als  refugium  ist,  nicht  ununterbrochen  andauern  las- 
sen,  denn  die  Isolierung  von  Freunden  und  Arbeitsmitteln 
macht  es  auf  die  Dauer  zu  einer  gefahrlichen  Belastungs- 
probe.  Dazu  tritt  natiirlich  eine  jeden  Augenblick  lahmend 
empfundene  Bindung  an  das  striktest  Lebensnotwendige.  Da 
mir  nun  —  dies  zur  Antwort  Ihrer  freundschaftlichen  An- 
frage  vom  Dezember,  fur  die  ich  Ihnen  herzlich  danke  - 
unter  den  hiesigen  Umstanden  dieses  Lebensnotwendigste 
dank  der  100  sfr  des  Instituts  nicht  abgeht,  so  ist  es  in  der 
Tat  wohl  kaum  arigezeigt,  meine  Angelegenheiten  an  Ferner- 
stehende  heranzutragen.  Wiewohl  mir  ein  MindestmaB  von 
Bewegungsfreiheit,  und  damit  ein  groBes  von  Initiative,  ge- 
rade  jetzt  mit  den  kleinsten  Mitteln  zu  vers  chaff  en  ware. 
Wie  aber? 

Und  auf  der  andern  Seite  wissen  Sie  aus  Erfahrung,  daB 
ein  HochstmaB  von  Initiative  fur  die  ersten  Texte  in  fremder 
Sprache  aufgebracht  werden  muB.  Ich  spiire  es  an  dem 
„Bachofen",  den  ich  zur  Zeit  fur  die  Nouvelle  Revue  Fran- 
gaise  schreibe.  Es  lieBe  sich  bei  dieser  Gelegenheit  viel  zu 
unsern  eigensten  Dingen  sagen.  Fur  Frankreich,  wo  niemand 
Bachofen  kennt  —  keine  seiner  Schriften  ist  ubersetzt  —  muB 
ich  Informatorisches  in  den  Vordergrund  stellen.  Ich  will 
aber,  gerade  bei  diesem  Stichwort,  nicht  vergessen,  Ihnen, 
was  die  Bemerkungen  zu  Klages  und  Jung  betrifft,  meine 

640 


restlose  Zustimmung  zu  Ihrem  Brief  vom  5ten  Dezember  zu 
sagen.  Genau  in  dem  Sinne,  in  den  Sie  deuteten,  halte  ich  es 
fur  notig,  mir  eine  groBere  Kenntnis  von  Jung  zu  verschaf- 
fen.  Haben  Sie  seine  Studie  iiber  Joyce  zufallig  verfiigbar? 

Sagen  Sie  mir  doch  bitte,  woher  das  stammt:  „So  gut  wie 
nichts  hat  alles  gut  gemacht"  ?2  Und  wollen  Sie  mir  nicht  das 
Stuck  iiber  die  Fahrscheine  Londons  senden,  auf  das  Sie  an- 
spielen?  In  jedem  Fall  erwarte  ich  sobald  als  nur  moglich 
Ihr  Stuck  iiber  die  Schallplatte  zu  lesen,  das  in  so  wichtige 
Zusammenhange  eingreift. 

Das  erste  Exemplar  von  Blochs  Buch,  das  an  mich  ging, 
mufi  mich  verfehlt  haben;  der  Verlag  hat  mir  ein  zweites 
angekiindigt.  Was  ich  sehr  beklage  ist,  daB  Bloch,  der  die 
Ausrichtung  an  sachkundigen  Freunden  gewiB  nicht  weniger 
notig  hat  als  irgend  einer  von  uns,  seine  geraumigen  Reise- 
zirkel  scheinbar  ohne  Riicksicht  auf  sie  schlagt  und  sichs  an 
der  Gesellschaft  seiner  Papiere  genug  sein  laBt. 

Haben  Sie  den  „Dreigroschenromari"  gelesen?  Mir  er- 
scheint  er  im  hbchsten  Grade  gegliickt.  Schreiben  Sie  mir, 
was  Sie  dariiber  d^nken.  Geben  Sie  mir  iiberhaupt  recht  aus- 
fiihrliche  Nachricht  und  vergessen  Sie  nicht  den  Stand  Ihrer 
eigenen  Arbeiten. 

Ich  griiBe  Sie  fur  heute  aufs  herzlichste. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  In  dem  Aufsatz  uber  Kafka. 

2  Aus  Adornos  „Tom  Sawyer". 


251     An  Bertolt  Brecht 

SanRemo,  9.  1.  1935 

Lieber  Brecht, 

wie  es  mit  Danemark  steht,  ist  noch  nicht  ganz  klar.  Hork- 
heimer  hat  mir  geschrieben,  daB  er  in  Amerika  ein  Stipen- 
dium  fur  mich  auftreiben  will,  mit  dem  ich  auf  ein  Jahr 

641* 


hiniiber  kommen  kann.  Die  Sache  ist  ganz  unbestimmt.  Aber 
ich  habe  natiirlich  geschrieben,  daB  ich  annehmen  wiirde. 

Es  ist  sehr  gut  moglich,  daB  garnichts  daraus  wird,  und 
dann  kame  ich  sehr  gerne.  -  Hier  ist  es  im  iibrigen  recht  pas- 
sabel  was  die  auBeren  Umstande  angeht.  Dagegen  iibersteigt 
die  Isolierung  -  von  Menschen,  von  Informationen,  von  Ar- 
beitsmitteln  -  oft  das  Ertragliche. 

Da  haben  Sie  es  in  England  anders  gehabt.  Gern  wiiBte 
ich  naher,  wie?  Auch  was  iiber  die  Stiicke  und  den  Roman 
dort  entschieden  wurde? 

Den  [Dreigroschen-]  Roman  habe  ich  nun  im  Druck  ge- 
lesen,  und  zwar  mit  immer  wieder  erneutem  Vergniigen  an 
vielen  Stellen.  Diesmal  habe  ich  Walley  besonders  ins  Herz 
geschlossen.  —  Das  Buch  scheint  mir  sehr  dauerhaft.  Ich  horte 
auch  von  G.,  daB  es  ihm  vollkommen  gelungen  erscheint. 

Klaus  Mann  hatte  ich  gebeten,  mir  fur  die  Anzeige1  die 
bisherigen  Pressestimmen  zu  schicken.  Es  kann  nutzlich  sein 
zu  wissen,  welchen  Vers  die  Leute  sich  auf  clas  Buch  gemacht 
haben.  Er  schrieb,  Landauer  habe  alles  an  Sie  geschickt. 
Konnten  Sie  mir  vielleicht  die  Ausschnitte  auf  acht  Tage 
iiberlassen?  Sie  wiirden  sie  eingeschrieben  zuriickerhalten. 

Das  Buch  iiber  die  Photographie 2  ist  noch  Manuscript.  Ob 
ein  Abzug  verfiigbar  ist,  weiB  ich  nicht.  Es  geht  von  den 
Anfangen  bis  an  das  Jahrhundertende.  Wenn  Sie  wollen 
konnte  ich  der  Verfasserin  schreiben. 

Bis  Ostern  werde  ich  sicher  hierbleiben;  dann  wird  Stefan 
auf  die  hiesige  Schule  kommen. 

Haben  Sie  „Erbschaft  dieser  Zeit"  von  Bloch  gesehen?  Sie 
sind  darin  behandelt. 

Das  nachste  Heft  der  Zeitschrift  fur  Sozialforschung  wird 
ein  sprachwissenschaftliches  Referat  von  mir  enthalten.  Im 
iibrigen  bin  ich  dabei,  meinen  ersten  grbBeren  franzosischen 
Aufsatz  -  „Bachofen"  -  abzuschlieBen.  Eine  Besprechung 
mit  dem  Redakteur  der  Nouvelle"  Revue  Francaise  war  das 
einzige  Ergebnis  meiner  pariser  Tage.  Die  Emigranten  sind 
niedergeschlagen;  Kracauer  war  es  besonders.  Einige,  wie 
Heinrich  Mann  und  Kesten,  haben  eine  Binnenemigration 
nach  Nizza  veranstaltet. 


642 


Wie  geht  es  dem  Auto?  Gegebenenfalls  legen  Sie  wohl  in 
meinem  Narnen  eine  Blumenspende  auf  seinem  erkalteten 
Motor  nieder. 

Die  herzlichsten  GriiBe,  bitte  auch  an  Heli  und  die  Kinder 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  B.  schrieb  eine  Rezension  von  Brechts  Dreigroschenroman  fur  die 
von  Klaus  Mann  herausgegebene  Zeitschrift  „Die  Sammlung";  ob- 
wohl  der  Aufsatz  bereits  gesetzt  war,  erschien  er  dort  nicht,  vgl.  dazu 
die  Brief e  Nr.  257  und  258  an  Scholem  und  Brecht.  Er  findet  sich  in: 
Bertolt  Brechts  Dreigroschenbuch.  Frankfurt  1960.  S.  187-193. 

2  Wahrscbeinlich  Gisele  Freund:  La  photographie  francaise  au  XIXe 
siecle.  Paris  1936.  Von  W.  B.  in  der  „Zeitschrift  fur  Sozialforschung"  7 
(1938),  Seite  296  besprochen. 


252     An  Werner  Kraft 

San  Remo,  9.  Januar  1935 

[.  .  .]  Warum  schreiben  Sie  mir  nicht  mehr  iiber  den  „Drei- 
groschenroman"  ?  In  meinem,  modisch  vielleicht  zentralen, 
literarisch  jedenfalls  abgelegenen  Winkel  habe  ich  keinerlei 
Vorstellung  von  der  Aufnahme,  die  das  Buch  ringsum  gefun- 
den  hat.  Da  ich  augenblicklich  selbst  an  seiner  Rezension  ar- 
beite,  habe  ich  Brecht  gebeten,  mir  Einblick  in  diePressestim- 
men  zu  geben.  Was  iibrigens  dessen  Gedicht  in  der  Festschrift 
fiir  Kraus  betrifft,  so  weiB  ich  zufallig,  daB  dieses  sich  nicht 
ohne  offenkundige  Schroffheit  hatte  zuriickziehen  lassen.  DaB 
aber  Brecht  eine  solche  nicht  an  den  Tag  legen  wollte,  erlaubt 
—  bei  seiner  ungemeinen  Hoflichkeit  —  kaum  weittragende 
Schliisse. ! 

Noch  weniger  berechtigt  aber  ist  die  MutmaBung  Ihrer 
letzten  Karte,  Ihre  brieflichen  Bedenken  gegen  den  „Kafka" 
konnten  meine  Empfindlichkeit  verletzt  haben.  Darf  ich  Sie, 
ohne  das  Entsprechende  nun  Ihnen  gegeniiber  zu  riskieren, 
versichern,  daB  neben  anderen  Einwendungen,  die.  erhoben 
worden  sind,  die  Ihren  wie  gefiederte  Pf  eile  unter  Granaten- 
wagen  erscheinen  (womit  ich  keineswegs  insinuierenwill,  daB 

643 


sie  giftig  seien).  Eben  die  Kontroversen  aber,  die  iiber  diese 
Arbeit  sich,  wie  iiber  keine  andere  erhoben  haben,  bestatigten 
nur,  daG  auf  ihrem  Gelande  eine  Anzahl  der  strategischen 
Punkte  heutigen  Denkens  liegen  und  meine  Miihe,  es  weiter 
zu  befestigen,  keine  unniitze  ist. 

Sie  haben  niir  schon  seit  langem  Reflexionen  iiber  Pala- 
stina  angekiindigt,  die  ich  mit  groBem  Interesse,  hoffentlich 
bald,  lesen  werde.  —  Seume  ist  eine  der  bewundernswertesten 
Gestalten  des  Burgertums  und  unter  seinen  Briefen  gibt  es 
unvergleicbliche.  —  So  feine  Sachen  wie  die  „ Corona"  kom- 
men  mir  langst  nicht  mehr  zu,  es  sei  derm,  Sie  waren  in  der 
Lage,  das  Heft  leihweise  der  von  mir  eingangs  erbetenen 
Sendung  beizuschlieBen.  Auf  alle  Falle  sind  Sie  vielleicht  so 
freundlich,  mir  die  Adresse  der  Redaktion  mitzuteilen. 

Haben  Sie  Ernst  Blochs  „Erbschaft  dieser  Zeit"  gesehen? 
Sie  finden  da  audi  ein  Kapitelchen  iiber  mich,  dessen  Aspekte 
freilich,  wie  mir  der  Autor  rechtzeitig  brief lich  versicherte, 
auf  Vollstandigkeit  keinen  Anspruch  erheben. 

PS  Ein  gewisser  Julius  Kraft  hat  ein  Buch  mit  dem  Titel 
„Die  Unmoglichkeit  der  Geisteswissenschaften"  erscheinen 
lassen.  Ist  das  ein  Verwandter  von  Ihnen?2 

1  Die  Unstimmigkeiten  zwischen  Brecht  und  Kxaus  gingen  auf  dessen 
Pamphlet  „ Warum  die  Fackel  nicht  erscheint"  (Fackel  890-905)  zu- 
riick.  Brecht  reagierte  mit  dem  Gedicht  „TJher  den  schnellen  Fall  des 
guten  Unwissenden". 

2  Nein. 


253     An  Helene  Weigel 

San  Remo,  3.  Februar  1935 

Liebe  Heli, 

ich  habe  mich  iiber  Ihren  Brief  sehr  gefreut.  Natiirlich  hatte 
ich  gern  erfahren,  wie  es  Ihnen  und  Brecht  in  London  er- 
gangen  ist.  Aber  da  bleibe  ich  wohl  auf  die  sparlichen  Nach- 
richten  meiner  dortigen  Korrespondenten  angewiesen.  Haben 
Sie  Schoen  gesehen? 

644 


Um  das  Wichtigste  voranzuschicken :  zum  66  habe  ich 
niemanden.  Die  Leute  sind  hier  viel  zu  gebildet  zum  Karten- 
spielen.  Es  ist  mir  eineLehre:  man  soil  nicht  iiber  seine  Kreise 
hinausstrebenl  Nun  bin  ich  freilich  von  unserm  Stammtisch 
weit  abgetrieben  und  es  wird  bestimmt  einige  Zeit  dauern 
bis  ich  wieder  an  seinem  Rande  auftauche.  Wenn  mich  das 
Genfer  Institut  nicht  nach  Amerika  holt,  so  komme  ich  wohl 
im  Laufe  des  Sommers.  Leider  hat  Brecht  mir  keinerlei  Aus- 
schnitte  iiber  den  Roman  geschickt.  Ich  hatte  sehr  gem  bei 
meiner  Anzeige,  an  der  ich  eben  bin,  gewuBt,  was  die  Leute 
sich  fur  einen  Vers  auf  das  Buch  gemacht  haben.  Mir  ist 
keine  einzige  Kritik  zu  Gesicht  gekommen,  weil  ich  nur  f ran- 
zosische  und  italienische  Blatter  lese.  Vielleicht  konnten  Sie 
mir  noch  ein,  zwei  wichtige  Stiicke  senden. 

Das  Buch,  nach  dem  Sie  fragen,  heiBt 

Henri  Damaye:  Psychiatrie  et  Civilisation 
Paris  1934(Alcan) 

Es  handelt  sich  aber  da  nicht  um  Massenjisy chosen  sondern 
um  Bakterien  als  Erreger  von  Individualpsychosen.  Insbe- 
sondere  behauptet  der  Verfasser,  dafi  bestimmte  Formen  des 
KochschenBazillus  nicht  Tuberkulose  sondern  Psychosen  her- 
vorrufen. 

Lesen  Sie  Of  und  Petrow:  Ein  Millionar  bei  den  Sowjets  — 
wenn  es  deutsch  zu  haben  ist.  Ich  lese  es  eben  in  der  fran- 
zbsischen  Ausgabe  und  finde  sehr  lustige  Sachen  darin. 

Recht  herzliche  Griifie! 

Ihr  Walter  Benjamin 


254     An  Alfred  Cohn 

San  Remo,  6.  Februar  1935 

Lieber  Alfred, 

ich  ermanne  mich  aus  einem  fiebrigen  Schnupfenabend,  um 
Dir  fur  Deine  letzte  Nachricht  zu  danken.  Wenn  das  Februar- 
wetter  bei  Euch  dem  hiesigen  ahnlich  sieht,  so  werdet  Ihr 


645 


alle  Miihe  haben,  die  Kinder  wohlbehalten  hindurchzusteu- 
ern.  Die  Vormittage,  an  denen  die  Sonne  scheint,  sind  sehr 
warm;  am  nachmittag,  wenn  die  Sonne  verschwunden  ist, 
setzt  unvermittelt  eine  feuchte  Kalte  ein,  mit  deren  unange- 
nehmen  Folgen  ich  mich  seit  einer  Woche  trage. 

Dein  letzter  Brief  sprach  von  einigermaBen  ertraglichen 
Verhaltnissen  und  vor  allem  von  Aussichten  auf  verbesserte. 
Es  ware  sehr  schon,  wenn  diese  sich  inzwischen  eingestellt 
hatten.  Hier  hat  sich  indessen  nichts  fur  mich  verandert,  es 
sei  denn,  daB  sich  allmahlich  der  Fruhjahrstermin  abzeich-  . 
net,  iiber  den  hinaus  ich  meinen  Aufenthalt  wohl  nicht  aus- 
dehnen  werde.  Solange  werde  ich  mich  indessen  in  die  herme- 
tische  Isolierung  ergeben  miissen,  mit  der  ich  die  relativ 
angenehmen  Umstiinde  auBern  Lebens  zur  Zeit  erkaufe. 
Diese  geht  weit  iiber  das  MaB  hinaus,  in  dem  sie  etwa  meinen 
Arbeiten  forderlich  sein  konnte  und  ich  beschranke  mich 
darauf  halb  handwerksmaBig  und  ohne  mich  sehr  zu  beeilen, 
ein  Stuck  nach  dem  andern  zurechtzuzimmern.  Dazu  kommt, 
daB  einigermaBen  konzentrierte  Arbeit  teils  der  Raumver- 
haltnisse,  teils  der  Temperatur  wegen  uberhaupt  nur  im 
Bett  moglich  ist,  auf  das  ich  mich  gelegentlich  in  der  Tat 
vdllig  zuruckziehe.  Nur  so  habe  ich  schlieBlich  den  Bachofen- 
essay,  meine  erste  groBere  Arbeit  in  franzosischer  Sprache, 
abschlieBen  konnen,  und  ahnlich  habe  ich  es  mit  der  Rezen- 
sion  des  „Dreigroschenromansu  vor,  die  ich  eben  fur  die 
„Sammlung"  unternehme. 

Indessen  hat,  wie.  es  scheint,  die  Stabilisierung  in  Deutsch- 
land  ungeheure  Fortschritte  gemacht;  und  ich  wiirde  mich 
nicht  wundern,  wenn  es  dort  bald  zu  einer  Art  —  von  den 
Quengeleien  der  Sozialdemokratie  unbehelligten  und  der 
Reichswehr  horigen  —  Briiningregimes  kommen  wiirde.  Das 
diisterste,  und  doch  wohl  das  angemessenste  Zukunftsbild.  Was 
an  personlichen  Bindungen  zu  Deutschland  noch  vorhanden 
war,  lockert  sich  unter  diesen  Umstanden  vollig.  Zu  den  Aus- 
riahmen  gehort  die  an  Gliick,  mit  dem  ich  zwar  nicht  im 
Briefwechsel  stehe,  den  ich  aber  dies  Jahr  bestimmt  wieder- 
zusehen  hoff  e.  Tula  und  Fritz  dagegen  lassen  durchaus  nichts 
horen.  Auf  der  andern  Seite  werde  ich  auch  iiber  Ernst  nur 


646 


ganz  gelegentlich  durch  eine  gemeinsame  Freundin  verstan- 
digt.  Merkwiirdigerweise  scheint  sich  etwas  wie  ein  Zentrum 
fur  uns  noch  am  ehesten  in  England  gebildet  zu  haben.  Wie 
schwer  der  franzosische  Boden  bestellbar  ist,  haben  wir  ja 
noch  in  gemeinsamer  Erinnerung.  Und  doch  wird  mir  nichts 
iibrig  bleiben  als  da  immer  wieder  anzusetzen  und  manchmal 
frage  ich  mich,  ob  ich  nicht  a  tout  prix  diesen  Winter  hatte 
in  Paris  sitzen  miissen  und  glaube  mir  versaumte  Gelegen- 
heiten  vorwerfen  zu  miissen.  Auf  der  andern  Seite  —  und  um 
die  Tragweite  der  eignen  Ausfallserscheinungen  nicht  zu 
uberschatzen  —  habe  ich  mich  in  letzter  Zeit  damit  unter- 
halten,  was  mich  betrifft  eine  ,Liste  der  Fehler  und  Fehl- 
schlage  der  beiden  letzten  Jahre'  zu  verfassen  und  es  hat  sich 
der  schwache  Trost  ergeben,  daB  die  erstern  durchaus  nicht 
immer  die  Bedingung  der  letztern  waren, 

Immerhin  taucht  die  erste  Emigrationszeit  in  Ibiza  je 
weiter  sie  zurucktritt  in  umso  farbigern  Schimmer.  Und  ich 
sage  das,  um  die  folgenden  Ibiza  angehenden  Fragen  Dir 
besonders  anzuempfehlen.  Vielleicht  ist  es  Dir  moglich,  sie 
mir  wenigstens  teilweise  auf  Grund  eigner  Erkundigungen 
zu  beantworten.  Ich  mochte  namlich  sehr  gern  wissen  1)  ob 
Noeggeraths  noch  auf  der  Insel  sind  2)  wo  etwa  und  3)  ob  sie 
ihr  Grundstiick  noch  besitzen  oder  es  gar  bebaut  haben. 
4)  Wie  es  dem  Bildhauer  Jokisch  in  Ibiza  geht  und  5)  ob  der 
Guy  Selz  noch  seine  Bar  am  Hafen  hat? 

Um  nun  auf  Deine  eigne  Anfrage1  zu  kommen,  so  glaube 
ich  nicht,  daB  der  geeignete  Weg,  Deine  Erkundigungen  ein- 
zuziehen,  iiber  Scholem  fuhrt.  Einen  direkten  weiB  ich  aller- 
dings  auch  nicht.  Aber  ein  naher  -  dem  Namen  nach  Dir 
vertrauter  —  Bekannter,  dessen  Adresse  ich  Dir  gebe,  wird 
wenn  Du  ihm  ausfiihrlich  und  unter  nachdrucklicher  Bezug- 
nahme  auf  mich  schreibst,  vielleicht  durch  Verwandte  oder 
Freunde,  die  er  dort  hat,  etwas  fur  Dich  in  Erfahrung  brin- 
gen  konnen.  Er  selbst  ist,  wie  Du  weiBt,  nicht  Kaufmann 
sondern  Bibliothekar,  so  daB  Du  auBer  Zweifel  stellen  muBt, 
daB  Du  Dich  nicht  an  seine  personliche  Kompetenz  (die  hier 
fehlen  wiirde)  sondern  durch  ihn  an  etwaige  Fachleute  wen- 
dest.  Werner  Kraft  Jerusalem  Rechavja  Ben  Maimon  Street  37 

647 


bei  Rosenberg.  Dies  war  nocb  nicht  trocken,  da  kam  die  netie 
Adresse:  Rechavja  Alphasi  Street  31. 

Ich  entwische,  so  oft  ich  kann,  von  hier  nach  Nizza.  Nicht 
als  ob  es  da  viel  Leute  fur  mich  gabe,  aber  doch  immerhin  ein 
oder  zwei.  Und  dann  verniinftige  Cafes,  Buchhandlungen, 
gut  versehene  Zeitungskioske  —  kurz  alles  was  hier  in  keiner 
Weise  zu  finden  ist.  Dort  versehe  ich  mich  auch  mit  Krimi- 
nalromanen,  von  denen  ich  nicht  wenige  brauche,  da  meine 
Nachte  hier  um  1/2  9  zu  beginnen  pflegen.  Neben  Simenon 
ist  da  neuerdings  Pierre  V6ry  ein  sehr  guter  Mann.  Sonst  las 
ich  (aus  dem  Russischen)  Ilf  et  Petrow:  Un  millionaire  au 
pays  des  Sovjets  —  im  ersten  Teil  auBerst  komisch,  spaterhin 
schwacher;  Drieu  la  Rochelle:  La  Com^die  de  Charlesroi  - 
mit  der  Novelle  „Le  Deserteur",  in  der  ich  mit  Erstaunen 
die  genaue  Darstellung  meiner  eignen  politischen  Haltung 
fand;  Montherlant:  Les  celibataires  —  die  ich  Dir  wohl  schon 
fruiter  sehr  anempf ohlen  habe ;  Guehenno :  Journal  d'un 
homme  de  quarante  ans,  in  dem  einige  Erfahrungen  unserer 
Generation  gut  formuliert  sind.  Freilich  nie  so  gut  wie  Wie- 
land  Herzfelde  es  tat  als  er  mich  im  Sommer  unvermutet  in 
einem  kleinen  Vorort  von  Kopenhagen  auftauchen  sah:  „Na 
ja  —  Benjamin.  Sie  sind  doch  auch  92er?  Wir  werden  uns 
noch  ofter  sehen.  Denn,  wissen  Sie,  mit  dieser  Generation 
steht  es  doch  so:  die,  die  von  zarterer  Beschaffenheit  waren, 
die  sind  schon  vor  1914,  die  die  von  torichter  waren  zwischen 
1914  und  18  verschwunden.  Die  da  iibrig  geblieben  sind,  die 
bleiben  noch  eine  Weile." 

Das  neue  Buch  von  Bloch,  das  ich  Dir  geschickt  habe,  wirst 
Du  bekommen  haben.  Ich  ware  Dir  dankbar,  wenn  Du  mich 
etwas  dariiberhorenlieBest.  Die  undankbare,  auBerst  schwie- 
rige  Aufgabe,  ihm  dariiber  zu  schreiben,  habe  ich  mit  vielen 
Kunstgriffen  immer  wieder  hinausgeschoben,  werde  sie  nun 
aber  nicht  mehr  lange  umgehen  konnen.  Der  schwere  Vor- 
wurf ,  den  ich  dem  Buch  mache  (wenn  auch  nicht  dem  Verfas- 
ser  machen  werde)  ist  daB  es  den  Umstanden,  unter  denen  es 
erscheint,  in  garkeiner  Weise  entspricht  sondern  so  deplaziert 
auftritt  wie  ein  groBer  Herr,  der,  zur  Inspektion  einer  vom 
Erdbeben  verwusteten  Gegend  eingetroffen,  zunachst  nichts 

648 


eiligeres  zu  tun  hatte  als  von  seinen  Dienern  die  mitgebrach- 
ten  —  ubrigens  teils  schon  etwas  vermotteten  —  Perserteppiche 
ausbreiten,  die  —  teils  schon  etwas  angelaufnen  —  Gold-  und 
Silbergefa.Be  aufstellen,  die  —  teils  schon  etwas  verschosse- 
nen  —  Brokat-  und  Damastgewander  sich  umlegen  zu  lassen. 
Selbstverstandlich  hat  Bloch  ausgezeichnete  Intentionen  und 
erhebliche  Ein&ichten.  Aber  er  versteht  es  nicht,  sie  denkend 
ins  Werk  zu  setzen.  Seine  iibertriebnen  Anspriiche  hindern 
ihn  daran.  In  solcher  Lage  —  in  einem  Elendsgebiet  —  bleibt 
einem  groBen  Herrn  nichts  iibrig  als  seine  Perserteppiche  als 
Bettdecken  wegzugeben  und  seine  Brokatstoffe  zu  Manteln 
zu  verschneiden  und  seine  Prachtgefafie  einschmelzen  zu 
lassen. 

Die  Liste  der  Zeitungsnummern,  in  denen  die  „Briefe" 
erschienen  sind,  lege  ich  Dir  bei.  Ich  selbst  habe  mir  leider 
durch  die  Stiirme  der  Jahre  nur  zwei  komplette  Folgen  er- 
halten  konnen,  deren  eine  ich  jedenfalls  solange  in  Reserve 
halten  mufl,  als  noch  die  leiseste  Hoffnung  einer  Buchaus- 
gabe  fortbesteht.  Viele  der  Nummern  sind  leider  vergriffen. 
So  kann  ich  Dir  leider  in  dieser  Sache  nicht  weiter  von  Nut- 
zen  sein,  obwohl  ich  der  nachste  dazu  ware. 

Erlauterndes  zum  Kafka  vielleicht  ein  andermal.  Aber  be- 
stimmt  nicht,  bevor  ich  von  Dir  einen  langeren  Bericht  iiber 
Dein  Ergehen  bekommen  habe,  auf  den  mir  ein  kraftiges 
Recht  zu  verschaffen  in  meinen  Augen  den  Wert  des  vorste- 
henden  bildet. 

Mit  den  herzlichsten  GruBen 

Dein  Walter 

1  Tiber  kaufmannische  Moglichkeiten  in  Palastina. 


649 


255     AnMaxHorkheimer 

SanRemo,  19.Febr.  1935 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

ich  danke  Ihnen  herzlich  fiir  Ihren  Brief  vom  28ten  Januar. 

Vor  allem  bin  ich  sehr  froh  iiber  die  Aussicht,  daB  wir  nun 
in  absehbarer  Zeit  zu  einer  miindlichen  Aussprache  gelangen 
werden. 

Aber  schon  heute  mochte  ich  Ihnen  sagen,  wie  wichtig  mir 
Ihr  dringlicher  Wunsch  die  Arbeit  iiber  Fuchs l  angehend  ist. 
Es  ist  mir  nach  Ihrem  Brief  selbstverstandlich,  sie  alien  ande- 
ren  Projekten  vorangehen  zu  lassen.  Wenn  sich  das  im  Mo- 
ment noch  nicht  auswirkt,  so  deshalb,  weil  ich  Bedenken  habe, 
Fuchs  zur  Sendung  neuer  Biicher  —  mehrere  habe  ich  im  ver- 
gangenen  Sommer  studiert  —  in  einem  Augenblick  zu  veran- 
lassen,  wo  meine  ferneren  Dispositionen  nicht  iibersehbar 
sind.  Es  ist  leider,  wie  ich  Ihnen  schon  schrieb,  sehr  fraglich, 
ob  ich  mich  hier  uber  Ostern  hinaus  halten  kann,  und  was 
dann  wird,  dariiber  wage  ich  noch  nicht  einnial,  mir  Gedan- 
ken  zu  machen. 

Es  ware  fiir  diese  Arbeit  unendlich  viel  wert,  wenn  ich 
sie  in  Paris  machen  kbnnte.  Nicht  nur  um  wahrend  ihrer 
Dauer  mich  in  Fiihlung  mit  Fuchs  zu  halten  -  obwohl  auch 
das  seinen  grofien  Wert  hatte  —  sondern  auch  um  der  Sache 
das  breite  Fundament  des  Vergleichs,  das  Sie  selbst  in  Ihrem 
Briefe  skizzieren,  geben  und  ferner,  um  den  Quellen  von 
Fuchs  nachgehen  zu  kbnnen,  die  ja  erst  den  vollen  Einblick 
in  seine  Methode  erschliefien. 

Ich  habe  hier  einige  wichtig  e  Arbeit  en  durchfuhren  kon- 
nen  —  so  vor  allem  einen  groBeren  franzosischen  Auf satz  iiber 
Bachofen  geschrieben  -  aber  jetzt  fangt  die  Isolierung,  in  der 
ich  mich  hier  befinde,  an,  auch  in  bibliographischer  Hinsicht 
mir  fiihlbar  zu  werden.  Immerhin  gehen  auch  die  folgenden 
Wochen  nicht  verloren,  da  ich  das  belletristische  Referat  zur 
franzosischen  Literatur  vorbereite. 

Hin  und  wieder  gelingt  es  mir  sogar  noch,  aus  Deutschland 
—  von  der  Frankfurter  Zeitung  —  einen  Auftrag  zu  bekom- 

650 


men.  Ich  erwahne  das  nicht  nur  a  titre  de  curiosite,  sondern 
audi  urn  Ihnen  zu  sagen,  daB  ich  alles  Erdenkliche  unter- 
nehme,  urn  die  Lage  zu  meistern. 

Der  „Kafka",  nach  dem  Sie  fragen,  ist  in  der  Jiidischen 
Rundschau  erschienen,  aber  so  fragmentarisch,  daB  ich,  falls 
er  Sie  interessiert,  Ihnen  lieber  bei  einer  Begegnung  mein 
Manuscript  als  jetzt  einen  Abdruck  aushandige. 

Werde  ich  die  Korrekturen  des  sprachsoziologischen  Refe- 
rats  selbst  lesen  konnen? 

Bitte,  lieber  Herr  Horkheimer,  lassen  Sie  mich  jede  nahere 
Gestaltung  Ihrer  europaischen  Projekte  umgehend  wissen,  da 
ich  meine  eignen  Dispositionen  so  sehr  wie  moglich  ihnen 
anpassen  will. 

In  herzlicher  Verbundenheit  Ihr  Walter  Benjamin 

1  „Eduard  Fuchs,  der  Sammler  und  der  Historiker",  „Zeitschrift  fiir 
Sozialforschung",  6  (1937),  Seite  346-380.  Jetzt  in  „Das  Kunstwerk 
im  Zeitalter  seiner  technischen  Reproduzierbarkeit".  Frankfurt  1963, 
S.  95-156. 


256     An  Max  Horkheimer 

Nice,  8.  April  1935 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

vielen  Dank  fiir  Ihren  freundlichen  Brief  vom  19ten  Marz. 

Ich  habe  ihn  mit  einer  Verspatung  bekommen,  deren  Ge- 
schichte  zugleich  die  letzte  Phase  der  meinen  in  nuce  darstellt. 
Viel  friiher  als  ich  irgend  vorhersehen  konnte,  habe  ich  nam- 
lich  mein  Asyl  inSanRemo  verlassenmiissen.  Ich  wollte  dann 
nach  Paris  gehen  (wohin  ich  bereits  meine  Post  dirigiert 
hatte).  Aber  als  es  dann  so  weit  war,  wurde  meine  Schwester, 
bei  der  ich  dort  allenfalls  ein  Unterkommen  hatte  fmden  kon- 
nen, schwer  krank. 

Wenn  ich  es  unterlieB,  Ihnen  von  all  dem  Nachricht  zu 

651 


geben,  so  war  es,  weil  ich  audi  den  Anschein,  von  neuem  aus- 
driicklich  ttiich  an  Ihre  Hilfe  zu  wenden,  vermeiden  wollte. 
Ich  tat  das  in  dem  Vertrauen,  daB  Sie  ohnehin  das  irgend 
Mogliche  tun,  und  Ihr  letzter  Brief  bestatigt  es  mir.  Ich  sage 
Ihnen  dafiir  meinen  herzlichsten  Dank.  Es  ist  mir  nichts 
dringlicher  als  meine  Arbeit  so  eng  und  so  produktiv  wie 
moglich  mit  der  des  Instituts  zu  verbinden. 

Es  ist  schade,  daB  Sie  nicht  nachEuropakommen.  Anderer- 
seits  nehme  ich  an,  daB  Ihre  Unabkommlichkeit  ein  gutes  Zei- 
chen  fiir  die  Bedeutung  ist,  die  das  Institut  drub  en  gewonnen 
hat.  Ich  werde  nun  in  der  Osterwoche  meinen  Arbeitsplan 
ausfiihrlich  mit  Herrn  Pollock  besprechen  und  zu  diesem 
Zweck  ungefahr  gleichzeitig  mit  ihm  nach  Paris  kommen. 
Hoffentlich  um  da  zu  bleiben!  Auch  dafiir  werden  die  Mog- 
lichkeiten  im  Gesprach  mit  Herrn  Pollock  zu  klaren  sein. 

In  diesenTagen  gehen  Ihnen  die  Korrekturen  meinesSam- 
melref  erats  zu. 

Ihre  Arbeit  iiber  Autoritat  und  Familie  erscheint,  wie  ich 
annehme,  in  der  Sammelschrift  des  Instituts *.  Wann  wird  sie 
herauskommen?  Die  meinige  iiber  Bachofen  wird  Ihnen  kaum 
sehr  viel  Neues  sagen.  Sie  ist  bestimmt,  Bachofen,  der  in 
Frankreich  ganzlich  unbekannt  und  von  dem  nichts  iibersetzt 
ist,  den  Franzosen  zu  prasentieren.  Ich  habe  zu  diesem  Zweck 
mehr  ihn  selbst  zu  portratieren  als  seine  Theorien  wiederzu- 
geben  gesucht. 

Nehmen  Sie,  mit  Ihrer  Frau,  meine  herzlichsten  GriiBe! 

Ihr  Walter  Benjamin 

l  Studien  iiber  Autoritat  und  Familie.  Forschungstericlite  aus  dem 
Institut  fiir  Sozialforschung.  Paris  1936. 


652 


257     An  Gerhard  Scholem 

20.  Mai  1935 

Lieber  Gerhard, 

du  hast  recht  lange  nichts  von  mir  gehort.  Die  Ursache  davon 
hast  Du  wohl  erraten.  Es  trat  mit  der  tJbersiedlung  nach 
Paris  wieder  eine  hochst  kritische  Periode  ein,  akzentuiert 
durch  auBere  MiBerfolge.  Ablehnung  des  Bachofen  durch  die 
NRF,  die  ihn  an  den  Mercure  de  France  weitergab,  wo  ich 
ihn  jetzt  liegen  sehe;  Auflosung  meiner  kurzen  und  doch  zu 
langen  literarischen  Beziehung  zu  Klaus  Mann,  fur  den  ich 
den  Dreigroschenroman  besprochen  hatte,  und  der  meine  Re- 
zension,  die  schon  gesetzt  war,  zuriicksandte,  als  ich  ein  uh- 
qualifizierbares  Honorar  ablehnte.  Und  noch  dies  und  jenes 
derart:  novissima  meiner  literarischen  Laufbahn,  nachdem 
sie  in  meiner  biirgerlichen  nun  schon  seit  geraumer  Zeit  sich 
iiberbieten. 

Dann  trat,  mit  einer  kleinen  Atempause,  ein  weiterer  Urn- 
stand  ein,  der  meine  gesamte  Korrespondenz  stillegte.  Das 
Genfer  Institut  forderte,  ganz  unverbindlich,  aus  Hoflich- 
keit  mochte  ich  sagen,  ein  Expose  der  „Passagen"  ein,  von 
denen  ich  dann  und  wann  raunend  etwas  hatte  vernehmen 
lassen  ohne  viel  davon  zu  verraten.  Da  in  die  gleiche  Zeit  die 
cloture  annuelle  der  Bibliotheque  Nationale  fiel,  so  war  ich 
wirklich  und  seit  vielen  Jahren  zum  ersten  Male,  mit  meinen 
Studien  zu  den  Passagen  allein.  Und  wie  Dinge  der  Produk- 
tion  oft  urn  so  unvorhergesehener  eintreten  je  wichtiger  sie 
sind,  so  ergab  sich,  daB  mit  diesem  Expose,  das  ich  zugesagt 
hatte,  ohne  mir  viel  dabei  zu  denken,  die  Arbeit  in  ein  neues 
Stadium  eintrat,  das  erste,  das  sie  —  von  fern  -  einem  Buch 
annahert. 

Ich  weifl  nicht,  wieviel  Jahre  meine  Entwiirfe,  die  einem 
Aufsatze  fur  den  Querschnitt  galten,  der  nie  geschrieben 
wurde,  zuriickliegen.  Ich  wiirde  mich  nicht  wundern,  wenn 
es  die  klassischen  neun  Jahre  waren,  womit  dann  die  Bogen- 
spannung  in  der  Entstehung  des  Trauerspielbuches  ubertrof- 
f  en  wiirde,  wenn  dies  pariser  seinerseits  zu  Entstehung  kame. 

653 


Das  aber  ist  natiirlich  die  grofie  Frage,  da  ich  iiber  meine 
Arbeitsbedingungen  nicht  Herr  bin.  Die  Aussichten  etwa  das 
Institut  in  Genf  tatig  an  diesem  Buche  zu  interessieren,  sind 
minimal.  Es  gestattet  Konzessionen  nach  keiner  Seite  und 
wenn  ich  iiberhaupt  etwas  von  ihm  weiB,  so  dies,  daB  keine 
Schule  sich  beeilen  wird,  es  fiir  sich  zu  beanspruchen. 

Im  iibrigen  gebe  ich  ab  und  zu  der  Versuchung  nach,  in  der 
innern  Konstruktion  dieses  Buches  Analogien  zum  Barockbuch 
mir  zu  vergegenwartigen,  von  dessen  auBerer  es  recht  weit 
abweichen  wiirde.  Und  ich  will  Dir  soviel  andeuten,  daB  auch 
hier  die  Entfaltung  eines  uberkommenen  Begriffs  im  Mittel- 
punkt  stehen  wird.  War  es  dort  der  Begriff  des  Trauerspiels 
so  wiirde  es  hier  der  des  Fetischcharakters  der  Ware  sein. 
Wenn  das  Barockbuch  seine  eigene  Erkenntnistheorie  mobi- 
lisierte,  so  wiirde  das  im  mindestens  gleichen  MaBe  fiir  die 
Passagen  der  Fall  sein,  wobei  ich  aber  weder  absehen  kann, 
ob  sie  eine  selbststandige  Darstellung  finden  noch  wieweit  sie 
mir  gliicken  wiirde.  Endlich  ist  der  Titel  pariser  Passagen 
verschwunden  und  der  Entwurf  heiBt  „Paris,  die  Hauptstadt 
des  neunzehnten  Jahrhunderts"  l  und  im  stillen  nenne  ich  ihn 
Paris,  capitale  du  XIXe  siecle.  Damit  ist  eine  weitere  Analo- 
gie  angedeutet:  wie  das  Trauerspielbuch  das  siebzehnte  Jahr- 
hundert  von  Deutschland  aus,  so  wiirde  dieses  das  neunzehnte 
von  Frankreich  aus  aufrollen. 

Von  den  Studien,  die  ich  im  Laufe  sovieler  Jahre  gemacht 
hatte,  hatte  ich  einen  wer  weiB  wie  groBen  Begriff  und  be- 
komme  nun,  wo  ich  etwas  deutlicher  ahne  was  ich  eigentlich 
zu  machen  hatte,  einen  sehr  kleinen  von  ihnen.  Zahlreiche 
Fragen  sind  noch  ungelbst.  Allerdings  bin  ich  in  der  ihnen 
entsprechenden  Literatur,  und  bis  in  ihre  bas  fonds  hinunter, 
so  vollkommen  zu  Hause,  daB  sich  fiir  ihre  Beantwortung 
friiher  oder  spater  Handhaben  finden  werden.  In  den  un- 
glaublichen  Schwierigkeiten,  mit  denen  ich  es  zu  tun  habe, 
verweile  ich  manchmal  mit  nachdenklichem  Vergniigen  auf 
der  Betrachtung,  welche  dialektische  Synthesis  aus  Misere 
und  Uppigkeit  in  diesen  immer  wieder  unterbrochenen  und 
durch  ein  Jahrzehnt  immer  wieder  erneuerten,  in  die  entle- 
gensten  Gegenden  vorgetriebenen  Studien  liegt.  Sollte  die 

654 


Dialektik  des  Buchs  sich  als  gleich  solide  erweisen,  so  konnte 
ich  es  mir  gefallen  lassen. 

DaB  der  Gesamtplan  nun  vor  mir  stent,  ist  mittelbar  iibri- 
gens  wohl  auch  eine  Folge  meiner  Begegnung  mit  einem  der 
Institutsdirektoren,  die  gleich  nach  meiner  Ankunft  in  Paris 
stattfand.  Sie  hat  zur  Folge  gehabt,  daB  ich  zunachst  einen 
Monat  ohne  die  landlaufigen  Tagesprobleme  leben  konnte. 
Aber  der  Monat  ist  urn  und  ich  weiB  durchaus  noch  nicht  wie 
mirs  im  nachsten  gehen  wird.  Sollte  ich  grade  jetzt  mich  in 
die  Arbeit  liber  [Eduard]  Fuchs  —  die  um  die  Wahrheit  zu 
sagen  noch  nicht  einmal  angefangen  ist  —  begeben  miissen,  so 
ware  mir  das  freilich  doppelt  anstoBig.  Auf  der  andern  Seite 
aber  ware  es  ein  Gliicksfall,  mit  dem  ich  auf  keine  Art  rech- 
nen  kann,  daB  das  Institut  etwa  ein  materielles  Interesse  an 
dem  pariser  Buch  nahme. 

Was  ich  mir  wiinschte  ware  jetzt  eine  Reihe  von  Monaten 
auf  der  Bibliothek  arbeiten  und  nach  einem  mehr  oder  weni- 
ger  definitiven  AbschluB  meiner  Studien  im  Oktober  oder 
November  nach  Jerusalem  gehen  zu  konnen.  Wenn  es  aber 
auch  wenige  Umstande  gibt  die  im  Weltgeschehen  geringere 
Spuren  hinterlassen  als  meine  Wiinsche,  so  wollen  wir  doch 
deren  zweite  Halfte  gemeinsam  festhalten.  Vielleicht  kann 
ich  hier  zur  gegebenen  Zeit  das  Reisegeld  mit  einigen  Kunst- 
stiicken  doch  heranschaffen. 

Ich  werde  mit  Spannung  die  Biicher  erwarten,  welche  Du 
ankiindigst ;  Dein  Soharbandchen  2  an  erster  Stelle.  Ich  f  iirchte, 
daB  es  fur  Bloch  zu  spat  kommt,  wie  es  ja  auch  mit  meinem 
Buch  wenn  es  je  geschrieben  —  und  gar  noch  etwa  gedruckt  — 
werden  sollte  der  Fall  sein  wird. 

Auch  an  dem  Buch  von  Leo  StrauB  3  ist  mir  viel  gelegen. 
Was  Du  mir  von  ihm  sagst,  paBt  in  das  angenehme  Bild,  das 
ich  mir  immer  von  ihm  gemacht  hatte.  —  Wenn  ich  zur  Zeit 
auch  nichts  auBer  Quellen  lese,  so  fiel  mir  doch  neulich  ein 
Buch  in  die  Hand,  dessen  Autor  mir  von  Dir  gelegentlich  sig- 
nalisiert  wurde,  die  Potestas  Clavium  von  Schestow.  Naher 
konnte  ich  mich  nicht  mit  ihm  beschaftigen  sondern  nur  fest- 
stellen,  daB  die  darin  befindliche  Polemik  gegen  den  plato- 
nischen  Idealismus  kurzweiliger  ausfallt  als   die  iiblichen 

655 


Dinge  von  dieser  Gattung.  Berdjajew,  den  Dein  letzter  Brief 
erwahnt,  habe  ich  nicht  gelesen. 

Ja,  Stefan  wird  demnachst  beginnen,  die  Schule  in  San 
Remo  zu  besuchen.  Mein  Bruder  dagegen  ist  nach  wie  vor  in 
Deutschland,  wo  seine  Frau  eine  gutbezahlte  Stellung  bei  der 
berliner  Handelsvertretung  der  Sowjets  hat.  Er  war  nach  sei- 
ner Entlassung  aus  dem  Konzentrationslager  einmal  im  Aus- 
land,  aber  nur  als  Erholungsreisender.  Er  hat  einen  Sohn,  der 
nach  den  Bildern,  die  ich  gesehen  habe,  sehr  gut  aussieht. 
Recht  elend,  daJ3  es  urn  Deinen  Bruder  so  traurig  steht.  Aber 
wessen  Gesichtskreis  ware  nicht  von  derartigen  Bildern  er- 
fullt! 

Kraft  schrieb  mir  einen  beinahe  nihrenden  Brief,  in  dem 
er  sich  erbietet,  fiir  mich  einen  einfluflreichen  Franzosen  zu 
mobilisieren.  Freilich  kann  ich  davon  keinen  Gebrauch  ma- 
chen,  weil  die  Voraussetzung  dieser  sehr  problematischen 
Kombination  eine  Arbeit  ware  die  von  dem,  was  mich  jetzt 
beschaftigt,  allzuweit  abliegt.  Er  scheint  eine  weite  Reise  ins 
Land  gemacht  zu  nab  en  und  schickt  mir  davon  einen  schbnen 
Bericht. 

Schreibe  mir  gelegentlich  welch e  Angaben  Dir  zur  Vorbe- 
reitung  meines  Kommens  erf  orderlich  waxen. 

Dir  und  Escha  die  herzlichsten  Griifie  Dein  Walter 

1  Schriften  I,  S.  406-422. 

2  Siehe  S.  696. 

3  „Philosophie  und  Gesetx",  Berlin  1935. 


258     An  Bertolt  Brecht 

Paris,  20.  Mai  1955 

Lieber  Brecht, 

uber  Asja  habe  ich  vor  6  Wochen  der  Steffin  von  dem  elenden 
Vorfall  mit  Klaus  Mann  berichtet,  der  mich  um  die  Publika- 
tion  meiner  Anzeige  Ihres  Romans  gebracht  hat.  Ich  habe  ihr 
gleichzeitig  mein  Manuskript  in  der  Hoffnung  geschickt,  daB 

656 


es,  bei  Ihrem  rassischen  Aufenthalt,  Ihnen  zukommen  wiirde. 

Nun  habe  ich  weder  von  Ihnen  noch  von  ihr  etwas  gehort, 
so  daB  ich  ungewiB  bin,  ob  die  Verbindung  iiber  Asja  funk- 
tioniert  hat. 

Das  kurze  und  lange  von  der  Sache  ist,  daB  ich  —  ohne  die 
mindeste  Neigung  den  Marktwert  meiner  Produktion  zu  iiber- 
schatzen  —  den  Honorarvorschlag  von  150  £r  frcs  fur  ein 
zwblf  Seiten  umfassendes  und  von  der  Redaktion  bestelltes 
Manuscript,  als  eine  Frechheit  betrachtete.  Ich  habe  in  einem 
kurzen  Brief  250  fr  frcs  verlangt  und  es  abgelehnt,  unter 
diesem  Entgelt  das  Manuscript  ihm  zu  iiberlassen.  Darauf 
habe  ich  es,  obwohl  es  bereits  gesetzt  war,  zuruckbekommen. 

Selbstverstandlich  hatte  ich  die  Zumutung  von  Mann  ein- 
gesteckt,  wenn  ich  das  Ergebnis  vorausgesehen  hatte.  Ich 
habe  mich  fur  dieses  Leben  nicht  klug  genug  erwiesen  und 
das  an  einem  Punkt,  an  welchem  Klugheit  mir  viel  wert  ge- 
wesen  ware. 

Das  Manuscript  der  Rezension  erhalten  Sie  mit  gleicher 
Post.  Auch  an  die  „Neuen  deutschen  Blatter"  geht  eines  ab. 
Mir  ist  es  allerdings  unwahrscheinlich,  daB  es  jetzt  noch  dort 
erscheinen  kann.  Dagegen  habe  ich  mich  gefragt,  ob  jetzt 

—  da  das  Buch  auf  tschechisch  erscheint  —  nicht  vielleicht  eine 
Moglichkeit  bestehen  wiirde,  meinen  Artikel  ins  Tschechische 
iibersetzen  zu  lassen.  Stehen  Sie  in  personlicher  Verbindung 
mit  Ihrem  Ubersetzer? 

Wie  es  in  diesem  Jahr  mit  Danemark  wird,  davon  habe  ich 
iiberhaupt  noch  kein  Bild.  Vor  allem  miiBte  ich  Ihre  Disposi- 
tionen  wissen.  Werden  Sie  im  Sommer  in  Svendborg  sein? 

—  Aber  dazu  kommt  ein  anderes:  ich  habe  nach  meinen 
ersten  pariser  Wochen  festgestellt,  daB  mein  Buch  —  das 
groBe,  iiber  das  ich  Ihnen  einmal  berichtete  —  so  sehr  weit  es 
auch  noch  von  Textgestaltung  entfernt  sein  mag,  ihr  immer- 
hin  viel  naher  ist  als  ich  geglaubt  hatte.  Und  ich  habe  ein 
ausfuhrliches  Expose  dariiber  geschrieben.  Auf  dessen  Grand - 
lage  habe  ich  mich  iiber  eine  Reihe  von  Dingen  zu  informie- 
ren,  und  diese  Informationen  kann  ich  nur  auf  der  Biblio- 
theque  Nationale  erhalten.  Ich  muB  also  um  jeden  Preis 

—  und  es  ist  verteufelt  schwierig  —  versuchen,  mich  noch  in 

657 


Paris  zu  halten.  Schreiben  Sie  mir  doch  in  jedem  Fall  Ihre 
Plane  von  Ende  Juli  ab,  falls  Sie  schon  welche  haben. 

Die  „Fiinf  Schwierigkeiten  beim  Schreiben  derWahrheit"1 
haben  die  Trockenheit  und  daher  die  unbegrenzte  Konser- 
vierbarkeit  durchaus  klassischer  Schriften.  Sie  sind  in  einer 
Prosa  geschrieben,  die  es  im  Deutschen  noch  nicht  gegeben 
hat.  Domke2  hatte  vor,  Ihnen  dariiber  zu  schreiben. 

GriiBen  Sie  bitte  Heli  und  die  herzlichsten  GriiBe  fur  Sie 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  1954  illegal  in:  „Unsere  Zeit". 

2  Martin  Domke,  geboren  1892,.  Rechtsanwalt  in  Berlin,  spater  in 
Paris  und  Amerika,  Lichtenberg-Sammler. 


259     An  Werner  Kraft 

Paris,  25.  Mai  1935 

Lieber  Herr  Kraft, 

Ich  habe  habe  Ihnen  fur  mehrere  Briefe,  und  fur  mehr  als 
fiir  Briefe,  zu  danken. 

Es  hat  mich  bewegt,  daB  meine  wenigen  Andeutungen 
Ihnen  meine  Lage  so  gegenwartig  gemacht  haben,  daB  Sie 
trotz  aller  Schwierigkeiten  der  Ihrigen  Ihre  Gedanken  ihr 
zugewendet  haben. 

Und  es  wird  Ihnen  paradox  erscheinen,  daB  ein  Mann  in 
meiner  Lage  nicht  jeder  Moglichkeit,  sei  es  die  schattenhaf te- 
ste, sei  es  die  fernstliegende,  nachgeht.  Nun  sind  es  ganz  be- 
sondere  Griinde,  die  mich  dahin  fiihren,  mit  einem  besonders 
herzlichen  Dank  fiir  Ihre  Bereitschaft  von  dem  Weg  abzu- 
sehen,  welchen  sie  weist.  Und  diese  Griinde  setze  ich  Ihnen 
auseinander,  weil  sie  in  das  Zentrum  meiner  derzeitigen  pro- 
duktiven  Situation  fiihren,  wobei  ich  freilich  in  Kauf  neh- 
men  muB,  das  sie  auch  das  meiner  materiellen  noch  einmal 
streifen. 

Ich  kann  mir  im  Augenblick  nicht  davon  Rechenschaft 
geben,  ob  gelegentliche  Andeutungen,  gewiB  von  der  unbe- 

658 


stimmtesten  Art,  Sie  davon  unterrichtet  haben,  daB  ich  seit 
einer  langen  Reihe  von  Jahren  im  stillen  einer  Arbeit  nach- 
hing,  die  in  einem  begrenzten  Gegenstand  die  Anschauun- 
gen  und  Probleme  zusammenfaBt,  die  sich  in  meinen  Schrif- 
ten  verstreut  finden.  Es  mag  sein,  daB  diese  Arbeit  von  mir 
nie  erwahnt  wurde.  Die  Studienmasse,  die  ihr  zugrunde  liegt, 
ist  auBerordentlich  umfanglich.  Aber  nicht  das  war  der 
Grund,  der  ihre  produktive  Durchdringung  Jahre  hinaus 
hintanhielt.  Und  auch  die  wirtschaftlichen  Schwierigkeiten 
waren  es  nicht  allein.  Vielmehr  haben  sie  mir  eine  Arbeits- 
technik  nahegelegt,  die  mir  erlaubte,  meinen  Anteil  an  die- 
sem  Werk  iiber  die  langsten  Fristen  hinweg  lebendig  zu 
halt  en. 

Das  satumische  Tempo  der  Sache  hatte  seinen  tiefsten 
Grund  in  dem  ProzeB  einer  vollkommenen  Umwalzung,  den 
eine  aus  der  weit  zuriickliegenden  Zeit  meines  unmittelbar 
metaphysischen,  ja  theologischen  Denkens  stammende  Ge- 
danken-  und  Bildermasse  durchmachen  muBte,  um  mit  ihrer 
ganzen  Kraft  meine  gegenwartige  Verfassung  zu  nahren. 
Dieser  ProzeB  ging  im  stillen  vor  sich;  ich  selber  habe  so 
wenig  von  ihm  gewuBt,  daB  ich  ungeheuer  erstaunt  war,  als 
—  einem  auBerlichen  AnstoB  zufolge  -  der  Plan  des  Werkes 
vor  kurzem  in  ganz  wenigen  Tagen  niedergeschrieben  wurde. 
Ich  bemerke  hier,  daB  Scholem  von  derTatsache  dieser  Arbeit 
weiB,  sonst  aber  in  Palastina  niemand,  und  daB  ich  Sie  bitte, 
nach  keiner  Seite  etwas  von  diesem  Vorhaben  verlauten  zu 
lassen.  Sollte  ich  im  Winter  nach  Palastina  kommen,  was  im 
Bereich  der  Moglichkeit  liegt,  so  werden  Sie  Naheres  davon 
erfahren.  Fur  jetzt  kann  ich  Ihnen  nur  eben  den  Titel  nen- 
nen,  aus  dem  Sie  ersehen,  wie  weit  dieser  gegenwartige,  mei- 
nen Gedankenhaushalt  diktatorisch  beherrschende  Gegenstand 
von  der  klassischen  Tragodie  Frankreichs  abliegt1.  Er  heiBt 
„Paris,  die  Hauptstadt  des  neunzehnten  Jahrrmnderts". 

So  weit  auch  immer  meine  Studien  vorgetrieben  sind  oder 
eines  Tages  vorgetrieben  sein  mogen,  so  wird  die  eigentliche 
Niederschrift  der  Arbeit  wohl  nur  in  Paris  erfolgen  konnen. 
Da  liegt  die  wirtschaftliche  Bedrangnis:  ich  weiB  nicht,  wie 
lange  ich  meinen  Auf  enthalt  in  Paris  zu  finanzieren  imstande 

659 


bin.  Jede  episodische  und  gelegentliche  Arbeit  ware  mir  zu 
diesem  Zweck  willkommen.  Aber  in  solcher  Richtung  konnen 
weder  Sie  noch  ich  [Charles]  Du  Bos  meines  Erachtens  urn 
Rat  angehen.  Und  noch  weniger  konnte  ich  das  Projekt  der 
erwahnten  Arbeit  selbst  ihm  verstandlich  machen.  Es  liegt 
-  nicht  himmel,  aber  erden  -  weit  von  seiner  Gedankenwelt 
ab.  Das  hindert  allerdings  nicht,  daB  mir  eine  Nachricht  iiber 
seinen  derzeitigen  Aufenthalt,  ja  —  wenn  er  in  Paris  sein 
sollte  —  Ihre  Mitteilung  des  meinigen  an  ihn  von  groBer 
Wichtigkeit  ware.  Der  irgendwie  forderlichen  oder  auch  nur 
angenehmen  Kommunikationen  mit  Franzosen  gibt  es  ja 
weniger  und  weniger. 

Es  ist  mir  nicht  iiberraschend  gewesen,  daB  die  Nouvelle 
Revue  Franchise  den  Bachofen  nicht  genommen  hat.  Es  war 
ein  allzu  billiges  Wohlwollen  einer  dritten  Stelle  gewesen, 
dem  nachgebend  ich  wider  eigene  Einsicht  den  Weg  dieses 
Versuchs  beschritten  habe.  Jetzt  liegt  die  Arbeit  beim  Mer- 
cure  de  France,  nicht  ich  sondern  die  Redaktion  der  NRF  hat 
sie  dort  eingereicht. 

Die  unschone  Form  der  ersten  Halfte  dieses  Schreibens 
bitte  ich  Sie  zu  entschuldigen.  Ich  habe  es  in  einem  dazu 
wenig  geeigneten  Cafe  bei  Radiolarm  begonnen.  Nun  aber 
will  ich  Ihnen  vor  weiterem  fur  Ihre  Zeitschriftensendung 
Dank  sagen.  Die  Corona  habe  ich,  bis  auf  den  Aufsatz  von 
Jiinger,  durchgeseheri.  Zu  diesem  hatte  ich  noch  keine  Zeit. 
Wie  immer  oder  fast  immer  hatte  ich  nur  an  dem  Aufsatz 
von  Fritz  Ernst2  Freude.  Das  Wort  der  Rahel  nach  Goethes 
Tod,  das  er  mitteilt,  ist  kaum  vergleichlich.  Weiter  war  mir 
sehr  wertvoll,  die  friihen  Gluckwunschbriefe  Kafkas  an  Brod 
kennen  zu  lernen.  Uber  den  Gesamteindruck  derHuldigungs- 
schrift3  haben  Sie  alles  gesagt  und  Sie  haben  auch  zu  dem 
Vorf  all  mit  Klaus  Mann  das  richtige  Wort  gef  unden,  dem  ich 
meinerseits  die  Sentenz  nachschicke  „denn  fur  dieses  Leben 
ist  der  Mensch  nicht  klug  genug" 4. 

Ich  denke,  daB  ich  Ihnen,  wenn  schon  nicht  mit  gleicher 
Post  so  demnachst,  ein  Exemplar  meiner  Rezension  des  Drei- 
groschenromans  werde  schicken  konnen.  Im  Aprilheft  der 
Miinzenbergschen  Zeitschrift  „Die  neue  Zeit",  die  in  Prag 

660 


und  Paris  erscheint,  steht  von  Brecht  „Fiinf  Schwierigkeiten 
beim  Schreiben.  der  Wahrheit"  —  ein  klassisches  Stuck  und 
die  erste  vollendete  theoretische  Prose,  die  ich  von  ihm  kenne. 

Die  Frage  des  Aufenthaltes  im  Kriege,  die  Sie  anschnei- 
den,  ist  darum  schwer  zu  beantworten,  weil  ich  kaum  damit 
rechnen  kann,  in  solchem  Augenblick,  wo  man  wahrschein- 
lich  ohnehin  schon  zu  spat  handelt,  gewiB  aber  binnen  weni- 
gerStunden  handeln  muB,  die  auBere  Moglichkeit  zurDurch- 
fiihrung  des  mir  richtig  Erscheinenden  zu  haben.  Ich  kenne 
von  meiner  Nordlandreise  her  eine  Gegend,  wo  das  Leben 
hart  ist,  wo  man  sich  aber  gesichert  nicht  nur  vor  kriegeri- 
schen  Aktionen  sondern  auch  vor  Hungersnot  mit  einigem 
Recht  fiihlen  diirfte.5  Im  europaischen  oder  mittelmeerischen 
Zivilisationskreis  hatte  ich  dies  Gef  iihl  nirgends. . 

Da  wir  bei  der  Politik  stehen,  so  will  ich  immerhin  ein- 
fiigen,  daB  ich  eben  die  Nachricht  von  dem  ersten  groBeren 
Streik  lese,  der  in  Deutschland  seit  Marz  1933  bekannt  ge- 
worden  ist.  Es  streiken  in  den  Chemnitzer  [. .  .?]-werken 
6000  Arbeiter. 

Das  Gedicht,  das  Sie  dem  letzten  Brief  beilegten,  scheint 
mir  besonders  rein  zu  klingen  und  einem  wirklichen  Gliick 
der  sprachlichen  Erfiillung  zu  entstammen.6  Ich  danke  Ihnen 
dafiir  wie  auch  fiir  die  Moglichkeit,  mich  gelegentlich  von 
neuem  mit  dem  „Stillen  Herd"  7  zu  beschaftigen. 

1  Kraft  hatte  W.  B.  vorgeschlagen,  ein  Buch  iiber  dies  Thema,  als 
Gegenstiick  zu  dem  Trauerspielbuch,  zu  schreiben. 

2  „Rahels  Traum".  Jetzt  in  „Essais"  II,  Zurich  1946,  S.  211-227. 

3  Zu  Karl  Kraus'  60.  Geburtstag. 

4  Aus  der  Dreigroschenoper. 

5  W.  B.  dachte  an  die  Lofoten.  Sie  wurden  1940  Kriegsschauplatz. 

6  Garten  am  See.  In:  „Figur  der  Hoffnung" ;  Heidelberg  1955. 

7  Ein  Manuskript  Krafts. 


661 


260     An  Theodor  W.  Adorno 

Paris,  31.5.  1935 

Lieber  Herr  Wiesengrund, 

wenn  diese  Zeilen  ein  wenig  auf  sich  haben  warten  lassen,  so 
bringen  sie  Ihnen,  in  Verbindung  mit  dem  sie  Begleitenden, 
den  vollkommensten  AufschluB  iiber  meine  Arbeit,  iiber 
meine  innere  und  auBere  Lage. 

Ehe  ich  mit  einigen  kurzen  Worten  auf  den  Inhalt  des 
Exposes  eingehe,  beriihre  ich  die  Rolle,  die  es  in  meiner  Be- 
ziehung  zum  Institut  einnimmt.  Dariiber  ist  schnell  gespro- 
chen.  Denn  sie  beschrankt  sich  vorlaufig  auf  den  Umstand, 
daB  den  AnstoB  zu  seiner  Abfassung  ein  Gesprach  gab,  das 
ich  Ende  April  mit  Pollock  hatte.  DaB  dieser  AnstoB  ein 
auBerlicher  und  disparater  war,  ist  selbstverstandlich.  Gerade 
darum  aber  war  er  imstande,  in  die  groBe,  so  viele  Jahre  lang 
vor  jeder  Einwirkung  von  drauBen  sorgfaltig  behiitete  Masse 
jene  Erschiitterung  zu  bringen,  die  eine  Kristallisation  mog- 
lich  macht.  Ich  betone  sehr,  daB  in  diesem  Umstand,  der  in 
der  gesamten  Okonomie  dieser  Arbeit  ein  legitimer  und 
fruchtbarer  ist,  die  Bedeutung  auBerer  und  heterogener 
Faktoren  sich  erschopft.  Und  dies  zu  betonen  veranlassen 
mich  die  Besorgnisse  Ihres  Briefes,  die  mir  verstandlich  und 
Ausdruck  einer  freundschaftlichsten  Teilnahme,  auch  -  nach 
so  langer  Unterbrechung  unseres  iiber  Jahre  sich  ausdehnen- 
den  Gesprachs  -  als  unvermeidlich  anzusehen  sind.  Sie  fanden 
noch  heute  fruh  einen  treuen  Widerhall  in  einem  Brief,  der 
von  Felizitas  eintraf .  [.  .  .] 

Ich  weiB,  daB  das  die  Sprache  der  wahrsten  Freundschaft 
ist,  keiner  geringern  als  der,  die  Sie  zu  Ihrer  Formulierung 
fuhrte,  Sie  wiirden  es  fur  ein  wahres  Ungliick  ansehen,  wenn 
Brecht  auf  diese  Arbeit  EinfluB  gewinnen  sollte.  Lassen  Sie 
mich  dazu  das  Folgende  sagen: 

Wenn  ich  meinen  gracianischen  Wahlspruch  „Suche  in 
alien  Dingen  die  Zeit  auf  Deine  Seite  zu  bringen",  je  ins 
Werk  gesetzt  habe,  so  denke  ich  in  der  Weise,  in  der  ich  es 
mit  dieser  Arbeit  gehalten  habe.  Da  steht  an  ihrem  Beginn 

662 


Aragon  —  der  Paysan  de  Paris,  von  dem  ich  des  abends  im 
Bett  nie  mehr  als  zwei  bis  drei  Seiten  lesen  konnte,  weil  mein 
Herzklopfen  dann  so  stark  wurde,  daB  ich  das  Buch  aus  der 
Hand  legen  mufite.  Welche  Warnung!  Welcher  Hinweis  auf 
die  Jahre  und  Jahre,  die  zwischen  mich  und  solche  Lektiire 
gebracht  werden  mufiten.  Und  doch  stammen  die  ersten  Auf- 
zeichnungen  zu  den  Passagen  aus  jener  Zeit.  —  Es  kamen  die 
berliner  Jahre,  in  denen  der  beste  Teil  meiner  Freundschaft 
mit  Hessel  sich  in  vielen  Gesprachen  aus  dem  Passagen- 
projekt  nahrte.  Damals  entstand  der  —  heute  nicht  mehr  in 
Kraft  stehende-Untertitel  „Eine  dialektischeFeerie".  Dieser 
Untertitel  deutet  den  rhapsodischen  Charakter  der  Darstel- 
lung  an,  die  mir  damals  vorschwebte  und  deren  Relikte  —  wie 
ich  heute  erkenne  —  formal  und  sprachlich  keinerlei  ausrei- 
chende  Garantien  enthielten.  Diese  Epoche  war  aber  auch  die 
eines  unbekummert  archaischen,  naturbefangenen  Philo- 
sophierens.  Es  waren  die  frankfurter  Gesprache  mit  Ihnen 
und  ganz  besonders  das  „historische"  im  Schweizerhauschen, 
danach  das  gewiB  historische  um  den  Tisch  mit  Ihnen,  Asja, 
Felizitas,  Horkheimer,  die  das  Ende  dieser  Epoche  herauf- 
fiihrten.  Um  die  rhapsodische  Naivitat  war  es  geschehen. 
Diese  romantische  Form  war  in  einem  raccourci  der  Ent- 
wicklung  uberholt  worden,  von  einer  andern  aber  hatte  ich 
damals  und  noch  auf  Jahre  hinaus  keinen  Begriff.  Im  iibrigen 
begannen  in  diesen  Jahren  die  auBern  Schwierigkeiten,  wel- 
che es  mir  geradezu  als  providentiell  haben  erscheinen  lassen, 
daB  die  innern  mir  eine  abwartende,  dilatorische  Arbeitsweise 
schon  vorher  nahe  gelegt  hatten.  Es  folgte  die  einschneidende 
Begegnung  mit  Brecht  und  damit  der  Hohepunkt  aller  Apo- 
rien  fiir  diese  Arbeit,  der  ich  mich  doch  auch  jetzt  nicht  ent- 
fremdete.  Was  aus  dieser  jiingsten  Epoche  fiir  die  Arbeit 
Bedeutung  gewinnen  konnte  —  und  es  ist  nicht  gering  -  das 
konnte  allerdings  keine  Gestalt  gewinnen,  ehe  nicht  die 
Grenzen  dieser  Bedeutung  unzweifelhaft  bei  mir  fest  standen 
und  also  „Direktiven"  auch  von  dieser  Seite  ganz  auBer 
Betracht  fielen. 

Alles  was  ich  hier  andeute,  wird  gerade  fiir  Sie  seinen 
sinnfalligen  Niederschlag  im  Expose  haben,  dem  ich  jetzt  ein 

663 


paar  Worte  nachschicke.  Das  Expose,  das  in  keinem  Punkt 
meine  Konzeptionen  verleugnet,  ist  natiirlich  noch  nicht  in 
alien  ihr  vollstandiges  Aquivalent.  Wie  die  abgeschlossene 
Darstellung  der  erkenntnistheoretischen  Grundlagen  des  Ba- 
rockbuches  ihrer  Bewahrung  im  Material  folgte,  so  wird  das 
auch  hier  der  Fall  sein.  Damit  will  ich  mich  allerdings  nicht 
dafur  verbiirgen,  daB  sie  auch  diesmal  in  der  Form  eines 
besondern  Kapitels  erscheinen  wird  —  sei  es  am  SchluB,  sei  es 
am  Anfang.  Diese  Frage  bleibt  offen.  Auf  diese  Grundlagen 
selbst  aber  enthalt  das  Expose  entscheidende  Hinweise,  die 
am  wenigsten  Ihnen  entgehen  werden  und  in  denen  Sie  Mo- 
tive wiedererkennen  werden,  die  Ihr  letzter  Brief  anschlagt. 
Weiterhin:  sehr  viel  deutlicher  als  in  jedem  vorhergehenden 
Stadium  des  Plans  (ja,  in  mir  iiberraschender  Weise)  treten 
die  Analogien  des  Buchs  zu  dem  Barockbuch  zu  tage.  Sie 
mussen  mir  erlauben  in  diesem  Umstand  eine  besonders  be- 
deutsame  Bestatigung  des  Umschmelzungsprozesses  zu  sehen, 
der  die  ganze,  urspriinglich  metaphysisch  bewegte  Gedanken- 
masse  einem  Aggregatszustand  entgegengefiihrt  hat,  in  dem 
die  Welt  der  dialektischen  Bilder  gegen  alle  Einreden  ge- 
sichert  ist,  welche  die  Metaphysik  provoziert. 

In  diesem  Stadium  der  Sache  (und  freilich  in  diesem  zum 
ersten  Mai)  kann  ich  mit  Gelassenheit  dem  entgegensehen, 
was  etwa  von  Seiten  des  orthodoxen  Marxismus  gegen  die 
Methode  der  Arbeit  mobil  gemacht  werden  mag.  Ich  glaube, 
im  Gegenteil,  in  der  marxistischen  Diskussion  mit  ihr  a  la 
longue  einen  soliden  Stand  zu  haben,  sei  es  auch  nur  weil  die 
entscheidende  Frage  des  geschichtlichen  Bildes  hier  zum 
ersten  Male  in  aller  Breite  behandelt  wird.  Da  nun  die  Philo- 
sophic einer  Arbeit  nicht  sowohl  an  die  Terminologie  als  an 
ihren  Standort  gebunden  ist,  so  glaube  ich  schon,  daB  dieses 
Expose  das  der  „groBen  philosophischen  Arbeit"  ist,  von  der 
Felizitas  spricht,  wenn  mir  diese  Bezeichnung  auch  nicht  die 
angelegentlichste  ist.  Mir  geht  es,  wie  Sie  wissen,  vor  allem 
um  die  „Urgeschichte  des  19ten  Jahrhunderts". 

In  dieser  Arbeit  sehe  ich  den  eigentlichen,  wenn  nicht  den 
einzigen  Grund,  den  Mut  im  Existenzkampf  nicht  aufzu- 
geben.  Schreiben  kann  ich  sie  —  so  viel  ist  mir  heute  und 

664 


unbeschadet  der  groBen  sie  fundierenden  Masse  von  Vor- 
arbeiten  vollkommen  klar  -  vom  ersten  bis  zum  letzten  Wort 
nur  in  Paris.  Natiirlich,  zunachst,  einzig  in  deutscherSprache. 
Mein  Minimalverbrauch  in  Paris  sind  1000  frs  im  Monat; 
soviel  hat  mir  Pollock  im  Mai  zur  Verfugung  gestellt,  soviel 
soil  ich  nochmals  fiir  Juni  erhalten.  Aber  soviel  brauche  ich 
auf  eine  Weile,  um  weiter  arbeiten  zu  konnen.  Schwierigkei- 
ten  machen  sich  ohnehin  genug  bemerkbar;  heftige  Migrane- 
anfalle  halten  mir  oft  genug  meine  prekare  Daseinsart 
gegenwartig.  Ob  und  unter  welchem  Tit  el  das  Institut  an  der 
Arbeit  sich  interessieren  kann,  ob  es  unter  Umstanden  notig 
ware,  seinem  Interesse  Anhaltspunkte  durch  andere  Arbeiten 
zu  geben  —  das  werden  Sie  vielleicht  im  Gesprach  mit  Pollock 
eher  klaren  konnen  als  ich.  Ich  bin  zu  jeder  Arbeit  bereit; 
aber  jede  von  irgendwelcher  Bedeutung,  insbesondere  die 
iiber  Fuchs,  wiirde  verlangen,  daB  ich  fiir  die  Dauer  ihrer 
Darstellung  die  Passagen  zuriickstelle.  (Der  Arbeit  iiber  die 
„Neue  Zeit"  wiirde  ich  im  Augenblick  nicht  gern  naher- 
treten.  Daruber  gelegentlich.) 

DaB  die  Arbeit  „so  wie  sie  eigentlich  konzipiert  M",  vom 
Institut  herausgegeben  werden  konne,  habe  ich  so  wenig 
angenommen,  daB  ich  Pollock  noch  im  April  mundlich  mei- 
nerseits  das  Gegenteil  davon  versichert  habe.  Eine  andere 
Frage  ist  es  jedoch  wieweit  die  neuen  und  eingreifenden 
soziologischen  Perspektiven,  die  den  gesicherten  Rahmen  der 
interpretativen  Verspannungen  hergeben,  einen  Anteil  des 
Instituts  an  dieser  Arbeit  begriinden  konnen,  die  ohne  ihn 
weder  so  noch  anders  Wirklichkeit  werden  wiirde.  Denn  eine 
Distanz,  die  im  gegenwartigen  Stadium  sich  zwischen  Ent- 
wurf  und  Gestaltung  einschieben  wiirde,  ware  wahrscheinlich 
mit  einschneidenden  Gefahren  fiir  jede  spatere  Darstellung 
verbunden.  Der  Rahmenentwurf  dagegen  enthalt  zwar  langst 
nicht  an  alien  Stellen,  aber  doch  an  den  mir  entscheidenden, 
diejenigen  philosophischen  Begriffsbestimmungen,  die  jene 
fundieren.  Wenn  gerade  Sie  manches  Stichwort  vermissen 
werden  —  den  Pliisch,  die  Langeweile,  die  Bestimmung  der 
„Phantasmagorie"  -  so  sind  gerade  das  Motive,  denen  ich 
nur  ihren  Ort  zu  geben  hatte;  ihre  Gestaltung,  die  bei  mir 

665 


teilweise  sehr  weit  gediehen  ist,  gehorte  in  dieses  Expose* 
nicht  hinein.  Dieses  viel  weniger  aus  Griinden  seiner  auBern 
Zweckbestimmung  als  seiner  innern:  es  hatte  die  alten,  mir 
gesicherten  Bestande  mit  den  neuen  zu  durchdringen,  die  ich 
mir  im  Lauf e  der  Jahre  erworben  habe. 

Den  Entwurf,  den  Sie  erhalten,  bitte  ich  Sie  ausnahmslos 
niemandem  zu  zeigen  und  mir  alsbald  zuriickzuschicken.  Er 
dient  nur  meinen  eigenen  Studien.  Ein  anderer,  der  in  Kur- 
zem  fertiggestellt  sein  wird,  und  zwar  in  mehreren  Exem- 
plaren,  wird  Ihnen  spater  zugehen. 

San  Remo  diirfte  als  Ort  einer  Begegnung  fiir  uns  dieses 
Jahr  wohl  nicht  in  Betracht  kommen.  Konnen  Sie  nicht  ein- 
richten,  den  Weg  von  Oxford  nach  Berlin  iiber  Paris  zu 
nehmen?  Erwagen  Sie  das  doch  bitte  eingehend! 

Sowohl  Lotte  Lenja  wie  Max  Ernst  wiirde  ich  gem  sehen. 
Konnen  Sie  etwas  veranlassen,  so  sind  Sie  meiner  Zustim- 
mung  sicher. 

Ich  hbre  mit  Freude,  daft  die  Textgestaltung  Ihrer  Arbeit 1 
absehbar  geworden  ist.  Um  Naheres  von  ihr  zu  erfahren, 
muB  ich  wohl  auf  unsere  Aussprache  warten? 

Nehmen  Sie  meine  herzlichsten  GriiBe! 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Das  erst  1956,  unter  dem  Titel  „Zur  Metakritik  der  Erkenntnis- 
theorie",  erschienene  Buch. 


261     An  Max  Horkheimer 


Paris,  10.  Juli  1935 


Lieber  Herr  Horkheimer, 

ich  war  langst  ungeduldig,  Ihnen  das  mit  gleicher  Post  ab- 
gehende  Expose  zu  schicken.  Sie  werden  zwar  von  Herrn 
Pollock  einige  Andeutungen  dariiber  erhalten  haben,  aber 
ich  konnte  es  infolge  seiner  verfruhten  Abreise  nicht,  wie  es 
unsere  Absicht  war,  mit  ihm  durchgehen. 

666 


Ich  fiige  hinzu,  daB  ich  auf  Herrn  Pollocks  Veranlassung 
gleichzeitig  ein  Exemplar  meiner  Studien  zu  dieser  Arbeit 
in  Photocopie  habe  anfertigen  lassen.  Es  ist  an  einem  sichern 
Ort  hinterlegt  und  stent  Ihnen  jederzeit  zur  Verfugung. 

Dem  Expose  selbst  mochte  ich  zunachst  sachlich  nichts 
hinzufiigen.  Seit  Mitte  Mai  arbeite  ich  aufs  intensivste  auf 
der  Bibliotheque  nationale  und  dem  Cabinet  des  Estampes  an 
dem  AbschluB  meiner  Dokumentation.  Dank  der  Erleichte- 
rung  meiner  Lage  in  den  letzten  Monaten,  die  ich  Ihnen  und 
Herrn  Pollock  verdanke,  ist  es  mir  gelungen,  diese  Dokumen- 
tation dem  AbschluB  sehr  erheblich  zu  nahern. 

Ich  werde  freilich  gegen  Anfang  August,  wenn  ich  keine 
andern  Weisungen  von  Ihnen  erhalte,  das  Buch  wieder 
zuriickstellen,  um  den  Aufsatz  iiber  Fuchs  zu  schreiben.  Bei 
meinem  letzten  Zusammensein  mit  ihm  habe  ich  mir  vieler- 
lei  Interessantes  aus  seinen  Anfangen  unter  dem  Sozialisten- 
gesetz  erzahlen  lassen.  Im  Interesse  dieses  Aufsatzes  wie 
meines  Buches  will  ich  versuchen,  mich  so  lange  wie  moglich 
in  Paris  zu  behaupten. 

Im  letzten  Heft  der  Zeitschrift  habe  ich  zu  meiner  Freude 
Ihren  Aufsatz  iiber  die  philosophische  Anthropologie *  gef un- 
den.  Unter  seinen  mehrfach  entscheidenden  Formulierungen 
hat  mir  den  groBten  Eindruck  die  iiber  den  Zusammenhang 
von  egoistischer  Triebstruktur  mit  dem  Bediirfnis  metaphy- 
sischer  Sicherung  gemacht.  [. . .] 

Ich  hore  von  Frau  Favez2,  daB  Sie  im  Begriff  sind,  New 
York  fur  eine  Weile  zu  verlassen,  wenn  Sie  es  nicht  schon 
getan  haben.  Ich  wiinsche  Ihnen  eine  recht  nachhaltige  Er- 
holung. 

Mit  herzlichen  GruBen  Ihr  Walter  Benjamin 

1  Max  Horkheimer:  Bemerkungen  zur  philosophischen  Anthropologie, 
in:  „Zeitschrift  fur  Sozialforschung"  4  (1935),  S.  1-25. 

2  Sekretarin  des  Instituts  fur  Sozialforschung  in  Genf. 


667 


262     An  Alfred  Cohn 

Paris,  18.  Juli  1955 

Lieber  Alfred, 

wenn  ich  Dir  fast  postwendend  auf  Deinen  Brief  vom  12ten 
antworte,  so  vor  allem,  weil  ich  mit  der  sehr  herzlichen  Er- 
widerung  Deiner  Geburtstagswiinsche  nicht  allzusehr  mich 
von  dem  Tag  entfernen  mbchte,  dem  sie  bestimmt  sind. 
Schreibe  mir  doch,  ob  mir  der  21te  richtig  vorschwebt  oder, 
wenn  nicht,  an  welchem  Tage  Ihr  ihn  gefeiert  habt. 

Von  einer  Feier  konnte  bei  mir  wohl  die  Rede  nicht  sein. 
Desto  zufriedener  war  ich,  daB  er  in  eine  Reihe  von  Tagen 
fiel,  die  mir  die  langentbehrte  Annehmlichkeit  einer  Woh- 
nung  brachten.  Meine  Schwester  ist  seit  kurzem  verreist  —  sie 
ist  auf  Mallorca  -  und  hat  mir  fur  die  Wochen  ihrer  Ab- 
wesenheit  ihre  Wohnung  eingeraumt.  Damit  bin  ich  bei  der 
Stelle  Deines  Briefes,  die  ein  Geburtstagsgeschenk  in  seiner 
schonsten  Gestalt  enthalt:  ich  meine  Eure  Einladung  in  das 
freistehende  Zimmer.  Wenn  ich  sie  fur  den  Augenblick  nicht 
gut  annehmen  kann,  einerseits  weil  ich  meiner  Schwester  zu- 
gesagt  habe,  die  Wohnung  nicht  leerstehen  zu  lassen,  ande- 
rerseits  weil  ich  gerade  jetzt  die  Arbeiten  auf  der  Bibliotheque 
Nationale  nicht  unterbrechen  kann,  so  will  ich  Dir  doch  mit 
mehr  als  dem  herzlichen  Dank,  der  auch  Grete  gilt,  antwor- 
ten.  Ich  will  es  in  Gestalt  der  Frage,  ob  Du  glaubst,  daB  eine 
Moglichkeit,  Euch  zu  besuchen,  etwa  noch  gegen  die  zweite 
Septemberhalfte  bestehen  konnte.  DaB  Du  die  Frage  jetzt 
kaum  mit  Bestimmtheit  wirst  beantworten  konnen,  ist  mir 
klar.  Immerhin  sollst  Du  wissen,  daB  um  diese  Zeit  wohl  die 
Moglichkeit  zu  Euch  nach  Barcelona  zu  kommen  bei  mir 
bestehen  wiirde  und  ich  brauche  Dir  nicht  zu  sagen,  wie  gern 
ich  es  tate. 

Bis  dahin  werde  ich,  wie  ich  hoffe,  diejenigen  Studien,  fur 
die  ich  an  die  Bibliothek  gebunden  bin,  im  GroBen  und  Gan- 
zen  zuende  gefiihrt  haben.  Ich  habe  mir  jetzt,  da  es  dem  Ab- 
schluB  zugeht,  noch  zwei  Arbeitsfelder  eroffnet.  Das  eine  ist 
das  Cabinet  des  estampes,  in  dem  ich  die  Anschauungen  von 

668 


Gegenstanden  und  Verhaltnissen,  die  ich  mir  aus  Biicliem 
gebildet  habe,  an  Bildern  zu  kontrollieren  suche  und  das 
andere  der  Enfer  der  Bibliothek1,  fur  die  [sic]  das  Recht  auf 
Benutzung  erwirkt  zu  haben  einer  der  wenigen  Erfolge  ist, 
die  ich  auf  dies  em  Bo  den  fur  mich  verzeichnen  kann.  Es  ist 
aufierordentlich  schwer  zu  erhalten. 

Es  ware  freilich  fur  mich  ein  groBes  Vergniigen,  Dir  von 
der  Arbeit  zu  erzahlen.  DaB  ich  vor  einigen  Wochen  den 
ersten  zusammenfassenden  Entwurf  zu  ihr  geschrieben  habe, 
werde  ich  Dir  berichtet  haben.  Dazu  habe  ich  meine  Studien, 
um  sie  zu  sichern,  photographieren  lassen.  Meinen  literari- 
schen  Kollegen,  selbst  Freunden,  gegenuber  lasse  ich  dagegen 
nichts  von  dieser  Arbeit  verlauten;  nichts  Naheres.  Sie  ist  in 
einem  Stadium,  in  dem  sie  alien  denkbaren  Unbilden,  nicht 
zum  wenigsten  den[en]  des  Diebstahls,  besonders  ausgesetzt 
ware.  DaB  mich  Blochs  „Hieroglyphen  des  19ten  Jahrhun- 
derts"2  etwas  scheu  gemacht  haben,  wirst  Du  begreifen. 

Im  iibrigen  hat  meine  Aussprache  mit  ihm  nun  stattgefun- 
den.  Und  wenn  ich  vor  der  schwierigen  Auf  gabe  stand,  unsere 
Beziehungen  aus  der  kritischen  Verfassung  der  letzten  Jahre 
herauszufiihren  ohne  ihn  im  Unklaren  iiber  meine  wesent- 
lich  negative  und  sehr  negative  Stellung  zu  seinem  letzten 
Buch  zu  lassen,  so  kann  ich  —  unberechenbare  verspatete  Re- 
aktionen  auf  seiner  Seite  vorbehalten  —  hoffen,  diese  Auf- 
gabe  gelost  zu  haben.  Das  erforderte  natiirlich  eine  groBe 
Loyalitat  auch  von  seiner  Seite  und  ich  freue  mich,  dafi  ich 
auf  sie  gestoBen  bin. 

Es  ist  schon  von  Dir,  daB  Du  an  meine  „  Brief  e"  und  vor 
allem  an  die  „Berliner  Kindheit  um  neunzehnhundert" 
denkst..  Aber  damit  ist  es  traurig  bestellt.  Die  verschiedenen 
„Interessenten",  die  der  Teufel  holen  soil,  haben  nichts  wei- 
ter  zustande  gebracht,  als  mich  aller  Exemplare  zu  berauben. 
Mir  verbleibt  gerade  das  meinige,  das  abschreiben  zu  lassen 
ich  kein  Geld  habe. 

Ich  meine,  Dir  nicht  geschrieben  zu  haben,  seit'hier  der 
KongreB  der  antifaszistischen  Schriftsteller  „zur  Rettung. 
derKultur"  stattfand.  Bei  dieser  Gelegenheit  war  auchBrecht 
hier  und  diese  Begegnung  war,  wie  Du  Dir  denken  wirst, 

669 


fur  mich  das  erfreulichste  -  fast  das  einzig  erfreuliche  - 
Element  der  Veranstaltung.  Brecht  selber  ist  weit  besser  auf 
seine  Kosten  gekommen ;  kein  Wunder,  da  er  seit  Jahren  mit 
dem  Plan  eines  groBen  satirischen  Romans  iiber  die  Intellek- 
tuellen 3  umgeht.  Unbestreitbar  interessant  war  mir  die  ein- 
gehende  physiognpmische  Bekanntschaft,  die  man  mit  ein- 
zelhen  Schriftstellern  machen  konnte.  Allen  voran  Gide,  des- 
sen  habitus  auf  dem  KongreB  nicht  nur  im  Reden  sondern 
genau  so  im  Schweigen  die  Bewunderung  aller  aufmerk- 
samen  Beobachter  war.  Aber  auch  Figuren  wie  diesen  [Al- 
fred] Kantorowi[c]z,  den  Du  so  richtig  identifizierst,  konnte 
man  in  MuBe  studieren. 

Mich  fesselt  sehr,  was  Du  iiber  Rosenzweig  schreibst.  DaB 
das  eine  sehr  bemerkenswerte  Erscheinung  war,  steht  ja  fest. 
Die  Brief  e4  sind  mir  noch  nicht  in  die  Hand  gekommen,  aber 
ich  werde  mir  das  Buch  merken.  Einen  Vorbehalt  will  ich  zu 
dem  machen,  was  Du  in  diesem  Zusammenhang  iiber  Buber 
sagst.  Es  ist  nicht  das  wenigst  merkwiirdige  an  meinem  Ver- 
haltnis  zu  Rosenzweig  —  dessen  „Stern  der  Erldsung"  mich 
seinerzeit  sehr  beschaft[igt]  hat  und  von  dem  ich  von  Scho- 
lem  oft  gehort  habe  -  daB  seine  Freundschaft  mit  Buber 
meiner  ungemein  tief  wurzelnden  Abneigung  gegen  diesen 
letzten  niemals  hat  Abbruch  tun  konnen.  Vielleicht  fallt  es 
uns  doch  einmal  ein,  iiber  diese  Dinge  miteinander  zureden. 

Ich  begliickwiinsche  Dich  zu  einem  Freund.  Es  hat  seit 
Ibiza  fur  mich  keine  eingreifende  Bekanntschaft  mehr  ge- 
geben,  selten  gibt  es  unter  den  neuen  eine  erfreuliche  wie  es 
unlangst  die  von  John  Heartfield  5  war,  mit  dem  ich  ein  wirk- 
lich  schones  Gesprach  iiber  Photographie  hatte.  Noch  weniger 
kann  ich  von  neuer  Lektiire  berichten,  da  meine  Lesestunden 
ausschliefilich  den  Materialien  zur  Passagenarbeit  zugute 
kommen.  Eine  Ausnahme  machte  ich  nur  f  iir  den  Roman  von 
Bredel  „Die  Priifung",  den  mir  der  Malikverlag  zusandte. 
Dieses  Buch  ist  bestimmt  lesenswert.  Die  Frage,  warum  der 
Verfasser  in  seiner  Darstellung  eines  Konzentrationslagers  es 
zu  keinem  restlosen  Gelingen  gebracht  hat,  legt  lehrreiche 
Uberlegungen  nahe. 

Mir  bleibt  noch  ubrig,  Dir  einen  recht  baldigen  und  vor 

670 


allem  recht  stetigen  Erfolg  in  Deiner  Tatigkeit  zu  wiinschen, 
Grete,  deren  GrliBe  ich  herzlich  erwidere,  den  Kindern  und 
Dir  eine  gute  Gesundheit  und  uns  alien  Kurage. 

Herzlichst  Dein  Walter 

1  Magazin  der  BN,  in  dem  „schliipfrige"  Biicher  aufbewahrt  werden. 

2  „Erbschaft  dieser  Zeit",  1935,  Seite  288  ff. 

3  Der  sogenannte  Tui-Roman. 

4  Franz  Rosenzweig,  „Briefe",  1935. 

5  Dem  Bruder  von  Wieland  Herzfelde. 


263      Theodor  W .  Adorno  an  Benjamin 

Hornberg  i.  Schwarzwald,  2.  August  1935 

Lieber  Herr  Benjamin, 

lassen  Sie  mich  heute,  endlich,  versuchen,  Ihnen  einiges  zu 
dem  Expose  zu  sagen,  das  ich  aufs  eingehendste  studiert  und 
nochmals  mit  Felizitas  durchgesprochen  habe,  die  denn  auch 
an  meiner  Antwort  voll  mitbeteiligt  ist.  Es  scheint  mir  der 
Wichtigkeit  des  Gegenstandes  —  die  ich,  wie  Sie  wissen,  aufs 
hochste  einsetze  —  angemessen,  wenn  ich  in  voller  Aufrichtig- 
keit  spreche  und  ohne  Praambeln  an  die  zentralen  Fragen 
herangehe,  die  ich  ja  als  fur  uns  beide  in  gleichem  Sinne 
zentral  betrachten  darf  —  nicht  aber  ohne  der  kritischen  Dis- 
kussion  vorauszuschicken,  daB  mir  bereits  das  Expose,  so 
wenig  gerade  bei  Ihrer  Arbeitsweise  Umrifi  und  „Gedanken- 
gang'*  eine  zureichende  Vorstellung  vermitteln  konnen,  der 
wichtigsten  Konzeptionen  voll  zu  sein  scheint,  von  denen  ich 
nur  die  groBartige  Stelle  iiber  Wohnen  als  Spuren  hinter- 
lassen,  die  entscheidenden  Satze  iiber  den  Sammler  und  die 
Befreiung  der  Dinge  vom  Fluch  niitzlich  zu  sein  [. . .]  hervor- 
heben  mochte.  Ebenso  scheint  mir  der  Entwurf  des  Baude- 
lairekapitels  als  Deutung  des  Dichters  und  die  Einfuhrung 
der  Kategorie  der  nouveaute  S.  418  l  voll  gelungen. 

Sie  werden  danach  erraten,  was  Sie  ohnehin  kaum  anders 

671 


erwartet  haben,  dafi  es  sich  mir  namlich  wiederum  urn  den 
Komplex  handelt,  der  durch  die  Stichworter  Urgeschichte  des 
neunzehnten  Jahrhunderts,  dialektisches  Bild,  Konfiguration 
von  Mythos  und  Moderne  bezeichnet  wird.  Wenn  ich  dabei 
von  einer  Scheidung  in  „materiale"  und  „erkenntnistheore- 
tische"  Frage  absehe,  so  diirfte  das,  wenn  schon  nicht  mit  der 
AuBendisposition  des  Exposes,  so  doch  jedenfalls  mit  der 
philosophischen  Kernmasse  korrespondieren,  in  deren  Bewe- 
gung  ja  eben  gleichwie  in  den  beiden  tradierten  neueren  Ent- 
wiirfen  von  Dialektik  jene  Entgegensetzung  verschwinden 
soil.  Lassen  Sie  mich  zum  Ausgang  nehmen  das  Motto  auf 
S.  408:  Chaque  epoque  reve  la  suivante,  das  mir  insofern  ein 
wichtiges  Instrument  scheint,  als  um  den  Satz  alle  jene  Mo- 
tive derTheorie  des  dialektischenBildes  sich  ankristallisieren, 
die  mir  grundsatzlich  der  Kritik  zu  unterliegen  scheinen,  und 
zwar  als  undialektisch ;  so,  daB  mit  der  Eliminierung  jenes 
Satzes  eine  Bereinigung  der  Theorie  selbst  gelingen  konne. 
Denn  er  impliziert  dreierlei :  die  Auff assung  des  dialektischen 
Bildes  als  eines  —  ob  auch  kollektiven  —  BewuBtseinsinhaltes ; 
seine  geradlinige,  fast  mochte  ich  sagen:  entwicklungs- 
geschichtliche  Bezogenheit  auf  Zukunft  als  Utopie;  die  Kon- 
zeption  der  „Epoche"  als  eben  des  zugehorigen  und  in  sich 
einigen  Subjekts  zu  jenem  BewuBtseinsinhalt.  Es  diinkt  mir 
nun  hochst  belangvoll,  daB  mit  dieser  Fassung  des  dialek- 
tischen Bildes,  die  eine  immanente  heiBen  darf,  nicht  bloB 
die  Ursprungsgewalt  des  Begriffes,  die  eine  theologische  war, 
bedroht  ist,  und  eine  Simplifizierung  eintritt,  die  hier  nicht 
die  subjektive  Nuance,  sondern  den  Wahrheitsgehalt  selber 
angreift  -  sondern  eben  damit  auch  gerade  jene  gesellschaft- 
liche  Bewegung  im  Widerspruch  verfehlt  wird,  um  deret- 
willen  Sie  das  Opf  er  der  Theologie  bringen. 

Wenn  Sie  das  dialektische  Bild  als  „Traum"  ins  BewuBt- 
sein  verlegen,  so  ist  damit  nicht  bloB  der  Begriff  entzaubert 
und  umganglich  geworden,  sondern  hat  eben  damit  auch  jene 
objektive  Schlusselgewalt  eingebiiBt,  die  gerade  materiali- 
stisch  ihn  legitimieren  konnte.  DerFetischcharakter  der  Ware 
ist  keine  Tatsache  des  BewuBtseins,  sondern  dialektisch  in 
dem  eminenten  Sinne,  daB  er  BewuBtsein  produziert.  Das 

672 


besagt  aber,  dafl  das  BewuBtsein  oder  UnbewuBtsein  ihn 
nicht  einfach  als  Traum  abzubilden  vermag,  sondern  mit 
Wunsch  und  Angst  gleichermaBen  ihn  beantwortet.  Durch 
den  sit  venia  verbo  Abbild-Realismus  der  jetzigen  immanen- 
ten  Fassung  des  dialektischen  Bildes  geht  aber  gerade  jene 
dialektische  Macht  des  Fetischcharakters  verloren.  Um  auf 
die  Sprache  des  glorreichen  ersten  Passagenentwurfes  zu 
rekurrieren:  wenn  das  dialektische  Bild  nichts  ist  als  die 
Auffassungsweise  des  Fetischcharakters  im  KollektivbewuBt- 
sein,  so  mag  sich  zwar  die  Saint  Simonistische  Konzeption  der 
Warenwelt  als  Utopie,  nicht  aber  deren  Kehrseite  enthul- 
len,  namlich  das  dialektische  Bild  des  neunzehnten  Jahrhun- 
derts  als  Holle.  Nur  diese  aber  vermbchte  das  Bild  des 
goldenen  Zeitalters  an  die  rechte  Stelle  zu  bringen  und 
gerade  einer  Interpretation  Offenbaehs  konnte  dieser  Doppel- 
sinn  sich  hochst  schliissig  herausstellen :  namlich  der  von 
Unterwelt  und  Arkadien  —  beides  sind  explizite  Kategorien 
Offenbaehs  und  bis  in  Details  der  Instrumentation  herein  zu 
verfolgen.  So  scheint  mir  die  Aufgabe  der  Hollenkategorie 
des  Entwurfes  und  zumal  der  genialen  Stelle  iiber  den  Spie- 
ler —  fur  die  die  Stelle  iiber  Spekulation  und  Glucksspiel 
keinen  Ersatz  bietet  —  nicht  nur  eine  EinbuBe  an  Glanz, 
sondern  auch  an  dialektischer  Stimmigkeit.  Nun  verkenne  ich 
am  letzten  die  Relevanz  der  BewuBtseinsimmanenz  furs 
neunzehnte  Jahrhundert.  Aber  nicht  kann  aus  ihr  der  BegrifE 
des  dialektischen  Bildes  gewonnen  werden,  sondern  BewuBt- 
seinsimmanenz selber  ist,  als  „Interieur"  das  dialektische  Bild 
furs  neunzehnte  Jahrhundert  als  Entfremdung;  darin  muB 
ich  den  Einsatz  des  zweiten  Kierkegaardkapitels 2  auch  beim 
neuen  jeu  stehen  lassen.  Nicht  also  ware  danach  das  dialek- 
tische Bild  als  Traum  ins  BewuBtsein  zu  verlegen,  sondern 
durch  die  dialektische  Konstruktion  ware  der  Traum  zu  ent- 
auBern  und  die  BewuBtseinsimmanenz  selber  als  eine  Kon- 
stellation  des  Wirklichen  zu  verstehen.  Gleichsam  als  die 
astronomische  Phase,  in  welcher  die  Holle  durch  die  Mensch- 
heit  hindurchwandert.  Erst  die  Sternkarte  solcher  Wander- 
schaft  vermochte,  so  scheint  mir,  den  Blick  auf  die  Geschichte 
als  Urgeschichte  freizugeben.  -  Lassen  Sie  mich  den  Einwand, 

673 


genau  den  gleichen,  vom  extremen  Gegenpunkt  aus  nochmals 
zu  formulieren  suchen.  Im  Sinne  der  Immanenzfassung  des 
dialektischen  Bildes  (der  ich,  um  das  positive  Wort  zu  nennen, 
Ihren  friiheren  ModellbegriK  kontrastieren  mochte)  kon- 
struieren  Sie  das  Verhaltnis  des  Altesten  und  Neuesten,  das 
ja  schon  im  ersten  Entwurf  zentral  stand,  als  eines  der  uto- 
pischen  Bezugnahme  auf  „klassenlose  Gesellschaf t" .  Damit 
wird  das  Archaische  zu  einem  komplementar  Hinzugefiigten 
anstatt  das  „Neueste"  selber  zu  sein;  ist  also  entdialektisiert. 
Zugleich  aber  wird,  ebenfalls  undialektisch,  das  klassenlose 
Bild  in  den  Mythos  zuriickdatiert  anstatt  hier  wahrhaft  als 
Hbllenphantasmagorie  transparent  zu  werden.  So  scheint  mir 
denn  die  Kategorie  unter  welcher  die  Archaik  in  der  Moderne 
aufgeht  weit  weniger  das  goldene  Zeitalter  als  die  Rata- 
strophe.  Ich  habe  einmal  notiert,  das  Jungstvergangene  stelle 
allemal  sich  dar  als  ob  es  durch  Katastrophen  vernichtet  sei. 
Hie  et  nunc  wiirde  ich  sagen:  damit  aber  als  Urgeschichte. 
Und  gerade  hier  weifi  ich  mich  mit  der  kiihnsten  Stelle  des 
Trauerspielbuches  in  Ubereinstimmung. 

Wenn  die  Entzauberung  des  dialektischen  Bildes  als 
„Traum"  es  psychologisiert,  so  verfallt  sie  aber  ebendadurch 
dem  Zauber  der  biirgerlichen  Psychologie.  Denn  wer  ist  das 
Subjekt  zum  Traum?  Im  neunzehnten  Jahrhundert  gewiB 
nur  das  Individuum;  aus  dessen  Traumen  aber  weder  der 
Fetischcharakter  noch  dessen  Monumente  unmittelbar  ab- 
bildlich  gelesen  werden  konnen.  Daher  wird  denn  das  Kol- 
lektivbewuBtsein  hergeholt,  von  dem  ich  freilich  bei  der 
gegenwartigen  Fassung  furchte,  daB  es  vom  Jungschen  sich 
nicht  abheben  laBt.  Der  Kritik  ist  es  von  beiden  Seiten  offen: 
vom  gesellschaftlichen  ProzeB  her,  indem  es  archaische  Bilder 
dort  hypostasiert,  wo  dialektische  durch  den  Warencharakter, 
nur  eben  nicht  in  einem  archaischen  Kollektivich,  sondern  in 
den  burgerlich  entfremdeten  Individuen  produziert  werden; 
von  der  Psychologie  aus,  indem,  wie  Horkheimer  sagt,  das 
Massenich  nur  bei  Erdbeben  und  Massenkatastrophen  exi- 
stiert,  wahrend  sonst  der  objektive  Mehrwert  gerade  in 
Einzelsubjekten  und  gegen  sie  sich  durchsetzt.  Das  Kollektiv- 
bewuBtsein  wurde  nur  erfunden  um  von  der  wahren  Objek- 

674 


tivitat  und  ihrem  Korrelat,  namlich  der  entfremdeten  Sub- 
jektivitat  abzulenken.  An  uns  ist  es,  dies  „BewuBtsein"  nach 
Gesellschaft  und  Einzelnem  dialektisch  zu  polarisieren  und 
aufzulosen  und  nicht  es  als  bildliches  Korrelat  des  Waren- 
charakters  zu  galvanisieren.  DaB  im  traumenden  Kollektiv 
keine  Differenzen  fur  die  Klassen  bleiben,  spricht  deutlich 
und  warnend  genug. 

Die  mythisch-archaische  Kategorie  des  „goldenen  Zeit- 
alters"  aber  hat  endlich  —  und  das  scheint  mir  gerade  gesell- 
schaftlich  entscheidend  —  audi  verhangnisvolle  Konsequenzen 
fiir  die  Warenkategorie  selber.  Wird  am  goldenen  Zeitalter 
die  entscheidende  „Zweideutigkeit"  (ein  Begriff  iibrigens, 
der  selber  der  Theorie  hochst  bediirftig  ist  und  keiriesfalls 
bloB  stehen  bleiben  darf),  namlich  die  zur  Holle,  unterschla- 
gen,  so  wird  dafiir  die  Ware  als  die  Substanz  des  Zeitalters 
zur  Hblle  schlechthin  und  in  einer  Weise  negiert,  welche  in 
der  Tat  die  Unmittelbarkeit  des  Urzustandes  als  Wahrheit 
mochte  erscheinen  lassen:  so.  fiihrt  die  Entzauberung  des 
dialektischen  Bildes  geradeswegs  in  ungebrochen  mythisches 
Denken  und  wie  dort  Jung  so  meldet  hier  Klages  als  Gefahr 
sich  an.  Nirgends  aber  bringt  der  Entwurf  mehr  an  Remedien 
mit  als  gerade  an  dieser  Stelle.  Hier  ware  der  zentrale  Ort  der 
Lehre  vom  Sammler,  der  die  Dinge  vom  Fluch  niitzlich  zu 
sein  befreit;  hierhin  gehort  audi,  wenn  ich  recht  verstehe, 
Haussmann,  dessen  KlassenbewuBtsein  gerade  durch  die 
Vollendung  des  Warencharakters  in  einemHegelschenSelbst- 
bewuBtsein  die  Sprengung  der  Phantasmagorie  inauguriert. 
Die  Ware  als  dialektisches  Bild  verstehen,  heiBt  eben  auch 
sie  als  Motiv  ihres  Unterganges  und  ihrer  „Aufhebung"  an- 
statt  der  bloBen  Regression  aufs  Altere  zu  verstehen.  Ware 
ist  einerseits  das  Entfremdete,  an  dem  der  Gebrauchswert 
abstirbt,  andererseits  aber  das  Uberlebende,  das  fremd  gewor- 
den  die  Unmittelbarkeit  ubersteht.  An  den  Waren  und  nicht 
fiir  die  Menschen  haben  wir  das  Versprechen  der  Unsterblich- 
keit  und  der  Fetisch  ist  —  um  die  von  Ihnen  mit  Recht 
statuierte  Beziehung  zum  Barockbuch  weiterzutreiben  -  furs 
neunzehnte  Jahrhundert  ein  treulos  letztes  Bild  wie  nur  der 
Totenkopf.  An  dieser  Stelle  scheint  mir  der  entscheidende 

675 


Erkenntnischarakter  Kafkas,  insbesondere  des  Odradek  als 
der  nutzlos  iiberlebenden  Ware  zu  liegen:  in  diesem  Marchen 
mag  der  Surrealismus  sein  Ende  haben  wie  das  Trauerspiel 
im  Hamlet.  Innergesellschaftlich  sagt  das  aber,  daB  der  bloBe 
Begriff  des  Gebrauchswertes  keinesfalls  geniigt,  den  Waren- 
charakter  zu  kritisieren,  sondern  nur  aufs  vorarbeitsteilige 
Stadium  zurucklenkt.  Das  war  stets  mein  eigentlicher  Vor- 
behalt  gegen  Berta3  und  ihr  „Kollektiv"  sowohl  wie  ihr  un- 
mittelbarer  Funktionsbegriff  sind  mir  darum  stets  suspekt 
gewesen,  namlich  selber  als  „Regression".  Vielleicht  sehen 
Sie  aus  dieser  Uberlegung,  deren  sachlicher  Gehalt  genau  die 
Kategorien  triff t,  die  im  Expose  Berta  gemafi  sein  mogen, 
daB  mein  Widerstand  gegen  diese  nicht  insulare  Rettungs- 
versuche  fiir  autonome  Kunst  oder  irgend  Ahnliches  sind, 
sondern  mit  jenen  Motiven  unserer  philosophischen  Freund- 
schaft  aufs  tief ste  kommunizieren,  die  mir  die  ursprunglichen 
diinken.  Wenn  ich  mit  einem  gewagten  Griff  den  Bogen 
meiner  Kritik  zusammenf assen  diirfte,  so  miiBte  er,  und  wie 
konnte  es  anders  sein,  um  die  Extreme  sich  schlieBen.  Eine 
Restitution  der  Theologie  oder  lieber  eine  Radikalisierung 
der  Dialektik  bis  in  den  theologischen  Glutkern  hinein  miiBte 
zugleich  eine  auBerste  Scharfung  des  gesellschaftlich-dialek- 
tischen,  ja  des  okonomischen  Motivs  bedeuten.  Das  ware 
zumal  audi  historisch  zu  nehmen.  Der  fiirs  neunzehnte  Jahr- 
hundert  spezifische  Warencharakter  d.  h.  die  industrielle 
Warenproduktion  miiBte  material  weit  scharfer  herausgear- 
beitet  werden,  da  es  ja  seit  dem  beginnenden  Kapitalismus, 
d.  h.  dem  Manufakturzeit alter,  eben  dem  Barock,  Waren- 
charakter und  Entfremdung  gibt  —  wie  denh  andererseits  die 
„Einheit"  der  Moderne  seitdem  eben  im  Warencharakter 
liegt.  Erst  eine  genaue  Bestimmung  der  ihdustriellen  War  en - 
form  als  einer  historisch  von  den  alteren  scharf  abgehobenen 
konnte  aber  die  „Urgeschichte"  und  Ontologie  des  neunzehn- 
ten  Jahrhunderts  voll  lief  em;  alle  Beziehungen  auf  die 
Warenform  „als  solche"  verliehen  dieser  Urgeschichte  einen 
gewissen  Charakter  des  Metaphorischen,  der  in  diesem  Ernst- 
fall  nicht  geduldet  werden  kann.  Ich  mochte  vermuten,  daB, 
wenn   Sie   sich  hier  Ihrer  Verfahrungsweise,   der  blinden 

676 


Materialarbeit,  ganz  iiberlassen,  die  groBten  Interpretations  - 
ergebnisse  zu  erzielen  sind.  Wenn  meine  Kritik  sich  dem- 
gegeniiber  in  einer  gewissen  theoretischen  Abstraktionssphare 
bewegt,  so  ist  das  gewiB  eine  Not,  aber  ich  weiB,  daB  Sie  diese 
Not  nicht  als  eine  von  „  Weltanschauung"  betrachten  und 
damit  meine  Vorbehalte  beseitigen  wer,den. 

Immerhin  erlauben  Sie  mir  noch  einige  konkretere  Einzel- 
bemerkungen,  die  freilich  nur  vor  jenem  theoretischen  Hin- 
tergrund  etwas  bedeuten  mogen.  Zum  Titel  mochte  ich 
vorschlagen:  Paris  Hauptstadt  des  neunzehnten  Jahrhundert; 
nicht  „die  Hauptstadt"  —  falls  nicht  doch  mit  der  Holle  der 
Passagentitel  auferstehen  sollte.  Die  Kapiteleinteilung  nach 
Mannern  scheint  mir  nicht  ganz  gliicklich;  von  ihr  geht  ein 
gewisser  Zwang  zur  systematischen  AuBenarchitektur  aus, 
der  mir  nicht  recht  behagen  will.  Gab  es  da  nicht  friiher 
Abschnitte  nach  Materialien  wie  „Plusch",  „Staub"  usw.? 
Gerade  die  Beziehung  Fourier  —  Passage  will  nicht  recht  ein- 
leuchten.  Ich  konnte  mir  als  die  geeignete  Anordnung  hier 
eine  Konstellation  der  verschiedenen  stadtischen  und  Waren- 
materialien  denken,  die  sich  in  den  spateren  Teilen  als  das 
dialektische  Bild  und  dessen  Theorie  zugleich  dechiffriert.  - 
Im  Motto  S.  406  gibt  das  Wort  portique  sehr  schon  das  Motiv 
von  „Antike";  vielleicht  ware  zum  Neuen  als  Altesten  hier 
eine  Formenlehre  des  Empire  elementar  abzuhandeln  (wie 
imBarockbuch  etwa  dieMelencholia).  Auf  S.  407  ware  jeden- 
falls  die  Auffassung  vom  Staat  als  Selbstzweck  im  Empire 
als  bloBe  Ideologie  voll  durchsichtig  zu  machen,  als  welche  sie 
ja  nach  der  Fortsetzung  wohl  von  Ihnen  gedacht  wird.  Ganz 
unerhellt  steht  hier  der  Begriff  der  Konstruktion,  der,  als 
Materialentfremdung  und  Materialbeherrschung,  bereits  emi- 
nent dialektisch  und  nach  meinem  Dafiirhalten  auch  sogleich 
dialektisch  zu  exponieren  ist  (scharfe  Grenze  zum  gegenwar- 
tigen  Konstruktionsbegriff ;  wahrscheinlich  bietet  der  sehr  ins 
19.  Jahrhundert  fallende  Terminus  ingenieur  die  Hand- 
haben!).  Der  Begriff  des  kollektiven  UnbewuBten,  der  hier 
auftritt  und  zu  dem  ich  prinzipiell  schon  einiges  sagte,  ist 
iibrigens  in  seiner  Einfuhrung  und  Exposition  nicht  ganz 
durchsichtig.  -  Zu  S.  407  mochte  ich  fragen,  ob  GuBeisen 

677 


wirklichder  erstekiinstlicheBaustoff  ist  (Ziegelsteine!);  iiber  - 
haupt  ist  mir  beim  „Ersten"  manchmal  nicht  recht  wohl. 
Vielleicht  liefie  sich  hier  komplementar  formulieren:  Jede 
Epoche  traumt  sich  als  durch  Katastrophen  vernichtete.  — 
S.  408.  Die  Formel  da£  „das  Neue  sich  mit  dem  Alten  durch- 
dringt"  ist  mir  hbchst  bedenklich  im  Sinne  meiner  Kritik  am 
dialektischen  Bild  als  einer  Regression.  Nicht  wird  darin  auf s 
Alte  zuriickgegriffen,  sondern  das  Neueste  ist,  als  Schein  und 
Phantasmagoric,  selber  das  Alte.  Hier  darf  ich  vielleicht  ohne 
Zudringlichkeit  an  einige  Formulierungen,  auch  iiber  Zwei- 
deutigkeit,  im  Interieurabschnitt  des  Kierkegaard  erinnern. 
Noch  mochte  ich  hier  erganzen:  dialektische  Bilder  sind  als 
Modelle  keine  gesellschaftlichen  Produkte,  sondern  objektive 
Konstellationen,  in  denen  der  gesellschaftliche  Zustand  sich 
selbst  darstellt.  Infolgedessen  kann  dem  dialektischen  Bild 
niemals  eine  ideologische  oder  iiberhaupt  soziale  „Leistung" 
zugemutet  werden.  Mein  Einwand  gegen  den  bloB  negativen 
Ansatz  der  Verdinglichung  -  die  Kritik  am  „Klages"  des 
Entwurfes  —  stiitzt  sich  hauptsachlich  auf  die  Stelle  iiber  die 
Maschine  auf  S.  408.  DieUberbewertung  der  Maschinentech- 
nik  und  der  Maschine  als  solcher  ist  stets  biirgerlich  retrospek- 
tiven  Theorien  eigentumlich  gewesen:  es  werden  damit  die 
Produktionsverhaltnisse  durch  abstraktenRekurs  auf  die  Pro- 
duktionsmittel  iiberdeckt.  —  Zu  409  f.  gehort  der  Hegelsche, 
von  Georg  Lukacs  und  anderen  seitdem  aufgenommene  und 
sehr  wichtige  Begriff  der  zweiten  Natur.  Der  diable  a  Paris 
kbnnte  wohl  in  die  Holle  geleiten.  -  Zu  410:  daB  der  Arbeiter 
„zum  letzten  Mai"  aufierhalb  seiner  Klasse  als  Staffage  usf . 
erscheine,  mochte  ich  sehr  bezweifeln.  —  Die  Idee  einer  Urge- 
schichte  des  Feuilletons,  zu  der  Ihr  Kraus  soviel  enthalt,  ist 
hochst  bestechend;  hier  ware  auch  Heines  Standort.  Mir  fallt 
dazu  ein  alter  Ausdruck  der  Journalistensprache  ein:  „Scha- 
blonstil'*,  dessen  Ursprung  wohl  nachzugehen  ware.  Der 
Terminus  Lebensgef iihl  ist,  als  einer  der  Kultur-  oder  Geistes- 
geschichte,  sehr  anriichig.  -  Die  glaubige  Hinnahme  des 
Urerscheinens  der  Technik  scheint  mir  mit  der  Uberwertung 
des  Archaischen  als  solchem  zusammenzuhangen.  Ich  notierte 
die  Formel:  Mythos  ist  nicht  die  klassenlose  Sehnsucht  der 

678 


wahren  Gesellschaft,  sondern  der  objektive  Charakter  der 
entfremdeten  Ware  selber.  -  S.  411.  Die  Konzeption  der  Ge- 
schichte  der  Malerei  im  19.  Jahrhundert  als  Flucht  vor  der 
Photographie  (der  eine  der  Musik  als  Flucht  vorm  „Banalen" 
iibrigens  streng  korrespondiert)  ist  sehr  groBartig  aber  auch 
undialektisch  d.  h.  der  Anteil  der  in  die  Warenform  nicht 
eingehenden  Produktivkrafte  an  den  malerischen  Funden  ist 
so  nicht  konkret,  sondern  bloB  im  Negativ  der  Spur  zu  fassen 
(der  prazise  Ort  dieser  Dialektik  ist  wahrscheinlich  Manet). 
Das  scheint  mir  mit  der  mythologisierenden  oder  archaisti- 
schen  Tendenz  des  Exposes  zusammenzuhangen.  Die  maleri- 
schen Funde  werden  als  vergangene  gewissermaBen  zu  ge- 
schichtsphilosophischen  Fixsternbildem,  aus  denen  der  Anteil 
der  Produktivkraft  entwichen  ist.  Unterm  undialektisch 
mythischen  Blick,  dem  der  Meduse,  entweicht  der  subjektive 
Anteil  der  Dialektik.  -  Das  goldene  Zeitalter  von  S.  412  ist 
vielleicht  der  wahre  Ubergang  zur  Holle.  —  Die  Beziehung 
der  Weltausstellungen  auf  die  Arbeit erschaft  will  mir  nicht 
einleuchten  und  wirkt  als  Konjektur;  sie  ist  sicher  nur  mit 
groBter  Vorsicht  zu  behaupten.  —  Zu  412  f.  gehort  natiirlich 
eine  groBe  Definition  und  Theorie  der  Phantasmagoric  — 
S.  415  war  mir  ein  Mene  Tekel.  Ich  erinnere  mich  mit  Feli- 
zitas  des  uberwaltigenden  Eindruckes,  den  uns  seinerzeit  das 
Saturnzitat  machte;  das  Zitat  hat  die  Ernlichterung  nicht 
iiberstanden.  Nicht  miiBte  der  Saturnring  zum  guBeisernen 
Balkon  werden,  sondern  dieser  zum  leibhaften  Saturnring  und 
hier  bin  ich  glucklich,  Ihnen  nichts  Abstraktes  entgegen- 
zuhalten,  sondern  Ihr  eigenes  Gelingen:  das  unvergleichliche 
Mondkapitel  der  „Kindheit",  dessen  philosophischer  Gehalt 
hier  seine  Stelle  hatte.  Mir  fiel  hier  ein,  was  Sie  einmalvon 
der  Passagenarbeit  sagten:  sie  konne  nur  dem  Raum  des 
Wahnsinns  abgezwungen  werden:  daB  sie  von  diesem  sich 
entfernte  anstatt  ihn  zu  unterwerf en  bezeugt  die  Deutung  des 
Saturnzitats  die  davon  abprallt.  Hier  sitzen  meine  eigentlichen 
Widerstande.  [. . .]  hier  muB  ich  um  des  ungeheuren  Ernstes 
der  Sache  willen  so  brutal  reden.  -  Der  Fetischbegriff  der  Ware 
muB,  wie  es  wohl  auch  in  Ihrer  Absicht  liegt,  mit  den  zustan- 
digen  Stellen  dessen  belegt  werden  der  ihn  fand.  -  Der  eben- 

679 


falls  S.  413  auftretende  Begriff  des  Organischen,  der  auf  eine 
statische  Anthropologie  usw.  weist,  kann  wohl  auch  nicht  ge- 
halten  werden  oder  nur  so,  daB  es  lediglich  vorm  Fetisch  als 
solches  existiert,  also  selbst  historisch  ist,  wie  etwa  die  „Land- 
schaft".  —  Zu  S.  414  gehort  wohl  jenes  dialektische  Waren- 
motiv  des  Odradek.  —  Die  Arbeiterbewegung  scheint  hier  wie- 
der  ein  wenig  deus  ex  machina-haft;  freilich  mag  hier  wie  bei 
manchen  analogen  Formen  die  Abkiirzungsweise  des  Exposes 
Schuld  tragen  —  dies  ein  Vorbehalt  der  vielen  meiner  Vor- 
behalte  gegeniiber  zu  machen  ist.  Mir  ist  zu  der  Stelle  xiber 
die  Mode,  die  mir  sehr  bedeutend  scheint,  aber  in  ihrer 
Konstruktion  vom  Begriff  des  Organischen  wohl  abgelost  und 
aufs  Lebendige  bezogen  werden  muflte  —  d.  h.  also  nicht  auf 
vorgesetzte  „Natur"  bezogen  -  noch  eingefallen  der  Begriff 
des  Changeant,  des  schillernden  Stoffes,  der  wohl  fin*  das 
19.  Jahrhundert  Ausdrucksbedeutung  hat,  wohl  auch  an  in- 
dustrielle  Verfahren  gebunden  ist.  Vielleicht  gehen  Sie  dem 
einmal  nach,  sicherlich  weiB  Frau  Hessel,  deren  Berichte  in 
der  FZ  wir  stets  mit  groBem  Interesse  verfolgen,  damit  Be- 
scheid.  —  S.  414  ist  die  Stelle,  zu  der  ich  insbesondere  das 
Bedenken  gegen  den  zu  abstrakten  Gebrauch  der  Waren- 
kategorie  anzumelden  habe:  als  sei  sie  als  solche  „erstmals" 
im  19.  Jahrhundert  erschienen  (beilaufig  gesagt  gilt  der 
gleiche  Einwand  auch  gegen  Interieur  und  Soziologie  der 
Innerlichkeit  im  Kierkegaard  und  gerade  hier  habe  ich  alles, 
was  ich  gegen  Ihr  Expose  vorbringe,  auch  gegen  die  eigene 
altere  Arbeit  zu  sagen).  Ich  glaube,  daB  die  Warenkategorie 
sich  bereits  durch  die  spezifisch  modernen  Kategorien  Welt- 
handel  und  Imperialismus  sehr  konkretisieren  lieBe.  Dazu 
etwa:  die  Passage  als  Basar,  auch  etwa  Antiquitatenladen  als 
Welthandelsmarkte  f  iirs  Zeitliche.  Die  Bedeutung  der  Herein- 
geholten  Feme  —  vielleicht  das  Problem  der  Gewinnung 
intentionsloser  Schichten  und  die  imperiale  Eroberung.  Ich 
gebe  nur  Einfalle;  natiirlich  konnen  Sie  hier  im  Material 
unvergleichlich  viel  Biindigeres  zutage  fordern  und  die  spe- 
zifische  Gestalt  der  Dingwelt  des  19.  Jahrhunderts  bestimmen 
(vielleicht  von  ihrer  Riickseite,  Abfallen,  Resten,  Triimmern 
her).  —  Auch  die  Stelle  iiber  das  Kontor  diirfte  der  historischen 


680 


Bestimmtheit  entraten.  Mir  erscheint  es  weniger  als  blanker 
Gegensatz  zum  Interieur  denn  als  Relikt  alterer  Stubenfor- 
men,  wohl  barocker  (cf .  Globen  darin,  Wandkarten,  Barriere 
und  andere  Materialformen).  —  S.  415.  Zur  Theorie  des 
Jugendstiles :  wenn  ich  mit  Ihnen  darin  ubereinstimme,  daB 
er  eine  entscheidende  Erscbiitterung  des  Interieurs  bedeutet, 
so  schlieBt  das  fur  micb  aus,  dafi  er  „alle  Krafte  der  Inner  - 
lichkeit  mobilisiert".  Vielmehr  sucht  er  sie  durch  „VerauBer- 
lichung"  zu  retten  und  zu  verwirklicben  (hierher  gehort  die 
Theorie  insbesondere  des  Symbolismus,  vor  allem  Mallarmes 
Interieurs,  die  genau  die  umgekehrte  Bedeutung  haben  als 
etwa  Kierkegaards).  Anstelle  von  Innerlichkeit  steht  im  Ju- 
gendstil  Sexus.  Auf  ihn  wird  rekurriert,  gerade  weil  einzig 
in  ihm.das  private  Individuum  sich  nicht  als  innerlich,  son- 
dern  leibhaft  begegnet.  Das  gilt  f iir  alle  Kunst  des  Jugendstils 
von  Ibsen  bis  Maeterlinck  und  d'Annunzio.  Der  Ursprung  ist 
denn  auch  Wagner  und  nicht  die  Kammermusik  Brahmsens.— 
Beton  scheint  mir  fur  den  Jugendstil  uncharakteristisch,  ge- 
hort wohl  in  den  merkwiirdigen  Leerraum  um  1910.  Ich 
halte  es  iibrigens  fur  wahrscheinlich,  daB  der  eigentliche 
Jugendstil  mit  der  groBen  Wirtschaftskrise  um  1900  zusam- 
menfallt;  Beton  gehort  in  die  Vorkriegskonjunktur.  —  S.  415. 
Ich  mochte  Sie  auf  die  hochst  merkwiirdige  Interpretation  des 
Baumeister  Solness  in  Wedekinds  NachlaB  aufmerksam  ma- 
chen.  Psychoanalytische  Liter atur  iiber  das  Erwachen  kenne 
ich  nicht,  tue  mich  aber  danach  um.  Aber:  gehort  nicht  die 
traumdeutende,  erwachende  Psychoanalyse,  die  sich  ausdnick- 
lich  polemisch  gegen  die  Hypnose  absetzt  (Belege  bei  Freud 
in  den  Vorlesungen)  selber  znm  Jugendstil,  mit  dem  sie 
zeitlich  koinzidiert?  Hier  diirfte  eine  Frage  ersten  Ranges 
liegen,  die  vielleicht  sehr  weit  fiihrt.  Korrektiv  zu  der  prinzi- 
piellen  Kritik  mochte  ich  hier  einfiigen:  wenn  ich  den  Ge- 
brauch  des  KollektivbewuBtseins  ablehne,  so  naturlich  nicht, 
um  das  „burgerliche  Individuum"  als  eigentliches  Substrat 
stehen  zu  lassen.  Es  ist  auf  Interieur  als  soziale  Funktion 
transparent  zu  machen  und  seine  Geschlossenheit  als  Schein 
zu  enthiillen.  Aber  als  Schein  nicht  gegenuber  einemhyposta- 
siertenkollektivenBewuBtsein,  sondern  gegenuber  dem  realen 

681 


gesellschaftlichen  ProzeB  selber.  Das  „Individuum"  ist  dabei 
ein  dialektisches  Durchgangsinstrument,  das  nicht  wegmythi- 
siert  werden  darf,  sondern  nur  aufgehoben  werden  kann.  - 
Nochmals  mochte  ich  die  Stelle  von  der  „Befreiung  der  Dinge 
von  der  Fron  niitzlich  zu  sein"  als  den  genialen  Wendepunkt 
zur  dialektischen  Rettung  der  Ware  aufs  nachdrucklichste 
akzentuieren.  -  S.  416  ware  ich  froh,  wenn  die  Theorie  des 
Sammlers  und  des  Interieurs  als  Etui  moglichst  weit  aus- 
gefuhrt  wiirden.  -  S.  417  mochte  ich  Sie  auf  Maupassants  La 
nuit  aufmerksam  machen,  die  mir  das  dialektische  SchluB- 
stuck  zu  Poes  Mann  der  Menge  als  Grundstein  erscheint.  Die 
Stelle  iiber  die  Menge  als  Schleier  finde  ich  wunderbar.  - 
S.  418  ist  der  Ort  der  Kritik  am  dialektischen  Bild.  DaB  die 
hier  gegebene  Theorie  dem  ungeheuren  Anspruch  der  Sache 
noch  nicht  gerecht  wird,  wissen  Sie  fraglos  besser  als  ich.  Ich 
mochte  nur  noch  sagen,  daB  nicht  Zweideutigkeit  die  Uber- 
setzung  der  Dialektik  ins  Bild  ist,  sondern  dessen  „Spur",  die 
selber  durch  die  Theorie  erst  durchzudialektisieren  ist.  Ich 
meine  mich  zu  erinnern,  daB  es  hierzu  im  Interieurkapitel 
des  Kierkegaard  einen  brauchbaren  Satz  gibt.  Zu  S.  418  viel- 
leicht  die  SchluBstrophe  der  groBen  Femmes  damnees  aus 
den  Pieces  condamnees.  —  Der  Begriff  falsches  BewuBtsein 
erheischt  m.  E.  vorsichtigsten  Gebrauch  und  ist  keinesfalls 
mehr  ohne  Rekurs  auf  den  Hegelschen  [!]  Ursprung  zu  be- 
nutzen.  —  Snob  ist  urspninglich  gerade  kein  asthetischer,  son- 
dern ein  sozialer  Begriff;  er  ist  durch  Thackeray  arriviert. 
ZwischenSnob  und  Dandy  ist  aufs  scharfstezu  unterscheiden; 
wohl  auch  der  Geschichte  des  Snobs  selber  nachzugehen,  wozu 
Sie  ja  durch  Proust  das  groBartigste  Material  haben.  —  Die 
These  auf  S.  419  iiber  Tart  pour  l'art  und  Gesamtkunstwerk 
scheint  mir  in  dieser  Form  nicht  zu  halten.  Gesamtkunstwerk 
und  Artismus  im  pragnanten  Sinne  sind  die  extrem  entgegen- 
gesetzten  Versuche,  aus  dem  Warencharakter  auszuweichen, 
und  nicht  identisch :  so  ist  Baudelaires  Beziehung  zu  Wagner 
so  dialektisch  wie  die  Gemeinschaft  mit  der  Hure.  —  S.  419  f. 
will  die  Theorie  der  Spekulation  mich  durchaus  nicht  befrie- 
digen.  Hier  fehlt  einmal  die  Theorie  des  Gliicksspiels,  die  im 
Passagenentwurf  so  groBartig  stand;  andererseits  die  wirk- 

682 


liche  okonomische  Theorie  des  Spekulanten.  Die  Spekulation 
ist  der  negative  Ausdruck  der  Irrationalitat  der  kapitalisti- 
schen  ratio.  Vielleicht  ware  auch  dieser  Stelle  durch  „Extra- 
polation  auf  die  Extreme"  beizukommen.  —  S.  420  ware  wohl 
eine  explizite  Theorie  der  Perspektive  fallig;  ich  glaube,  in 
den  Urpassagen  gab  es  etwas  dazu.  Es  gehort  dazu  das 
Stereoskop,  das  zwischen  1810  und  1820  erfunden  wurde.  — 
Die  schone  dialektische  Konzeption  des  HauBmannkapitels 
konnte  vielleicht  in  der  Darstellung  pragnanter  herauskom- 
men  als  das  Expose  sie  macht,  aus  dem  man  sie  erst  inter - 
pretieren  muB. 

Nochmals  muB  ich  Sie  bitten,  die  meckernde  Form  dieser 
Glossen  zu  entschuldigen;  aber  ich  meine  doch  Ihnen  wenig- 
stens  einige  Lokalisierungen  der  prinzipiellen  Kritik  schuldig 
zu  sein.  [. . .] 

In  wahrhafter  Freundschaft. 

1  Im  folgenden  sind  die  Seitenzahlen  des  Manuscripts  ersetzt  worden 
durch  die  des  Abdrucks  in  Schriften  1. 

2  Von  Adornos  Kierkegaardbuch. 

3  Deckname  fur  Brecht;  der  Brief  ist  aus  dem  nationals ozialistisch en 
Deutschland  an  seinen  Adressaten  in  Paris  gegangen. 


264     An  Gerhard  Scholem 

9.  August  1935 

CJ 

Ich  habe  einige  Wochen  intensiver  Arbeit  in  der  Bibliothek 
hinter  mir.  Sie  haben  die  Dokumentation  fur  mein  Buch  sehr 
gefordert.  Nun  aber  werde  ich  sie  —  ohne  ihren  AbschluB 
erreicht  zu  haben  -  fixr  einige  Zeit  unterbrechen  miissen. 
Mich  rettet  vor  der  Arbeit  iiber  Fuchs  kein  Gott  mehr.  Ja,  ich 
habe  mehr  denn  je  Grund,  mich  den  Anregungen  des  Insti- 
tuts  gegeniiber  gefiigig  zu  zeigen.,  Denn  das  Entgegenkom- 
men,  das  ich  bei  meinen  Verhandlungen  im  Mai  gefunden 
habe,  kam  nicht  zustande  ohne  daB  ich  die  Aussicht,  einige 

683 


Monate  in  Palastina  zu  verschwinden  und  seiner  Fiirsorge 
enthoben  zu  sein,  meinem  Partner  eroffnet  hatte.  Ihm,  wie 
Du  Dir  denken  kannst,  eine  lockende  Perspektive,  die  ihm 
nunmehr  zerstreuen  zu  mussen  mich  vor  eine  bedenkliche 
Aufgabe  stellt.  DaB  es  mir  im  iibrigen  aus  bessern  und 
menschlichern  Griinden  sehr  leid  tut,  unsere  Begegnung 
hinausgeschoben  zu  sehen,  wird  Dich  nicht  iiberraschen.  Und 
wir  werden  uns  von  einem  Wiedersehen  in  Europa,  das  doch 
wohl  nur  ein  fliichtiges  sein  konnen  wird,  nicht  das  verspre- 
chen  diirfen,  was  uns  einige  Wochen  in  Palastina  gegeben 
hatten.  Mir  den  Einblick  in  Dein  Wirken  und  seine  Um- 
stande;  Dir  den  in  meine  Arbeit,  von  deren  Charakter  Dir 
eine  Anschauung  zu  verschaffen  nicht  allein  brieflich  ganz 
unmoglich,  sondern  selbst  im  Gesprach  nur  dann  tunlich 
ware,  wenn  es  keine,  allzu  gelegentliche,  vereinzelte  ist.  Dann 
allerdings  diirfte  es  fiir  uns  beide  um  so  viel  lohnender  sein 
als  dies  Buch  von  mir  mit  ungewohnlicher  Vorsicht  ins  Werk 
gesetzt  wird  und  -  je  einsamer  meine  Arbeit  an  ihm  verlauft, 
im  gegenwartigen  Stadium  um  so  mehr  gewillt  und  fahig  ist 
alle  Belehrung,  die  ihm  aus  freundschaftlichem  Gesprach 
kommen  kann,  fruchtbar  zu  machen.  Ich  glaube,  daB  seine 
Konzeption,  so  sehr  personlich  sie  in  ihrem  Ursprung  ist,  die 
entscheidenden  geschichtlichen  Interessen  unserer  Generation 
zum  Gegenstand  hat.  Danach  bedarf  es  nicht  eines  Wortes 
mehr,  um  Dir  anzudeuten,  wie  gern  ich  Dich  mit  ihr  vertraut 
machen  wiirde. 

Sachlich  liegen  die  Dinge  so,  daB  ein  Expose  fiir  das  Insti- 
tut-  will  sagen  zu  auBerlichem,  ja  auBerlichstem,  Gebrauch-, 
das  seit  einiger  Zeit  vorliegt,  mir  selbst  auf  das  genaueste 
den  Ort  vergegenwartigt  hat,  an  dem  die  konstruktive  Arbeit, 
die  zugleich  die  Entscheidung  iiber  die  schriftstellerische 
Form  und  deren  Gelingen  einschlieBt,  eines  Tages  ihren  An- 
fang  zu  nehmen  hatte.  Dieser  Tag  ist  noch  nicht  gekommen. 
Umstande  die,  so  widerwartig  sie  sind,  mich  darin  zu  ihrem 
Komplizen  haben,  verzogern  ihn.  Wenn  ich  ihn  aber  noch  je 
erlebe,  so  will  ich  mich  nicht  mehr  iiber  vjeles  beklagen. 

Ich  will  den  Gegenstand  nicht  verlassen,  ohne  Dir  zu  sagen, 
daB  die  alternativen  Vermutungen,  welche  Du  an  ihn  schlieBt, 

684 


beide  zutreffen.  Die  Arbeit  stellt  sowohl  die  philosopbische 
Verwertung  des  Surrealismus  —  und  damit  seine  Auf hebung  — 
dar  wie  auch  den  Versuch,  das  Bild  der  Geschichte  in  den 
unscheinbarsten  Fixierungen  des  Daseins,  seinen  Abfallen 
gleichsam  festzuhalten. 

Die  Adresse  meiner  Schwester,  die  augenblicklich  die  mei- 
nige  ist,  habe  ich  Dir,  wenn  ich  mich  recht  entsinne,  schon 
auf  meiner  letzten  Karte  mitgeteilt.  Ohne  zu  wissen,  ob  ich 
bei  Riickkunft  von  Frau  Marx-Steinschneider  noch  hier 
wohnen  werde,  bitte  ich  Dich,  sie  ihr  mitzuteilen  [. . .] 

Paris  ist  zur  Zeit  klimatisch  sehr  angenehm;  gesellschaft- 
lich  weniger,  weil  von  den  wenigen  Bekannten  entbloBt. 
Selbst  die  Emigranten  nehmen  ihre  paar  Groschen  zur  Hand 
und  machen  Sommer. 

LaB  also  aufs  baldigste  von  Dir  horen  und  nimm  die  herz- 
lichsten  Wiinsche  fiir  Dein  groBes  hebraisches  Unternehmen. 
GriiBe  an  Dich  und  Escha. 

Dein  Walter 


26 J     An  Gretel  Adorno 

16.  August  1935 

Liebe  F. 

Ich  glaube  recht  zu  tun,  wenn  ich  diese  wenigen  Zeilen  in 
Deine  Hande  lege.  Sie  enthalten  keine  Auseinandersetzung 
mit  Eurem  groBen  und  denkwiirdigen  Brief  vom  2.  Diese 
wird  spaterem  —  und  gewiB  nicht  einem  Brief,  sondern  einer 
Reihe  von  solchen  im  Laufe  unserer  Korrespondenz  vorbehal- 
ten  sein  —  einer  Korrespondenz,  die  sich  in  ihren  vielen 
Strbmen  und  Rinnsalen  dann  freilich  doch  eines  nicht  hof- 
fentlich  zu  fernen  Tages  in  das  Bett  gemeinsamer  Gegenwart 
ergiefien  soil  —  nein  —  das  ist  keine  Auseinandersetzung, 
sondern,  wenn  Ihr  so  wollt,  eine  Empfangsanzeige.  Aber  sie 
soil  nicht  nur  sagen,  daB  die  Hande  es  sind,  die  dieses  Schrei- 

685 


ben  empfangen  haben.  Und  es  ist  audi  nicht  nur  der  Kopf, 
mit  ihnen.  Sondern  was  ich  Euch  vorab  und  ehe  irgend  ein 
Einzelnes  beriihrt  wird,  versichem  will,  das  ist,  wie  begliik- 
kend  f iir  mich  die  Bestatigung  unserer  Freundschaft  und  die 
Erneuerung  so  vieler  freundschaftlicher  Gesprache  ist,  die 
Euer  Brief  vornimmt. 

Das  AuBerordentliche  und  bei  aller  Genauigkeit  und 
Dringlichkeit  Eurer  Einwendung  fur  mich  so  hochst  Beson- 
dere  und  Befruchtende  in  Eurem  Brief  ist,  daB  er  die  Sadie 
iiberall  im  engsten  Zusammenhang  mit  ihrem  von  mir  er- 
fahrenen  Gedankenleben  betrifft;  daB  jede  Eurer  Reflek- 
tionen  -  oder  so  gut  wie  jede  -  in  das  produktive  Zentrum 
hinein  -  kaum  eine  daneben  weist.  In  welcher  Gestalt  sie 
also  in  mir  audi  fortwirken  werden  und  so  wenig  ich  liber 
dieses  Fortwirken  weiB,  so  scheint  mir  doch  zweierlei  davon 
f  estzustehen : 

1)  daB  es  nur  ein  Forderliches, 

2)  nur  ein  unsere  Freundschaft  Bestatigendes  und  Bekraf- 
tigendes  sein  kann. 

Wenn  es  nach  mir  ginge,  so  ware  das  alles,  was  ich  fur 
heute  sagte ;  denn  alles  weitere  fiihrt  vorlaufig  noch  leicht  ins 
Ungeklarte  und  nicht  zu  Begrenzende.  Aber  da  ich  gerade 
von  diesen  Zeilen  nicht  mochte,  daB  Sie  Euch  hart  erscheinen, 
so  seien  einige,  ganz  provisorische  und  ganz  wenige  Glossen 
gewagt  -  nicht  ohne  zu  hasardieren.  DaB  sie  einen  mehr 
konf essionshaften  als  einen  unmittelbar  sachlichen  Charakter 
tragen,  das  rmiBt  Ihr  in  Kauf  nehmen. 

Und  so  sei  vorabgesagt:  Wenn  Euer  Brief  mit  so  nach- 
driicklichen  Wendungen  auf  den  „1"  Passagenentwurf  ver- 
weist,  so  ist  zu  konstatieren:  Es  ist  von  diesem  „1"  Entwurf 
nichts  aufgegeben  und  kein  Wort  verloren.  Und  was  Euch 
vorlag,  das  ist,  wenn  ich  so  sagen  darf ,  nicht  der  „2"  Entwurf, 
sondern  der  andere.  Diese  bei  den  Entwurf  e  haben  ein  polares 
Verhaltnis.  Sie  stellen  Thesis  und  Antithesis  des  Werkes  dar. 
Es  ist  daher  dieser  „2"  fiir  mich  alles  andere  als  ein  Ab- 
schluB.  Seine  Notwendigkeit  ruht  darauf,  daB  die  im  „1" 
vorhandenen  Einsichten  unmittelbar  keinerlei  Gestaltung 
zulieBen  —  es  sei  denn  eine  unerlaubt  „dichterische".  Daher 


686 


der,  langst  preisgegebene,  Untertitel  im  ersten  Entwurf. 
„Eine  dialektische  Feerie". 

Nun  habe  ich  die  beiden  Enden  des  Bogens  —  aber  noch 
nicht  die  Kraft,  ihn  zu  spannen.  Diese  Kraft  kann  nur  ein 
langes  Training  verschaffen,  fur  das  die  Arbeit  im  Material 
ein  Element,  neben  anderen,  darstellt.  Meine  ungliickliche 
Lage  bringt  es  mit  sich,  daB  die  anderen  Elemente  zu  Gun- 
sten  des  einen  genannten  in  dieser  zweiten  Epoche  der  Arbeit 
bisher  zuriicktreten  miissen.  Das  weifi  ich.  Und  dieser  Er- 
kenntnis  trage  ich  in  der  dilatorischen  Art  meines  Vorgehens 
Rechnung.  Ich  will  keinem  Fehler  Gelegenheit  geben,  auf 
den  Kalkiil  einzuwirken. 

Welches  sind  diese  anderen  Elemente  des  Trainings?  Die 
konstruktiven.  Wenn  W.  Bedenken  gegen  die  Kapiteleintei- 
lung  hat,  so  hat  er  ins  Schwarze  getroffen.  Dieser  Disposition 
fehlt  das  konstruktive  Moment.  Ich  lasse  dahin  gestellt,  ob  es 
in  der  Richtung  zu  suchen  ist,  die  Ihr  andeutet.  So  viel  ist 
sicher:  das  konstruktive  Moment  bedeutet  fur  dieses  Buch, 
was  fur  die  Alchimie  der  Stein  der  Weisen  bedeutet.  Es  laBt 
sich  im  iibrigen  davon  fur  jetzt  nur  das  eine  sagen:  daB  es 
den  Gegensatz,  in  dem  das  Buch  zur  bisherigen  und  iiber- 
kommenen  Geschichtsforschung  steht,  auf  eine  neue,  biindige 
und  sehr  einfache  Weise  wird  resiimieren  miissen.  Wie?  steht 
dahin. 

Nach  diesen  Satzen  werdet  Ihr  Euch  nicht  des  Verdachts 
zu  erwehren  brauchen,  als  mische  sich  meinem  Widerstand 
gegen  andere  Einwendungen  etwas  wie  Eigensinn  bei.  Ich 
wiiBte  keine  Untugend,  von  der  ich  in  dieser  Sache  weiter 
entfernt  ware.  Und  ich  iibersehe,  fur  spat  ere  Betrachtung  die 
aufsparend,  viele  Punkte,  in  denen  ich  mit  Euch  einig  bin. 
(Selten  bin  ich  es  so  sehr  wie  in  den  Reflektionen,  die  W.  zum 
Thema  des  „Goldenen  Zeitalters"  anstellt.)  Nein  —  woran 
ich  im  Augenblick  denke,  das  ist  die  Saturnstelle  Eures  Brie- 
fes.  DaB  „der  guBeiserne  Balkon  zum  Saturnring  werden" 
mtiBte,  das  will  ich  zwar  ganz  und  gar  nicht  in  Abrede  stellen. 
Wohl  aber  werde  ich  erklaren  miissen:  DaB  diese  Verwand- 
lung  zu  vollbringen  keineswegs  Aufgabe  einer  einzelnen  Be- 
trachtung -  und  am  wenigsten  der  der  betreff  enden  Zeichnung 

687 


Grandvilles  -  sein  kann,  sondern  dafl  dies  ausschlieBlich  dem 
Buche  als  Ganzen  obliegt.  Formen,  wie  die  „  Berliner  Kind- 
heit"  sie  mir  darbietet,  darf  gerade  dieses  Buch  an  keiner 
einzigen  Stelle  und  nicht  im  geringsten  grade  in  Anspruch 
nehmen:  diese  Erkenntnis  in  mir  zu  fundieren  ist  eine  wich- 
tige  Funktion  des  zweiten  Entwurfs.  Die  Urges chichte  des 
neunzehnten  Jahrhunderts,  die  im  Blick  des  auf  seiner 
Schwelle  spielenden  Kindes  sich  spiegelt,  hat  darin  ein  ganz 
anderes  Gesicht,  als  in  den  Zeichen,  welche  sie  auf  der  Karte 
der  Geschichte  eingraben. 

Diese  ganzlich  vorlaufigen  Bemerkungen  beschranken  sich 
auf  einige  allgemeine  Fragen.  Ohne  diese  ihrem  Umkreis 
nach  abzuschreiten,  lassen  sie  alles  Einzelne  aus  dem  Spiel. 
Vieles  dayon  werde  ich  bei  spateren  Gelegenheiten  beriihren. 
Zum  Schlufl  aber  erlaubt  mir,  auf  die  Gefahr  hin,  auch  dies 
in  der  Form  der  confession  zu  tun,  auf  eine  mir  entscheidende 
Problematik  hinzuweisen.  Indem  ich  sie  aufwerfe,  deute  ich 
zweierlei  an,  wie  zutreffend  mir  Ws.  Bestimmung  des  dialek- 
tischen  Bildes  als  „Konstellation"  erscheint  -  und  wie  unver- 
auBerlich  mir  gleichwohl  gewisse  Elemente  dieser  Konstella- 
tion  scheinen,  auf  die  ich  hinwies :  namlich  dieTraumgestalten. 
Das  dialektische  Bild  malt  den  Traum  nicht  nach  -  das  zu 
behaupten  lag  niemals  in  meiner  Absicht.  Wohl  aber  scheint 
es  mir,  die  Instanzen,  die  Einbruchsstelle  des  Erwachens  zu 
enthalten,  ja  aus  diesen  Stellen  seine  Figur  wie  ein  Sternbild 
aus  den  leuchtenden  Punkten  erst  herzustellen.  Auch  hier 
also  will  noch  ein  Bogen  gespannt,  eine  Dialektik  bezwungen 
werden:  die  zwischen  Bild  und  Erwachen. 


266     An  Max  Horkheimer 

Paris,  16.  Oktober  1935 
Lieber  Herr  Horkheimer, 

ich  danke  Ihnen  vielmals  fiir  Ihren  Brief  vom  18.  September. 
Natiirlich  war  er  fiir  mich  eine  grofie  Freude.  Die  Anzahl 
derer,  vor  denen  meine  Arbeit  mich  ausweisen  kann,  ist  seit 

688 


der  Emigration  klein  geworden.  Jahre  und  LeTbenslage  be- 
wirken  es  andererseits,  daB  diese  Arbeit  im  Haushalt  des 
Lebens  einen  immer  groBeren  Raum  einnimmt.  Daher  die 
besondere  Freude  durch  Ihren  Brief. 

Gerade  weil  Ihre  Stellungnahme  zum  Expose  von  so  groBer 
Wichtigkeit  ist  und  mir  eine  Hoffnung  eroffnet,  hatte  ich 
dies  em  Brief  gern  jedes  Eingehen  auf  meine  Verhaltnisse 
ferngehalten.  In  der  Hoffnung  auf  ein  „Wunder",  die  in 
solchen  Fallen  verzeihlich  ist,  habe  ich  ihn  denn  auch  auf- 
geschoben.  Nun  aber,  da  ich  den  Ertrag  einiger  kleiner  Ge- 
schichten,  die  ich  f iir  die  Schweizer  Presse  geschrieben  hatte l 
in  einer  Anzahl  von  Franken  beisammen  habe,  die  ich  mir  an 
den  Fingern  abzahlen  kann,  ist  auch  ein  Brief,  der  sich  ein- 
mal  ganzlich  auf  meine  Arbeit  beschranken  konnte,  ein 
unerschwinglicher  Luxus  geworden.  Als  ich  das  letzte  Mai 
mit  Herrn  Pollock  sprach,  sagte  ich  ihm,  daB  mehr  als  das 
AusmaB  jeder  gegehwartigen  Hilfe  die  Moglichkeit  mir  be- 
deute,  in  ausweglosen  Situationen  auf  Sie  zuriickzugreifen. 
Er  ver stand  das,  und  wenn  die  letzte  Entscheidung  des  Insti- 
tuts  mir  eine  wirklich  eingreifende  Erleichterung  fur  ein 
voiles  Vierteljahr  brachte,  so  wird  Sie  das,  wie  ich  zuversicht- 
lich  hoffe,  nicht  hindern,  meine  Sache  im  Sinn  der  Worte  zu 
priifen,  die  ich  damals  Herrn  Pollock  sagte. 

Meine  Situation  ist  so  schwierig,  wie  eine  Lage  ohne 
Schulden  es  liberhaupt  sein  kann.  Ich  will  mir  damit  nicht 
etwa  das  geringste  Verdienst  zuschreiben,  sondern  nur  sagen, 
daB  jede  Hilfe,  die  Sie  mir  gewahren,  eine  unmittelbare 
Entlastung  fur  mich  bewirkt.  Ich  habe,  verglichen  mit  mei- 
nen  Lebenskosten  im  April,  als  ich  nach  Paris  zuriickkam, 
mein  Budget  auBerordentlich  beschrankt.  So  wohne  ich  jetzt 
bei  Emigranten  als  Untermieter.  Es  ist  mir  auBerdem  ge- 
lungen,  Anrecht  auf  einen  Mittagstisch  zu  bekommen,  der 
fur  f ranzbsische  Intellektuelle  veranstaltet  wird.  Aber  erstens 
ist  diese  Zulassung  provisorisch,  zweitens  kann  ich  von  ihr 
nur  an  Tagen,  die  ich  nicht  auf  der  Bibliothek  verbringe, 
Gebrauch  machen;  denn  das  Lokal  liegt  weit  von  ihr  ab.  Nur 
im  Vorbeigehen  erwahne  ich,  daB  ich  meine  Carte  d'Identite 
erneuern  muBte,  ohne  die  dafiir  notigen  100  Francs  zu  haben. 

689 


Audi  den  Beitritt  zur  Presse  fitrangere,  den  man  mir  aus 
administrativen  Griinden  nahegelegt  hat,  habe  ich,  da  die 
Gebiihr  50  Francs  betragt,  noch  nicht  vollziehen  konnen. 

Es  ist  an  dieser  Lage  das  Paradoxe,  daB  meine  Arbeit 
wahrscheinlich  nie  einer  offentlichen  Niitzlichkeit  naher  ge- 
wesen  ist  als  eben  jetzt.  Durch  nichts  ist  Ihr  letzter  Brief  mir 
so  ermutigend  gewesen  als  durch  die  Andeutungen,  die  er  in 
diesem  Sinn  macht.  Der  Wert  Ihrer  Anerkennung  ist  mir 
proportional  der  Beharrlichkeit,  mit  der  ich  in  guten  und 
bosen  Tagen  an  dieser  Arbeit  festhielt,  die  nun  die  Ziige  des 
Plans  annimmt.  Und  zwar  neuerdings  in  besonders  entschie- 
dener  Gestalt. 

Wenn  Herr  Pollock  mir  bei  seinem  Hiersein  den  AnstoB 
gab,  das  Expose  niederzuschreiben,  so  war  Ihr  letzter  Brief 
die  Veranlassung,  das  historische  Bild  der  Sache,  das  nun 
provisorisch  fixiert  war,  zugunsten  konstruktiver  Uberlegun- 
gen  beiseite  zu  setzen,  die  das  Gesamtbild  des  Werkes  bestim- 
men  werden.  So  vorlaufig  nun  ihrerseits  diese  konstruktiven 
Uberlegungen  in  der  Gestalt  sein  mbgen,  in  der  ich  sie  fixiert 
habe,  so  darf  ich  doch  sagen,  daB  sie  in  der  Richtung  einer 
materialises chen  Kunsttheorie  einen  VorstoB  machen,  der 
seinerseits  weit  uber  den  Ihnen  bekannten  Entwurf  hinaus- 
fiihrt.  Diesmal  handelt  es  sich  darum,  den  genauen  Ort  in 
der  Gegenwart  anzugeben,  auf  den  sich  meine  historische 
Konstruktion  als  auf  ihren  Fluchtpunkt  beziehen  wird.  Wenn 
der  Vorwurf  des  Buches  das  S chicks al  der  Kunst  im  neun- 
zehnten  Jahrhundert  ist,  so  hat  uns  dieses  Schicksal  nur  des- 
wegen  etwas  zu  sagen,  weil  es  im  Ticken  eines  Uhrwerks 
enthalten  ist,  dessen  Stundenschlag  erst  in  unsere  Ohren  ge- 
drungen  ist.  Uns,  so  will  ich  damit  sagen,  hat  die  Schicksals- 
stunde  der  Kunst  geschlagen,  und  deren  Signatur  habe  ich  in 
einer  Reihe  vorlaufiger  Uberlegungen  festgehalten,  die  den 
Titel  tragen  „Das  Kunstwerk  im  Zeitalter  seiner  technischen 
Reproduzierbarkeit"  2  Diese  Uberlegungen  machen  den  Ver- 
such,  den  Fragen  der  Kunsttheorie  eine  wahrhaft  gegen- 
wartige  Gestalt  zu  geben:  und  zwar  von  innen  her,  unter 
Vermeidung  aller  unvermittelten  Beziehung  auf  Politik. 

Diese  Aufzeichnungen,  die  fast  nirgends  auf  historisches 

690 


Material  Bezug  nehmen,  sind  nicht  umfangreich.  Sie  haben 
einen  lediglich  grundsatzlichen  Charakter.  Ich  konnte  mir 
denken,  daB  sie  in  der  Zeitschrift  an  ihrem  Platze  waren. 
Was  mich  betrifft,  so  ist  es  selbstverstandlich,  daB  ich  diesen 
Ertrag  meiner  Arbeit  von  Ihnen  am  liebsten  publiziert  sahe. 
Keinesfalls  will  ich  ihn  drucken  lassen,  ohne  Ihre  Stimme 
dariiber  gehort  zu  haben. 

Wenn  Sie  beriicksichtigen,  daB  die  erwahnten  Arbeiten 
zeitlich  im  Hintergrund  meines  Tagesprogramms  stehen,  das 
in  seinem  Hauptteile  von  der  Studie  iiber  Fuchs  bestimmt 
wird,  und  daB  ich  spaterhin  einen  Vortrag  fiir  das  Institut 
des  fitudes  Germaniques  vorbereite,  so  sehen  Sie,  daB  meine 
Zeit  gut  ausgefiillt  ist.  Es  ware  mir,  um  unter  solchen  Um- 
standen  einen  Fixpunkt  zu  haben,  lieb,  wenn  Sie  selbst  mir 
einen  Termin  fiir  das  Manuskript  iiber  Fuchs  vorschlagen 
wollten. 

Ein  anderer  und  entscheidender  Fixpunkt  wird  fiir  mich 
Ihre  Europareise  sein.  Ich  bin  gewiB,  daB  sich  dann  fiir  uns 
die  Gelegenheit  zu  einer  eingehenden  Beratung  ergeben  wird. 
Zu  den  Harten  meiner  hiesigen  Existenz  gehort  auch  die, 
iiber  die  wichtigsten  Gedanken  der  Arbeit  mich  mit  keinem 
Anwesenden  verstandigen  zu  konnen.  In  dem  Stadium,  in 
welchem  sie  sich  befinden,  darf  ich  mit  ihnen  nicht  leicht- 
fertig  verfahren.  Daher  habe  ich  das  Expose  niemandem  hier 
gezeigt.  Mir  fiel  in  Ihrem  Brief,  besonders  ein  Satz  iiber  das, 
was  „nicht  weggelassen  werden  darf",  auf.  Dariiber  hoffe  ich 
von  Ihnen,  am  liebsten  miindlich,  noch  mehr  zu  horen. 

Ich  bin  hochst  gespannt  auf  Ihren  Essay  iiber  Dialektik 
und  hoffe  vieles  aus  ihm  zu  lernen.  Die  beiden  letzten  Num- 
mern  der  Nouvelle  Revue  Frangaise  bringen  einen  Aufsatz 
iiber  das  gleiche  Thema.  [. . .] 

Ich  gebe  diesem  Brief  meine  Hoffnung  mit  und  meine 
herzlichsten  GriiBe. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  W.B.  „Die  Warming"  in  den  Basler  Nachrichten  vom  26.  Sept.  1935 
und  „Rastelli  erzahlt . . ."  in  der  NZZ  vom  6,  Nov.  1935. 

2  „Zeitschrift  fiir  Sozialforschung"  5  (1936)  S.  40-66  (in  der  Uber- 
setzung  von  Pierre  Klossowski).  Jetzt  Schriften  I,  S.  366-405. 

691 


2  67     An  Margarethe  Steffin 

Paris,  EndeOktober  1935 

Liebe  Grete, 

diesmal  hat  es  mit  meiner  Antwort  etwas  lange  gedauert 
-  aber  was  lag  auch  alles  zwischen  dem  Empfang  Ihres  ersten 
Brief  es  und  heute.  Vor  allem  wieder  einmal  ein  Umzug  -  die 
neue  Adresse  finden  Sie  am  Ende  — ,  dazu  besondere  Schwie- 
rigkeiten,  wenn  auch  der  gebrauchlichsten  Art  und  in  solcher 
ihn  begiinstigenden  Lage  ein  Auf stand  der  Objekte  im  gan- 
zen  Umkreis:  beginnend,  da  ich  im  siebenten  Stock  wohne, 
mit  einem  Streik  des  Fahrstuhls,  fortgesetzt  durch  eine  Mas- 
senabwanderung  der  paar  Habseligkeiten,  auf  die  ich  halte, 
gipfelnd  in  dem  Verschwinden  eines  sehr  schonen,  fur  mich 
unersetzlichen  Fullfederhalters.  Es  war  eine  ansehnliche 
Misere. 

Jetzt,  da  ich  Ihnen  schreibe,  ist  —  ohne  daB  sich  an  der  Lage 
etwas  geandert  hatte  -  meine  Verstbrung  abgezogen,  viel- 
leicht  fortgefegt  von  den  tollen  Herbststurmen,  die  tagaus 
tagein  mein(e)  Hohe  umpfeifen.  Ein  Trost  ware  es  gewesen, 
wenn  die  Ankunft  Ihres  Tabaks  in  diese  Tage  gef alien  ware. 
Aber  auf  die  diirfen  wir  nicht  mehr  rechnen  und  auch  keinen 
Versuch  mehr  machen,  sonst  kommen  die  Zollbeamten  gar- 
ment aus  dem  Rauchen  heraus.  Aber  sehr  vielen  Dank  fur 
Ihre  Ausdauer! 

Und  dann  weifi  ich  nicht  einmal,  ob  ich  Ihnen  schon  fur 
Ihre  ausgezeichnete  Abschrift  des  „Epischen  Theaters"  ge- 
dankt  habe.  Ich  bin  sehr  froh,  daB  Sie  mir  dieses  wichtige 
Manuscript  derart  gesichert  haben. 

Nun  zu  den  Brechtschen.  Zuerst  bekam  ich  die  „Bemer- 
kungen  iiber  die  chinesische  Schauspielkunst".  Es  liegt  auf 
der  Hand,  daB  das  ein  ganz  ausgezeichnetes  Stuck  ist.  Un- 
ubertreffliche  Formulierungen  sind  darin,  wie  die  vom  Ge- 
sicht  als  dem  leeren  Blatt,  das  durch  den  Gestus  beschrieben 
wird,  die  vom  Nachbar,  nicht  dem  Beschauer,  der  dargestellt 
wird  —  und  andern.  Jetzt  ist  das  Ungliick,  daB  ich  hier  per- 
sonliche  Beziehungen  nicht  zu  einem  einzigen  tlbersetzer 

692 


habe.  Auf  der  andern  Seite  kann  Adrienne  Monnier,  Heraus- 
geberin  von  Mesures,  in  die  ich  diesen  Text  sehr  gem  brin- 
gen  wiirde,  keine  Silbe  deutsch.  Und  am  bedenklichsten  ist 
die  bedenkliche  Art  ihres  Gewahrsmannes  fur  die  deutschen 
Sachen.  Mit  alledem  will  ich  nur  sagen,  daB  ich  genotigt 
sein  werde,  auf  verschlungenen  Wegen  voranzugehen  und 
daB  es  nicht  sicher  ist,  ob  ich  ankomme.  Der  Versuch  jeden- 
falls  lohnt  unbedingt  und  ich  werde  ihnbei  nachsterGelegen- 
heit  unternehmen. 

Es  war  sehr  schon  im  Lehrstiick  vor  Augen  zu  haben,  wie 
Brecht  die  Erfahrungen  mit  der  chinesischen  Biihne  seiner 
eignen  Sache  zunutze  macht.  In  der  Tat  scheint  mir  das  letzte 
Stuck  unter  alien  der  Art  das  vollkommenste.  Ohne  Zdgern 
auBere  ich  mich  zu  der  Frage,  die  Sie  mir  mit  Bezug  auf  die 
beiden  Fassungen  der  Szene  von  dem    [SchluB  fehlt] 


268     An  Gerhard  Scholem 

Paris,  24.  Oktober  1935 

Lieber  Gerhard, 

Der  Empfehlung,  mich  bald  vernehmen  zu  lass  en,  mit  der 
Dein  Augustbrief  schlieBt,  habe  ich  trotz  des  besten  Willens 
nicht  entsprechen  konnen.  Es  war  urn  mich  zu  duster  und 
ungewiB,  als  daB  ich  die  diirftigen  Stunden  inneren  Gleich- 
gewichts  meiner  Arbeit  zu  entziehen  gewagt  hatte.  Ein  neuer 
Umzug,  mit  allem,  was  unter  solchen  Umstanden  ihm  voran- 
geht  und  folgt,  fiel  in  die  gleiche  Epoche.  Endlich  konnte 
mich  in  etwas  die  Moglichkeit  entlasten,  Dir  einen  miind- 
lichen  GruB  durch  Kitty  Steinschneider  zukommen  zu  lassen. 
Der  unmittelbarste  AnlaB,  Dir  heute  zu  schreiben  ist,  Dir 
fur  den  Empfang  des  Soharkapitels l  zu  danken.  Es  kann 
keine  Rede  davon  sein,  daB  ich  das  Buch  —  von  Deiner  Vor- 
rede  abgesehen  —  von  Anf  ang  bis  zu  Ende  gelesen  hatte.  Wohl 
aber  habe  ich  genug  darinnen  gelesen,  um  Dich  zu  dem,  was 
Du  zustande  gebracht  hast,  aufs  hochste  begluckwiinschen  zu 
konnen.  Und  zwar  kann  ich  das,  ohne  die  —  zweifellos  im- 

693 


mense  -  technische  Kunstleistung,  die  diese  "Qbersetzung 
darstellt,  im  geringsten  beurteilen  zu  konnen.  Denn  neben 
ihr  besteht  unverkennbar  die  eminent e  Humanitat,  die  aus 
dem  erfolgreichen  Vorsatz  spricht,  einen  derart  hermetischen 
Text  dem  ungeschulten,  auf  nicht  s  als  seine  Aufmerksamkeit 
gestellten  Verstande  in  die  zweckdienlichste  und  zugleich 
uberraschendste  Niihe  zu  riicken.  Die  Ubersetzung  des  Dir 
vorliegenden  Textes  war  bestimmt  nicht  leichter  als  die  eines 
vollkommenen  Gedichts.  Nur  verfiigen  die  "fibers  etzer  von 
Dichtung  fur  gewohnlich  nicht  iiber  die  Entsagung,  die  hier 
Bedingung  des  Gelingens  ist  und  zugleich  die  methodische 
Weisung  gibt,  mit  der  Ubersetzung  den  Kommentar  zu  ver- 
binden.  Insofern  halte  ich  Deine  Leistung  fur  vorbildlich 
iiber  die  Grenzen  der  Materie  hinaus. 

Es  wird  Dich  hoffentlich  nicht  iiberraschen  von  mir  zu 
horen,  daB  diese  Materie  mir  noch  immer  sehr  nahe  stent, 
wenn  Du  auch  wohl  das  kleine  Programm,  in  dem  dieser 
Umstand  in  Ibiza  seinen  Niederschlag  fand  —  „Uber  das 
mimetische  Vermogen"  -  nicht  in  diesem  Sinne  verstanden 
hast.  Wie  dem  auch  sei,  der  dort  entwickelte  Begriff  der 
unsinnlichen  Ahnlichkeit  findet  vielfache  Illustration  in  der 
Art  wie  der  Soharautor  die  Lautbildungen,  und  mehr  wohl 
noch  die  Schriftzeichen  als  Depositen  von  Weltzusammen- 
hangen  auffaBt.  Freilich  scheint  er  an  eine  Entsprechung  zu 
denken,  die  auf  keinerlei  mimetischen  Ursprung  zuriickfuhrt. 
Das  diirfte  mit  seiner  Bindung  an  die  Emanationslehrezu- 
sammenhangen,  zu  der  in  der  Tat  meine  Mimesistheorie  den 
starksten  Antagonismus  darstellt. 

Viele  Stellen  sind  mir  schon  jetzt  auf gef alien  iiber  die  ich 
mit  Dir  sprechen  miiBte.  Gern  wufite  ich  mehr  iiber  die 
„Kleinen  Gesichter"  der  Keruwim.  Gern  wiiBte  ich,  welche 
Gedanken  Du  Dir  iiber  den  Ursprung  der  sehr  sonderbaren 
Mondtheorie  p.  80/81  machst.  Sehr  wichtig  ware  ferner,  sich 
die  Lehre  von  der  Holle  anzusehen.  Im  Vorwort  hat  mich 
besonders  die  Ausfiihrung  iiber  Mose  de  Leon  interessiert. 
Und  dann  die  Stelle  iiber  die  primitive  und  volkstiimliche 
Seite  der  Sohar-Damonologie. 

694 


Dein  Kafkagedicht  hast  Du  mir  im  Druck2  nicht  geschickt, 
und  ich  wiirde  es  gerne  haben.  Wenn  von  mir  lange  nichts 
gekommen  ist,  so  liegt  das  einmal  daran,  daB  so  gut  wie 
nichts  publiziert  wird,  zum  andern,  daB  die  Blatter  wegen 
der  Krise  meist  nur  ein  einziges  Belegexemplar  schicken,  so 
z.  B.  die  Neue  Ziiricher  Zeitung. 

Ungeachtet  dieser  Umstande  hahe  ich,  urn  auch  hier  das 
Meine  lieber  doppelt  und  dreifach  zu  tun,  einen  kleinen  StoB 
Novellen  geschrieben.  Eine  von  ihnen  sollte,  wenn  mich  nicht 
alles  tauscht,  leicht  einen  Platz  finden  und  Du  wirst  sie  dann 
von  mir  geschickt  bekommen.  Manchmal  traume  ich  den  zer- 
schlagenen  Biichern  nach  —  der  berliner  Kindheit  um  neun- 
zehnhundert  und  der  Briefsammlung  —  und  dann  wundere 
ich  mich,  woher  ich  die  Kraft  nehme,  ein  neues  ins  Werk  zu 
setzen.  Freilich  mit  sovielen  Umstanden,  daB  sein  Schicksal 
noch  unabsehbarer  ist  als  die  Gestaltung  meiner  eigenen  Zu- 
kunft.  Auf  der  andern  Seite  ist  es  doch  gleichsam  das  Wetter- 
dach,  unter  das  ich  trete,  wenn  es  drauBen  zu  schlimm  wird. 
Zu  diesen  Unbilden  des  drauBen  gehort  auch  der  Fuchs.  Aber 
mit  der  Zeit  harte  ich  mich  gegen  seinen  Text  ab,  dem  ich 
zudem  weiterhin  nur  unter  mannichfachen  Vorkehrungen 
mich  aussetze.  Im  iibrigen  beriicksichtige  ich  seine  Biicher 
ausschlieBlich  soweit  er  das  neunzehnte  Jahrhundert  behan- 
delt.  So  entfernt  er  mich  nicht  allzusehr  von  meiner  eigent- 
lichen  Arbeit. 

Diese  ist  in  der  letzten  Zeit  durch  einige  grundlegende 
Feststellungen  kunsttheoretischer  Art  in  entscheidender  Weise 
gefbrdert  worden.  Zusammen  mit  dem  historischen  Schema- 
tismus,  den  ich  vor  ungefahr  vier  Monaten  entworfen  habe, 
werden  sie  -  als  systematische  Grundlinien  -  eine  Art  Grad- 
netz  bilden,  in  das  alles  einzelne  einzutragen  sein  wird.  Diese 
tJberlegungen  verankern  die  Geschichte  der  Kunst  im  neun- 
zehnten  Jahrhundert  in  der  Erkenntnis  ihrer  gegenwartigen 
von  uns  erlebten  Situation.  Ich  halte  sie  sehr  geheim,  weil  sie 
zum  Diebstahl  unvergleichlich  besser  als  die  meisten  meiner 
Gedanken  geeignet  sind.  Ihre  vorlaufige  Aufzeichnung  heiBt 
„das  Kunstwerk  im  Zeitalter  seiner  technischen  Reproduzier- 
barkeit". 


695 


Im  Februar  werde  ich  im  Institut  des  fitudes  Germaniques 
einen  Vortrag  iiber  die  Wahlverwandtschaften  halten.  Wie 
lange  bei  alldem  meine  Widerstandskrafte  noch  ausreichen 
werden,  das  weiB  ich  nicht,  denn  ich  verfiige  hochstens  vier- 
zehn  Tage  im  Monat  iiber  das  Notigste.  Jede  geringste  An- 
schaffung  aber  ist  auf  das  Eintreten  eines  Wunders  angewie- 
sen.  Statt  dessen  ereignete  es  sich  vor  einigen  Tagen,  daB  ich 
meinen  Fiillfederhalter  —  ein  kostbares  Geschenk  —  vielmehr 
Erbstiick  verlor.  Und  das  war  kein  Wunder,  vielmehr  das 
naturlichste  Ergebnis  tiefster  Verstimmtheit  und  zudem  eine 
lehrreiche  Bestatigung  des  Satzes,  daB  dem,  der  nichts  hat, 
das  Seine  genommen  wird. 

Fur  heute  werde  ich,  wie  es  scheint,  den  Weg  zu  lustigern 
Betrachtungen  nicht  mehr  zuriick  finden,  und  so  kommt  der 
SchluB  nicht  zu  fruh.  Schreibe  mir  bald  und  nimm,  mit 
Escha,  die  herzlichsten  GriiBe 

Dein  Walter 

1  „Die  Geheimnisse  der  Schopfung,   ein  Kapitel  aus   dem  Sohar", 
Berlin  1935. 

2  In  der  .Jiidischen  Rundschau".  22.  Marz  1935. 


2  69     An  Kitty  Marx-  Steinschneider 

Paris,  24.  Oktober  1935 

Chere  amie, 

gestern  ist  Ihr  Brief  gekommen,  und  ich  will  Ihnen  danken, 
ohne  Zeit  verstreichen  zu  lassen.  DaB  in  solchen  Dingen  der 
„Erfolg"  keineswegs  das  MaB  des  Danks  sein  kann,  wissen 
Sie  gut  genug,  um  den  meinen  so  zu  verstehen,  wie  er  be- 
schaffen  ist. 

Habe  ich  nicht  gleichzeitig  eine  Gelegenheit,  Ihnen  zu 
sagen,  daB  mir  das  groBe  Gesprach  mit  Ihnen  besonders  ver- 
traut  im  Gedachtnis  geblieben  ist? 

Sehr  lieb  war  mir,  von  Ihnen  zu  vernehmen,  daB  Sie  das 

696 


Gesprach  mit  aller  der  Sache  dienlichen  Vorsicht  gefiihrt 
haben;  freilich  war  ich  dessen  vollkommen  gewiB,  ehe  ich  sie 
an  Sie  herantrug.  In  der  Tat  werde  ich  mit  nicht  verminder- 
ter  sondern  vermehrter  Spannung  auf  das  warten,  was  Sie 
eines  friihern  oder  spatern  Tages  werden  entratseln  konnen. 

An  den  allgemeinen  Aspekten  der  Lage  hat  sich  fur  mich 
in  der  letzten  Zeit  nichts  geandert.  Ich  bin  in  den  letzten 
Wochen  mit  den  Fixierungen  einiger  eingreifender  Uber- 
legungen  zur  Kunsttheorie  beschaftigt,  deren  Ausgangspunkt 
jenes  vormittagliche  Gesprach  mit  Ihrem  Mann  in  der  Bar 
gewesen  ist.  Es  ist  als  ob  diese  Uberlegungen,  die  sich  immer 
in  den  Friihen  des  abnehmenden  Tages  verborgen  gehalten 
hatten,  mir  erst  greifbar  geworden  waren,  als  sie  einmal  ins 
Mittagslicht  h'erausgelockt  worden  sind.  Bitte  sagen  Sie  Ihrem 
Mann  in  dieser  Erinnerung  die  schbnsten  GriiBe. 

Schreiben  Sie  mir  doch  wieder  sobald  Sie  mogen  vmd 
konnen.  Neuigkeiten  wie  die  Buber  angehenden,  finden  bei 
mir  immer  ein  gewaltig  gespitztes  Ohr. 

Mit  recht  herzlichen  Griifien 

Ihr  Walter  Benjamin 


270     An  Werner  Kraft 

Paris,  28.  Oktober  1935 

Lieber  Herr  Kraft, 

Es  hat  mehrere  Griinde,  wenn  ich  Ihre  letzten  Nachrichten 
vmd  Sendungen  weniger  bald  bestatige  als  ich  es  mir  ge- 
wiinscht  hatte.  Mindestens  der  erste  von  ihnen  wird  mich 
entschuldigen.  Er  ist  in  denbesonderen  und  zeitweise  bedroh- 
lich  geturmten  Schwierigkeiten  meiner  Existenz  zu  suchen. 
Ich  sehe  davon  ab,  deren  Auswirkung  Ihnen  im  Einzelnen 
darzustellen ;  eine  von  diesen  kommt  Ihnen  in  Gestalt  meiner  ; 
veranderten  Adresse  ohnehin  zu. 

Solche  Umstande  verlangen,  wie  Ihnen  leicht  verstandlich 
sein  wird,  ihre  eigene  Diiitetik,  und  so  war  es  mir  nicht  ohne 

697 


weiteres  moglich,  Ihren  letzten  Karten  mit  derjenigen  Spon- 
taneitat  zu  antworten,  die  diese  Form  der  Korrespondenz 
verlangt. 

Ich  komme  zuerst  auf  Ihr  Gedicht 1  zuriick,  das  mir  tief  en 
Eindruck  gemacht  hat.  In  seinen  vier  ersten  Strophen  scheint 
es  mir  so  vollkommen,  daB  es  die  Einwendung,  die  sich  gegen 
die  funfte  bei  mir  erhebt,  sollte  tragen  konnen.  Das  Gedicht 
ist  mit  dem  Wort  „Ende"  zuende.  Die  Frage  -  so  scheint 
mir  —  mit  der  Sie  es  schlieBen,  vermag  den  tief  en  Resonanz- 
boden,  den  die  vorhergehenden  Strophen  gebaut  haben,  nicht 
zu  fiillen. 

Im  iibrigen  gehen  mich  diese  Zeilen  in  der  Traurigkeit, 
die  sie  enthalten,  gewiB  nicht  weniger  an  als  in  ihrer  Kunst- 
gestalt.  Und  das  veranlaBt  mich  zu  der  Frage,  ob  es  Ihnen 
nicht  mbglich  sein  sollte,  mir  einen  einigermaBen  pragmati- 
schen  Bericht  iiber  Ihr  Leben  driiben  —  oder  iiber  das  Leben 
driiben  zu  geben,  und  wie  ich  ihn,  frei  gestanden,  schon  so 
lange  von  Ihnen  erwarte.  Im  Zusammenhang  sagen  Sie  mir 
vielleicht  auch  mit  einem  Wort,  welche  Art  von  Arbeit  Sie 
driiben  gefunden  haben.  [. . .] 

Im  iibrigen  unterliege  ich  kaum  der  Notigung,  mir  auf 
diesen  Weltzustand  im  groBen  und  ganzen  einen  Vers  zu 
machen.  Es  sind  auf  dies  em  Planeten  schon  sehr  viele  Kul- 
turen  in  Blut  und  Grauen  zugrunde  gegangen.  Natiirlich 
muB  man  ihm  wiinschen,  daB  er  eines  Tages  eine  erlebt,  die 
beide  hinter  sich  gelassen  hat  -  ja,  ich  bin,  ganz  wie  Scheer- 
bart,  geneigt,  anzunehmen,  dafi  er  darauf  wartet.  Aber  ob 
wir  ihm  dieses  Geschenk  auf  den  hundert  oder  vierhundert- 
millionsten  Geburtstagstisch  legen  konnen,  das  ist  eben 
furchtbarfraglich.  Und  wenn  nicht,  so  wird  er  uns  schlieBlich 
zur  Strafe,  als  seinen  unaufmerksamen  Gratulanten^  das 
Weltgericht  auf  tragen  lassen. 

Was  mich  betrifft,  so  bemiihe  ich  mich,  mein  Teleskop  durch 
den  Blutnebel  hindurch  auf  eine  Luftspiegelung  des  neun- 
zehnten  Jahrhunderts  zu  richten,  welches  ich  nach  den  Ziigen 
mich  abzumalen  bemiihe,  die  es  in  einem  kiinftigen,  von 
Magie  befreiten  Weltzustand  zeigen  wird.  Natiirlich  muB 
ich  mir  zunachst  einmal  dieses  Teleskop  selber  bauen  und  bei 

698 


dieser  Bemiihung  habe  ich  nun  als  Erster  einige  Fundamen- 
talsatze  der  materialistischen  Kunsttheorie  gefunden.  Ich  bin 
augenblicklich  dabei,  sie  in  einer  kurzen  programmatischen 
Schrift  auseinanderzusetzen. 

Fur  den  Februar  bereite  ich  einen  Vortrag  im  Institut  des 
fitudes  germaniques  an  der  Sorbonne  vor.  Ich  habe  eine  kleine 
Tournee  bei  den  Professoren  gemacht,  von  der  mir  geteilte 
Eindriicke  zuriickgeblieben  sind.  Den  ungiinstigsten  erhielt 
ich  von  [Henri]  Lichtenberger. 

Sonst  wenig  Neues.  Und  vor  allem  eigentlich  seit  Monaten 
keine  Lektiire,  da  die  Arbeit  meine  gesamte  Zeit  beansprucht. 
Eine  Ausnahme  machte  ich  mit  den  Horatiern  und  Kuriatiern, 
einem  neuen  Lehrstiick  von  Brecht,  das  ich  vor  kurzem  im 
Manuscript  zu  sehen  bekam.  Es  stellt  eine  hervorragende 
Verwertung  gewisser  Techniken  des  chinesischen  Theaters 
dar,  das  er  bei  seinem  letzten  moskauer  Aufenthalt  kennen 
gelernt  hat.  Fur  das,  was  Sie  mir  uber  die  Anzeige  des 
Dreigroschenromans  sagten,  vielen  Dank!  Und  geben  Sie 
recht  bald  eine  ausfiihrliche  Nachricht. 

1  „Wahnes  Frage".  In  „Figur  der  HofEnung". 


271     An  Werner  Kraft 

Paris,  27.  Dezember  1935 

Lieber  Herr  Kraft, 

Ich  danke  Ihnen  sehr  herzlich  fur  Ihren  inhaltsreichen,  wert- 
vollen  Brief  vom  9.  November.  Er  gab  mir  erstmals  ein,  wenn 
auch  im  UmriB  gehaltenes  Bild  von  Hirer  palastinensischen 
Situation. 

Ich  begluckwiinsche  Sie  zu  Hirer  anthologischen  Arbeit  fiir 
die  Schockenbucherei.  Es  ist  mir  leicht  zu  denken,  daB  sie 
Ihnen  Freude  macht  und  daB  etwas  Schones  dabei  herauskom- 
men  wird.  DaB  Sie  auf  der  andern  Seite  mancher  Erscheinung 
und  mancher  Anforderung  mit  „heimlichem  Widerstreben" 

699 


antworten,  das  ist  mir  in  keiner  Weise  erstaunlich.  So  unzu- 
langlich  meine  Kenntnisse  von  der  materiellen  und  geistigen 
Lage  Palastinas  sind,  so  kann  ich  mir  doch  aus  vielerlei 
Symptomen  zusammenreimen,  daB  der  geistige  Lebensraum 
dort  viel  enger  ist  als  seine  relativ  komfortable  politische 
Verfassung  es  annehmen  laBt. 

Sie  erwahnen  —  im  Zusammenhang  Ihres  schonen  Ge- 
dichts  -  Leo  Schestow.  Es  ist  recht  moglich,  daB  ich  ihm 
nachstens  einmal  begegne.  „Auf  Hiobs  Wage"  steht  neb  en 
mir  im  Regal.  Ich  habe  freilich  noch  keine  rechte  Zeit,  mich 
hineinzulesen,  gefunden.  Und  in  diesem  Zusammenhang 
bitte  ich  Sie,  es  nicht  als  Oberflachlichkeit  zu  verstehen,  wenn 
ich  heute  auf  dieses  Gedicht  nicht  zuriickkomme.  Ich  habe  es 
—  hoffentlich  ohne  Ihren  Willen  zu  verletzen-  einem  Freunde 
zur  Abschrift  geliehen.  [. . .] 

Zum  SchluB  mochte  ich  noch  anmerken,  daB  ich  eine 
programmatische  Arbeit  zur  Kunsttheorie  abgeschlossen  habe. 
Sie  heiBt  „Das  Kunstwerk  im  Zeitalter  seiner  technischen 
Reproduzierbarkeit".  Sie  steht  stofflich  in  keinem  Zusam- 
menhang mit  dem  groBen  Buch,  dessen  Plan  ich  erwahnt 
habe,  methodisch  aber  im  engsten,  da  jeder  geschichtlichen 
Arbeit,  besonders  wenn  sie  beansprucht,  vom  historischen 
Materialismus  sich  herzuschreiben,  eine  genaue  Fixierung 
des  Standorts  der  Gegenwart  in  den  Dingen  vorhergehen 
muB,  deren  Geschichte  dargestellt  werden  soil :  . . .  das  Schick  - 
sal  der  Kunst  im  neunzehnten  Jahrhundert. 


272     An  Theodor  W \  Adorno 

Paris,  27.  12.  1935 

Lieber  Herr  Wiesengrund, 

bevor  ich  Ihnen  von  Max  [Horkheimer]  ausrichte,  was  der 
erste  AnstoB  zu  diesen  Zeilen  war,  lassen  Sie  mich  Ihnen 
sagen,  daB  ich  mit  tief  em  Anteil  Ihrer  gedacht  habe,  als  mich 
gestern  die  Nachricht  vom  Tod  Alban  Bergs  erreichte. 

700 


Sie  wissen,  wie  sein  Werk  das  einzige  ist,  in  (lessen  Zeichen 
unsere  Gesprache  auf  dem  mir  sonst  ferner  gelegenen  Gebiet 
die  gleiche  Intensitat  erreichten  wie  auf  den  andern  und  be- 
sonders  das  nach  der  Wozzek-Auffiihrung  wird  auch  Ihnen 
noch  in  Erinnerung  sein.  — 

Max  bittet  Sie,  unter  keinen  Umstanden  den  Kontinent 
zu  verlassen,  ohne  ihm  telegrafisch  Nachricht  gegeben  zu 
haben,  wo  Sie  vor  Ihrer  Uberfahrt  zu  erreichen  sind.  Es  liegt 
ihm  auflerordentlich  daran,  Sie  auf  dem  Festland  zu  spre- 
chen,  sei  es  in  Holland,  sei  es  in  Paris.  (DaB  gerade  dieses 
letztere  mir  sehr  erfreulich  und  wichtig  ware,  konnen  Sie 
denken.) 

Und  zwar  erbittet  er  die  Nachricht  an  mich,  da  er  mich 
fortlaufend  iiber  seine  Adresse  und  zumal  iiber  die  Ausdeh- 
nung  seines  hollandischen  Aufenthaltes,  den  er  Ende  der 
Woche  antritt,  auf  dem  Laufenden  halten  wird. 

Im  librigen  weiB  natiirlich  auch  Max,  wie  sehr  ich  mir 
wiinsche,  dafi  wir  uns  hier  in  Paris  zu  dritt  sprachen. 

Die  herzlichsten  GriiBe  fiir  Sie  und  Felizitas 

IhrWB 


27)     An  Alfred  Cohn 

Paris,  26.  Januar  1936 

Lieber  Alfred, 

leider  sind  die  beiden  kurzen  Ankiindigungen  eines  Briefs, 
fiir  die  ich  Dir  herzlich  danke,  im  neuen  Jahr  noch  ohne  Folge 
geblieben.  Und  nun  komme  ich  ihm  mit  ein  paar  Worten  zu- 
vor. 

Meine  Gedanken  wurden  erst  vor  wenigen  Tagen  wieder 
auf  Dich  zuriickgelenkt  —  und  zwar:  indem  auf  freilich  un- 
sichere,  zu  mindest  nicht  ganz  verbiirgte  Weise  mir  die  Nach- 
richt zukam,  daB  Noeggerath  Vorlesungen  in  Barcelona  ab- 
halt.  Etwas  Genaueres  habe  ich  nicht  erfahren  konnen  —  um 
Vorlesungen  an  der  Universitat  kann  es  sich  nicht  handeln; 

701 


davon  hatte  P  L  Landsberg,  der  Schiller  von  Scheler,  der  an 
der  Universitat  Barcelona  liest,  und  den  ich  nach  Noeggerath 
fragte,  wissen  miissen. 

Ich  will  Dir  Noeggeraths  Anwesenheit  in  der  Stadt  jeden- 
falls  signalisiert  haben;  es  ist  wohl  gewiB,  daB  er  sich  aus 
der  miinchner  Friihzeit  an  Grete  erinnert  und  daB  er  mit 
Freude  eine  Beziehung  zu  Euch  aufnehmen  wiirde.  Ob  dies 
audi  in  Eurem  Sinne  liegt,  dariiber  kann  ich  mir  allerdings 
keine  Ansicht  bilden  und  das  durfte  auch  von  seiner  Verfas- 
sung  abhangen,  die  als  ich  Ibiza  verlieB,  lei  der  nicht  viel 
Ermutigendes  hatte.  Inzwischen,  so  wurde  mir  weiter  gesagt, 
hat  er  die  Insel  endgiiltig  verlassen.  Und  damit  ware  nach 
wenigen  Jahren  die  Vorstellung  in  Erfiillung  gegangen,  die 
mir  ein  in  grande  compagnie  unternommener  Besuch  der  ent- 
legnen  Baustelle,  die  er  sich  fur  sein  Haus  auf  der  Insel  ge- 
sichert  hatte,  geradezu  zwingend  aufgenotigt  hatte. 

Meinerseits  denke  ich  immer  noch  viel  an  die  Insel  zuriick. 
Aber  ich  bezweifle,  ob,  wenn  ich  mich  wieder  einmal  von 
Paris  fur  einige  Zeit  losmache,  der  Weg  mich  nach  Siiden 
fiihren  wird.  Eher  werde  ich  vielleicht  dies  en  Sommer  nach 
Danemark  kommen.  Irgendwelche  Anschauung  davon  habe 
ich  aber  noch  nicht;  spxire  nur,  daB  nach  so  langer,  mir  unge- 
wohnter  SeBhaftigkeit  eine  Ortsveranderung  nur  willkom- 
men  ware. 

Auf  lange  Dauer  werde  ich  Paris  vorlaufig  nicht  verlas- 
sen -  es  sei  denn,  daB  politische  Umstande  es  erzwingen  —  weil 
ich  durch  die  Arbeit  an  meinem  Buch  auf  die  Bibliotheque 
Nationale  weiterhin  angewiesen  bleibe.  Zunachst  werde  ich 
allerdings  die  Studien  dort  auf  eine  gewisse  Zeit  unterbre- 
chen,  um  mich  an  einem  oder  mehreren  Gesamtentwiirfen  zu 
dem  Buch  zu  versuchen.  Meine  Schrift  iiber  „das  Kunstwerk 
im  Zeitalter  seiner  technischen  Reproduzierbarkeit"  ist  jetzt 
fertig  geworden.  Sie  fixiert  den  gegenwartigen  Standort,  des- 
sen  Gegebenheiten  und  Fragestellungen  maBgebend  fiir  den 
Riickblick  ins  neunzehnte  Jahrhundert  sein  sollen.  Diese  Pro- 
grammschrift  soil  in  der  Zeitschrift  des  Instituts  und  zwar 
auf  franzosisch  erscheinen.  Die  Arbeit  an  dieser  Ubersetzung 
wird  in  den  Handen  eines  besonders  befahigten  Mannes  lie- 

702 


gen;  trotzdem  wird  es  ohne  Beeintrachtigung  des  Textes  bei 
der  Sache  wohl  schwerlich  abgehen.  Auf  der  andern  Seite  ist 
das  Erscheinen  des  franzbsischen  Textes  mir  aber  mit  Riick- 
sicht  auf  meine  hiesige  Position  sehr  erwiinscht. 

Diese  letztere  scheint  sich  ungefahr  zu  der  gleichen  Zeit 
als  ich  zu  der  Einsicht  gekommen  bin  auf  unmittelbare  fran- 
zosische  Fixierung  meiner  Gedanken  mindestens  bis  auf  wei- 
teres  verzichten  zu  miissen,  auf  andere  Weise  etwas  zu  bes- 
sern.  Das  hangt  auf  der  einen  Seite  mit  dem  Entschlufi  des 
Instituts  zusammen,  in  Frankreich  eine  etwas  intensivere 
Aktion  an  den  Tag  zu  legen,  auf  der  andern  mit  der  wachsen- 
den  Bedeutung  von  Adrienne  Monnier  im  hiesigen  Literatur- 
betrieb;  zu  der  Monnier  bin  ich  im  Laufe  der  Zeit  in  ein 
Verhaltnis  getreten,  das  sich  einem  freundschaftlichen  im 
deutschen  Sinne  sehr  nahert.  Du  wirst  Dich  vielleicht  der 
ungewohnlichen  Sympathie  erinnern,  die  ich  seit  jeher  fur 
sie  bekundet  habe. 

Diese  Sympathie  ist  gesteigert  worden  durch  die  politische 
Position,  die  sie  im  Laufe  des  letzten  Jahres  eingenommen 
hat.  In  dessen  zweite  Halfte  fallt  die  Griindung  von  „Ven- 
dredi",  das  Dir  vielleicht  einmal  in  die  Hande  gekommen  ist. 
„Vendredi"  ist  eine  sehr  billige  Wochenzeitung,  die  heute 
schon  eine  Auflage  von  300  000  Stuck  haben  soil.  Sie  macht 
seit  langer  Zeit  den  ersten  Versuch,  die  linke  literarische  Pro- 
duktion  in  einem  umfassenden  Sinne  mobil  zu  machen,  und 
einen  im  ganzen  sehr  gliicklichen.  Meines  Wissens  hat  Gide 
sachlich  und  materiell  an  diesem  Versuch  groBen  Anteil.  Die 
sehr  wichtige  Tatsache,  daB  dem  Faschismus  literarische 
Wegbereiter  so  gut  wie  abgehen,"  ist  zwar  keine  auf  Frank- 
reich beschrankte.  Aber  in  Frankreich  zum  ersten  Mai  wird 
sie  —  und  vielleicht  doch  noch  rechtzeitig  -  ins  rechte  Licht 
geriickt.  Das  ist  die  wichtigste  Leistung  von  „Vendredi".  Das 
beste  an  dieser  Zeitung  ist,  abgesehen  von  der  erwahnten 
Klarstellung,  zu  erweisen,  daB  es  eine  Kommunistenfurcht 
selbst  bei  der  intellektuellen  Vorhut  des  Liberalismus  hier 
nicht  mehr  gibt.  An  der  gleichen  Stelle  an  der  Autoren  wie 
Gide  oder  Rolland  ihre  politische  Haltung  fixieren,  stofit  man 
auf  Leute  wie  Julien  Benda,  Alain,  Jules  Romain  mit  kaum 


703 


weniger  energischen,  jedenfalls  unzweideutigen  Kundgebun- 
gen.  Weiter  ist  fur  uns,  die  wir  gerade  eine  politische  Reak- 
tion  gegen  den  Kryptof aschismus  in  der  Belletristik  in 
Deutschland  so  ganzlich  vermiBt  haben,  die  rabiate  Polemik, 
die  Vendredi  gegen  Leute  wie  Louis  Bertrand,  Camille  Mau- 
clair,  Henri  Beraud,  Paul  Morand  fuhrt,  etwas  auBerordent- 
lich  Erfreuliches.  Adrienne  Monnier  arbeitet  von  Zeit  zu 
Zeit  an  „Vendredi"  mit  und  spielt,  ohne  der  Redaktion  anzu- 
gehbren,  bei  dieser  eine  schwerlich  geringe  Rolle. 

Um  diese  literarischen  Informationen  mit  einer  weniger 
gewichtigen  abzuschlieBen:  versaume  nicht  „Les  Pitard"  von 
Simenon  zu  lesen,  falls  Dir  das  Buch  in  die  Hande  fallt.  Es 
ist  ein  Unterhaltungsroman  ersten  Ranges. 

Von  uns  nachstliegendem  zu  reden:  WeiBt  Du,  ob  Ernst 
[Schoen]  nach  Moskau,  beziehungsweise  Leningrad  gefahren 
ist?  Ich  habe  iibrigens  zur  Zeit  den  erwahnten  Programm- 
aufsatz  in  Moskau  liegen  und  bin  aufierst  gespannt,  ob  man 
ihn  in  RuBland  publizieren  wird.  Es  ist  mbglich.  Immerhin 
wiirde  mich  eine  positive  Entscheidung  mehr  wunderri  als 
eine  negative. 

Brecht  ist  aus  Amerika  abzureisen  im  Begriff.  Ich  habe 
erzahlen  horen,  die  Auffiihrung  der  „ Mutter"  sei  driiben 
ein  groBer  Erfolg  gewesen.  Etwas  Genaueres  weiB  ich  dar- 
iiber  bisher  noch  nicht.  Ich  denke  die  Tatsache  meines  Brief  es 
spricht  eindringlich  genug,  um  mir  am  SchluB  die  Bitte  um 
recht  baldige  Nachricht  von  Dir  fast  ersparen  zu  konnen.  So 
nimm  fur  heute  nur  die  herzlichsten  Wunsche  und  GriiBe. 

Dein  Walter 


274     An  Werner  Kraft 

Paris,  30.  Januar  1936 

Lieber  Herr  Kraft, 

Heute  sollen  es  nur  wenige  Zeilen  werden,  die  die  Aufgabe 
haben,  Ihnen  fiir  Ihre  letzten  Nachrichten  und  besonders  fur 

704 


das  schone  Gedicht  zu  danken  und  inKiirze  von  mirberichten. 

Mich  hat  interessiert,  was  Sie  iiber  Heine  und  Brecht 
schreiben.  Mir  scheint  viel  Wahres  darinnen,  wenn  ich  auch, 
bei  meiner  geringen  Kenntnis  von  Heine  verstandlich,  keine 
Verse  von  ihm  im  Sinne  habe,  die  an  Brecht  genau  erinnem 
konnten.  Weniger  folge  ich  Ihnen,  wenn  die  Frage,  ob  ein 
Dichter  traditionslos  schaffen  konne,  Sie  anlaBlich  Brechts 
beschaftigt.  Da  ist  gewifi  Tradition  vorhanden.  Nur  wird 
man  in  einer  Richtung  suchen  miissen,  in  der  wir  uns  wenig 
umgetan  haben :  ich  denke  vor  allem  an  bayrische  Volkspoesie ; 
zu  schweigen  von  manifesten  Ziigen,  die  auf  die  lehrhafte 
und  parabolische  Predigt  des  siiddeutschen  Barock  zuruck- 
fiihren. 

Zufallig  bin  ich  jetzt  auf  meine  Weise  dabei,  in  Heine  zu 
geraten.  Ich  lese  die  Prosa,  soweit  sie  sich  mit  franzosischen 
Zustanden  beschaftigt.  Sehr  dankbar  ware  ich  Ihnen,  wenn 
Sie  mir  angeben  wollten,  wo  die  Beschaftigung  mit  diesen 
Zustanden  etwa  in  seiner  Poesie  einen  Niederschlag  gefun- 
den  hat. 

Zu  Ihrer  Bemerkung  iiber  mein  sprachtheoretisches  Refe- 
rat,  dem  seine  Grenzen  durch  die  Form  vorgeschrieben  waren : 
es  prajudiziert  nichts  iiber  eine  „Metaphysik"  der  Sprache. 
Und  es  ist  von  mir,  wenn  auch  keineswegs  manifest,  so  ein- 
gerichtet,  dafi  es  genau  an  die  Stelle  fiihrt,  wo  meine  eigene 
Sprachtheorie,  die  ich  auf  Ibiza  vor  mehreren  Jahren  in  einer 
ganz  kurzen  programmatischen  Notiz  niedergelegt  habe, 
einsetzt.  Ich  war  sehr  uberrascht,  bedeutende  Korrelationen 
zwischen  dieser  Theorie  und  Freuds  Essay  „Telepathie  und 
Psychoanalyse"  zu  finden,  den  Sie  im  psychoanalytischen 
Almanach  auf  1935  finden. 

Die  Arbeit  iiber  „das  Kunstwerk  im  Zeitalter  seiner  tech- 
nischen  Reproduzierbarkeit"  wird  zunachst  franzosisch  er- 
scheinen.  Die  Arbeit  liegt  in  der  Hand  eines  fur  sehr  gut 
geltenden  Ubersetzers;  aber  auch  f ur  ihn  werden  die  Schwie- 
rigkeiten  auBergewbhnliche  sein.  Wo  ich  den  deutschen  Text 
publizieren  kann,  steht  noch  dahin.  Augenblicklich  bin  ich 
beschaftigt,  zu  dieser  Arbeit  eine  Anzahl  von  Anmerkungen 
zu  schreiben. 


705 


Soweit  ich  Zeit  fur  mem  Buch  finde,  wende  ich  sie  gegen- 
wartig  dem  Studium  im  Cabinet  des  Estampes  zu,  wo  ich  auf 
den  groBartigsten  Portratisten  der  Stadt  Paris,  Charles 
Meryon,  gestoBen  bin,  einen  Zeitgenossen  Baudelaires.  Seine 
Radierungen  gehoren  zu  den  erstaunlichsten  Blattern,  die  je 
eine  Stadt  ins  Leben  gerufen  hat;  es  ist  ein  ungeheurer  Ver- 
lust,  daB  der  Plan,  sie  von  Baudelaireschen  Erlauterungen 
begleiten  zu  lassen,  infolge  von  Meryons  Schrullen  nicht  aus- 
gefiihrt  wurde. 

Nehmen  Sie  fur  heute  mit  diesem  Blatt  vorlieb. 

PS.  Ich  denke  noch  rechtzeitig  daran,  Ihnen  zu  sagen,  mit 
welchem  Inter  esse  ich  Ihren  Aufzeichnungen  iiber  Sprache 
entgegensehe. 

Und  haben  Sie  vielen  Dank  fur  die  schonen  Satze  von 
Mallarme.  * 


1  Nach  Erinnerungen  von  Henri  de  Regnier  in  dem  Buch  „Donc", 
Paris  1927. 


27 J     An  Werner  Kraft 

Paris  [Friihjahr  1936] 

Lieber  Herr  Kraft, 

Ich  bestatige  Ihnen  mit  herzlichem  Dank  Ihre  besonders 
schone  Arbeit  iiber  Else  Lasker-Schiiler. l  Unter  Ihrer  Lek- 
tiire  gewann  mich  mehr  und  mehr  das  Gefiihl,  daB  von  dieser 
Dichterin  nie  vorher  mit  soviel  Liebe  und  Einsicht  gespro- 
chen  worden  ist.  Sie  haben  gleich  zu  Beginn  den  gliicklichen 
(dialektischen)  Griff  ins  Unzulangliche  dieser  Erscheinung 
hinein:  das  will  aber  hier  besagen  in  ihr  Tiefstes  und  ihr 
Lebendigstes.  So  bekommt  in  Ihrer  Darstellung  das  dichteri- 
sche  Gelingen  der  Frau  etwas  von  der  Seligkeit,  das  es  dem 
Fliegenden  ist,  der  der  Schwerkraft  seinen  Platz  abgewinnt. 
Bei  Gelegenheit  will  ich  mir  das  „Konzert"  2  verschaffen, 

706 


indessen  glauben,  daB  Weniges  sich  darin  schemer  darstellt 
denn  die  Zitate  im  Zusammenhang  Ihres  Textes.  Es  tut  mir 
besonders  leid,  nichts  zu  seiner  Publikation  tun  zu  konnen. 
Was  die  „Zeitschrift  fur  Sozialforschung"  betrifft,  so  han- 
delt  es  sich  um  ein  dreimal  jahrlich  erscheinendes  Fachorgan, 
mit  genau  abgestecktem  Interessenkreis,  mit  dem  dieser  Essay 
schon  seinem  Gegenstand  nach  nichts  Gemeinsames  hat.  [.  .  .] 

Ihren  Brief  vom  15.  Februar,  fur  den  ich  Ihnen  sehr  herz- 
lich  danke,  werde  ich  zu  meinen  Arbeitspapieren  legen,  um 
seine  vielen  wertvollen  Hinweise  auf  Heine  nach  MaBgabe 
des  Fortschritts  in  meinen  Studien  verwerten  zu  konnen. 

Sie  erwahnen  im  gleichen  Brief  Bemerkungen  von  mir 
uber  Brecht  und  die  Tradition.  Da  es  sich  einerseits  wahr- 
scheinlich  nur  um  ganz  wenige  Zeilen  handelt,  andererseits 
deren  Inhalt  mir  ganzlich  entfallen  ist,  mute  ich  Ihnen  viel- 
leicht  mit  der  Bitte,  mir  die  paar  Worte  aus  meinem  Brief 
zu  kopieren,  nichts  allzu  Lastiges  zu.  Im  Augenblick,  da  ich 
diese  Bitte  tue,  ist  es  mir  besonders  leid  Ihre  Frage  nach 
Brechts  Stellung  zu  meinem  Kafka- Auf satz  unbeantwortet 
lassen  zu  miissen.  Aber  sie  beantworten  hieBe  ein  Dutzend 
Seiten  meines  danischen  Tagebuchs  —  das  die  wichtigsten 
Gesprache  enthalt,  die  ich  im  Sommer  1934  mit  Brecht  ge- 
fiihrt  habe  —  kopieren! 3  Davon  hoff  entlich  miindlich  einmal. 

Leider  ist  Du  Bos  wieder  sehr  krank.  Er  hat  seine  Vor- 
lesungen  und  Empfange  absagen  miissen.  —  Ich  hbrte  bei 
Freunden  eine  herrliche  Vorlesung  von  Paul  Valery.  Er  trug 
unter  anderm  „Le  Serpent"  vor.  Uber  eine  Begegnung  mit 
Gide,  die,  bei  ahnlicher  Gelegenheit,  schon  langer  zuriick- 
liegt,  wiirde  ich  Ihnen  ebenfalls  am  liebsten  miindlich  berich- 
ten. 

PS  Eben  erhalte  ich  Ihr  schemes  Gedicht  „Die  Flote"4. 
Herzlichsten  Dank. 

1  In  Krafts  „Wort  und  Gedanke",  Bern  1959,  wiederabgedruckt. 

2  Erschien  Berlin  1932. 

3  Veroifenlicht  in:  Walter  Benjamin  „Versuclie  uber  Brecht",  Frank- 
furt am  Main  1966,  S.  117-135. 

4  Ungedruckt. 

707 


276     An  Theodor  W.  Adorno 

Paris,  27.  Februar  1956 

Lieber  Herr  Wiesengrund, 

ich  hatte  gedacht,  diese  Begleitzeilen  zu  meiner  Arbeit  eher 
an  Sie  abgehen  lass  en  zu  konnen.  Es  war  aber  vor  AbschluB 
der  franzosischen  tJbersetzung  kein  deutsches  Exemplar  frei 
zu  machen.  Wenn  nun  das  Ihnen  zugehende  die  Spuren  der 
Ubersetzungsarbeit  tragt,  so  bitte  ich  Sie  das  zu  entschul- 
digen. 

Ware  im  iibrigen  diese  Ubersetzungsarbeit  eine  in  jeder 
Hinsicht  endgultig  abgeschlossene,  so  wiirden  Sie  gleichzeitig 
mit  dem  deutschen  den  franzosischen  Text  erhalten.  Wie  aber 
die  Sache  liegt  muG  ich  den  letzteren,  trotzdem  er  schon  in 
Druck  gegangen  ist,  noch  kurze  Zeit  hier  behalten,  urn  ihn 
ein  letztes  Mai  mit  dem  Ubersetzer  durchzugehen. 

Durch  diese  Umstande  ist  auch  mein  Dank  fur  die  Zu- 
sendung  Ihrer  Gedenkaufsatze  zum  Tode  von  Alban  Berg1 
hintangehalten  worden.  Hatte  ich  nicht  in  der  Tat  14  Tage 
lang  mich  den  Tag  und  einen  groBeren  Teil  der  Nacht  iiber 
an  die  Fersen  meines  Ubersetzers  heften  miissen,  so  hatten 
Sie  iiber  diese  auBerordentlichen  Arbeiten  schon  friiher  ein 
Wort  vernommen.  Sie  wissen,  dafi  mir  die  zweite  von  ihnen 
ihrer  vertrauteren  Sphare  nach  die  zuganglichere  ist.  Sie  hat 
mich  darum  am  meisten  beschaftigt  und  in  der  Tat  scheint  sie 
mir  von  auBerordentlicher  Schonheit  zu  sein.  Sie  tritt  mir 
an  vielen  einzelnen  Stellen  gesammelt  entgegen. 

So  gleich  am  Anfang  in  der  Beschreibung  der  „steinern 
zarten"  Ziige,  die  so  wunderbar  der  Totenmaske  entspricht 
und  dann  der  wirklich  erstaunliche  ja  mich  geradezu  betref-' 
fende  Satz:  „Er  hat  die  Negativitat  der  Welt  mit  der  Hoff- 
nungslosigkeit  seiner  Phantasie  unterboten"  —  eine  Perspek- 
tive  in  der  mir  die  Begegnung  mit  der  Musik  des  „Wozzecku 
von  neuem  ganz  gegenwartig  geworden  ist.  Uber  anderen 
Satzen  lasse  ich  mich  so  weit  gehen,  mir  einzubilden  Sie 
konnten  bei  ihnen  vaguement  an  mich  gedacht  haben;  und 
vor  allem  naturlich  beim  Hinweis  auf  die  ..Freundlichkeit 


708 


des  Menschenfressers".  Ungemein  habe  ich  mich  auch  an  dem 
Zusammenhang  gefreut,  in  dem  Sie  Bergs  Satz  iiber  den 
Blechblaseraccord  citieren. 

Hoffentlich  werde  ich  nicht  allzu  lange  auf  Ihren  Brief 
warten  miissen.  Wie  kurz  auch  immer,  so  sicher  mit  Un- 
geduld.  Die  zweiwochentliche  iiberaus  intensive  Arbeit  mit 
meinem  Ubersetzer  hat  mir  dem  deutschen  Text  gegeniiber 
eine  Distanz  gegeben,  die  ich  gewohnlich  nur  in  langeren 
Frist  en  gewinne.  Ich  sage  das  nicht  um  im  Geringsten  von 
ihm  abzuriicken,  vielmehr  weil  ich  erst  aus  dieser  Distanz 
ein  Element  in  ihm  entdeckt  habe,  das  ich  gerade  bei  Ihnen 
als  Leser  gem  zu  einiger  Ehre  gelangen  sehen  wiirde:  eben 
die  menschenfresserische  Urbanitat,  eine  Umsicht  und  Be- 
hutsamkeit  in  der  Destruction,  die  wie  ich  hoffe  etwas  von 
der  Liebe  zu  den,  Ihnen  vertrautesten,  Dingen  verrat,  die  sie 
freilegt. 

Ich  erwarte  die  Sammlung  von  Max  [Horkheimers]  Auf- 
satzen2  fiir  deren  Ubersetzung  ich  Sorge  tragen  werde.  Wenn 
diese  Arbeit  organisiert  wird,  so  werden  wir  uns,  wie  ich  be- 
stimmt  annehme  hier  sehen.  Ich  denke  und  hoffe,  bald. 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen  Ihr  Walter  Benjamin 

1  Zur  Lulu-Symphonie,  und:  Erinnerung  an  den  Lebenden;  beide  Auf- 
satze  erschienen  unter  dem  Pseudonym  Hektor  Rottweiler  in  der  Wie- 
ner Musikzeitschrift  „23",  Heft  24/25,  Februar  1936. 

2  Die  Ausgabe  kam  nicht  zustande. 


277     An  Kitty  Marx-Steinschneider 

Paris,  15.  April  1936 

Liebe  Freundin, 

es  steht  mit  uns  hoffentlich  so,  daB  mein  Schweigen  in  all 
der  Zeit  Ihnen  nicht  die  geringsten  unbegriindeten  Zweifel 
geweckt  hat.  Allenfalls  zeitweilige  Zweifel  an  meinem  Er- 
gehen,  die  nicht  notwendig  stets  unbegriindet  gewesen  sind. 
Auf  der  anderen  Seite  wird  es  Sie  nicht  verwundem,  wenn 

709 


ich  windstille  Stunden  wahle,  um  Ihnen  von  mir  zu  erzahlen. 
Die  sind  nicht  haufig  und  brauchen  es  nicht  zu  sein. 

Es  ist  inzwischen  Friihling  geworden;  das  Lebensbaum- 
chen  indessen  kiimmert  sich  garni cht  um  die  Jahreszeit,  wei- 
gert  sich,  die  geringsten  Bliiten  zu  tragen  und  bildet  allenfalls 
kleine  Friichte.  Einige  wenige  Naturfreunde  schauen  zu 
deren  letzter  herauf,  die  Ihnen  ja  bereits  angesagt  worden  ist. 
Sie  wird  Ihnen  in  f ranzosischer  Textverpackung,  in  ungefahr 
einem  Monat  ins  Haus  kommen.  Was  die  Naturfreunde  an- 
geht,  so  ist  es  ein  zusammengewurfeltes  Griippchen  —  be- 
stehend  aus  einigen  Emigranten,  ein  oder  zwei  franzosischen 
Amateuren,  einem  Russen,  der  den  Kopf  zu  der  Sache  schiit- 
telt  und  einigen  Personen  verschiedenen  Herkommens  und 
Geschlechts,  die  weniger  der  Frucht  als  dem  Baumchen  Neu- 
gier  bezeigen. 

In  diesem  Sinnbildchen  erhalten  Sie  einen  ziemlich  ge- 
nauen  Begriff  von  den  derzeitigen  Produktionsbedingungen. 
Eigentlich  gesprochen  hat  erst  die  Leitung  der  ungemein 
schwierigen  Ubersetzungsarbeit,  dann  die  Bereinigung  redak- 
tioneller  und  technischer  Verwicklungen  in  den  letzten  zwei 
Monaten  den  Hauptteil  meiner  Kraft  (wennschon  nicht  mei- 
ner  Zeit)  beansprucht.  Fur  vielen  VerdruB,  der  mit  solchen 
Interventionen  fast  immer  verbunden  ist,  bin  ich  durch  den 
Reiz  entschadigt,  der  mit  der  Beobachtung  der  friihesten,  an 
charakteristischer  Pragung  oft  der  spatern  gleichsam  offi- 
ziellen  iiberlegenen,  Reaktionen  auf  eine  derartige  Arbeit 
verbunden  ist.  Ich  hatte  fast  Grund,  aus  ihnen  zu  schlieBen, 
daB  sie  dort,  wohin  sie  zustandig  ist,  in  RuBland,  am  wenig- 
sten  ausrichten  wird.  Dagegen  wird  hier  einiges  in  die  Wege 
geleitet,  um  die  Arbeit  Gide,  Paul  Valery  und  andern  unter 
den  wichtigsten  Schriftstellern  Frankreichs  auf  eine  ihr  ent- 
sprechende  Weise  zu  prasentieren.  Sie  wird  ein  program- 
matisches  Begleitschreiben  erhalten,  an  dem  ich  eben  jetzt 
arbeite. 

Sonst  beschaftigt  mich  eine  aus  leidigen  Umstanden  ein- 
gegangene  Verpflichtung,  eine  Arbeit  iiber  den  russischen 
Dichter  Ljesskow  zu  schreiben  —  einen  wenig  bekannten,  sehr 
bedeutenden  Zeitgenossen  von  Dostojewski.  —  Kennen  Sie 

710 


ihn?  Die  Werke  sind,  bruchstiickweise,  des  oft  em  ins  Deut- 
sche iibersetzt  worden.  Diese  Arbeit  mache  ich  fur  „ Orient 
und  Okzident",  eine  von  dem  ehemaligen  Bonner  Theologen 
Fritz  Lieb  geleitete  Zeitschrift1.  Dieser  Lieb  ist  Schweizer, 
einstiger  Schiller  von  Karl  Barth  und  einer  der  weitaus  besten 
Leute,  die  ich  hier  kennen  gelernt  habe.  AuBerdem  ist  er  ein 
Mann  von  aufiergewbhnlichem  Mut,  der  schon  bei  dem 
Schweizer  Auf stand  von  1918  eine  Rolle  gespielt  hat.  Ich  lese 
eben  seine  Schrift  „Das  geistige  Gesicht  des  Bolschewismus", 
die  mir  einen  Schlussel  fiir  seine  neuere  ebensb  interessante 
wie  gewinnende  —  bisweilen  faszinierende  Entwicklung  ver- 
schaff  en  soil. 

Da  ich  im  ubrigen  garkeine  Lust  habe,  mich  in  Betrach- 
tungen  der  russischen  Literaturgeschichte  einzulassen,  so 
werde  ich  bei  Gelegenheit  Ljesskows  ein  altes  Steckenpferd 
aus  dem  Stall  holen  und  versuchen,  meine  wiederholten  Be- 
trachtungen  iiber  denGegensatz  vonRomancier  und  Erzahler 
und  meine  alte  Vorliebe  fiir  den  letzteren  an  den  Mann  zu 
bringen. 

Ob  Ihnen  Ljesskow  im  ubrigen  im  Sinn  Ihrer  Bitte  urn 
literarische  Hinweise  von  Nutzen  sein  kann,  ist  mir  nicht 
recht  entscheidbar.  Wenn  sich  ein  oder  der  andere  Novellen- 
band  einmal  auf  Ihrem  Weg  findet,  sollten  Sie  ihn  aber 
jedenfalls  mitnehmen.  Im  ubrigen  bin  ich,  was  verniinftige 
Ratschlage  angeht,  in  recht  er  Verlegenheit.  Das  ist  nicht 
verwunderlich.  Auf  der  einen  Seite  lese  ich  die  Sachen,  die 
mir  durch  meine  Arbeiten  mehr  oder  weniger  vorgeschrieben 
sind  —  das  meiste  davon  steht  in  selten  benutzten  Rayons  der 
Magazine  der  Bibliotheque  Nationale.  Auf  der  anderen  Seite 
gewinne  ich  dadurch  die  Freiheit,  von  alien  literarischen 
Riicksichten  unbeschwert  meinem  simplen  Vergniigen  als 
Leser  nachzugehen.  Und  da  beim  simplen  Vergniigen  immer 
der  private  Geschmack  mitspricht,  und  garni cht  wenig,  so  ist 
es  mit  der  Empfehlung  soldier  Lektiire  um  nichts  zuver- 
lassiger  bestellt  als  mit  der  von  Gerichten.  Mit  solcher  reser- 
vatio  will  ich  Ihnen  mitteilen  —  sollte  ich  es  nicht  schon  getan 
haben?  -  daB  ich  jeden  neuen  Roman  von  Georges  Simenon 
lese  und  unter  seinen  letzten  Les  Pitard,  Le  Locataire,  L'Evade 

711 


am  besten  finde.  „Gehobenere"  Literatur  der  Zeit  lese  ich, 
wie  Sie  sich  denken  mo  gen,  so  gut  wie  garnicht.  Es  gibt  aber 
Abenteuerromane,  die  es  langst  mit  ihr  aufnehmen  konnen. 
Einer  der  groflartigsten,  die  mir  in  der  letzten  Zeit  unter- 
kamen  —  er  ist  aber  langst  bekannt  und  in  deutscher  Uber- 
setzung  bei  Knaur  erschienen  —  ist  Philipp  Macdonald:  Tod 
in  der  Wiiste.  (Man  hat  einen  Film  danach  gedreht,  der  des 
Buches  nicht  ganz  unwiirdig  ist.)  — 

Sie  miissen  nicht  annehmen,  daB  ich  die  „Jiidische  Rund- 
schau" regelmaBig  bekomme.  Und  nicht  im  Traume  konnen 
Sie  meinen,  dafi  das,  was  ich  da  finde,  mich  entfernt  soviel 
angeht,  wie  das,  was  Sie  mir  auf  einer  Briefseite  iiber  palasti- 
nensische  Dinge  schreiben  konnen.  -  Mit  dem  Stellen  von 
Fragen  hat  es  freilich  seine  Schwierigkeiten.  Denn  mich 
interessiert  ja  wohl  immer  wieder  das  Gleiche:  wo  gehen  die 
Hoffnungen,  die  Palastina  erweckt,  iiber  die  hinaus,  zehn- 
tausenden  von  Juden,  hunderttausenden  von  Juden  ein  Leben 
zu  fristen.  Ein  Umstand,  bei  dem,  so  unerlaBlich  er  ist,  es  sein 
Bewenden  nicht  haben  diirfte,  ohne  daB  er  unter  den  Ge- 
fahren,  welche  dem  Judentum  drohen,  sich  als  eine  neue  und 
katastrophale  erweisen  muBte. 

(Die  Besprechung  sprachphilosophischer  Theorien,  die  Sie 
gelesen  haben,  hat  auch  Scholem  bekommen,  ohne  daB  ich 
darauf  von  ihm  das  Geringste  vernommen  hatte.  Ich  habe 
ihm  kiirzlich  geschrieben  und  ihm  dabei  auch  die  neue  kunst- 
theoretische  Arbeit  angekiindigt,  nicht  ohne  ihm  freimiitig 
zu  sagen,  wie  vorsichtig  ich  die  Chance  beurteile,  sie  gunstig 
von  ihms  auf genommen  zu  sehen.  Das  matte  Kolorit  seiner 
seltenen  Nachrichten  und  die  langen  Pausen,  die  zwischen 
ihnen  verstreichen  kann  ich  mir  kaum  mehr  anders  als  durch 
Schwierigkeiten  erklaren,  mit  denen  er  selbst  sich  ausein- 
anderzusetzen  hat.  Die  Aussichten  seiner  Europareise  in  die- 
sem  Jahr,  auf  die  er  im  vorigen  zu  rechnen  schien,  werden 
damit  wohl  auch  zu  ungewissen  geworden  sein  -  von  denen 
unserer  Begegnung  zu  schweigen.) 

Seit  einem  Jahr  bin  ich  nicht  aus  Paris  herausgekommen 
und  ich  brauche  eine  Erholung  sehr.  Wenn  moglich,  will  ich 
in  einem  Monat  nach  Danemark  zu  Brecht  fahren.  Aber  ob 


712 


das  moglich  sein  wird,  steht  sehr  dahin.  Mir  ware  es  schon 
der  politischen  Lage  wegen  sehr  lieb,  den  Sommer  in  Dane- 
mark  sitzen  zu  konnen.  Hier  fiihlte  ich  mich  manchmal  schon 
recht  ungemiitlich.  Und  von  dort  oben  wurde  ich  Ihnen  Be- 
richte  schicken,  die  Ihnen  die  Moglichkeit  gegebenenfalls  in 
hohern  Breiten  „dem  Frieden  und  dem  Fischfange"  nach- 
zugehen,  als  entschieden  verniinftiger  erweisen  sollten,  als 
Ihrem  „Schicksal"  nicht  zu  entgehen. 

Wenn  wir  aber  von  Ihrem  Schicksale  reden,  so  wollen  wir 
annehmen,  als  nachstes  verhange  es  iiber  Sie,  mir  bald  mit 
einem  langen  Briefe  zu  antworten. 

Die  nun  schon  gewohnten  sehr  herzlichen  GriiBe 

Ihr  Walter  Benjamin 

l  Erschien  im  Oktober  1936,  S.  16-53.  Jetzt  Schriften  II,  229-258. 


278     An  Gerhard  S cholera 

2.  Mai  1936 

Lieber  Gerhard, 

es  ist  ein  trauriger  Epilog,  den  die  letztjahrige  Periode  unse- 
res  Briefwechsels  mit  Deinem  Schreiben  bekommen  hat.1  Ein 
Epilog  bei  dem  ich  dazu  nicht  mehr  als  einen  stummen 
Horenden  abgeben  kann,  der  ihm,  auch  wo  er  sich  in  Andeu- 
tungen  bewegt,  zu  gut  folgen  kann,  um  ihm  mit  Worten 
ohne  Gewicht  in  die  Rede  zu  fallen.  Das  wenige,  das  sich  aus- 
sprechen  lafit  lege  ich  in  den  Wunsch,  daB  die  Einsamkeit, 
wenn  sie  sich  einstellen  sollte,  ihre  Befristung  von  auBen  und 
ihre  Befruchtung  von  innen  erf ahre. 

Ist  es  in  dieser  letzten  Zeit  unserm  Briefwechsel  nicht  bes- 
ser  als  Dir  ergangen,  so  kannst  Du  mir  keinesfalls  das  Zeug- 
nis  versagen,  ihm  mit  Geduld  zur  Seite  gestanden  zu  haben. 
Es  war  nicht  umsonst,  wenn  er  mit  der  Zeit  etwas  von  seinem 
alten  Adam  zuriickgewinnt.  Darum  miissen  wir  beide  wiin- 
schen,  daB  diejenigen  Elementargeister  unseres  Daseins  und 

713 


unserer  Produktion,  die  ein  Anrecht  auf  unser  Gesprach  ha- 
ben,  nicht  unbegrenzt  lange  mehr  auf  der  Schwelle  zu  warten 
haben.  Andererseits  darf  man  freilich  ihre  Chance  nicht 
aufier  acht  lassen,  dank  einer  falligen  Bereinigung  weltpoli- 
tischer  Differenzen  aus  unseren  Leibeszonen  befreit  mit- 
einander  konversieren  zu  konnen. 

■  [...] 

Deine  Mitteilungen  iiber  das  Geschick  Deines  Bruders 
habe  ich  mit  Entsetzen  gelesen.  Ich  kenne  ihn  nicht;  aber 
schon  einen  Namen  mit  solchem  Dasein  verbinden  zu  miissen, 
ist  furchtbar.  Auch  mein  Bruder  ist  nach  wie  vor  in  Deutsch- 
land,  aber  in  Freiheit.  Er  hat,  da  meine  Schwagerin  in  der 
russischen  Handelsvertretung  in  Berlin  arbeitet,  keine  un- 
mittelbare  Not  zu  lei  den. 

Was  meine  eigene  Arbeit  betrifft,  so  wird  ihr  jeweiliger 
Stand  von  Deinen  ihr  zugewandten  Gedanken  offenbar  stets 
weit  iiberfliigelt.  Jedenfalls  nehme  ich  an,  daB  Du  unter 
dem  groBen  Vorhaben,  das  Du  erwahnst,  die  „Pariser  Pas- 
sagen"  verstehst.  Da  bleibt  es  bei  der  alten  Sache,  dafi  vom 
eigentlichen  Text  noch  kein  Sterbenswort  existiert,  wenn 
auch  das  Ende  der  Studien  zu  ihm  absehbar  geworden  ist. 
Auch  liegt  im  Augenblick  der  Akzent  nicht  auf  diesen,  son- 
dern  auf  der  Planung  des  Ganzen,  die  ihrerseits  ungemein 
iiberdacht  sein  will  und  gewiB  noch  lange  zu  diesem  und 
jenem  Versuche  Veranlassung  geben  wird.  Meine  letzte  Ar- 
beit, deren  franzosische  Fassung  in  drei  Wochen  erscheinen 
soil,  ist  aus  diesen  Planungen  mithervorgegangen.  Siebenihrt 
sich  mit  der  groBen  Sache  thematisch  nur  wenig,  gibt  aber 
fur  verschiedene  ihrer  Untersuchungen  den  Fluchtpunkt  an. 
Unter  den  erwahnten  Versuchen  eines  Gesamtplans  ist  bisher 
nur  einer  fixiert. 

Ist  Leo  StrauB  in  Palastina?  Ich  hatte  Neigung,  mich  mit 
seinen  Biichern2  in  der  Zeitschrift  „Orient  und  Okzident"  — 
fur  die  ich  den  „Ljesskow"  schreibe  —  zu  beschaftigen.  Viel- 
leicht  siehst  Du  den  Autor  und  kannst  ihn  veranlassen,  mir 
die  Biicher  zu  schicken.  Fur  heute  schlieBe  ich  mit  recht 
herzlichen  GriiBen 

Dein  Walter 


714 


1  Sch.  hatte  ihm  seine  Scheidung  mitgeteilt. 

2  Es  handelte  sich  um  „Philosophie  und  Gesetz;  Beitrage  zum  Ver- 
standnis  Maimunis".  Berlin  Schocken,  1955. 


279     An  Alfred  Cohn 

4.  Juli  1936 

Lieber  Alfred, 

ich  lasse  keinerlei  Zeit  verstreichen,  .um  Dir  zu  sagen,  wie 
sehr  mich  Dein  letzter  Brief  gefreut  hat.  Als  besonderer  An- 
laB  des  Schreibens  kommt  Dein  Geburtstag  hinzu. 

Habe  ich  den  ersten  Juli  richtig  im  Sinn?  Ich  nehme  es 
an,  und  hatte  Dir  also  friiher  geschrieben,  wenn  Dein  Schwei- 
gen  mich  nicht  in.einige  Ratlosigkeit  versetzt  hatte.  Ich  habe 
mich  also  doppelt  gefreut,  von  Dir  zu  horen. 

Gern  hatte  ich  in  Deinen  Zeilen  ein  Wort  gefunden,  das  in 
Deinen  auBern  Umstanden  eine  gewisse  Wendung  zum  Bes- 
sern  andeutet.  DaB  Du  diese  Umstande  nicht  beriihrst,  laBt 
mich  vermuten,  daB  sich  in  dieser  Hinsicht  noch  nichts  ge- 
andert  hat;  und  das  ist  der  einzige  Schatten,  der  auf  Deinen 
Brief  fallt. 

Am  meisten  von  allem,  was  Du  zu  meiner  Arbeit  schreibst, 
hat  mich  gefreut,  daB  Du  trotz  ihrer  neuen,  vielfach  gewiB 
auch  iiberraschenden  Tendenz  ihre  Kontinuitat  mit  meinen 
friihern  Versuchen  erkannt  hast  -  eine  Kontinuitat,  die  wohl 
vor  allem  darin  begriindet  ist,  daB  ich  mir  durch  all  die  Jahre 
hindurch  einen  immer  genauern  und  kompromiBlosern  Be- 
griff  von  dem,  was  ein  Kunstwerk  ist,  zu  machen  gesucht 
habe. 

Mein  Versuch,  die  Arbeit  unter  den  hiesigen  emigrierten 
Schriftstellern  zur  Debatte  zu  stellen,  war  zu  sorgfaltig  vor- 
bereitet,  um  nicht  einen  reichen  informatorischen  Ertrag  zu 
bringen.  Dieser  aber  war  nahezu  sein  einziger.  Am  inter- 
essantesten  war  das  Bestreben  der  Parteimitglieder  un[ter] 
den  Schriftstellern,  wenn  schon  nicht  den  Vortrag  so  die 
Debatte  meiner  Arbeit  zu  hintertreiben.  Das  gelang  ihnen 

715 


nicht  und  so  beschrankten  sie  sich  darauf,  die  Sache  schwei- 
gend  zu  verfolgen,  soweit  sie  ihr  nicht  ganz  fern  blieben.  Es 
ist  der  Instinkt  der  Selbsterhaltung,  der  in  solchen  Fallen 
die  Mangel  der  Auffassungsgabe  kompensiert:  diese  Leute 
fiihlen  ihren  so  wohl  eingespielten  belletristischen  Betrieb 
durch  mich  gefahrdet,  diirfen  sich  aber  eine  Auseinander- 
setzung  mit  mir  sowohl  vorlaufig  sparen  als  auf  die  Dauer 
nicht  zutrauen.  Im  ubrigen  diirfen  sie  sich  wohl  mit  einigem 
Recht  solange  in  Sicherheit  wiegen  als  auch  Moskau  das  A 
und  O  der  Literaturpolitik  in  der  Fdrderung  linker  Belletri- 
stik  erblickt,  wie  die  neue  Griindung  „Das  Wort"  l  es  mich 
fiirchten  lafit. 

Genaueres  uber  diese  Zeitschrift  werde  ich  in  kurzer  Zeit 
von  Brecht,  der  mit  Feuchtwanger  und  Bredel  zu  ihrem  Re- 
daktionskomitee  gehort,  vernehmen.  Ich  denke,  dafi  ich  im 
Laufe  des  Juli  nach  Danemark  fahre.  Sehr  lange  habe  ich  mit 
dem  Gedanken  gespielt,  auf  eine  Zeitlang  wieder  nach  Ibiza 
zu  gehen.  Ich  fiihle  mich  sehr  erholungsbedurftig  und  habe 
von  einem  danischen  Aufenthalt  mehr 

[Rest  des  Briefes  nicht  erhalten] 

1  Die  erste  Nummer  des  „Wortes"  erschien  im  Juli  1936  in  Moskau. 


280     An  Max  Horkheimer 

Skovsbostrand  per  Svendborg,  10.  Aug.  1936 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

mit  vielem  Dank  bestatige  ich  Ihnen  Ihre  Brief e  vom  13ten 
und  vom  25ten  Juli,  die  mir  hierher  nachgesandt  wurden. 

Ich  bin  seit  einer  Woche  bei  Brecht.  Mein  Kommen  fiel  in 
eine  Regenperiode;  seit  gestern  ist  schones  Wetter,  und  ich 
freue  mich  auf  die  lang  entbehrte  landliche  Lebensweise. 

Uber  die  Auswirkungen  meines  Aufsatzes  im  letzten  Heft 
der  Zeitschrift  wollte  ich  Ihnen  schon  ehe  ich  den  ersten  Ihrer 


716 


beiden  Briefe  bekam,  kurz  schreiben.  Die  interessanteste  habe 
ich  im  Wortlaut  noch  nicht  zu  Gesicht  bekommen.  Es  ist  eine 
Aufierung  von  Malraux  auf  dem  Londoner  Schriftsteller- 
kongreB  vom  vorigen  Monat,  bei  dem  er  das  Hauptreferat 
hatte.  Da  Etiemble  der  Generalsekretar  des  Kongresses  war, 
werde  ich  ihren  Text  von  diesem  erhalten. 

Malraux  ist  vor  dem  Kongrefl  auf  meine  Uberlegungen 
eingegangen  und  hat  mir  dies  bei  einem  Zusammentreffen  in 
Paris  bekraftigt.  Er  ging  soweit,  mir  eine  genauere  Bezug- 
nahme  auf  den  Aufsatz  in  seinem  nachsten,  offenbar  theore- 
tischen,  Buch  in  Aussicht  zu  stellen.  Natiirlich  wiirde  ich 
mich  dariiber  freuen.  Man  darf  aber  nicht  vergessen,  daB 
Malraux  sehr  temperamentvoll  ist;  nicht  jeder  seiner  oft 
impulsiven  Vorsatze  kommt  zur  Ausfuhrung. 

Der  Aufsatz  hat  weiter  AnlaB  zu  einer  Aussprache  zwi- 
schen  Jean  Wahl  und  Pierre  Jean  Jouve,  der  ein  bedeutender 
Dichter  ist,  gegeben.  Ich  war  nicht  zugegen;  es  ist  mir  davon 
berichtet  worden.  Der  Buchhandler  Ostertag  vom  Pont  de 
1 'Europe  erzahlte  mir,  das  Heft  der  Zeitschrift  sei,  mit  Hin- 
weis  auf  meinen  Aufsatz,  mehrfach  bei  ihm  gekauft  worden. 
SchlieBlich  weiB  ich,  daB  Jean  Paulhan,  der  Redakteur  der 
NRF,  nachhaltig  auf  die  Arbeit  hingewiesen  worden  ist.  Man 
hat  ihm  nahe  gelegt,  in  seiner  Zeitschrift  mit  einer  Notiz  auf 
sie  einzugehen.  Ob  er  das  tun  wird,  ist  mir  zweifelhaft.  Der 
Kreis  um  die  NRF  ist  von  jener  Impermeabilitat,  die  eine 
ganz  bestimmte  Art  von  Zirkeln  seit  jeher,  und  dreifaeh, 
wenn  es  literarische  sind,  kennzeichnet. 

Natiirlich  gilt  das  alles  in  allem  nur  von  der  Zeitschrift, 
nicht  vom  Verlag.  Insbesondere  von  G. l  nicht.  Dennoch 
macht  sich  die  Unzuverlassigkeit,  die  durch  diese  Gruppie- 
rung  in  die  Personen,  und  die  Verwicklung,  die  durch  sie  in 
die  Sachen  getragen  wird,  abgeschwacht  noch  im  Umkreis 
bemerkbar.  Man  weiB  unter  diesen  Umstanden  selten,  welche 
Abreden  man  als  verbindlich  anzusehen  hat,  welche  nicht. 
Sie  haben  aus  meinen  letzten  Berichten  gesehen,  wie  leid  es 
mir  ist,  alledem  jetzt  in  Ihrer  Sache  zu  begegnen,  und  wie  es 
andererseits  meinen  Willen  spannt,  mit  diesen  Widernissen 
zu  Rande  zu  kommen. 


717 


Vor  allem,  scheint  mir,  miifite  es  den  Leuten  unmoglich 
gemacht  werden,  die  Verhandlungen  unter  Berufung  auf  den 
mit  Ihnen  notigen  Schriftwechsel  dilatorisch  zu  fiihren.  Eben 
dazu  ware  wohl  in  der  Tat  ein  offiziell  von  Ihnen  Bevoll- 
machtigter  allein  imstande.  Der  zu  sein,  bin  ich  jederzeit,  wie 
ich  Ihnen  gewiB  nicht  zu  sagen  brauche,  bereit.  Es  ist  aber 
zu  iiberlegen,  ob  es  nicht  zweckmaBiger  ist,  einen  Franzosen 
an  diesen  Platz  zu  stellen.  Er  iiberblickt  ein  weiteres  Feld 
und  kann  vielleicht  besser  vorgehen.  Groethuysen  kommt 
allerdings  kaum  in  Frage  und  auch  Etiemble  wiirde  sich  in 
einer  Doppelstellung  vielleicht  befangen  fiihlen. 

Bitte,  lassen  Sie  mich  Ihre  Meinung  hieriiber  wissen. 

An  Wiesengrund  schreibe  ich,  urn  ihn  zu  bitten,  so  zu 
disponieren,  daB  wir  uns  Anfang  Oktober  in  Paris  sehen.  Urn 
diese  Zeit  will  auch  Etiemble  zuruckkommen  und  wir  werden 
dann  die  Redaktion  des  Bandes  in  Angriff  nehmen.  — 

Einige  Angaben,  die  Ihr  Bild  von  der  Septembertagung  in 
Pontigny  deutlicher  machen  konnen,  sandte  ich  Ihnen  mit 
meinem  letzten  Brief.  Informationen,  die  ich  mir  seitdem 
verschafft  habe,  machen  mir  die  Reserve,  die  aus  Ihrem  letz- 
ten Brief  spricht,  besonders  verstandlich.  [. . .] 

Sollte  sich  fur  das  Institut  meine  Berichterstattung  lohnen, 
so  wiirden  Sie  mir  gewiB  die  Teilnahme  der  Tagung  im  Rah- 
men  der  Angaben  meines  letzten  Brief  es  ermoglichen.  An- 
dernfalls  wiirde  ich  noch  in  den  September  hinein  in  Dane- 
mark  bleiben,  um  den  fertigen  Aufsatz  iiber  Fuchs  nach  Paris 
mitzubringen. 

Sie  fragen  mich  nach  meinem  Vetter,  Dr.  [Egon]  Wissing. 

Von  ihm  selbst  wissen  Sie,  daB  wir  seit  langen  Jahren  be- 
freundet  sind.  (Die  beiderseitige  Leidenschaft  fur  alte  Biicher 
war  das  Erste,  was  uns  zusammenfuhrte,  trotzdem  wir  Ver- 
wandte  waren.)  Unsere  Freundschaft  wurde  um  die  Wende 
der  dreiBiger  Jahre  zu  einer  sehr  nahen,  so  daB  der  Tod  von 
Wissings  Frau,  der  dann  bald  (1933)  eintrat,  auch  mich 
schwer  traf . 2 

Fiir  Wissing  war  dieser  Tod  leider  nur  das  schmerzlichste 
in  einer  Kette  von  MiBges chicken,  die  ihm  die  letzten  Jahre 
gebracht  haben.  Er  hat  sich,  trotz  begriindeter  depressiver 

718 


Hemmungen,  immer  wieder  mit  groBer  Mannhaftigkeit  und 
(wie  sein  letztes  deutsches  Intermezzo  beweist)  nicht  minder 
groBem  Geschick  aus  alien  Verstrickungen  befreit.  [. . .]  Nach 
den  bisherigen  Brief  en,  die  er  mir  aus  New  York  schrieb, 
scheint  ihm  der  Aufbau  seiner  Existenz  wirklich  zu  gliicken. 

Jedenfalls  betrachte  ich  es  als  eine  groBe  Hoffnung,  daB 
Sie  ein  Verhaltnis  zu  einander  gefunden  haben  und  daB  er 
an  Ihnen  und  Ihrer  Frau  eine  Stiitze  besitzt. 

Nehmen  Sie  in  Gemeinschaft  mit  Ihrer  Frau  und  Ihren 
Freunden  meine  herzlichen  GriiBe 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Wahrscheinlich  Bernhard  Groethuysen,  der  damals  bei  Gallimard 
tatig  war. 

2  Sie  starb  1934. 


281     An  Werner  Kraft 

Svendborg,  11.  August  1936 

Lieber  Herr  Kraft, 

Leider  bin  ich  auf  mehrfache  Weise  in  Ihrer  Schuld.  Langst 
hatte  ich  sie,  soweit  das  in  meinen  Kraften  steht,  abgetragen, 
wenn  nicht  der  vorige  Monat  mir  die  Ruhe  verweigert  hatte, 
die  selbst  fur  eine  fluchtige  AuBerung  auf  so  groBe  Entfer- 
nung  erforderlich  ist. 

Auf  andere  Weise  beriihrt  die  gleiche  Schuld  aber  wohl 
auch  eine  Grenze  der  derzeit  mir  zur  Verfiigung  stehenden 
Kraft.  Ich  meine  die  Kraft,  mich  fur  kurze  Zeit  geistig  mehr 
oder  weniger  entschieden  zu  expatriieren.  Eben  das  hatte 
Ihr  „ Heine"  erfordert  —  nicht  Ihre  Auswahl  sonderri  die  ihr 
zu  Grunde  liegenden  Materien. l  Was  die  Materien  angeht, 
so  sind  mir  gegenwartig  einzig  und  allein  seine  politischen  in 
etwas  assimilierbar  —  nicht  dagegen,  wie  ich  mir  eingestehen 
muB,  seine  poetischen.  Der  Text  war  mir  wertvoll  und  unter- 
richtend,  aber  es  hieB  vermutlich  das  Unmogliche  von  ihm 

719 


verlangen,  derzeit  die  Stimmung  von  Heines  dichterischem 
Klang  in  mir  zu  erwecken.  Nicht  daB  dies  mich  vom  auf- 
merksamen  Lesen  Ihres  Bandes  abgehalten  hatte  -  sondern 
vielmehr  hat  dessen  aufmerksame  Lektiire  es  mir  ganz  klar 
gemacht.  DaB  darin  kein  Urteil,  sondern  eine  ganzlich  un- 
maBgebliche  und  sehr  bedingteReaktion  zu  sehen  ist,brauche 
ich  Ihnen  nicht  zu  sagen. 

Im  tibrigen  wird  niemandem  klarer  als  Ihnen  sein,  daB 
gerade  heute  die  Aufrechterhaltung  einer  selbst  bescheiden- 
sten  Arbeitsdisposition  verlangt,  gewissen  subjektivstenReak- 
tionen  Raum  zu  gewahren.  Wir  alle  konneri  uns  fragen,  wie 
lange  wir  uns  der  Halfte  der  Erdkugel,  auf  welcher  wir  uns 
befinden,  selbst  unter  Aufbietung  iiuBersten  Leichtsinns  - 
wie  gegenwartig  —  noch  werden  anvertrauen  konnen.  Und  ob 
wir  nach  Ablauf  einer  gewissen  Frist  noch  Zeit  haben  wer- 
den, diese  Halfte  mit  der  anderen  zu  vertauschen. 

Ich  weiB  nicht,  ob  die  palastinensischen  Vorgange  Ihnen 
ermoglichen,  den  spanischen  eine  erhebliche  Aufmerksamkeit 
zuzuwenden.  Immerhin  werden  Sie  darin  mit  mir  einig  sein, 
daB  der  dortige  Kampf  von  groBer  Bedeutung  auch  fur  uns 
werden  kann.  (Es  war  iibrigens  ein  sonderbares  Gefiihl,  das 
mich  gestern  bei  der  Nachricht  iiberkam,  daB  auch  Ibiza 
Schauplatz  des  Biirgerkrieges  geworden  ist.)  Ich  entbehre  es, 
hier  keine  franzosischen  Zeitungen  zu  finden.  Weniges  ist  ja 
bedeutsamer  als  die  Wirkung  der  spanischen  Dinge  auf  die 
franzosischen.  Ich  bin  auf  die  Ubersetzungen  aus  danischen 
Zeitungen  und  auf  den  Rundfunk  angewiesen. 

Hier  werde  ich  bis  Ende  des  Monats,  wenn  moglich  noch 
langer  bleiben.  Es  kann  immerhin  sein,  daB  ich  genotigt  sein 
werde,  Anfang  September  einen  KongreB  in  der  Bourgogne 
zu  besuchen.  Gestern  traf  das  zweite  Heft  des  „Wort"  -  der 
neuen  in  Moskau  deutsch  erscheinenden  Literaturzeitschrift  — 
hier  ein.  Brecht  war,  wie  Sie  sich  denken  konnen,  sehr  un- 
willig  in  dem  ungezeichneten  und  daher  die  Verantwortlich- 
keit  der  Redaktion,  der  auch  er  angehort,  angehenden  „Vor- 
wort"  einige  sehr  tbrichte  und  respektlose  Worte  iiber  Kraus 
zu  lesen.  Sie  unterschieden  sich  allzuwenig  von  dem  scham- 
losen  Text,  den  Benkard  aus  AnlaB  des  Todes  in  der  Frank- 


720 


furter  Zeitung  hat  drucken  lassen.  DaB  dieser  Tod  Sie  hart 
trifft,  verstehe  ich  wohl.  Ich  bin  Ihnen  dankbar  fur  die  Kopie 
der  Briefstelle  seiner  Freundin. 

Ob  unter  Umstanden  wie  den  angedeuteten  die  Redaktion 
des  „Wort"  ihre  gegenwartige  Zusammensetzung  lange  bei- 
behalten  wird,  weiB  ich  nicht.  Ich  ware  daran  inter essiert, 
daB  sie  es  wenigstens  solange  tut,  bis  der  Versuch,  den  nur 
Brecht  unternehmen  kann,  meine  Arbeit  iiber  das  „Kunst- 
werk  im  Zeitalter  seiner  technischen  Reproduzierbarkeit"  in 
deutscher  Fassung  dort  erscheinen  zu  lassen,  gemacht  wor- 
den  ist. 

Hiermit  komme  ich  auf  einen  zweiten  Umstand,  der  der 
Entschuldigung  bedarf .  Die  Notwendigkeit,  den  f  ranzosischen 
Text  der  Arbeit  einer  Anzahl  von  Pariser  Interessenten  zu 
senden,  hat  sich  so  ausgewirkt,  daB  mir  fiir  meine  Freunde 
kaum  Exemplare  bleiben.  Eines  habe  ich  an  Scholem  gesandt, 
da  er  ein  fast  vollstandiges  Archiv  meiner  Schriften  besitzt. 
Ich  habe  ihn  gebeten,  Ihnen  den  Druck  auf  Wunsch  zugang- 
lich  zu  machen.  Es  ware  mir  sehr  wichtig  zu  horen,  was  Sie 
von  dieser  Arbeit  halten. 

1  Heine,  Gedicht  und  Gedanlce.  Berlin  1936. 


282     An  Max  Horkheimer 

Skovbostrand  per  Svendborg,  51.  Aug.  1936 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

ich  danke  Ihnen  fiir  Ihren  freundlichen  Brief  vom  17ten 
August.  Meinen  ersten  aus  Danemark  werden  Sie  inzwischen 
erhalten  haben. 

Es  ist  mir  zuguterletzt  sehr  willkommen  gewesen,  daB  Sie 
mir  beziiglich  der  Tagung  in  Pontigny  freie  Hand  gelassen 
haben  und  ich  habe  Ursache,  IKnen  besonders  dafiir  zu 
danken. 


721 


-  Ich  werde  nicht  an  ihr  teilnehmen.  Die  Schiffsverbindun- 
gen  mit  dem  Kontinent  liegen  so,  daB  ich,  um  rechtzeitig  zum 
KongreB  zu  kommen,  eine  voile  Woche  vorber  von  hier  ab- 
fahren  miiBte.  Diese  Wocbe  ginge  sowohl  fur  meine  Erho- 
lung  wie  fiir  meine  Arbeit  (die  hier  erfreulicherweise  zu- 
sammenf alien)  verloren;  auch  wiiBte  ich,  da  ich  mein  pariser 
Zimmer  bis  Ende  September  vermietet  habe,  nicht  recht,  wo 
ich  sie  zubringen  sollte.  So  werde  ich  vorderhand  in  Dane- 
mark  bleiben. 

Es  ist  im  iibrigen,  darin  werden  wir  gewiB  gleich  empfin- 
den,  ein  diisterer  Sommer.  Ich  verf olge  die  Ereignisse  in 
RuBland  natiirlich  sebr  aufmerksam.  Und  mir  scheint,  ich 
bin  nicht  der  einzige,  der  mit  seinem  Latein  zuende  ist.  [. . .] 

Aber  wer  weiB,  was  auf  der  weltpolitischen  Tagesordnung 
stent,  wenn  wir  uns  in  hoffentlich  nicht  ferner  Zeit  wieder- 
sehen. 

Ich  hoffe,  daB  Sie,  ungeachtet  der  Hitze,  zum  GenuB  Ibres 
Sommeraufenthalts  kommen.  Hier  macht  sich  die  Sonne 
eher  rar. 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen,  die  ich  Sie  bitte  auch  Ihrer 
Frau  und  Herrn  Pollock  zu  sagen 

Ihr  Walter  Benjamin 


283     An  Max  Horkheimer 


Paris,  13.0ktober  1936 


Lieber  Herr  Horkheimer, 

bevor  ich  meinen  Bericht  aufnebme,  mochte  ich  Ihnen  mei- 
nerseits  herzlichen  Dank  dafiir  sagen,  daB  Sie  den  hiesigen 
Aufenthalt  von  Wiesengrund  moglich  gemacht  haben.  Unsere 
Aussprache,  die  doch  jahrelang  angestanden  hatte,  lieB  eine 
Gemeinschaft  in  den  wichtigsten  theoretischen  Intentionen 
erkennen,  die  sehr  erfreulich  war,  ja  belebend  wirkte.  Diese 
Ubereinstimmung  hatte,  angesichts  unserer  langen  Tren- 
nung,  bisweilen  etwas  beinahe  Erstaunliches. 

722 


Das  unserer  Aussprache  zugrundeliegende  Material:  der 
Jazz-Essai1,  die  Reproduktionsarbeit,  der  Entwurf  meines 
Buchs  und  eine  Anzahl  methodischer  Reflexionen  dazu  von 
Wiesengrund  -  dies  Material  war  grofi  genug,  um  die  grund- 
satzlichsten  Fragen  in  Angriff  zu  nehmen.  Und  die  uns  zur 
Verfugung  stehende  Zeit  war  im  Verhaltnis  zu  den  anhan- 
gigen  Fragen  so  kurz,  dafi  wir  den  Komplex  der  materialisti- 
schen  Erkenntniskritik,  wie  Wiesengrund  sie  sich  in  der 
Oxf order  .  Arbeit 2  vorgesetzt  hat,  kaum  hatten  angreif en 
konnen,  selbst  wenn  uns  das  Manuskript  vorgelegen  hatte. 
Unser  nachstes  Gesprach  wird  hoffentlich  um  dieses  Funda- 
ment bereichert  sein,  ebenso  wie  um  gewisse  Abschnitte  mei- 
nes Buchs,  die  ich  nach  AbschluB  der  Fuchs- Arbeit  in  Angriff 
zu  nehmen  gedenke. 

Die  abgelaufene  Woche  hat  in  mir  den  regsten  Wunsch  er- 
weckt,  die  Beratung  iiber  die  wissenschaftliche  Linie  des 
Instituts,  die  Sie  in  Ihrem  Brief  v.  8.  September  ins  Auge 
f  ass  en,  mochte  in  absehbarer  Zukunft  stattfinden.  So  no  tig 
sie  durch  die  Zeitumstande  geworden  ist,  so  viel  verspreche 
ich  mir  von  ihr. 

Ich  bin  mit  Wiesengrund  ubereingekommen,  meinerseits 
Ihnen  eingehend  iiber  den  Stand  der  tjbersetzerfrage  zu  be- 
richten,  wahrend  er  Ihnen  die  Situation  bei  Gallimard  dar- 
stellt.  Ich  neide  ihm  seine  Aufgabe  nicht.  Dennoch  will  ich 
mit  einem  Wort  auf  die  Dinge  eingehen,  soweit  mein  Anteil 
an  ihnen  in  Frage  kommt. 

[. . .]  Groethuysen  hat  sich  [. . .]  zu  einer  Initiative  erbotig 
gemacht,  ohne  sie  im  geringsten  durchdacht  zu  haben.  Es 
diirfte  ihm  einzig  und  allein  darauf  angekommen  sein,  einen 
prasumptiven  EinfluB  vor  Ihnen  ins  Licht  zu  riicken.  Als  er 
auf  Schwierigkeiten  stieB,  anderte  er  (offenbar  allmahlich 
und  ohne  irgendwelche  bewufite  Kontrolle)  seine  Verhal- 
tungsweise. 

In  welchem  MaBe  Groethuysen  unkontrollierten  Reflex  en 
ausgeliefert  ist,  ergab  sich  recht  kraB  in  der  letzten  Verhand- 
lung.  Es  kam  da  die  Subventionsfrage  zur  Sprache,  die,  wie  Sie 
wissen,  seit  Monaten  in  alien  Details  geklart  war.  Groethuy- 
sen dagegen  bot,  als  ich  eine  diesbeziigliche  Frage  von  ihm 

723 


mit  dem  Hinweis  darauf  erledigte,  den  Anblick  einesMannes, 
der  nun  endlich  freie  Bahn  vor  sich  sieht.  Das  hinderte  ihn  im 
ubrigen  nicht,  sich  weiter  jeder  entschiedenen  Auskunft  zu 
entziehen.  Es  handelt  sich  um  „Fehlleistungen",  in  deren 
Mechanisnrus  kein  wirklicher  Einblick  zu  gewinnen  war,  so- 
lange  Etiemble  die  Ubersetzung  in  der  Hand  hehalten  hatte 
und  Groethuysen  alles  in  allem  doch  Kurs  auf  die  N.  R.  F. 
hielt. 

[.  •  •] 

Mit  einem  Wort  mochte  ich  Ihnen  zum  SchluB  von  dem 
groBen  Eindruck  sprechen,  den  „Egoismus  und  Freiheits- 
bewegung" 3  auf  mich  gemacht  hat.  Von  alien,  z.  T.  mir  sehr 
wichtigen  Einzelheiten  sehe  ich  dabei  ab:  von  der  geschicht- 
lichen  Perspektive  der  Redekunst,  die  Sie  von  Sokrates  iiber 
die  Predigt  bis  in  die  gegenwartige  Volksversammlung  ver- 
folgen;  von Ihren  Ausf uhrungen  iiber  „diemedizinmannische 
Gewichtigkeit"  unseresKulturbetriebs;  von  Ihrer  Entlarvung 
des  beliebten  Appells  an  die  Jugend.  Das  Eine,  worauf  es  mir 
ankommt,  darf  ich  vielleicht  so  f ormulieren :  daB  der  Geist 
jener  Notizen,  die  ich  zuerst  im  Beisein  von  Asja  Lacis  bei 
Ihnen  in  Cronberg  horte,  in  dieser  Arbeit  den  Konstruktions- 
zusammenhang  selbst  bestimmt.  Es  handelt  sich,  wenn  ich 
recht  sehe  um  einen  doppelten  Tatbestand. 

Einmal  ist  es  die  Transparenz,  mit  der  die  konventionelle 
Moral  als  Faktotum  in  der  Denkokonomie  des  neurotischen 
Individuums  erscheint.  Zum  andern  ist  es  die  Kritik  der  fran- 
zosischen  Revolution  nach  ihrer  ideologischen  Seite.  Und  das 
Entscheidende  —  der  Zusammenhang  dieser  beiden  Momente. 
Die  Einsichtigkeit,  mit  der  der  anthropologische  Typus,  den 
Sie  kennzeichnen,  alsMiBgeburtdemSchoBederbiirgerlichen 
Revolution  entsteigt.  Ich  glaube,  daB  die  politische  Pragung 
Ihrer  These,  die  den  Revers  ihrer  philosophischen  Wahrheit 
darstellt,  niemandem  eindrxicklicher  sein  kann,  als  dem,  der 
unter  den  hiesigen  franzosischen  Intellektuellen  zu  Hause  ist, 
und  mit  den  Illusionen  Bekanntschaft  gemacht  hat  (und  mit 
den  Folgen  dieser  Illusionen  wer  weiB  welche  Bekanntschaft 
noch  machen  wird!),  die  sich  aus  dem  Kult  der  groBen  Revo- 
lution ergeben,  oder  ihn  vielmehr  bilden. 

724 


Ich  schlieBe  mit  sehr  herzlichen  GriiBen  an  Sie,  Ihre  Frau 
und  an  Ihre  Freunde 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  [Adorno :]  Uber  Jazz ;  unter  dem  Pseudonym  Hektor  Rottweiler  er- 
schienen  in  der  Zeitschrift  fiir  Sozialforschung  5  (1956),  S.  235-259. 

2  Erst  zwanzig  Jahre  spater  verbff  entlicht :  Zur  Metakritik  der  Er- 
kenntnistheorie.  Studien  iiber  Husserl  und  die  phanomenologischen 
Antinomien.  Stuttgart  1956. 

3  Zeitschrift  fiir  Sozialforschung  5  (1936),  S.  161-234.  . 


284     An  Max  Horkheimer 

Paris,  24.  Dezember  1936 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

zweifach  und  herzlichst  mochte  ich  Ihnen  danken.  Einmal  fiir 
Ihren  Brief  vom  l5ten  des  Monats,  in  dem  Sie  mir  die  Hin- 
weise  meines  Sohnes  wegen  geben. 

Vorgestern  habe  ich  Ihren  Aufsatz1  iiber  Haecker  gelesen. 
Das  von  Ihnen  besprochene  Buch  kenne  ich  nicht.  Dagegen 
habe  ich  mich  vor  mehreren  Jahren  in  der  „Literarischen  Welt" 
mitHaeckers  „Vergil"  befafit2.  Ihr  Aufsatz  atmet-so  scheint 
mir  —  bei  aller  MaBigung  die  unbeirrbare  Entschlossenheit 
dessen,  der  gewillt  ist,  nun  einmal  deutsch  zu  reden.  Sehr  be- 
deutsam  steht  die  chinesische  Geschichte  darinnen.  —  Was  Sie 
iiber  die  Schwermut  des  Materialisten  sagen,  beriihrt  mich 
von  einer  besonderen  Seite :  ich  meine,  in  meiner  alten  Liebe 
zu  Gottfried  Keller.  Dessen  groBartige  Traurigkeit  war  wirk- 
lich  die  von  bunten  Faden  der  Lust  durchzogene  materia- 
listische: 

„Langsam  und  schimmernd  fiel  ein  Regen, 

in  den  die  Abendsonne  schien." 
Aber  das  ist  ein  langes  Kapitel.  Sicherlich  ist  es  mir  von  alien, 
die  fiir  das  materialistische  Lesebuch  vorgesehen  sind,  das- 
jenige,  dessen  Funde  die  iiberraschendsten  sein  konnten. 

725 


Auf  andere  Weise  spielt  Ihr  Aufsatz  in  das  Gesprach  hin- 
ein,  das  sich  gestern,  bei  unserer  ersten  Bekanntschaft,  zwi- 
schen  [Franz]  Neumann  und  mir  entspann.  Neumann  sprach 
von  einer  gegenwartig  unter  der  jungen  Generation  ameri- 
kanischer  Juristen  verbreiteten  Parole,  in  der  Rechtswissen- 
schaft  so  sehr  wie.moglich  die  Terminologie  -  nicht  die  iiber- 
kommene  allein  sondern  jedwede  wissenschaftlicbe  —  zu 
vermeiden,  urn  sich  ganz  und  gar  an  die  Sprache  des  Alltags 
anzuschlieBen.  DaB  das  Rechtswesen  dergestalt  fur  jedebelie- 
bige  Demagogie  mobilisiert  zu  werden  droht,  liegt  auf  der 
Hand.  Trotzdem  scheint  mir  hier  eine  Tendenz  vorzuliegen, 
die  in  andern  Bereichen  nicht  unter  alien  Umstanden  so  zwei- 
schneidig  sein  muB  wie  im  juristischen.  Ich  denke  besonders 
an  das  philosophische  und  frage  mich  (das  wurde  auch  bei 
Wiesengrunds  Hier  sein  verhandelt),  wieweit  der  „Abbau  der 
philosophischen  Terminologie"  ein  Nebeneffekt  des  dialek- 
tisch-materialistischen  Denkens  ist. 

Die  materialistische  Dialektik  scheint  mir  unter  anderm 
dadurch  von  den  Schullehren  abzuweichen,  daB  sie  von  Fall 
zu  Fall  neue  Begriffsbildungen  verlangt;  weiterhin  aber  da- 
durch, daB  sie  solche  verlangt,  die  tiefer  in  den  Sprachschatz 
eingebettet  sind  als  die  Neologismen  der  Fachsprache.  Sie  gibt 
dem  Denken  damit  eine  gewisse  Schlagfertigkeit  und  das  Be- 
wuBtsein  davon  verleiht  ihm  eine  Ruhe  und  Uberlegenheit, 
aus  der  es  sich  nicht  leicht  provozieren  laBt.  Die  materialisti- 
sche Dialektik  so  will  ich  sagen,  konnte  auf  eine  gewisse  Frist 
sehr  wohl  den  Gewinn  eines  Vorgehens  haben,  das  seinerseits 
von  der  Taktik  bedingt  sein  mag. 

Ich  breche  hier  ab  in  der  Meinung,  Sie  werden  erkennen, 
wie  sehr  mir  gerade  Ihre  letzten  Texte  zu  diesen  Uberlegun- 
gen  verholfen  haben. 

Zum  SchluB  nochmals  meinen  Dank  und  meine  herzlich- 
sten  GriiBe. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Zu  Theodor  Haecker :  Der  Christ  und  die  Geschichte,  in :  Zeitschrift 
fur  Sozialforschung  5  (1936),  S.  372-383. 

2  Jetzt  Schriften  II,  S.  315-323. 


726 


28 J     An  Max  Horkheimer 

Paris,  31.  Jan.  1937 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

ich  danke  Ilinen  vielmals  fur  Ihre  Briefe  vom  30ten  Dezem- 
ber  und  1  lten  Januar  und  fur  die  freundlichen  Wunsche,  die 
Sie  zu  Beginn  des  zweiten  aussprechen. 

[.  •  J 

Was  mich  betrifft,  so  bin  ich  ausschlieBlich  mit  der  Arbeit 
iiber  Fuchs  beschaftigt.  In  drei  Wochen  soil  der  Text  vorlie- 
gen.  Zur  Grundlage  der  Darstellung  mache  ich  die  Doppel- 
natur  des  Mannes,  die  er  als  Popularisator  und  Sammler  ent- 
faltet  hat.  Ich  hoffe  so  neben  den  nicht  zu  libersehenden 
Grenzen  seiner  Leistung  die  bedeutsamen  Ziige  seiner  Natur 
zur  Geltung  zu  bringen. 

In  meinem  letzten  Brief  habe  ich  etwas  leichtfertig  einen 
Gegenstand  beriihrt,  den  ich  zunachst  nur  redend  zur  Sprache 
hatte  bringen  sollen.  Eine  Abschaffung  der  philosophischen 
Terminologie  kann  natiirlich  nicht  zur  Debatte  stehen.  Wenn 
Sie  sagen,  daB  geschichtliche  Tendenzen,  „die  in  bestimmten 
Kategorien  aufbewahrt  sind,  auch  im  Stil  nicht  verloren 
gehen"  diirfen,  so  mache  ich  mir  das  durchaus  zu  eigen.  Nur 
mochte  ich  dsmit  eine  weitere  Uberlegung  verbinden;  und 
vielleicht  korrigiert  sie  das  MiBverstandliche  meiner  Formu- 
lierungen.  —  Ich  meine,  es  gibt  einen  Gebrauch  der  philoso- 
phischen Terminologie,  der  einen  nicht  bestehenden  Reichtum 
vortauscht.  Er  iibernimmt  die  Termini  ohne  Kritik.  Dagegen 
schlieBt  die  konkrete  dialektische  Analyse  des  jeweiligen 
Gegenstandes  der  Untersuchung  die  Kritik  der  Kategorien 
ein,  in  denen  er  in  einer  fruheren  Schicht  der  Wirklichkeit 
und  des  Denkens  bewaltigt  wurde.  (Ich  hatte  neulich  nicht 
nur  das  Gesprach  mit  Neumann  im  Sinn  sondern  auch  das 
triibe  Exempel  von  Mannheims  „Mensch  und  Gesellschaft", 
das  ich  durch  Wiesengrund  kennen  lernte.) 

Im  ubrigen  kann  gewiB  Allgemeinverstandlichkeit  kein 
Kriterium  sein.  Nur  wohnt  der  konkreten  dialektischen  Ana- 
lyse wohl  erne  gewisse  Transparenz  im  Einzelnen  inne.  Die 

727 


Allgemeinverstandlichkeitdes  Ganzen  stent  freilich  auf  einem 
andern  Blatt.  Hier  gilt  es  der  Tatsache  ins  Auge  zu  sehen,  die 
Sie  kennzeichnen:  daB  auf  lange  maBgeblich  fiir  die  Ber- 
gung  und  Oberlieferung  der  Wissenschaft  und  der  Kunst 
kleine  Gruppen  sein  werden.  Es  ist  in  der  Tat  nicht  an  der 
Zeit,  das  was  wir,  wohl  nicht  ganz  mit  Unrecht,  in  Handen 
zu  halten  glauben,  in  Kiosken  zur  Schau  zu  stellen;  vielmehr 
scheint  es  an  der  Zeit,  an  seine  bombensichere  Unterbringung 
zu  denken.  Vielleicht  liegt  die  Dialektik  der  Sache  darin:  der 
nichts  weniger  als  glatt  gefiigten  Wahrheit  ein  Gewahrsam 
zu  geben,  das  glatt  gefiigt  ist  wie  eine  Stahlkassette. 

[...]■ 

Das  Buch  von  Gide  hatte  ich  gerade  vor  als  Ihr  Hinweis 
darauf  in  meine  Hande  kam.  Die  Stelle  uber  die  Religion  ist 
ausgezeichnet;  wohl  die  beste  des  Buches.  -  Zu  den  gegen- 
wartigen  Vorgangen  in  der  Union  fehlt  mir  jeder  Schliissel. 

Fiir  heute  schlieBe  ich  mit  herzlichen  GriiBen 

Ihr  Walter  Benjamin 


286     An  Gerhard  Scholem 

Paris,  4.  April  1937 

Lieber  Gerhard, 

es  hat  mich  auBerordentlich  gefreut,  daB  Du  Charakter  und 
Intention  des  Briefbuchs  so  durchaus  verstanden  hast.  Genau 
der  Dir  unerfullt  gebliebene  Wunsch  war  der  meine:  das 
Buch  auf  den  doppelten  Umf  ang  zu  bringen.  Diesen  Wunsch 
in  der  Emigration  zu  verwirklichen,  konnte  ich  nicht  mehr 
hoffen;  allenfalls  hatte  ich  es,  auf  die  schweizer  Bibliotheken 
oder  die  des  Britischen  Museums  gestiitzt  versuchen  konnen 
—  in  Paris  niemals.  Es  tut  mir  auch  um  manchen  Kommen- 
tars  willen  leid  —  schwerlich  hatte  ich  einen  lieber  geschrie- 
ben  als  den  zu  dem  unvergleichlichen  Briefe  der  Rahel  beim 
Tod  von  Gentz. 

Ich  freue  mich,  daB  Dein  Leben  nun  bald.wieder  seinen 

728 


bestimmten  Rahmen  haben  wird  und  gratuliere  Dir  und  Dei  - 
ner  Frau  zu  der  neuen  Wohnung.  Die  GriiBe  Deiner  Frau 
erwidere  ich  herzlich.  Wenn  dieses  Jahr  ohne  den  Ausbruch 
des  Krieges  zu  bringen  hingeht,  so  kann  man  in  die  aller- 
nachste  Zukunft  vielleicht  ein  wenig  getroster  sehen  und  daB 
ich  in  solch  hellere  Farbe  mit  Freude  unser  Wiedersehen  ge- 
taucht  sahe  brauche  ich  Dir  nicht  zu  sagen  -  sei  es  daB  die 
Zinnen  Jerusalems  sei  daB  die  graublauen  Fassaden  der  Bou- 
levards seinen  Hintergrund  ausmachen. 

Schmucke  mich  nunmehr  vor  Deinem  geistigen  Auge  mit 
einer  Heroldsriistung  und  versetze  mich  an  den  Bug  eines 
die  Mittelmeerbrandung  pf  eilschnell  durchschneidenden  Vier- 
masters,  denn  nur  so  kann  die  groBe  Kunde  gebiihrend  zu 
Dir  getragen  werden:  der  „Fuchs"  ist  beendet.  Sein  fertiger 
Text  hat  nicht  ganz  den  Charakter  der  Penitenz,  als  die  Dir 
die  Arbeit  an  ihm,  mit  groBem  Anschein  des  Rechts,  erschie- 
nen  ist.  Er  enthalt  vielmehr  in  seinem  ersten  Viertel  eine  An- 
zahl  von  wichtigenUberlegungen  zumdialektischenMateria- 
lismus,  die  provisorisch  auf  mein  Buch  abgestimmt  sind. 
Meine  folgenden  Arbeiten  werden  sich  auf  dieses  Buch  nun 
wohl  unmittelbarer  zu  bewegen. 

Der  „Fuchs"  hat  groBen  Beifall  gefunden.  Ich  habe  keinen 
Grund  zu  verschweigen,  daB  der  mit  ihm  geleistete  tour  de 
force  ebenso  betrachtlich  wie  unbetrachtlich  sein  AnlaB  ist. 
Ich  hoffe,  daB  Du  den  Aufsatz  vor  Ablauf  des  Jahres  noch  im 
Druck  erhalten  wirst.  Mich  freut  jedes  Mai,  von  der  Obhut 
zu  horen,  die  Du  der  Sammlung  meiner  Schriften  zuteil  wer- 
den laBt.  Bange  Ahnungen  sagen  mir,  daB  eine  liickenlose 
Sammlung  von  ihnen  heute  vielleicht  nur  unsere  vereinten 
Archive  darstellen  konnten.  Denn  so  exakt  ich  in  der  Verwal- 
tung  des  meinen  bin,  so  habe  ich  durch  den  iiberstiirzten  Auf - 
bruch  aus  Berlin  und  die  unstete  Existenz  der  ersten  Emigra- 
tions] ahre  vermutlich  doch  einige  Stuck e  eingebuBt.  Freilich 
von  eignen  Arbeiten  gewiB  nur  sehr  weniges.  Dagegen  eine 
verhaltnismaBig  vollstandige  Sammlung  der  iiber  mich  er- 
schienenen  offentlichen  AuBerungen  vorlaufig  ganz.  Fur  die 
kannst  freilich  auch  Du  keinen  Ersatz  stellen.  Aus  der  letzten 
Zeit  fehlt  Dir  Nummer  5  vom  ersten  Jahrgang  des  „Wort" 

729 


(Moskau),  in  dem  ich  einen  Essay  iiber  faschistische  Kunst- 
theorie  habe1.  Ich  gebe  meine  Bemlihungen  ihn  Dir  zu  ver- 
schaffen,  noch  nicht  auf . 

Der  von  Dir  angekiindigte  hebraische  Text 2  stent  noch  aus. 

Hier  ist  herrliches  Wetter.  „Ich  wollte,  daB  jemand  kame, 
und  mich  mitnahme"  —  hinaus. 

[....]■ 

Damit  will  ich  fur  heute  schlieBen.  Schreibe  recht  bald. 

Herzlichst  Dein  Walter 

4.  April  1937 
PS  Sehr  genau  wurde  ich  iiber  die  letzten  Lebenswochen  von 
Karl  Kraus  letzthin  unterrichtet.  Sie  sind  dieses  groBen  Lebens 
wiirdig;  und  nachdem  man  von  ihnen  vernommen  hat,  er- 
scheint  einem  das  Ende  Timons  von  Athen  wie  eine  Dichtung 
von  Frieda  Schanz,  verglichen  mit  dem  shakespearischen 
Weltgeist  der  das  von  Kraus  dichtete. 

1  Paris er  Brief.  Andre"  Gide  und  sein  neuer  Gegner.  Das  Wort  1936, 
Heft  5,  S.  86-95. 

2  Ein  umfangreicher  Essay  iiber  die  haretische  Theologie  der  jiidi- 
schen  Anhanger  Sabbatai  Zwis:  „Erlosung  durch  Siinde". 


287     An  Gerhard  Scholem 

San  Remo,  2.  Juli  1937 

Lieber  Gerhard, 

leider  habe  ich  die  Hoffnungen,  die  Du  im  Brief  vom  7.  Mai 
aussprichst,  nicht  erfiillen,  nicht  bald  von  mir  Nachricht,  ge- 
schweige  am  Tage  nach  Eingang  Deines  Schreibens  einen 
Bericht  iiber  Karl  Kraus  geben  konnen. 

Die  letzten  pariser  Monate  sind  etwas  turbulent  verlaufen; 
die  so  richtig  von  Dir  vermutete  Verschlechterung  des  okono- 
mischen  Klimas  in  Paris  -  mehr  eine  Folge  der  franzosischen 
Finanzpolitik  als  der  Weltausstellung  -  hat  mir  eine  Reihe 

730 


miihseliger  Demarchen  aufgenotigt.  Und  ich  bin,  ihrer  unge- 
achtet,  noch  immer  nicht  dazu  gelangt,  mich  der  bescheide- 
nen  Verbesserung  des  Lebensstandards,  den  mir  das  Friihjahr 
zu  bringen  schien,  auch  weiterhin  zu  versichern  —  und  sei  es 
in  engsten  Grenzen.  Vielmehr  sehe  ich  beklommen  in  die  Ab- 
flucht  der  nachsten  Monate. 

DaB  dies  alles  recht  eigentlich  zu  nehmen  ist,  wirst  Du 
verstehen,  wenn  ich  Dir  erzahle,  daB  ich  bisher  noch  keinen 
Schritt  auf  das  Gel  and  e  der  Weltausstellung  get  an  habe.  Was 
mich  in  etwa  sonst  vom  Briefschreiben  abhalten  konnte,  wird 
Dir  hoffentlich  noch  in  diesem  Jahre  gedruckt  vor  Augen 
kommen.  Fur  diesmal  will  ich  nur  berichten,  daB  die  sanreme- 
ser  Wochen  ganzlich  dem  Studium  C  G  Jungs  vorbehalten 
sind.  Es  ist  mein  Wunsch,  mir  methodisch  gewisse  Funda- 
mente  der  „Pariser  Passagen"  durch  eine  Kontroverse  gegen 
die  Lehre  von  Jung,  besonders  die  von  den  archaischen  Bil- 
dern  und  vom  kollektiven  UnbewuBten  zu  sichern.  Das  hatte 
neben  seiner  internen  methodischen  Bedeutung  eine  offent- 
lichere  politische;  vielleicht  wirst  Du  gehbrt  haben,  daB  Jung 
neuerdings  mit  einer  eigens  ihr  reservierten  Therapie  der 
arischenSeele  an  dieSeite  gesprungen  ist.  Das  Studium  seiner 
Essaybande  aus  dem  Anfang  dieses  Jahrzehnts  —  deren  ein- 
zelne  Stiicke  teilweise  ins  vorige  zuriickreichen  -  belehrt  mich 
dariiber,  daB  diese  Hilfsdienste  am  National-Sozialismus  von 
langer  Hand  vorbereitet  waren.  Ich  gedenke  bei  dieser  Gele- 
genheit  der  besondern  Figuration  des  arztlichen  Nihilismus 
in  der  Literatur  —  Benn,  Celine,  Jung  —  nachzugehen.  Aller- 
dings  steht  es  noch  nicht  fest,  daB  ich  mir  den  Auftrag  fiir 
diese  Arbeit  zu  sichern  vermogen  werde. 

Den  „Erzahler"  wirst  Du  erhalten  haben;  der  nachste  Text, 
den  ich  Dir  zukommen  lassen  kann,  wird  vermutlich  der 
„Eduard  Fuchs"  sein. 

[. . .] 

Die  herzlichsten  GriiBe  Dein  Walter 


731 


288     An  Fritz  Lieb 

SanRemo,  9.  7.  1937 

Lieber  Fritz  Lieb, 

dieses  befremdliche  Briefpapier  mag  Dir  ankiindigen,  daB  ich 
aus  der  Fremde  schreibe  —  wenigstens  wenn  ich  Paris  als  Hei- 
mat  setze.  Denn  in  anderm  Sinn  bin  ich  zur  Zeit  „zu  Haus" 
—  im  Hause  meiner  friiheren  Frau  in  San  Remo.  Wir  erwar- 
ten  Stefan  [.  .  .]. 

SaBen  wir  beisammen:  Du  in  der  Verfassung,  in  der  Du 
Deinen  Brief  an  mich  richtetest,  ich,  wie  ich  gegenwartig  an 
diesem  schreibe  —  wir  hatten  uns  der  harmonischsten  Ver- 
drossenheit  zu  erfreuen  gehabt.  Ob  ich  aber  die  meine  so  ge- 
diegen  verwerten  kann,  wie  Du  in  der  wundervollen  Beschrei- 
bung  von  Basel  die  Deinige,  steht  dahin.  Ich  frage  mich,  ob 
es  nicht  vielleicht  eine  Art  von  weltgeschichtlichem  Hall j ah r 
gibt,  in  dem  statt  der  Unfreien  die  Damonen  sich  ihres  Da- 
seins  freuen  und  ob  wir  nicht  in  ein  solches  hineingerieten. 
Ich  kann  mir  vorstellen,  daB  wir  durch  unsere  Lebensbedin- 
gungen  spiitern  Geschlechtern  so  entstellt  vorkommen,  als 
schleppten  wir  einen  Knauel  von  MiBgeburten  als  damoni- 
sche  Parasiten  mit  uns  herum. 

Und  aus  welchem  Fenster  wir  immer  blicken,  es  geht  ins 
Triibe.  Von  dem  okonomischen  Guckloch,  das  einem  bleibt, 
nicht  zu  reden.  Mir  winkte,  voriibergehend,  ein  wenig  Blau 
darinnen;  inzwischen  hat  es  sich  wieder  bedeckt.  Die  Hoff- 
nung  auf  Besserung  isthinausgeriickt;  was  aber  nicht  auf  sich 
warten  laBt,  ist  die  Teuerung.  Erinnerst  Du  Dich  an  unsern 
gemeinsamen  quatorze  juillet?  Wie  durchdacht  erscheint  jetzt 
das  MiBvergniigen,  das  wir  damals  nur  halblaut  zu  auBern 
wagten.  Willst  Du  aber  Deine  Anschauung  von  der  Politik 
derVolksfront  noch  weiter  f brdern,  so  wirf  indiefranzosische 
Presse  der  Linken  einen  Blick:  sie  alle  hangen  nur  an  dem 
Fetisch  der  „ linken"  Majoritat  und  es  stort  sie  nicht,  daB  diese 
die  Politik  macht,  mit  der  die  Rechte  Aufstande  provozieren 
wurde.  Nichts  ist  in  dieser  Hinsicht  aufschluBreicher  als  die 
Entwicklung  von  Vendredi,  den  ich  seit  zwei  Jahren  jede 

732  ■      * 


Woche  lese.  Niveau  und  Intelligenz  seiner  Mitarbeiter  (der 
immer  gleichen!)  sinken  proportional  mit  der  Dislocierung 
der  hinter  ihnen  stehenden  Massen. 

Auch  arbeitstechnisch  macht  der  Zustand  der  Dinge  sich 
bis  in  das  mindeste  Faktum  fuhlbar.  So  wird  vorlaufig  mein 
groBer  Essay  iiber  Eduard  Fuchs  nicht  erscheinen,  um  des- 
sen  endlose  Verhandlungen  umdieFreigabe  seiner  Sammlung 
mit  den  deutschen  Behbrden  nicht  ungiinstig  zu  beeinflussen, 
gleichzeitig  sehe  ich  einen  Lieblingsplan  seine  fast  greifbare 
Gestalt  wieder  verlieren.  Ich  hatte  eine  Kritik  der  Jung'schen 
Psychologie  vor,  deren  faschistische  Armatur  ich  mir  aufzu- 
zeigen  versprochen  hatte.  Auch  das  ist  aufgeschoben.  Ich 
wende  mich  jetzt  einer  Arbeit  iiber  Baudelaire  zu. 

Uber  die  Emigration  weiB  ich  wenig  zu  sagen :  von  hier  aus 
noch  weniger  als  von  Paris  aus.  Die  zerstorende  Wirkung  der 
russischen  Ereignisse  wird  notwendig  immer  weiter  um  sich 
greifen.  Und  dabei  ist  das  Schlimme  nicht  die  schnellfertige 
Entriistung  der  unentwegten  Kampfer  fiir  die  „Gedanken- 
freiheit";  viel  trauriger  und  viel  notwendiger  zugleich  scheint 
mir  das  Verstummen  der  Denkenden,  die  sich,  eben  als  Den- 
kende,  schwerlich  fiir  Wissende  halten  konnen.  Das  ist  mein 
Fall,  auch  wohl  der  Deine. 

Gide  hat  sein  neues  Buch  „Retouches"  1  herausgegeben, 
das  sich  mit  seiner  russischen  Reise  beschaftigt.  Mir  ist  es 
noch  nicht  zu  Gesicht  gekommen. 

Hier  lasse  ich  eine  Bitte  einfliefien:  Du  hast,  glaube  ich, 
manche  Gelegenheit,  Leute,  die  etwas  davon  halten  konnen, 
mit  meinen  „Deutschen  Menschen"  bekannt  zu  machen.  Ver- 
siiume  sie  nicht. 

Mit  welcher  Freude  ich  denLeBkow  erhalten  habe,brauche 
ich  Dir  kaum  zu  sagen.  GroB  ist  meine  Betriibnis,  daB  er  zur 
Auskehr  aufspielt. 

Kommst  Du  im  Oktober  bestimmt  nach  Paris?  Dann  muBt 
Du  jetzt  schon  zwei  (in  Ziffern:  2)  Abende  fiir  uns  reservie- 
ren.  Hoffentlich*  hast  Du  bis  dahin  einige  von  den  sieben 
Fakultatsschwaben  mit  dem  Morgenstern  Deines  „Weigel"2 
niedergeblitzt! 

Nur  weil  ich  Wert  darauf  lege,  bei  Theophrast3  als  ein 

733 


Ehrenmann  zu  gelten,  lege  ich  die  35  cts-Marke  bei.  Ich 
trenne  mich  schwer  von  ihr,  well  sie  Stefan  gewiB  f ehlt.  Da- 
mit  er  aber  sieht,  daB  ein  Ehrenmann  ein  gentilhomme  ist, 
lege  ich  ihm  noch  ein  paar  andere  dazu. 

Leider  werde  ich  Ende  des  Monats,  zum  Philosophenkon- 
greB,  wieder  in  Paris  sein  miissen.  Schreibe  mir,  bald  und 
noch  hierher. 

Und  sei  herzlich  bedankt  fur  Deine  Einladung.  Nur 
denke  ich,  leider,  kaum,  so  bald  in  die  Schweiz  zu  kommen. 
Und  dieser  Dank  gilt  Deiner  Frau  ebenso.  GriiBe  sie  von  mir 
und  sei  selbst  herzlichst  gegriiBt. 

Dein  Walter  Benjamin 

1  Andre*  Gide:  Retouches  a  mon  Retour  de  l'U.R.S.S.  Paris  1937. 

2  Liebs  Buch,  Valentin  Weigels  Kommentar  zur  Schopfungsgeschichte 
und  das  Schrifttum  seines  Schulers  Benedict  Biedermann.  Eine  literar- 
kritische  Untersuchung  zur  mystischen  Theologie  des  16.  Jahrhun- 
derts',  das  erst  1962  in  Zurich  erschien;  der  Autor  widmete  es  dem 
„Gedenken  an  meine  beiden  Pariser  Freunde  aus  dem  Hause  Israel, 
Lev  Isaakovitsch  Schestov  und  Walter  Benjamin". 

3  Liebs  Sohn,  der,  wie  Benjamins  Sohn  Stefan,  Briefmarken  sammelte. 


289     An  Gerhard  Scholem 

San  Remo,  5.  August  1937 

Lieber  Gerhard, 

diese  Zeilen,  die  fur  Deinen  Brief  vom  10.  Juli  meinen  Dank 
sagen,  schreibe  ich  in  Paris,  um  6  Uhr  morgens.  In  Paris, 
weil  ich  zurBerichterstattung  iiber  denhiesigenPhilosophen- 
kongrefi  von  San  Remo  abberufen  wurde;  um  6  Uhr  morgens, 
weil  eben  dieser  KongreB  mir  tags  keine  freie  Minute  lafit. 
Es  ware  gewiB  verfuhrerisch,  Dir  ein  paar  Worte  iiber  die- 
sen  KongreB  zu  schreiben;  weit  einladender  ist  aber  von  ihm 
zu  reden.  Damit  komme  ich  zu  dem  Teil  des  Briefes,  dem 
mein  Dank  an  Dich  und  an  Deine  Frau  an  erster  Stelle  gilt. 

734 


Ich  kame  in  der  Tat,  unter  den  von  Dir  angegebenen  Be- 
dingungen  und  fiir  die  gedachte  Frist  gerne  zu  Dir,  gerne 
nach  Palastina.  Und  ich  wurde  Dir  heute  schon  eine  Zusage 
schicken,  ware  ich  in  meinen  Dispositionen  unabhangig. 
Rebus  sic  stantibus  berichte  ich  dieser  Tage  ans  Institut,  was 
ich  vorhabe.  Schwierigkeiten  —  dann  allerdings  solche,  die 
mich  bestimmen  wiirden,  den  Plan  aufzugeben  —  werden 
wohl  nur  entstehen,  falls  einer  der  Leiter  im  Winter  Europa 
zu  besuchen  gedenkt. 

In  ungefahr  einem  Monat  hoffe  ich  Dir  zusagen  zu  kon- 
nen.  Konstellationen,  deren  Darstellungen  zu  weit  fiihren 
wiirden,  haben  es  mit  sich  gebracht,  daB  ich  besonders  genau 
den  Tagungen  des  Sonderkongresses  gefolgt  bin,  den  die 
wiener  logistische  Schule  —  Bernay,  Neurath,  Reichenbach  — 
in  diesen  Tagen  abhielt.  Moliere  n'a  rien  vu  —  darf  man  da 
sagen.  Die  vis  comica  seiner  debattierenden  Arzte  und  Philo- 
sophen  verblaBt  neben  der  dieser  „empirischen  Philosophen". 
Auf  dem  HauptkongreB  den  deutschen  Idealisten  Arthur 
Liebert  zu  horen,  habe  ich  mir  nicht  nehmen  lassen.  Er  hat 
kaum  die  ersten  Worte  laut  werden  lassen,  da  fand  ich  mich 
um  funfundzwanzig  Jahre  zuriickversetzt,  in  eine  Luft  frei- 
lich,  in  der  man  alle  Faulnis  der  Gegenwart  schon  hatte  wit- 
tern  konnen.  Ihre  Produkte  saBen  leibhaftig  in  Gestalt  der 
deutschen  Delegation  vor  mir.  [Alfred]  Baumler  ist  ein- 
drucksvoll:  seine  Haltung  kopiert  die  von  Hitler  bis  in  das 
Einzelne  und  sein  Specknacken  ist  das  vollendete  Komple- 
ment  einer  Revolverrmindung.  —  Leider  versaumte  ich  die 
alte  Tumarkin  (aus  Bern)  zu  horen. / 

Ich  fahre  mitte  nachster  Woche  fiir  ungefahr  einen  Monat 
nach  San  Remo  zuriick. 

Mirbleibt  unter  den  eingangs  erwahnten  Umstanden  nichts 
iibrig  als  mich  kurz  zu  fassen.  Zu  der  Dir  bevorstehenden 
-  oder  inzwischen  erfolgten  —  Einladung  nach  New- York 
sage  ich  Dir  meine  herzlichsten  Gliickwunsche.  (Kannst  Du 
unter  Umstanden  von  dort  aus  mit  mehr  Aussichten  auf  Er- 
folg  etwas  fiir  Deinen  Bruder  versuchen?)  Mich  freut  an  die- 
ser Einladung  vor  allem,  daB  sie  uns  fiir  den  Fall,  daB  ich 

735 


nicht  sollte  kommen  konnen,  eine  Begegnung  in  Aussicht 
stellt. 

Ich  wende  mich  einer  neuen  Arbeit  zu  die  Baudelaire  gilt. 
Eh  attendant  habe  ich  in  San  Remo  begonnen  mich  in  die 
Psychologie  von  Jung  zu  vertiefen  -  echtes  und  rechtes  Teu- 
felswerk,  dem  man  mit  weiBer  Magie  zu  Leibe  zu  riicken  hat. 

Soviel  fur  heute.  Schreibe  doch  bitte  baldigst.  Viel  Gliick 
zu  den  Prolegomena  fiir  das  Kabbalawerk,  von  dem  mich  be- 
sonders  freut,  daB  es  mir  zuganglich  wird.2 

Herzlichst  Dein  Walter 

1  Anna  Tumarkins  Vorlesungen  hatten  W.  B.  und  Scholem  1918 
gehort. 

2  Die  in  Scholems  New  Yorker  Vorlesungen  gegebene  Zusanamenf as- 
sung  seiner  vieljahrigen  Studien  iiber  die  Kabbala  erschien  als  Buch 
(„Major  Trends  in  Jewish  Mysticism")  erst  1941,  ein  halbes  Jahr  nach 
W.  B.'s  Tod.  So  tragt  das  Buch,  das  1957  auch  deutsch  erschien,  nur 
noch  die  Widmung  „Dem  Andenken  an  Walter  Benjamin,  dem  lebens- 
langlichen  Freunde,  in  dessen  Genius  die  Tiefe  des  Metaphysikers,  das 
Eindringen  des  Kritikers  und  das  Wis  sen  des  Gelehrten  sich  trafen". 


290     An  Max  Horkheimer 

Paris  [10.  8.  37] 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

diesen  Augenblick  hore  ich  zu  meiner  Freude,  daB  Sie  im 
Laufe  des  August  nach  Europa  kommen.  Ich  hoffe,  das  bedeu- 
tet,  daB  ich  Sie  noch  in  diesem  oder  Anfang  des  nachsten 
Monats  sehe. 

Ich  stelle  darum  die  Gegenstande,  iiber  die  ich  Ihnen  die- 
ser  Tage  brief lich  berichten  wollte,  zuriick  und  beschranke 
mich  darauf,  Ihnen  zu  sag  en,  wie  sehr  ich  mich  iiber  das  be- 
vorstehende  Erscheinen  des  „Fuchsu  freue. 

Ihren  Aufsatz  „Traditionelle  und  kritische  Theorie"  l  habe 
ich  gelesen;  wie  Sie  vermuten  werden  mit  ganzlicher  Zustim- 
mung.  Wie  Sie  die  Atmosphare,  in  der  unsere  Arbeit  vor  sich 
geht,  kennzeichnen  und  welche  Ursachen  Sie  ihrer  Isolierung 

736 


geben,  betrifft  mich  besonders.  Wir  werden  gewiB  auch  von 
diesen  Dingen  sprechen. 

Ich  verlasse  Paris  vermutlich  am  gleichen  Tage  wie  Wie- 
sengrund,  namlich  am  12ten.  Mein  Sohn  ist  mittlerweile  in 
San  Remo  angekommen.  Ich  werde  mir  selbst  ein  Urteil  iiber 
seine  jiingste  Entwicklung  zu  bilden  suchen.  [. . .] 

Darf  ich  Sie  bitten,  mir  sogleich  nach  Ihrer  Ankunft 
-  wenn  nicht  noch  von  New  York  aus  —  zu  schreiben,  wo  und 
wann  ich  Sie  treffen  kann? 

Bitte  gehen  Sie  davon  aus,  daft  ich  ohne  Schwierigkeiten 
von  einem  Tag  auf  den  andern  kommen  kann,  und  zwar 
ebensowohl  riach  Genf  wie  nach  Paris. 

Mit  herzlichem  Grufi  Ihr  Walter  Benjamin 

1  Zeitschrift  fur  Sozialforschung  6  (1937),  S.  245-294. 


291     An  Karl  Thieme 

Boulogne,  10.  Oktober  1937 

Lieber  Herr  Thieme, 

die  Umstande  stellen  mich  vor  ein  unliebsames  Dilemma,  das 
ich,  indem  ich  Sie  von  ihm  unterrichte,  entscheide.  Ich  hatte 
die  Wahl,  diese  Zeilen  auf  unbestimmte  Zeit  hinauszuschie- 
hen  oder  aber  ihnen  das  zu  entziehen,  was  ihnen  in  Ihren 
Augen  zur  Not  einigen  Wert  hatte  geben  konnen:  Bemer- 
kungen,  die  ich  zu  Ihrem  Aufsatz  „Marxismus  und  Messianis- 
mus"  x  zu  machen  gedachte. 

Als  ich  aus  den  Sommerferien  heimkehrte  fand  ich  durch 
eine  nicht  vorherzusehende  Machination  meiner  ehemaligen 
Wirtsleute  mein  Zimmer  unter  fremder  Okkupation.  Ich 
hatte  alle  Hande  voll  zu  tun,  meine  wichtigsten  Papiere  in 
Sicherheit  d.  h.  in  ein  provisorisches  Quartier  uberzufuhren. 
Mit  meiner  Bibliothek  konnte  ich  das  noch  nicht  durchfiihren 
und  somit  bin  ich  derzeit  noch  ohne  die  Moglichkeit,  den 
Text  Ihres  Essays  mir  zum  zweitenmal  zu  vergegenwartigen. 

737 


Ich  weiB,  daB  er  mir  bei  der  ersten  Lektiire  zu  Reflexionen 
AnlaB  gab,  die  ich  mir  vorsetzte,  Ihnen  mitzuteilen.  In  dieser 
Sache  miissen  wir  uns  demnach  noch  gedulden.  Dafur  kann 
ich  Ihnen,  unterm  unmittelbaren  Eindruck  Ihrer  Kritik  an 
Weidle  mein  Einverstandnis  zumindest  mit  der  grundsatz- 
lichsten  Ihrer  Reserven  gegen  das  Buch  mitteilen :  ich  meine 
mit  Ihrer  Verwahrung  gegen  den  simplen  AnschluB  an  die 
vorliegenden,  zumeist  von  Mode  urid  Kompromissen  beein- 
fluBten  Versuche  christlich-religibser  Kunst.  Was  ich  mir 
allenfalls  dazugewiinscht  hatte,  ware  ein  Wort  iiber  die  be- 
sonders  fahrlassige  Handhabung  des  Begriffes  „Stil"  bei 
Weidle  gewesen.  Er  hat  keine  Vorstellung  davon,  wie  sehr 
das  was  wir  Stile  nennen  mitbestimmt  von  dem  jahrhun- 
dertelangen  Uberdauern  der  Produkte  ist,  an  denen  wir  -ihn 
vorfinden.  Er  scheint  mir  uberhaupt  keinerlei  Einblick  in  die 
Dimension  des  Historischen  zu  haben  und  es  ist  sein  planes 
Argumentieren  aus  einer  „Zeitlage"  heraus,  das  mir  den 
journalistischen  Einschlag  seiner  Darlegungen  auszumachen 
scheint,  der  in  einigem  MiBverhaltnis  zu  seinen  sakularen 
MaBstaben  steht. 

Wenn  ich  fur  einen  Augenblick  auf  den  „Erzahler"  zu- 
riickkommen  darf ,  so  merke  ich  an,  daB  der  Hinweis  auf  die 
apokatastasis  des  Origenes  bei  mir  lediglich  als  immanente 
Explikation  von  LeBkows  Vorstellungswelt  gedacht  war.  Ich 
selbst  wollte  zu  dem  Gegenstand  nicht  das  Wort  ergreifen. 
Im  iibrigen  konnte  ich  mir  denken,  daB  ich  es  friiher  getan 
hatte:  daB  Wiesengrund  es  getan  hat,  entnehme  ich  Ihrem 
Brief.  Wo  findet  sich  dieser  Begriff  der  „opferlosen"  Erfiil- 
lung"2  bei  ihm?  —  Fiir  alles,  was  Sie  mir  kiinftig  etwa  zur 
Lehre  vom  „Aufschub"  des  Gerichts  mitteilen  konnen,  bleibe 
ich  Ihnen  sehr  verpflichtet. 

Begegnet  Ihnen  in  Basel  Fritz  Lieb  gelegentlich?  Dann 
griifien  Sie  ihn  bitte  von  mir.  Zur  Zeit  ist  Brecht  hier.  Er  hat 
sich  ein  wenig  um  eine  franzosische  Neueinstudierung  der 
Drei-Groschen-Oper  gekummert  und  studiert  derzeit  mit 
seiner  Frau  ein  kleines  Stuck  ein,  das  im  spanischen  Biirger- 
kriege  spielt3. 

Dank  fiir  Ihre  Nachfrage  nach  den   „Deutschen  Men- 

738 


schen".  Es  scheint,  daB  sie  ihren  Weg  machen.  Je  verschlun- 
gener  der  sich  durchs  deutsche  Land  windet,  je  weniger  er 
sich  mit  den  LandstraBen  iiberschneidet,  desto  besser! 

Mich  selber  weist  alles  noch  mehr  als  sonst  auf  den  ein- 
geschrankten  Kreis  weniger  Freunde  und  den  engern  oder 
weitern  der  eignen  Arbeit  hin. 

Mit  meinen  herzlichen  GriiBen  — 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Vermutlich  „Gemeinsamkeiten  und  Unterschiede  zwischen  friih- 
christlicher  und  marxistischer  Eschatologie".  In:  Religiose  Besinnung, 
Jg.  4,  1931. 

2  Wohl  in  einem  Brief  von  Adorno  gebraucht. 

3  „Die  Gewehre  der  Prau  Carrar".  Urauffuhrung  am  16.  Oktober  1937. 


292     An  Gerhard  Scholem 

[20.  November  1937] 

Lieber  Gerhard, 

Ich  vermeide  diesmal  auch  die  kleinste  Frist  verstreichen  zu 
lassen,  ehe  ich  Dir  auf  den  letzten  Brief  antworte.  Er  enthielt 
die  Ankiindigung  Deines  Kommens  und  die  Kritik  am  „Fuchs" . 
Fur  mich  verschranken  sich  beide  Gegenstande  -  nicht  anders 
als  auch  fur  Dich.  Es  ware  in  der  Tat  dringlich,  es  ist  fast 
unaufschiebbar,  daB  wir  bald  miteinander  reden.  Nicht  als  ob 
die  Bedenken,  die  Du  dem  „Fuchs"  entgegenhaltst,  mich  im 
mindesten  iiberraschen.  Aber  der  Gegenstand  dieser  Arbeit 
gibt  —  gerade  durch  seine  Fadenscheinigkeit  —  eine  Gelegen- 
heit  uber  die  durchscheinende  Methode  zu  verhandeln,  die 
sich  so  giinstig  vielleicht  nicht  bald  prasentieren  wird.  Sie  ist 
geeignet,  uns  den  Zugang  zu  den  Bereichen  zu  erschlieBen,  in 
denen  unsere  Debatte  ursprunglich  zu  Hause  ist. 

Unter  diesen  Umstanden  stellen  die  Termine,  die  Du  fur 
Deinen  europaischen  Aufenthalt  ins  Auge  faBt,  fiir  mich 
—  nach  den  mannichfachen  gescheiterten  Projekten  meines 

739 


Erscheinens  inPalastina-eine  ganz  erhebliche  Enttauschung 
dar.1 

[•  •  •] 

Ich  habe  mein  altes  Logis  nicht  wiederbekommen  und  mich 
seit  zwei  Monaten  mit  einem  jammerlichen  beholfen,  das  mir 
unentgeltlich  zur  Verfiigung  gestellt  wurde.  Es  liegt  zu  ebner 
Erde  an  einerderHaupt-AusfallsstraBen  auBerhalb  von  Paris 
und  ist  von  friih  bis  spat  vom  Larm  zahlloser  Lastwagen  um- 
braust.  Meine  Arbeitsfahigkeit  hat  unter  diesen  Umstanden 
sehr  gelitten.  Ich  bin  bei  dem  „ Charles  Baudelaire",  den  ich 
vorbereite,  iiber  die  Durchsicht  der  Literatur  noch  nicht  hin- 
ausgekommen. 

Vom  15.  Januar  ab  lauft  meine  Miete  fur  eine  eigene 
Wohnung.  Sie  hat  nur  ein  Zimmer2.  Dennoch  stellt  ihre 
Einrichtung  ein  derzeit  ungelostes  Problem  fiir  mich  dar.  In 
der  Zwischenzeit  bitte  ich  Dich,  mir  an  die  Adresse  meiner 
Sch wester  eine  hoffentlich  erwiinschtere  Nachricht  baldigst 
zu  geben.  Wenn  Du  taglich  65  bis  70  Francs  zur  Verfiigung 
hast,  so  kannst  Du  in  Paris  recht  bequem  auskommen. 

Herzlichst  Dein  Walter 

1  W.  B.  und  Sch.  waren  Mitte  Fehruar  1938  fiinf  Tage  zusammen. 

2  In  der  rue  Dombasle  10.  Dies  war  seine  letzte  Wohnung  in  Paris. 


293     An  Max  Horkheimer 

San  Remo,  6.  Jan.  38 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

wie  Sie  wissen  haben  Wiesengrunds  unsern  alten  Plan,  uns 
in  der  Pension  meiner  friiheren  Frau  zu  treffen,  kurz  vor 
ToresschluB  realisieren  konnen.  Gleichzeitig  ist  mein  Sohn 
hier.  Ich  bin  vor  zehn  Tag  en  angekommen  und  werde  noch 
einige  Tage  langer  als  Wiesengrunds  bleiben,  die  leider  iiber- 
morgen  abreisen. 

Uber  It  alien  geht  augenblicklich  eine  rabiate  Kaltewelle. 

740 


Wir  miissen  uns  viel  im  Hause  halten.  Hoffentlich  kommt 
der  Aufenthalt  der  Erholung  von  Teddie1  und  seiner  Frau 
dennoch  zu  gute;  ein  wenig  beschattet  ihn  gelegentlich  beider 
Angst  vor  der  Seereise. 

Fur  unsere  gemeinsamen  Anliegen  sind  diese  Tage  gewiB 
fruchtbar.  Teddie  hat  mir  eine  Anzahl  von  Studien  zum 
„  Wagner"  2  vorgelesen.  Das  ergreif end  Neue  an  ihnen  war 
fur  mich,  daB  sie  musikalische  Tatbestande,  die  fiir  nieman- 
den  entlegener  sein  konnen  als  fiir  mich,  in  mir  unbekannter 
Weise  gesellschaftlich  transparent  machen.  Von  einer  andern 
Seite  her  hat  mich  eine  Tendenz  dieser  Arbeit  besonders  in- 
teressiert:  das  Physiognomische  unmittelbar,  fast  ohne  psy- 
chologische  Vermittlung,  im  gesellschaftlichen  Raum  anzu- 
siedeln.  —  Ich  bin  gespannt  darauf,  das  Ganze,  motivisch  viel- 
fach  verschlungene,  vor  mir  zu  sehen. 

Mehrf  ach  haben  sich  unsere  Gesprache  um  die  Vorarbeiten 
zu  dem  „Baudelaire"  bewegt.  Mir  ist  in  den  letzten  Wochen 
ein  seltener  Fund  zugefallen,  der  die  Arbeit  entscheidend  be- 
einflussen  wird:  ich  bin  auf  die  Schrift  gestoBen,  die  Blanqui 
in  seinem  letzten  Gefangnis,  dem  Fort  du  Taureau  als  seine 
letzte  geschrieben  hat.  Es  ist  eine  kosmologische  Spekulation. 
Sie  heiBt  „L'eternite  par  les  astres"  3  und  ist,  soviel  ich  sehe, 
bis  heute  so  gut  wie  unbeachtet  geblieben.  (Gustave  Geffroy 
in  seiner  vorbildlichen  Blanqui -Monographie  „L'enf erme"  4 
erwahnt  sie,  ohne  zu  erkennen,  womit  er  es  zu  tun  hat.)  Es 
ist  zuzugeben,  daB  die  Schrift  beim  ersten  Blattern  sich  ab- 
geschmackt  und  banal  anlaBt.  Indessen  sind  die  unbeholfenen 
Uberlegungen  eines  Autodidakten,  die  ihren  Hauptteil  aus- 
machen,  nur  die  Vorbereitung  einer  Spekulation  iiber  das 
Universum,  deren  man  von  niemandem  weniger  als  von  die - 
sem  groBen  Revolutionar  sich  versehen  wiirde.  Wenn  die 
Holle  ein  theologischer  Gegenstand  ist,  kann  man  diese  Spe- 
kulation eine  theologische  nennen.  Die  Weltansicht,  die 
Blanqui  in  ihr  entwirft,  indem  er  der  mechanistischen  Natur- 
wissenschaft  seine  Daten  entnimmt,  ist  in  der  Tat  eine  infer- 
nalische  —  ist  zugleich  in  der  Gestalt  einer  naturalen  das 
Komplement  der  gesellschaftlichen  Ordnung,  die  Blanqui  an 
seinem  Lebensabend  als  Sieger  iiber  sich  erkennen  muBte. 

741 


Das  Erschiitternde  ist,  daB  diesem  Entwurf  jede  Ironie  fehlt. 
Er  stellt  eine  vorbehaltlose  Unterwerfung  dar,  zugleich  aber 
die  furchtbarste  Anklage  gegen  eine  Gesellschaft,  die  dieses 
Bild  des  Kosmos  als  ihre  Projektion  an  den  Himmel  wirft. 
Das  Stuck  hat  in  seinem  Thema:  der  ewigen  Wiederkunft, 
zu  Nietzsche  die  merkwiirdigste  Beziehnng;  eine  verborge- 
nere  und  tiefere  zu  Baudelaire,  an  den  es  an  einigen  groBarti- 
gen  Stellen  fast  wortlich  anklingt.  Diese  letzte  Beziehung 
werde  ich  mich  bemiihen,  ins  Licht  zu  setzen. 

Gide  hat  recht,  wenn  er  schreibt,  es  sei  iiber  keinen  Dichter 
des  neunzehnten  Jahrhunderts  stupider  geredet  worden  als 
iiber  Baudelaire.  Die  Signatur  der  Baudelaire-Literatur  ist, 
daB  sie  in  allem  Wesentlichen  so  hatte  abgefaBt  werden  kon- 
nen,  wenn  Baudelaire  die  „Fleurs  du  Mai"  nie  geschrieben 
hatte.  Ihr  ganzer  Umfang  wird  in  der  Tat  von  seinen  theo- 
retischen  Schriften,  von  den  memorabilien  und,  vor  allem, 
von  der  chronique  scandaleuse  bestritten.  Das  ruhrt  daher, 
daB  man  die  Schranken  des  biirgerlichen  Denkens,  auch  ge- 
wisse  burgerliche  Reaktionsweisen,  hinter  sich  gelassen  haben 
muB  —  nicht,  um  an  dem  einen  oder  andern  dieser  Gedichte 
Gef alien  zu  finden,  wohl  aber  um  in  den  Fleurs  du  Mai  zu 
hause  zu  sein  .  .  .  Schwer  genug,  iibrigens,  wenn  das  die  ein- 
zige  Bedingung  ware;  es  gibt  andere,  die  auf  der  Hand  lie- 
gen,  und  fiir  den  nicht  leichter  erfullbar  sind,  dessen  Mutter  - 
sprache  nicht  das  Franz  osische  ist.  Einmal  nach  Paris 
zuruckgekehrt,  werde  ich  trachten,  mir  Baudelaire -Gedichte 
von  einigen  befreundeten  Franzosen  lesen  zu  lassen. 

Gemeinsam  haben  wir  uns  hier  gelegentlich  an  dem  Auf- 
satz  fiir  „MaB  und  Wert"5  versucht,  sind  aber  iiber  Bruch- 
stiicke  nicht  hinausgekommen.  Ich  nehme  an,  daB  Sie  mich 
Ihre  Ansicht  iiber  den  Brief  von  [Ferdinand]  Lion  bald  wer- 
den wissen  lassen. 

Fiir  Ihren  Brief  vom  5ten  Dezember  sage  ich  Ihnen  herz- 
lichen  Dank.  Ihre  Enttauschung  beim  Empfang  von  „Mesu- 
res"  ist  mir  sehr  verstandlich.  Die  Zeitschrift  hat  erheblich 
lesenswertereNummernherausgebracht.Demgedachten  Salon 
prasidiert  iibrigens  weniger  eine  Dame  als  ein  Herr  des  Hau- 
ses,  ein  Mazen  namens  Church,  der  derart  seine  eigenen 

742 


scripta  zum  Druck  befordert.  Adrienne  Monnier  hat  au£  die 
Redaktion  wenig  EinfluB;  mit  dem  Ende  des  Jahres  hat  sie, 
wie  ich  unlangst  erfuhr,  auch  die  Administration  an  die 
Buchhandlung  Joseph  Corti  abgegeben.  Von  den  nachsten 
Heften  will  ich  sehr  hoffen,  daB  sie  sich  besser  prasentieren. 
Im  iibrigen  hat  Fraulein  Monnier  den  Plan  nicht  ganz  aufge- 
geben,  wieder  zu  einer  eigenen  Zeitschrift  zu  kommen,  wie 
dies  vor  Jahren  das  „Navire  d'argent"  war. 

Zu  erfahren,  daB  Monsieur  Lyonnet  Ihnen  etwas  gesagt 
hat,  war  eine  besondere  Freude  fur  mich.  Der  Verfasser 
schreibt  meist  fur  Kinder.  Diesen  Roman  hat  er  wohl  nie 
ubertroffen. 

[. . .] 

Darf  ich  Sie  bitten,  die  Antwort  auf  Ihre  freundliche  Er- 
kundigung  nach  meinen  personlichen  Verhaltnissen  noch  um 
einige  Wochen  verschieben  zu  diirfen?  Ich  werde  erst  nach 
meiner  Riickkehr  in  Verhaltnisse  kommen,  die  mir  erlauben, 
mein  Budget  genau  zu  kalkulieren.  Es  kommt  hinzu,  daB 
nach  einem  in  der  letzten  Sitzung  der  Kammer  angenomme- 
nen  Gesetz  die  gesetzlich  geregelten  Mieten  wieder  in  FluB 
geraten.  Ich  werde  erst  in  Paris  erfahren,  wieweit  das  fur 
mich  von  Bedeutung  ist. 

Zum  SchluB  will  ich  die  Hoffnung  aussprechen,  daB  Ihre 
Zeit  Ihnen  erlaubt  hat,  sich  dem  Montaigne6  zuzuwenden. 
Eine  gesellschaftliche  Kritik  der  Skepsis  ist  Neuland,  und  ich 
denke  sehr  kennenswertes. 

Wollen  Sie  Herrn  Pollock  meine  besten  Griifie  tmd  Wiin- 
sche  fur  die  Gesundheit  seiner  Frau  sagen  und  mit  der  Ihren 
nochmals  alles  Freundliche  zum  neuen  Jahre  von  mir  ent- 
gegennehmen? 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Adorno. 

2  Jetzt:  Versuch  uber  Wagner.  Berlin,  Frankfurt  am  Main  1952. 

3  Paris  1872. 

4  Paris  1897. 

5  Diesen  Aufsatz  uber  die  Zeitschrift  fiir  Sozialf  or  seining-  schrieb  B. 
dann  allein;  er  erschien  in:  MaB  und  Wert  1  (1937/38),  S.  818-822. 

6  Max  Horkheimer:  Montaigne  und  die  Funktion  der  Skepsis,  in:  Zeit- 
schrift fiir  Sozialforschung  7  (1938),  S.  1-54.. 

743 


294     An  Karl  Thieme 

Paris,  9,  Martf  1938 

Lieber  Herr  Thieme, 

Ihr  Brief  vom  Dezember,  selbst  Ihre  gehaltreiche  Sendung 
liegen  schon  eine  langere  Zeit  vor  mir.  Sie  werden  des  ge- 
spaimten  Anteils  mit  dem  ich  Ihre  Auseinandersetzung  mit 
Buber-Rosenzweigs  Bibeliibersetzung1  gelesen  habe,  im  vor- 
hinein  sicher  gewesen  sein  und  die  Verzogerung  meiner 
Antwort  auf  Umstande,  die  nicht  in  dieser  Sacbe  liegen,  zu- 
ruckgefiihrt  haben. 

Um  solche  handelt  es  sich  in  der  Tat.  Zu  ihnen  gehorten 
eine  Reihe  sehr  dringlicher  Arbeiten  -  insbesondere  aber 
die  vielfachen  Zersplitterungen  der  Aufmerksamkeit,  die 
meine  Ubersiedlung  in  eine  kleine  Wohnung  —  meine  erste 
seit  den  Emigrations]  ahr en  —  mit  sich  brachte.  Ich  bin  in 
meinem  neuen  Logis  weit  entfernt,  die  erwunschtesten  Be- 
dingungen  fiir  meine  Arbeit  vorzufinden;  es  wird  von  vieler- 
lei  Gerauschen  tagaus  tagein  belagert.  Immerhin  erlaubt  es 
mir,  einmal  meine  Papiere,  so  weit  ich  sie  gerettet  habe,  mehr 
oder  minder  vollzahlig  um  mich  zu  versammeln;  zum  an- 
dern,  Freunde  bei  mir  zu  sehen. 

Ich  hoffe  mit  Bestimmtheit,  daB,  wenn  Ihr  Weg  Sie  das 
nachste  Mai  nach  Paris  fiihrt,  einige  ruhige  Stunden  bei  mir 
uns  in  Aussicht  stehen. 

Einer  der  ersten,  der  sich  hier  herauffand,  war  Gerhard 
Scholem;  nach  Newyork,  wo  er  Gastvorlesungen  abzuhalten 
hat,  unterwegs,  hat  er  in  Paris  einige  Tage  Station  gemacht. 
Wir  haben  unter  anderem  auch  von  Buber  gesprochen,  zu 
dem  wir  seit  mehr  als  einem  Jahrzehnt  auf  einigermafien 
verschiedene  Weise  Stellung  nehmen.  Ich  selbst,  von  Sach- 
kenntnis  leider  kaum  belastet,  habe  es  leichter,  mich  eindeutig 
dabei  zu  formulieren  als  er.  Ihnen  gegeniiber  gilt  fiir  meine 
Stellungnahme  naturlich  das  gleiche.  In  Erinnerung  an  den 
fliichtigen  Einblick,  den  ich  in  den  Jahren  in  die  Bibelbande 
genommen  habe,  mochte  ich  heute  sagen,  daB  mir  im  inner- 
sten  Gefiihl  zweifelhaft  war,  ob  die  Jahre,  in  denen  dieses 


744 


Unternehmen  zustande  kam,  wirklich  die  weltgeschichtliche 
Stunde  darstellten,  zu  der  es  gewagt  werden  diirfte.  Uber 
den  grundsatzlichen  Wert  solchen  Wagens  denke  ich  —  das 
wissen  Sie  aus  meiner  „Aufgabe  des  ttbersetzers"  —  wie  Sie. 
Aber  eben  im  AnschluB  an  diese  Arbeit  mochte  ich,  dring- 
licher  als  Sie  es  tun,  die  Frage  nach  dem  zeitlichen  Index  so 
eines  Versuches  stellen.  Mich  iiberzeugen  die  Beispiele,  mit 
denen  Sie  Ihre  Einwendungen  gegen  deutsche  Wortfugungen 
problematischer  Art  bei  Buber  stiitzen,  durchaus.  Ich  glaube, 
ich  beurteile  dergleichen  VerstoBe  noch  strenger  als  Sie  — 
besser  gesagt:  ich  bin  geneigt,  sie  als  symptomatisch  anzu- 
sehen  und  aus  ihnen  die  gewichtigsten  Vorbehalte  gegen  die 
historische  Berechtigung  des  Versuches,  den  Buber  machte, 
im  gegenwartigen  Augenblick  abzuleiten. 

Vielleicht  liegt  auch  dies  in  Ihren  eignen  Reflexionen 
eingeschlossen;  dergleichen  offentlich  auszusprechen,  ist  ja 
ohnehin  um  so  weniger  moglich,  je  besser  es  durch  die  offent- 
lichen  Verhaltnisse  illustriert  wird.  Es  ist  selbstverstandlich, 
daB  es  mit  Ihrem  eignen  Unternehmen,  das  im  ausgezeich- 
neten  Sinn  ein  christliches  ist,  eine  vollkommen  andere  Be- 
wandtnis  haben  wird.  In  dem  Prospekt  haben  mich  ganz 
besonders  die  Bemerkungen  angezogen,  mit  denen  Sie  den 
Text  im  pneumatologischen  Sinne  begleiten,  kaum  weniger 
die  grundsatzlichen,  mit  denen  Sie  die  Sprache  so  deutlich 
gegen  die  kunstgewerblichen  Unarten  in  Schutz  nehmen,  die 
viele  Ubersetzer  ihr  zumuten. 

Irre  ich  nicht,  und  laBt  sich  nach  der  einen  Probe  urteilen, 
so  wissen  [Richard]  Seewalds  Holzschnitte  das  Kunstgewerb- 
liche  leider  nicht  ebenso  streng  zu  meiden.  Gern  vernahme  ich 
bei  Gelegenheit  Ihre  Meinung  uber  diese. 

Was  RoeBler2  angeht,  so  habe  ich  mir  sagen  lassen,  es  sei 
derzeit  eine  gebrauchliche  Sitte  —  oder  Unsitte  —  der  Verleger, 
das  dritte  oder  vierte  Hundert  von  einem  Buche  als  „neue 
Auflage"  figurieren  zu  lassen.  Trotz  alledem  wird  es  mir 
schwer,  mir  vorzustellen,  daB  von  dem  Buch  -  wie  seine  Ab- 
rechnung  sagt  -  nur  200  Exemplare  in  IV4  Jahren  an  den 
Mann  gekommen  sein  sollen. 

Fur  das  Buch  von  Grete  de  Francesco  3  habe  ich  mich  hier 


745 


leider  ohne  den  gewiinschten  Erfolg  umgetan.  Die  hiesigen 
Verleger  fiirchten  die  Kosten,  die  ein  anstandig  illustriertes 
Buch  ihnen  bei  der  Herstellung  macht. 

Ich  wiinschte  sehr,  von  Ihnen  recht  bald  zu  horen,  und 
Gutes.  Vielleicht  kann  ich  Ihnen  in  absehbarer  Zeit  wieder 
irgend  ein  Separatum  senden.  Aber  bitte  lassen  Sie  mich  mit 
einer  Nachricht  so  lange  lieber  nicht  warten! 

Mit  herzlichen  GriiBen 

Ihr  Walter  Benjamin 
PS  Lassen  Sie  mich  bitte  wissen,  ob  und  wann  von  Ihren 
Basler  Vorlesungen  etwas  im  Druck  erscheint.  Mein  Interesse 
an  der  Figur  des  Erzahlers  hat  nicht  nachgelassen.  -  Das 
Buch  von  Jolles 4,  auf  das  Sie  mich  hinwiesen,  lasse  ich  derzeit 
suchen. 

Und  teilen  Sie  mir  doch,  wenn  die  Mlihe  Sie  nicht  ver- 
drieBt,  einige  Worte  iiber  die  neuern  Erfahrungen  mit  RoeB- 
ler  mit,  auf  die  Sie  hindeuten. 

1  „Das  ewige  Wort  in  der  Sprache  unserer  Zeit".  In  „Schweizer  Rund- 
schau", Februar  1938. 

2  Gehb'rte  zum  Vita  Nova  Verlag  in  Luzern. 

3  „Die  Macht  des  Scharlatans",  1937.  Von  W.B.  in  der  „Zeitschri£t 
fur  Sozialforschung"  7  (1938),  S.  296  ff.,  besprochen. 

1930. 


29 5     An  Karl  Thieme 

Paris,  27.  Marz  1938 

Lieber  Herr  Thieme! 

Im  gleichen  Sinne,  wenn  auch  nicht  mit  der  gleichen  Be- 
griindung  wie  Sie  es  in  Ihrem  letzten  Brief e. tun,  bitte  ich 
Sie,  mich  zu  entschuldigen,  wenn  ausnahmsweise  die  Ma- 
schine  zwischen  uns  in  ihre  Rechte  tritt. 

Ihr  Brief  vom  12.  hat  mich  in  seiner  leidenschaftlichen 
Reaktion  auf  die  osterreichischen  Ereignisse  sehr  bewegt;  ich 
mochte  die  Antwort  nicht  lange  hinausschieben.  Auf  der 
anderen  Seite  bin  ich  mit  meiner  Korrespondenz  derart  in 
Riickstand,  daB  ich  in  auBerordentliche  Prozeduren  meine 


746 


Zuflucht  suchen  muB.  Ich  kann  es  nicht  verhiiten,  daB  eine 
lakonische  AuBerung  auf  Ihre  Zeilen  Ihnen  neben  einem 
Begriff  von  meiner  Denkuhgsweise  einen  von  meiner  Stim- 
mung  gibt.  Ich  fiirchte  die  Ihre  nimmt  sich  daneben  fast 
hellgetbnt  aus. 

Fur  meine  Person  weiB  ich,  rund  gesagt,  kaum  woher  noch 
einen  Begriff  sinnvollen  Leidens  und  Sterbens  nehmen.  Das 
Furchtbare  scheint  mir  im  Falle  Oesterreich  nicht  minder 
wie  im  Falle  Spanien,  daB  das  Martyrium  nicht  im  Namen 
der  eigenen  Sache,  sondern  vielmehr  im  Namen  eines  Kom- 
promiBvorschlages  erlitten  wird:  sei  es  der  KompromiB  der 
kostbaren  osterreichischen  Stammeskultur  mit  einem  ver- 
ruchten  Wirtschafts-  und  Staatsbetrieb,  sei  es  der  Kompro- 
miB des  revolutionaren  Gedankens  in  Spanien  mit  dem 
Machiavellismus  der  russischen  und  dem  Mammonismus  der 
einheimischen  Fiihrerschaft. 

Kurz  ich  mag  mein  Blickf eld  soweit  ausspannen  wie  ich 
will:  ich  finde  den  Horizont  ebenso  verhangen  wie  die  mir 
vor  Augen  liegenden  Existenzen.  Bei  alledem  muB  ich  selbst 
noch  von  Gliick  sagen,  daB  mein  Sohn,  der  bis  vor  kurzem 
in  Wien  war,  inzwischen  bei.  seiner  Mutter  in  Italien  ist. 

Was  den  osterreichischen  Juden  bevorsteht,  von  denen  nun 
nicht  einmal  dem  bemittelten  Teil,  wie  es  in  Deutschland  der 
Fall  war,  die  Flucht  offensteht,  so  ist  der  Gedanke  an  sie  nur 
schwer  ertraglich.  Es  bleibt  vielleicht  nicht  einmal  der 
mesquine  Trost,  der  uns  einfliistert,  Sie  und  ich  in  gleicher 
Lage  waren  kliiger  gewesen.  Ich  glaube  das  namlich  nicht. 

Haben  Sie  einmal  einen  Gedanken  daran  verloren,  daB 
mit  der  Einnahme  Wiens  Vs  oder  Vg  des  europaischen  Kunst- 
schatzes  in  den  Handen  der  Nationalsozialisten  ist? 

Ich  freue  mich  sehr,  in  Balde  Ihre  Bibel  erwarten  zu 
diirfen. 

Uber  meine  Sommermonate  weiB  ich  noch  nichts.  Es  ist 
immerhin  recht  moglich,  daB  ich  in  Paris  bin,  falls  Sie  im 
August  kommen. 

Dank  fur  Ihre  Mitteilung  iiber  RoeBler  und  recht  herz- 
liche  Gru Be 

Ihr  Walter  Benjamin 

747 


296     An  Gerhard  Scholem 

14.  April  1938 

Lieber  Gerhard, 

deine  erste  Nachricht  aus  Amerika  hat  geraume  Zeit  auf  sich 
warten  lassen. 

Sie  enthalt  vieles,  was  mich  freut. 

Zuerst  die  Mitteilung  iiber  denErfolgDeinerVorlesungen. 
Der  bedeutet  ja  wohl,  daB  der  Auf  enthalt  drub  en,  sprachlich 
zumindest  von  geringerer  Problematik  fiir  Dich  ist  als  Du 
angenommen  hast.  In  Deinen  nachsten  Mitteilungen  hoffe 
ich  davon  zu  profitieren,indemDu„Kultur-  und  Reisebilder" 
aus  den  verschiedenen  Landstrichen  und  Bevolkerungsschich- 
ten  vor  mir  entrollst.  „Reisebilder"  von  Theodor  Dielitz 
waren  eines  meiner  bevorzugten  Knabenbiicher,  und  die  han- 
delten  auch  von  driiben. 

Weiter  erwarte  ich  von  Dir  ins  Geheimnis  der  jiidischen 
Sterngeburt  eingeweiht  zu  werden;  dem  vereinten  Zau- 
brerpaar1  freundliche  Erwiderung  seiner  GriiBe. 

Wirklich  hat  Mercy  auf  meine  Bitte  Brods  Kafkabiogra- 
phie  und  dazu  den  Band  geschickt,  der  mit  der  „Beschreibung 
eines  Kampfes"  beginnt. 

Ich  komme  aber  auf  Kafka  an  dieser  Stelle  weil  besagte 
Biographic  in  ihrer  Verwebung  Kafkaschen  Nichtwissens  mit 
Brodschen  Weisheiten  einen  Distrikt  der  Geisterwelt  zu  off- 
nen  scheint,  wo  weiBe  Magie  und  fauler  Zauber  aufs  erbau- 
lichste  ineinander  spielen.  Ich  habe  ubrigens  noch  nicht  sehr 
viel  darin  lesen  konnen,  mir  aber  alsbald  die  Kafkasche  For- 
mulierung  des  kategorischen  Imperativs  „handle  so,  daB  die 
Engel  zu  tun  bekommen"  daraus  zugeeignet. 

Meine  Lektiire  ist  eine  intermittierende,  weil  meine  Auf- 
merksamkeit  und  Zeit  jetzt  fast  ungeteilt  dem  „Baudelaire" 
zugewandt  ist.  Noch  ist  kein  Wort  davon  geschrieben;  seit 
einer  Woche  bin  ich  aber  dabei,  das  Ganze  zu  schematisieren. 
Die  Einrichtung  ist,  wie  sich  versteht,  entscheidend.  Ich  will 
Baudelaire,  wie  er  ins  neunzehnte  Jahrhundert  eingebettet 

748 


ist,  zeigen  und  der  Anblick  davon  muB  ebenso  neu  erschei- 
nen,  auch  eine  ebenso  schwer  definier[t]e  Anziehung  aus- 
iiben,  wie  der  eines  seit  Jahrzehnten  im  Waldboden  ruhenden 
Steins,  dessen  Abdruck,  nachdera  wir  ihn  mit  mehr  oder  weni- 
ger  Miihe  von  der  Stelle  gewalzt  haben,  iiberaus  deutlich  und 
unberixhrt  vor  uns  liegt. 

Deine  Schilderung  des  Gesprachs  mit  den  beiden  Tillichs 2 
hat  mein  hbchstes  Interesse  erregt,  aber  in  geringerem  Mafi 
als  Du  denkst,  meine  Uberraschung.  Denn  hier  geht  es  gerade 
darum,  daB  Dinge,  die  de  part  et  d'autre  derzeit  ihre  Stelle 
im  Schatten  haben,  durch  jederlei  kiinstliche  Beleuchtung  ins 
falsche  Licht  traten.  Ich  sage  „derzeit",  weil  diese  Epoche, 
die  so  vieles  unmoglich  macht,  dies  ganz  gewiB  nicht  aus- 
schlieBt:  daB  im  historischen  Sonnenumlauf  auf  eben  diese 
Dinge  ein  rechtes  Licht  fallt.  Ich  will  weiter  gehen  und 
sagen,  daB  unsere  Arbeiten  an  ihrem  Teile  MeBinstrumente 
sein  konnen,  die,  wenn  sie  gliicklich  funktionieren,  kleinste 
Bruchstiicke  dieses  unvorstellbarlangsamenUmlaufes  messen. 

Ich  mochte  aus  diesen  Griinden  Deiner  Begegnung  mit 
Horkheimer  und  mit  Wiesengrund,  die  vielleicht  bei  Emp- 
fang  dieser  Zeilen  schon  stattgefunden,  wenn  nicht  sich  wie- 
derholt  hat,  mit  einigem  Vertrauen  entgegensehen.  Dies 
wird  gesteigert  durch  die  Begegnung  mit  dem  Mitdirektor 
des  Instituts,  die  ich  vor  einigen  Tagen  hatte  und  die  sich 
ebenso  herzlich  gestaltete  als  sie  kurz  war. 

Ich  kann  meine  sommerlichen  Dispositionen  noch  nicht 
genau  iiberblicken.  Soviel  ich  sehe,  ware  alles  ganz  einfach, 
wenn  Du  noch  die  zweite  Augusthalfte  fur  Paris  zur  Verfii- 
gung  hattest  [. . .]  Berichte  mir  iiber  „die  Wege  und  Begeg- 
nungen",  die  die  Deinen  waren.  Richte  meinen  New  Yorker 
Freunden  meine  herzlichen  GriiBe  aus,  wenn  sich  das  ergibt 
und  vergiB  keinesf  alls,  sie  Moses  Marx  3  zu  sagen. 

Alles  Herzliche  Dein  Walter 

1  Erich  und  Lucie  Gutkind.  Anspielung  auf  G's  „Siderische  Geburt". 

2  Paul  und  Hannah  Tillich. 

3  Moses  Marx,  der  hebraische  Sammler  und  Freund  Scholems  aus  den 
Berliner  Jahren,  war  seit  1927  Bibliothekar  in  Cincinnati.  Kitty  Marx- 
Steinschneider  ist  seine  Nichte. 


749 


297     An  Max  Horkheimer 

Paris,  16.4.  1938 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

Dies  schreibe  ich  Ihnen  drei  Tage  nach  meiner  Begegnung 
mit  Herrn  Pollock.  Sie  verlief  wie  ich  es  mir  nur  wiinschen 
konnte.  Wir  hatten  zwei  schone  Stunden  in  einem  kleinen 
Restaurant  bei  Notre  Dame,  das  ich  -  als  alter  Pariser!  — 
durch  ihn  kennenlernen  muBte. 

Unsere  Aussprache,  so  kurz  sie  war,  wird  eine  mir,  wie  ich 
hoffe,  niitzliche  Bekanntschaft  im  Gefolge  haben.  Herr  Pol- 
lock hbrte  von  mir,  wie  erwiinscht  ein  gelegentlicher  Gedan- 
kenaustausch  mit  einem  Okonomen  mir  sein  wiirde,  und  ich 
werde  durch  seine  Vermittlung  Herrn  [Otto]  Leichter  ken- 
nenlernen. 

Natiirlich  steht  dieser  Wunsch  im  Zusammenhang  mit 
meiner  Arbeit,  um  die  unser  Gesprach  sich  eine  zeitlang  be- 
wegte.  Sie  ist  gegenwartig  der  Vorbereitung  des  „ Baudelaire" 
zugewandt.  Es  hat  sich  -  und  das  erzahlte  ich  Herrn  Pollock  - 
bei  ihr  ergeben,  daB  diese  Darstellung  zu  einer  umfangreiche- 
ren  wird,  in  der  wesentlichste  Motive  der  „Passagen"  kon- 
vergieren.  Das  liegt  ebensowohl  am  Sujet  wie  daran,  daB 
dieser  als  ein  zentraler  Abschnitt  des  Buchs  geplante  als  erster 
geschrieben  wird.  Diese  Tendenz  des  „Baudelaire",  sich  zu 
dessen  Miniaturmodell  zu  entwickeln,  hatte  ich  in  den  Ge- 
sprachen  mit  Teddie  vorausgesehen.  Seit  San  Remo  hat  sich 
das  iiber  mein  Erwarten  hinaus  bestatigt. 

Nun  bat  mich  Herr  Pollock,  Ihnen  das  mitzuteilen,  well 
Sie  urspriinglich  ein  Manuskript  vom  ublichen  Umfang  er- 
wartet  hatten.  Das  habe  ich  gewuBt,  glaubte  aber,  es  sei  nur 
umso  besser,  wenn  einer  meiner  Aufsatze  einmal  das  Format 
einer  groBeren  Arbeit  annehme.  Ich  hoffe  auch  heute  noch, 
daB  dem  keine  entscheidenden  Bedenken  entgegenstehen ;  ich 
wiiBte  in  der  Tat  nicht,  wie  ich  dem  Gegenstande  auf  30  oder 
40  Seiten  seine  maBgebenden  Aspekte  abgewinnen  konnte. 
Als  Maximalumfang  schwebt  mir  —  ich  spreche  von  Manu- 
skriptseiten  —  das  dreifache,  etwa  das  doppelte  als  Minimal - 

750 


umfang  vor.  Es  wiirde  also  im  letzteren  Fall  die  Arbeit  im 
Umfang  von  der  Reproduktionsarbeit  sich  nicht  allzusehr 
unterscheiden. 

Die  Schematisierung  des  Aufsatzes  ist  im  Gange,  die  Be- 
reitstellung  des  Materials  abgeschlossen.  Es  bot  sich  in  Fiille. 
Ich  werde  meine  Ehre  darein  setzen,  Zitate  aus  der  heutigen 
Baudelaireliteratur  so  sparsam  wie  moglich  zu  geben.  Weni- 
ges  von  dem,  was  iiber  Baudelaire  gesagt  worden  ist,  werde 
ich  zu  wiederholen,  ebensowenig  auf  die  Biographie  einzu- 
gehen  haben.  Ausgiebig  zitiert  werden  die  Fleurs  du  Mai. 
Ich  habe  vor,  einzelne  Stellen  davon  zu  kommentieren ;  das 
ist  bisher  in  anderer  als  anekdotischer  Absicht  nicht  unter- 
nommen  worden. 

Die  Arbeit  soil  drei  Teile  haben.  Ihre  projektierten  Titel 
sind:  Idee  und  Bild;  Antike  und  Moderne;  Das  Neue  und 
Immergleiche.  Der  erste  Teil  wird  die  maflgebende.Bedeu- 
tung  der  Allegorie  in  den  Fleurs  du  Mai  zeigen.  Er  stellt  die 
Konstruktion  der  allegorischen  Anschauung  bei  Baudelaire 
dar,  wobei  die  fundamentale  Paradoxie  seiner  Kunstlehre  — 
der  Widerspruch  zwischen  der  Theorie  der  natiirlichen  Kor- 
respondenzen  und  der  Absage  an  die  Natur  -  transparent 
werden  soil.  —  Eine  Einleitung  stellt  die  methodische  Be- 
ziehung  der  Arbeit  zum  dialektischen  Materialismus  in  Ge- 
stalt  einer  Konfrontation  der  „r\ettung"  mit  der  landlaufigen 
„Apologie"  her. 

Der  zweite  Teil  entwickelt  als  Formelement  der  allegori- 
schen Anschauung  die  Uberblendung,  kraft  deren  die  Antike 
in  der  Moderne,  die  Moderne  in  der  Antike  zum  Vorschein 
kommt.  Dieser  Vorgang  bestimmt  die  poetischen  tableaux 
parisiens  wie  die  prosaischen.  In  diese  Transposition  von  Paris 
wirkt  die  Masse  in  entscheidender  Weise  hinein.  Die  Masse 
legt  sich  als  Schleier  vor  den  flaneur:  sie  ist  das  neueste 
Bauschmittel  des  Vereinsamten.  —  Die  Masse  verwischt, 
zweitens,  alle  Spuren  des  Einzelnen:  sie  ist  das  neueste  Asyl 
des  Geachteten.  —  Die  Masse  ist,  endlich,  im  Labyrinth  der 
Stadt  das  neueste  und  unerforschlichste  Labyrinth.  Durch  sie 
pragen  sich  bi  slang  unbekannte  chthonische  Ziige  ins  Stadt - 
bild  ein.  —  Diese  Aspekte  von  Paris  zu  eroffnen  stand  dem 

751 


Dichter  als  Aufgabe  vor  Augen,  Der  Begriff  dieser  Aufgabe 
teilt  die  Struktur,  yon  der  die  Rede  ist.  Nichts  kommt  im 
Sinne  Baudelaires  in  seinem  eigenen  Jahrhundert  der  Auf- 
gabe des  antiken  Heros  naher  als  der  Moderne  Gestalt  zu 
geben. 

Der  dritte  Teil  behandelt  die  Ware  als  die  Erfiillung  der 
allegorischen  Anschauung  bei  Baudelaire.  Es  erweist  sich, 
dafl  das  Neue,  welches  die  Erfahrung  des  Immergleichen,  in 
deren  Bann  der  spleen  den  Dichter  geschlagen  hat,  sprengt, 
nichts  anderes  als  die  Aureole  der  Ware  ist.  Hier  haben  zwei 
Exkurse  ihren  Platz.  Der  eine  verfolgt,  in  wieweit  in  Baude- 
laires Konzeption  des  Neuen  der  Jugendstil  praformiert  er- 
scheint;  der  andere  hat  es  mit  der  Dime  als  der  die  allegori- 
sche  Anschauung  am  vollkommensten  erfiillenden  Ware  zu 
tun.  Die  Zerstreuung  des  allegorischen  Scheins  ist  in  dieser 
Erfiillung  angelegt.  Die  einzigartige  Bedeutung  Baudelaires 
besteht  darin,  als  erster  und  am  unbeirrbarsten  die  Produk- 
tivkraft  des  sich  selbst  entfremdeten  Menschen  im  doppelten 
Sinne  des  Wortes  dingfest  gemacht  -  agnosziert  und  durch 
die  Verdinglichung  gesteigert  -  zu  haben.  Die  vereinzelten 
Formanalysen,  die  die  Arbeit  in  ihren  verschiedenen  Ab- 
schnitten  gibt,  tret  en  damit  in  eineh  einheitlichen  Zusam- 
menhang. 

Wahrend  im  ersten  Teil  die  Figur  Baudelaires  in  mono- 
graphischer  Isolierung  auftaucht,  stehen  im  zweiten  seine 
wichtigsten  virtuellen  und  realen  Begegnungen  -  die  mit 
Poe,  die  mit  Meryon,  die  mit  Victor  Hugo  —  im  Vordergrund. 
Der  dritte  Teil  hat  es  mit  der  historischen  Konfiguration  zu 
tun,  in  die  die  Fleurs  du  Mai  durch  die  idee  fixe  des  Neuen 
und  Immergleichen  mit  der  Eternite  par  les  astres  von 
Blanqui  und  dem  Willen  zur  Macht  (der  ewigen  Wi[e]der- 
kunft)  von  Nietzsche  treten. 

Wenn  ich  in  einem  Bilde  sagen  darf ,  was  ich  vorhabe,  so 
ist  es,  Baudelaire  zu  zeigen,  wie  er  ins  neunzehnte  Jahrhun- 
dert eingebettet  liegt.  Der  Abdruck,  den  er  darin  hinterlassen 
hat,  muB  so  klar  und  so  unberiihrt  hervortreten,  wie  der  eines 
Steins,  den  man,  nachdem  er  jahrzehntelang  an  seinem  Platz 
geruht  hat,  eines  Tages  von  der  Stelle  walzt. 

752 


Ich  erhoffe  Ihr  Einverstandnis  damit,  die  Arbeit  nach  dem 
Schema  abzufassen,  das  sich  taglich  deutlicher  vor  mir  dar- 
stellt.  Die  etwaige  Problematik  der  Publikation  wird  wie  mir 
scheint,  leichter  zu  bewaltigen  sein  als  eine  neuentstehende 
fur  den  inneren  Aufbau. 

Neuerscheinungen  Angehendes  weiB  ich  fiir  heute  nicht  zu 
berichten.  Gides  Auseinandersetzung  mit  Celine  im  Aprilheft 
der  nrf  werden  Sie  vielleicht  gesehen  haben.  „S'il  fallait  voir 
dans  ,Bagatelles  pour  un  Massacre'1  autre  chose  qu'un  jeu, 
Celine  en  depit  de  tout  son  genie,  serait  sans  excuse  de  remuer 
les  passions  banales  avec  ce  cynisme  et  cette  desinvolte  le- 
gerete."  (p.  634)  Le  mot  ,banal'  en  dit  long.  Durch  den  Mangel 
an  Ernst  bei  Celine  war,  wie  Sie  sich  erinnern  werden,  auch 
ich  frappiert  worden.  Im  ubrigen  sieht  Gide  als  der  Moralist, 
der  er  ist,  nur  auf  die  Absicht,  nicht  auf  die  Folgen  des  Buchs. 
Oder  hat  er  als  Satanist,  der  er  auch  ist,  gegen  diese  nichts 
einzuwenden? 

Da  ich  einmal  in  sumpfiges  Gelande  geraten  bin,  mochte 
ich  Ihnen  eine  besonders  bizarre  und  giftige  Brute  einlegen, 
die  in  dieser  Gegend  gewachsen  ist.  „Derriere  Kant",  heiBt  es 
im  „Stupide  XIXe  siecle"  von  Leon  Daudet,  „il  y  a  le  juif 
Hamann,  auquel  Kant  emprunte  la  fameuse  distinction  de 
phenomene  et  noumene."  (p.  185)  Das  Buch  ist  1922  erschie- 
nen.  —  Wann  wird  das  Biindnis  der  Unwissenheit  mit  der 
Niedertracht,  das  eben  damals  in  Deutschland  geschlossen 
wurde,  auch  hier  in  Aktion  treten? 

Nebenbei  bemerkt  finden  Sie  auf  S.  96/97  des  gleichen 
Buches  einen  Vergleich  zwischen  Montaigne  und  Renan.  Ich 
teile  Ihnen  das  mit,  obwohl  er  mir  zu  uninteressant  erschien, 
um  ihn  zu  kopieren.  Sollte  er  Ihre  Neugier  reizen,  so  lassen 
Sie  es  mich  bitte  wissen. 

"Dber  das  Telegramm,  aus  dem  ich  ersah,  dafi  die  Notiz  fiir 
„MaB  und  Wert"  Ihnen  gefallen  hat,  habe  ich  mich  wirklich 
gefreut.  Ich  danke  Ihnen  dafiir  und  bestatigte  Ihnen  gleich- 
zeitig  Ihre  Briefe  vom  7.,  15.  und  28.  Marz.  -  Gestern  be- 
kam  ich  das  Heft2,  in  dem  meine  Notiz  in  Gestalt  einer 
Anzeige  der  „Zeitschrift  fiir  Sozialforschung"  und  im  Urn- 
fang  von  vier  Druckseiten  erschienen  ist.  Es  geht  Ihnen  mit 

753 


gleicher  Post  zu.  -  Ich  bin  froh,  daB  das  unter  Dach  und 
Fach  ist,  weil  ich  es  bis  zum  letzten  Moment  fur  moglich 
hielt,  von  Lion  vor  ein  fait  inaccompli  gestellt  zu  werden.  [. . .] 

Ich  freue  mich  auf  Ihren  „Montaigne".  Werde  ich  ihn  im 
nachsten  Heft  finden? 

Bitte  teilen  Sie  mit  Ihrer  Frau  und  den  Freunden  meine 
herzlichsten  GriiBe 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Celines  antisemitisches  Buch,  1937. 

2  Von  „MaB  und  Wert". 


298     An  Karl  Thieme 

Paris,  l.Mai  1938 

Lieber  Herr  Thieme, 

mit  wie  bescheidener  Erwartung  Sie  diesen  Brief  auch  er- 
offnen  mogen,  so  wird  er  Ihnen,  wie  ich  fiirchte,  immer  eine 
kleine  Enttauschung  bringen.  Mich  jedenfalls  bedriickt  es, 
Ihnen  den  Dank  fur  das  Geschenk,  das  Sie  mir  mit  Ihrer 
Bibelausgabe l  gemacht  haben,  nur  unangemessen  sagen  zu 
konnen. 

Ich  will  nicht  so  anmaBend  sein  zu  meinen,  nur  der  konne 
Ihnen  geziemend  danken,  dem  ein  Einblick  in  den  gewal- 
tigen  ArbeitsprozeB  freisteht,  der  hinter  Ihnen  liegt.  Aber 
zumindest  hatte  ich  iiber  alles  gern  meinem  Dank  das  Zeug- 
nis  einer  stetigen  Lektiire  in  diesem  Werk  verflochten.  Meine 
eigene  Arbeit  bringt  es  mit  sich,  daB  das  derzeit  nicht  mog- 
lich ist. 

Immerhin  habe  ich  in  den  letzten  14  Tagen  einige  aus- 
gedehntere  Arbeitspausen  an  die  Lektiire  wenden  konnen. 
Ein  Urteil,  das  auch  nur  den  Anflug  der  Sachkenntnis  pra- 
tendiert,  steht  mir  gewiB  nicht  zu.  Immerhin  will  ich  Ihnen 
sagen,  daB  ich  den  Eindruck  hatte,  mit  einer  hervorragend 
niitzlichen  Sache  Bekanntschaft  zu  machen.  Ich  nenne  das 
Buch  niitzlich,  weil  es  etwas  sehr  Wichtiges  und  sehr  Schwie- 

754 


riges  mir  zustandezubringen  scheint;  sich  vor  der  Lese-  und 
in  der  Lebensweise  des  heutigen  Menschen  zu  behaupten.  Ich 
habe  eine  hohe  Verfiihrung  von  Ihrer  Texteinrichtung  auf 
mich  ausgehen  gefiihlt. 

Das  schlechthin  Bedeutungsvo]le  war  fur  mich  die  Deut- 
lichkeit  mit  der  die  epischen  und  didaktischen  Fundamente 
des  Textes  sich  in  Ihrer  Interpretation  und  in  Ihren  Inter - 
polationen  herausheben.  Dadurch  hat  der  Laie  auf  Schritt 
und  Tritt  das  Gefuhl,  etwas  zu  lernen.  Und  ihm  dieses  Ge- 
fiihl  zu  wecken,  diirfte  heute  das  A  und  O  einer  Bibellektiire 
sein. 

Ich  muB  es,  aus  Achtung  vor  Ihrem  Werke,  bei  so  vor- 
laufigen  Worten  bewenden  lassen,  zumindest  bis  mich  ein 
sachlicher  AnlaB  zu  genauerem  Studium  der  einen  oder  an- 
dern  Passage  fuhrt.  Erkennen  Sie  dennoch  in  meinem  Dank 
den  herzlichsten!  — 

Der  Freund,  dessen  Besuch  Sie  mir  ansagten,  hat  sich  bis- 
her  bei  mir  nicht  gemeldet.  Er  diirfte  nach  Ihrem  Brief  einer 
freundlichen  Aufnahme,  auch  ohne  als  Kenner  meiner 
Schriften  sich  auszuweisen,  gewiB  sein. 

1st  Ihnen  die  Zeitschrift  Ordo,  sous  Comite  juif  des  etudes 
politiques,  22  rue  Caumartin  Paris  IX  zu  Gesicht  bekommen 
[sic].  Was  die  Leute  wollen,  erscheint  mir  noch  ungeklart.2 
Von  ihrer  Kritik  am  offentlichen  Auftreten  und  an  den 
offentlichen  Reaktionen  der  Juderi  will  mir  scheinen,  daB  sie 
haufig  den  Nagel  auf  den  Kopf  trifft.  Ich  wolltej  Sie  wiirden 
der  Sache  ansichtig  und  teilten  mir  Ihre  Meinung  von  ihr 
mit. 

Ich  lese  Bendas  „Un  r^gulier  dans  le  siecle".  Sie  haben  sich 
gewiB  langst  mit  dem  Mann  beschaftigt  und  mir  ware  will- 
kommen  zu  wissen,  welche  Figur  er  vor  Ihnen  macht? 
Eine  Frage  zum  SchluB.  Im  Jahre  1932  habe  ich  begonnen 
ein  schmales  Buch  „ Berliner  Kindheit  um  neunzehnhun- 
dert"  zu  schreiben.  Vielleicht  sind  Ihnen  Teile  davon,  die 
vor  Hitler  in  der  Frankfurter  Zeitung  erschienen  sind,  zu 
Gesicht  gekommen.  Dieses  Buch  habe  ich  in  den  letzten 
Wochen  vermehrt  und  eingehend  iiberarbeitet.  Es  wird  seines 
Sujets  wegen  schwer  einen  Verleger  finden.  Findet  es  einen, 

755 


so  konnte  das  Buch  ein  namhafter  buchhandlerischer  Erfolg 
werden.  Es  hat  tausenden  von  vertriebenen  Deutschen  etwas 
zu  sagen.  Nur  daB  ein  Verleger  das  vielleicht  schwerer  er- 
kennt  als  ein  Durchschnittsleser. 

Haben  Sie  einen  Begriff  von  dem  Buch?  Wiirde  Ihnen,  im 
andern  Falle,  mit  der  Uberlassung  seiner  100  Manuscript  - 
seiten  auf  vierzehn  Tage  gedient  sein?  Sehen  Sie  in  Ihrem 
Wirkungsbereich  einen  Menschen,  den  Sie  an  der  Sache  An- 
teil  zu  nehmen  vermbgen  kbnnten? 

Mit  sehr  herzlichem  GruB 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Herders  Laienbibel,  1958. 

2  Or  do  verfolgte  jiidisch-territorialistische  aber  antizionistische  Ten- 
denzen.  Zu  ihren  Mitarbeitern  gehorten  u.  a.  Alfred  Doblin  (in  der 
Zeit  vor  seiner  Konversion)  und  Victor  Zuckerkandl. 


299     An  Gerhard  Scholem 

Paris,  12.  Juni  1938 

Lieber  Gerhard, 

auf  Deine  Bitte  schreibe  ich  Dir  ziemlich  ausfuhrlich,  was  ich 
von  Brods  „Kafka"  halte;  einige  eigene  Reflektionen  iiber 
Kafka  findest  Du  anschlieBend. 

Du  muBt  von  vornherein  wissen,  daB  dieser  Brief  ganz 
allein  diesem  uns  beiden  gleich  sehr  am  Herzen  liegenden 
Gegenstande  vorbehalten  sein  wird;  fur  Nachrichten  von  mir 
vertrbste  ich  Dich  auf  einen  der  nachsten  Tage. 

Das  Buch  von  Brod  ist  durch  den  fundamentalen  Wider- 
spruch  gekennzeichnet,  der  zwischen  der  These  des  Verf assers 
einerseits  seiner  Haltung  andererseits  obwaltet.  Dabei  ist  die 
letztere  danach  angetan,  die  erstere  einigermaBen  zu  diskredi- 
tieren;  zu  schweigen  von  den  Bedenken,  die  sich  gegen  diese 
sonst  erheben.  Die  These  ist,  daB  Kafka  sich  auf  dem  Wege 
zur  Heiligkeit  befunden  habe.  (S.  65)  Die  Haltung  des  Bio- 

756 


graphen  ihrerseits  ist  die  vollendeter  bonhommie.  Der  Mangel 
an  Distanz  ist  ihre  markanteste  Eigentiimlichkeit. 

Daj3  sich  diese  Haltung  zu  dieser  Ansicht  des  Gegenstands 
finden  konnte,  beraubt  das  Buch  von  vornherein  seiner  Auto- 
ritat.  Wie  sie  es  tat,  das  illustriert  z.  B.  die  Redewendung,  mit 
der  (S.  127)  „unser  Franz"  dem  Leser  auf  Photo  vor  Augen 
gefuhrt  wird.  Intimitat  mit  dem  Heiligen  hat  ihre  bestimmte 
religionsgeschichtliche  Signatur:  namlich  den  Pietismus. 
Brods  Haltung  als  Biograph  ist  die  pietistische  einer  ostenta- 
tiven  Intimitat;  mit  andern  Worten  die  pietatloseste,  die  sich 
denken  laBt. 

Dieser  Unreinlichkeit  in  der  Okonomie  des  Werks  kommen 
Gepflogenheiten  zugute,  die  der  Verfasser  sich  in  seiner  Be- 
rufstatigkeit  hat  erwerben  mbgen.  Jedenfalls  ist  es  kaum 
moglich,  die  Spuren  journalistischen  Schlendrians  bis  hinein 
in  die  Formulierung  seiner  These  zu  iibersehen:  „Die  Kate- 
gorie  der  Heiligkeit ...  ist  liberhaupt  die  einzig  richtige, 
unter  der  Kafkas  Leben  und  Schaffen  betrachtet  werden 
kann."  (S.  65)  Ist  es  notig,  anzumerken,  daB  Heiligkeit  eine 
dem  Leben  vorbehaltene  Ordnung  istJ,  der  das  Schaffen  unter 
gar  keinen  Umstanden  zugehbrt?  und  bedarf  es  des  Hin- 
weises  darauf,  daB  das  Pradikat  der  Heiligkeit  auBerhalb 
einer  traditionell  begriindeten  Religionsverfassung  einfach 
eine  belletristische  Floskel  ist? 

Es  fehlt  Brod  jedes  Gefiihl  fur  die  pragmatische  Strenge, 
die  von  einer  ersten  Lebensgeschichte  Kafkas  zu  fordern  ist. 
„Von  Luxushotels  wuBten  wir  nichts  und  waren  dennoch 
unbeschwert  lustig."  (S.  128)  Infolge  eines  auffallenden 
Mangels  an  Takt,  an  Sinn  fur  Schwellen  und  Distanzen 
flieBen,Feuilletonschablonen  in  einen  Text  ein,  der  durch 
seinen  Gegenstand  zu  einiger  Haltung  verpflichtet  ware.  Das 
ist  minder  der  Grund  als  ein  Zeugnis  dafiir,  wie  sehr  jede 
originare  Anschauung  von  Kafkas  Leben  Brod  versagt  ge- 
blieben  ist.  Besonders  anstoBig  wird  dieses  Unvermogen,  der 
Sache  selbst  gerecht  zu  werden,  wo  Brod  (S.  242)  auf  die  be- 
ruhmte  testamentarische  Verfiigung  zu  sprechen  kommt,  in 
der  Kafka  ihm  die  Vernichtung  seines  Nachlasses  auferlegt. 
Hier  wenn  irgendwo  ware  der  Ort  gewesen,  grundsatzliche 

757 


Aspekte  von  Kafkas  Existenz  aufzurollen.  (Er  war  offenbar 
nicht  gewillt,  vor  der  Nachwelt  die  Verantwortung  fur  ein 
Werk  zu  tragen  um  dessen  GroBe  er  doch  wuBte). 

Die  Frage  ist  seit  Kafkas  Tod  vielfach  erortert  worden;  es 
lag  nahe,  hier  einmal  innezuhalten.  Allerdings  hatte  sie  fiir 
den  Biographen  die  Einkehr  bei  sich  selbst  mit  sich  gefiihrt. 
Kafka  muBte  den  NachlaB  wohl  dem  vertrauen,  der  ihm  den 
letzten  Willen  nicht  wiirde  tun  wollen.  Und  weder  der 
Testator  noch  auch  seinBiograph  wiirden  bei  soldier  Betrach- 
tung  der  Dinge  zu  Schaden  kommen.  Aber  sie  verlangt  die 
Fahigkeit,  die  Spannungen  zu  ermessen,  von  denen  Kafkas 
Leben  durcbzogen  war. 

DaB  diese  Fahigkeit  Brod  abgeht,  erweisen  die  Stellen,  an 
denen  er  unternimmt,  Kafkas  Werk  oder  Schreibweise  zu 
erlautern.  Es  bleibt  da  bei  dilettantischen  Ansatzen.  Die 
Sonderbarkeit  in  Kafkas  Wesen  und  Schreiben  ist  gewiB 
nicht,  wie  Brod  meint,  eine  „scheinbare"  und  ebenso  wenig 
kommt  man  den  Darstellungen  Kafkas  mit  der  Erkenntnis 
bei,  daB  sie  „nichts  als  wahr"  sind.  (S.  68)  Derartige  Exkurse 
liber  Kafkas  Werk  sind  danach  angetan,  Brods  Auslegung 
seiner  Weltanschauung  von  vornherein  prqblematisch  zu 
machen.  Wenn  Brod  von  Kafka  aussagt,  daB  dieser  etwa  auf 
der  Linie  von  Buber  gestanden  habe  (S..541),  so  heifit  das, 
den  Schmetterling  in  dem  Netz  such  en  uber  das  er  im  Hin- 
und  Herflattern  seinen  Schatten  wirft.  Die  „gleichsam  reali- 
stisch-judische.Deutung"  des  „Schlosses"  unterschlagt  die  ab- 
stoBenden  und  die  grauenhaften  Ziige,  mit  denen  die  obere 
Welt  bei  Kafka  ausgestattet  ist,  zugunsten  einer  erbaulichen 
Auslegung,  die  gerade  dem  Zionisten  suspekt  sein  miiBte. 

Gelegentlich  denunziert  sich  diese  Bequemlichkeit,  die 
ihrem  Gegenstande  so  wenig  ansteht,  selbst  einem  Leser,  der 
es  nicht  genau  nimmt.  Es  ist  Brod  vorbehalten  geblieben,  die 
vielschichtige  Problematik  von  Symbol  und  Allegorie,  die 
ihm  fur  die  Auslegung  Kafkas  erheblich  scheint,  am  Beispiel 
des  „standhaften  Zinnsoldaten"  zu  illustrieren,  der  ein  voll- 
gxiltiges  Symbol  darum  vorstelle,  weil  er  nicht  nur  „viel .  .  . 
in  die  Unendlichkeit  Verlaufendes  ausdruckt",  sondern  „uns 
auch  mit  seinem  personlich  detaillierten  Schicksal  als  Zinn- 

758 


soldat"  nahekommt  (S.  237).  Man  mochte  wohl  wissen,  wie 
sich  das  Davidsschild  im  Lichte  einer  solchen  Symboltheorie 
ausnimmt. 

Ein  Gefiihl  f  iir  die  Schwache  seiner  eigenen  Kafka- Inter- 
pretation macht  Brod  gegen  die  Interpretationen  von  andern 
empfindlich.  DaB  er  das  nicht  so  torichte  Interesse  der  Surre- 
alisten  an  Kafka  wie  die  teilweise  bedeutenden  Auslegungen 
der  kleinenProsadurch  Werner  Kraft  mit  einer  Handbewegung 
beiseiteschiebt,  wirkt  nicht  angenehm.  Dariiber  hinaus  sieht 
man  ihn  bemuht,  auch  die  kiinf  tige  Kaf  ka-Literatur  zu  entwer- 
ten.  „So  konnte  man  erklaren  und  erklaren  (man  wird  es  auch 
noch  tun)  doch  notwendigerweise  ohne  Ende"  (S.  69).  Der  Ak- 
zent,  der  auf  der  Klammer  liegt,  f allt  ins  Ohr.  DaB  die  „vielen 
privaten  akzidentellen  Mangel  und  Leiden  Kafkas"  zum  Ver- 
standnis  seines  Werkes  mehr  beitragen  als  „theologische  Kon- 
struktionen"  (S.  213),hort  man  von  dem  jedenfalls  nicht  gern, 
der  Entschlossenheit  genug  besitzt,  seine  eigene  Darstellung 
Kafkas  unter  dem  Begriff  der  Heiligkeit  vorzunehmen.  Die 
gleiche  wegwerfende  Gebarde  gilt  allem,  was  Brod  bei  seinem 
Zusammensein  mit  Kafka  storend  vorkommt  —  der  Psycho- 
analyse ebenso  wie  der  dialektischen  Theologie.  Sie  erlaubt  es 
ihm.  Kafkas  Schreibweise  der  „erlogenen  Exaktheit"  Balzacs 
(S.  69)  zu  konfrontieren  (wobei  er  nichts  anderes  als  jene 
durchsichtigen  Radomontaden  im  Sinne  hat,  die  von  Balzacs 
Werk  und  seiner  GroBe  gar  nicht  zu  trennen  sind). 

Das  alles  stammt  nicht  aus  Kafkas  Sinn.  Brod  verfehlt 
allzu  oft  die  Fassung,  die  Gelassenheit,  die  diesem  eigen  war. 
Es  gibt  keinen  Menschen,  sagt  Joseph  de  Maistre,  den  man 
nicht  mit  einer  maB vollen  Meinung  f  iir  sich  gewinnen  konnte. 
Brods  Buch  wirkt  nicht  gewinnend.  Es  uberschreitet  das  MaB 
sowohl  in  der  Art,  in  welcher  er  Kafka  huldigt,  als  in  der 
Vertrautheit,  mit  der  dieser  von  ihm  behandelt  wird.  Beides 
hat  wohl  in  dem  Roman  sein  Vorspiel,  dem  seine  Freund- 
schaft  zu  Kafka  als  Vorwurf  diente.  Ihm  Zitate  entnommen 
zu  haben,  stellt  unter  den  MiB  griff  en  dieser  Lebensbeschrei- 
bung  keineswegs  den  geringsten  dar.  DaB  in  diesem  Roman 
Fernerstehende  eine  Verletzung  der  Pietat  gegen  den  Ver- 
storbenen   sehen  konnten,   wundert   den  Verfasser,   wie   er 


759 


gesteht.  „Wie  alles  miBverstanden  wird,  so  audi  dies . .  .Man 
entsann  sich  nicht,  daB  Platon  sich  auf  ahnliche,  allerdings 
weit  umfassendere  Art  seiri  ganzes  Leben  lang  seinen  Lehrer 
und  Freund  Sokrates  als  lebendig  weiterwirkend,  als  mit- 
lebenden,  mitdenkenden  Wegbegleiter  dem  Tode  abgetrotzt 
hatte,  indem  er  ihn  zum  Helden  fast  aller  Dialoge  machte, 
die  er  nach  des  Sokrates  Tode  schrieb."  (S.  82) 

Es  ist  wenig  Aussicht,  daB  Brods  „Kafka"  einmal  unter 
den  groBen  griindenden  Dichterbiographien,  in  der  Reihe  des 
Schwabschen  Hblderlin,  des  Bachtholdschen  Keller,  wird  ge- 
nannt  werden  konnen.  Desto  denkwiirdiger  ist  sie  als  Zeugnis 
einer  Freundschaft,  die  nicht  zu  den  kleinsten  Ratseln  in 
Kafkas  Leben  gehoren  diirfte. 

Du  ersiehst  aus  dem  Vorstehenden,  lieber  Gerhard,  warum 
Brods  Biographie  mir  ungeeignet  scheint,  mein  Bild  von 
Kafka  —  ware  es  auch  nur  auf  polemische  Weise  —  in  der 
Befassung  mit  ihr  durchblicken  zu  lassen.  Ob  es  den  folgen- 
den  Notizen  gelingt,  dieses  Bild  zu  skizzieren,  lasse  ich  natiir- 
lich  dahingestellt.  Auf  jedenFall  werden  sieDir  einen  neuen,  - 
von  meinen  friiheren  Reflektionen  mehr  oder  minder  unab- 
hangigen  Aspekt  darauf  nahelegen. 

Kafkas  Werk  ist  eine  Ellipse,  deren  weit  auseinander- 
liegende  Brennpunkte  von  der  mystischen  Erfahrung  (die  vor 
allem  die  Erfahrung  von  der  Tradition  ist)  einerseits,  von 
der  Erfahrung  des  modernen  GroBstadtmenschen  andererseits, 
bestimmt  sind.  Wenn  ich  von  der  Erfahrung  des  modernen 
GroBstadtmenschen  rede,  so  begreife  ich  in  sie  verschiedenes 
ein.  Ich  spreche  einerseits  vom  modernen  Staatsbiirger,  der 
sich  einer  uniibersehbaren  Beamtenapparatur  ausgeliefert 
weiB,  deren  Funktion  von  Instanzen  gesteuert  wird,  die  den 
ausfiihrenden  Organen  selber,  geschweige  dem  von  ihnen 
behandelten  ungenau  bleiben.  (Es  ist  bekannt  daB  eine  Be- 
deutungsschicht  der  Romane,  insbesondere  des  „Prozesses(t, 
hierin  beschlossen  liegt.)  Unter  dem  modernen  GroBstadt- 
menschen spreche  ich  andererseits  ebensowohl  den  Zeitgenos- 
sen  der  heutigen  Physiker  an.  Liest  man  die  folgende  Stelle 
aus  Eddingtons  „ Weltbild  der  Physik",  so  glaubt  man  Kafka 
zu  horen. 


760 


„Ich  stehe  auf  der  Tiirschwelle,  im  Begriffe,  mein  Zim- 
mer  zu  betreten.  Das  ist  ein  kompliziertes  Unternehmen. 
Erstens  muB  ich  gegen  die  Atmosphare  ankampf  en,  die  mit 
einer  Kraft  von  1  Kilogramm  auf  jedes  Quadratzentimeter 
meines  Korpers  driickt.  Ferner  muB  ich  auf  einem  Brett  zu 
landen  versuchen,  das  mit  einer  Geschwindigkeit  von 
30  Kilometer  in  der  Sekunde  urn  die  Sonne  fliegt;  nur  den 
Bruchteil  einer  Sekunde  Verspatung,  und  das  Brett  ist  be- 
reits  meilenweit  entfernt.  Und  dieses  Kunststiick  muB 
fertiggebracht  werden,  wahrend  ich  an  einem  kugelformi- 
gen  Planeten  hange,  mit  dem  Kopf  nach  auBen  in  den 
Raum  hinein,  und  ein  Atherwind  von  Gott  weiB  welcher 
Geschwindigkeit  durch  alle  Poren  meines  Korpers  blast. 
Auch  hat  das  Brett  keine  feste  Substanz.  Darauftreten 
heiBt  auf  einen  Fliegenschwarm  treten.  Werde  ich  nicht 
hindurchf alien?  Nein,  denn  wenn  ich  es  wage  und  darauf 
trete,  so  trifft  mich  eine  der  Fliegen  und  gibt  mir  einen 
StoB  nach  oben;  ich  falle  wieder  und  werde  von  einer  an- 
deren  Fliege  nach  oben  geworfen,  und  so  geht  es  fort.  Ich 
darf  also  hoffen,  das  Gesamtresultat  werde  sein,  daB  ich 
dauernd  ungefahr  auf  gleicher  Hohe  bleibe.  Sollte  ich  aber 
ungliicklicherweise  trotzdem  durch  den  FuBboden  hin- 
durchfallen  oder  so  heftig  emporgestoBen  werden,  daB  ich 
bis  zur  Decke  fliege,  so  wiirde  dieser  Unfall  keine  Ver- 
letzung  der  Naturgesetze  sondern  nur  ein  auBerordentlich 
unwahrscheinliches  Zusammentreffen  von  Zufallen  sein . . . 
Wahrlich,  es  ist  leichter,  daB  ein  Kamel  durch  ein  Na- 
delohr  gehe  denn  daB  ein  Physiker  eine  Tiirschwelle  iiber- 
schreite.  Handle  es  sich  um  ein  Scheurientor  oder  einen 
Kirchturm,  vielleicht  ware  es  weiser,  er  fande  sich  damit 
ab,  nur  ein  gewohnlicher  Mensch  zu  sein,  und  ginge  ein- 
fach  hindurch,  anstatt  zu  warten,  bis  alle  Schwierigkeiten 
sich  gelost  haben,  die  mit  einem  wissenschaftlich  einwand- 
freien  Eintritt  verbunden  sind." 

Ich  kenne  in  der  Literatur  keine  Stelle,  die  im  gleichen 
Grade  den  Kafkaschen  Gestus  aufweist.  Man  konnte  ohne 
Miihe  fast  jede  Stelle  dieser  physikalischen  Aporie  mit  Satzen 
aus  Kafkas  Prosastiicken  begleiten,  und  es  spricht  nicht  wenig 

761 


dafur,  daB  dabei  viele  von  den  „unverstandlichsten"  unter- 
kamen.  Sagt  man  also,  wie  ich  das  eben  getan  habe,  daB  die 
entsprechenden  Erfahrungen  Kafkas  in  einer  gewaltigen 
Spannung  zu  seinen  mystischen  standen,  so  sagt  man  nur 
eine  halbe  Wahrheit.  Es  ist  das  eigentlich  und  im  prazisen 
Sinne  Tolle  an  Kafka,  daB  diese  allerjungste  Erf ahrungs welt 
ihm  gerade  durch  die  mystische  Tradition  zugetragen  wurde. 
Das  ist  naturlich  nicht  ohne  verheerende  Vorgange  (auf  die 
ich  sogleich  komme)  innerhalb  dieser  Tradition  moglich  ge- 
wesen.  Das  Kurze  und  Lange  von  der  Sache  ist,  daB  off enbar 
an  nichts  Geringeres  als  an  die  Krafte  dieser  Tradition  appel- 
liert  werden  muBte,  sollte  ein  Einzelner  (der  Franz  Kafka 
hieB)  mit  der  Wirklichkeit  konfrontiert  werden,  die  sich  als 
die  unsrige  theoretisch  z.  B.  in  der  modernen  Physik,  prak- 
tisch  in  der  Kriegstechnik  projiziert.  Ich  will  sagen,  daB  diese 
Wirklichkeit  fur  den  Einzelnen  kaum  mehr  erfahrbar,  und 
daB  Kafkas  vielfach  so  heitere  und  von  Engeln  durchwirkte 
Welt  das  geriaue  Komplement  seiner  Epoche  ist,  die  sich  an- 
schickt,  die  Bewohner  dieses  Planeten  in  erheblichen  Massen 
abzuschaffen.  Die  Erfahrung,  die  der  des  Privatmanns  Kafka 
entspricht,  diirfte  von  groBen  Massen  wohl  erst  gelegentlich 
dieser  ihrer  Abschaffung  zu  erwerben  sein. 

Kafka  lebt  in  einer  komplement  ar  en  Welt.  (Darin  ist  er 
genau  mit  Klee  verwandt,  dessen  Werk  in  der  Malerei  ebenso 
wesenhaft  vereinzelt  dasteht  wie  das  von  Kafka  in  der  Lite- 
ratur).  Kafka  gewahrte  das  Komplement,  ohne  das  zu  gewah- 
ren,  was  ihn  umgab.  Sagt  man,  er  gewahrte  das  Kommende, 
ohne  das  zu  gewahren,  was  heute  ist,  so  gewahrt  er  es  doch 
wesentlich  als  der  Einzelne  von  ihm  betroffene.  Seinen  Ge- 
berden  des  Schreckens  kommt  der  herrliche  Spielraum  zu 
gute,  den  die  Katastrophe  nicht  kennen  wird.  Seiner  Erfah- 
rung lag  aber  die  Uberlieferung,  an  die  sich  Kafka  hingab, 
allein  zugrunde;  keinerlei  Weitblick,  auch  keine  „Sehergabe". 
Kafka  lauschte  der  Tradition,  und  wer  angestrengt  lauscht, 
der  sieht  nicht. 

Angestrengt  ist  dieses  Lauschen  vor  alleiri  darum,  weil  nur 
Undeutlichstes  zum  Lauscher  dringt.  Da  ist  keine  Lehre,  die 
man  lernen,  und  kein  Wissen,  das  man  bewahren  konnte. 

762 


Was  im  Fluge  erhascht  sein  will,  das  sind  Dinge,  die  fur  kein 
Ohr  bestimmt  sind.  Dies  beinhaltet  einenTatbestand,  welcher 
Kafkas  Werk  nach  der  negativen  Seite  streng  kennzeichnet. 
(Seine  negative  Charakteristik  wird  wohl  durchweg  chancen- 
reicher  sein  als  die  positive).  Kafkas  Werk  stellt  eine  Er- 
krankung  der  Tradition  dar.  Man  hat  die  Weisheit  gelegent- 
lich  als  die  epische  Seite  der  Wahrheit  definieren  wollen. 
Damit  ist  die  Weisheit  als  ein  Traditionsgut  gekennzeichnet; 
sie  ist  die  Wahrheit  in  ihrer  hagadischen  Konsistenz. 

Diese  Konsistenz  der  Wahrheit  ist  es,  die  verloren  gegan- 
gen  ist.  Kafka  war  weit  entfernt,  der  erste  zu  sein,  der  sich 
dieser  Tatsache  gegemiber  sah.  Viele  hatten  sich  mit  ihr  ein- 
gerichtet,  festhaltend  an  der  Wahrheit  oder  an  dem,  was  sie 
jeweils  dafiir  gehalten  haben;  schweren  oder  auch  leichteren 
Herzens  verzichtleistend  auf  ihre  Tradierbarkeit.  Das  eigent- 
lich  Geniale  an  Kafka  war,  daB  er  etwas  ganz  neues  auspro- 
biert  hat:  er  gab  die  Wahrheit  preis,  um  an  der  Tradierbar- 
keit, an  dem  hagadischen  Element  festzuhalten.  Kafkas 
Dichtungen  sind  von  Hause  aus  Gleichnisse.  Aber  das  ist  ihr 
Elend  und  ihre  Schonheit,  daB  sie  mehr  als  Gleichnisse 
werden  muBten.  Sie  legen  sich  der  Lehre  nicht  schlicht  zu 
FiiBen  wie  sich  die  Hagada  derHalacha  zu  FiiBen  legt.  Wenn 
sie  sich  gekuscht  haben,  heben  sie  unversehens  eine  gewich- 
tige  Pranke  gegen  sie. 

Darum  ist  bei  Kafka  von  Weisheit  nicht  mehr  die  Rede.  Es 
bleiben  nur  ihre  Zerfallsprodukte.  Deren  sind  zwei:  einmal 
das  Geriicht  von  den  wahren  Dingen  (eine  Art  von  theologi- 
scher  Fliisterzeitung,  in  der  es  um  Verrufenes  und  Obsoletes 
geht);  das  andere  Produkt  dieser  Diathese  ist  die  Torheit, 
welche  zwar  den  Gehalt,  der  der  Weisheit  zueigen  ist,  restlos 
vertan  hat,  aber  dafiir  das  Gefallige  und  Gelassene  wahrt,  das 
dem  Geriicht  allerwege  abgeht.  Die  Torheit  ist  das  Wesen 
der  Kafkaschen  Lieblinge;  von  Don  Quijote  iiber  die  Gehilfen 
bis  zu  den  Tieren.  (Tiersein  hieB  ihm  wohl  nur,  aus  einer  Art 
von  Scham  auf  die  Menschengestalt  und  -weisheit  verzichtet 
haben.  So  wie  ein  vornehmer  Herr,  der  in  eine  niedere  Kneipe 
gerat,  aus  Scham  darauf  verzichtet,  sein  Glas  auszuwischen.) 
Soviel  stand  ohne  Frage  fur  Kafka  fest:  erstens,  daB  einer, 

763 


um  zu  helfen,  ein  Tor  sein  mu8;  zweitens:  eines  Toren  Hilfe 
allein  ist  wirklich  eine.  Unsicher  ist  nur:  verfangt  sie  am 
Menschen  noch?  Sie  hilft  vielleicht  eher  den  Engeln  (vgl.  die 
Stelle  VII,  S.  209  iiber  die  Engel,  die  etwas  zu  tun  bekom- 
men)  fur  die  es  audi  anders  ginge.  So  ist  denn,  wie  Kafka 
sagt,  unendlich  viel  Hoffnung  vorhanden,  nur  nicht  fur  uns. 
Dieser  Satz  enthalt  wirklich  Kafkas  Hoffnung.  Er  ist  die 
Quelle  seiner  strahlenden  Heiterkeit. 

Ich  uberliefere  Dir  dieses  auf  gefahrliche  Weise  perspek- 
tivisch  verkiirzte  Bild  umso  ruhiger,  als  Du  es  durch  die 
Ansichten  verdeutlichen  magst,  die  von  andern  Aspekten  her 
meine  Kafkaarbeit  in  der  „Judischen  Rundschau"  entwickelt 
hat.  Was  mich  heute  gegen  diese  am  meisten  einnimmt,  ist 
der  apologetische  Grundzug,  welcher  ihr  innewohnte.  Um 
Kafkas  Figur  in  ihrer  Reinheit  und  in  ihrer  eigentiimlichen 
Schonheit  gerecht  zu  werden,  darf  man  das  Eine  nie  aus  dem 
Auge  lassen:  es  ist  die  von  einem  Gescheiterten.  Die  Um- 
stande  dieses  Scheiterns  sind  mannigf ache.  Man  mochte  sagen : 
war  er  des  endlichen  MiBlingens  erst  einmal  sicher,  so  gelang 
ihm  unterwegs  alles  wie  im  Traum.  Nichts  denkwiirdiger  als 
die  Inbrunst,  mit  der  Kafka  sein  Scheitern  unterstrichen  hat. 
Seine  Freundschaft  mit  Brod  ist  fur  mich  vor  allem  ein 
Fragezeichen,  das  er  an  den  Rand  seiner  Tage  hat  malen 
wollen. 

Damit  ware  fur  heute  der  Kreis  geschlossen,  und  ich  setze 
die  herzlichsten  Grufie  an  Dich  in  seinen  Mittelpunkt. 

Dein  Walter 


300     An  Gerhard  Scholem 

Svendborg?  8.  Juli  1938 

Lieber  Gerhard, 

mein  Weitblick  vom  Friihjahr  hat  leider  recht  behalten  und 
unsere  Herbstbegegnung  wird  zu  meiner  —  und  gewiB  auch 
Deiner  —  Betriibnis  nicht  statt  haben  konnen.  Die  Ursache 
davon,  gegen  die  nichts  ankommt,  ist  meine  Arbeit.  Mein 

764 


hiesiger  Aufenthalt  kommt  einer  Klausur  gleich;  und  ware 
er  nur  das,  die  lange  Reise  ware  gerechtfertigt.  Ich  brauche 
diese  Abgeschiedenheit;  ich  kann  es  in  der  Tat  nicht  wagen, 
eine  grbBere  Unterbrechung,  geschweige  einen  Milieuwech- 
sel  eintreten  zu  lassen,  bevor  die  Arbeit  im  groBen  und  gan- 
zen  abgeschlossen  vorliegt.  Hinzukommt,  daB  die  hiesigen 
Arbeitsbedingungen 'nicht  nur  durch  die  Abgeschiedenheit 
denen  in  Paris  uberlegen  sind.  Ich  habe  einen  groBen  Garten 
zu  ungestbrter  Verfugung  und  meinen  Schreibtisch  an  einem 
Fenster  mit  freiem  Blick  iiber  den  Sund.  Die  Schiffchen,  die 
ihn  passieren,  stellen  denn  auch,  von  der  taglichen  Schach- 
pause  mit  Brecht  abgesehen,  meine  einzige  Zerstreuung  dar. 

Konnte  ich  mit  dem  Verzicht  auf  unsere  Begegnung  wenig- 
stens  den  in  New  York  gewiinschten  Termin  fur  die  Beendi- 
gung  der  [Baudelaire-]  Arbeit  realisieren!  Ich  furchte  trotz 
allem  werde  ich  ihn  uberschreiten  miissen.  Hier  konntest  Du 
ein  gutes  Werk  tun,  wenn  Du  gelegentlich  Wiesengrund  in 
diesem  Sinne  unterrichtetest. 

Unter  den  Griinden,  die  mir  das  MiBlingen  unseres  Vor- 
habens  betriibend  machen,  steht  neben  meinem  Wunsch, 
Deine  Frau  kennen  zu  lernen  an  erster  Stelle  der,  mit  Dir 
iiber  den  Baudelaire  sprechen  zu  konnen.  Ich  hatte  mir  davon 
viel  versprochen.  Liegt  es  doch  so,  daB  der  Gegenstand  not- 
wendig  die  ganze  Masse  der  Gedanken  und  der  Studien  in 
Bewegung  setzt,  in  denen  ich  mich  seit  geraumen  Jahren 
ergangen  habe.  In  diesem  Sinne  kann  ich  sagen,  daB  im  Falle 
des  Gelingens  ein  sehr  genaues  Modell  der  Passagenarbeit 
erstellt  sein  wiirde.  Welche  Gewa.hr  es  fur  dieses  Gelingen 
gibt,  ist  eine  andere  Frage.  Noch  immer  ist  die  beste,  die  ich 
kenne,  Behutsamkeit,  und  so  verwende  ich  denn  eine  lange 
Kette  von  Reflexionen  an  die  Komposition  (die  in  der  der 
Wahlverwandtschaftenarbeit  ihr  Vorbild  haben  wird). 

DaB  Deine  Ausbeute1  so  reichlich  ausgefallen  ist,  freut 
mich  sehr.  LaB  mich  hoffen,  daB  Du  mir,  liegt  die  Jagdzeit 
einmal  hinter  Dir,  ausfuhrlich  iiber  die  vielen  Dinge  berich- 
ten  wirst,  die  nun  -  auf  wer  weiB  wie  lange  —  wieder  unserer 

765 


Korrespondenz  anheimgestellt  bleiben.  Vor  allem  habe  ich 
hierbei  meinen  Kaf  kabrief  undDeinebevorstehendelnstituts- 
visite  im  Sinne. 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen 

Dein  Walter 

1  Beim  Studium  kabbalistischer  Manuskripte  in  Amerika. 


3  01     An  Kitty  Marx-Steinschneider 

Skovsbostrand,  20.  Juli  1938 

Liebe  Freundin, 

Sie  haben,  wie  Sie  mir  sagen,  fiinf  Briefe  von  mir;  ich  weiB 
nicht,  wie  ich  es  in  ihnen  rait  der  Anrede  gehalten  habe.  Mit 
der  gegenwartigen  webe  ich  einen  Faden  Ihres  letzten  Briefes 
in  den  meinen  hinein  —  und  ein  besseres  Material  habe  ich 
nicht. 

Ich  habe  mir  lange  einen  Brief  von  Ihnen  gewiinscht  und 
als  er,  nach  freilich  noch  langerer  Zeit,  kam,  fand  sich,  da£ 
der  Wunsch  nur  in  leichten  Schlummer  gefallen  war,  aus 
dem  er,  bei  der  ersten  Beriihrung  erwachte.  Wenn  aber  ich 
meinerseits  Ihnen  nicht  schon  viel  fniher  geschrieben  hatte, 
so  wird  es  vielleicht  in  dem  Gefuhl  gewesen  sein,  wie  gezahlt 
unsere  ersten  personlichen  und  auch  brieflichen  Begegnungen 
waren  und  in  dem  Wunsche,  ihnen  nicht  den  Reichtum  dieses 
Mangels  zu  entziehen.  Nun  lassen  mich  die  Jahre  und  die 
vielen  Hindernisse,  die  Ihr  letzter  Brief  hinter  sich  gebracht 
hoffen,  daB  er  den  Anfang  einer  etwas  dichteren  Reihe  macht. 

Diese  Hindernisse  waren  nicht  alle  iiberwunden,  als  er 
mich  eines  Morgens  e'rreichte.  Denn  das  geschah  eben  in  der 
Zeit  als  ich  nach  Monaten  unsteter  Existenz  und  vielfaltiger 
Abhaltungen  mich  einer  groBeren  Arbeit  zugewendet  hatte. 
Durch  die  plotzliche  EinbuBe  meines  Logis  war  ich  im  ver- 
gangenen  Herbst  in  Schwierigkeiten  gekommen.  Eine  Weile 
war  ich  in  San  Remo,  bei  meiner  friiheren  Frau;  endlich 
Ende  Januar  gelang  es  mir,  eine  kleine  Wohnung  zubeziehen. 

766 


Da  ich  alle  dazu  erforderlichen  Dinge  in  Berlin  im  Stich 
hatte  lassen  miissen,  so  gab  das  Arbeit  auf  eine  Reihe  von 
Wochen.  Meine  laufenden  Arbeiten  waren  in  Riickstand  ge- 
kommen  und  das  fuhrte  zu  immer  mehr  oder  minder  ver- 
zettelter  Schreiberei,  die  mich  wieder  fiir  eine  ganze  Zeit  in 
At  em  hielt. 

Als  Ihr  Brief  kam,  war  es  gerade  einige  Tage  her,  dafi  ich 
zu  einem  fundierten  Plan  zuruckgekehrt  war,  einem  Essay 
liber  Baudelaire,  der  ein  Teil  der  Arbeit  iiber  das  vorige 
Jahrhundert  ist,  die  ich  seit  mehr  als  zehn  Jahren  im  Sinne 
fuhre.  Der  Aufsatz  den  ich  schreibe  und  der  seiner  Anlage 
nach  eher  ein  Buch  darstellt,  soil  davon  einen  Teil  unter  Dach 
und  Fach  bringen. 

Ich  habe  meine  Siebensachen  im  Juni  eingepackt  und  bin 
nun  seit  vier  Wochen  in  Danemark,  sitze  an  einem  geraumi- 
gen  schweren  Tisch  in  einer  Dachstube,  zur  linken  Hand  das 
Ufer  und  den  stillen  und  schmalen  Sund,  den  auf  der  Gegen- 
seite  der  Wald  begrenzt.  Es  ist  leidlich  still;  die  Motoren  der 
Kutter,  die  hier  vorbeifahren,  machen  ein  Gerausch,  das  man 
umso  lieber  hat,  als  es  einem  erlaubt,  einmal  aufzuschauen 
und  das  Schiffchen  in  Augenschein  zu  nehmen. 

Nebenan  liegt  das  Haus  von  Brecht;  da  gibt  es  zwei  Kin- 
der, die  ich  gerne  habe;  das  Radio;  das  Abendbrot;  die  freund- 
lichste  Aufnahme  und  nach  dem  Essen  ein  oder  zwei  aus- 
gedehnte  Schachpartien.  Die  Zeitungen  kommen  hierher  mit 
so  grofier  Verspatung,  daB  man  sich  etwas  eher  das  Herz 
nimmt,  sie  aufzuschlagen. 

Scholem  habe  ich  kurz  vor  meiner  Abreise  in  Paris  ge- 
sehen.  Die  fallige  philosophische  Auseinandersetzung  ist  in 
guter  Form  vor  sich  gegangen.  Irre  ich  mich  nicht,  so  hat  sie 
ihm  von  mir  ungefahr  das  Bild  eines  Mannes  gegeben,  der 
sich  in  einem  Krokodilsrachen,  den  er  mittels  eiserner  Ver- 
strebungen  gebffnet  erhalt,  hauslich  niedergelassen  hat. 

Wir  hatten  urspriinglich  vorgehabt,  uns  nach  seiner  Riick- 
kehr  aus  Amerika  in  Paris  noch  einmal  zu  treffen.  Aber  ich 
darf  meine  Arbeit  nicht  unterbrechen  und  werde  keinesfalls 
vor  Anfang  September1  nach  Paris  zuruckkehren.  Darum 
bitte  ich  Sie,  mir  hierher  zu  schreiben. 


767 


Ich  gabe  Vieles  darum,  wenn  Sie  einmal  in  dieses  Zimmer 
eintreten  konnten.  Darin  hause  ich  wie  in  einer  Zelle.  Es  ist 
nicht  das  Mobilar,  das  es  dazu  macht  sondern  die  Umstande, 
unter  denen  ich  es  bewohne.  Sie  notigen  mir  eine  Art  Klausur 
auf.  Bei  aller  Freundschaft  mit  Brecht  muB.ich  dafur  sorgen, 
meine  Arbeit  in  strenger  Abgeschiedenheit  durchzufuhren. 
Sie  enthalt  ganz  bestimmte  Momente,  die  fiir  ihn  nicht  zu 
assimilieren  sind.  Er  ist  lange  genug  mit  mir  befreundet,  urn 
das  zu  wissen  und  ist  einsichtig  genug  es  zu  respektieren.  So 
geht  das  denn  auch  sehr  gut  von  statten.  Aber  nicht  immer 
ist  es  ganz  leicht,  das  in  Gesprachen  zuriickzustellen  was 
einen  tagaus  tagein  beschaftigt.  So  gibt  es  Augenblicke,  in 
denen  ich  einen  Brief  wie  den  Ihren  noch  einmal  lese,  um 
entschlossen  zur  Arbeit  zuriickzukehren.  Und  ich  denke,  dies 
miiBte  mir  zu  einem  neuen  verhelfen  konnen. 

Hoffentlich  tragen  die  Verhaltnisse  im  Lande  nicht  allzu 
groBe  Unruhe  in  Ihr  Dasein;  schreiben  Sie  mir  auch  dariiber. 

Und  lassenSie  mich  mit  rechtherzlichenGruBen  schlieBen. 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Er  blieb  bis  Mitte  Oktober,  als  Scholem  schon  wieder  in  Jerusalem 
war. 


302     An  Gretel  Adorno 

Skovsbostrand  per  Svendborg,  20.  Juli  1958 

Liebe  Felizitas, 

hattet  Ihr  geglaubt,  daB  Eure  Geburtstagswiinsche  gerade  am 
15ten,  um  12  Uhr  mittags,  bei  mir  eintreten  wiirden?  So  taten 
sie  es,  mit  dem  Brieftrager.  Es  ist  schlimm,  daB  zugleich  mit 
meiner  Freude  so  das  BewuBtsein  meiner  neulichen  Ver- 
saumnis  auch  intensiver  wurde.  Fiir  die  kann  es  nur  eine 
Verzeihung,  keine  Entschuldigung  geben.  Nun  werde  ich  das 
Datum  desto  besser  im  Sinn  behalten,  und  da  ist  es  gut  auf- 
gehoben. 

768 


Ich  stelle  mir  vor,  daB  Ihr  euer  Eingedenken,  aus  nachst- 
liegendem  AnlaB,  am  I5ten  werdet  erneuert  haben.  (Bei, 
dieser  Vorstellung  ergibt  sich  mir  sehr  natiirlich  der  Wunsch 
zu  erfahren,  ob  Deine  Schwester1  geheiratet  hat  oder  ob  das 
bevorsteht.  Du  hattest  mir  davon  eingehender  geschrieben, 
ich  Dir  geantwortet.  Ich  glaube,  es  war  in  meinem  letzten 
Brief e,  auf  den  ich  noch  nichts  von  Euch  vernommen  habe.) 

Wie  es  hier  mit  mir  steht,  dariiber  hast  Du  yielleicht  von 
Egon  [Wissing]  gehbrt,  dem  ich  vor  vierzehn  Tagen  ge- 
schrieben habe.  Ich  bewohne  ein  leidlich  stilles  Zimmer  in 
der  nachstenNachbarschaft  vonBrechtsHaus.  Zum  Schreiben 
habe  ich  ein  en  groBen  stabilen  Tisch  —  wie  schon  seit  Jahren 
keinen  -  und  einen  Blick  auf  den  gemachlichen  Sund,  an 
dessen  Ufern  Segelboote  und  auch  kleinere  Dampfer  vorbei- 
ziehen.  So  lebe  ich  in  der  contemplation  opiniatre  de  Tceuvre 
de  demain,  wie  Baudelaire  sagt,  um  den  es  sich  in  dem  frag- 
lichen  ceuvre  handelt. 

Ich  habe  ihm  nun  einen  Monat  lang  taglich  seine  acht  bis 
neun  Stunden  zugewandt  und  habe  vor,  das  Manuscript  in 
der  Rohfassung  abzuschlieBen  ehe  ich  nach  Paris  zuriick- 
kehre.  Darum  habe  ich  die  geplante  Begegnung  mit  Scholem, 
so  leid  mir  das  tut,  aufgeben  miissen:  die  Unterbrechung 
ware  in  einen  allzuwichtigen  Arbeitsabschnitt  hinein  gef al- 
ien. Wahrscheinlich  habt  Ihr  das  inzwischen  von  ihm  gehbrt. 

Hieran  schlieBt  sich  ein  Neues  an,  was  ich  mit  Wider- 
streben  Dir  anvertraue  —  Dir  als  erster  und  minder  zu  treuen 
Handen  als  zu  verstandigen.  Ich  werde  den  15.  September  - 
Termin  bei  allem  Bemiihen  nicht  einhalten  kbnnen. 

In  einem  Brief  e,  den  ich  von  hier  an  Pollock  schrieb,  sprach 
ich  ihm  davon,  daB  eine  geringe  Terminuberschreitung  sich 
vielleicht  als  notwendig  erweisen  kbnnte.  Inzwischen  habe 
ich  mich  entschlieBen  miissen,  die  Schematisierung  der  Ar- 
beit, die  ich  mir  in  Paris  in  einer  Periode  chronischer  Mi- 
graneanfalle  gewaltsam  auferlegt  hatte,  neu  einzurichten. 

Wir  sind  uns  ja  darin  einig,  dafi  in  Arbeiten  wie  dem  Bau- 
delaire Entscheidendes  von  der  Konzeption  abhangt;  die  ist 
es,  an  der  nichts  forciert  werden  und  in  der  nirgends  f iinf  als 
gerade  passieren  darf.  Es  kommt  hinzu,  daB  einigeder  grund- 

769 


legenden  Kategorien  der  Passagen  hier  zum  ersten  Male  ent- 
wickelt  werden.  Unter  diesen  Kategorien  steht,  wie  ich  Euch 
wohl  in  San  Remo  bereits  erzahlte,  die  des  Neuen  und 
Immerwiedergleichen  an  erster  Stelle.  Weiter  treten  in  der 
Arbeit  -  und  das  gibt  Dir  vielleicht  am  besten  einen  Begriff 
von  ihr  —  Motive  erstmals  in  Beziehung  zueinander,  die  sich 
mir  bisher  nur  in  von  einander  mehr  oder  minder  isolierten 
Denkfeldern  prasentiert  hatten:  die  Allegorie,  der  Jugendstil 
und  die  Aura.  -  Je  dichter  der  begriffliche  Kontext  ausfallt, 
desto  mehr  Urbanitat  muB  natiirlich  der  sprachliche  an  den 
Tag  legen. 

Dazu  die  Schwierigkeiten,  die  nicht  in  der  Sache  sondern 
in  der  Zeit*  liegen.  Was  gabe  ich  darum,  Dich  —  und  ware  es 
fur  nur  eine  Woche  —  zu  sehen!  Da  Du  mich  oft  auf  ein  hal- 
bes  Wort  schon  verstehen  wiirdest,  wie  wiirdest  Du  mir,  eben 
dadurch,  erlauben,  dessen  anderer  Halfte  mich  zu  bemachti- 
gen.  Von  ahnlichem  kann  hier  nicht  die  Rede  sein.  Auf  der 
andern  Seite  empfinde  ich  die  Einsicht  sehr  wohltatig,  die 
Brecht  der  Notwendigkeit  meiner  Isolierung  entgegenbringt. 
Ohne  die  wiirden  die  Dinge  sich  weniger  angenehm  anlassen. 
Aber  eben  hat  sie  es  mir  ermoglicht,  mich  in  dem  Grade  auf 
meine  Arbeit  zuriickzuziehen,  daB  ich  selbst  seinen  neuen  Ro- 
man2, der  zur  Halfte  vollendet  ist,  noch  nicht  gelesen  habe. 
Natiirlich  ist  es  nicht  sowohl  .die  Zeit  die  mir  fehlt  als  die 
Moglichkeit,  in  das  einzutreten,  was  meiner  Arbeit  fern  liegt. 

Der  gleiche  herrische  Charakter,  der  ihre  Inkompatibilitat 
mit  jeder  andern  Beschaftigung  zur  Folge  hat,  macht  es  mir 
schwer,  sie  in  allzuenge  Termingrenzen  einzuschlieBen.  So 
selbstverstandlich  mir  ihre  Fertigstellung  vor  Ablauf  des 
Jahres  ist  —  ich  wiirde  den  15.  November  als  den  spatesten 
Termin  ansetzen  — ,  so  toricht  ware  es  von  mir,  nicht  jetzt 
schon  es  auszusprechen,  daB  ich  ohne  eine  Fristverlangerung 
von  mindestens  fiinf  Wochen  nicht  werde  zu  Rande  kommen 
konnen. 

Es  wird  mir  natiirlich  nichts  iibrig  bleiben  als  das  auch 
Max  mitzuteilen.  Weil  meine  Nachricht  ihn  aber  erst  erheb- 


*  will  sagen:  in  der  Epoche 
770 


lich  spater  erreichen  wiirde  als  Dich  die  vorliegende,  well  ich, 
weiterhin,  Pollock  erst  kiirzlich  in  der  Sache  geschrieben 
habe,  weil  ich  mich  -  und  das  ist  das  Entscheidende  -  in  die- 
ser  redaktionellen  Schwierigkeit  mit  Deinem  Verstandnis  und 
Deiner  Hilf  e  auch  der  von  Ted  die  versichern  mbchte  —  darum 
schreibe  ich  Dir,  und  das  so  ausfiihrlich. 

Damitbin  ich  noch  nicht  am  Ende.  Ich  will  vielmehr  gleich 
eine  Bitte  anschlieBen,  die  Dir  meinen  ganzen  Schreibtisch 
vor  Augen  zaubern  mag.  Ich  habe  herausbekommen,  dafi  der 
beriihmte  R  L  Stevenson  iiber  Gasbeleuchtung  geschrieben 
hat;  es  gibt  von  ihm  einen  essai  on  gaz-lamps.  Bisher  war  alle 
meineMuhe  umsonst,  ihn  aufzutreiben.  Es  eriibrigt  sichjedes 
Wort  iiber  die  Wichtigkeit,  die  dieser  essai  fiir  mich  haben 
konnte.  Magst  Du  versuchen,  ihn  fiir  mich  aufzutreiben? 

—  Zu  guterletzt:  ist  es  Dir  moglich,  mir  die  franzosischen 
Biicher,  die  Du  noch  von  mir  hast,  im  Laufe  der  nachsten 
Wochen  hierher  zu  senden,  so  wiirde  mir  das  die  Zollschwie- 
rigkeiten  ersparen,  die  die  franzosischen  Behordenbei  Bixcher- 
sendungen  zu  erheben  lieben.  Sie  werden  von  hier  mit  meiner 
iibrigen  Bibliothek  per  Fracht  nach  Paris  abgehen. 

Ist  es  wahr,  daB  Ernst  Bloch,  wie  mir  zu  Ohren  gekommen 
ist,  in  New- York  ist?  Berichte  mir,  falls  das  wahr  sein  sollte 

—  und  griiBe  ihn.  Nach  dem  letzten  Heft  der  Zeitschrift  zu 
schlieBen,  gibt  es  dort  auch  Joachim  Schumacher,  seinen 
Schiiler.  Seine  Beitrage  im  Besprechungsteil  scheinen  mir 
nicht  uneben;  (dagegen  ist  ein  Buch  „Die  Angst  vor  dem 
Chaos",  das  er  erscheinen  lieB,  kein  gutes  Zeugnis  fiir  die 
Lehre,  die  er  genossen  hat.) 

Mir  kommt  hier  etwas  mehr  linientreues  Schrifttum  vor 
Augen  als  in  Paris  und  so  geriet  ich  neulich  an  ein  Heft  der 
„Internationalen  Literatur"  3  in  dem  ich,  anlaBlich  eines  Teils 
meiner  Wahlverwandtschaftenarbeit  als  Gefolgsmann  von 
Heidegger  figuriere.  Die  Misere  in  diesem  Schrifttum  ist 
groB.  Ihr  werdet,  denke  ich,  Gelegenheit  haben  zu  verneh- 
men,  welch  en  Vers  Bloch  sich  darauf  macht.  Was  Brecht  be- 
trifft,  so  macht  er  sich  die  Griinde  der  russischen  Kulturpoli- 
tik  durch  Spekulationen  iiber  die  Erfordernisse  der  dortigen 
Nationalitatenpolitik  klar  so  gut  er  kann.  Aber  das  hindert 

771 


ihn  selbstverstandlich  nicht,  die  theoretische  Linie  als  kata- 
strophal  fiir  alles  das  zu  erkennen,  wofiir  wir  uns  seit  20  Jah- 
ren  einsetzen.  SeinUbersetzer  undFreund  war,  wieDu  weiBt, 
Tretjakoff .  Er  ist  hochstwahrscheinlich  nicht  mehr  am  Leben. 

Das  Wetter  ist  triibe  und  verlockt  wenig  zuSpaziergangen; 
desto  besser,  denn  es  gibt  keine.  Mein  Schreibtisch  ist  auch 
klimatisch  bevorzugt:  er  stent  unter  einem  abgeschragten 
Dach,  wo  die  Warme,  die  sparliche  Sonnenstrahlen  manchmal 
abgeben,  etwas  langer  vorhalt  als  anderswo.  Ein  oder  zwei 
Partien  Schach,  die  etwas  Abwechslung  in  das  Leben  bringen 
sollten,  nehmen  ihrerseits  die  Farbe  des  grauen  Sundes  und 
der  Gleichf  ormigkeit  an :  denn  ich  gewinne  sie  nur  sehr  selten. 

Lebe  recht  wohl,  meine  liebe  Felizitas;  bedenke,  daB  ich 
unter  der  Arbeit  zum  Briefschreiben  ganz  besonders  erraun- 
tert  werden  muB;  tue  dies,  indem  Du  mir  viel  berichtest 
—  Deine  Briefe  sind  immer  kurz  —  und  griiBe  den  Teddie  so- 
wie  die  andern  aufs  Herzlichste. 

Dein  Detlef 

Neulich  sah  ich  —  zum  ersten  Mai!  —  Katharina  Hepburn. 
Die  ist  grofiartig  und  hat  sehr  viel  von  Dir.  Hat  man  Dir  das 
noch  nie  gesagt? 

1  Liselotte  Karplus,  Egon  Wissings  zweite  Fran. 

2  Die  Geschafte  des  Herrn  Julius  Casar.  Postum,  Berlin  1957. 

3  1930-1945  in  Moskau  erschienene  deutschsprachige  Zeitschrift;  Jo- 
hannes R.  Becher  war  Hauptschriftleiter. 


3  03     An  Max  Horkheimer 

Kopenhagen,  28.  September  1938 

Lieber  Herr  Horkheimer, 

vor  allem  sage  ich  Ihnen  herzlichen  Dank  fiir  Ihre  Zeilen  vom 
6. September.  Oft  frage  ich  mich,  ob  und  unter  welch  en  Um- 
standen  wir  in  absehbarer  Zeit  einander  begegnen  werden. 
Der  Geist,  vor  der  Zukunft  scheu,  blickt  in  die  Feme. 

772 


Sie  erhalten  mit  gleicher  Post  den  zweiten  Teil  des  Buches 
iiber  Baudelaire *.  Er  umfaBt  drei  Abteilungen.  Von  der  ersten 
fehlen  am  Anfang  einige  Seiten;  ich  muBte  sie  der  Fertig- 
stellung  des  restlichen  Textes  zum  Opfer  bringen  und  ent- 
schloB  mich  dazu  nicht  allzu  schwer,  da  diese  erste  Abteilung 
fiir  die  Publikation  in  der  nachsten  Nummer  der  Zeitschrift 
wohl  minder  in  Frage  kommt  als  die  beiden  andern  Abteilun- 
gen. Ich  nehme  an,  dafi  von  diesen  jede  einzelne  fiir  die  Be- 
diirfnisse  des  nachsten  Heftes  ausgereicht  hatte.  Wenn  ich 
trotzdem  alles  daran  setzte,  um  sie  beide  und  dariiber  hinaus 
die  wesentlichen  Partien  der  ersten  Abteilung  fertig  zu  stel- 
len,  so  darum,  weil  mir  sehr  viel  daran  gelegen  war,  Ihnen 
durch  die  zusammenhangende  Lekture  des  zweiten  Teils  des 
Baudel  aire-  Buches  einenVorbegriff  von  dessenGesamterschei- 
nung  zu  geben. 

Vielleicht  darf  ich  bei  dieser  Gelegenheit  kurz  das  Zustan- 
dekommen  dieses  zweiten  Teils  resiimieren. 

In  meinem  Brief  vom  16.  April  glaubte  ich,  den  ganzen 
Baudelaire  auf  80  bis  120  Seiten  bewaltigen  zu  konnen.  Auch 
am  4.  Juli  war,  in  meinem  Brief  an  Herrn  Pollock,  noch  von 
dem  ganzen  Baudelaire  als  Beitrag  fiir  die  nachste  Nummer 
der  Zeitschrift  die  Rede.  In  dem  Brief,  den  ich  am  3,  August 
an  Sie  richtete,  sah  ich  zum  ersten  Mai  die  Notwendigkeit, 
den  zweiten  Teil  abzuzweigen.  Am  28.  August  erst  konnte, 
oder  muBte,  ich  dann  Herrn  Pollock  mitteilen,  daB  der  zweite 
Teil  fiir  sich  allein  iiber  den  Umfang  eines  Zeitschriftenauf- 
satzes  hinausgehen  werde. 

Wie  Sie  wissen,  war  der  Baudelaire  urspriinglich  als  ein 
Kapitel  der  „Passagen"  geplant  und  zwar  als  das  vorletzte. 
So  war  er  aber  vor  Abfassung  der  vorangehenden  fiir  mich 
weder  zu  schreiben,  noch  ware  er,  so  geschrieben,  ohne  die 
vorangehenden  verstandlich  gewesen.  Ich  habe  mich  dann 
selbst  lange  Zeit  mit  der  Vorstellung  hingehalten,  der  Baude- 
laire konne,  wenn  schon  nicht  als  ein  Kapitel  der  „Passagen", 
so  doch  als  ein  ausgedehnter  Essay  vom  Maximalumf ang  der 
in  der  Zeitschrift  publizierbaren,  geschrieben  werden.  Erst 
im  Laufe  des  Sommers  erkannte  ich,  daB  ein  Baudelaire- 
Essay  von  bescheidenerem  Umfang,  der  seine  Zustandigkeit 

773 


zum  „Passagen"-Entwurf  nicht  verleugnete,  nur  als  Teil 
eines  Baudelaire -Buches  zustande  kommen  konne.  Im  beifol- 
genden  erhalten  Sie  genau  gesprochen  drei  solcher  Essays 

-  namlich  die  drei  untereinander  relativ  unabhangigen  Be- 
standsstiicke  des  durcliaus  selbstandigen  zweiten  Teils  des 
Baudelaire-Buches. 

Dieses  Buch  soil  entscheidende  philosophische  Elemente 
des  „Passagen"-Projekts  in,  wie  ich  hoffe  endgiiltiger  Fixie- 
rung,  niederlegen.  Wenn  es  neben  dem  urspriinglichen  Ent- 
wurf  ein  Sujet  gab,  das  den  grundlegenden  Konzeptionen  der 
„Passagen"  optimale  Chancen  bot,  so  war  es  der  Baudelaire. 
Aus  diesem  Grunde  vollzog  sich  die  Orientierung  wesentlicher 
materialer  wie  konstruktiver  Elemente  der  „Passagen"  an  die- 
sem Sujet  von  selbst. 

Es  ist  allerdings  Gewicht  darauf  zu  legen,  daB  die  philoso- 
phischen  Grundlagen  des  gesamten  Buches  von  dem  vorlie- 
genden  zweiten  Teil  aus  nicht  zu  uberschauen  sind  und  nicht 
iiberschaubar  sein  sollten.  Die  Synthesis  im  dritten  Teil  -  er 
soil  heiBen:  die  Ware  als  poetischer  Gegenstand  —  ist  so  ange- 
legt,  daB  sie  weder  vom  ersten  noch  vom  zweiten  Teil  aus 
gesichtet  werden  kann.  Das  war  nicht  allein  die  Bedingung 
der  Selbstandigkeit  des  letzteren,  sondern  durch  den  Auf- 
bau  vorgezeichnet.  In  diesem  Aufbau  bringt  der  erste  Teil 

—  Baudelaire  als  Allegoriker  —  die  Fragestellung ;  der  dritte 
Teil  die  Auflosung.  Der  zweite  bringt  die  fur  diese  Auf- 
losung  erforderlichen  Daten  bei. 

Die  Funktion  dieses  zweiten  Teils  ist  allgemein  gesprochen 
die  der  Antithesis.  Er  kehrt  der  kunsttheoretischen  Frage- 
stellung des  ersten  Teils  entschlossen  den  Riicken  und  unter- 
nimmt  die  gesellschaftskritische  Interpretation  des  Dichters. 
Diese  ist  eine  Voraussetzung  der  marxistischen,  erfullt  aber 
fiir  sich  allein  deren  Begriff  nicht.  Das  zu  tun,  ist  dem  dritten 
Teil  vorbehalten,  in  dem  die  Form  in  den  materialen  Zusam- 
menhangen  ebenso  entscheidend  zu  ihrem  Recht  kommen  soil 
wie  sie  es  im  ersten  als  Problem  tat.  Der  zweite  Teil  ist  als 
Antithesis  derjenige,  in  dem  die  Kritik  in  einem  engeren 
Sinne,  namlich  die  Kritik  an  Baudelaire,  ihre  Stelle  hat.  Die 
Grenzen  seiner  Leistung  muBten  in  diesem  Teil  klargestellt 

774 


werden;  die  Interpretation  derselben  unternimmt  endgiiltig 
erst  der  dritte.  Er  wird  einen  selbstandigen  Motivkreis  haben. 
Das  Grundtliema  der  alten  „Passagen" -Arbeit:  das  Neue  und 
Immergleiche  kommt  erst  dort  zur  Geltung;  es  erscheint  im 
Begriff  e  der  Baudelaires  Schaffen  bis  auf  den  Grund  determi- 
nierenden  nouveaute. 

Die  Entwicklung,  die  das  Baudelaire-Kapitel  der  „Passa- 
gen"  durchzumachen  im  Begriff  ist,  wiirde  ich  in  fernerer 
Zeit  noch  zwei  andern  Kapiteln  der  „Passagen"  vorbehalten 
sehen:  dem  iiber  Grandville  tmd  dem  iiber  Haussmann. 

Ein  Resumee  schicke  ich,  sowie  ich  weiB,  welchen  Teil  Sie 
zur  Publikation  in  der  nachsten  Nummer  bestimmen.  Bis  da- 
hin  werden,  wenn  meine  Riickkehr  nach  Frankreich  moglich 
ist,  einzelne  Liicken  in  den  bibliographischen  Nachweisen 
ebenfalls  ausgefiillt  sein. 

Fiir  den  Fall,  daB  eine  Montage  aus  kleineren  Abschnitten 
Sie  redaktionell  interessieren  sollte,  habe  ich  das  Thema  fiir 
jeden  von  ihnen  am  Rand  bezeichnet.  Als  Titel  kame  in  sol- 
chem  Falle  in  Frage:  Sozialwissenschaftliche  Studien  zu  Bau- 
delaire. Dieser  Titel,  fiir  den  sonst  nicht  allzu  viel  sprechen 
diirfte,  hatte  den  Vorteil,  bei  einer  gelegentlichen  spateren 
Publikation  anderer  Fragmente,  sei  es  in  der  Zeitschrift  sei  es 
in  einem  Jahrbuch,  zur  Hand  zu  sein. 

Die  franzosischen  Zitate  habe  ich  iibersetzt;  der  Text  ware 
anders  bei  ihrer  Fiille  unlesbar  geworden.  Ich  wiirde  es  fiir 
sehr  wiinschenswert  halten,  in  dem  Teil,  welchen  Sie  publi- 
zieren,  die  Prosaiibersetzung  der  zitierten  Verse  in  Anmer- 
kungen  zu  bringen.  Wir  haben  wohl  vielfach  mit  deutschen 
Lesern  zu  rechnen,  die  nicht  franzosisch  konnen.  -  Diese 
Prosaversionen  wiirde  ich  Ihnen  gegebenenfalls  gleichzeitig 
mit  dem  Resumee  schicken. 

Unter  welchen  Umstanden  die  Arbeit  in  den  letzten  zwei 
Wochen  vor  sich  ging,  brauche  ich  Ihnen  nicht  zu  sagen.  Es 
war  ein  Wettrennen  mit  dem  Krieg.  Es  kam  die  Unruhe  um 
meinen  Sohn  in  Italien  hinzu;  dank  groBter  Anstrengungen 
war  es  meiner  Frau  moglich,  ihm  die  Einreise  nach  London 
zu  verschaffen  -  damit  hat  sich  aber  im  Augenblick  nur  die 
Ursache,  um  ihn  zu  bangen,  verandert. 

775 


Ich  habe  alles  daran  gesetzt,  die  Spur  dieser  Umstande  von 
der  Arbeit  bis  in  ihr  AuBeres  hinein  fernzuhalten  und  bin, 
urn  ein  einwandfreies  Manuskript  herstellen  zu  lassen,  seit 
zehn  Tagen  in  Kopenhagen.  Morgen  fahre  ich  zu  Brecht  zu- 
riick.  Er  bat  mich  vor  meiner  Abreise  darum,  Ihnen  GriiBe 
von  ihm  zu  sagen,  und  ich  tue  es  sehr  gern. 

tJber  meine  Dispositionen  weiB  ich  noch  nichts.  Meine  dani- 
sche  Auf enthaltsbewilligung  lauft,  wie  man  mich  versicherte : 
definitiv,  am  1.  November  ab.  Kommt  es  zumKrieg,  so  glaube 
ich  alles  daran  setzen  zu  mussen,  in  Skandinavien  zu  bleiben. 
Darum  ware  ich  Ihnen  sehr  dankbar  fur  die  Angabe  dani- 
scher,  auch  schwedischer  und  norwegischer  Freunde  —  wenn 
Sie  solche  kennen  —  an  die  ich  in  einem  derartigen  Falle  mich 
wenden  konnte.  1st  es  mir  moglich,  nach  Paris  zuriickzukeh- 
ren,  so  tue  ich  es,  sobald  es  angeht. 

Mit  den  herzlichsten  GriiBen,  mit  denen  ich  auch  die  Ihrer 
Frau  erwidere 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Diese  Fassung  der  Baudelairearbeit  ist  als  Manuskript  erhalten. 


3  04     An  Theodor  W.  Adorno 

Skovsbostrand  per  Svendborg,  4.  Oktober  1938 

Lieber  Teddie, 

heut  vor  acht  Tagen  hatte  ich  die  letzte  Hand  an  den  zweiten 
Teil  des  Baudelaire  gelegt;  zwei  Tage  spater  erfuhr  die  euro- 
paische  Situation  ihr  provisorisches  denouement.  Meine  An- 
spannung  in  den  letzten  Wochen  war  durch  die  Kollision  der 
geschicht lichen  Termine  mit  den  redaktionellen  eine  auBerste 
gewesen.  Daher  der  Verzug  dieser  Zeilen. 

Gestern  habe  ich  die  mehreren  Hundert  hier  befindlichen 

776 


Biicher  fur  den  Transport  nach  Paris  klar  gemacht.  Ich  habe 
nun  aber  mehr  und  mehr  das  Gefuhl,  daB  dieser  Bestim- 
mungsort  fiir  sie  wie  fiir  mich  zu  einer  Umladestation  wird 
werden  miissen.  Wie  lange  die  Luft  in  Europa  materialiter 
noch  zu  atmen  sein  wird,  weifi  ich  nicht;  spiritualiter  ist  es 
nach  den  Vorgangen  der  letzten  Wochen  schon  jetzt  der  Fall 
nicht  mehr.  Leicht  kommt  die  Feststellung  mich  nicht  an; 
aber  sie  lafit  sich  wohl  nicht  mehr  umgehen. 

Soviel  diirfte  sich  unwiderspriichlich  herausgestellt  haben: 
daB  RuBland  sich  die  Extremitat  Europa  hat  amputieren  las- 
sen.  Was  Hitlers  Zusage :  die  europaischen  Territorialansprii- 
che  seien  bereinigt  und  die  kolonialen  konnten  keinerlei 
Kriegsfall  bedingen,  angeht,  so  deute  ich  so  sie,  daB  die  kolo- 
nialen den  Kriegsfall  fiir  Mussolini  bedeuten  werden.  Ich  er- 
warte,  daB  das  von  einer  groBen  Zahl,  wenn  nicht  einer 
Mehrheit  von  Italienern  bewohnte  Tunis  den  nachsten  „Ver- 
handlungs"-Gegenstand  abgibt. 

Wie  sehr  ich  meiner  Frau  und  vor  allem  Stef  ans  wegen  in 
den  letzten  Wochen  beunruhigt  gewesen  bin,  konnt  Ihr  Euch 
leicht  denken.  Zur  Zeit  braucht  man,  wie  ich  seit  kurzem 
weiB,  Schlimmstes  nicht  zubefiirchten.  Stefan  ist  in  England; 
meine  Frau  wird  versuchen,  das  Unternehmen  ohne  allzu 
fiihlbaren  Verlust  zu  zedieren.  Vorlaufig  soil,  um  Zeit  zu  ge- 
winnen,  eine  nur  f  ormelle  Cession  vorgenommen  werden. 

Um  das  Manuscript  des  Baudelaire  herstellen  zu  lassen, 
bin  ich  zehn  Tage  in  Kopenhagen  gewesen.  Es  war  der  herr- 
lichste  Spatsommer,  der  sich  denken  laBt.  Ich  sah  aber  von 
der  Stadt  —  die  ich  besonders  liebe  -  diesmal  nicht  mehr  als 
was  auf  dem  Wege  von  meinem  Schreibtisch  zum  Radioappa- 
rat  im  „Gesellschaftszimmer"  lag.  Nun  beginnt  hier  der 
Herbst  mit  den  schwersten  Sturmen.  Ich  fahre  am  kommen- 
den  Sonnabend  iiber  eine  Woche,  wenn  nichts  unerwartetes 
eintritt,  zuriick.  Je  natlirlicher  und  je  spannungsloser  mein 
Umgang  mit  Brecht  im  vergangenen  Sommer  gewesen  ist, 
desto  weniger  unbekummert  lasse  ich  ihn  diesmal  zuriick. 
Denn  ich  bin  befugt,  in  dieser  Kommunikation,  die  diesmal 
weit  weniger  problematisch  war  als  ich  es  gewohnt  war,  einen 
Index  seiner  wachsenden  Isolierung  zu  sehen.  Ich  will  die 

777 


banalere  Deutung  der  Tatsache  -  daB  diese  Isolierung  ihm 
das  Vergniigen  an  gewissen  provokatorischen  Finten,  zu 
denen  er  im  Gesprach  neigte,  herabmindere  —  nicht  ganz  aus- 
schlieBen;  authentischer  ist  aber  die,  in  jener  wachsenden 
Isolierung  die  Folge  der  Treue  zu  dem  zu  erkennen,  was  uns 
gemeinsam  ist.  Unter  den  Lebensumstanden,  die  die  seinen 
geworden  sind,  wird  er  von  dieser  Vereinsamung  wahrend 
eines  Svendborger  Winters  gewissermaBen  Auge  in  Auge  her- 
ausgefordert. 

Von  seinem  neuen  „Casar"  habe  ich  noch  fast  nichts  gese- 
hen,  weil  mir,  wahrend  ich  selbst  an  der  Arbeit  war,  jede  Art 
von  Lektiire  unmoglich  war. 

Ich  nehme  an,  Sie  werden,  wenn  dieser  Brief  kommt,  den 
zweiten  Teil  des  Baudelaire  schon  gelesen  haben.  Es  war  ein 
Wettrennen  mit  dem  Krieg;  und  ich  empfand,  aller  wiirgen- 
den  Angst  zum  Trotz,  ein  Gefuhl  des  Triumphes  am  Tage  da 
ich  den  seit  fast  fiinfzehn  Jahren  geplanten  „flaneur"  vor 
dem  Weltuntergang  unter  Dach  und  Fach  (das  gebrechliche 
eines  Manuscripts!)  gebracht  hatte. 

Max  wird  Ihnen  gewifi  aus  meinem  eingehenden  Begleit- 
brief  die  Bemerkungen  iiber  das  Verhaltnis  des  Baudelaire 
zum  Plan  der  Passagen  mitgeteilt  haben.  Entscheidend  ist, 
wie  ich  es  ihm  formulierte,  daB  ein  Baudelaire -Essay,  der 
seine  Zustandigkeit  zum  Problembereich  der  Passagen  nicht 
verleugnete,  nur  als  Teil  eines  Baudelaire-Z?ucA£s  verfaBt 
werden  konnte.  Was  Sie  aus  unsern  Gesprachen  in  San  Remo 
iiber  das  Buch  wissen,  erlaubt  Ihnen  per  contrarium  sich  von 
der  Funktion  des  nun  vorliegenden  zweiten  Teiles  ein  ziem- 
lich  genaues  Bild  zu  machen.  Sie  werden  gesehen  haben,  daB 
die  entscheidenden  Motive  -  das  Neue  und  Immergleiche, 
die  Mode,  die  ewige  Wiederkehr,  die  Sterne,  der  Jugendstil  — 
zwar  angeschlagen  sind,  aber  von  ihnen  keines  abgehandelt 
wurde.  Die  augenfallige  Konvergenz  der.  Grundgedanken 
mit  dem  Passagenplan  zu  erweisen,  ist  Sache  des  dritten 
Teils. 

Von  Ihrer  eignen  Hand  habe  ich  noch  wenig  empfangen, 
seit  Sie  die  neue  Wohnung  bezogen  haben.  Ich  hoffe  auf  eine 
ausfuhrliche  Nachricht  von  Ihnen,  sobald  Sie  den  Baudelaire 


778 


gelesen  haben.  Bei  dieser  Gelegenheit  lassen  Sie  mich,  bitte, 
auch  wissen,  wie  Ihr  Radioprojekt1  vorschreitet  und  vor 
allem,  wie  es  eigentlich  beschaffen  ist.  Denn  das  weiB  ich 
noch  nicht. 

Ich  danke  Ihnen  sehr  fiir  das  Luftschifferbuch:  im  Augen- 
blick  ruht  es  mit  Ihrer  gesamten  Sendung  in  den  versand- 
fertigen  Kisten.  Ich  freue  mich  darauf,  es  in  Paris  zu  lesen. 
Danken  Sie  bitte  Felizitas  sehr  herzlich  fiir  diese  Sendung. 
Ich  schreibe  ihr,  spatestens  aus  Paris.  —  Den  Kierkegaard,  fiir 
den  ich  Ihnen  danke,  erhalten  Sie  mit  dem  Lowith2  durch 
Mme  Favez.  Den  letztern  hatte  ich  seinerzeit,  da  ich  ihn  zum 
dritten  Teil  des  Baudelaire  brauche,  angefordert.  Bitte  sen- 
den  Sie  ihn  mir  nach  Gebrauch  zuriick. 

Von  Elisabeth  Wiener,  nach  der  Felizitas  fragt,  habe  ich 
nichts  gehbrt.  Fiir  mich  fallt  noch  mehr  ins  Gewicht,  dafi  ich 
von  Scholem  seit  seiner  Abreise  aus  Amerika  keine  Zeile  habe. 
Er  scheint  gekrankt  zu  sein,  mich  in  Paris  nicht  angetroffen 
zu  haben.  Fiir  mich  muftte  aber  alles  hinter  der  Arbeit  zu- 
riickstehen,  die  ich  ohne  die  strikte  Klausur,  die  ich  mir  auf- 
erlegt  hatte,  niemals  hatte  durchfiihren  konnen.  Hat  er  Euch 
irgend  ein  Zeichen  gegeben? 

Ich  warte  mit  Spannung  auf  das,  was  Ihr  mir  iiber  Ernst 
Blochberichtenktinnt.  En  attendant  werfe  ichhin  und  wieder 
einen  Blick  auf  den  bei  Brechts  Sohn  Stefan  aufgespannten 
Stadtplan  New  Yorks  und  spaziere  die  lange  Strafie  am 
Hudson,  an  der  Euer  Haus  liegt,  auf  und  ab. 

Seid  auf  das  Herzlichste  gegriiBt  von  Eurem  Walter 

1  Adorno  leitete  den  musikalischen  Teil  des  Princeton  Radio  Research 
Project. 

2  Karl  Lowith:  Nietzsches  Philosophic  der  ewigen  Wiederkunft  des 
Gleichen.  Berlin  1955. 


779 


3  OS     An  Gretel  Adorno 

Paris,  1.  November  1938 

Meine  liebe  Felizitas, 

Du  siehst  den  bekannten  Briefbogen  wieder  auftauchen  —  und 
somit  ware,  nach  dem  neuigkeitsschwangeren  Herbst,  einiges 
zum  Alt  en  zuriickgekehrt.  Wenn  Du  nach  einem  Riickblick 
auf  meinen  Sommer  Begehren  tragst,  so  wird  er  sich  Dir,  wie 
ich  annehme,bald  iiber  derLesung  des  Baudelairemanuscripts 
erofTnen,  wenn  das  der  Fall  nicht  schon  gewesen  ist.  Es  stellt 
die  Quintessenz  der  vergangnen  Monate  dar.  Ich  erwarte  fur 
die  nachsten  Tage  den  Bericht  iiber  seine  Aufnahme  in  New- 
york,  und  bestimmt  hoffe  ich,  daB  Teddie  sich  an  ihm  betei- 
ligen  wird. 

Du  muBt  mir  nun  bald  schreiben,  wie  Newyork  sich  beim 
zweiten  Blick  anlafit,  zumal  da  dieser  zweite  Blick  auch  einige 
seiner  neugebackenen  Bewohner  umfassen  muB.  Da  bin  ich 
vor  allem  Deiner  Erzahlung  iiber  Ernst  Bloch  und  Euer  Ver- 
haltnis  zu  ihm  gewartig.  Nicht  minder  wunsche  ich  mir 
eine  Darstellung  Eures  Alltags  und  der  Art,  wie  Ihr  Euer 
Dasein  zu  zweit  sowie  in  dem  engern  Umkreise  Euch  ein- 
gerichtet  habt. 

Ich  glaube,  mein  letzter  svendborger  Brief  gab  zu  erken- 
nen,  daB  ich  —  bei  aller  Eingeschranktheit  meiner  danischen 
Existenz  —  der  Riickkehr  ohne  Enthusiasmus  entgegen  sah. 
Ich  war  eingreif  ender  Veranderungen  gewartig ;  sie  sind  heute 
selten  zum  Guten.  Nun  habe  ich  mien  unter  meinen  franzo- 
sischen  Bekannten  noch  nicht  genug  umtun  konnen,  um  zu 
ersehen,  in  welchem  Grade  meine  Befurchtungen  berechtigt 
waren.  Ich  sprach  nur  Adrienne  Monnier,  der  jene  niemals 
gegolten  hatten.  Dafiir  stieB  ich  auf  Veranderungen  dort, 
wo  ichs  mich  nicht  versehenhatte.  Meine  Schwester  ist  schwer, 
eigentlich  hoffnungslos  erkrankt.  Zu  dem  chronischen  Leiden, 
das  ihr  seit  Jahren  zu  schaffen  machte,  ist  eine  weit  vorge- 
schrittene  Arterienverkalkung  getreten.  Meine  Schwester  ist 
in  ihrer  physischen  Leistungsfahigkeit  auf  das  AuBerste  re- 
duziert  und  oft  ganze  Tage  bettlagerig,  Es  trifft  sich  unter 

780 


diesen  Umstanden  giinstig,  daB  ich  in  ihrer  unmittelbaren 
Nahe  wohne.  —  Mein  Bruder  ist  ins  Zuchthaus  von  Wilsnak 
transferiert  worden,  wo  er  mit  StraBenarbeiten  beschaftigt 
ist.  Die  Existenz  soil  dort  noch  ertraglich  sein.  Der  Alp,  der 
auf  den  Leuten  in  seiner  Situation  liegt,  ist,  wie  ich  ofter  aus 
Deutschland  hore,  nicht  so  sehr  der  kommende  Zuchthaustag 
als  das  nach  Jahren  der  Haft  drohende  Konzentrationslager. 
—  Was  meine  Frau  betrifft,  so  ist  sie,  unversehens,  kurz  vor 
meiner  Riickkehr  durch  Paris  gekommen  und  jetzt  in  London. 
Dort  scheint  sie  es  von  neuem  mit  einer  Pension  versuchen  zu 
wollen.  Ich  hoffe,  daB  ich  sie  gegen  Weihnachten  hier  sehen 
und  dann  gunstige  Auskunft  iiber  Stefans  englische  Chancen 
erhalten  werde. 

Um  noch  einmal  die  politische  Entwicklung  zu  streifen: 
das  im  Vordergrunde  der  Bermihungen  stehende  rapproche- 
ment zwischen  Deutschland  und  Frankreich  wird,  wie  ich 
furchte,  die  wenigen  einander  nahen  Franzosen  und  Dent> 
schen  von  einander  entferneri  miissen  —  unmittelbar  oder  mit- 
telbar.  Fiir  das  Ende  der  Woche  erwartet  man  ein  „statut  des 
etrangers".  Inzwischen  betreibe  ich  meine  Naturalisation 
umsichtig  aber  illusionslos.  Waren  vordem  die  Chancen  des 
Gelingens  zweifelhaft,  so  ist  nunmehr  auch  der  Nutzen  dieses 
letztern  problematisch  geworden.  Der  Verfall  der  Rechts- 
prdnung  in  Europa  laBt  jede  Art  von  Legalisierung  triiglich 
werden. 

Ich  habe  Grund,  mir  Gliick  zu  jedem  Blatt  Papier  zu  wiin- 
schen,  das  ich  im  Marz  1935  in  Deine  Hande  legte.  Bei  einem 
nachhaltigen  Versuch,  noch  einige  von  meinen  berliner 
Biichern,  vor  allem  aber  Schriften  herauszubekommen,  ergab 
sich  als  bisher  einziger,  aber  fast  vollig  gesicherter  Ertrag  die 
Tatsache,  daB  der  NachlaB  der  beiden  Heinle,  den  ich  voll- 
standiggesammelthatte  sowie  mein  unersetzliches  Archiv  zur 
Geschichte  der  linksburgerlichen  Jugendbewegung,  daB  end- 
lich  auch  meine  Jugendarbeiten  -  darunter  die  Holderlin- 
arbeit  von  1914 l  —  vernichtet  sind. 

Dafi  den  Seinigen  der  Herr,  der  den  Wachenden  soviel 
nehmen  kann,  es  im  Schlafe  gibt,  will  ich,  um  heiterer  zu 
schlieBen,  nachtragen.  [Franz]  Hessel,  der  fiinfeinhalb  Jahre 

781 


lang  wie  ein  Mauschen  im  Gebalk  in  Berlin  gesessen  hat,  ist 
kiirzlich  mit  groBen  Legitimationen  und  unter  machtiger 
Protektion  in  Paris  eingetroffen.  Ich  glaube,  seine  Geschichte 
wird  denkwiirdig  sein;  dieser  Tage  will  ich  sie  mir  von  ihm 
erzahlen  lassen. 

Habt  Ihr  Euch  der  Bilder  amerikanischer  Primitiver  erin- 
nert,  die  ich  Euch  ans  Herz  legte. 

Alles  Liebe  Dir  und  Teddie  Dein  Detlef 

1  Die  Arbeit  blieb  durch  ein  Exemplar  im  Besitz  von  Scholem  erhal- 
ten ;  sie  findet  sich  Schriften  II,  S.  375-400. 


306     Theodor  W .  Adorno  an  Walter  Benjamin 

[New  York],  10.  November  1938 

Lieber  Walter, 

die  Verspatung  dieses  Briefes  erhebt  drohende  Anklage  gegen 
mich  und  gegen  uns  alle.  Vielleicht  ist  dieser  Anklage  aber 
ein  Granchen  Verteidigung  schon  beigesellt.  Denn  es  versteht 
sich  fast  von  selbst,  daB  die  Verzogerung  der  Antwort  auf 
Ihren  Baudelaire  um  einen  vollen  Monat  nicht  auf  Lassigkeit 
zuriickgehen  kann. 

Die  Griinde  sind  ausschlieBlich  sachlicher  Art.  Sie  betref- 
fen  unser  aller  Stellung  zu  dem  Manuskript  und  bei  meinem 
Engagement  in  der  Frage  der  Passagenarbeit  darf  ich  wohl 
ohne  Unbescheidenheit  sagen  meine  im  besonderen.  Ich  habe 
dem  Eintreffen  des  Baudelaire  mit  der  auBersten  Spannung 
entgegengesehen  und  ihn  buchstablich  verschlungen.  Ich  bin 
voller  Bewunderung  dafiir,  daB  Sie  es  vermocht  haben,  die 
Arbeit  bis  zum  Termin  fertigzustellen.  Und  diese  Bewunde- 
rung ist  es,  die  es  mir  besonders  erschwert,  von  dem  zu  reden, 
was  sich  zwischen  meine  leidenschaftliche  Erwartung  und 
den  Text  gestellt  hat. 

Ihren  Gedanken,  im  Baudelaire  ein  Modell  zu  den  Passa- 

782 


gen  zu  stellen,  habe  ich  ungemein  schwer  genommen  und  bin 
dem  satanischen  Schauplatz  nicht  viel  anders  genaht  als  Faust 
den  Phantasmagorien  des  Brockens,  wenn  er  meint,  dafi  sich 
nun  so  manches  Ratsel  losen  wird.  1st  es  verzeihlich,  wenn 
ich  die  Replik  Mephistos,  doch  manches  Ratsel  kniipft  sich 
neu,  mir  selber  habe  geben  miissen?  Konnen  Sie  verstehen, 
daB  die  Lektiire  der  Abhandlung,  von  deren  Kapiteln  eines 
der  Flaneur  und  eines  gar  die  Moderne  heiBt,  eine  gewisse 
Enttauschung  in  mir  produzierte? 

Diese  Enttauschung  hat  ihren  Grund  wesentlich  darin, 
daB  die  Arbeit  in  den  mir  bekannten  Teilen  nicht  sowohl  ein 
Modell  zu  den  Passagen  darstellt,  als  ein  Praludium.  Es  wer- 
den  Motive  versammelt  aber  nicht  durchgefiihrt.  Sie  haben 
in  Ihrem  Begleitbrief  an  Max  dies  als  Ihre  ausdriickliche  Ab- 
sicht  dargestellt,  und  ich  verkenne  nicht  die  asketische  Diszi- 
plin,  die  Sie  walten  lieBen,  um  die  entscheidenden  theoreti- 
schen  Ant  wort  en  der  Fragen  allerorten  auszusparen  und  wohl 
gar  die  Fragen  selber  nur  fur  den  Eingeweihten  sichtbar  wer- 
den  zu  lassen.  Aber  ich  mbchte  fragen,  ob  solche  Askese  die- 
sem  Gegenstand  gegeniiber  und  in  einem  Zusammenhang 
von  so  gebietender  innerer  Pretention  sich  durchhalten  laBt. 
Als  ein  treuer  Kenner  Ihrer  Schriften  weiB  ich  sehr  wohl, 
daB  es  an  Prazedenzfallen  fur  Ihre  Verfahrungsweise  in 
Ihrem  ceuvre  nicht  fehlt.  Ich  erinnere  mich  etwa  an  die  Auf- 
satze  iiber  Proust  und  uber  den  Surrealismus  in  der  Literari- 
schen  Welt.  Kann  aber  diese  Verfahrungsweise  auf  den  Kom- 
pl ex  der  Passagen  iibertragen  werden?  Panorama  und  „Spur", 
Flaneur  und  Passagen,  Moderne  und  immer  Gleiches  ohne 
theoretische  Interpretation  — -ist  das  ein  „ Material",  das  ge- 
duldig  auf  Deutung  warten  kann,  ohne  daB  es  von  der  eige- 
nen  Aura  verzehrt  wiirde?  Verschwort  sich  nicht  vielmehr  der 
pragmatische  Gehalt  jener  Gegenstande,  wenn  er  isoliert 
wird,  in  einer  fast  damonischen  Weise  gegen  die  Moglichkeit 
seiner  Deutung?  Sie  haben  wahrend  der  unvergeBlichen  Ge- 
sprache  in  Konigstein  einmal  gesagt,  daB  jeder  der  Gedanken 
der  Passagen  eigentlich  einem  Bereich  entrissen  werden 
miiBte,  in  dem  der  Wahnsinn  regiert.  Es  nimmt  mich  wunder, 
ob  solchen  Gedanken  die  Vermaurung  hinter  undurchdring- 

783 


lichen  Stoffschichten  so  forderlich  ist,  wie  Ihre  asketische 
Disziplin  es  ihnen  zumutet.  In  Ihrem  gegenwartigen  Text 
werden  die  Passagen  eingef iihrt  mit  dem  Hinweis  auf  die 
Schmalheit  der  Trottoirs,  die  dem  Flaneur  auf  den  StraBen 
hinderlich  sei.  Diese  pragmatische  Einfiihrung  scheint  mir 
die  Objektivitat  der  Phantasmagorie,  bei  der  ich  schon  zur 
Zeit  der  Hornberger  Korrespondenz  so  dickkopfig  beharrte, 
ebenso  zu  prajudizieren  wie  etwa  die  Ansatze  des  ersten 
Kapitels,  die  Phantasmagorie  auf  Verhaltensweisen  der  lite- 
rarischen  Boheme  zu  reduzieren.  Fiirchten  Sie  nicht,  ich 
mochte  etwa  dem  das  Wort  reden,  daB  in  Ihrer  Arbeit  die 
Phantasmagorie  unvermittelt  iiberlebe  oder  daB  die  Arbeit 
gar  selber  phantasmagorischen  Charakter  annehme.  Aber  die 
Liquidation  kann  in  ihrer  wahren  Tiefe  nur  dann  gelingen, 
wenn  die  Phantasmagorie  als  objektiv  geschichtsphilosophi- 
sche  Kategorie  und  nicht  als  „Ansicht"  von  Sozialcharakteren 
geleistet  wird.  Genau  an  dieser  Stelle  scheidet  sich  Ihre 
Konzeption  von  allem,  was  sonst  wohl  an  das  neunzehnte 
Jahrhundert  sich  herantraut.  Die  Einlosung  Ihres  Postulats 
laBt  sich  aber  nicht  ad  Kalendas  Graecas  vertagen  und  durch 
eine  harmlosere  Darstellung  der  Sachverhalte  „vorbereiten". 
Das  ist  mein  Einwand.  Wenn  im  dritten  Teil,  um  die  alte 
Formulierung  aufzunehmen,  anstelle  der  Urgeschichte  des 
neunzehnten  Jahrhunderts  die  Urgeschichte  im  neunzehnten 
Jahrhundert  tritt,  —  am  deutlichsten  im  Peguyzitat  iiber 
Viktor  Hugo  —  so  ist  das  nur  ein  anderer  Ausdruck  fur  den 
gleichen  Sachverhalt. 

Der  Einwand  scheint  mir  nun  aber  keineswegs  bloB  die 
Fragwiirdigkeit  des  „Aussparens"  an  einem  Gegenstand  zu 
betreffen,  der  gerade  durch  die  Askese  gegen  die  Deutung 
mir  in  ein  Bereich  zu  geraten  scheint,  gegen  das  die  Askese 
sich  richtet:  wo  Historie  und  Magie  oszillieren.  Vielmehr 
sehe  ich  die  Momente,  in  denen  der  Text  hinter  sein  eigenes 
Apriori  zuriickfallt,  in  enger  Beziehung  mit  seinem  Verhalt- 
nis  zum  dialektischen  Materialismus  -  und  gerade  an  dieser 
Stelle  spreche  ich  nicht  nur  fur  mich  sondern  ebenso  fiir 
Max,  mit  dem  ich  diese  Frage  aufs  eingehendste  durchge- 
sprochen  habe.  Lassen  Sie  mich  hier  so  simpel  und  hegelisch 

784 


mich  ausdriicken  wie  nur  moglich.  Tausche  ich  mich  nicht 
sehr,  so  gebricht  es  dieser  Dialektik  an  einem:  der  Vermitt> 
lung.  Es  herrscht  durchwegs  eine  Tendenz,  die  pragmatischen 
Inhalte  Baudelaires  unmittelbar  auf  benachbarte  Ziige  der 
Sozialgeschichte  seiner  Zeit  und  zwar  moglichst  solche  oko- 
nomischer  Art  zu  beziehen.  Ich  denke  etwa  an  die  Stelle  iiber 
die  Weinsteuer,  gewisse  Ausfiihrungen  iiber  die  Barrikaden 
oder  die  schon  angezogene  Stelle  iiber  die  Passagen,  die  mir 
besonders  problematisch  erscheint,  weil  gerade  hier  der  Uber- 
gang  von  einer  prinzipiellen  tlieoretischen  Erwagung  iiber 
Physiologien  zu  der  „konkreten"  Darstellung  des  Flaneurs 
besonders  briichig  bleibt. 

Das  Gefiihl  solcher  Kiinstlichkeit  pragt  sicb  mir  allemal 
dort  auf,  wo  die  Arbeit  anstelle  der  verpflichtenden  Aussage 
die  metaphorische  setzt.  Hierher  gehort  vor  allem  der  Passus 
iiber  die  Verwandlung  der  Stadt  ins  Interieur  fiir  den  Fla- 
neur, wo  mir  eine  der  machtigsten  Konzeptionen  Ihres  Werks 
als  ein  bloBes  Als  ob  prasentiert  diinkt.  In  engsten  Zusam- 
menhang  mit  solchen  materialistischen  Exkursen,  bei  denen 
man  nie  ganz  die  Befiirchtung  los  wird,  die  man  um  einen 
Schwimmer  hegt,  der  mit  machtiger  Gansehaut  ins  kalte 
Wasser  sich  stiirzt,  gehort  der  Appell  an  konkrete  Verhaltens- 
weisen  wie  hier  die  des  Flaneurs  oder  spater  die  Stelle  iiber 
das  Verhaltnis  von  Sehen  und  Horen  in  der  Stadt,  die  nicht 
ganz  zufallig  ein  Zitat  von  Simmel  heranzieht.  Bei  all  dem 
ist  mir  nicht  recht  geheuer.  Fiirchten  Sie  nicht,  daB  ich  die 
naheliegende  Gelegenheit  beniitze,  mein  Steckenpferd  zu  be- 
steigen.  Ich  begniige  mich  damit,  ihm  en  passant  ein  Stuck 
Zucker  zu  verabfolgen  und  versuche  im  iibrigen  fur  meine 
Abneigung  gegen  jene  besondere  Art  des  Konkreten  und  des- 
sen  behaviouristische  Ziige  Ihnen  den  theoretischen  Grund 
anzugeben.  Der  ist  aberkein  anderer,  als  daB  ich  es  fiir  metho- 
disch  ungliicklich  halte,  einzelne  sinnfallige  Ziige  aus  dem 
Bereich  des  Uberbaus  „materialistisch"  zu  wenden,  indem 
man  sie  zu  entsprechenden  Ziigen  des  Unterbaus  unvermittelt 
urid  wohl  gar  kausal  in  Beziehung  setzt.  Die  materialistische 
Determination  kultureller  Charaktere  ist  moglich  nur  vermit- 
telt  durch  den  Gesamtprozefi '. 

785 


Mogen  immer  Baudelaires  Weingedichte  motiviert  sein 
durch  Weinsteuer  und  Barrieres,  die  Wiederkehr  jener  Motive 
im  ceuvre  Baudelaires  ist  nicht  anders  zu  bestimmen  als  durch 
die  gesellschaftliche  und  okonomische  Gesamttendenz  des 
Zeitalters,  d.  h.  im  Sinn  der  Fragestellung  Ihrer  Arbeit  sensu 
strictissimo  durch  die  Analyse  der  Warenform  in  Baudelaires 
Epoche.  Niemand  kennt  die  damit  verbundenen  Schwierig- 
keiten  besser  als  ich :  das  Phantasmagoriekapitel  des  Wagner 
hat  sich  fraglos  ihnen  noch  nicht  gewachsen  gezeigt.  Die 
Passagen  in  ihrer  definitiven  Gestalt  werden  sich  jener  Ver- 
pflichtung  nicht  entziehen  konnen.  Der  unmittelbare  Riick- 
schluB  von  der  Weinsteuer  auf  L'Ame  du  Vin  schiebt  den 
Phanomenen  eben  jene  Art  von  Spontaneitat,  Handgreiflich- 
keit  und  Dichte  zu,  deren  sie  im  Kapitalismus  sich  begeben 
haben.  In  dieser  Art  des  unmittelbaren,  fast  mochte  ich  wie- 
derum  sagen,  des  anthropologischen  Materialismus,  steckt  ein 
tief  romantisches  Element,  und  ich  spiire  es  um  so  deutlicher, 
je  krasser  und  rauher  die  Baudelairesche  Formwelt  mit  der 
Notdurft  des  Lebens  von  Ihnen  konfrontiert  wird.  Die  „Ver- 
mittlung",  die  ich  vermisse,  und  verdeckt  finde  durch  mate- 
rialistisch-historiographischeBeschworung,istnunabernichts 
anderes  als  eben  die  Theorie,  die  Ihre  Arbeit  ausspart.  Das 
Aussparen  der  Theorie  affiziert  die  Empiric  Es  verleiht  ihr 
einen  triigend  epischen  Charakter  auf  der  einen  Seite  und 
bringt  auf  der  andern  Seite  die  Phanomene,  als  eben  bloB 
subjektiv  erfahrene  um  ihr  eigentliches  geschichtsphilosophi- 
sches  Gewicht.  Man  kann  es  auch  so  ausdriicken:  das  theolo- 
gische  Motiv,  die  Dinge  beim  Namen  zu  nennen,  schlagt 
tendenziell  um  in  die  staunende  Darstellung  der  blofien  Fak- 
tizitat.  Wollte  man  sehr  drastisch  reden,  so  konnte  man  sagen, 
die  Arbeit  sei  am  Kreuzweg  von  Magie  und  Positivismus 
angesiedelt.  Diese  Stelle  ist  verhext.  Nur  die  Theorie  ver- 
mochte  den  Bann  zu  brechen:  Ihre  eigene,  die  rlicksichtslose, 
gut  spekulative  Theorie.  Es  ist  deren  Anliegen  allein,  das 
ich  gegen  Sie  anmelde. 

Verzeihen  Sie,  wenn  ich  dabei  auf  einen  Gegenstand 
komme,  der  mir  nach  den  Erfahrungen  des  Wagner  ganz  be- 
sonders  angelegen  sein  muB.  Es  handelt  sich  um  den  Lum- 

786 


pensammler.  Dessen  Bestimmung  als  der  unteren  Grenzfigur 
der  Armut  scheint  mir  schlechterdings  nicht  einzulosen,  was 
das  Wort  Lumpensammler  verspricht,  wenn  es  in  einem 
Ihrer  Texte  auftritt.  Nicht s  ist  darin  vom  Hiindischen,  nichts 
vora  iibergeworfenen  Sack,  nichts  von  der  Stimme,  wie  sie 
noch  etwa  in  Charpentiers  Louise  gewissermaBen  die  schwarze 
Lichtquelle  einer  ganzen  Oper  abgibt;  nichts  vom  Kometen- 
schweif  der  johlenden  Kinder  hinter  dem  Alten.  Wenn  ich 
mich  einmal  in  die  Region  der  Passagen  wagen  darf:  am 
Lumpensammler  hatte  der  Einstand  von  Kloake  und  Kata- 
kombe  theoretisch  entziffert  werden  miissen.  Ist  meine 
Annahme  jedoch  iibertrieben,  daB  dieser  Mangel  damit  zu- 
sammenhangt,  daB  die  kapitalistische  Funktion  des  Lumpen - 
sammlers,  namlich  noch  denBettel  dem  Tauschwert  zu  unter- 
werfen,  nicht  artikuliert  wird.  An  dieser  Stelle  nimmt  die 
Askese  der  Arbeit  Ziige  an,  die  Savonarolas  wiirdig  waren. 
Denn  die  Reprise  des  Lumpensammlers  im  Baudelairezitat 
des  dritten  Teils  kommt  diesem  Zusammenhang  zum  Greifen 
nah.  Was  muB  es  Sie  gekostet  haben,  ihn  nicht  zu  greifen! 

Damit  meine  ich  an  das  Zentrum  zu  riihren.  Die  Wirkung, 
die  von  der  ganzen  Arbeit  ausgeht,  und  die  sie  keineswegs 
bloB  auf  mich  und  meine  Passagenorthodoxie  gemacht  hat, 
ist  die,  daB  Sie  sich  darin  Gewalt ,  angetan  haben,  [. . .]  um 
dem  Marxismus  Tribute  zu  zollen,  die  weder  diesem  noch 
Ihnen  recht  anschlagen.  Dem  Marxismus  nicht,  da  die  Ver- 
mittlung  durch  den  gesellschaftlichen  GesamtprozeB  ausfallt 
und  der  materiellen  Enumeration  aberglaubisch  fast  eine 
Macht  der  Erhellung  zugeschrieben  wird,  die  niemals  dem 
pragmatischen  Hinweis  sondern  allein  der  theoretischen 
Konstruktion  vorbehalten  ist.  Ihrer  eigentumlichsten  Sub- 
stanz  nicht,  indem  Sie  sich  Ihre  kiihnsten  und  fruchtbarsten 
Gedanken  unter  einer  Art  Vorzensur  nach  materialistischen 
Kategorien  (die  keineswegs  mit  den  marxistischen  koinzidie- 
ren)  verboten  haben,  ware  es  auch  bloB  in  der  Form  jener 
Vertagung.  [. . .]  Es  gibt  in  Gottes  Namen  nur  die  eine 
Wahrheit,  und  wenn  Ihre  Denkkraft  sich  dieser  einen  Wahr- 
heit  in  Kategorien  bemachtigt,  die  Ihnen  nach  Ihrer  Vorstel- 
lung  vom  Materialismus  apokryph  diinken  mogen,  so  werden 

787 


Sie  von  dieser  einen  Wahrheit  mehr  heimbringen,  als  wenn 
Sie  sich  einer  Denkarmatur  bedienen,  gegen  deren  Griffe 
Ihre  Hand  ohne  UnterlaB  sich  straubt.  Schliefilich  steht  auch 
in  Nietzsches  Genealogie  der  Moral  mehr  von  der  einen 
Wahrheit  als  in  Bucharins  ABC.  Ich  glaube,  daB  diese  These, 
von  mir  ausgesprochen,  iiber  dem  Verdacht  der  Laxheit  und 
des  Eklektizismus  ist.  [. . .]  Gretel  hat  einmal  im  Scherz  ge- 
sagt,  daB  Sie  die  Hohlentiefe  Ihrer  Passagen  bewohnten,  und 
darum  vorm  AbschluB  der  Arbeit  zuriickschreckten,  weil  Sie 
furchteten,  den  Bau  dann  verlassen  zu  miissen.  Lassen  Sie 
uns  Sie  dazu  ermuntern,  uns  doch  Zugang  zum  Allerheilig- 
sten  zu  verschaffen.  Ich  glaube,  Sie  brauchen  weder  um  die 
Stabilitat  des  Gehauses  besorgt  zu  sein,  noch  dessen  Profa- 
nierung  zu  furchten. 

Was  nun  das  Schicksal  der  Arbeit  anlangt,  so  hat  sich  eine 
recht  sonderbare  Situation  ergeben,  bei  der  ich  mich  etwa  zu 
verhalten  hatte,  wie  der  Sanger  des  Liedes:  es  geht  bei  ge- 
dampfter  Trommel  Klang.  Eine  Publikation  im  gegen  warti- 
gen  Heft  der  Zeitschrift  schied  aus,  weil  die  wochenlangen 
Diskussionen  iiber  Ihre  Arbeit  den  Drucktermin  ins  Un- 
ertragliche  hinausgezogert  hatten.  Es  bestand  nun  der  Plan, 
das  zweite  Kapitel  in  extenso  und  das  dritte  zum  Teil 
abzudrucken,  besonders  Leo  Lowenthal  hat  das  nachdriicklich 
vertreten.  Ich  selber  bin  unzweideutig  dagegen.  Und  freilich 
nun  nicht  aus  redaktionellen  Riicksichten,  sondern  Ihrer  selbst 
und  des  Baudelaire  willen.  Die  Arbeit  reprasentiert  Sie  nicht 
so,  wie  gerade  diese  Arbeit  Sie  reprasentieren  muB.  Da  ich 
aber  der  festen  und  vollig  unbeirrten  t)berzeugung  bin,  daB 
es  Ihnen  moglich  sein  wird,  ein  Baudelairemanuskript  von 
volliger  Durchschlagskraf t  herzustellen,  so  mochte  ich  Sie  aufs 
instandigste  bitten,  auf  die  Publikation  der  gegenwartigen 
Fassung  zu  verzichten  und  jene  andere  zu  schreiben.  Ob  diese 
eine  neue  Formstruktur  haben  muBte  oder  sich  wesentlich 
mit  dem  ausstehenden  SchluBteil  Ihres  Baudelaire&ucte 
decken  konnte,  ist  meiner  MutmaBung  entzogen.  Dariiber 
konnen  allein  Sie  selber  entscheiden.  Ausdrucklich  mochte 
ich  sagen,  daB  es  sich  hier  um  eine  Bitte  von  mir  handelt  und 
nicht  um  einen  RedaktionsbeschluB  oder  eine  Ablehnung. 

788 


Lassen  Sie  mich  schlieBen  mit  einigen  Epilegomena  zum 
Baudelaire.  Zunachst  eine  Strophe  aus  dem  zweitenMazeppa- 
gedicht  von  Hugo  (der  Mann,  der  all  das  erblicken  soil,  ist 
Mazeppa,  auf  den  Riicken  des  Pf erdes  gebunden) : 

Les  six  lunes  d'Herschel,  l'anneau  du  vieux  Saturne, 
Le  pole,  arrondissant  une  aurore  nocturne 

Sur  son  front  boreal, 
II  voit  tout;  et  pour  lui  ton  vol,  que  rien  ne  lasse, 
De  ce  monde  sans  borne  a  chaque  instant  deplace 
L'horizon  ideal. 
Dann  die  von  Ihnen  beobachtete  Neigung  zu  „unein- 
geschrankten  Aussagen",  fur  die  Sie  Balzac  und  die  Beschrei- 
bung  der  Angestellten  im  Mann  der  Menge  anfiihren,  gilt, 
erstaunlich  genug,  audi  fur  Sade.  Von  einem  der  ersten  Pei- 
niger  Justines,  einem  Bankier  heifit  es:  „Monsier  Dubourg, 
gros,  court,  et  insolent  comme  tous  les  financiers".  —  Das 
Motiv  der  unbekannten  Geliebten  kommt  rudimentar  bei 
Hebbel  in  dem  Gedicht  auf  eine  Unbekannte  vor,  das  die 
merkwiirdigen  Zeilen  enthalt:  „und  kann  ich  Form  Dir  und 
Gestalt  nicht  geben,  so  reiBt  auch  keine  Form  Dich  in  die 
Gruft".  —  Endlich  ein  paar  Satze  aus  der  Herbstblumine  von 
Jean  Paul,  die  wohl  eine  wirkliche  trouvaille  sind:  „Eine 
einzige  Sonne  bekam  der  Tag,  aber  tausend  Sonnen  die  Nacht, 
und  das  blaue  endlose  Meer  des  Athers  scheint  in  einem 
Staubregen  von  Licht  zu  uns  herabzusinken.  Wieviele  StraBen- 
laternen  schimmern  nicht  die  ganze  lange  MilchstraBe  hinauf 
und  hinab?  Diese  werden  noch  obendrein  —  auch  angeziindet, 
es  mag  immerhin  Sommer  sein  oder  der  Mond  scheinen.  In- 
dessen  schmiickt  sich  die  Nacht  nicht  bios  mit  dem  Mantel 
voll  Sterne,  in  dem  die  Alten  sie  abbilden  und  den  ich  ge- 
schmackvoller  ihren  geistlichen  Ornat  als  ihren  Herzogs- 
mantel  nenne,  sondern  sie  treibt  ihre  Verschonerung  noch 
viel  weiter  und  ahmt  die  Damen  in  Spanien  nach.  Gleich 
diesen,  welche  im  Dunkeln  die  Brillanten  durch  Johannis- 
wurmchen  auf  dem  Kopfputze  ersetzen,  besteckt  die  Nacht 
den  unteren  Theil  ihres  Mantels,  an  dem  keine  Sterne  glan- 
zen,  auch  mit  solchen  Thierchen,  und  die  Kinder  nehmen  sie 

789 


oft."  In  den  gleichen  Zusammenhang  scheinen  mir  die  fol- 
gendeh  Satze  aus  einem  ganz  anderen  Stuck  derselben  Saram- 
lung  zu  gehoren : 

„Und  mehr  dergleichen;  denn  ich  bemerkte  nicht  nur,  dafi 
uns  armen  Treibeis-Menschen  Italien  darum  ein  mondhelles 
Eden  .  .  .  sei,  weil  wir  taglich  oder  nachtlich  da  den  allgemei- 
nen  Jiinglingstraum  von  durchwanderten,  durchsungenen 
Nachten  lebendig  erfiillt  antreffen,  sondern  fragte  auch, 
warum  Nachts  die  Menschen  in  den  Gassen  herumgingen 
und  herumsangen  bios  als  verdriefiliche  Nachtwachter,  an- 
statt  daB  ganze  Abend-  und  Morgenstern- Parti  en  sich  zu- 
sammenschlagen  und  so  in  bunter  Reihe  (denn  jede  Seele 
liebte)  die  herrlichsten  Laubwaldchen  und  die  mondhellsten 
Blumenauen  selig  durchstreichen  sollten,  und  der  harmoni- 
schen  Lust  noch  zwei  Flotenansatze  geben  konnten,  namlich 
die  doppelendige  Verlangerung  der  kurzen  Nacht  durch 
Sonnen-Auf-  undUntergang  und  der  beigefugten  zwei  Dam- 
merungen  dazu."  Der  Gedanke,  daB  die  Sehnsucht,  die  nach 
Italien  zieht,  die  nach  dem  Lande  ist,  wo  man  nicht  zu  schla- 
fen  braucht,  ist  aufs  tiefste  verwandt  dem  spateren  Bilde  der 
iiberdachten  Stadt.  Das  Licht  aber,  das  auf  beiden  Bildern 
gleichermaBen  liegt,  ist  wohl  kein  anderes  als  das  der  Gas- 
laterne,  die  Jean  Paul  nicht  kannte. 

Tout  entier  Ihr 


3 07     An  Tkeodor  W \  Adorno 

Paris,  9.  12.  58 

Lieber  Teddie, 

es  hat  Sie  gewiB  nicht  verwundert,  wahrzunehmen,  daB  die 
Abfassung  meiner  Antwort  auf  Ihren  Brief  vom  10.  Novem- 
ber nicht  im  Handumdrehen  erfolgt  ist.  Wenn  das  lange  Aus- 
bleiben  Ihres  Briefes  seinen  Inhalt  ins  Bereich  des  Vermut- 
baren  fallen  lieB,  so  hindert  das  nicht,  daB  er  mir  einen  StoB 
versetzte.  Es  kam  hinzu,  daB  ich  die  von  Ihnen  angekiindig- 

790 


ten  Fahnen  abwarten  wollte,  erst  am  6.  Dezember  erhielt  ich 
sie.  Die  gewonnene  Frist  gab  mir  die  Moglichkeit,  so  beson- 
nen  als  angangig  Ihre  Kritik  abzuwagen.  Ich  bin  weit  entf ernt, 
sie  fur  unfruchtbar,  geschweige  fiir  unverstandlich  zu  halten. 
Ich  will  versuchen  mich  grundsatzlich  zu  ihr  zu  auBern. 

Den  Leitfaden  sollmir  ein  Satz  bieten,  der  auf  der  ersten 
Seite  Ihres  Brief  es  zu  fin  den  ist.  Sie  schreiben:  „Panorama 
und  Spur,  Flaneur  und  Passagen,  Moderne  und  Immerglei- 
ches  ohne  theoretische  Interpretation  —  ist  das  ein  Material, 
das  geduldig  auf  Deutung  warten  kann?"  Die  begreifliche 
Ungeduld,  mit  der  Sie  das  Manuskript  nach  einem  bestimm- 
ten  Signalement  durchmusterten,  hat  Sie  meines  Erachtens 
in  einigen  wichtigen  Stiicken  von  der  Sache  abgefiihrt.  Ins- 
besondere  muBten  Sie  zu  der  Sie  enttauschenden  Ansicht  vom 
dritten  Abschnitt  kommen,  sobald  es  Ihnen  einmal  entgangen 
war,  daB  dort  nicht  an  einer  Stelle  die  Moderne  als  das 
Immergleiche  zitiert  —  dieser  wichtige  Schlusselbegriff  viel- 
mehr  im  vorliegenden  Teil  der  Arbeit  uberhaupt  nicht  ver- 
wertet  wird. 

Da  der  zitierte  Satz  gewissermaBen  ein  Kompendium  Ihrer 
Ausstellungen  bietet,  so  mbchte  ich  ihn  Wort  fiir  Wort  durch- 
gehen.  Da  ist  zunachst  die  Rede  vom  Panorama.  In  meinem 
Text  ist  sie  beilaufig.  In  der  Tat  ist  im  Zusammenhang  von 
Baudelaires  ceuvre  die  panoramatische  Auffassung  nicht  zu- 
standig.  Da  die  Stelle  weder  im  ersten  noch  im  dritten  Teil 
Korrespondenzen  zu  haben  bestimmt  ist,  so  wiirde  man  sie 
vielleicht  am  besten  streichen.  -  Das  zweite  Glied  Ihrer  Auf- 
zahlung  ist  die  Spur.  In  meinem  Begleitbrief  habe  ich  ge- 
schrieben,  daB  die  philosophischen  Grundlagen  des  Buches 
vom  zweiten  Teil  aus  nicht  iiberschaubar  sind.  Sollte  ein 
Begriff  wie  die  Spur  eine  schlagende  Deutung  erfahren,  so 
muBte  er  mit  aller  Unbefangenheit  in  der  empirischen  Ebene 
eingefiihrt  werden.  Das  konnte  noch  iiberzeugender  geschehen. 
In  der  Tat  war  mein  erstes  nach  meiner  Riickkunft,  eine 
wichtigste  Poestelle  zu  meiner  Konstruktion  der  Detektiv- 
geschichte  aus  der  Verwischung  beziehungsweise  Fixierung 
der  Spuren  des  Einzelnen  in  der  GroBstadtmenge  ausfindig 
zu  machen.  In  dieser  Schicht  aber  hat  die  Abhandlung  der 

791 


Spur  im  zweiten  Teil  gerade  dann  zu  verbleiben,  wenn  sie 
spater  in  den  entscheidenden  Zusammenhangen  ihre  blitz  - 
artige  Erhellung  erfahren  soil.  Diese  Erhellung  ist  vor- 
gesehen.  Der  Begriff  der  Spur  findet  seine  philosophische 
Determination  in  Opposition  zum  Begriff  der  Aura. 

Es  folgt  sodann  in  dem  Satz,  dem  ich  nachgehe,  der  Fla- 
neur. So  gut  ich  den  innersten  Anteil,  den  sachlichen  und 
audi  den  personlichen,  kenne,  der  Ihren  Einwendungen  zu- 
grunde  liegt  -  angesichts  dieser  Ihrer  Fehlanzeige  droht  mir 
der  Boden  unter  den  FiiBen  wegzusinken.  Gottseidank  gibt  es 
da  einen  Ast,  an  den  ich  mich  klammern  kann,  und  er  scheint 
mir  aus  gutem  Holz.  Es  ist  der,  mit  dem  Sie  an  anderer  Stelle 
auf  die  fruchtbare  Spannung  anspielen,  in  der  Ihre  Theorie 
vom  Konsum  des  Tauschwerts  zu  meiner  von  der  Einfuhlung 
in  die  Warenseele  steht,  Auch  ich  meine,  dafi  es  sich  hier  um 
eine  Theorie  im  strengsten  Sinne  des  Wortes  handelt,  und 
die  Abhandlung  uber  den  Flaneur  kulminiert  in  ihr.  Hier  ist 
die  Stelle,  und  freilich  die  einzige,  in  welcher  die  Theorie  in 
diesem  Teile  unverstellt  zu  ihrem  Recht  gelangt.  Sie  bricht 
als  ein  einzelner  Strahl  in  eine  kunstlich  verdunkelte  Kam- 
mer  ein.  Dieser  Strahl  aber  ist  hinreichend,  im  Prisma  zer- 
legt,  von  der  Beschaffenheit  des  Lichtes  einen  Begriff  zu 
geben,  dessen  Fokus  im  dritten  Teil  des  Buches  liegt.  Darum 
lost  diese  Theorie  des  Flaneurs  —  auf  deren  Verbesserungs- 
f ahigkeit  in  einzelnen  Punkten  ich  weiter  unten  zu  sprechen 
komme  -  im  wesentlichen  das  ein,  was  mir  seit  langen  Jahren 
als  eine  Darstellung  des  Flaneurs  vorgeschwebt  hat. 

Ich  stofie  weiter  auf  den  Terminus  der  Passage.  Zu  ihm 
mochte  ich  umso  weniger  etwas  vorbringen,  als  die  abgriin- 
dige  Bonhomie  seines  Gebrauchs  Ihnen  nicht  entgangen  ist. 
Warum  sie  beanstanden?  Die  Passage  ist  in  der  Tat,  wenn 
mich  nicht  alles  tauscht,  nicht  bestimmt  in  anderer  als  dieser 
verspielten  Form  in  den  Zusammenhang  des  „Baudelaire" 
einzugehen.  Sie  kommt  hier  vor  wie  das  Bild  der  Felsenquelle 
auf  einem  Trinkbecher.  Darum  wird  auch  wohl  die  unschatz- 
bare  Jean-Paul-Stelle,  auf  die  Sie  mich  hinweisen,  im  „Bau- 
delaire"  keinen  Ort  haben.  —  Was  endlich  die  Moderne  be- 
trifft,  so  ist  das,  wie  aus  dem  Text  hervorgeht,  ein  Terminus 

792 


von  Baudelaire  selbst.  Der  so  iiberschriebene  Abschnitt  durfte 
nicht  iiber  die  durch  Baudelaires  Gebrauch  dem  Wort  vor- 
bezeichneten  Schranken  hinausfiihren.  Sie  werden  sich  in- 
dessen  aus  San  Remo  entsinnen,  daB  diese  keineswegs  end- 
giiltig  sind.  Die  philosophischeRekognoszierung  derModerne 
ist  dem  dritten  Teil  zugewiesen,  wo  sie  unter  dem  Begriff  des 
Jugendstils  angebahnt,  in  der  Dialektik  des  Neuen  und  Im- 
mergleichen  abgeschlossen  wird. 

Da  ich  unserer  Gesprache  in  San  Remo  gedenke,  mochte 
ich  auf  die  Stelle  zu  sprechen  kommen,  an  welcher  Sie  Ihrer- 
seits  das  tun.  Wenn  ich  mich  dort  weigerte,  im  Namen  eigener 
produktiver  Interessen  mir  eine  esoterische  Gedankenent- 
wicklungzu  eigen  zu  machen  und  insoweit  iiber  die  Interessen 
des  dialektischen  Materialismus  [. . .]  hinweg  zur  Tagesord- 
nung  iiberzugehen,  so  war  da  zuletzt  nicht  [. . .]  bloBe  Treue 
zum  dialektischen  Materialismus  im  Spiel,  sondernSolidaritat 
mit  den  Erfahrungen,  die  wir  alle  in  den  letzten  funfzehn 
Jahren  gemacht  haben.  Es  handelt  sich  also  um  eigenste 
produktive  Interessen  von  mir  auch  hier;  ich  will  nicht 
leugnen,  daB  sie  den  urspriinglichen  gelegentlich  Gewalt  an- 
zutun  versuchen  kbnnen.  Es  liegt  ein  Antagonismus  vor,  dem 
enthoben  zu  sein  ich  nicht  einmal  im  Traum  wiinschen 
konnte.  Seine  Bewaltigung  macht  das  Problem  der  Arbeit 
aus,  und  dieses  ist  eins  ihrer  Konstruktion.  Ich  meine,  daB  die 
Spekulation  ihren  notwendig  kiihnen  Flug  nur  dann  mit 
einiger  Aussicht  auf  Gelingen  antritt,  wenn  sie,  statt  die 
wachsernen  Schwingen  der  Esoterik  anzulegen  ihre  Kraft- 
quelle  allein  in  der  Konstruktion  sucht.  Die  Konstruktion 
bedingte  es,  daB  der  zweite  Teil  des  Buches  wesentlich  aus 
philologischer  Materie  gebildet  ist.  Es  handelt  sich  dabei 
minder  um  eine  „asketische  Disziplin"  als  um  eine  methodi- 
sche  Vorkehrung.  Ubrigens  war  dieser  philologische  Teil  der 
einzige,  der  als  ein  selbstandiger  vorwegzunehmen  war  —  ein 
Umstand,  der  von  mir  beriicksichtigt  werden  muBte. 

Wenn  Sie  von  einer  „staunenden  Darstellung  der  Fakti- 
zitat"  sprechen,  so  charakterisieren  Sie  die  echt  philologische 
Haltung.  Diese  muBte  nicht  allein  um  ihrer  Resultate  willen, 
sondern  eben  als  solche  in  die  Konstruktion  eingesenkt  wer- 

793 


den.  In  der  Tat  ist  die  Indifferenz  zwischen  Magie  und  Posi- 
tivismus,  wie  Sie  es  treffend  formulieren,  zu  liquidieren.  Mit 
anderen  Worten:  die  philologische  Interpretation  des  Autors 
ist  von  dialektischen  Materialisten  auf  hegelsche  Art  auf- 
zuheben.  -  Die  Philologie  ist  diejenige  an  den  Einzelheiten 
vorriickende  Beaugenscheinigung  eines  Textes,  die  den  Leser 
magisch  an  ihn  fixiert.  Fausts  schwarz  auf  weiB  nach  Haus 
Getragenes  und  Grimms  Andacht  zum  Kleinen  sind  eng 
verwandt.  Sie  haben  das  magische  Element  gemeinsam,  das 
zu  exorzisieren  der  Philosophie,  hier  dem  SchluBteil,  vor- 
behalten  ist. 

Das  Verwundern,  so  schreiben  Sie  in  Ihrem  Kierkegaard, 
meldet  „die  tiefste  Einsicht  uber  das  Verhaltnis  von  Dialek- 
tik,  Mythos  und  Bild  an".  Es  konnte  mir  vielleicht  nahe- 
liegen,  auf  diese  Stelle  mich  zu  berufen.  Ich  will  im  Gegenteil 
zu  ihr  eine  Korrektur  vorschlagen  (wie  ich  es  iibrigens  bei 
andrer  Gelegenheit  zu  der  anschlieBenden  Definition  des 
dialektischen  Bildes  vorhabe).  Ich  meine,  es  sollte  heifien:  das 
Verwundern  sei  ein  hervorragendes  Objekt  einer  solchen  Ein- 
sicht. Der  Schein  der  geschlossnen  Faktizitat,  der  an  der 
philologischen  Untersuchung  haftet  und  den  Forscher  in  den 
Bann  schlagt,  schwindet  in  dem  Grade,  in  dem  der  Gegen- 
stand  in  der  historischen  Perspektive  konstruiert  wird.  Die 
Fluchtlinien  dieser  Konstruktion  laufen  in  unserer  eignen 
historischen  Erfahrung  zusammen.  Damit  konstituiert  sich 
der  Gegenstand  als  Monade.  In  der  Monade  wird  alles  das 
lebendig,  was  als  Textbefund  in  mythischer  Starre  lag.  Es 
scheint  mir  darum  eine  Verkennung  des  Sachverhalts,  wenn 
Sie  im  Text  einen  „  unmittelb ar en  Rucks chluB  von  der  Wein- 
steuer  auf  Tame  du  vin"  finden.  Das  Junctim  ward  vielmehr 
auf  legitime  Art  im  philologischen  Zusammenhang  herge- 
stellt  -  nicht  anders  als  es  entsprechend  in  der  Interpretation 
eines  antiken  Schriftstellers  zu  geschehen  hatte.  Es  gibt  dem 
Gedicht  das  spezifische  Gewicht,  das  es  in  der  echten  Lektiire 
annimmt,  die  an  Baudelaire  bisher  nicht  viel  geiibt  worden 
ist.  Erst  wenn  dieses  Gedicht  an  ihm  zur  Geltung  gekommen 
ist,  kann  das  Werk  von  der  Deutung  betroffen,  um  nicht  zu 
sagen  erschiittert  werden.  Diese  schlieBt  fur  das  fragliche 

•794 


Gedicht  ihres  Ortes  nicht  an  Steuerfragen  an  sondern  an  die 
Bedeutung  des  Rausches  fiir  Baudelaire. 

Wenn  Sie  an  andere  meiner  Arbeiten  zuriickdenken,  so 
werden  Sie  finden,  daB  die  Kritik  an  der  Haltung  des  Philo- 
logen  bei  mir  ein  altes  Anliegen  —  und  zuinnerst  identisch 
mit  der  am  Mythos  *-  ist.  Sie  provoziert  jeweils  die  philologi- 
sche  Leistung  selbst.  Sie  dringt,  um  in  der  Sprache  der  Wahl- 
verwandtschaft  zu  reden,  auf  die  Herausstellung  der  Sach- 
gehalte,  in  denen  der  Wahrheitsgehalt  historisch  entblattert 
wird.  Ich  verstehe,  daB  diese  Seite  der  Sache  fiir  Sie  zuriick- 
trat.  Damit  aber  auch  einige  wichtige  Interpretationen.  Ich 
denke  nicht  nur  an  solche  von  Gedichten  —  A  une  passante  — 
oder  von  Prosastiicken  —  Der  Mann  der  Menge  —  sondern  vor 
allem  an  die  AufschlieBung  des  Begriffs  der  Modernitat,  bei 
der  es  mir  besonders  darauf  angekommen  ist,  sie  in  den  philo- 
logischen  Schranken  zu  halten. 

Das  Peguy-Zitat,  das  Sie  als  Evokation  der  Urgeschichte 
im  neunzehnten  Jahrhundert  beanstanden,  war  —  um  dies  im 
Vorbeigehen  anzumerken  —  dort  am  Platze,  wo  die  Erkennt- 
nis  vorzubereiten  ist,  dafi  die  Interpretation  Baudelaires  auf 
keinerlei  chthonische  Elemente  sich  zu  berufen  hat.  (Im 
Expose  zu  den  Passagen  hatte  ich  dergleichen  noch  versucht.) 
Darum  hat,  wie  ich  meine,  die  Katakombe  in  dieser  Interpre- 
tation keine  Stelle,  sowenig  wie  die  Kloake.  Dagegen  konnte 
ich  mir  viel  von  der  Oper  von  Charpentier  versprechen;  ich 
will  Ihrem  Hinweis  folgen,  wenn  die  Gelegenheit  sich  ergibt. 
Die  Figur  des  Lumpensammlers  ist  hollischer  Provenienz.  Im 
dritten  Teil  wird  sie,  gegen  die  chthonische  Figur  des  Hugo'- 
schen  Bettlers  abgesetzt,  wiederauftauchen. 

[...]  .. 

Lassen  Sie  mich  ein  offenes  Wort  anschlieBen:  Ich  glaube, 
daB  es  den  „Baudelaire"  eher  ungiinstig  prajudizieren  wiirde, 
wenn  dieser  —  einer  Anspannung,  der  ich  nicht  leicht  eine 
f riihere  literarische  bei  mir  vergleichen  konnte,  entsprungene  — 
Text  an  keinem  seiner  Teile  Zugang  zur  Zeitschrift  fande. 
Einmal  hat  die  Druckgestalt,  die  dem  Autor  vom  Text  Ab- 
stand  gibt,  darin  einen  mit  nichts  zu  vergleichenden  Wert. 
Hinzukommt,  daB  der  Text  in  solcher  Gestalt  der  Aussprache 

795 


zugefiihrt  werden  konnte,  die  -  wie  unzulanglich  ihre  hie- 
sigen  Partner  immer  sein  mogen  —  in  etwas  die  Isolierung, 
in  der  ich  arbeite,  kompensieren  konnte.  Den  Schwerpunkt 
einer  solchen  Veroff entlichung  wiirde  ich  in  der  Theorie  des 
Flaneurs  erblicken,  die  ich  als  einen  integrierenden  Teil  des 
„ Baudelaire"  ansehe.  Ich  spreche  durchaus  nicht  von  einem 
unveranderten  Text.  Als  Zentrum  muBte  sich  deutlicher  als 
es  im  vorliegenden  der  Fall  ist,  die  Kritik  des  Begriffs  der 
Masse,  wie  die  moderne  Grofistadt  sie  sinnfallig  macht, 
herausheben.  Diese  Kritik,  die  ich  in  den  Absatzen  iiberHugo 
anbahne,  ware  an  der  Interpretation  wichtiger  literarischer 
Zeugnisse  zu  instrumentieren.  Als  Muster  steht  mir  der  Ab- 
schnitt  iiber  den  Mann  der  Menge  vor  Augen.  Die  euphemi- 
stische  Interpretation  der  Masse  —  die  physiognomische  — 
ware  durch  die  Analyse  der  im  Text  erwahnten  Novelle  von 
E.  T.  A.  Hoffmann  zu  illustrieren.  Fur  Hugo  ist  eine  ein- 
gehendere  Verdeutlichung  noch  ausfmdig  zu  machen.  Ent- 
scheidend  ist  der  theoretische  Fortgang  in  diesen  Ansichten 
von  der  Masse;  die  Klimax  ist  im  Text  angedeutet,  kommt 
aber  nicht  ausreichend  zur  Geltung.  An  ihrem  Ende  steht 
Hugo,'  nicht  Baudelaire.  Den  Erf  ahrungen,  die  die  Gegen- 
wart  mit  der  Masse  macht,  ist  er  am  weitesten  entgegen- 
gekommen.  Der  Demagog  ist  ein  Bestandteil  seines  Genies. 

Sie  erkennen,  da6  mir  gewisse  Einsatzstellen  Ihrer  Kritik 
uberzeugend  erscheinen.  Ich  furchte  freilich,.  dafi  eine  unmit- 
telbare  Korrektur  im  eben  angedeuteten  Sinne  sehr  prekar 
ware.  Die  mangelnde  theoretische  Transparenz,  auf  die  Sie 
zu  Recht  hinweisen,  ist  keineswegs  eine  notwendige  Folge 
der  in  diesem  Abschnitt  vorwaltenden  philologischen  Proze- 
dur.  Ich  sehe  darin  eher  das  Resultat  des  Umstandes,  daB 
diese  Prozedur  als  solche  nicht  namhaft  gemacht  ist.  Diese 
Ausf  allserscheinung  geht  zum  Teil  auf  den  gewagten  Versuch 
zuriick,  den  zweiten  Teil  des  Buches  vor  dem  ersten  zu  schrei- 
ben.  Auch  konnte  nur  so  der  Anschein  entstehen,  die  Phantas- 
magoric werde  beschrieben,  statt  in  der  Konstruktion  auf- 
gelost,  —  Die  genannten  Korrekturen  werden  dem  zweiten 
Teil  nur  dann  anschlagen,  wenn  er  nach  jeder  Richtung  hin 
im  Gesamtzusammenhange  verankert  sein  wird.  Eine  Nach- 

796 


priifung  der  Gesamtkonstruktion  wird  demnacli  mein  erstes 
sein. 

Was  die  oben  berufene  Traurigkeit  angeht,  so  hatte  sie, 
von  dem  genannten  Vorgefixhl  einmal  abgesehen,  hinrei- 
chende  Griinde.  Es  ist  einmal  die  Lage  der  Juden  in  Deutsch- 
land,  gegen  die  sichkeiner  von  uns  abdichten  kann.  Es  kommt 
eine  schwere  Erkrankung  meiner  Schwester  dazu.  Bei  ihr  hat 
•sich  im  Alter  von  37  Jahren  eine  hereditar  bedingte  Arterien- 
verkalkung  herausgestellt.  Sie  ist  fast  bewegungs-  und  damit 
auch  fast  erwerbsunf  ahig ;  (zur  Zeit  hat  sie  wohl  noch  ein 
Miniaturvermogen).  Die  Prognose  ist  in  diesem  Alter  fast 
hoff nungslos.  Von  alledem  abgesehen  ist,  hier  zu  atmen,  auch 
nicht  immer  ohne  Beklemmung  moglich.  Es  ist  naturlich, 
daB  ich  alles  daran  setze,  meine  Naturalisation  zu  fordern. 
Die  notwendigen  demarchen  kosten  leider  nicht  nur  viel  Zeit, 
sondern  auch  einiges  Geld  —  der  Horizont  ist  mir  im  Augen- 
blick  also  auch  von  dieser  Seite  eher  verhangen. 

Das  beiliegende  Fragment  eines  Brief  es  an  Max  vom 
17.  November  1938  und  die  beiliegende  Nachricht  von  Brill 
betreffen  eine  Angelegenheit,  an  der  meine  Naturalisation 
scheitern  kann.  Sie  ermessen  damit  ihre  Wichtigkeit.  Darf 
ich  Sie  bitten,  sie  in  die  Hand  zu  nehmen  und  Max  zu  bitten, 
unverziiglich,  am  besten  wohl  telegrafisch,  Brill  Genehmi- 
gung  zu  erteilen,  unter  meine  Rezension  im  nachsten  Heft, 
statt  meines  Namens  das  Pseudonym  Hans  Fellner  zu  setzen. 

Ich  komme  auf  Ihre  neue  Arbeit1  und  damit  auf  den  be- 
sonnteren  Teil  dieses  Schreibens.  Mich  betrifft  sie  sachlich  in 
zwei  Beziehungen  -  beide  von  Ihnen  angedeutet.  Einmal  in 
den  Teilen,  die  gewisse  Merkmale  der  gegenwartigen  akusti- 
schen  Apperzeption  des  Jazz  in  Beziehung  zu  den  von  mir 
beschriebenen  optischen  des  Films  setzen.  Ich  vermag  ex 
improviso  nicht  zu  entscheiden,  ob  die  verschiedene  Vertei- 
lung  der  Licht-  und  Schattenpartien  in  unseren  respektiven 
Versuchen  aus  theoretischen  Divergenzen  hervorgeht.  Mog- 
iicherweise  handelt  es  sich  um  nur  scheinbare  Verschieden- 
heiten  der  Blickrichtung,  die  in  Wahrheit,  gleich  adaquat, 
verschiedne  Gegenstande  betrifft.  Es  ist  ja  nicht  gesagt,  daB 
akustische  und  optische  Apperzeption  einer  revolutionaren 

797 


Umwalzung  gleich  zuganglich  sind.  Damit  mag  zusammen- 
hangen,  daB  die  Ihren  Essai  abschlieBende  Perspektive  eines 
umspringenden  Horens  mindestens  fiir  den  nicht  ganz  deut- 
lich  wird,  dem  Mahler  nicht  eine  bis  ins  letzte  erhellte  Er- 
f  ahrung  ist. 

In  meiner  Arbeit2  versuchte  ich,  die  positiven  Momente  so 
deutlich  zu  artikulieren,  wie  Sie  es  fiir  die  negativen  zuweg 
bringen.  Eine  Starke  Ihrer  Arbeit  sehe  ich  infolgedessen  dort, 
wo  eine  Schwache  der  meinigen  lag.  Ihre  Analyse  der  von  der 
Industrie  erzeugten  psychologischen  Typen  und  die  Darstel- 
lung  ihrer  Erzeugungsweise  ist  iiberaus  gliicklich.  Wenn  ich 
meinerseits  dieser  Seite  der  Sache  mehr  Aufmerksamkeit  zu- 
gewandt  hatte,  so  hatte  meine  Arbeit  groBere  historische 
Plastizitat  gewonnen.  Immer  mehr  stellt  sich  mir  heraus,  daB 
die  Lanzierung  des  Tonfilms  als  eine  Aktion  der  Industrie 
betrachtet  werden  muB,  welche  bestimmt  war,  das  revolutio- 
nise Primat  des  stummen  Films,  der  schwer  kontrollierbare 
und  politisch  gefahrliche  Reaktionen  begiinstigte,  zu  durch- 
brechen.  Eine  Analyse  des  Tonfilms  wiirde  eine  Ihre  und 
meine  Ahsicht  im  dialektischen  Sinne  vermittelnde  Kritik  der 
heutigen  Kunst  abgeben. 

Was  mich  im  AbschluB  der  Arbeit  besonders  ansprach,  ist 
die  dort  anklingende  Reserve  gegen  den  Begriff  des  Fort- 
schritts.  Sie  begriinden  diese  Reserve  vorerst  beilaufig  und 
mit  dem  Hinblick  auf  die  Geschichte  des  Terminus.  Ich 
mochte  ihm  gern  an  der  Wurzel  und  in  seinen  Ursprungen 
beikommen.  Aber  ich  verhehle  mir  nicht  die  Schwierigkeiten. 

Endlich  zu  Ihrer  Frage,  wie  Ihre  in  diesem  Essai  entwik- 
kelte  Ansicht  zu  der  im  Abschnitt  iiber  den  Flaneur  dar- 
gelegten  sich  verhalten  mag.  Die  Einfiihlung  in  die  Ware 
stellt  sich  der  Selbstbeobachtung  oder  inneren  Erfahrung  als 
Einfiihlung  in  die  anorganische  Materie  dar:  neben  Baude- 
laire ist  hier  Flaubert  mit  seiner  Tentation  Kronzeuge. 
Grundsatzlich  diirfte  aber  die  Einfiihlung  in  die  Ware  Ein- 
fiihlung in  den  Tauschwert  selbst  sein.  In  der  Tat  kann  man 
sich  unter  dem  „Konsum"  des  Tauschwerts  schwerlich  etwas 
anderes  vorstellen  als  die  Einfiihlung  in  ihn.  Sie  sagen : 
„Recht  eigentlich  betet  der  Konsument  das  Geld  an,  das  er 

798 


selber  fur  die  Karte  zum  Toscanini-Konzert  ausgegeben  hat." 
Einfiihlung  in  ihren  Tauschwert  macht  noch  Kanonen  zu 
demjenigen  Konsumgegenstand,  der  erfreulicher  ist  als  But- 
ter. Wenn  der  Volksmund  von  jemandem  sagt  „der  ist  fiinf 
Millionen  Mark  schwer"  so  fiihlt  sich  derzeit  die  Volksgemein- 
schaft  selbst  einige  hundert  Milliarden  schwer.  Sie  fiihlt  sich 
in  diese  hunderte  von  Milliarden  ein.  Formuliere  ich  so,  so 
erreiche  ich  vielleicht  den  Kanon,  der  dieser  Verhaltungs- 
weise  zugrunde  liegt.  Ich  denke  an  den  des  Hasardspiels.  Der 
Spieler  fiihlt  sich  unmittelbar  in  die  Summen  ein,  mit  denen 
er  der  Bank  oder  dem  Partner  die  Stirne  bietet.  Das  Hasard- 
spiel,  als  Borsenspekulation,  hat  fur  die  Einfiihlung  in  den 
Tauschwert  ahnlich  bahnbrechend  gewirkt  wie  die  Weltaus- 
stellungen.  (Diese  waren  die  hohe  Schule,  auf  der  die  vom 
Konsum  abgedrangten  Massen  die  Einfiihlung  in  den  Tausch- 
wert lernten). 

Eine  besonders  wichtige  Frage  mocht  ich  mir  fur  einen 
spateren  Brief,  um  nicht  zu  sagen  furs  Gesprach,  vorbehalten. 
Welche  Bewandtnis  hat  es  mit  dem  Komischwerden  der  Mu- 
sik  und  der  lyrischen  Dichtung?  Ich  kann  mir  schwer  vor- 
stellen,  daB  es  sich  dabei  um  ein  Phanomen  mit  rein  nega- 
tivem  Vorzeichen  handelt.  Oder  hat  der  „Verfall  der  sakralen 
Versbhnlichkeit"  fur  Sie  ein  Positives?  Ich  gestehe,  daB  ich 
da  nicht  ganz  herausfinde.  Vielleicht  finden  Sie  Gelegenheit, 
auf  diese  Frage  zuruckzukommen. 

In  jedem  Fall  bitte  ich  Sie,  bald  von  sich  horen  zu  lassen. 
Wollen  Sie  Felizitas  bitten,  mir  gelegentlich  die  Marchen  von 
Hauff  zu  schicken,  die  mir  wegen  der  Bilder  von  Sonderland 
lieb  sind.  Ich  schreibe  ihr  in  einiger  Zeit,  wurde  aber  gern 
audi  von  ihr  horen. 

Wie  immer,  herzlichst  Ihr  Walter 

1  Uber  den  Fetischcharakter  in  der  Musik  und  die  Regression  des 
Horens,  jetzt  in:  Dissonanzen.  Musik  in  der  verwalteten  Welt.  3.  Ausg., 
Gottingen  1963.  S.  9-45. 

2  Das  Kunstwerk  im  Zeitalter  seiner  technischen  Reproduzierbarkeit. 


799 


3  08     An  Gerhard  Scholem 

Paris,  4.  2.  1939 

Lieber  Gerhard, 

Urn  mein  Mitteilungsvermogen  zu  entbinden,  muB  ich,  wie 
Du  aus  den  ungewohnten  Lettern  entnimmst,  eine  Art  Aus- 
nahmezustand  iiber  unsere  Korrespondenz l  verhangen.  Mich 
dazu  zu  vermogen,  ist  das  Verdienst  Deines  Briefes  vom 
25.  Januar,  fur  den  ich  Dir  herzlich  danke. 

Ware  mein  Schweigen  Dir  transparent  gewesen,  so  waren 
Deine  Blicke  in  medias  res  gedrungen.  Den  Eingang  des 
Winters  begleitete  eine  Periode  nachhaltiger  Depression,  von 
welcher  letzteren  ich  sagen  kann,  je  ne  l'ai  pas  vole.  Es  kam 
Mehreres  zusammen.  Zunachst  sah  ich  mich  der  Tatsache 
gegeniiber,  daB  mein  Zimmer  im  Winter  zum  Arbeiten 
nahezu  unbrauchbar  ist;  im  Sommer  habe  ich  die  Moglich- 
keit,  bei  geoffneten  Fenstern  die  Gerausche  des  Fahrstuhls 
durch  die  der  pariser  StraBe  in  Schach  zu  halten;  an  den 
kalten  Wintertagen  nicht. 

Diese  Sachlage  kombinierte  sich  aufs  gliicklichste  mit  einer 
Entfremdung  vom  gegenwartigen  Sujet  meiner  Arbeit.— Wie 
ich  Dir  wohl  schrieb,  habe  ich  im  Sommer  mit  Riicksicht  auf 
die  redaktionellen  Anforderungen  der  Zeitschrift  fur  Sozial- 
forschung  vorgreifend  einen  Teil,  und  zwar  den  zweiten, 
meines  Buches  iiber  Baudelaire  fertiggestellt.  Dieser  zweite 
Teil  prasentiert  sich  in  drei  von  einander  relativ  abgehobe- 
nen  Abhandlungen.  Eine  oder  die  andere  davon  hoffte  ich  im 
letzten  Heft  der  Zeitschrift,  das  eben  herauskommt,  gedruckt 
zu  sehen.  Anfang  November  aber  kam,  und  zwar  von  Wiesen- 
grunds  Seite,  die  ausfuhrlich  begrundete  Ablehnung,  wenn 
nicht  der  Arbeit  so  doch  ihrer  Drucklegung. 

In  das  Detail  dieser  gewiB  Dich  interessierenden  Frage 
Dich  einzufiihren,  ist  mir  naturlich  nicht  eher  moglich,  als 
ich  Dir  das  fragliche  Manuskript  zuganglich  machen  kann. 
Das  habe  ich,  fur  den  Fall,  daB  Du  Dich  mit  einem  unkorri- 
gierten,  nicht  ausnahmslos  die  letzte  Fassung  darstellenden 
abfinden  konntest,  vor.  Von  Deiner  Stellungnahme,  die  im 

800 


iibrigen  der  Wiesengrundschen  vielleicht  in  wesentlichen 
Stiicken  verwandt  sein  wird,  verspreche  ich  mir  in  jedem 
Falle  einen  Ertrag  fur  meine  Fortsetzung  des  Buches.  An 
diese  werde  ich  namlich  unverziiglich  gehen  miissen. 

Es  f  allt  mir  nicht  leicht.  Die  Isolierung,  in  der  ich  hier  lebe, 
zumal  arbeite,  schafft  eine  anormale  Abhangigkeit  von  der 
Aufnahme,  die  das,  was  ich  mache,  findet.  Abhangigkeit  will 
nicht  heiBen  Empfindlichkeit.  Die  Vorbehalte,  die  gegen  das 
Manuskript  gemacht  werden  konnen,  sind  zum  Teil  raison- 
nabel  und  diirfen  mich  umso  weniger  beirren,  als  die  Schlus- 
selpositionen  des  „Baudelaire"  sich  in  diesem  zweiten  Teil 
nicht  abzeichnen  konnten  noch  sollten.  Hier  aber  stoBe  ich  an 
die  Grenze  brieflicher  Mitteilung  und  kann  nun  meinerseits 
nur  bedauern,  daB  wir  einander  im  August  nicht  gesprochen 
haben.  Dieses  Bedauern  bitte  ich  Dich,  in  der  ihm  zustehen- 
den  Abwandlung  Deine  Frau  wissen  zu  lassen  —  was  meine 
Begegnung  mit  ihr  angeht. 

Wenn  Dir  von  meinen  wenigen  Publikationen  in  der  letz- 
ten  Zeit  durch  mich  selbst  nichts  zuging,  so  liegt  das  daran, 
daB  die  wenigsten  Redaktionen  sich  heute  noch  zu  mehr  als 
einem  Belegexemplar  dem  Autor  gegeniiber  verbunden  fiih- 
len.  In  diesen  Dingen  darfst  Du  Nachlassigkeit  von  mir  umso 
weniger  annehmen,  als  die  Vollstandigkeit  deines  Archivs 
meiner  Schriften  von  jeher  mein  Anliegen  war.  Heute  ist  es 
um  soviel  dringlicher,  als  die  einzige  Sammlung  von  einigem 
Umfange,  die  auBer  der  Deinen  in  dritten  Handen  ist,  seit 
kurzem  verloren  gegeben  werden  muB.  Sie  befindet  sich  bei 
den  Effekten,  die  ein  Freund  von  mir  in  Barcelona  hat  zu- 
riicklassen  miissen.  (Als  Kuriosum  sei  Dir  anvertraut,  daB 
kurzlich  in  einer  kleinen  englischen  Denkschrift  des  Institu- 
tes eine,  freilich  iiberaus  kursorische,  Bibliographie  meiner 
Schriften  —  wie  auch  einer  solchen  von  anderen  Mitarbei- 
tern  —  erschienen  ist).  Die  letzte  Nummer  der  Zeitschrift 
VII,  3  enthalt  im  Besprechungsteil  von  mir  einen  Aufsatz 
tiber  Julien  Benda,  der  Dir  plaisirlich  sein  wird.  Aber  was 
soil  ich  tun?  ich  habe  kein  Duplikat. 

Damit  Du  siehst,  daB  ich  tue,  was  in  meinen  Kraften  stent, 
werde  ich  Dir,  zur  Einverleibung  in  das  Archiv,  von  nun  ab 

801 


gelegentlich  Maschinenmanuskripte  iibersenden.  Wahrend  ich 
die  moglichst  baldige  Riicksendung  des  Dir  in  Aussicht  ge- 
stellten  Baudelaire -Manuskripts  von  Dir  erbitte,  sollst  Du 
die  es  begleitenden  Rezensionen  von  Honigswald  und  Stern  - 
berger  als  Dir  dediziert  betrachten.  Das  Buch  von  [Dolf] 
Sternberger  -  ^Panorama  [oder]  Ansichten  vom  19.  Jahrhun- 
dert"  [. . .]  solltest  Du  Dir  einmal  in  die  Hande  spielen  lassen. 
Das  Beatrice-Sonett2  wirst  Du  ebenfalls  bei  der  Sendung 
finden.  - 

Von  den  Bewegungen  im  Verlagswesen  nehme  ich  mit 
Interesse  Kenntnis.  Ungefahr  gleichzeitig  mit  Deiner  Nach- 
richt  von  der  SchlieBung  des  Schocken-Verlages  fand  sich 
Rowohlt  in  meinem  Zimmer  ein.  Er  muBte  Deutschland 
einigermaBen  schleunig  den  Riicken  kehren.  Nicht  deshalb, 
sondern  weil  er  Hessel  (der  vor  einem  Vierteljahr  herkam)  in 
Berlin  lange  Zeit  das  Leben  erleichtert  hat,  auch  lange  an 
jiidischem  Personal  festhielt,  hat  er  bei  mir  einen  Stein  im 
Brett.  Politisch  war  er  nie  ernst  zu  nehmen.  Er  geht  nach 
Brasilien;  wie  ich  denke,  vor  allem  um  seine  Familie  zu 
etablieren,  und  sich  dann  wieder  in  Europa  umzusehen.  Sei- 
nen  alten  Verlag,  wenn  es  um  diesen  ginge,  hat  er  derzeit  in 
Paris  halbwegs  komplett  beisammen.  Polgar  und  Speyer  sind 
seit  kurzem  hier  eingeruckt. 

Dora  kam  vor  6  Wochen  durch  Paris.  Ich  habe  den  Ein- 
druck,  daB  die  Liquidation  ihres  Unternehmens  in  San  Remo 
auf  gutem  Wege  ist.  Sie  hat  inzwischen  mit  einem  englischen 
Partner  in  London  ein  Boarding- House  aufgemacht.  Die 
Aussichten  fur  Stefans  Naturalisation  scheinen  giinstig.  Es 
ist  zu  hoffen,  daB  er  das  Abiturium  in  London  machen  wird. 

Gern  wiirde  ich  von  Dir  horen,  wie  es  bei  Euch  aussieht. 
Sollten  die  SchieBereien  in  Jerusalem  nicht  abgenommen 
haben?  Vor  allem  aber:  bist  Du  nunmehr  mit  Deinen  Augen 
ganz  in  Ordnung?  -  Zu  horen,  daB  Ihr  noch  immer  an  die 
Moglichkeit  denkt,  mich  bei  Euch  zu  Besuch  zu  sehen,  hat 
mich  sehr  gefreut.  Ich  glaube  nur,  die  Liste  der  wild  en  und 
zahmen  Volker,  die  man  da  um  Erlaubnis  wiirde  ersuchen 
mxissen,  wird  taglich  langer. 

Dein  Amerikabericht2a  war  recht  groflartig.  Er  hat  mich  in 

802 


dem,  was  Du  iiber  Land  und  Leute  sagst,  iiberzeugt  (diesen 
Teil  habe  ich  hin  und  wieder  zur  Erbauung  eines  erlesenen 
Publikums  zum  Besten  gegeben);  er  hat  mich  in  den  Partien, 
die  "dem  Institut  gewidmet  sind,  kaum  auf  Gedanken  ge- 
bracht,  die  nicht  schon  meine  eigenen  gewesen  waren.  Umso 
mehr  Grund  habe  ich,  Dir  fur  das  Verhalten  zu  danken,  das 
Du  in  so  richtiger  Einschatzung  meiner  Interessen  dort  be- 
obachtet  hast. 

Ein  Arzt  wohnt  hier  im  Hause3,  der  die  Witwe  von  Sche- 
stow  behandelt.  Die  Arme  sitzt  nun  unter  den  unaufgeschnit- 
tenen  Werken  ihres  Gatten  —  was  werden  wir  Andern  eines 
Tages  hinterlassen  als  unsere  eigenen  unaufgeschnittenen 
Schriften  ?  Um  ihr  Interieur  f  reundlicher  zu  gestalten,  schleppt 
sie  hin  und  wieder  einige  dieser  Schriften  ab,  und  so  sammeln 
sich  bei  mir  langsam  Schestows  Werke.  Kurz  entschlossen, 
habe  ich  mir  eines  Tages  „Athen  und  Jerusalem"4  vorgenom- 
men.  Denkt  man  sich  eine  gnadige  Fee,  die,  aus  purer  Laune, 
eines  Tages  die  dreckigste  Sackgasse  im  verlorensten  Winkel 
des  Weichbildes  einer  grofien  Stadt  in  ein  unwegsames  Hoch- 
tal  verwandelt,  in  dem  die  Bergwande  ebenso  senkrecht  ab- 
stiirzen  wie  vordem  die  Fassaden  der  Mietskasernen  -  dann 
hat  man  das  Bild,  unter  dem  mir  Schestows  Philosophie  er- 
scheint.  Sie  ist,  glaube  ich,  ziemlich  bewunderungswurdig, 
aber  nichtsnutzig.  Als  Kommentator  kann  man  vor  ihm  nur 
den  Hut  ziehen,  und  seine  Schreibweise  scheint  mir  groBartig. 
Ich  hoffe,  ich  werde  Anlafi  haben  eine  Anzeige  von  dem 
genannten  Buch  abzufassen. 

Von  Schestow  ist  der  Weg  zu  Kafka  fur  den,  der  sich  ent- 
schlossen hatte,  vom  Wesentlichen  abzusehen,  nicht  weit.  Als 
dieses  Wesentliche  erscheint  mir  bei  Kafka  mehr  und  mehr 
der  Humor.  Er  war  natiirlich  kein  Humorist.  Er  war  vielmehr 
ein  Mann,  dessen  Los  war,  iiberall  auf  Leute  zu  stoBen,  die 
aus  dem  Humor  eine  Profession  machten:  auf  Klowns.  Be- 
sonders  „  Amerika"  ist  eine  groBe  Klownerie.  [. . .]  Wie  dem 
nun  immer  sei  —  ich  denke  mir,  dem  wxirde  der  Schlussel  zu 
Kafka  in  die  Hande  fallen,  der  der  jiidischen  Theologie  ihre 
komischen  Seiten  abgewonne.  Hat  es  so  einen  Mann  gegeben? 
oder  warst  Du  Manns  genug,  dieser  Mann  zu  sein? 

803 


Hannah  Stern5  erwidert  Deine  GriiBe  aufs  Schonste. 

Dir  und  Deinem  Haus  alles  Herzliche 

Dein  Walter 

PS  Was  meint  Dein  den  SchluB  des  Dreigroschenromans 
betreffender  Hinweis  auf  Kafka? 

Wiesengrunds  Adresse:  T.  W.  Adorno  290  Riverside  Drive 
13  D,  New-  York  City. 

1  Der  Brief  ist  mit  der  Mas  chine  geschrieben,  d.  h,  diktiert. 

2  Von  Brecht.  W.  B.  hatte  es  Scholem  in  Paris  vorgelesen. 

2a  Scholems  Brief  vom  8.  November  1958  im  Stuck  unautorisiert  in 
Alternative"  1969,  S.  190,  gedmckt. 

3  Dr.  Fritz  Frankel. 

4  Das  letzte  Buch  von  Leon  Schestow,  aus  dem  er  bei  seinem  Besuch 
in  Jerusalem  (im  "Winter  1937/58)  vorgelesen  hatte.  Scholem,  der 
Schestow  in  Brief  en  an  W.  B.  dfters  besprochen  hatte,  hatte  diese 
Vorlesungen  eingeleitet. 

5  Hannah  Arendt. 


3  09     An  Gerhard  Scholem 

Paris,  20.  Februar  1939 

Lieber  Gerhard, 

ich  habe  Hannah  Arendt  nahegelegt,  Dir  das  Manuscript 
ihres  Buches  iiber  Rahel  Varnhagen l  zuganglich  zu  machen. 
Es  soil  in  den  nachsten  Tagen  an  Dich  abgehen. 

Auf  mich  hat  dieses  Buch  groBen  Eindruck  gemacht.  Es 
schwimmt  mit  starken  StoBen  wider  den  Strom  erbaulicher 
und  apologetischer  Judaistik.  Du  weiBt  am  besten,  dafi  alles 
was  man  iiber  „die  Juden  in  der  deutschen  Literatur"  bis  dato 
lesen  konnte2,  von  eben  dieser  Stromung  sich  treiben  lieB. 

Entre  temps  habe  ich  mich  wieder  einmal  der  Reflexion 
iiber  Kafka  zugewandt.  Ich  blatterte  auch  in  alter  en  Papieren 
und  fragte  mich,  warum  Du  denn  meine  Kritik  des  Brodschen 
Buches  Schocken  bisher  nicht  hast  zukommen  lassen.  Oder  ist 
das  inzwischen  vor  sich  gegangen? 

Ich  hoffe  baldigst  ausf  iihrlich  von  Dir  zu  horen.  Herzlichst 

Dein  Walter 


804 


1  Erschien  erst  20  Jahre  spater,  Miinchen  1959. 

2  Dieses  Thema  hat  W.  B.  selber  in  der  Encyclopaedia  Judaica  V 
(1930),  Sp.  1022-1034  behandelt. 


310     An  Theodor  W.  Adorno 

Paris,  23.  2.  39 

Lieber  Teddie, 

on  est  philologue  ou  on  ne  l'est  pas.  Als  ich  Ihren  letzten  Brief 
studiert  hatte,  war  mein  erstes,  auf  das  bedeutsame  Konvolut 
zuriickzugreifen,  das  ich  an  Ihren  AuBerungen  zu  den  „Pas- 
sagen"  besitze.  Die  Lektiire  dieser  zum  Teil  weit  zuriick- 
reichenden  Brief e  war  eine  groBe  Starkung:  ich  erkannte 
wieder,  daB  die  Fundamente  unverwittert  und  unbeschadigt 
geblieben  sind.  Ich  holte  mir  aus  diesen  friiheren  AuBerungen 
aber  vor  allem  Aufschliisse  iiber  Ihren  letzten  Brief  und  be- 
sonders  iiber  die  dem  Typus  geltenden  tlberlegungen. 

„Alle  Jager  sehen  gleich  aus."  —  so  schrieben  Sie  am 
5.  Juni  1935  gelegentlich  eines  Hinweises  auf  Maupassant. 
Das  fiihrt  in  eine  Zelle  des  Sachverhalts,  in  welcher  mich 
einzurichten  mir  in  dem  Augenblick  moglich  wird,  wo  ich  die 
Erwartung  der  Redaktion  auf  eine  Abhandlung  iiber  den 
Flaneur  zentriert  weiB.  Sie  haben  meinem  Brief  e  mit  soldier 
Ausrichtung  die  gliicklichste  Interpretation  gegeben.  Ohne 
den  Ort,  welchen  das  Kapitel  im  Buch  iiber  Baudelaire  haben 
muB,  preiszugeben,  kann  ich  mich  nun  —  nachdem  die  off  en- 
kundigeren  soziologischen  Befunde  gesichert  sind  -  in  ge- 
wohnter  monographischer  Form  der  Bestimmung  des  Flaneurs 
im  Gesamtkontext  der  Passagen  zuwenden.  Im  folgenden 
zwei  Hinweise  darauf,  wie  das  zu  denken  ist. 

Die  Gleichheit  ist  eine  Kategorie  des  Erkennens ;  sie  kommt 
in  der  niichternen  Wahrnehmung  streng  genommen  nicht 
vor.  Die  im  strengsten  Sinne  niichterne,  von  jedem  Vor-Urteil 
freie  Wahrnehmung  stieBe  im  auBersten  Falle  immer  nur 
auf  ein  Ahnliches.  Solch  Vorurteil,  das  der  Wahrnehmung 
im  Regelfall  ohne  Schaden  beiwohnt,  kann  im  Ausnahmefall 

805 


AnstoB  bieten.  Es  kann  den  Wahrnehmenden  als  einen,  der 
nicht  niichtern  ist,  kenntlich  machen.  Das  ist  zum  Beispiel 
der  Fall  des  Don  Quijote,  dem  die  Ritterromane  zu  Kopfe 
gestiegen  sind.  Dem  kann  das  verschiedenste  begegnen:  er 
nimmt  darinnen  immer  das  Gleiche  wahr  —  das  Abenteuer, 
das  des  fahrenden  Ritters  harrt.  Nun  Daumier:  der  malt,  wie 
Sie  sehr  mit  Recht  andeuten,  im  Don  Quijote  sein  Ebenbild. 
Daumier  stoftt  auch  immer  wieder  aufs  Gleiche;  er  nimmt  in 
alien  den  Kopfen  der  Politiker,  Minister  und  Advokaten  das 
Gleiche  wahr  —  die  Gemeinheit  und  Mediokritat  der  Burger  - 
klasse.  Wichtig  ist  aber  hierbei  vor  allem  eines:  die  Hallu- 
zination  der  Gleichheit  (die  von  der  Karikatur  nur  durch- 
brochen  wird,  um  sich  alsbald  wieder  herzustellen;  denn  ]e 
weiter  eine  groteske  Nase  von  der  Norm  entfernt  ist,  desto 
besser  wird  sie  als  Nase  schlechthin  das  Typische  des  bena- 
sten  Menschen  zeigen)  ist  bei  Daumier,  wie  fur  Cervantes, 
eine  komische  Angelegenheit.  Das  Gelachter  des  Lesers  rettet 
im  Don  Quijote  die  Ehre  der  Biirgerwelt,  im  Vergleich  zu 
der  sich  die  ritterliche  als  einfdrmig  und  einfaltig  prasentiert. 
Daumiers  Gelachter  gilt  vielmehr  derBurgerklasse;  er  durch- 
schaut  die  Gleichheit,  mit  der  sie  prunkt:  namlich  als  die 
windige  egalite,  wie  sie  sich  im  Beinamen  Louis  Philippes 
breitmachte.  Im  Gelachter  raumen  sowohl  Cervantes  wie 
Daumier  mit  einer  Gleichheit  auf,  die  sie  als  geschichtlichen 
Schein  dingfest  machen.  Die  Gleichheit  hat  ein  ganz  anderes 
Ansehen  bei  einem  Poe,  geschweige  bei  einem  Baudelaire. 
Im  „Mann  der  Menge"  blitzt  wohl  noch  die  Moglichkeit 
eines  komischen  Exorzismus  auf.  Bei  Baudelaire  ist  davon 
keine  Rede.  Er  kam  vielmehr  der  historischen  Halluzination 
der  Gleichheit,  die  mit  der  Warenwirtschaft  sich  eingenistet 
hatte,  kiinstlich  zu  Hilfe.  Und  die  Figuren,  in  welchen  der 
Haschisch  sich  bei  ihm  niederschlug,  sind  in  diesem  Zusam- 
menhang  dechiffrierbar. 

Die  Warenwirtschaft  armiert  die  Phantasmagorie  des 
Gleichen,  welche  als  Attribut  des  Rausches  sich  zugleich  als 
zentrale  Figur  des  Scheins  beglaubigt.  „Du  siehst,  mit  diesem 
Trank  im  Leibe,  Bald  Helenen  in  jedem  Weibe."  Der  Preis 
macht  die  Ware  alien  denen  gleich,  die  fur  den  gleichen  Preis 

806 


kauflich  sind.  Die  Ware  fiihlt  sich  -  das  ist  die  maBgebende 
Korrektur  an  dem  Text  vom  Sommer  —  nicht  nur  und  nicht 
sowohl  in  den  Kaufern  ein,  denn  vor  allem  in  ihren  Preis. 
Eben  darin  aber  stimmt  der  Flaneur  sich  auf  die  Ware  ab; 
er  tut  es  ihr  durchaus  nach;  in  Ermangelung  der  Nachfrage, 
das  heiBt  eines  Marktpreises  fur  ihn,  richtet  er  sich  in  der 
Kauflichkeit  selbst  hauslich  ein.  Der  Flaneur  iiberbietet  die 
Hure  darin;  er  fuhrt  gleichsam  ihren  abstrakten  Begriff  spa- 
zieren.  In  der  letzten  Inkarnation  des  Flaneurs  erst  erfullt  er 
ihn:  ich  will  sagen  als  Sandwichmann. 

Von  der  Baudelairearbeit  aus  betrachtet  nimmt  sich  die 
Umkonstruktion  folgendermaBen  aus:  die  Definition  der  Fla- 
nerie  als  eines  Rauschzustandes  kommt  zu  ihrem  Recht;  da- 
mit  ihre  Kommunikation  zu  den  Erf ahrungen,  welche  Baude- 
laire mit  den  Rauschgiften  angestellt  hatte.  Der  Begriff  des 
Immergleichen  wird  als  die  immergleiche  Erscheinung  schon 
im  zweiten  Teil  eingefiihrt,  wahrend  er  in  seiner  definitiven 
Pragung  als  der  des  immergleichen  Geschehens  weiterhin 
dem  dritten  vorbehalten  ist. 

Sie  sehen,  daB  ich  Ihnen  fiir  Ihre  Anregungen  iiber  den 
Typus  Dank  weiB.  Wo  ich  iiber  sie  hinausgegangen  bin,  ge- 
schah  es  im  urspriinglichsten  Sinn  der  „Passagen"  selbst. 
Dabei  hebt  sich  mir  Balzac  sozusagen  weg.  Er  ist  hier  nur 
von  anekdotischer  Wichtigkeit,  indem  er  weder  die  komische 
noch  die  grauenvolle  Seite  des  Typus  zur  Geltung  bringt. 
(Beides  zusammen  hat,  glaube  ich,  im  Roman  erst  Kafka  ein- 
gelost;  bei  ihm  haben  sich  die  Balzacschen  Typen  solide  im 
Schein  einlogiert:  sie  sind  zu  „denGehilfen",  „den  Beamten", 
„den  Dorfbewohnern",  „den  Advokaten"  geworden,  denen 
K.  als  der  einzige  Mensch,  mithin  als  ein  in  all  seiner  Durch- 
schnittlichkeit  atypisches  Wesen  gegeniibergestellt  ist.) 

An  zweiter  Stelle  greife  ich  in  Kiirze  Ihren  Wunsch  auf, 
die  Passagen  nicht  nur  als  das  Milieu  des  Flanierenden  einzu- 
fiihren.  Ich  kann  Ihr  Vertrauen  in  mein  Archiv  einlosen  und 
werde  die  merkwiirdigen  Traumereien  zu  Wort  kommen 
lassen,  die  um  die  Jahrhundertmitte  die  Stadt  Paris  als  eine 
Folge  von  glasernen  Galerien,  von  Wintergarten  gleichsam, 
erbaut  haben.  Der  Name  des  Berliner  Cabarets  —  von  dem 


807 


ich  zu  ermitteln  suchen  werde,  von  wann  er  datiert  -  gibt  zu 
verstehen,  welches  das  Leben  in  dieser  Traumstadt  hatte  sein 
konnen.  -  Das  Flaneur- Kapitel  wird  damit  dem  ahnlicher, 
das  seinerzeit  in  dem  physiognomischen  Zyklus  auftrat,  in 
dem  es  von  den  Studien  iiber  den  Sammler,  den  Falscher  und 
den  Spieler  umgeben  war. 

Die  Notizen,  die  Sie  zu  einzelnen  Stellen  machen,  mochte 
ich  heute  nicht  griindlich  durchgehen.  Einsichtig  war  mir 
z.  B.  die  zu  dem  Zitat  von  Foucauld.  Nicht  zustimmen  kann 
ich  u.  a.  Ihrem  Fragezeichen  zu  Baudelaires  sozialem  Signa- 
lement  als  Kleinbiirger.  Baudelaire  lebte  von  einer  kleinen 
Rente  aus  Terrainbesitz  in  Neuilly,  die  er  mit  einem  Stief- 
bruder  zu  teilen  hatte.  Der  Vater  war  eiri  petit  maitre,  der 
unter  der  Restauration  eine  Sinekure  als  Verwalter  des 
Luxembourg  hatte.  Entscheidend  ist,  daB  Baudelaire  von 
alien  accointancen  mit  der  Finanzwelt  undderGroBbourgeoi- 
sie  lebenslang  abgeschnitten  gewesen  ist. 

Ihr  scheeler  Blick  auf  Simmel  —  Sollte  es  nicht  Zeit  wer- 
den,  einen  der  Ahnen  des  Kulturbolschewismus  in  ihm  zu 
respektieren?  (Ich  sage  das  nicht,  um  fur  das  Zitat  einzutre- 
ten,  das  ich  zwar  nicht  missen  mochte,  auf  dem  aber  an  seiner 
Stelle  ein  zu  starker  Akzent  liegt.)  Letzthin  nahm  ich  seine 
„Philosophie  des  Geldes"  vor.  Sie  ist  gewiB,nicht  umsonst 
Reinhold  und  Sabine  Lepsius  gewidmet;  sie  stammt  nicht 
umsonst  aus  der  Zeit,  in  der  Simmel  sich  dem  Kreis  um 
George  „nahen"  durfte.  Man  kann  aber  in  dem  Buch,  wenn 
man  von  seinem  Grundgedanken  abzusehen  entschlossen  ist, 
sehr  Interessantes  finden.  Mir  war  die  Kritik  der  Werttheorie 
von  Marx  frappant. 

Ein  wahres  Vergniigen  waren  mir  die  Betrachtungen  iiber 
die  Philosophie  der  absolutenKonzentration  im  letztenHeft1. 
Das  Heimweh  nach  Deutschland  hat  seine  problematischen 
Seiten;  Heimweh  nach  der  weimarer  Republik  (und  was 
ware  diese  Philosophie  sonst?)  ist  einfach  tierisch.  Die  An- 
spielungen  auf  Frankreich  im  Text  hauen  in  die  Kerbe  eigen- 
ster  Erfahrungen  und  Reflexion  en.  Ich  habe  in  meinem  letz- 
ten  Literaturbericht  an  Max  ein  Lied  davon  singen  konnen. 
Wie  der  Wind  weht,  davon  mag  Sie  das  eine  Fait  divers  un- 

808 


terrichten,  daB  die  Zeitung  der  hiesigen  Zweigstelle  der  Par- 
tei  neuerdings  im  [Hotel]  Littre  ausliegt.  Ich  stieB  auf  sie,  als 
ich  Kolisch2  besuchte.  Ich  horte  seinen  Quartettabend  und  hatte 
vor  seiner  Abreise  noch  eine  angenehme  Stunde  mit  ihm.  [. . .] 
Bei  der  gleichen  Gelegenheit  sah  ich  iibrigens  Soma  Morgen- 
stern3,  der  sich  in  der  letzten  Minute  aus  Wien  gerettet  hat. 

Wenn  es  Ihnen  entbehrlich  ist,  wiirde  ich  das  Buch  von 
Hawkins4  gern  einsehen.  Einer  Beziehung  von  Poe  zu  Comte 
nachzugehen,  ware  bestimmt  verlockend.  Von  Baudelaire  zu 
ihm  gibt  es  meines  Wissens  keine,  so  wenig  wie  eine  von 
Baudelaire  zu  Saint- Simon.  Comte  dagegen  ist  eine  Zeitlang, 
als  er  ungefahr  zwanzig  Jahre  war,  disciple  attitre  von  Saint  - 
Simon  gewesen.  Er  hat  u.  a.  die  Mutter- Spekulation  von  den 
Saint- Simonisten  lib ernommen,  ihnen  abereinpositivistisches 
cachet  gegeben  -  mit  der  Behauptung  sich  hervortuend,  die 
Natur  werde  es  dahin  bringen,  in  der  Vierge-mere  das  weib- 
liche  Wesen,  welches  sich  selbst  befruchtet,  hervorzubringen. 
Vielleicht  interessiert  es  Sie,  daB  Comte  beim  Staatsstreich 
vom  2.  September  nicht  minder  prompt  umfiel  als  die  Pariser 
Schongeister.  Dafur  hatte  er  vorher  in  seiner  Menschheits- 
religion  einen  Jahrestag  vorgesehen,  der  der  feierlichen  Ver- 
fluchung  Napoleon  I.  gewidmet  war. 

Da  wir  gerade  bei  Biichern  stehen:  Sie  haben  mich  friiher 
auf  „La  nuit,  un  cauchemar"  von  Maupassant  hingewiesen. 
Ich  habe  gegen  12  Bande  seiner  Novellen  durchgesehen,  ohne 
den  Text  zu  finden.  Konnen  Sie  mir  mitteilen,  wie  es  darum 
bestellt  ist?  Eine  nicht  minder  dringende  Bitte:  mir,  falls  Sie 
vom  Kierkegaard  noch  ein  verfiigbares  Exemplar  haben,  die- 
ses zu  schick en.  Leihweise  die  „Theorie  des  Romans"  [von 
Georg  Lukacs]  zu  erhalten,  ware  mir  ebenfalls  sehr  willkom- 
men. 

Ich  hdre  mit  Traurigkeit,  auch  von  Kolisch,  was  Ihre  Eltern 
durchgemacht  haben.  Hoff  entlich  sind  sie  mittlerweile  gliick- 
lich  entronnen. 

Mit  schonstem  Dank  bestatige  ich  den  Empfang  des  Hauff. 
Felicitas  schreibe  ich  in  der  nachsten  Woche. 
Herzlichst  Ihnen  und  ihr 

Ihr  Walter 


809 


1  Max  Horkheirner:  Die  Philosophic  der  absoluten  Konzentration,  in: 
Zeitschrift  fur  Sozialforschung  7  (1938),  S.  376-587. 

2  Rudolf  Kolisch,  bedeutender  Musiker,  Primarius  des  Kolisch-Quar- 
tetts,  Schwager  von  Arnold  Schonberg. 

3  Soma  M  org  ens  tern,  Dr.  jur.,  Schriftsteller.  In  Polen  geboren,  lebte 
Morgenstern  nach  dem  ersten  Weltkrieg  in  Wien  und  schrieb  fiir  die 
Frankfurter  Zeitung.  Er  war  befreundet  mit  Alban  Berg  und  Joseph 
Roth.  Er  emigrierte  iiber  Paris  nach  New  York. 

4  Richmond  Laurin  Hawkins:  Positivism  in  the  United  States  (1853 
bis  1861).  Cambridge,  Mass.,  1938. 


311     An  Gerhard  Scholem 

Paris,  8.  April  1939 

Lieber  Gerhard, 

Das  Grim  der  Hoffnung  durchwirkt  Deinen  Brief  so  sparsam 
wie  das  diesen  kalten  Friihlings  die  StraBen  von  Paris.  Desto 
praziser  die  winterlichen  Ausblicke  zwischen  Deinen  Zeilen. 
Ich  war  niemals  ein  Feind  der  Klarheit,  und  ich  bin  es  am 
wenigsten  jetzt,  wo  ich  mit  den  Jahren  einen  genauen  Begriff 
von  dem  zu  haben  glaube,  womit  ich  meinen  Frieden  machen 
kann  und  auch  von  dem,  womit  ich  das  nicht  im  Sinne  habe. 
Dafi  auch  diese  zweite  Seite  der  Alternative  vertreten  sei 
—  diese  Bedeutung  hatte  es,  dafi  mein  Brief  vom  14ten  Marz 
von  einer  bestimmten  Summe  sprach  -  keine  andere. 

Eben  die  Umstande,  die  meine  europaische  Situation  so 
sehr  bedrohen,  werden  meine  Ubersiedlung  nach  den  U.S.A. 
wohl  unmoglich  machen.  [.  .  .] 

Auf  ein  hilfsbereites  Interesse  bin  ich  hier  in  Paris  bei 
Hannah  Arendt  gestofien.  Ob  ihre  Bemuhungen  zu  irgend- 
etwas  fiihren,  steht  dahin. 

Du  wirst  vielleicht  verstehen,  dafi  mir  gegenwartig  Arbei- 
ten,  die  auf  das  Institut  ausgerichtet  sind,  schwer  fallen. 
Wenn  Du  dazu  nimmst,  dafi  Umarbeitungen  ohnehin  einen 
geringeren  Reiz  haben  als  das  neu  in  Angriff  genommene, 
wirst  Du  begreifen,  dafi  die  Umformulierung  des  Flaneur- 

810 


Kapitels  langsam  vom  Fleck  riickt.  Ich  hoffe,  daB  es  sich  als 
gliicklich  erweisen  wird,  wenn  der  geplante  Text  eingrei- 
f ende  Veranderungen  aufweist.  Vielleicht  wird  in  ihrem  Ge- 
folge  auch  det  habitus  des  Flaneurs  in  Baudelaires  Person 
selber  jene  Plastizitat  bekommen,  die  Du  im  vorliegenden 
Text  wohl  mit  Recht  vermissest.  Dazu  wird  die  Problematik 
des  „Typs"  in  einem  philosophisch  exponiertern  Sinne.ent- 
wickelt  werden.  Endlich  wird  das  groBe  Gedicht  Les  sept 
vieillards,  dem  sich  iioch  keine  Interpretation  je  zugewendet 
hatte,  eine  iiberraschende,  doch,  wie  ich  hoffe,  iiberzeugende 
Auslegung  erfahren. 

In  der  Tat:  Deine  Einwande  beriihren  sich  da,  wo  Du  es 
vermutest,  mit  denen  von  Wiesengrund.  Ich  bin  nicht  weit 
davon  entfernt  zu  gestehen,  daB  ich  sie  provozieren  wollte. 
Die  Gesamtkonzeption  des  „ Baudelaire"  —  die  freilich  bisher 
nur  in  einem  Entwurf  vorliegt  —  weist  eine  philosophische 
Bogenspannung  von  groBem  AusmaB  auf.  Mit  ihr  eine 
schlichte,  ja  hausbackene  Methode  der  philologischen  Aus- 
legung zu  konfrontieren,  war  eine  groBe  Versuchung  fur 
mich  gewesen,  der  ich  im  zweiten  Teil  stellenweise  nachgege- 
ben  habe.  In  diesem  Zusammenhange  will  ich  anmerken,  daB 
Deine  Vermutung,  die  Stelle  iiber  die  Allegorie  sei  absicht- 
lich  verschlossen  gehalten,  zu  Recht  besteht. 

Von  der  Bitte,  mir  das  Manuscript  sob  aid  als  moglich  zu- 
riickzusenden,  konnte  ich  nur  dann  absehen,  wenn  Du  mich 
mit  dem  deutschen  oder  franzosischen  Manuscript  deiner  Ab- 
handlung  iiber  jiidische  Mystik  entschadigen  wiirdest1.  Du 
kannst  Dir  denken,  wie  sehr  mir  am  Studium  dieses  Textes 
gelegen  ware.  Beiliegend  das  Brecht-Sonnet  zur  Versohnung. 
(Das  vorletzte  Wort  der  zweiten  Zeile  lautete  in  der  ersten 
Fassung,  die  ich  Dir  auswendig  sagte  2,  wie  Du  Dich  erinnern 
wirst,  abweichend). 

Gern  wiirde  ich  von  dem  Eindruck  wissen,  den  die'  „Rahel 
Varnhagen"  auf  Dich  gemacht  hat.  In  einigem  Ab stand  in- 
teressiert  mich  auch,  ob  Dir  einmal  der  Roman,  „der  Sohn 
des  verlorenen  Sohns"  zu  Gesicht  gekommen  ist,  den  Soma 
Morgenstern  1935  bei  Erich  Reisz  hat  erscheinen  lassen. 
Wenn  das  der  Fall  ist,  so  laB  mich  doch  wissen,  was  Du  von 

811 


dem  Buche  mein&t  Sein  Verfasser,  der  Schwiegersohn  von 
Heinrich  Simon,3  kreuzte  in  Frankfurt  in  friihern  Jahren 
meinen  Weg.  Nun  begegnete  ich  ihm  wieder;  er  hatte  Wien 
noch  eben  zur  Zeit  verlassen.  Das  Buch  ist  der  erste  Band 
einer  Trilogie,  von  der  der  zweite  im  Manuscript  vorliegt. 
Dir  und  Deiner  Frau  die  herzlichsten  GriiBe 

Dein  Walter 

1  Die  fiir  ein  jiddisches  Handbuch  ,/The  Jews",  unter  Herausarbeitung 
der  sozialen  Bedeutung  dieser  Bewegung?  abgefafit  war;  New  York 
1939,  vol.  II,  col.  211-254. 

2  Die  gedruckte  Fassung  bringt  nur  das  blassere  Verbum. 

3  S.M.  war  mit  Inge  von  Klenau,  der  Nichte  von  H.  S.,  verheiratet. 


312     An  Bernard  Brentano 

Paris,  22.  4.  39 

Lieber  Brentano, 

herzlichen  Dank  fiir  Ihren  Brief.  Mir  war  es  audi  wichtig, 
daB  wir  uns  gesprochen  haben.  Wenn  nicht  Kriegs-  oderFrie- 
densliifte  die  letzten  Faden  des  deutschen  Altweibersommers 
zerreiBen,  der  uns  gemeinsam  war,  so  werden  wir  das  Ge- 
sprach  ja  wohl  wieder  aufnehmen  —  beide  wissender. 

Fiir  Ihre  Bemiihung  um  den  Spitteler  vielen  Dank.  Wenn 
ich  zwischen  150  und  175  frz  frcs  dafiir  erhalte,  so  erscheint 
mir  das  angemessen,  Ich  schicke  Ihnen  das  Buch  dieser  Tage, 
mit  dem  Winkler l. 

Wenn  Sie  sagen  wollen,  daB  Winkler  in  seiner  Generation 
unter  den  Vereinzelten  ist,  die  wollen,  daB  nicht  alles,  worum 
es  der  meinen  ging,  verloren  sei,  so  pflichte  ich  Ihnen  bei. 
Nur  ist  das  winklersche  Denken  mir  substantiell  nicht  ein- 
deutig.  Vielmehr  scheint  mir  an  ihm  iiberaus  deutlich  zu 
werden,  dafi  die  Erfahrungen  der  heutigen  Menschen  sich 
idealistisch  nicht  mehr  behandeln  lassen,  ohne  daB  Material 
und  Moral  der  Erkenntnis  zu  schaden  kommen.  Winkler  geht 

812 


idealistisch  vor.  Und  unversehrt  scheint  mir  da  im  Grunde 
nur  das  Niveau  zu  bleiben. 

Schadenkonnte  entstehen,  wie  mir  scheinen  will.  Denn  die- 
ses Denken  kreist  in  der  Tat  nicht  urn  das  Erste  Beste.  (Ich 
sage  das  obwohl  ich  Autoren  wie  Giono  oder  der  Kunstge- 
werblerin  Langgasser  mit  allem  Vorbehalt  gegeniiber  stehe.) 
Wenn  es  etwas  gibt,  worin  ich  ein  passionierendes  Bemuhen 
erkenne,  Funde  festzuhalten,  die  das  Festhalten  wirklich  loh- 
nen,  so  ist  es  in  der  Vorstellung  von  der  Erf  ahrung  selbst,  die 
bei  Winkler  ins  Spiel  gemischt  ist.  Im  Essay  iiber  Jiinger  ge- 
fallt  mir  die  Supposition,  kraft  deren  an  die  „Stelle  des  Er- 
kennens,  bei  dem  der  Denkende  sich  zur  Wirklichkeit  von 
Anfang  an  in  einem  Verhaltnis  der  Aktivitat  befindet,  .  .  . 
das  Erfahren  als  ein  Zustand  der  Passivitat"  tritt.  Gerade  in 
dem,  was  er  iiber  Jiinger  schreibt,  scheint  mir  aber  diese  Pas- 
sivitat nicht  zu  walten  und  die  Erf  ahrung  nicht  zu  Worte 
gekommen  zu  sein.  Ich  glaube  nicht,  daB  er,  ohne  sich  Gewalt 
anzutun,  mit  der  grobschlachtigen  Metaphysik  von  Jiinger 
seinen  Frieden  hat  machen  konnen.  (Dabei  habe  ich  nichts 
gegen  die  Metaphysiker.  Sie  sind  die  wahren  Troubadoure 
der  sproden  Vernunft.  Aber  Jiinger  fiihrt  sich  ihr  gegeniiber 
wie  ein  Landsknecht  auf .) 

Sehr  erfreulich  ist  die  Arbeit  iiber  Holderlin.  Man  miiBte 
ihr  Verhaltnis  zu  [Wilhelm]  Michels  Schrift  „Holderlins 
abendlandische  Wendung"2  ins  Auge  fassen.  Bei  weitem  am 
lichtvollsten  scheint  mir  der  erste  George- Essay,  von  dem  der 
Herausgeber  etwas  abriickt.  Vielversprechend  die  richtig  ge- 
setzten  Zeilen  iiber  Paul  Valery. 

DaB  iiber  die  Umstande  von  Winklers  Tod  aus  dem  Nach- 
wort  nichts  hervorgeht,  vermisse  ich.3  Vielleicht  liegen  poli- 
tische  Motive  der  Tat  zu  Grunde,  vielleicht  erotische.  (Der 
Aufsatz  iiber  Platen  spricht  nicht  dafiir,  daB  sein  Autor  in- 
vertiert  gewesen  sei;  aber  da  ist  die  kleine  Anzeige  der  Ge- 
dichte  von  Appel.)  Aufschliisse  in  dieser  Richtung  waren  mir 
wiinschbar,  um  das  [Bild]  des  Verfassers  genauer  ins  Blick- 
f eld  zu  bekommen.  Soviel  scheint  mir  klar  zu  liegen,  daB  er 
weit  entfernt  war,  mit  sich  im  Reinen  zu  sein. 

An  meinen  Verhaltnissen  hat  sich  bis  dato  nichts  geandert; 

813 


das  heiBt  ich  lebe  in  Erwartung  einer  iiber  mich  hereinbre- 
chenden  Ungliicksbotschaft.  Bis  dahin  habe  ich  mein  Aus- 
kommen;  nur  vorsorgen  kann  ich  nicht.  Wenn  die  Zwischen- 
zeit  larig  genug  ist,  um  Ihre  Aktion  in  Basel  zum  Ausreifen 
zu  bringen,  so  will  ich  mir  Gliick  wimschen.  Ihnen  danken 
will  ich  in  jedem  Fall,  sie  in  die  Wege  geleitet  zu  haben. 

Brecht  hat  sich,  vermutlich  nur  schweren  Herzens,  ent- 
schlossen,  das  Haus  auf  Fiinen  aufzugeben.  Es  wird  wohl  so 
richtig  gewesen  sein,  denn  in  Danemark  diirften  die  Wahlen 
im  Sommer  einige  Unruhe  mit  sich  fuhren.  Brecht  bermiht 
sich,  nach  Schweden  hereinzukommen.  (Indessen  mobilisiert 
man  dort,  wie  ich  gestern  horte.) 

Ich  bin  bei  einem  Abschnitt  meines  Buchs  iiber  Baudelaire, 
der  es  mit  dem  Spektrum  des  MiiBiggangs  in  der  biirgerlichen 
Gesellschaft  zu  tun  hat.  Er  unterscheidet  sich  sehr  markant 
von  der  „MuBe"  in  der  feudalen,  die  den  Vorzug  hat,  von  der 
vita  contemplativa  auf  der  einen,  von  der  Representation  auf 
der  andern  Seite  flankiert  zu  sein.  Baudelaire  ist  der  profun- 
deste  Praktiker  des  MiiBiggangs  in  jener  Epoche,  da  aus  die- 
ser  Haltung  heraus  noch  Entdeckungen  zu  machen  waren. 

Lassen  auch  Sie  wieder  von  sich  horen. 

Mit  herzlichem  GruB,  auch  Ihrer  Frau 

Ihr  Walter  Benjamin 

1  Eugen  GottloL  Winkler:  Gestalten  und  Protleme.  Dessau  1937,  u. 
ders. :  Dichter.  Axbeiten.  Dessau  1937. 

2  Jena  1923. 

3  Er  nahm  sich  im  Oktober  1936  das  Leben. 


313     An  Adrienne  Monnier 

Paris,  29.  Avril  1939 

Chere  amie, 

Void  la  reponse  qui  me  parvient  a  l'instant  de  Pontigny.  Le 
nom  de  Tinstitution  en  question  est:  caisse  des  recherches 
scientifiques. 


814 


Je  vous  confie,  ci-joint,  une  copie  de  mon  texte  pour  la 
communiquer  a  Valery.  Pour  y  inscrire  un  hommage,  j'etais 
hesitant.  Si  vous  le  jugez  a  propos,  je  le  ferai.  En  ce  cas  je 
vous  prie  d'apporter  le  cahier  a  notre  prochain  rendez-vous 
que  j'espere  imminent. 

Peut-etre  serait-il  utile  que  nous  nous  revoyons  avant  votre 
visite  chez  Valery.  J'ajoute,  a  toutes  fins  utiles,  ceci:  ladite 
caisse  des  recherches  a  obtenu,  a  ce  qu'on  m'a  dit,  des  fonds 
de  la  part  de  l'Alliance  Israelite  Universelle  pour  qu'elle  soit 
en  mesure  de  venir  en  aide  a  certains  savants  juifs.  Cela  peut 
avoir  son  importance  puisque  Sylvain  Levy  qui  presidait 
l'Alliance  jusqu'a  sa  mort  m'a  juge  digne  d'une  subvention 
de  la  part  de  son  organisation.  Cela  etait  en  1934;  les  fonds 
respectifs  de  l'Alliance  n'etaient  pas  encore  joints  a  la  caisse 
des  recherches. 

Voulez-vous  telephoner  lundi  matin? 

Sincerement  a  vous. 

Walter  Benjamin. 


314     AnKarlThieme 

Paris,  8.  Juni  1939 

Lieber  Herr  Thieme, 

iiber  die  Nachricht,  die  Sie  mir  von  dem  ungewohnlichen 
Erfolg  Ihres  Buches1  geben  konnten,  habe  ich  mich  sehr  ge- 
freut.  Inzwischen  habe  ich  es  gelesen,  und  es  liegen  mir  nun 
zumindest  einige  Ursachen  dieses  Erfolges  klar  vor  Augen. 
Sie  haben  in  der  Darstellung  eine  sehr  gluckliche  Hand  ge- 
habt.  Die  denkbar  sprodeste  Form  haben  Sie  bewaltigt  und 
zwar  indem  Sie  zum  Unterschied  von  den  Dilettanten,  die 
sich  in  der  Form  des  Gesprachs  versuchen,  diese  Sprddigkeit 
nicht  vertuscht  haben.  Gehe  ich  fehl  in  der  Annahme,  daB 
Sie  die  Technik  der  Soirees  de  Saint- Petersbourg  studiert 
haben? 

Gerade  indem  Sie  auf  jedes  anekdotische  Detail  verzich- 
teten,  konnten  Sie  dieser  Form  eine  hohere  Urbanitat  ab- 


815 


gewinnen,  die  Ihnen  auBerordentlich  zu  gute  kommt.  Die 
Popularitat,  die  Sie  vielfach,  besonders  im  adolescens -Kapitel 
und  stets  ohne  Konzessionen  erreichen,  wird  an  Ihrem  Erfolg 
Anteil  haben.  Die  Konfrontierung  der  Dominikaner  mit  den 
Franziskanern,  besonders  aber  die  Verhandlung  der  Streit- 
sache  zwischen  Jesuiten  und  Jansenisten  scheinen  mir  mei- 
sterhaft. 

Vielleicht  ist  die  Urbanitat  bei  Ihnen  nur  die  Kehrseite 
des  Muts,  wie  das  garnicht  selten  ist.  Es  ist  fur  mich  ein 
asthetisches  Schauspiel  hohen  Ranges,  wie  sich  in  Ihrem  Buch 
die  politische  und  theologische  Kiihnheit  die  Wage  halten. 
Die  eschatologischen  Spekulationen  des  SchluBabschnitts  sind 
echte  Theologie,  wie  man  ihr  heute  wohl  nicht  mehr  oft 
begegnet.  (Ich  habe  bei  der  Lektiire  Ihres  Buches  bedauert, 
Barth  nicht  zu  kennen,  um  mir  von  dem  Verhaltnis  Ihrer 
Denkweise  zur  dialektischen  Theologie  Rechenschaft  geben 
zu  konnen.  Mein  Gefiihl  sagt  mir,  daB  die  Opposition  fast 
durchgehend  sein  muB.)  Wenn  ich  den  theologischen  Ent- 
wicklungen  gegeniiber  mich  mit  der  aufmerksamen  Rezep- 
tion  begniigen  muB,  so  ist  mein  Anteil  an  den  politischen 
Intentionen  Ihres  Buches  natiirlich  ein  sehr  spontaner.  Ihren 
Ausfiihrungen  iiber  die  Unzuliinglichkeit  der  privaten  Heili- 
gung  gebe  ich  auf  dem  Wege  zu  Ihrer  Leserschaft  meinen 
herzlichen  Reisesegen.  Die  unmittelbar  politischen  Dar- 
legungen  scheinen  mir  nicht  alle  von  Problematik  frei  und 
besonders  in  der  Stelle  iiber  die  franzosische  Revolution 
scheint  mir  eine  zu  gewagte  Abbreviatur  zu  stecken.  Ich 
wenigstens  zweifle,  ob  man  die  GroB bourgeoisie  wirklich  als 
die  urspriinglicheMandantinderBewegung  bezeichnen  kann. 
DaB  der  Vertrieb  des  Buches  nicht  scfton  auf  Grund  der 
Bemerkung  iiber  das  Volk  -  ich  meine  die  ausgezeichnete 
Alternative  auf  p  41  -  ist  unterbunden  worden,  dahinter  ist 
man  beinah  versucht,  eine  Sabotage  bei  der  Zensurbehorde 
zu  wittern.  (Solche  Mbglichkeiten  sind  nicht  unbedingt  aus- 
geschlossen.)  Der  Exkurs  iiber  die  mit  Heuchelei  erkaufte 
„Sicherheit"  und  das  „immer  weiter  mitgerissen  werden"  ist 
etwas  mehr  getarnt  aber  nicht  minder  eindrucksvoll. 

Ich  habe  Lion  auf  Grund  meiner  Lektiire  noch  einmal  an 


816 


Ihr  Buch  erinnert  und  mochte  annehmen,  daB  die  Sache  auf 
gutem  Wege  ist.  In  der  nachsten  Nummer  von  „MaB  und 
Wert"  finden  Sie  von  mir  einen  (anonymen)  Aufsatz  iiber  die 
Dramaturgie  von  Brecht2. 

Die  erbetenen  Photographien  werden  inzwischen  in  Ihren 
Handen  sein. 

Ich  schlieBe  mit  den  herzlichsten  GriiBen 

Ihr  Walter  Benjamin 
PS  Bedeutet  es  einen  negativen  Bescheid,  daB  ich  iiber  das 
Buch  von  Munch  bisher  nichts  vernahm  ? 

1  „Am  Ziel  der  Zeiten?",  1939. 

2  „Was  ist  das  epische  Theater?".  Jetat  Schriften  II,  S.  259-267. 


31 5     An  Bernard  Brentano 

Paris,  16.  Juni  1939 
Lieber  Brentano, 

Ihr  schoner  Satz  „sagen  lassen  sich  die  Menschen  nichts,  aber 
erzahlen  lassen  sie  sich  alles"  bringt  mich  darauf,  Ihnen  als 
Gegengabe  fur  den  schbnen  Auswahlband  eine  kleine  Be- 
trachtung  iiber  den  Erzahler  zu  schicken.  Ich  habe  sie  vor 
ein  paar  Jahren  veroff entlicht ;  sie  wird  Ihnen  schwerlich 
untergekommen  sein. 

Kellers  Gedichte  liebe  ich  sehr,  und  seit  jeher! 

Lassen  Sie  sich  wieder  einmal  ausfuhrlicher  vernehmen? 
Die  freundlichsten  GriiBe  Ihr  Walter  Benjamin 


817 


316     An  Margarete  Steffin 

[Juni  1959?] 

Liebe  Grete, 

seit  vierzehn  Tagen  bin  ich  aus  meiner  burgundischen 
Cistercienserabtei  zuriick.  Der  Aufenthalt  dort,  so  nutzlich  er 
mir  dairk  der  wundervollen  Bibliothek  gewesen  ist,  war  von 
diesem  Gewinn  abgesehen,  im  buchstab  lichen  und  jedem 
andern  Sinn  verregnet.  Es  waren  zudem  keine  Leute  da,  an 
die  man  sich  halten  konnte.  Oder  sollte  es  welche  gegeben 
haben,  so  kamen  sie  infolge  der  Atmosphare  nicht  zur  Gel- 
tung.  Dieses  letzte  diirfte  bei  einer  Frau  Stenbock-Fermor 
der  Fall  gewesen  sein.  Brecht  wird  sich  des  Namens  von 
ihrem  Mann  her  vielleicht  entsinnen.  Er  hat  kurz  vor  Hitler 
eine  kommunistische  Reportage  iiber  die  Lebensverhaltnisse 
der  Bergarbeiter  verbffentlicht1. 

In  der  Gegend  der  Abtei  waren  zwei  Dutzend  spanische 
Legionare  einquartiert.  Ich  hatte  mit  ihnen  keine  Fuhlung; 
aber  die  Frau  Stenbock-Fermor  hielt  Kurse  bei  ihnen  ab.  Da 
sie  sich  sehr  fur  Brechts  Sachen  interessierte,  so  habe  ich  ihr 
nach  meiner  Riickkunft  „Furcht  und  Zittern"  2  [sic]  auf  ein 
paar  Tage  geschickt  und  sie  hat  den  spanischen  Brigadiers 
(es  waren  meist  Deutsche  und  Osterreicher)  daraus  vorge- 
lesen.  „Den  groBten  Eindruck"  schreibt  sie  mir  „machte  auf 
sie  das  Kreidekreuz,  der  Entlassene,  Arbeitsdienst  und  Stunde 
des  Arbeiters  und  alles  wurde  echt  und  einfach  empfunden." 

Wenn  Sie  diese  Zeilen  erhalten,  werden  Sie  wohl  schon 
wissen  —  denn  Stockholm  wird  doch  literarisch  besser  als 
Svendborg  versorgt  sein  -  daB  in  den  Juni-Nummern  der 
Nouvelle  Revue  Francaise  Stiicke  aus  dem  Zyklus  in  der 
Ubersetzung  von  Pierre  Abraham  erschienen  sind;  im  Gan- 
zen  wohl  sechs  oder  sieben.  Ich  konnte  bisher  nur  eben  auf 
der  Bibliothek  hineinsehen.  Mir  scheint  die  Ubersetzung 
recht  gut  gelungen.  Die  Nouvelle  Revue  Francaise  macht 
eine  kurze  einfaltige  FuBnote.  Brecht  sei  der  Dichter  der 
opera  de  quatre  sous  und  der  sept  p^ches  capitaux. 

Jetzt  noch  ein  Wort  zu  meinen  Gedichtkommentaren3.  Sie 


818 


werden  ganz  und  gar  nicht  in  „MaB  und  Wert"  erscheinen; 
vielmehr  habe  ich  fiir  diese  Zeitschrift  sogleich  nachdem  Sie 
mir  die  Nachricht  von  dem  Verschwinden  des  „Wortes"  ge- 
geben  hatten,  einen  neuen  Essay  iiber  die  Dramaturgie  von 
Brecbt  gescbrieben4.  Er  diirfte  in  ganz  kurzer  Zeit  erschei- 
nen.  Was  die  Kommentare  angeht,  so  liegt  mir  natiirlich 
daran,  daB  sie  erscheinen  sehr.  Konnte  mir  Brecht  den  Ge- 
f alien  erweisen,  sie  von  sich  aus  an  die  Internationale  Lite- 
ratur  zu  sen  den,  so  ware  mir  das  sehr  lieb.  Ich  denke  nicht 
so  sehr  daran,  daB  er  dies  als  Verfasser  der  im  Kommentar 
behandelten  Gedichte  tate  denn  im  Namen  der  Redaktion 
des  Wort  bei  deren  Manuscripten  sich  mein  Aufsatz  befindet. 
(Ich  spreche  figiirlich,  denn  ich  habe  kein  Manuscript  an 
Erpenbeck  sondern  nur  eines  an  Sie  gesandt.)  Wie  dem  auch 
sei,  Brecht  steht  in  Verbindung  mit  der  Internationalen 
Literatur  und  mir  fehlt  sie.  Fiir  Brecht  ist  es,  denke  ich,  ein 
Leichtes,  anzufragen,  ob  solche  Kommentare  die  Leute  inter- 
essieren.  Wenn  er  sie  dann  nicht  selbst  einsenden  will,  so 
kann  er  die  Redaktion  doch  gewiB  veranlassen,  sie  von  mir 
anzufordern.  Wenn  jetzt  der  Gedichtband  erscheint5,  so  er- 
leichtert  das  alles,  wahrend  mir  eine  Initiative  aus  eignen 
Stiicken  bei  der  Internationalen  Literatur  recht  schwer  fallt. 
Bitte  schreiben  Sie  mir  dariiber. 

Vom  Baudelaire  ist  derzeit  leider  nichts  zu  berichten.  Die 
Newyorker  haben  eine  Umarbeitung  verlangt.  Das  Manu- 
script lage  in  umgearbeiteter  Gestalt,  von  der  ich  glaube,  daB 
sie  entscheidende  Verb  ess  erungen  mit  sich  fuhrt,  wahrschein- 
lich  langst  fertig  vor,  wenn  meine  Arbeitsbedingungen  nicht 
so  unbeschreiblich  ungiinstig  waren.  Ich  bin  garnicht  iiber- 
maBig  larmempfindlich,  aber  ich  muB  standi g  unter  Bedin- 
gungen  existieren,  in  denen  ein  wirklich  larmempfindlicher 
Mensch  in  Jahren  auch  nicht  eine  Zeile  aufs  Papier  brachte. 
Jetzt  im  Sommer,  wo  ich  mich  auf  meiner  Terrasse  auf  einige 
Zeit  vorm  Getose  des  Fahrstuhls  sichern  konnte,  hat  sich  auf 
einem  ihr  gegenuberliegenden  Balkon  (und  Gott  weiB  wie 
schmal  die  StraBe  ist)  ein  Nichtsnutz  von  Maler  etabliert,  der 
den  ganzen  Tag  vor  sich  hinpfeift.  Ich  sitze  oft  mit  Wagen- 
ladungen  von  Beton,  Paraffin,  Wachs  usw.  in  den  Ohren  da, 

819 


aber  es  hilft  nichts.  Soviel  also  vom  Baudelaire,  der  freilich 
nun  unbedingt  vorwarts  kommen  muf3. 

Wie  immer,  wenn  eine  Arbeit  sehr  dringlich  wird,  habe 
ich  Allotria  vorgenommen.  Ich  habe  zur  150-Jahr-Feier  der 
franzosischen  Revolution  eine  kleine  Montage  —  ganz  in  der 
Art  meines  Briefbuches  —  gemacht,  die  die  Wirkung  der 
franzosischen  Revolution  auf  die  zeitgenossischen  deutschen 
Schriftsteller  und  auch  noch  auf  eine  spatere  Generation,  bis 
1830,  zeigen  soil.  Dabei  bin  ich  wieder  auf  einige  jener  Tat- 
bestande  geraten,  die  von  der  deutschen  Literaturgeschichte 
durch  hundert  Jahre  planmaflig  verschleiert  wurden.  Stellen 
Sie  sich  mein  Erstaunen  vor  als  ich,  bei  genauer  Lektiire  f  est- 
stellte,  daB  von  den  beiden  Banden  Oden,  die  es  von  Klop- 
stock  gibt,  der  zweite,  der  die  spat  era  entha.lt,  sich  in  einem 
Fiinftel  samtlicher  Stiicke  mit  der  franzosischen  Revolution 
beschaftigt. 

Ich  komme  wenig  unter  Leute;  wenn  ich  schon  nicht 
schreibe,  so  geht  doch  der  Tag  liber  den  Versuchen  dazu  hin. 
So  habe  ich  auch  Dudow  lange  nicht  gesehen;  horte  aber 
gestern  von  Kracauer,  daB  es  ihm  nicht  gut  geht. 

Schrieb  ich  Ihnen,  daB  ich  das  Geheimnis  der  Tabakpack- 
chen  ergriindet  zu  haben  glaube?  Sie  diirfen  nicht  verschnurt 
sein.  Dagegen  passieren  sie  als  Muster  ohne  Wert  wenn  Sie 
sie  im  Kuvert  (mit  einer  Stift-Klammer)  schicken.  Wollen 
Sie  es  wieder  einmal  versuchen?  Ich  wiirde  mich  damit 
freuen. 

Lernen  Sie  brav  schwedisch?  Schreiben  Sie  bald!  Mit  herz- 
lichem  GruB  an  Sie  und  Brecht 

Ihr  Walter  Benjamin 
PS  Karl  Kraus  ist  denn  doch  zu  friih  gestorben.  Horen  Sie: 
die  Wiener  Gasanstalt  hat  die  Belieferung  der  Juden  mit 
Gas  eingestellt.  Der  Gasverbrauch  der  judischen  Bevolkerung 
brachte  fur  die  Gasgesellschaft  Verluste  mit  sich,  da  gerade 
die  groBten  Konsumenten  ihre  Rechnungen  nicht  beglichen. 
Die  Juden  benutzten  das  Gas  vorzugsweise  zum  Zweck  des 
Selbstmords. 

PPS  Ich  habe  jetzt  die  „Versuche"  vollstandig  bis  15/16  - 
mir  fehlt  nur  das  Heft  mit  dem  „DreigroschenprozeB"  etc. 

820 


Konnten  Sie  mir  das  von  Brecht  erschnappen??  Und  konnten 
Sie  mir  sagen,  ob  es  einen  Druck  der  „Spitzkopfe"  in  den 
„Versuchen"  gibt6?  Uberhaupt,  was  nach  15/16  erschienen? 

i  Alexander  Graf  Stenbock-Fermor,  „Meine  Erlebnisse  als  Bergarbei- 
ter",  1929. 

2  „Furcht  und  Elend  desDrittenReiches".  Damals  nur  hands cbriftlich 
bekannt. 

3  Erst  postum  veroffentlicht,  „Schriften"  II,  351-572. 

4  „Was  ist  das  epische  Theater?". 

5  „Svendborger  Gedichte",  London  1939. 

6  „Versuche"  Heft  8  (Versuche  17);  1933  bereits  gesetzt,  wurde  aber 
nicht  mehr  gedruckt  und  ausgeliefert. 


317     An  Gretel  Adorno 

Paris,  26.  Juni  1939 

Liebe  Felizitasr 

heute  will  ich  zum  „geliebten  Deutsch"  zuriickkeliren.  Wenn 
aber  mein  Brief  aus  Pontigny  ein  eigentliches  Verlangen 
nach  demFranzosischen  inDir  zuriickgelassen  hat,  so  wurdest 
Du  mir  eine  Freude  machen,  wenn  Du  zu  guter  Stunde  ein 
Exemplar  der  fleurs  du  mal  aufschlugest,  Dich  mit  meinen 
Augen  darinnen  umsahest.  Da  meine  Gedanken  nun  Tag  und 
Nacht  an  diesen  Text  fixiert  sind,  so  wiirden  wir  einander 
gewiB  begegnen. 

Was  nun  den  Niederschlag  dieser  Gedanken  angeht,  so 
wirst  Du  nicht  leicht  den  Baudelaire  vom  vorigen  Sommer  in 
ihnen  wiederfinden.  Das  Flaneurkapitel  —  es  ist  ja  dessen 
Ausarbeitung  allein,  die  mich  beschaftigt  -  wird  in  der  neuen 
Fassung  entscheidende  Motive  der  Reproduktionsarbeit  und 
des  Erzahlers,  vereint  mit  solchen  der  Passagen  zu  integrie- 
ren  such  en.  Bei  keiner  fruhern  Arbeit  bin  ich  mir  in  dem 
Grad  des  Fluchtpunkts  gewiBgewesen,  auf  welch  em  (wie  mir 
nun  scheint:  seit  jeher)  meine  samtlichen  und  von  divergen- 
testen  Punkten  ausgehenden  Reflexionen  zusammenlaufen. 

821 


Ich  habe  es  mir  nicht  zweimal  sagen  lass  en,  dafi  Ihr  es  audi 
mit  den  extremsten  meiner  dem  alten  Fond  entstammenden 
Uberlegungen  zu  versuchen  entschlossen  seid.  Eine  Ein- 
schrankung  bleibt  natiirlich:  es  ist  immer  nur  der  Flaneur, 
nicht  der  Gesamtkomplex  des  Baudelaire,  mit  dem  Ihr  es  zu- 
nachst  werdet  zu  tun  haben.  Auch  ohnedies  wird  dieses  Kapi- 
tel  weit  iiber  den  Umfang  des  vorjahrigen  „Flaneurs"  hin- 
ausgehen.  Da  es  jedoch  nun  seinerseits  in  drei  von  einander 
abgehobene  Teile  zerfallen  wird  -  die  Passagen,  die  Menge, 
der  Typ  —  so  wird  das  die  redaktionelle  Bewaltigung  des  Tex- 
tes  wohl  erleichtern.  Ich  bin  von  der  Abfassung  der  Rein- 
schrift  noch  weit  entfernt.  Aber  die  Epoche  der  langsamen 
Ausarbeitung  liegt  hinter  mir  und  es  vergeht  kein  Tag  ohne 
Niederschrift. 

Vor  kurzem  habe  ich  zu  meiner  Freude  die  Fahnen  von 
meiner  Rezension  des  tome  XVI  der  Encyclop^die'  francaise 
bekommen1.  Bei  dieser  Gelegenheit  ist  mir  wieder  das  allsei- 
tige  Schweigen  aufs  Herz  gefallen,  dem  meine  Besprechung 
von  Sternbergers  „ Panorama" 2  begegnet  ist.  Nicht  einmal 
Du  hast  es  gebrochen  als  Du  mir  letzthin  iiber  das  Buch  selbst 
schriebst.  (Die  schone  Photp-Sammlung  von  Allan  Bott  kenne 
ich.)  Ich  hatte  gedacht,  dafi  mein  Referat,  ganz  abgesehen 
von  seiner  kritischen  Ausrichtung,  in  den  Betrachtungen 
etwas  Neues  sagt,  die  der  Struktur  des  „Genre"  gewidmet 
sind.  Willst  Du  mir  dazu  nicht  etwas  schreiben? 

Einen  kleinen  literarischen  Sieg  verzeichne  ich.  Es  ist  zehn 
Jahre  her,  dafi  ich  auf  Veranlassung  der  Frankfurter  Zei- 
tung  einen  Aufsatz  „Was  ist  das  epische  Theater?"  schrieb. 
Er  wurde  damals,  nachdem  die  Fahnen  (die  ich  noch  besitze) 
bereits  gedruckt  waren,  auf  ein  Ultimatum  von  Diebold 
durch  Gubler  zuriickgezogen.  Jetzt  habe  ich  ihn,  mit  gering- 
fiigigen  Anderungen  in  „MaB  und  Wert",  die  eine  Debatte 
iiber  Brecht  eroffnen,  untergebracht.  Du  findest  ihn  in  der 
nachsten  Nummer. 

Meine  Sommerplane,  nach  denen  Du  Dich  erkundigst,  sind 
der  Frage  untergeordnet,  wann  mit  Schapiros3  Kommen  zu 
rechnen  ist.  Oder  ist  es  ein  langer  Auf  enthalt,  den  er  in  Paris 
zu  nehmenbeabsichtigt?  Dann  ware  die  Chance,  ihn  zu  sehen, 

822 


in  jedem  Fall  gegeben.  —  Ich  werde  dieses  Jahr  Frankreich 
nicht  verlassen  und  auch  Paris  keinesf  alls  bevor  die  Rohschrift 
des  „Flaneurs"  vollig  beendet  ist. 

Ob  nun  mein  Geburtstagswunsch  noch  zurecht  kommt? 
In  Wahrheit  bin  ich  nicht  weit  entfernt,  die  Abschrift  der 
Reproduktionsarbeit  als  diesen  anzusehen.  Damit  Du  aber 
nicht  denkst,  daB  fur  diese  ein  Termin  gelte,  will  ich  auch 
auf  ein  Biichlein  verwiesen  haben.  Ich  denke,  Du  machst  mir 
eine  Freude,  wenn  Du  mir  das  letzte  Buch  von  Robert  Drey- 
fus schenkst,  der  eben  gestorben  ist.  Er  war  ein  alter  Freund 
von  Proust;  betitelt  hat  er  es  „De  Monsieur  Thiers  a  Proust" 
und  es  stehen  viele  Geschichten  von  Madame  Straus  darin, 
welche  ich  mich  Euch  zu  berichten  gem  verpflichte. 

Das  Bild  von  Picasso,  nach  dem  Du  fragst,  habe  ich  nicht 
gesehen. 

GruBe  den  Teddie  herzlich  und  sei  zart  und  schon  gegniBt 

von  Deinem  Detlef 

1  Die  Rezension  ist  nicht  erschienen,  aber  als  Manuskript  erhalten. 

2  Auch  diese  -  vorhandene  -  Rezension  ist  bisher  unverbffentlicht 

3  Meyer  Schapiro,  Professor  fur  Kunstgeschichte  an  der  Columbia 
University  in  New  York. 


318     An  Theodor  W.  Adorno 

Paris,  6.  August  1939. 

Lieber  Teddie, 

ich  denke  Sie  mit  Felicitas  in  den  Ferien.  Vermutlich  werden 
Ihnen  diese  Zeilen  mit  einiger  Verspatung  zukommen,  und 
das  wird  dem  Baudelaire-Manuscript,  das  vor  einer  Woche 
an  Max  abging1,  Zeit  geben,  sie  einzuholen. 

Seien  Sie  mir  im  iibrigen  nicht  bbse,  wenn  diese  Zeilen 
mehr  einem  Stichwort-Register  als  einem  Brief  ahnlich  sehen 
sollten.  Nach  der  wochenlangen  rigorosenKlausur,  die  fiir  die 
Fertigstellung  des  Baudelaire-Kapitels  Bedingung  war,  und 

823 


unter  der  Einwirkung  des  greulichsten  Klimas  bin  ich  unge- 
wohnlich  abgekampft.  Aber  das  soil  mich  nicht  hindern, 
Ihnen  und  Felicitas  zu  sagen,  wie  sehr  auch  ich  mich  iiber 
die  Aussicht  auf  ein  Wiedersehen  freue.  (Ich  darf  nicht  ganz 
aus  dem  Auge  verlieren,  daB  zwischen  dieser  Aussicht  und 
der  Verwirklichung  noch  Schwierigkeiten  zu  iiberwinden  sein 
werden.  Wegen  des  Verkaufs  meines  Bildes  von  Klee  habe 
ich  Morgenroth  geschrieben ;  wenn  Ihr  ihn  seht,  vergeBt  nicht 
danach  zu  fragen.) 

So  wenig  das  neue  Baudelaire-Kapitel  noch  als  eine  >Um- 
arbeitung<  eines  der  Ihnen  bekannten  gelten  kann,  so  merk- 
lich  wird  Ihnen,  denke  ich,  die  Auswirkung  unserer  Korre- 
spondenz  iiber  den  Baudelaire  vom  vorigen  Sommer.  darin 
geworden  sein.  Vor  allemhabe  ich  es  mir  nicht  zweimal  sagen 
lassen,  wie  gern  Sie  den  panoramatischen  Uberblick  iiber 
die  Stoffkreise  fiir  eine  genauere  Vergegenwartigung  der 
theoretischen  Armatur  in  Kauf  gaben.  Und  wie  Sie  bereit 
seien,  die  Kletterpartie  zu  absolvieren,  die  die  Besichtigung 
der  hoher  gelegenen  Partien  dieser  Armatur  mit  sich  bringt. 

Was  das  oben  erwahnte  Stichwort-Register  angeht,  so  be- 
steht  es  in  dem  Verzeichnis  der  vielen  und  weitschichtigen 
Motive,  die  in  dem  neuen  Kapitel,  (verglichen  mit  dem  ihm 
entsprechenden  Flaneur-Kapitel  vom  vorigen  Sommer)  fort- 
geblieben  sind.  Diese  Motive  sind  natiirlich  nicht  aus  dem 
Gesamtkomplex  des  Baudelaire  zu  eliminieren;  es  sind  ihnen 
vielmehr  an  ihrem  Ort  eingehende  interpretative  Entwick- 
lungen  zugedacht. 

Die  Motive  der  Passage,  des  noctambulisme,  des  Feuille- 
tons,  sowie  die  theoretische  Einfuhrung  des  Begriffs  der 
Phantasmagorie  sind  dem  ersten  Abschnitt  des  zweiten  Teils 
vorbehalten.  Das  Motiv  der  Spur,  des  Typs,  der  Einfuhlung 
in  die  Warenseele  sind  dem  dritten  Abschnitt  zugedacht.  Der 
jetzt  vorliegende  mittlere  Abschnitt  des  zweiten  Teils  wird 
erst  zusammen  mit  dessen  erstem  und  dritten  Abschnitt  die 
vollstandige  Figur  des  „Flaneurs"  stellen. 

Den  Bedenken,  die  Sie  im  Brief  vom  1.  Februar  gegen  das 
Zitat  von  Engels  und  das  von  Simmel  formulierten,  habe  ich 
Rechnung  getragen;  freilich  nicht  durch  deren  Streichung. 

824 


Was  mir  an  dem  Zitat  von  Engels  so  wichtig  ist,  habe  ich 
diesmal  angegeben.  Ihr  Einwand  gegen  das  Simmel- Zitat 
schien  mir  von  vornherein  begriindet.  Es  hat  in  dem  jetzigen 
Text  durch  den  veranderten  Stellenwert  eine  minder  an- 
spruchsvolle  Funktion  iibernommen. 

Uber  die  Aussicht,  den  Text  im  nachsten  Heft  zu  finden, 
bin  ich  sehr  froh.  Ich  schrieb  Max,  wie  sehr  ich  mich  bemuht 
habe,  alles  Fragmentarische  von  dem  Aufsatz  fernzuhalten 
,und  dabei  die  vorgesehenen  Grenzen  des  Umfangs  strikt  ein- 
zuhalten.  Ich  ware  gliicklich,  wenn  ihm  keine  einschneiden- 
den  Veranderungen  (pour  tout  dire :  Streichungen)  zugedacht 
werden  wiirden. 

Ich  lasse  meinen  christlichen  Baudelaire  von  lauter  jiidi- 
schen  Engeln  in  den  Himmel  heben.  Es  sind  aber  die  Anstal- 
ten  schon  getroffen,  daB  sie  ihn  im  letzten  Drittel  der  Him- 
melfahrt,  kurz  vor  dem  Eingang  in  die  Glorie,  wie  von 
ungefahr  fallen  lassen. 

Zum  Schlufi  will  ich  Ihnen,  lieber  Teddie,  dafiir  danken, 
daB  Sie  zu  dem  festlichen  Heft,  dem  wir  entgegengehen,  mei- 
nen Jochmann2  eingeladen  haben. 

Schone  Ferien  und  eine  angenehme  Heimkunft  Ihnen  und 
Felicitas  wtinscht 

Ihr  Walter 

Ein  besonderes  Wort  des  Dankes,  liebe  Felicitas,  fur  das 
Buch  von  [Robert]  Dreyfus3  und  die  Zeilen,  die  es  ankiindig- 
ten  und  begleiteten.  Ich  denke  viel  an  Euch. 

1  Diese  Fas  sung  der  Baudelairearbeit  wurde  in  der  Zeitschrift  fur 
Sozialforschung  veroffentlicht;  sie  findet  sich  jetzt  Schriften  I,  S.  426 
bis  472. 

2  Benjamin:  Einleitung  zu  Carl  Gustav  Jochmann:  Die  Riickschritte 
der  Poesie,  in:  Zeitschrift  fur  Sozialforschung  8  (1939),  S.  92-103. 

3  Robert  Dreyfus,  De  Monsieur  Thiers  a  Proust. 


825 


319     An  Bernard  Brentano 

[Sommer  1939] 

Lieber  Brentano, 

ichbin  vor  kurzem  gliicklich  wieder  indenBesitzIhresBuchs1 
gekommen  und  habe  es  in  achtundvierzig  Stunden  gelesen. 
Bei  mir,  der  ich  drei  Wochen  zu  eiriem  Kriminalroman  brau- 
che,  ein  seltenes  Vorkommnis.  Aber  Ihr  Buch  ist  fascinierend. 
Zum  ersten  Male  fand  ich  ein  mir  nachstgelegnes  Sujet  be- 
handelt:  die  historischen  Konditionen  der  Liebe,  ihre  ge- 
schichtlichen  Tag-  und  Jahreszeiten. 

Mit  der  Gestalt  der  Grafin  Orloff  ist  Ihnen  ein  grofier 
Wurf  gegliickt:  Sie  haben  eine  Frau  auf  den  Plan  gerufen,  in 
deren  Liebe  die  Jahre  nicht  mehr  Gewicht  haben  als  die  Tage 
in  den  kurzlebigen  Neigungen  unsererZeitgenossen.  Ich  habe 
eine  Frau  von  dieser  Art,  die  zwanzig  Jahre  alter  war  als  ich 
und  moglicherweise  noch  am  Leben  ist,  gut  gekannt.  (Aus 
dieser  Kenntnis  heraus  meine  ich,  daB  die  Grafin  geradezu 
pradestiniert  zum  Goethekultus  ist.  Sie  hatte,  wie  die  Figur, 
an  die  ich  denke,  von  sich  sagen  konnen:  ich  habe  meinen 
Christian  Vulpius  geheiratet.)  Die  glucklichste  Formel  dieser 
archaischen  Liebe,  der  die  Zeit  des  Wartens  auch  die  des 
Wachstums  ist,  habe  ich  immer  im  „Unverhofften  Wieder - 
sehen"  von  Johann  Peter  Hebel  gefunden, 

Bei  aller  Niichternheit  der  Darstellung,  bei  fast  volliger 
Enthaltung  von  aller  Schilderung  umgeben  Sie  den  Leser 
doch  mit  der  Luft  der  Hauptstadt.  Der  Salon,  dessen  Fenster 
auf  die  Corneliusbriicke  hinausgehen,  [ist]  eine  Vignette,  die 
einem  ganzen  Kapitel  berliner  Daseins  die  Stimmung  gibt. 

Auf  dem  Fond  der  historischen  Verhaltnisse  wie  sie  in  das 
Verhaltnis  zwischen  Mann  und  Frau  eingreifen,  erscheinen 
die  Abwandlungen  der  Regierungsformen  wie  Falten,  die 
das,  was  auf  einem  Gobelin  eingewebt  ist,  nicht  beeintrach- 
tigen.  (Ich  denke,  Ihre  beilaufigen  Anspielungen  auf  das  neue 
Regime  beinhalten  zugleichdie  scharfstenVerurteilungender 
weimarer  Republik,  die  sich  denken  laBt.) 

Haben  Sie  nochmals  -  und  nun  erst  en  pleine  connaissance 

826 


de  cause  —  Dank  fur  das  ausgezeichnete  Buch.  Ich  hoffe,  daB 
ihm  die  Ubersetzung  ins  Franzosische  —  bei  Grasset?  -  bald 
folgen  wird. 

Sie  werden  in  diesen  Tagen  zwei  Arbeiten  von  mir  erhal- 
ten.  Der  „ Baudelaire"  ist  eine  erste  Publikation,  der  andere 
iiber  den  Dichter  folgen  werden,  wenn  die  Umstande  es  er- 
moglichen.  —  In 

[SchluB  fehlt] 

1  Die  ewigen  Gefuhle.  Amsterdam  1959,  jetzt:  Darmstadt  1965. 


320     An  Adrienne  Monnier x 

Camp  des  travailleurs  volontaires 
Clos  St.  Joseph  Nevers  (Nievre) 
21  Septembre  1939 

Chere  Mademoiselle  Monnier, 

Peut-etre  votre  concierge  vous  a-t-elle  dit  que  je  suis  passe* 
samedi  —  huit  jours  avant  la  declaration  de  guerre  -  chez  vous 
pour  vous  dire  au  revoir.  Par  malchance,  vous  etiez  absente. 

Nous  tous,  nous  nous  trouvons  f  rappes  avec  la  meme  vigueur 
par  l'horrible  catastrophe.  Esperons  que  les  temoins  et  les 
temoignages  de  la  civilisation  europeenne  et  de  l'esprit  fran- 
cais  survivent  a  la  fureur  sanglante  d'Hitler. 

Je  serais  infiniment  heureux  d'avoir  un  mot  de  votre  part. 
Mon  adresse :  Camp  des  travailleurs  volontaires,  groupement 
6  Clos  St.  Joseph  NEVERS  (Nievre) 

Je  me  porte  passablement.  La  nourriture  est  tres  large. 
Nous  attendons  avec  impatience  d'etre  fixes  sur  notre  sort. 
Les  hommes  valides  s'empressent  de  souscrire  leur  engage- 
ment militaire.  Je  voudrais  absolument  servir  notre  cause  au 
mieux  de  mes  forces.  Quant  a  mes  forces  physiques  elles  ne 
valent  rien.  Je  me  suis  affaisse  au  cours  de  la  marche  qui  nous 
a  conduit  de  Nevers  a  notre  camp.  Les  medecins  du  cantonne- 
ment  m'ont  mis  „au  repos". 

827 


J'ai  sur  moi  les  temoignages  de  Valery  et  de  Romains. 
Mais  je  n'ai  pas  encore  eu  l'occasion  de  les  produire.  Un 
temoignage  semblable  mais  de  date  recente  et  plus  approprie 
a.  la  situation  ou  je  me  trouve,  pourrait  probab lenient  me 
rendre  le  plus  grand  service. 

Je  termine  par  les  voeux  les  plus  ardents  pour  votre  sauve- 
garde  et  la  sauvegarde  de  tous  les  hommes  et  toutes  les  valeurs 
qui  vous  tiennent  a  cceur. 

Croyez,  chere  Mademoiselle  Monnier,  a  mon  attachement 
indefectible. 

Walter  Benjamin. 
PS:  -  Si  vous  en  avez  l'occasion,  communiquez  mon  adresse 
a  Gisele  [Freund],  et  dites-moi  la  sienne. 

1  Im  Interniemngslager,  im  bedrohten  Paris  und  auf  der  Flucht  vor 
den  deutschen  Truppen  geschxieben,  sind  die  franzosischen  Briefe 
nach  Kriegsausbruch  als  document  numain  des  Emigrant  en  unkorri- 
giert  abgedruckt. 


321     An  Gretel  Adorno 

Clos  Saint- Joseph  Nevers  (Nievre)  12.  10.  1959 
Camp  des  travailleurs  volontaires 

Ma  tres  chere, 

j'ai  fait  cette  nuit  sur  la  paille  un  reve  d'une  beaute  telle  que 
je  ne  resiste  pas  a  l'envie  de  le  raconter  a  toi.  II  y  a  si  peu  de 
choses  belles,  voire  agreables,  dont  je  puis  t'entretenir.  —  C'est 
un  des  reves  comme  j'en  ai  peut-etre  tous  les  cinq  ans  et  qui 
sont  brodes  autour  du  motif  „lire".  Teddie  se  souviendra  du 
role  tenu  par  ce  motif  dans  mes  reflexions  sur  la  connaissance. 
La  phrase  que  j'ai  distinctement  prononce  vers  la  fin  de  ce 
reve  se  trouvait  etre  en  francais.  Raison  double  de  te  faire  ce 
r^cit  dans  la  meme  langue.  Le  docteur  Dausse  qui  m'accom- 
pagne  dans  ce  reve  est  un  ami  qui  m'a  soigne  au  cours  de  mon 
paludisme. 

828 


Je  me  trouvais  avec  Dausse  en  compagnie  de  plusieurs  per- 
sonnes  dont  je  ne  me  souviens  pas.  A  un  moment  donne  nous 
quittames  cette  compagnie,  Dausse  et  moi.  Apres  nous  etre 
^cartes  des  autres,  nous  nous  trouvions  dans  une  fouille.  Je 
m'appercus  que,  presque  a  meme  le  sol,  s'y  trouvait  un  drole 
genre  de  couches.  Elles  avaient  la  forme  et  la  longueur  des 
sarcophages;  aussi  semblaient  elles  etre  en  pierre.  Mais  en 
m'y  agenouillant  a  demie,  j'appercus  qu'on  s'y  enfoncait 
mollement  comme  dans  un  lit.  Elles  etaient  couvertes  de 
mousse  et  de  lierre.  Je  vis  que  ces  couches  etaient  distributes 
deux  a.  deux.  A  l'instant  ou  je  pensai  m'etendre  sur  celle  qui 
voisinait  avec  une  couche  qui  me  semblait  destinee  a  Dausse, 
je  me  rendis  compte  que  le  chevet  de  cette  couche  etait  deja 
occupe  par  d'autres  personnes.  Nous  reprimes  done  notre 
chemin.  L'endroit  ressemblait  toujours  a  une  foret;  mais  il  y 
avait  dans  la  distribution  des  futs  et  des  branches  quelque 
chose  d'artificiel  qui  donnait  a  cette  partie  du  decor  une  vague 
ressemblance  avec  une  construction  nautique.  En  longeant 
quelques  poutres  et  en  traversant  quelques  marches  en  bois 
nous  nous  trouvames  sur  une  sorte  de  pont  de  navire  minus- 
cule, une  petite  terrasse  en  planches.  G'etait  la  que  se  trou- 
vaient  les  femmes  avec  lesquelles  vivait  Dausse.  Elles  etaient 
au  nombre  de  trois  ou  quatre  et  me  paraissaient  d'une  grande 
beaute.  La  premiere  chose  qui  m'^tonnait  fut  que  Dausse  ne 
me  presenta  pas.  Cela  ne  me  gena  pas  plus  que  la  decouverte 
que  je  fis  a  Tinstant  ou  je  deposai  mon  chapeau  sur  un  piano 
a  queue.  C'^tait  un  vieux  chapeau  de  paille,  un  „panama" 
dont  j'avais  herite  de  mon  pere.  (II  n'existe  plus  depuis  long- 
temps.)  Je  fus  frappe,  en  m'en  debarrassant,  qu'une  large 
fente  avait  ete  appliquee  dans  la  partie  superieure  de  ce 
chapeau.  Au  surplus  les  bords  de  cette  fente  presentaient  des 
traces  de  couleur  rouge.  —  On  m'approcha  un  siege.  Cela  ne 
m'empecha  pas  d'en  apporter  un  autre,  moi  aussi  que  je 
plagais  un  peu  a  l'ecart  de  la  table  ou  tout  le  monde  etait  assis. 
Je  ne  m'asseyais  pas.  Une  des  dames  s'etait  entre  temps  occu- 
pee  de  graphologie.  Je  vis  qu'elle  avait  en  main  quelque  chose 
qui  avait  ete  ecrit  par  moi  et  que  Dausse  lui  avait  donne.  Je 
m'inquietais  un  peu  de  cette  expertise,  craignant  que  certains 

829 


de  mes  traits  intimes  ne  fussent  ainsi  deceles.  Je  m'approchais. 
Ce  que  je  vis  etait  une  etoffe  qui  etait  couverte  d'images  et 
dont  les  seules  elements  graphiques  que  je  pus  distinguer 
etaient  les  parties  superieures  de  la  lettre  d  dont  les  lon- 
gueurs effilees  decelaient  une  aspiration  extreme  vers  la 
spiritualite.  Cette  partie  de  la  lettre  etait  au  surplus  munie 
d'une  petite  voile  a  bordure  bleue  et  la  voile  se  gonflait  sur  le 
dessin  comme  si  elle  se  trouvait  sous* la  brise.  C'etait  la  la 
seule  chose  que  je  pus  „lire"  -  le  reste  off  rait  des  motifs 
indistincts  de  vagues  et  de  nuages.  La  conversation  tourna  un 
moment  autour  de  cette  ecriture.  Je  ne  me  souviens  pas  des 
opinions  avancees;  en  revanche  je  sais  tres  bien  qu'a  un  mo- 
ment donne  je  disais  textuellement  ceci:  „I1  s'agissait  de 
changer  en  fichu  une  poesie."  (Es  handelte  sich  -darum,  aus 
einem  Gedicht  ein  Halstuch  zu  machen.)  J'avais  a.  peine 
prononce  ces  mots  qu'il  se  passa  quelque  chose  d'intriguant. 
Je  m'appercus  qu'il  y  avait  parmi  les  femmes  une,  tres  belle, 
qui  etait  couchee  dans  un  lit.  En  entendant  mon  expli- 
cation elle  eut  un  mouvement  bref  comme  un  eclair.  Elle 
ecarta  un  tout  petit  bout  de  la  couverture  qui  1'abritait  dans 
son  lit.  C'etait  en  moins  d'une  seconde  qu'elle  avait  accompli 
ce  geste.  Et  ce  ne  fut  pas  pour  me  faire  voir  son  corps,  mais 
le  dessin  de  son  drap  de  lit  qui  devait  offrir  une  imagerie  ana- 
logue a  celle  que  j'avais  du  „ecrire",  il  y  a  bien  des  annees, 
pour  en  faire  cadeau  a  Dausse.  Je  sus  tres  bien  que  la  dame 
fit  ce  mouvement.  Mais  ce  qui  m'en  avait  informe,  etait 
une  sorte  de  vision  supplemeritaire.  Car  quant  aux  yeux  de 
mon  corps,  ils  etaient  ailleurs  et  je  ne  distinguais  nullement 
ce  que  pouvait  offrir  le  drap  de  lit  qui  s'etait  fugitivement 
ouvert  pour  moi. 

Apres  avoir  fait  ce  reve,  je  ne  pouvais  pas  me  rendormir 
pendant  des  heures.  C'etait  de  bonheur.  Et  c'est  pour  te  faire 
partager  ces  heures  que  je  t'ecris. 

Rien  de  neuf.  Pas  de  decision  a  notre  sujet,  jusqu'a  present. 
On  annonce  1'arrivee  d'une  „  commission  de  triage"  -  mais 
on  ne  sait  pour  quand.  Ma  sante  est  mediocre;  le  temps  plu- 
vieux  n'est  pas  fait  pour  l'ameliorer.  D'argent,  point;  on  n'a 
pas  le  droit  de  toucher  des  sommes  au  dela  de  vingt  francs. 

830 


Vos  lettres  me  seraient  (Tun  grand  reconfort.  [. . .]  Quant  a 
mes  affaires  parisiennes,  une  amie  francaise  s'en  occupe,  avec 
l'aide  de  ma  soeur. 

A  part  vos  lettres  vous  ne  pourrez  pas  m'offrir  de  plaisir 
plus  grand  que  de  me  communiquer  les  epreuves  (ou  le  manu- 
scrit)  du  „Baudelaire". 

Si  tu  trouves  des  fautes  dans  cette  lettre  il  faudra  que  tu 
m'excuses.  Elle  est  ecrite  dans  ce  vacarme  perpetuel,  qui 
m'entoure  depuis  plus  d'un  mois. 

Ai-je  besoin  d'ajouter  que  je  suis  impatient  de  me  rendre 
plus  utile  a  mes  amis  et  aux  adversaires  d'  Hitler  que  je  puis 
l'etre  dans  ma  condition  actuelle.  Je  ne  cesse  d'en  esperer  le 
changement  et  je  suis  sur  que  vous  joigniez  vos  efforts  et  vos 
voeux  aux  miennes.  Mes  souvenirs  les  plus  sinceres  a  tous  les 
amis.  Je  t'embrasse 

Detlef 


322     An  Gisele  Freund 

Nevers  (Nievre),  2.  Nov.  1939 

Chere  amie, 

Je  supposais  votre  rentree  d'apres  quelques  mots  de  la  part  de 
Sylvia1.  Ma  joie  de  la  voir  confirmee  n'en  a  pas  ete  moins 
grande.  Les  quelques  lettres  qui  portent  un  accent  comme 
vous  en  avez  su  le  donner  a  la  votre  me  valent,  ici,  les  seuls 
moments  heureux.  Et,  dans  les  ci-rconstances  actuelles,  bon- 
heur,  pour  moi,  egale  espoir. 

Je  voudrais  que  vous  soyez  entierement  retabli  en  lisant 
ces  lignes.  Vos  nouvelles  d'Angleterre  —  je  veux  dire  celles 
dont  vous  me  faites  part  dans  votre  derniere  lettre,  car  je 
n'ai  pas  recu  de  message  anterieur  -  m'ont  interesse  au  plus 
haut  point.  Quant  au  traitement  des  refugies,  j'en  etais  in- 
forme;  votre  tableau  de  Londres,  par  contre,  offrait  des  traits 
tout  a  fait  inattendus  et  poignants.  Ce  que  je  regrette  beau- 
coup,  c'est  que  vous  n'avez  pu  attendre  la  „seance"  que  le 

831 


gouvernement  devait  vous  accorder  pour  faire  prendre  son 
image  par  vos  soins.  Esperons  que  l'occasion  se  presentera 
plus  tard. 

Lorsque  j'ai  recu  votre  lettre  la  bonne  nouvelle  que  m'en 
rapporte  le  post-scriptumm'etait  deja  parvenue  par  Adrienne 
[Monnier].  II  y  a  deux  jours  que  je  lui  ai  ecrit  pour  la  remer- 
cier  de  tout  coeur.  Entre  temps  j'ai  appris  que  le  Pen  Club 
doit  connaitre  les  details  de  ma  situation  du  fait  que  Her- 
mann Kesten  a  ete  libere.  Kesten  se  trouvait  dans  un  camp  a 
proximite  du  mien.  Nos  relations,  originairement  de  pure 
courtoisie,  ont  ete  empreintes  d'assez  de  loyaute  depuis  co- 
lombe.  Nous  nous  sommes  revus  deux  ou  trois  f  ois,  ici  meme. 
On  m'apprend  que  Kesten  a  ete  loge,  des  son  retour,  a  la 
maison  d'accueil  du  Pen  Club  et  qu'il  y  a  vu  Jules  Romains. 

Quant  aux  temoignages  de  loyalisme  que  vous  m'engagez 
de  demander  de  la  part  de  mes  amis,  je  m'en  occupe  dans  la 
lettre  a  Adrienne.  Elle  vous  fera  voir  cet  endroit.  J'y  men- 
tionne  un  temoignage  splendide  de  [Paul]  Desjardins.  II  y 
profess e  „la  plus  grande  admiration"  pour  mes  travaux  (il  y 
nomme  meme  le  „Baudelaire");  il  y  professe  en  plus  une 
estime  profonde  pour  mon  „ invincible  attach ement  aux  idees 
liberales  et  democratiques"  pour  lesquelles  la  France  est 
entree  en  lutte.  [. . .]  Je  n'ai  pas  besoin  de  vous  dire  combien 
quelques  lignes  d' Adrienne  elle-meme  me  seraient  precieuses. 
Toutefois  je  ne  puis  croire  qu'un  dossier  en  ce  genre  (que  je 
chercherai  a  rassembler)  soit  suffisant.  C'est,  parait-il,a  Paris, 
c'est  devant  une  commission  interministerielle  que  les  diffe- 
rents  cas  seront  traitds  a  fond.  Voila  pourquoi  tous  mes  espoirs 
se  sont  attaches  a  la  demarche  qu' Adrienne  vient  de  faire.  Et 
voila  pourquoi  je  voudrais,  avec  son  assentiment,  m'adresser 
par  quelques  lignes  a  Benjamin  Cremieux2.  Peut-etre  y 
aurait-il  quelque  utilite  a  lui  indiquer  que  je  n'ai  pas  seule- 
ment  ete  le  traducteur  de  Proust  mais  le  premier  qui  se  soit 
employe  a  faire  connaitre  en  Allemagne  un  [Julien]  Green, 
un  [Marcel]  Jouhandeau,  un  de  ceux  qui,  la-bas,  ont  prone, 
durant  des  annees  Foeuvre  d'un  Gide,  d'un  Valery.  Si  vous 
etes  d'accord,  Adrienne  et  vous,  vous  me  ferez  plaisir  en  me 
communiquant  Tadresse  de  Benjamin  Cremieux. 

832 


Je  n'ai  pas  besoin  de  vous  dire  que,  pour  les  „  Jeunes  Filles" 
de  Montherlant,  j'abonde  en  votre  sens.  Quant  a  moi,  je  ne 
me  suis  remis  a  lire  que  tout  recemment.  A  present  je  lis  les 
Confessions  de  Rousseau  qui  me  charment  profondement. 
Pour  les  echecs,  vous  avez  devine  juste. 

Je  suis  navre  de  n'avoir  pas  pu  corriger  les  epreuves  du 
„ Baudelaire".  J'avais  decide  d'y  apporter  des  retouches  qui 
auraient  fait  disparaitre  quelques  scories.  Je  ne  sais  si  le  texte 
est  deja  sorti.  De  toute  facon  vous  allez  l'obtenir  et  il  faut  que 
vous  m'ecriviez  ce  que  vous  en  pensez. 

Ne  soyez  pas  parcimonieuse  de  vos  nouvelles.  Songez  que 
le  nombre  de  mes  joies  est  des  plus  reduit  et  que  votre  ecriture 
m'en  annonce.  Tous  mes  souvenirs  a  Adrienne  et  a  Helen. 

Tres  amicalement  a  vous. 

Walter  Benjamin 

1  Sylvia  Beach,  Eigentiimerin  der  Buchhandlung  „Shakespeare  et 
Compagnie",  Verlegerin  von  Joyce. 

2  Franzbsischer  Literaturkritiker,  Tiber setzer  Pirandellos ;  B.  veroffent- 
lichte  ein  Interview  mit  Cremieux  in  der  Literarischen  Welt  vom  2.12. 
1927  (Jg.  3,  Nr.48),  S.  1. 


323     An  Max  Horkheimer 

Paris,  le  30  novembre  1939 

Cher  Monsieur  Horkheimer, 

enfin,  je  puis  done  vous  donner  un  signe  de  vie.  Je  ne  sais  ce 
que  nous  aurons  encore  a  traverser,  et  si  des  choses  a.  venir  ne 
vont  pas  f  aire  palir  en  moi  le  souvenir  des  semaines  passees. 
N'empeche  que,  pour  l'instant,  je  suis  heureux  de  les  voir 
revolues.  Vous  imaginez  facilement  que  ce  qu'il  y  avait  en 
elles  de  plus  penible,  e'etait  le  d^sarroi  moral  dans  lequel  on 
se  voyait  plonge  sinon  soi-meme,  au  moins  les  voisins  et  les 
camarades.  Si  moi-meme,  j'ai  pu,  dans  la  plupart  des  cas, 
echapper  a  un  tel  desarroi,  e'est  en  premier  lieu  a  vous  que 
j 'en  suis  redevable,  et  je  ne  parle  non  seulement  de  votre 
sollicitude  pour  ma  personne,  mais  de  votre  solidarite  envers 

833 


mon  travail.  L'appui  que  m'a  donne  la  facon  dont  vous  avez 
accueilli  le  „Baudelaire",  m'a  ete  hors  prix.  Vous  devez 
1'avoir  compris  par  une  lettre  a  Madame  Adorno  et  aussi  par 
mon  telegramme  recent  qui  a  ete  retarde  par  des  formalites. 

Quant  a  ma  liberation,  il  n'etait  pas  facile  du  tout  a  y 
arriver.  S'il  n'est  pas  rare  de  quitter  le  camp  pour  cause  de 
maladie  ou  autre,  il  n'est  pas  frequent  de  pouvoir  le  quitter 
par  la  grande  porte,  a  savoir  par  .une  decision  de  la  commis- 
sion interministerielle.  C'est  la  mon  cas  et  cela  equivaut  a 
une  reconnaissance  de  loyalisme  absolu  de  la  part  de  l'admi- 
nistration  franchise.  Si  j'avais  fini  par  sortir  du  camp  d'une 
facon  ou  d'une  autre,  fen  suis  toutefois  redevable  a  Adrienne 
Monnier  de  1'avoir  quitte  parmi  les  tout  premiers  dont  ce 
comite  ait  examine  le  dossier.  Elle  a  ete  inlassable  et  d'une 
determination  absolue.  Suivant  un  ordre  de  Jules  Romains,  le 
Pen- Club  s'est  egalement  employe  pour  moi;  Madame  Favez 
m'a  informe  de  demarches  aupres  du  Congres  Juif  Mon- 
dial. Tout  cela  a  ete  pour  moi  d'un  grand  reconfort,  mais  tout 
cela  aurait  mis  bien  longtemps  a  aboutir.  (Le  secretaire  du 
Pen  Club  m'en  a  fait  l'aveu  lui-meme  lorsque  je  suis  venu  le 
trouver,  un  de  ces  jours.)  C'est  encore  par  Madame  Favez  que 
je  viens  d'apprendre  vos  demarches  aupres  de  M.  Scelle  et 
M.  [Maurice]  Halbwachs.  Je  vous  en  remercie  de  tout  coeur, 
bien  que  tardivement. 

Un  dossier  ou  j'avais  rassemble  un  petit  nombre  de  temoi- 
gnages  choisis  sur  ma  personne  et  mes  travaux,  ne  m'a  peut- 
etre  pas  desservi.  La  lettre  que  vous  m'avez  adresse  au  camp 
y  occupait  une  place  decisive.  J'espere  que  vous  n'allez  pas 
me  trouver  trop  niais  si  je  vous  confesse  que  tout  en  sachant 
Tintention  qui  a  dicte  la  tournure  de  votre  message,  il  m'a 
fait  un  bien  tout  a  fait  intime.  II  a  ete  la  petite  b ranch e 
autour  de  laquelle  se  sont  cristallises  mes  espoirs.  J'ai  souffert 
de  pas  avoir  pu  vous  en  remercier  sur  le  champ.  Mais  on 
n'avait  pas  le  droit  d'expedier  plus  de  deux  lettres  par  semaine ; 
et  celles-la  devaient  etre  affectees  aux  necessites  les  plus 
rudimentaires.  Car  il  m'a  fallu  quelques  semaines  pour  ras- 
sembler  ce  dont  j'avais  besoin  pour  ne  pas  etre  trop  affecte  par 
les  intemperies. 

834 


Quant  a  l'epreuve  des  nerfs,  je  ne  vous  en  parle  pas.  Car 
vous  imaginez  sans  peine  ce  qu'un  vacarme  continuel  et 
l'impossibilite  de  se  separer  des  autres,  ne  serait-ce  que  pour 
une  heure,  devaient  a  la  longue  signifier  pour  moi.  Je  me 
sens  done,  a  present,  une  fatigue  extraordinaire,  et  je  suis 
extenue  au  point  de  devoir  frequemment  m'arreter  en  pleine 
rue,  du  fait  de  ne  pouvoir  pas  poursuivre  mon  chemin.  II 
s'agit  la,  certainement,  d'un  epuisement  nerveux  qui  va  pas- 
ser —  pourvu  que  le  temps  a  venir  ne  nous  reserve  rien  de  trop 
terrible.  II  n'y  a  pas  mal  de  gens  qui  reviennent  a  Paris 
actuellement ;  je  ne  pourrais,  quant  a  moi,  guere  m'en  absen- 
ter  puisqu'on  a  beaucoup  de  difficultes  a  se  procurer  le  sauf- 
conduit,  de  rigueur  pour  un  etranger. 

La  Bibliotheque  Nationale  a  ete  rouverte,  et  je  compte 
reprendre  mes  travaux  apres  m'etre  quelque  peu  remis  et 
avoir  ramene"  de  l'ordre  dans  mes  papiers.  Je  viens  d'avoir 
par  Geneve  la  mise  en  page  du  „ Baudelaire" ;  vu  les  difficul- 
tes de  tout  ordre  par  lesquelles  on  vient  de  passer,  les  erreurs 
d'impression  sont  minimes.  Comme  je  ne  sais  pas  la  date  de  la 
parution  du  cahier,  je  me  suis  permis  de  demander  a  M.  Favez 
les  epreuves  de  votre  essai 1  qu'l  me  tarde  de  connaitre. 

Si  vous  ne  voyez  pas  d'autres  taches  a  me  confier,  je  vou- 
drais  reprendre  le  „ Baudelaire"  aussitot  possible,  pour  en 
ecrire  les  deux  parties  qui,  avec  celle  que  vous  connaissez, 
devront  former  le  livre  meme.  (Le  chapitre  imp  rime  en  con- 
stituerait  le  milieu.  Je  donnerais  au  premier  et  au  troisieme 
6galement  la  forme  d'essais  existants  ind^pendamment  l'un 
de  l'autre.) 

Une  chose  a  vous  proposer,  ce  serait  une  etude  comparee 
des  „Confessions"  de  Rousseau  et  du  „Journal"  de  Gide.  J'ai 
lu,  la-bas,  les  „Confessions"  que  je  n'avais  pas  connues  encore. 
Le  livre  m'a  paru  constituer  l'ebauche  d'un  caractere  social 
dont  le  „  Journal"  de  Gide  (qui  vient  de  paraitre  en  Edition 
complete),  presenterait  le  declin.  Cette.  comparaison  devrait 
fournir  une  sorte  de  critique  historique  de  la  ,sincerit6\ 

Je  serais  tres  heureux  d'avoir  de  vos  nouvelles  et  de  celles 
des  Adorno.  Je  compte  du  reste  leur  ecrire  ces  pro,chains  jours. 

Dites,    cher   Monsieur   Horkheimer,   mes   souvenirs   tres 

835 


sinceres  a  Monsieur  Pollock  et  veuillez  trouver  ici  l'expression 
des  mes  sentiments  de  fidelite  et  de  gratitude. 

Walter  Benjamin 

1  Max  Horkheimer:  Die  Juden  und  Europa,  in:  Zeitschrift  fair  Sozial- 
forschung  8  (1939),  S.  115-157. 


324     An  Gretel  Adorno 

Paris,  14.  12.  39 

Ma  chere  Felicitas, 

voila  que  tu  m'ecris  en  anglais  et  je  lis  tes  lettres  sans 
difficulte  aucune.  II  m'arrive  meme  de  les  dechiffrer  plus 
facilement  que  si  elles  etaient  ecrites  en  allemand.  Je  suis 
actuellement  en  quete  d'un  professeur  pour  apprendre  l'ang- 
lais.  J'en  ai  meme  fait  la  tentative  au  camp;  mais  il  m'a  vite 
fallu  r^signer.  Ainsi  bien  je  n'ai  rien  pu  faire  la-bas.  L'uni- 
que  texte  que  j'y  ai  ecrit,  je  te  l'ai  envoye*  sans  tarder;  c'etait 
le  recit  d'un  reve  qui  m'avait  combl6  de  bonheur.  Ce  serait 
bien  dommage  si  la  lettre  ne  t'^tait  pas  parvenu;  mais  je  le 
suppose  presque,  paree  que  tu  n'y  fais  pas  allusion. 

II  m'arrive  encore  frequemment  d'etre  la-bas  avec  ma 
pensee.  On  ne  sait  pas  comment  les  choses  vont  tourner  pour 
ceux  qui  y  sont  encore;  puisqu'aussi  bien  il  n'y  a  pas  de 
certitude  meme  pour  ceux  qui  se  trouvent  etre  liberes.  Bruck ! 
que  j'avais  espere  de  revoir  ici  n'est  pas  sorti  encore  et  je  ne 
suis  pas  sur  que  ce  sera  pour  bientot. 

II  y  a  quinze  jours  j'ai  recu  ta  lettre  du  7  novembre.  II  m'a 
ete  doux  a  lire  et  je  t'aurais  ecrit  plus  tot  si  je  ne  me  sentais 
pas  une  faiblesse  extreme.  J'ai  du,  dans  les  premiers  jours  de 
ma  rentree  consacrer  tout  mon  temps  (et  le  peu  de  forces)  au 
demarches  indispensables  et  aux  soins  qu'il  mefallait  apporter 
aux  epreuves  du  Baudelaire.  (Le  resume  francais2  a  ete,  en 
effet,  tres  insuffisant,  au  moins  au  point  de  vue  langage  et 

836 


j'ai  ete  content  d'avoir  pu  le  refaire.  A  tout  prendre  le 
prochain  cahier  me  parait  d'une  presentation  achevee.  II 
est  excellent  qu'en  un  moment  ou  l'activite  spirituelle  de 
Immigration  allemande  parait  atteindre  son  point  le  plus  bas 
(tant  du  fait  des  contingences  de  la  vie  quotidienne  que  du 
fait  de  la  situation  politique)  les  cahiers  de  l'lnstitut  peuvent 
se  tenir  si  brillamment.  J'ai  confle  a  une  lettre  pour  Max  tout 
le  bien  que  je  pense  de  son  essai3  extraordinaire.  Cet  essai 
dispose,  du  reste,  d'une  vigueur  de  style  magnifique. 

Je  suis  curieux  de  ce  que  Teddie  va  faire  de  la  correspon- 
dance  entre  George  et  Hof mannsthal 4 ;  il  parait  qu'un 
millesime  nous  separe  des  temps  ou  ces  lettres  (que  je  ne 
connais  pas  encore)  ont  ete  echangees.  D'autre  part  il  n'est 
pas  recommandable  du  tout  d'etre  trop  a  la  page.  J'ai  bien 
peur  que  cela  ait  ete  le  cas  de  notre  ami  Ernst  [Bloch] ;  et 
d'apres  ce  qu'on  entend  dire  a  son  sujet  il  me  semble  actuelle- 
ment  quelque  peu  depayse;  non  seulement  sur  la  terre  mais 
aussi  dans  l'histoire  mondiale. 

Avez-vous  fait  la  connaissance,  la-bas,  de  Martin  Gum- 
pert?  C'est  quelqu'un  que  j'ai  bien  connu  dans  le  temps. 
Puisqu'il  vient  de  publier  sa  biographie5  je  me  suis  demande 
si  j'y  figurerais,  par  hasard.  Ce  serait  la  premiere  ou  cela  me 
paraitrait  possible.6 

Max  va  te  faire  voir  la  copie  d'une  lettre  du  National 
Refugee  Service  qui  souleve  un  probleme  serieux.  Je  doute 
que  la  chance  qui  s'offre,  pour  moi,  dans  cette  lettre  pourrait 
facilement  m'echoir  deux  fois.  Vous  allez  done  y  reflechir 
attentivement.  (Jevousledemanderais  si  j'en  n'etais  pas  assure 
sans  cela.)  La  question  est  extremement  complexe  et  il  ne  me 
parait  pas  possible  de  l'aborder  sans  vous. 

II  y  avait  alerte,  juste  la  premiere  nuit  apres  que  je  fus 
rentre  chez  moi.  Depuis,  il  n'y  en  a  pas  eu,  n'empeche  que 
le  train  de  vie  a  profondement  change.  Des  quatre  heures  de 
l'apres-midi  la  ville  est  plongee  dans  l'obscurite.  Les  gens  ne 
sortent  pas  le  soir  et  la  solitude  vous  guette.  Le  travail  serait 
done,  pour  moi,  actuellement  l'abri  veritable  et  je  compte  le 
reprendre  un  de  ces  jours,  malgre  tout. 

Je  t'embrasse  amicalement  et  te  charge  de  bien  des  souve- 

837 


nirs  pour  Teddie.  Et  mille  excuses  pour  le  papier;  l'envie  de 
t'ecrire  m'est  venue  lorsque  je  n'avais  rien  d'autre  sous  la 
main. 

Detlef 

1  Hans  Brack,  Kapellmeister,  aus  Frankfurt  stammend;  in  Berlin, 
dann  in  New  York. 

2  des  Baudelaire-Auf  satzes ;  den  deutschsprachigen  Beitragen  in  der 
Zeitschrift  fiir  Sozialforschung  sind  franzosische  und  englische  Zu- 
sammenfassungen  beigegeben. 

3  Vgl.  Brief  vom  50. 11. 1959  an  Horkheimer,  Aran.  2. 

4  Jetzt  in:  Prismen.  Kulturkritik  und  Gesellscbaft.  Berlin,  Frankfurt 
am  Main  1955.  S.  232-282;  vgl.  auch  Brief  vom  7.  5. 1940  an  Theodor 
W.  Adorno. 

5  Martin  Gumpert:  Hblle  im  Paradies.  Stockholm  19J9. 

6  W.  B.  kommt  dort  in  der  Tat  vor. 


325     An  Max  Horkheimer 


Paris,  15  decembre  1939 


Cher  Monsieur  Horkheimer, 

je  viens  de  recevoir  la  lettre  -du  National  Refugee  Service 
dont  vous  trouvez  la  copie  ci-inclus.  Cette  lettre  ne  m'ayant 
point  ete  arinoncee  par  vous,  je  suppose  qu'elle  ne  m'a  pas  ete 
adressee  a  la  suite  de  vos  propres  demarches.  Je  crois  plutot 
que  c'est  Mrs.  Bryher  qui  s'est  employee  pour  me  Fobtenir 
par  des  amis  a  elle.  Mrs.  Bryher  assure  la  direction  de  „Life 
and  Letters  to-day";  elle  me  suit  dans  mes  travaux  depuis 
assez  longtemps,  et  s'etait,  elle  aussi,  beaucoup  inquietee  de 
mon  internement. 

Je  pense  que  cette  lettre  pourrait  constituer  une  chance 
serieuse  d'ameliorer  ma  situation.  Et  il  ne  me  parait  pas 
certain  du  tout  qu'une  telle  chance  se  presentera  deux  fois. 
Mes  amis  de  Paris  (avec,  il  faut  le  dire,  l'exception  marquee 
de  Mile.  Adrienne  [Monnier])  sont  unanimes  a  me  vouloir 
voir  partir.  Mais  vous  savez  que  les  decisions  natives  ne  sont 

838 


point  mon  affaire.  Elles  le  sont  meme  trop  peu.  J'ai,  en 
revanche,  l'habitude  d'obeir  sans  difficulte  aux  conseils  de  mes 
quelques  amis  eprouves  (et  je  n'oublierai  pas  que  je  n'aurais 
jamais  eu  la  sagesse  de  quitter  l'Allemagne  des  le  mois  de 
mars  1933  si  Mme.  Adorno  n'y  avait  pas  insiste). 

Je  n'ai  pas  besoin  de  vous  dire  combien  je  me  sens  attache 
a  la  France,  tant  par  mes  relations  que  par  mes  travaux.  Rien 
du  monde,  pour  moi,  ne  pourrait  remplacer  la  Bibliotheque 
Nationale.  De  plus,  je  n'ai  qu'a  me  feliciter  de  l'accueil  que 
j'ai  trouve  en  France  des  1923;  de  la  bienveillance  des  auto- 
rites  aussi  bien  que  du  devouement  de  mes  amis. 

Cela  n'exclut  pas  que  mon  existence  et  mon  activite  scien- 
tifique  peuvent,  ici,  se  voir  mises  en  question  d'un  jour  a 
l'autre.  II  se  peut,  notamment,  que  les  repercussions  de  la 
'guerre  imposeront  des  reglements  d'une  rigidite  telle  que  les 
meilleurs  devront  souffrir  avec  les  pires.  Voila  les  reflexions 
qui  me  forcent  de  prendre  en  consideration  l'offre  contenue 
dans  la  lettre  du  Refugee  Service. 

II  est  bien  entendu  que  c'est  votre  conseil  qui  devra,  en  ces 
circonstances,  avoir  le  plus  de  poids  pour  moi.  Car  je  ne 
voudrais  pas  que  ma  venue  en  Amerique,  en  soulevant  des 
difficultes  d'ordre  materiel,  puisse  apporter  un  element  de 
trouble  dans  une  amitie  qui,  presentement,  est  non  seulement 
1'unique  support  de  la  vie  materielle,  mais  encore  presque  le 
seul  appui  moral  dont  je  dispose.  Je  peux  d'autant  moins 
songer  a  prendre  une  decision  a  la  legere  qu'il  me  faudrait 
surement  des  demarches  laborieuses  pour  obtenir  le  visa  de 
sortie.  (II  ne  me  parait  meme  pas  certain  que  je  l'obtienne 
avant  ma  49eme  annee  dont  quelques  mois  me  separent 
encore.)  C'est  a  quoi  je  fais  allusion  dans  ma  lettre  de 
reponse  au  Refugee  Service  dont  je  vous  donne  copie. 

Je  vous  prie  done  de  me  f  aire  savoir  de  f  aeon  aussi  explicite 
que  possible  votre  propre  point  de  vue  dans  la  question,  si  je 
devrais  rester  en  France  ou  venir  vous  rejoindre  la-bas.  Je 
tiens  vraiment  beaucoup  a  ce  que  vous  compreniez  cette 
priere  dans  son  sens  exact,  et  que  vous  sachiez  qu'elle  ne 
contient  nulle  tentative  de  me  decharger  de  la  responsabilite 
envers  ce  qu'il  me  fait,  malheureusement,  nommer  „mon 

839 


sort".  Son  but  unique  est,  au  contraire,  de  me  faire  prendre 
ma  decision  en  pleine  connaissance  de  cause. 

J'ai  enfin  vu  les  epreuves  de  votre  essai  sur  les  Juifs  et 
l'Europe.  Depuis  bien  des  annees,  il  n'y  en  a  pas  eu  d'analyse 
politique  qui  m'ait  impressionne  a  ce  point.  C'est  le  son  de 
cloche  que  nous  avons  attendu  pendant  tres  longtemps.  Et  ce 
son  ne  pouvait  probablement  se  faire  entendre  plus  tot.  Tout 
le  long  de  ma  lecture,  j'ai  eu  le  sentiment  de  tomber  sur  des 
verites  que  j'avais  bien  plutot  pressenties  que  penetrees  et 
qui  venaient  enfin  d'etre  exprimees  avec  toute  la  force  et 
tout  le  relief  necessaire.  Mon  inimitie  farouche  contre  l'opti- 
misme  beat  de  nos  leaders  de  gauche,  se  voit,  par  votre  essai, 
nourri  des  arguments  les  plus  substantiels.  Bien  que  vous  ne 
prononciez  pas  de  noms,  ces  noms  sont  presents  a  tous. 

Ce  qu'il  y  a,  peut-etre,  de  plus  beau  dans  votre  expose, 
c'est  la  construction  historique  etayee  par  Mandeville  et  par 
Sade.  Elle  a  l'imprevu  et  la  nettete  d'un  panorama  qui  se 
presente  a.  celui  qui  atteint  le  sommet  a.  l'heure  ou  la  lumiere 
est  la  plus  propice.  —  Votre  article  sera  tres  mal  vu  par  tous 
les  affairistes  et  les  petits  pontifs  qui  ne  manquent  ni  chez 
vous,  ni  ici.  Raison  de  plus  pour  nous  en  rendre  fiers  et 
extremement  curieux  des  repercussions  qu'il  va  avoir.  Je  vous 
envie  la  chance  de  les  voir  se  produire  en  toute  liberte. 

Je  viens  de  recevoir  votre  lettre  du  28  novembre,  et  je  vous 
remercie  sincerement  des  mots  que  vous  y  trouvez  pour  ma 
mise  en  liberte.  Vous  vous  informez,  en  meme  temps,  des 
circonstances  de  cette  derniere.  Deja.,  ma  lettre  du  30  no- 
vembre vous  a  appris  que  j'etais  informe  par  Mme.  Favez  de 
ce  que  vous  avez  demande,  pour  moi,  1'appui  de  Mr.  Scelle  et 
de  Mr.  Halbwachs.  Je  n'ai  pas  l'impression  qu'une  demarche 
ait  ete  faite  de  leur  cote.  II  est  vrai  qu'il  n'existe  pas  de 
certitude  absolue  en  pareille  matiere.  Mais  je  suppose  que  ces 
personnalites  n'auraient  pas  manque  d'informer  notre  bureau 
de  Paris  s'ils  avaient  entrepris  quelque  chose.  Tout  ce  que  je 
sais,  est  que  les  demarches  decisives  ont  ete  faites  par  un 
proche  ami  de  Mile.  Adrienne  qui  est.un  des  personnages  les 
mieux  places  au  Quai  d'Orsay.  J'hesite  done,  tout  en  vous 
renouvelant  1' expression  de  ma  gratitude  pour  avoir  pres- 

840 


senti  les  professeurs  nommesy  d'aller  les  voir.  J'ai  peur  que 
je  semblerais  indiscretement  leur  rappeler  un  service  qu'ils 
n'ont  probablement  pas  rendu. 

Je  vous  serre  la  main,  cordialement. 

Walter  Benjamin 


3  26     An  Gretel  Adorno 

Paris  17.  1.  1940 

Ma  petite  Felicitas, 

je  me  propose  de  vous  ecrire  une  longue  lettre,  bien  que  je 
n'aie  recu  que  de  minuscules  billets  de  ta  part  —  et  de  Teddie 
pas  de  lettre  du  tout  depuis  six  mois.  Votre  dernier  signe  de 
vie  est  un  mot  date  du  21  novembre  (mais  partie  plus  tard, 
certain ement,  puisque  vous  y  faites  allusion  a  ma  rentree  qui 
est  seulement  du  23).  J'apprends  que  ta  sante  n'est  toujours 
pas  satisfaisante.  [.  .  .]  Quant  a  ma  sante  a  moi  j'en  ai  pas  a 
dire  beaucoup  de  bien  non  plus.  Dequis  qu'un  froid  intense 
s'est  installe  chez  nous  je  ressens  des  difficultes  extraordinaires 
pour  la  marche  en  plein  air.  Je  suis  oblige  de  m'arreter  tous 
les  trois  ou  quatre  minutes,  en  pleine  rue.  Naturellement  j'ai 
ete  voir  le  medecin  qui  a  constate  une  myocardite,  qui  parait 
s'etre  beaucoup  accrue  dans  ces  derniers  temps.  Je  suis  actu- 
ellement  en  quete  d'un  medecin  qui  m'etablira  un  cardio- 
gramme;  chose  assez  difficile  puisqu'il  n'y  a  que  peu  de  spe- 
cialistes  qui  disposent  de  l'installation  necessaire  et  puisqu'cn 
meme  temps,  il  faut  chercher  a  s'arranger  a  I'amiable.avec 
l'operateur.  Le  prix  de  ces  tours-la  est,  parait-il,  assez  eleve. 
Le  temps,  mon  etat  de  sante,  et  l'etat  general  des  choses 
—  tout  s'accorde  pour  m'imposer  la  vie  la  plus  casaniere.  Mon 
appartement  est  chauffee,  pas  assez,  pourtant,  pour  me  per- 
mettre  d'ecrire  s'il  fait  froid.  Ainsi  je  reste  couche  la  moitie 
du  temps,  comme  en  ce  moment  meme.  II  est  vrai  que  les 
semaines  passees  les  occassions  ne  m'ont  pas  manque  d'aller 
en  ville  malgre  tout.  Car  toutes  les  petites  a  cotes  de  la  vie 

841 


civile  demandaient  a  etre  refaits:  il  fallait  faire  debloquer 
mon  compte  en  banque,  solliciter  de  nouveau  l'acces  a  la  Bib- 
liotheque  Nationale,  et  ainsi  de  suite.  Tout  cela  demandait 
bien  plus  de  demarches  que  tu  ne  voudrais  le  croire.  Mais 
enfin,  ca  y  est.  II  me  faut  dire  que  le  jour  ou  la  premiere  fois 
je  repassai  a  la  bibliotheque  ce  fut  une  sorte  de  petite  fete 
dans  la  maison.  Surtout  dans  le  service  de  la  photo  ou  apres 
avoir  photocopie,  il  y  a  bien  des  annees,  une  partie  de  mes 
fiches,  ils  se  sont  vu  apporter,  pour  en  faire  des  copies,  pas  mal 
de  mes  papiers  personnels,  au  cour-s  des  derniers  mois. 

Ce  qu'il  y  avait  de  plus  reconfortant,  ces  temps  derniers, 
c'etait  une  magnifique  lettre  de  Max  en  date  du  21  decern  - 
bre  -  lettre  ou  il  me  demande  de  reprendre  mes  comptes-ren- 
dus  sur  les  lettres  francaises  et  ou  il  s'informe  en  meme  temps 
du  plan  de  mes  travaux  a  venir.  Je  voudrais,  ma  chere  Felici- 
tas,  que  tu  te  charges  a  lui  dire,  provisoirement,  combien  la 
lecture  de  ses  lignes  m'a  ete  precieuse  et  que  tu  lui  commu- 
niques, en  meme  temps,  cette  ebauche  de  reponse.  Ce  mot 
d'ebauche  veut  dire  que  je  ne  suis  pas  fixe  encore  sur  le  fond 
de  la  question:  c'est  a  dire  si  je  ferais  mieux  d'etablir  l'etude 
comparee  de  Rousseau  et  Gide  ou  bien  d'aborder  immediate- 
ment  la  suite  du  Baudelaire.  Ce  qui  determine  mon  hesitation 
c'est  l'apprehension  d'etre  oblige*  de  delaisser  mon  Baudelaire 
une  fois  que  j'en  aurais  entame  la  suite.  C'est  la  un  travail  de 
grande  halaine  qu'il  serait  assez  precaire  de  reprendre  et  de- 
laisser a  plusieurs  reprises.  C'est  la  pourtant  le  risque  qu'il 
faudrait  courir  et  qui  m'est  constamment  present  dans  mon 
petit  reduit  par  le  masque  a  gaz  que  je  me  suis  procure  depuis 
peu  -  double  deconcertant  de  cette  tete  de  mort  dontles  moines 
studieux  ornaient  leur  cellule.  Voila  pourquoi  je  n'ai  pas  ose 
encore  d'aborder  a  fond  cette  suite  du  Baudelaire  qui  decide- 
ment  me  tient  plus  a  cceur  que  tout  autre  travail  mais  qui 
souffrirait  mal  d'etre  neglige  —  serait- ce  meme  pour  assurer 
la  survie  de  son  auteur.  (II  est  vrai,  du  reste,  qu'il  est  tres  diffi- 
cile sinon  impossible  d'aviser  utilement  a  ce  sujet,  meme  dans 
la  prise  des  suppositions.  II  n'y  a  pas,  pour  moi,  moyen  de 
quitter  Paris  sans  une  autorisation  prealable  qui  est  tres  diffi- 
cile a  obtenir  et  qu'il  ne  serait,  peut-etre,  pas  meme  sage  de 

842 


demander  puisque  la  possibility  d'y  retourner  ne  me  serait  pas 
assuree  du  meme  coup.) 

Independamment  des  autres  travaux  je  reprendrai  avec 
plaisir  les  analyses  des  nouveautes  francaises.  II  y  en  a  du 
reste  une,  assez  drole,  qui  vient  de  voir  le  jour  en  Argentine. 
C'est  la-bas  que  [Roger]  Caillois  vient  de  publier  en  pla- 
quette  une  requisition  contre  le  nazisme  dont  l1  argumentation 
reprend,  sans  nuance  ni  modification  aucune  celle  qui  occupe 
les  quotidiens  du  monde  entier.  II  ne  fallait  pas  s'acheminer 
vers  les  regions  les  plus  lointaines  ni  du  monde  intelligible  ni 
du  monde  terrestre  pour  en  rapporter  cela.  II  est  vrai  que 
Caillois  publie,  d'autre  part,  dans  la  Nouvelle  Revue  Fran- 
chise, une  theorie  de  la  fete,  dont  je  parlerai  dans  ma  premiere 
relation  a  Max.  Je  m'y  occuperai  egalement  d'un  curieux  livre 
de  Michel  Leiris  „Age  d'homme"  qui  a  ete  beaucoup  remar- 
que  avant  la  guerre. 

La  lettre  que  Max  m'a  ecrit  a  la  date  du  21  decembre  a 
croise  en  chemin  celle  que  je  lui  ai  adressee  sous  le  15  decem- 
bre. Je  me  suis,  entre  temps,  rendu  au  consulat  d'Amerique 
ou  on  m'a  communique  le  questionnaire  d'usage.  II  contient 
comme  point  14  la  question:  „Etes-vousle  ministre  d'un  culte 
quelconque  ou  le  prof  esseur  d'un  college,  seminaire,  academie 
ou  universite?"  Cette  question  a,  si  je  ne  me  trompe,  une  por- 
tee  decivise  pour  moi,  puisque,  d'une  part,  une  reponse  affir- 
mative vous  donnerait  le  droit  de  passer  en  dehors  de  la  quote 
(non-quota-visum),  puisque,  d'autre  part,  on  m'assure,  au 
consulat-meme,  que  1'attente  dans  l'ordre  de  la  quote  nedure- 
rait  pas  moins  de  5  ou  6  ans!  II  importerait  done  absolument 
de  me  referer  aux  cours  que  j'ai  professes  dans  le  cadre  de 
l'lnstitut  a  Francfort.  Comme  je  n'ai  pas  voulu  en  faire  etat 
sans  1'assentiment  de  l'lnstitut  je  n'ai  pas  encore  rempli  mon 
questionnaire.  Je  devrai  done  suspendremes  demarches  jusqu'a 
ce  que  je  sois  fixe  de  votre  cote.  (Les  services  du  consulat  sont 
transferes  a  Bordeaux.  C'est  de  la-bas  qu'on  me  communique- 
rait,  le  cas  echeant,  mon  numero;  mais  seulement  apres  la 
remise  du  questionnaire.) 

Ce  n'est  peut-etre  pas  pure  vanite  si  le  dernier  Cahier  me 
parait  un  des  meilleurs  que  l'lnstitut  a  pu  sortir  au  cours  des 

843 


dernieres  annees.  L'article  de  Max  m'a  profondement  impres- 
sionne  et  je  l'ai  fait  lire  a  tous  ceux  que  je  pouvais  toucher. 
Au  cours  des  entretiens  frequents  que  j'ai  eu  a  son  sujet  et  qui 
en  ont  fait  ressortir  toute  la  solidite  il  m'est  venu  l'idee  qu'il 
serait  peut-etre  aussi  interessant  qu'utile  de  creuser  la  ques- 
tion dans  quelle  mesure  le  mouvement  antisemite  qui  s'y 
trouve  analyse  depend  ou  bien  s'oppose  a.  l'antisemitisme 
moyennageux  comme  Teddie  l'evoque  au  sujet  de  Wagner 
(Der  Jude  im  Dorn). 

J'ai  profite  de  1'impression  des  Fragments  sur  Wagner1 
pour  les  relire.  Puis  j'ai  consulte le  manuscrit  integral  du  texte 
pour  comparer  les  endroits  qui  m'avaient  le  plus  frappe*  a  la 
premiere  lecture  avec  ceux  que  j'ai  souligne  dans  le  cahier. 
De  cette  comparaison  resulte  qu'a  present,  impregne  de  la 
verite  fonciere  de  la  conception  globale,  je  me  suis  plus  qu'au- 
paravant  attache  a  certains  aspects  particuliers  de  la  question. 
Un  sujet  sur  lequel  il  nous  faudra  revenir,  c'est  la  reduction 
(Verkleinerung)  comme  artifice  de  la  fantasmagorie.  Ce  pas- 
sage m'a  rappelle  un  de  mes  projets  les  plus  anciens  dont  tu  te 
souviens  peut-etre  m'avoir  entendu  parler:  je  veux  dire  le 
commentaire  de  la  Nouvelle  Melusine  de  Goethe.  Cela  pourrait 
etre  d'autant  plus  a  propos  que  Melusine  appartient  sans  doute 
au  genre  des  creatures  ondinesques  dont  il  est  parle  vers  la 
fin.  -  Certaines  formules  heureuses  m'ont  frappe  dans  les 
resumes:  celle  sur  l'opposition  virtuelle  de  Freud  et  de  Jung 
dans  l'ceuvre  de  Wagner  meme;  celle,  aussi,  ou  l'homog^nite 
du  „style"  wagnerien  est  denonce  comme  symptome  d'une 
decheance  intime.  (II  faudrait  un  jour  que  Teddie  rassemble, 
dans  ses  analyses,  les  passages  qui  s'occupent  de  la  musique 
comme  Einspruch  et  qu'il  developpe  la  theorie  de  Topera  qui 
y  est  incluse.) 

Pour  terminer  cette  longue  lettre  j'y  inscrirai  quelques 
informations  sur  des  gens,  susceptibles  de  t'interesser.  J'ai  vu, 
recemment,  Dora  qui  rentrait  a  Londres.  [. . .]  -  Je  ne  crois 
pas  t'avoir  ecrit  que  Gliick,  il  y  a  a  peu  pres  deux  ans,  s'est 
installe  a  Buenos -Aires  ou  il  a  trouve  un  emploi,  peut-etre 
moins  brillant  que  sa  position  anterieure  mais,  parait-il,  tres 
solide.  Je  suis  sans  nouvelles  de  lui  depuis  la  guerre.  —  Notre 

844 


ami  Klossowski  qui  est  definitivement  inapte  a  quitte  Paris 
et  vient  de  trouver  un  emploi  dans  un  bureau  municipal  de 
Bordeaux.  [Egon  Erwin]  Kisch  dont  vous  vous  souvenez  plus 
ou  moins  bien  a  reussi  d'avoir  une  chaire  au  Chile.  Notre 
pauvre  ami  Brtick2,  enfin,  est  toujours  dans  un  camp.  L'espoir 
de  le  voir  sortir  bientot  n'est  pas  interdit;  mais  en  attendant 
il  souffre  beaucoup.  Quelqu'un  qui  vous  dira  oralement  de 
mes  nouvelles,  et  sous  peu,  est  Soma  Morgenstern.  II  parait 
qu'il  va  partir  pour  New  York  avant  le  printemps. 

Comme  la  poste  a  present  est  rudement  cher,  Max  va  m'ex- 
cuser  de  t'avoir  confie  certains  renseignements  qui  le  regar- 
dent  peut-etre  plus  encore  que  toi.  Et  toi  de  ta  part  tu  m'ex- 
cuseras  £galement.  Tu  ne  te  tiendras  pas  quitte,  la  prochaine 
fois,  je  l'espere,  avec  une  de  tes  petites  fiches  bleues,  si  ravis- 
santes  qu'elles  soient.  Je  compte  beaucoup  sur  une  lettre  de 
quelques  pages  de  ta  part  comme  de  Teddie.  (J'aimerais  bien 
avoir  des  nouvelles  sur  ses  travaux.)  Je  t'embrasse  bien  ami- 
calement 

Dein  alter  Detlef 

PS  Mes  legons  anglaises  vont  commencer  la  semaine  pro- 
chaine. 

1  Vgl.  Brief  vom  6. 1. 1938  an  Horkheimer,  Anm.  1;  Vier  Kapitel  aus 
dem  Wagnerbuch  Adornos  erschienen  im  selben  Heft  der  Zeitschrift 
fur  Sozialforschung,  in  dem  B.s  Baudelairearbeit  stand. 

2  Der  Dirigent  Hans  Bruck,  jetzt  in  New  York. 


327     An  Gerhard  Scholem 

Paris,  11.  Januar  1940 

Lieber  Gerhard, 

Dein  Brief  vom  15.  Dezember  war  schon  Ende  des  Monats  in 
meiner  Hand.  Ich  hoffe  auch  dieser  wird  fiir  die  Reise  nicht 
allzulang  brauchen. 

Es  war  starkend  und  erfreulich  fiir  mich,  daB  Du  so  unab- 
gelenkt  wie  die  Umstande  es  zulassen,  Deinem  Handwerk 

845 


nachgehst.  Ich  hoffe,  dafl  Du  insbesondere  dieRedaktionDei- 
ner  newyorker  Vorlesungen  nicht  fiirder  mehr  auf  die  lange 
Bank  schiebst.1  Jede  Zeile,  die  wir  heute  konnen  erscheinen 
lassen,  ist  —  so  ungewiB  die  Zukunft,  der  wir  sie  iiberantwor- 
ten  -  ein  Sieg  der  den  Machten  der  Finsternis  abgerungen. 
Es  ware  im  ubrigen  allzu  trist,  wenn  Du  mit  Deinen  Publika- 
tionen  in  englischer  Sprache  in  dem  Moment  saumig  zu  wer- 
den  beginnen  wiirdest,  da  der  Unterfertigte  sich  ernstlich 
anschickt,  die  Sprache  zu  erlernen.  Ich  bin  gegenwartig  in 
Verhandlung  uber  Privatstunden,  die  ich  geraeinschaftlich 
mit  Hannah  Arendt  und  ihrem  Freund  zu  nehmen  vorhabe. 

Was  „die  Bewahrung  des  uns  Gemeinsamen",  der  Du 
Deine  Wiinsche  zuwendest,  angeht,  so  ist,  soweit  ich  sehen 
kann,  fur  diese  noch  bessere  Vorsorge  getroffen  als  vor  funf- 
undzwanzig  Jahren.  Ich  denke  dabei  nicht  an  uns,  sondern  an 
die  Veranstaltungen  des  Zeitgeistes,  der  die  Wiistenlandschaft 
dieser  Tage  mit  Markierungen  versehen  hat,  die  fur  alte  Be- 
duinen  wie  wir  unverkennbar  sind.  So  trist  es  ist,  nicht  mit 
einander  konversieren  zu  konnen,  so  habe  ich  doch  das  Gefiihl, 
daB  die  Umstande  mich  dabei  keinesfalls  so  feuriger  Dispu- 
tationen  berauben,  wie  sie  hin  und  wieder  zwischen  uns  statt 
hatten.  Heute  ist  dazu  kein  AnlaB  mehr.  Und  vielleicht  ist  es 
sogar  schicklich,  einkleines  Weltmeer  zwischen  sich  zuhaben, 
wenn  der  Moment  eingetreten  ist,  einander  spiritualiter  in 
die  Arme  zu  fallen. 

Die  Vereinsamung,  in  der  ich  mich  von  Hause  aus  finde, 
ist  durch  die  Zeitumstande  gewachsen.  Der  Rest  von  Ver- 
stand,  der  den  Juden,  nach  allem  was  sie  durchgemacht  haben, 
noch  geblieben  ist,  scheint  ihnen  locker  zu  sitzen.  Die  Zahl 
derer,  die  sich  auf  dieser  Welt  zurechtfinden,  schmilzt  mehr 
und  mehr.  Unter  diesen  Umstanden  war  fur  mich  eine  zwei- 
malige  kurze  Begegnung  mit  Dora  eher  erfreulich  [.  .  .]  Sie 
sprach  iibrigens  von  Anzeichen,  die  darauf  deuten,  daB  der 
italienische  Antisemitismus  in  absehbarer  Zeit  aus  dem  Ver- 
kehr  gezogen  werden  diirfte. 

Die  Schilderung,  die  Du  mir  von  dem  Vorlesungsabend  bei 
Schocken  lieferst,  ist  auBerst  packend.  Ich  habe  sie  Hannah 
Arendt  —  die  Deine  GriiBe  herzlichst  erwidert  —  nicht  vor- 


846 


enthalten.  Dein  Bericht  lafit  mich,  der  ich  nicht  so  schnell  bei 
der  Hand  bin,  im  schabigen  Benehmen  der  Leute  das  Werk 
der  Damonen  zu  sehen,  nach  Rache  diirsten  [.  .  .]  Hannah 
Arendt  meinte  begiitigend,  in  der  Tiefe  seines  Gemiits  hielte 
Schocken  gewiB  auf  Max  Brod  allein  weitaus  hohere  Stiicke 
als  auf  Dich  und  mich  zusammengenommen.  Rebus  sic  stan- 
tibus wiinsche  ich  Dir  und,  in  gemessenem  Abstande,  Deinen 
Collegen  auch,  dafi  seine  amerikanische  Expedition  von  Er- 
folg2begleitet  sei. 

Uber  Deinen  EinfluB  als  Lehrer  bin  ich,  wie  Du  Dir  den- 
ken  kannst,  hoch  erfreut.  Du  solltest  mich  baldigst  wissen  las- 
sen,  was  es  mit  der  scholemschen  Schule  auf  sich  hat. 

Vor  kurzem  ist  das  Doppelheft  der  Instituts-Zeitschrift 
herausgekommen,  das  den  Jahrgang  1939  inauguriert.  Du 
findest  darin  zwei  groBe  Essays  von  mir.  Naturlich  werde  ich 
Dir  von  ihnen  Separata  schicken  sobald  ich  welche  in  Handen 
habe.  Ich  lege  Dir  aber  dringend  nahe,  Dir  dem  ungeachtet 
das  Heft  zu  kaufen  oder  sonstwie  zuganglich  zu  machen.  Per- 
sonlichbin  ichdaran  zwiefach  interessiert:  erstens  wird  Deine 
Propaganda  fiir  meine  Produkte  derart  auf  eine  breitere 
Basis  gestellt;  zweitens  wiinsche  ich  Deine  Meinung  uber  den 
Aufsatz  „Die  Juden  und  Europa"  zu  erfahren. 

Damit  sei  es  genug  fiir  heute.  Nimm  die  herzlichsten 
GriiBe,  die  auch  Deiner  Frau  gelten. 

Dein  Walter 

1  „Major  Trends  in  Jewish  Mysticism".  Erschien  erst  ein  halbes  Jahr 
nach  W.  B.'s  Tod  und  ist  seinem  Andenken  gewidmet. 

2  Salman  Schocken  stand  damals  an  der  Spitze  der  Verwaltung  der 
Hebraischen  Universitat. 


847 


328    An  Theodor  W.  Adorno 

Paris,  d.  7.  V.  40 

Mein  lieber  Teddie 

Fiir  Ihren  Brief  vom  29.  Februar  Dank.  Leider  miissen  wir 
uns  zur  Zeit  mit  Fristen  wie  sie  zwischen  der  Abfassung  Ihrer 
Zeilen  und  dem  Eingang  meiner  Antwort  liegen,  vertraut 
machen.  Hinzu  kommt,  daB  dieser  Brief,  wie  Sie  ihm  leicht 
ansehen,  ebenso  wenig  wie  Rom  an  einem  Tag  ist  gebaut 
worden. 

Natiirlich  war  (und  bin)  ich  sehr  gliicklich  uber  Ihre  Stel- 
lung  zu  meinem  „ Baudelaire".  Sie  wissen  vielleicht,  daB  das 
Telegramm,  das  Sie  mit  Felizitas  und  Max  gemeinsam  an 
mich  gesandt  hatten,  mir  erst  im  Lager  zukam,  und  welche 
Bedeutung  es  dort,  monatelang  in  meinem  psychischen  Haus- 
halt  gehabt  hat,  ermessen  Sie. 

Ich  habe  die  Stellen1  iiber  das  regressive  Horen,  auf  die 
Sie  mich  hinwiesen,  nochmals  gelesen  und  stelle  die  Uberein- 
stimmung  in  der  Tendenz  unserer  Untersuchungen  fest.  Es 
gibt  kein  besseres  Beispiel  der  die  Erfahrung  zerstorenden 
Registrierung  als  die  Zuordnung  eines  Schlagertexts  zur 
Melodic  (Es  zeigt  sich  hier,  daB  das  Individuum  seinen  Stolz 
darein  setzt,  die  Inhalte  moglicher  Erfahrung  so  zu  behan- 
deln  wie  die  Administration  die  Elemente  einer  moglichen 
Sozietat.)  Warum  soil  ich  Ihnen  verheimlichen,  daB  ich  die 
Wurzel  meiner  „Theorie  der  Erfahrung"  in  einer  Erinne- 
rung  aus  der  Kindheit  finde.  Meine  Eltern  machten  an  den 
Orten,  wo  wir  auf  Sommerwohnung  waren,  wie  natiirlich, 
mit  uns  Spaziergange.  Wir  Geschwister  waren  zu  zweit  oder 
zu  dritt.  Der,  an  den  ich  hier  denke,  ist  mein  Bruder.  Wenn 
wir  von  Freudenstadt,  von  Wengen  oder  von  Schreiberhau 
aus  irgendeines  der  obligaten  Ausflugsziele  besucht  hatten, 
so  pflegte  mein  Bruder  zu  sagen:  „Da  "waren  wir  nun  gewe- 
sen."  Das  Wort  hat  sich  mir  unvergeBlich  eingepragt.  (Es 
sollte  mich  ubrigens  wundern,  wenn  Sie  mit  Ihrer  Vorstel- 
lung  von  meiner  Ansicht  Ihrer  Arbeit  iiber  den  Fetischcha- 
rakter  im  Recht  waren.  Sollte  Ihnen  hier  nicht  eine  Verwechs- 


848 


lung  mit  der  liber  den  Jazz  unterlaufen?  Gegen  diese  letztere 
hatte  ich  Ihnen  Einwande  angemeldet.  Der  ersteren  bin.  ich 
ohne  Vorbehalt  gefolgt.  Sie  ist  mir  gerade  in  der  letzten  Zeit 
in  einigen  Bemerkungen,  die  Sie  dort,  bei  Gelegenheit  Mah- 
lers,  zum  „musikalischen  Fortschritt"  machen,  recht  gegen- 
wartig  gewesen.) 

Es  kann  kein  Zweifel  dariiber  bestehen,  daB  das  Vergessen, 
das  Sie  in  die  Diskussion  der  Aura  einwerfen,  von  groBer 
Bedeutung  ist.  Ich  behalte  die  Moglichkeit  einer  Unterschei- 
dung  zwischen  epischem  und  reflektorischem  Vergessen  im 
Auge.  Betrachten  Sie  es  bitte  nicht  als  ein  Ausweichen,  wenn 
ich  heute  iiber  diese  Feststellung  nicht  hinausgehe.  Ich  hatte 
die  Stelle  im  fiinften  Kapitel  des  Wagner,  auf  die  Sie  anspie- 
len,  deutlich  im  Gedachtnis.  Aber  wenn  es  sich  in  der  Aura 
in  der  Tat  um  ein  „vergessenesMenschliches"  handeln  diirfte, 
so  doch  nicht  notwendig  um  das,  was  in  der  Arbeit  vorliegt. 
Baum  und  Strauch,  die  belehnt  werden,  sind  nicht  vom  Men- 
schen  gemacht.  Es  muB  also  ein  Menschliches  an  den  Dingen 
sein,  das  nicht  durch  die  Arbeit  gestiftet  wird.  Dabei  mochte 
ich  aber  innehalten.  Es  scheint  mir  unvermeidlich,  daB  die 
von  Ihnen  auf  geworf  ene  Frage  mir  im  Verlauf  meiner  Arbei- 
ten  wiederbegegnen  wird.  (Ob  schon  in  derFolge  des  Baude- 
laire" weiB  ich  nicht.)  Das  erste  wird  dann  sein,  daB  ich  auf 
den  locus  classicus  der  Theorie  des  Vergessens  zuriickgehe, 
den  fur  mich,  wie  Sie  wohl  wissen,  der  „blonde  Eckbert" 
[von  Tieck]  darstellt. 

Ich  glaube,  man  braucht,  um  dem  Vergessen  das  Seine  zu- 
zubilligen,  den  Begriff  der  memoire  involontaire  nicht  in 
Frage  zu  stellen.  Die  kindliche  Erfahrung  des  Geschmacks 
der  Madeleine,  die  Proust  eines  Tages  involontairement  wie- 
der  ins  Gedachtnis  tritt,  war  in  der  Tat  unbewuBt.  Nicht 
wird  es  der  erste  Bissen  in  die  erste  Madeleine  gewesen  sein. 
(Kosten  ist  ein  BewuBtseinsakt.)  Wohl  aber  wird  das  Schmek- 
ken  unbewuBt  in  dem  MaBe  als  der  Geschmack  vertrauter 
wurde.  Das  „Wiederschmecken"  des  Herangewachsenen  ist 
dann,  naturlich,  bewuBt. 

Da  Sie  mich  nach  Maupassants  „La  nuit"  fragen:  Ich  habe 
das  wichtige  Stuck  sehr  genau  gelesen.  Es  gibt  ein  Fragment 

849 


des  „Baudelaire",  das  es  behandelt,  und  das  Sie  ja  wohl  eines 
Tages  sehen  werden.  (En  attendant  sende  ich  Ihnen  mit  vie- 
lem  Dank  durch  das  Pariser  Biiro  den  geliehenen  Band  zu- 
riick.) 

Was  die  Alternative  Gide-Baudelaire  betrifft,  so  ist  Max 
so  freundlich  gewesen,  mir  die  Wahl  freizustellen.  Ich  habe 
mich  fiir  den  „Baudelaire"  entschieden;  es  ist  dieser  Gegen- 
stand,  der  derzeit  mir  als  der  intransigenteste  vor  Augen  steht ; 
seinen  Forderungen  zu  geniigen,  ist  mir  am  dringlichsten. 
Ich  verhehle  Ihnen  nicht,  daB  ich  ihm  mich  noch  nicht  mit 
der  Intensitat  habe  zuwenden  konnen,  wie  ich  es  gewiinscht 
hatte.  Ein  Hauptgrund  davon  ist  die  Arbeit  an  den  Thesen2 
gewesen,  von  denen  in  diesen  Tagen  einige  Fragmente  bei 
Ihnen  eingehen  werden.  Diese  stellen  ihrerseits  freilich  eine 
gewisse  Etappe  meiner  Refiexionen  zur  Fortsetzung  des  „Bau- 
delaire"  dar.  Ich  erhoffe  mir  fiir  die  niichsten  Tage  den  Be- 
ginn  einer  hoffentlich  kontinuierlichen  Arbeitsperiode,  die 
ich  dieser  Fortsetzung  zuwenden  werde. 

Nun  zum  Briefwechsel  George- Hofmannsthal,  Es  ist  da- 
fur  gesorgt,  daB  die  Baume  nicht  in  den  Himmel  wachsen. 
Einmal  in  der  Lage,  Ihnen  in  einem  Bereich  zu  begegnen,  in 
dem  icn  mich  ganz  zu  Hause  fiihle,  bleibt  mir  der  beschei- 
dene  Wunsch  unerfiillt,  das  Buch,  von  dem  Sie  berichten,  aus 
eigener  Anschauung  zu  kennen.  Da  ich  auf  dem  Gebiet  der 
Musik  zu  solcher  Anschauung  nicht  befahigt  bin,  so  diirfen 
Sie  mein  Urteil  liber  Ihren  Essay  vielleicht  nicht  allzu  kate- 
gorisch  nehmen.  Wie  dem  auch  sei,  soweit  mein  Einblick 
reicht,  ist  es  das  Beste,  was  Sie  jemals  geschrieben  haben.  Im 
Folgenden  eine  Reihe  von  Einzelbemerkungen.  Ihnen  will 
ich  vorherschicken,  daB  mir  das  Entscheidende  des  Essays  in 
dem  ungemein  sicheren,  schlagenden  und  uberraschenden 
AufriB  der  historischen  Perspektive  liegt:  wie  der  Funken, 
der  zwischen  [Ernst]  Mach  und  Jens  Peter  Jacobsen  iiber- 
springt,  der  geschichtlichen  Landschaft  die  Plastizitat  gibt, 
die  der  Landschaft  im  schlichten  Sinne  ein  Blitz  iiberm  nacht- 
lichen  Himmel  leiht. 

Es  scheint  mir  aus  Ihrer  Darstellung  hervorzugehen,  daB 
Georges  Bild  sich  in  dem  Briefwechsel  scharfer  abdriickt  als 

850 


das  Hofmannsthals.  Der  Kampf  urn  eine  literarische  Position 
dem  Partner  gegeniiber  war  eben  doch  wohl  ein  Grundmotiv 
dieses  Briefwechsels,  und  der  Angreifer  war  undblieb  George. 
Wahrend  ich  eine  in  gewissem  Sinn  vollendete  Portratfigur 
Georges  in  Ihrem  Essay  finde,  bleibt  bei  Hofmannsthal  man- 
ches  im  Hintergrund.  An  einigen  Stellen  wird  es  ganz  deut- 
lich,  daB  es  bei  Ihnen  stiinde,  bestimmte  Partien  dieses  Hinter- 
grundes  aufzuleuchten.  Die  Bemerkung  iiber  denSchauspieler, 
mehr  noch  die  iiber  das  Kind  in  Hofmannsthal,  die  fur  mich 
in  dem  wundervollen  Zitat  aus  der  „Ariadne"  gipfelt,  das 
durch  die  Art,  wie  Sie  es  in  Ihren  Text  stellen,  ergreifend 
wirkt  —  alles  dies  fiihrt  in  die  Tiefe.  Gern  hatte  ich  Ihre  An- 
sicht  iiber  Anklange  aus  der  Kinderwelt  gefunden,  wie  sie, 
verloren,  bei  George  vorkommen  im  „Lied  des  Zwergen"  oder 
in  der  „Entfiihrung". 

Es  bleibt  eine  Seite  an  Hofmannsthal  unberiihrt,  die  mir 
am  Herzen  liegt.  Mir  ist  fraglich,  ob  Ihnen  die  Andeutungen, 
mit  denen  ich  (vielleicht  nicht  zum  ersten  Mai?)  Ihnen  von 
ihr  sprechen  will,  wirklich  Neues  sagen.  Sollte  das  der  Fall 
sein,  bleibt  noch  offen,  wieweit  sie  Ihnen  einleuchten.  Unge- 
achtet  der  briichigen  Verfassung  solcher  Formulierungen  will 
ich  sie  dem  Transport  anvertrauen.  Es  sind  eigentlich  zwei 
Texte,  deren  rapprochement  das  absteckt,  was  ich  zu  sagen 
habe.  Auf  den  einen  nehmen  Sie  selbst  Bezug,  denn  Sie  zitie- 
ren  den  Chandosbrief.  Mir  liegt,  hier,  der  folgende  Passus 
im  Sinn:  „Ich  weiB  nicht,  wie  oft  mir  dieser  Crassus  mit  sei- 
ner Murane  als  ein  Spiegelbild  meines  selbst,  iiber  den  Ab- 
grund  der  Jahrhunderte  hergeworfen  in  den  Sinn  kommt .  .  . 
Crassus  .  .  .,  mit  seinen  Tranen  um  seine  Murane.  Und  iiber 
diese  Figur,  deren  Lacherlichkeit  und  Verachtlichkeit  mitten 
in  einem  die  erhabenstenDingeberatenden,  weltbeherrschen- 
den  Senat  so  ganz  ins  Auge  springt,  iiber  diese  Figur  zwingt 
mich  ein  unnennbares'  Etwas  in  einer  Weise  zu  denken,  die 
mir  vollkommen  toricht  erscheint,  im  Augenblick,  wo  ich  ver- 
suche,  sie  in  Worten  auszudriicken."  (Im  „Turm"  begegnet 
das  gleiche  Motiv:  das  Innere  des  geschlachteten  Schweins, 
in  das  der  Prinz  in  seiner  Kindheit  einen  Blick  hat  tun  miis- 
sen.)  Im  iibrigen  findet  sich  gleichfalls  im  „Turm"'die  zweite 

851 


der  beiden  Stellen,  von  denen  ich  sprach:  es  ist  das  Gesprach 
zwischen  dem  Arzt  und  Julian.  Julian,  der  Mann,  dem  nichts 
als  ein  winziges  Aussetzen  des  Willens,  als  ein  einziger  Mo- 
ment der  Hingabe  f  ehlt,  um  des  Hochsten  teilhaft  zu  werden, 
ist  ein  Selbstportrat  Hofmannsthals.  Julian  verrat  den  Prin- 
zen:  Hofmannsthal  hat  sich  von  der  Aufgabe  abgekehrt,  die 
im  Chandosbriefe  auftaucht.  Seine  „Sprachlosigkeit"  war  eine 
Art  von  Strafe.  Die  Sprache,  die  Hofmannsthal  sich  entzogen 
hat,  diirfte  eben  die  sein,  die  um  die  gleiche  Zeit  Kafka  gege- 
ben  wurde.  Denn  Kafka  hat  sich  der  Aufgabe  angenommen, 
an  der  Hofmannsthal  moralisch  versagte  und  darum  auch 
dichterisch.  (Die  suspekte,  auf  so  schwachen  FiiBen  stehende 
Opf  ertheorie,  auf  die  Sie  hinweisen,  tragt  alle  Spuren  dieses 
Versagens.) 

Ich  glaube  Hofmannsthal  hat  zu  seinen  Gaben  zeitlebens 
so  gestanden  wie  Christus  zu  seiner  Herrschaft  gestanden 
hatte,  wenn  er  sie  seiner  Verhandlung  mit  Satan  zu  danken 
gehabt  hatte.  Die  ungewohnliche  Versatilitat  geht  bei  ihm,  wie 
mir  scheint,  mit  dem  BewuBtsein  zusammen,  Verrat  an  dem 
best  en  in  sich  geubt  zu  haben.  Darum  konnte  ihn  keinerlei 
Vertrautheit  mit  dem  Gelichter  schrecken. 

Demungeachtet  geht  es  meiner  Uberzeugung  nach  nicht 
an,  [Hans]  Carossa  einer  „Schule",  deren  Haupt  Hofmanns- 
thal gewesen  sei,  zurechnend,  von  der  Gleichschaltung  der 
deutschen  Schriftsteller  im  Zeichen  dieser  Schule,  das  heiBt 
Hofmannsthals  selbst  zu  reden.  Hofmannsthal  ist  1929  ge- 
storben.  Er  hat  ein  non  liquet  in  der  Strafsache,  die  Sie  gegen 
ihn  vertreten,  wenn  es  ihm  sonst  nicht  gesichert  ware,  mit 
seinem  Tod  erkauft.  Ich  wurde  meinen,  Sie  sollten  diese  Stelle 
nochmals  uberdenken ;  ich  bin  nahe  daran,  Sie  darum  zu  bitten. 

Sie  haben  natiirlich  Recht  an  Proust  zu  erinnern.  Ich  habe 
mir  in  der  letzten  Zeit  meine  eigenen  Gedanken  liber  das 
Werk  gemacht;  und  wieder  einmal  trifft  es  sich,  daB  sie  sich 
mit  den  Ihren  begegnen.  Sehr  schon  sprechen  Sie  von  der  Rr- 
fahrung  des  „das  ist  es  nicht"  —  eben  der,  die  die  Zeit  zu  einer 
verlorenen  macht.  Mir  will  nun  scheinen,  daB  es  ein  tief  ver- 
stecktes  (aber  nicht  darum  auch  unbewuBtes)  Mo  dell  dieser 
Grunderfahrung  fur  Proust  gegeben  habe:  namlich  das  „das 

852 


ist  es  nicht"  der  Assimilation  der  franzosischen  Juden.  Sie 
kennen  die  beriihmte  Stelle  in  „ Sodom  et  Gomorrhe",  an  der 
die  Komplizitat  der  Invertierten  mit  der  besonderen  Konstel- 
lation  verglichen  wird,  die  das  Verhalten  der  Juden  unterein- 
anderbestimmt.  Gerade,  daB  Proust  nur  Halbjude  war,  konnte 
ihn  zu  Einblicken  in  die  prekare  Struktur  der  Assimilation 
befahigen;  eineEinsicht,  die  ihm  durch  die  Dreyf uscampagne 
von  auBen  nahe  gelegt  worden  ist. 

Uber  George  durfte  kein  Text  bestehen,  der  sich,  selbst  im 
Abstand,  neben  dem  Ihren  darf  sehen  lassen.  Ich  habe  da  kei- 
nerlei  Vorbehalt;  ich  scheue  mich  nicht,  Ihnen  zu  gestehen, 
daB  ich  aufs  Gliicklichste  uberrascht  wurde.  Wenn  es  heute 
iiberaus  schwer  erscheinen  muB,  anders  von  George  zu  spre- 
chen  als  von  dem  Dichter,  der  mit  dem  „Stern  des  Bundes" 
das  choreographische  Arrangement  des  Veitstanzes  vorge- 
zeichnet  hat,  der  uber  den  geschandeten  deutschen  Boden 
dahingeht  —  so  war  das  von  Ihnen  gewiB  nicht  zu  gewar- 
tigen.  Und  diese,  unzeitgemaBe  und  undankbare  Aufgabe: 
eine  „Rettung"  Georges,  Sie  haben  sie  so  schlussig  wie  es  nur 
sein  kann,  so  unaufdringlich,  wie  es  sein  muB,  bewaltigt.  In- 
dem  Sie  den  Trotz  als  den  dichterischen  und  politischen  Fun- 
dus in  George  erkannten,  haben  Sie  die  wesentlichsten  Ziige 
ebensowohl  kommentierend  (Bedeutung  der  Ubersetzung)  wie 
kritisch  (Monopol  und  Ausschaltung  des  Marktes)  erhellt.  Es 
ist  da  alles  aus  einem  GuB,  alles  iiberzeugend,  mit  einigen 
Stellen,  die  fur  sich  allein  beweisen  wurden,  daB  die  Miihe, 
die  Sie  an  diesen  Text  gewendet  haben,  und  mochte  es  die 
langste  gewesen  sein,  nicht  verloren  war.  Ich  denke  da  an  die 
hervorragende  Glosse  zum  „ Gentleman",  an  so  weittragende 
Zitate  wie  „es  ist  worden  spat".  Mit  Ihrer  Arbeit  ist  vorstell- 
bar  geworden,  was  bisher  unvorstellbar,  und  womit  das  Nach- 
leben  Georges  beginnen  wiirde:  eine  Anthologie  seiner  Verse. 
Gewisse  stehen  in  Ihrem  Text  besser  als  am  Fundorte. 

Ich  mochte  einen  wichtigen  Punkt  nicht  iibergehen,  uber 
den  wir  uns  verstandigen  muBten  (und  wohl  auch  konnten). 
Er  betrifft  das,  was  Sie  unter  dem  Stichwort  „Haltungu  ab- 
handeln.  Der  Vergleich  mit  dem  Rauchen  wird  der  Sache 
schwerlich  gerecht.  Er  konnte  zu  dem  Glauben  verfuhren, 

853 


Haltung  sei  in  alien  Fallen  „zur  Schau  getragen"  oder  „ein- 
genoirimen".  Sie  kann  aber  durchaus  als  unbewuBte  vorge- 
funden  werden  ohne  darum  weniger  Haltung  zu  sein.  Und  so 
sehen  doch  auch  wohl  Sie  die  Sache,  indem  Sie  die  Anmut,  der 
bewuBtes  zur  Schau  getragen  werden  nur  selten  anschlagt, 
unter  den  gleichen  Begriff  befassen.  (Ich  will,  was  die  Anmut 
betrifft,  nur  von  den  Kindern  sprechen  und  tue  es  ohne  darum 
ein  Naturphanomen  von  der  Gesellschaft,  in  der  es  auftritt 
emanzipieren,  das  heiBt  schlecht  abstrakt  behandeln  zu  wol- 
len.  Die  Anmut  der  Kinder  besteht  und  sie  besteht  vor  allem 
als  ein  Korrektiv  der  Gesellschaft;  sie  ist  eine  der  Anweisun- 
gen,  die  uns  auf  das  „nicht  disziplinierte  Gliick"  gegeben 
sind.  Ein  Festhalten  an  der  kindlichen  Unschuld,  wie  man  es 
Hof  mannsthal  in  einer  unguten  Regung  zum  Vorwurf  machen 
konnte  (an  der  Unschuld,  die  es  ihm  erlaubte,  die  Feuilletons 
von  [Felix]  Salten  kaum  weniger  als  mein  Barockbuch  zu 
schatzen).  berechtigt  uns  nicht  zur  Preisgabe  dessen,  was  wir 
an  ihr  lieben  konnen.) 

Den  Vorbehalt,  den  das,  was  Sie  iiber  die  Haltung  im  enge- 
ren  Sinn  sagen,  in  mir  erweckt,  will  ich  mit  einer  Wendung 
andeuten,  die  ich  Ihrem  eigenen  Text  entnehme.  Und  zwar 
eben  der  Stelle,  wo  Sie  mit  der  schonen  Formel,  der  Einsame 
sei  der  Diktator  aller,  die  wie  er  einsam  sind,  auf  meinen 
Baudelaireaufsatz  hinweisen.  Ich  glaube  nicht,  daB  es  zu 
kuhn  ist,  zu  sagen,  daB  wir  da  auf  Haltung  stoBen,  wo  die 
essentielle  Einsamkeit  eines  Menschen  in  unser  Blickfeld 
riickt.  Die  Einsamkeit,  die  sehr  wohl,  weit  entfernt  der  Ort 
seiner  individuellen  Fiille  zu  sein,  der  Ort  seiner  geschichtlich 
bedingten  Leere,  der  persona  als  seines  MiBgeschicks  sein 
konnte;  Ich  verstehe  und  teile  jeden  Vorbehalt,  wo  Haltung 
die  zur  Schau  getragene  der  Fiille  ist  (so  wurde  sie  von  George 
in  der  Tat  vers  tan  den).  Es  gibt  aber  auch  die  unverauBerliche 
der  Leere  (so  in  den  Ziigen  des  spaten  Baudelaire).  Kurz: 
Haltung,  wie  ich  sie  verstehe,  unterscheidet  sich  von  der,  die 
Sie  denunzieren,  so  wie  das  Brandmal  von  der  Tatowierung. 

Die  beiden  letzten  Seiten  Ihres  Essays  waren  mir  ein  Ge- 
burtstagstisch,  auf  dem  die  Stelle  iiber  das  „nicht  diszipli- 
nierte Gliick"   das  Lebenslicht  darstellt.  Ubrigens  hat  die 

854 


Arbeit  audi  sonst  etwas  vom  Gabentisch;  die  terminologische 
Marke  haftet  so  wenig  mehr  an  den  Gedanken  wie  die  Preis- 
auszeichnung  an  einem  Geschenk. 

Zum  SchluB  iibernehme  ich  Ihre  gute  Gepflogenheit,  eini- 
ges  in  Gestalt  von  Marginalien  anzudeuten.  „eben  geht  der 
letzte  zug  ins  gebirg"  ist  ein  Satz,  der  genau  in  der  schwabin- 
ger  Atmosphare  zustandig  ist,  wie  [Alfred]  Kubins  Traum- 
stadt  „Perle".  „Perle"  ist  iiberhaupt  die  Stadt,  in  der  der 
„Tempel"  steht,  hinter  dessen  Mauern,  die  den  Schwamm 
haben,  der  „Siebente  Ring"  verwahrt  liegt. 

Dem  Hinweis  auf  Kraus  hatte  vielleicht  eine  Beziehung 
auf  die  Kritik,  die  Kraus  an  derGeorgeschenUbersetzung  von 
Shakespeares  Sonetten  vorgenommen  hat,  noch  mehr  Gewicht 
gegeben,  zumal  Sie  Ihrerseits  das  Problem  der  Ubersetzung 
beriihren. 

Georges  anerkennendes  Urteil  iiber  Hofmannsthal  kopiert 
haarscharf  das  beriihmte  von  Victor  Hugo  iiber  Baudelaire: 
„Vous  avez  cree  un  frisson  nouveau."  Wo  George  von  dem 
graniten-germanischenbeiHofmansthal  spricht,  schwebt  ihm 
vielleicht  nach  Ton  und  Sujet  eine  Stelle  aus  Holderlins  Brief 
an  Bohlendorf  vom  4.  Dezember  1801  vor. 

Im  Vorbeigehen  konnte  man  die  Frage  streifen,  ob  nicht 
auf  den  Briefwechsel  der  zwischen  Goethe  und  Schiller  einge- 
wirkt  hat  —  jener  Briefwechsel,  der  als  Dokument  einer 
Freundschaft  unter  Dichterfiirsten,  so  erheblich  zur  Ver- 
schlechterung  der  Luft  beigetragen  hat,  die  in  Deutschland 
gerade  um  die  Gipfel  gewesen  ist. 

Zu  Ihrem  „Das  Edle  ist  edel  kraft  des  Unedlen"  —  Victor 
Hugos  groBartiges  Wort:  „L'ignorant  est  le  pain  que  mange 
le  savant." 

Ihre  Medaillen  auf  Carossa  und  Rudolf  Borchardt  sind  sehr 
gliicklich  gepragt  und  die  Devise  lucus  a  non  lucendo,  die  Sie 
dem  Symbolismus  widmen,  hat  mich,  wie  Sie  sich  denken 
konnen,  entziickt.  Auch  erscheint  mir  die  sie  stiitzende  Ana- 
lyse der  „Voyelles"  [von  Arthur  Rimbaud]  durchaus  triftig. 
Die  Verschrankung  von  Technik  und  Esoterik,  die  Sie  so 
friih  nachweisen,  ist  mit  einem  Regime,  das  Ordensburgen 
fiir  Piloten  auffiihrt,  sinnfallig  geworden. 

855 


Zum  SchluB:  mir  gefallt  sehr  die  Rolle,  die  Jacobsen  in 
Ihrem  Essay  spielt.  Da  kommen  wohl  friihe  Motive  zur  Gel- 
tung.  Jedenfalls  wirkt  der  Name  von  Ihren  Refiexionen  urn- 
schrieben  wie  die  Erscheinung  eines  Knaben,  der  mit  heiBen 
Wangen  aus  dem  Wald  stiirzend  uns  in  einer  kiihlen  Allee 
entgegentritt. 

Sie  frag  en  nach  meinen  englischen  Stun  den.  Als  ich  von 
Felizitas  die  Adresse  einer  Lehrerin  bekam,  hatte  ich  meinen 
Unterricht  schon  bei  einer  andern  begonnen.  Es  ist  zu  fiirch- 
ten,  daB  meine  Forts chritte,  die  nicht  stiirmisch  sind,  der 
gesprachsweisen  Verwendung  meiner  Kenntnisse  weitvoraus- 
eilen.  DaB  das  Affidavit  von  Miss  Razowski  ein  „erhebliches 
Aktivum"  sei,  wie  Sie  sagen,  war  auch  meine  Meinung.  Ich 
habe  sie  leider  andern  miissen.  Alle  Informationen,  die  ich 
uber  die  derzeitige  Praxis  des  amerikanischen  Konsulats  (das 
seinerseits  noch  nichts  von  sich  horen  liefi)  bekommen  habe, 
stimmen  darin  iiberein,  daB  die  Abwicklung  der  normalen 
Falle  sehr  langsam  von  statten  geht.  Nun  ist  aber  mein  Fall, 
ohne  mein  Zutun,  leider  zu  einem  „normalen"  geworden  und 
dies  durch  die  Ubersendung  des  Affidavits.  Andernfalls  ware 
es  mir  moglich  geworden,  ein  Besuchsvisum  einzureichen, 
wie  es  dem  Schriftsteller  Hermann  Kesten  z.  B.  vor  kurzem 
bewilligt  wurde.  [.  .  .] 

Um  auf  die  Frage  des  Visums  zuruckzukommen,  so  wird 
zur  Bedingung  fur  die  Erteilung  eines  non  quota  Visums  (und 
das  ist  das  einzige,  das  mir  die  Moglichkeit  eroffnen  wiirde, 
in  kurzer  Zeit  heriiberzukommen)  abgesehen  von  der  Beru- 
f ung  der  Nachweis  offentlicher  Lehrtatigkeit  gemacht.  Neuer- 
dings  wird  hier  in  dieser  letzten  Bestimmung,  gerade  der 
Passus  besonders  streng  genommen,  der  den  Nachweis  dieser 
Lehrtatigkeit  fur  die  letzten  beiden  Jahre  vor  Erteilung  des 
Visums  vorschreibt.  Das  macht  mich  sehr  zogernd  jetzt  schon 
anSchapiro  zu  schreiben.  Ich  mochte  mich  an  ihnnichtf  ruber 
wenden,  als  bis  ich  die  GewiBheit  habe,  sein  Interesse  fur 
mich  voll  auswerten  zu  konnen.  Das  kann  erst  der  Fall  sein, 
wenn  der  Termin  meines  Erscheinens  drub  en  naher  geriickt 
ist;  sei  es,  daB  die  Abwicklung  der  Einwanderung  wieder 

856 


beschleunigt  wird,  sei  es,  daB  die  Bestimmungen,  die  fiir  die 
Erteilung  eines  non  quota  Visums  maBgebend  sind,  wieder 
minder  rigoros  gehandhabt  werden.  So  wie  es  im  Augenblick 
liegt,  fiirchte  ich,  daB  sie,  selbst  die  Berufung  vorausgesetzt, 
eher  gegen  mich  spielen  wiirden.  Aber  natiirlich  wiirde  ich 
ohne  Bedenken  an  Schapiro  schreiben,  wenn  Sie  meinen,  daB 
er  etwas  fiir  meine  Berufung  tun  konnte. 

Kennen  Sie  Faulkner?  Dann  wiifite  ich  gern,  was  Sie  von 
seinem  Werke  denken.  Ich  lese  gegenwartig  Lumiere  d'aout. 

Ihr  Brief  ist  mir  ohne  besondere  Verzogerung  zugekom- 
men.  Ich  denke,  Sie  konnen  mir  deutsch  und  sollten  mir  also 
ofter  schreiben.  Von  meiner  Seite  werden  Briefe  in  deutscher 
Sprache  freilich  die  Ausnahme  bilden  mussen.  —  SchlieBen 
Sie  Ihrem  nachsten  Brief  den  „Rickert"3  bei.  Ich  bin  ja 
Schiiler  von  Rickert  (wie  Sie  Schuler  von  [Hans]  Cornelius 
sind)  und  ich  freue  mich  formlich  auf  Ihren  Text. 

Sehr  herzlich  immer  Ihr  Walter  Benjamin 

1  aus  Adorn os  Arbeit  iiber  den  Fetischcharakter  in  der  Musik,  jetzt 
in  den  „Dissonanzen". 

2  Jetzt  Schriften  I,  S.  494-506. 

3  Adorno:  [Besprechung]  Heinrich  Rickert:  Unmittelbarkeit  und  Sinn- 
deutung.  Tubingen  1939,  in:  Studies  in  Philosophy  and  Social  Science  9 
(1941),  S.  479-482. 


329     An  Max  Horkheimer 

Lourdes,  16  juin  1940 

Cher  Monsieur  Horkheimer, 

je  vous  avais  promis  de  vous  donner  de  mes  nouvelles  aussi 
souvent  que  possible.  Elles  consistent  aujourd'hui  essentielle- 
ment  en  mon  changement  de  domicile. 

Vous  allez  certainement  me  dispenser  d'etre  plus  long, 
aujourd'hui  —  surtout  que  je  me  ressens  encore  des  grandes 
fatigues  des  derniers  quinze  jours  et  du  voyage. 

857 


II  est  surement  superflu  de  vous  renouveler  la  demande  de 
ma  derniere  lettre,  a  savoir  d'agir  de  facon  aussi  immediate 
et  expeditive  que  possible  aupres  des  autorites  americaines.  Je 
ne  sais  pas  l'adresse  actuelle  du  consulat.  Je  compte  done  sur 
vous  pour  communiquer,  de  New  York,  au  consulat  mon 
adresse  actuelle.  Une  lettre  du  consulate  rn  attestant  que  je 
peux  attendre  mon  visa  en  un  bref  delai  pourrait,  pour  moi, 
avoir  une  importance  primordiale. 

La  situation  favorisee  qui  est  actuellement  la  mienne  me 
permettrait  probablement  d'atteindre  dans  le  plus  bref  delai 
New  York,  le  visa  une  fois  delivre.  Je  suppose,  comme  je  vous 
1'ai  expose  dans  ma  derniere  lettre,  qu'une  nomination  a  une 
chaire,  me  valant  un  visa  hors  quote,  serait  facon  la  plus  expe- 
ditive pour  faire  avancer  les  choses.  II  y  a  bien  des  chances 
que  ce  soit  la  seule. 

Aux  reflexions  multiples  qui  m'obscurcissent  s'ajoute  l'in- 
quietude  au  sujet  de  mes  manuscrits  que  j'ai  ete  force  de 
laisser  a  Paris  —  ainsi  que  tous  mes  effets. 

Dites  mes  amities  aux  amis  et  croyez,  Cher  Monsieur 
Horkheimer,  a  mon  attachement  profond  et  sincere- 
Benjamin 


330     An  Adrienne  Monnier 

Lourdes,  [Juni?]  1940 

Chere  amie, 

Ces  quelques  mots,  je  vous  les  ecris  en  vitesse,  sur  un  bout  de 
table. 

J'ai  vivement  regrette  de  ne  plus  vous  avoir  vue.  Des  cir- 
constances  imprevues  ont  fait  que  je  suis  parti  pour  Lourdes 
ou  la  femme  d'un  ami  qui,  elle,  est  parti  en  meme  temps  etait 
vaguement  attendue. 

Je  n'ai  pas  a  me  plaindre  de  cet  hasard.  Le  pays  est  tres  bon 
marcher  j'ai  trouve  une  chambre  a  200  frs.  L'accueil  qu'on 
trouve  aussi  bien  de  la  part  des  particuliers  que  du  cote  de  la 

858 


mairie  est  d'une  gentillesse  qui  est  sans  prix,  dans  les  circon- 
stances  actuelles. 

Beaucoup  de  monde,  surtout  des  refugies  beiges.  II  parait 
que  les  choses,  pour  ces  derniers,  sont  organisees  au  mieux; 
nul  trouble,  aucune  nervosite.  Une  confiance  et  un  calme  du 
meilleur  aloi. 

J'aimerais  tellement  que  Gisele  [Freund]  vienne  ici,  si, 
entre  temps,  elle  n'a  pas  reussi  a  trouver  un  arrangement  qui 
lui  plaise  reellement.  Je  pense  que  Lourdes  lui  conviendrait 
a.  bien  des  points  de  vue.  (Le  pays  qui  m'etait  inconnu  est 
tres  beau). 

Je  pense  a  vous;  je  penserai  a.  vous  sans  cesse  tant  que  tout 
danger  ne  sera  pas  ecarte  de  Paris.  Je  vous  retrouve  non  seule- 
ment  en  songeant  a  Paris  et  a  la  rue  del'Odeonque  je  voudrais 
vouer  a  la  plus  puissante  et  la  moins  sollicitee  des  divinites 
protectrices  —  mais  aussi  a  bien  des  carrefours  de  ma  pensee. 

Je  vous  salue  en  vous  disant  mon  attachement  le  plus 
profond. 

Benjamin. 
PS  —  Ayez  la  bonte,  d'envoyer  mon  adresse  a  Gisele;  et  qu'elle 
m'envoie  la  sienne.  Dites  a  Sylvia  [Beach]  mes  meilleurs 
souvenirs,  voulez-vous.  Merci  de  la  belle  lettre  de  H.  et  de 
son  livre. 


3  31     An  Hannah  Arendt 

Lourdes,  8  juillet  1940 

Chere  Hannah, 

j'espere  que  ces  lignes  vous  trouveront  a  Montbahus.  Elles 
sont  destinees  a  vous  dire  que  je  vous  remercie  de  votre  carte 
du  5,  et  je  vous  felicite  d'avoir  mis  la  main  sur  Monsieur.1 
Que  je  vous  prie  d'assurer  de  mes  meilleurs  amities.  (<Ja  c'est 
le  style  de  Hetz  qui  est  en  train  de  former  le  mien!) 

Mme  P  a  retrouve  son  mari,  passablement  abime,  parait -il. 

De  Fritz2  on  a  des  nouvelles,  mais  il  parait  qu'il  ne  soit 
pas  libere  encore. 

859 


Je  serais  plonge  dans  un  cafard  plus  noir  encore  que  celui 
qui  me  tient  a  present,  si,  tout  depourvu  que  je  suis  de  livres, 
je  n'avais  pas  trouve  dans  mon  seul  la  devise  qui  s'applique  le 
plus  magnifiquement  a  ma  condition  actuelle:  „Sa  paresse  l'a 
soutenu  avec  gloire,  durant  plusieurs  annees,  dans  Tobscurite 
d'une  vie  errante  et  cachee."  (La  Rochefoucauld  en  parlant  de 
Retz.)  Je  vous  cite  cela  avec  le  sourd  espoir  d'attrister  Monsieur. 

Votre  vieux  Benjamin 

1  Heinrich  Bliicher,  H.  Arendts  spaterer  Mann. 

2  Der  Psychiater  Dr.  Fritz  Fraenkel,  ein  Freund  W.  B.'s,  der  in  Paris 
im  selhen  Haus  wohnte. 


3 32     An  Theodor  W .  Adorno 

Lourdes,  2.  8.  40 

Mein  lieber  Teddie, 

iiber  Ihren  Brief  vom  15.  Juli  habe  ich  mich  aus  mehreren 
Griinden  sehr  gefreut.  Einmal  war  es  Ihr  freundliches  Ge- 
denken  des  Tags;  dann  das  Verstandnis,  das  aus  Ihren  Zeilen 
hervorging.  Nein,  es  ist  mir  wirklich  nicht  leicht,  einen  Brief 
zu  schreiben.  Ich  sprach  zu  Felicitas  von  der  volligen  Unge- 
wiBheit,  in  der  ich  mich  iiber  meine  Schriften  befinde.  (Fur 
die  den  „Passagen"  gewidmeten  Papiere  ist  relativ  etwas 
weniger  zu  fiirchten  als  fiir  die  andern. l)  Es  stent  aber,  wie 
Sie  wissen,  so,  daB  ich  meinen  Schriften  gegenuber  nichts 
voraus  habe.  Von  einem  Tag  auf  den  andern  konnen  die 
Mafmahmen,  die  im  September  iiber  mich  hereinbrachen, 
sich  wiederholen,  nun  aber  mit  ganz  anderm  Vorzeichen.  Ich 
habe  in^den  letzten  Monaten  eine  Anzahl  von  Existenzen  von 
dem  burgerlichen  Dasein  nicht  etwa  absinken  sondern  von 
einem  Tage  auf  den  andern  absturzen  sehen;  so  daB  jede 
Sicherung  mir,  neben  dem  problematischen  auBern  einen 
minder  problematischen  innern  Halt  gibt.  In  diesem  Sinne 
habe  ich  das  Dokument  „a  ceux  qu'il  appartient"  mit  wahrer 

860 


Dankbarkeit  in  die  Hand  genommen.  Ich  konnte  mir  vorstel- 
len,  daft  der  Briefkopf,  der  mich  freudig  iiberrascht  hat,  die 
etwaige  Wirkung  des  Schriftstiicks  nachhaltig  unterstiitzt. 

Die  vollige  UngewiBheit  iiber  das,  was  der  nachste  Tag, 
was  die  nachste  Stunde  bringt,  beherrscht  seit  vielen  Wochen 
meine  Existenz.  Ich  bin  verurteilt,  jede  Zeitung  (sie  erschei- 
nen  hier  nur  noch  auf  einem  Blatt)  wie  eine  an  mich  ergan- 
gene  Zustellung  zu  lesen  und  aus  jeder  Radiosendung  die 
Stimme  des  Ungliicksboten  herauszuhoren.  Mein  Bestreben, 
Marseille  zu  erreichen  urn  dort  beim  Konsulat  meine  Sache 
zu  pladieren,  war  umsonst.  Fur  den  Auslander  ist  seit  lan- 
germ  keine  Ortsveranderung  zu  erwirken.  So  bleibe  ich  auf 
das  angewiesen,  was  Ihr  von  drauBen  bewirken  kbnnt.  Mich 
hat  besonders  zur  Hoffnung  bewegt,  daB  Sie  mir  eine  Nach- 
richt  vom  Konsulat  in  Marseille  in  Aussicht  stellen.  Ein  Brief 
dieses  Konsulats  wiirde  mir  vermuth ch  die  Erlaubnis  ein- 
tragen,  mich  nach  Marseille  zu  begeben.  (In  der  Tat  kann 
ich  mich  nicht  entschlieBen,  mit  den  Konsulat  en  im  besetzten 
Gebiet  in  Verbindung  zu  treten.  Ein  Brief,  den  ich  noch  vor 
der  Okkupation  von  hier  aus  nach  Bordeaux  gerichtet  hatte, 
ist  freundlich  aber  auf  gegenstandslose  Weise  beantwortet 
worden:  die  fraglichen  Akten  lagen  noch  in  Paris.) 

Ich  vernehme  von  Hirer  Unterhandlung  mit  Havanna,  von 
Ihrer  Bemiihung  um  San  Domingo.  Ich  bin  fest  davon  iiber- 
zeugt,  daB  Sie  das  Unternehmbare  oder,  wie  Felicitas  sagt, 
„mehr  als  das  Mogliche"  versuchen.  Meine  Befiirchtung  ist, 
die  uns  zur  Verfiigung  stehende  Zeit  konnte  weit  begrenzter 
sein  als  wir  annahmen.  Und  obwohl  ich  vor  vierzehn  Tagen 
an  eine  solche  Moglichkeit  nicht  gedacht  habe,  haben  neue 
Auskunfte  mich  bestimmt,  Mme  Favez  zu  bitten,  durch  In- 
tervention von  Carl  Burckhardt,  wenn  irgend  moglich,  einen 
interimistischen  Auf  enthalt  in  der  Schweiz  mir  bewilligen  zu 
lassen.  Ich  weiB,  daB  von  Hause  aus  vieles  gegen  diesen  Aus- 
weg  spricht:  aber  es  spricht  ein  machtiges  Argument  dafiir: 
die  Zeit.  Ware  dieser  Ausweg  nur  zu  realisieren!  —  Ich  habe 
mich  in  einem  Brief e  an  Burckhardt  gewandt.2 

Ich  hoff e,  daB  ich  Ihnen  bisher  den  Eindruck  gegeben  habe, 
auch  in  schwierigen  Augenblicken  gefaBt  zu  bleiben.  Glau- 

861 


ben  Sie  nicht,  daB  sich  das  geandert  hat.  Aber  ich  kann  mich 
dem  gefahrlichen  Charakter  der  Lage  nicht  verschlieBen.  Ich 
fiirchte,  die,  die  sich  aus  ihr  haben  retten  konnen,  werden 
eines  Tages  zu  zahlen  sein. 

Sie  erhalten  via  Genf  —  wie  ich  auch  wohl  diese  Zeilen  diri- 
gieren  werde  -  mein  curriculum  vitae.  Die  Bibliographie 
habe  ich  in  den  Lebenslauf  eingearbeitet,  weil  mir  hier  alle 
Handhaben  fehlen,  sie  als  solche  ausfuhrlicher  zu  gestalten. 
(Sie  umfaBt  alles  in  allem  gegen  450  Nummern.)  Wenn  den- 
noch  eine  Bibliographie  im  engern  Sinne  benotigt  wiirde,  so 
ist  Ihnen  die  in  der  Programmschrif t  des  Instituts  zur  Hand ; 
eine  b  ess  ere  konnte  ich  derzeit  nicht  liefern. 

Es  ist  mir  eine  groBe  Beruhigung,  daB  Sie  in  New  York, 
sozusagen  „erreichbar"  und  im  eigentlichen  Sinne  wachsam 
bleiben.  In  Boston,  Commonwealth  Avenue  384  lebt  Mr 
Merril  Moore.  Er  ist  von  Mrs  W  Bryher,  der  Herausgeberin 
von  Life  and  letters  to-day  mehrfach  auf  mich  hingewiesen 
worden,  hat  wahrscheinlich  einen  Begriff  von  der  Lage  und 
den  Willen  zu  ihrer  Veranderung  beizutragen.  Ich  denke,  es 
konnte  von  Wert  sein,  wenn  Sie  sich  mit  ihm  in  Verbindung 
setzen. 

Mich  betriibt,  daB  die  Verfassung  von  Felizitas  so  unbe- 
standig  bleibt.  [.  .  .]  Sagen  Sie  Ihr  meine  sehr  herzlichen 
Wiinsche. 

Bitte  richten  Sie  Herrn  Pollock  den  auf  rich  tigsten  Dank 
und  die  freundlichsten  GriiBe  aus. 

Und  nehmen  Sie  alles  Liebe  von  Ihrem 

Walter  Benjamin 
PS  Verzeihen  Sie  die  peinlich  komplette  Signatur;  man  ver- 
langt  sie. 

1  Aufzeichnungen  und  Materialien  zur  Passagenarbeit  wurden  bei 
B.s  Flucht  aus  Paris  mit  der  Beihilfe  von  Georges  Bataille,  der  dort 
Bibliothekar  war,  in  der  Bibliotbeque  Nationale  versteckt;  sie  sind 
erhalten. 

2  Es  gelang  BurcMiardt  nicht,  die  zustandige  Schweizer  Behorde  vor 
W.  B»'s  illegalem  Grenziibertritt  nach  Spanien  zu  einem  positiven  Be- 
scheid  auf  seine  Intervention  zu  bewegen. 


862 


V-ffifW^VV     ■■  '    '  :  '  ■-■■    '»T-   " 


ANHANG 


Verzeichnis  der  Brief empf anger 


Adorno,  Gretel  (geboren  1902),  geb.  Karplus,  Dr.  phil.,  verheiratet  mit 
Theodor  W.  Adorno,  seit  1928  mit  Benjamin  befreundet.  210,  217, 
223,  226,  229,  231,  265,  302,  305,  317,  321,  324,  326 

Adorno,  Theodor  W[iesengrund]  (geboren  1903),  o.  6,  Professor  der 
Philosophie  und  Soziologie  an  der  Johann  Wolfgang  Goethe-Univer- 
sitat  Frankfurt,  Direktor  des  Instituts  fur  Sozialf orschung.  Habilitiert 
1931.  Emigration  1934,  zuerst  nach  Oxford,  dann  nach  Nordamerika 
ans  Institut  fur  Sozialforschung.  Riickkehr  nach  Frankfurt  1949, 
Aus  seiner  Bekanntschaft  mit  Benjamin,  die  bis  auf  1923  zuriick- 
datiert,  entwickelte  sich  eine  intensive  Freundschaft;  sie  waren 
auch  wahrend  der  Emigration  viel  in  Paris  und  in  San  Remo  zu- 
sammen.     213,  250,  260,  272,  276,  304,  307,  310,  318,  328,  332 

Arendt,  Hannah  (geboren  1906),  Schriftstellerin.  War  in  erster  Ehe 
mit  Giinter  Stern,  dem  Sohn  von  W.  Bs  Vetter  Professor  William 
Stern,  verheiratet.  Umgang  mit  W.  B.  seit  dem  An  fang  der  drei- 
Biger  Jahre,  besonders  eng  in  den  Jahren  der  Emigration,  als  sie 
das  Pariser  Biiro  der  Jugend-Alijah  leitete.     331 

Benjamin,  Walter      195,  202,  204,  237,  263,  306 

Belmore,  Herbert  (geboren  1893  in  Kapstadt),  kam  als  Kind  aus 
Siidafrika  mit  seinen  Eltern  nach  Deutschland  zuriick.  Mitschuler 
und  enger  Jugendfreund  von  W.  B.,  besonders  in  der  Zeit  der  Ju- 
gendbewegung.  Studierte  Graphik.  Ging  im  Friihjahr  1914  nach 
England  und  war  wahrend  des  ersten  Weltkrieges  in  der  Schweiz. 
,1917  brach  die  Freundschaft  ab.  Lebt  jetzt  als  Ubersetzer  in  Rom. 
1,  2,  3,  4,  5,  6,  7,  8,  9,  10,  12,  13,  16,  17,  18,  19,  22,  23,  31,  32,  35, 
36,  40,  43,  47 

Brecht,  Bertolt  (1898-1956).  W.  B.  gehorte  zu  den  fruhesten  Bewun- 
derern  von  Brechts  dramatischem  und  lyrischem  Werk,  das  er  wie- 
derholt  offentlich  gewiirdigt  hat.  Von  Paris  aus  hat  er  ihn  wieder- 
holt  fur  langere  Zeit  in  Svendborg  besucht  und  in  langen  Diskussio- 
nen  seinen  eigenen  und  den  Standpunkt  Brechts  in  politischen  wie 
literarischen  Fragen  zu  klaren  sich  bemiiht.  200,  232,  235,  251, 
258 

Brecht,  Helene  (geboren  1900),  geb.  Weigel.  Leiterin  des  Berliner 
Ensembles,      253 

Brehtano,  Bernard  von  (1901-1964),  1925-1930  Korrespondent  der 
frankfurter  Zeitung<  in  Berlin.  Freundeskreis  Benjamin,  Benn, 
Brecht,  Bronnen,  Rudolf  Grossmann  und  andere.  1932  Warming 
vor  Hitler  mit  dem  Buch  >Beginn  der  Barbarei  in  Deutschland<. 
Nach  dem  Reichstagsbrand  1933  Emigration  in  die  Schweiz.  Erst  in 

865 


Zurich,  dann  in  Kiisnacht/Zurich,  schrieb  er  seine  Rbmane  und 
Essays,  ein  Drama  und  eine  Biographie.     312,  315,  319 

Buber,  Martin  (1878-1965).  Verbrachte  seine  Jugend  in  Lemberg.  Gab 
von  1916  bis  1924  die  Zeitschrift  >Der  Jude<,  von  1926-1930  >Die 
Kreatur<  heraus.  Bis  1933  Honorar-Professor  fur  allg.  Religions- 
wissenschaft  in  Frankfurt,  seit  1938  Prof,  fur  Sozialphilosophie  in 
Jerusalem,  W.  B.  hat  sein  Stadtebild  iiber  Moskau  in  der  >Kreatur< 
verbifentlicht.  Buber  lud  ihn  1916  zur  Mitarbeit  am  >Juden<  ein. 
44,  45,  161,  163 

Caro,  Hiine  (eigentlich  Siegfried)  (geboren  1898  in  Berlin),  enger 
Freund  von  Erwin  Loewensohn,  verkehrte  mit  W.  B.  auch  in  den 
Schweizer  Jahren  und  nachher  in  Berlin.  Lebt  in  Jerusalem,      83. 

Cohn,  Alfred  (1892-1954),  Klassenkamerad  und  Jugendfreund  von 
W.  B.,  mit  dem  er  bis  in  die  Emigrations jahre  in  enger  Verbindung 
blieb.  War  Kaufmann  in  Berlin,  spater  in  Mannheim,  dann  wieder 
in  Berlin,  dann  in  Barcelona.  Von  1936  an  in  Paris,  wahrend  des 
zweiten  Weltkrieges  Lehrer  am  Zentrum  der  jiidischen  Pfadfinder 
in  Moissac.  Seit  1921  verheiratet  mit  Grete  Radt,  die  als  Studentin 
1914  bis  1916  mit  W,  B.  verlobt  war.  173,  183,  247,  254,  262, 
273,  279 

Freund,  Gisele  (geb.  1908  in  Berlin),  Journalistin  und  Photographin. 
Lernte  W.  B.  in  dessen  Pariser  Zeit  kennen.  Beide  verkehrten '  in 
denselben  literarischen  Zirkeln  und  hatten  neb  en  der  Photographie 
eine  zweite  gemeinsame  Leidenschaft :  das  Schachspiel.  W.  B.  zeigte 
Gisele  Freunds  Dissertation  in  der  Zeitschrift  fur  Sozialforschung 
an.  Einige  der  schonsten  erhaltenen  Photos  Benjamins  werden  ihr 
verdankt.  Lebt  in  Paris.     322 

Hofmannsthal,  Hugo  von  (1874-1929),  Hofmannsthal  erkannte  im 
Gegensatz  zu  den  deutschen  Universitatskreisen  friihzeitig  W.  B's 
iiberragende  Bedeutung  und  veroffentlichte  1924/25  in  seinen 
>Neuen  Deutschen  Beitragen<  dessen  Wahlverwandtscha  ft  en- Arbeit. 
W.  B.  seiners eits  hat  in  mehreren  Aufsatzen  die  verschiedenen  Fas- 
sungen  von  Hofmannsthals  >Turm<  gewiirdigt.  129,  139,  143,  146, 
149,  151,  158,  162,  164,  166,  167,  169,  170,  172,  176,  188 

Horkheimer,  Max  (geboren  1895  in  Stuttgart),  emeritierter  Ordinarius 
der  Philosophie  und  Soziologie  an  der  Johann  Wolfgang  Goethe- 
Universitat  in  Frankfurt,  habilitiert  in  Frankfurt  1925. 1930  ordent- 
licher  Professor  ebenda  und  Direktor  des  Instituts  fur  Sozialfor- 
schung. Emigration  1933,  Fortfiihrung  des  Instituts  im  Rahmen  der 
Columbia  Universitat,  New  York.  Riickkehr  aus  der  Emigration 
1948.  Kannte  Benjamin  seit  dessen  Frankfurter  Zeit;  dieser  wurde 
wahrend  der  Emigration  Mitglied  des  Instituts.  242,  245,  255, 
256,  261,  266,  280,  282,  283,  284,  285,  290,  293,  297,  303,  323, 
325,  329 

Kraft,  Werner  (geboren  1896  in  Hannover),  Dichter  und  Schrifts teller 
(bis  1933  Bibliothekar  in  Hannover),  studierte  neuere  Sprachen  in 


866 


Berlin,  wo  er  W.  B,  1915  kennenlernte.  Bis  1921  stand  er  mit  ihm  in 
enger  Verbindung,  die  nach  1935  in  Paris  wieder  aufgenommen 
wurde,  zuerst  personlich  und  dann  nach  Krafts  Ubersiedlung  nach 
Jerusalem  auch  brieflich.  239,  243,  246,  252,  259,  270,  271,  274, 
275,  281 

Lieb,  Fritz  (geboren  1892  in  Rothenfluh),  Privatdozent  fur  Sy  sterna- 
tische  Theologie  1924  Basel;  1930  Bonn,  a.  o.  Professor  ebenda 
1931.  1933  aus  politischen  Griinden  abgesetzt.  Emigrant  1934-1936 
Paris;  a.  o.  Professor  1936  Basel,  o.  Gast-Professor  1946/47  Berlin, 
o.  Professor  1958  Basel,  emeritiert  1962.     288 

Monriier,  Adrienne  (1892-1955)  Buchhandlerin  und  Schriftstellerin. 
Urspriinglich  literarische  Sekretarin,  eroffnete  1915  ihren  beruhm- 
ten  Buchladen  7  rue  de  1' Ode  on.  In  engstem  Kontakt  mit  der  fran- 
zosischen  avantgardistischen  Literatur,  insbesondere  mit  Pierre 
Reverdy,  Henri  Michaux  und  Michel  Leiris,  aber  auch  mit  Valery. 
Maurice  Saillet  hat  unter  dem  Titel  >rue  de  POdeon<  ein  Buch 
veroffentlicht,  das  Zeugnisse  iiber  sie  und  eine  Reihe  ihrer  eigenen 
Arbeiten  enthalt,  darunter  auch  zwei  Aufsatze  iiber  Benjamin,  mit 
dem  sie  in  dessen  Pariser  Jahren  befreundet  war.      313,  320,  330 

Radt,  Jula  (geboren  1894  in  Berlin),  Schwester  von  Alfred  Cohn. 
Lange  Zeit,  vor  allem  1912  bis  1915  und  1921  bis  1933  eng  mit 
W.  B.  befreundet.  Bildhauerin.  Lebte  von  1916  bis  1922  in  Heidel- 
berg, wo  sie  dem  Kreis  um  Stefan  George  nahestand;  nachher  wie- 
der in  Berlin.  Seit  1937  in  Holland.  Seit  1925  mit  Fritz  Radt,  dem 
Bruder  von  Grete  Radt,  verheiratet.      152,  154,  155,  159,  224 

Rang,  Florens  Christian  (1864-1924),  zunachst  im  preufiischen  Ver- 
waltungsdienst;  entschloB  sich  1895  Theologie  zu  studieren,  kehrte 
nach  fiinfjahriger  Tatigkeit  als  Pfarrer  in  den  Staatsdienst  zuriick, 
bis  1917  Regierungsrat,  bis  1920  Vorstand  des  Raiffeisenverbandes. 
Danach,  auf  Grund  seiner  letzten  Wandlung,  die  ihn  zur  Nieder- 
legung  aller  seiner  Amter  veranlaBte,  Privatmann.  Er  stand  in  sei- 
nen  letzten  Lebensjahren  mit  Benjamin,  den  er  etwa  1918  in  Berlin 
kennengelernt  hat,  in  enger  Verbindung.  112,  115,  116,  117,  118, 
119,  120,  121,  122,  123,  124,  126,  127,  128,  130,  131 

Rilke,  Rainer  Maria  (1875-1926).  W.  B.  ist  mit  Rilke  erst  kurz  vor 
dessen  Tode  in  Beziehung  getreten.  Rilkes  Gedichte  hat  er  in  seiner 
Jugend  geschatzt  und  zitiert,  nie  aber  sich  in  grofierem  Zusam- 
menhange  iiber  ihn  geauBert.  Er  ubernahm  die  Ubersetzung  der 
>Anabase<  von  Saint- John  Perse,  fur  die  eigentlich  Rilke  vorgesehen 
war.      144,  148 

Rychner,  Max  (1897-1965),  Literaturkritiker.  Wurde  1921  mit  einer 
Arbeit  iiber  G.  G.  Gervinus  promoviert.  Von  1922  an  Redakteur  der 
>Neuen  Schweizer  Rundschau<,  in  welcher  Eigenschaft  er  mit  W.  B., 
dessen  Mitarbeit  suchend,  bekannt  wurde.  Lebte  1931-1937  als 
Redakteur  und  Korrespondent  in  Kbln.  165,  174,  182,  187,  192, 
201,  222 


867 


Sachs,  Franz  (geboren  1894  in  Berlin),  Mitschuler  und  Jugendfreund 
von  W.  B.  in  der  Zeit  der  Jugendbewegung  bis  1914.  Studierte  Jura 
und  lebt  als  chartered  accountant  in  Johannesburg.      14,  21 

Schoen,  Ernst  (1894-1960),  Musiker,  Dichter  und  Ubersetzer.  Mit- 
schuler von  W.  B.  und  auch  spater  mit  ihm  freundschaftlich  ver- 
hunden.  Seit  seiner  Jugend  in  Verhindung  mit  der  Familie  des 
Komponisten  Busoni.  Lehte  vor  allem  in  Berlin,  spater  als  Pro- 
grammleiter  des  Rundfunks  bis  1955  in  Frankfurt.  Von  1953  bis 
1952  in  England,  dann  wieder  in  Berlin.  W.  B.  hat  ein  >Gesprach 
mit  Ernst  Schoen<  in  der  >Literarischen  Welt<  vom  30.  August  1929 
verb  Sen  tlicht.  W.Bs  Briefe  an  ihn  haben  sich  nur  bis  1921  erhalten. 
25,  33,  34,  37,  38,  48,  51,  54,  59,  62,  68,  69,  70,  72,  73,  75,  77,  80, 
82,  85,  87 

Scholem,  Gershom  Gerhard  (geboren  1897  in  Berlin),  studierte  Mathe- 
matik,  Philosophic  und  Semitistik.  Lernte  W.  B.  1915  kennen,  war 
1918  und  1919  in  Bern  mit  ihm  zusammen.  Enger  persb'nlicher  Urn- 
gang  in  den  Jahren  bis  1923,  als  er  nach  Palastina  ging.  Nochmali- 
ges  persbnliches  Zusammensein  in  Paris  1927  und  1938.  Seit  1925 
Dozent  und  spater  ordentlicher  Professor  fiir  Geschichte  der  jiidi- 
schen  Mystik  an  der  Universitat  Jerusalem.  In  erster  Ehe  verheiratet 
(bis  1936)  mit  Elsa  Burchardt,  in  zweiter  Ehe  mit  Fania  Freud. 
41,  42,  46,  49,  50,  52,  53,  55,  56,  57,  58,  60,  61,  63,  64,  65,  66,  67, 
71,  74,  76,  78,  79,  81,  84,  86,  88,  89,  90,  91,  92,  93,  94,  95,  96,  97, 
98,  99,  100,  101,  102,  103,  104,  105,  106,  107,  108,  109,  110,  111, 
113,  114,  125,  132,  153,  134,  135,  156,  137,  158,  140,  141,  142,  145, 
147,  150,  153,  156,  157,  160,  168,  171,  175,  177,  178,  179,  180,  181,. 
184,  185,  186,  189,  190,  191,  193,  194,  196,  197,  198,  199,  203,  205, 
206,  207,  208,  209,  211,  212,  214,  215,  216,  218,  220,  221,  225,  227, 
230,  235,  236,  258,  240,  241,  244,  249,  257,  264,  268s  278,  286,  287, 
289,  292,  296,  299,  300,  308,  509,  311,  327 

Seligson,  Carla  (1892-1956),  studierte  Medizin  und  nahm  lebhaften 
Anteil  an  der  Jugendbewegung,  in  deren  Bliitezeit  sie  mit  W.  B.  eng 
befreundet  war.  Seit  1917  mit  Herbert  Belmore  verheiratet.  Ihre 
Schwestern  Rika  und  Traute,  die  ebenfalls  intensiv  an  diesem 
Kreise  teilnahmen,  begingen  im  ersten  Kriegsjahr  (1914/15)  Selbst- 
mord.     11,  15,  20,  24,  26,  27,  28,  29,  30 

Steffin,  Margarete  (1908-1941),  Buchhalterin.  Sie  war  armer  Leute 
Kind.  Brecht  lernte  sie  im  Winter  1931/32  kennen.  Sie  spielte  das 
Dienstmadchen  in  der  Urauffuhrung  der  >Mutter<  (Januar  1952). 
Mit  kurzen  Unterbrechungen  teilte  sie  Brechts  Exil  von  1933  an, 
iibersetzte  auch  fiir  ihn  Griegs  >Niederlage<  und  anderes.  Sie  starb 
auf  dem  Wege  in  die  Vereinigten  Staaten  in  Moskau.  Benjamin 
lernte  sie  in  Paris  kennen.     267,  316 

Steinschneider,  Kitty  (geboren  1905  in  Kbnigsberg),  lernte  noch  als 
Kitty  Marx  W.  B.,  kurz  bevor  sie  Anfang  1933  nach  Palastina  ging, 
kennen  und  stand  in  den  folgenden  Jahren  mit  ihm  in  freundschaft- 

868 


licher  Verbindung.  Seit  1933  verheiratet  mit  Karl  Stein  Schneider. 
Lebte  zuerst  in-  Rechobot  und  spater  in  Jerusalem.  219,  228,  269, 
277,  301 

Thieme,  Karl  (1902-1963),  geboren  in  Leipzig,  Studium  der  Philoso- 
phic, Geschichte  und  Theologie.  Sozialist.  Lehrtatigkeit  an  der 
deutschen  Hochschule  f  iir  Politik  und  der  Padagogischen  Akademie 
Elbing.  Emigrierte  1935,  Einbiirgerung  in  der  Schweiz  1943.  Seit 
1947  Lehrtatigkeit  an  der  Hochschule  fur  Verwaltungswissenschaf- 
ten,  1954  Professor  am  Ausland-  und  Dolmetscherinstitut  der  Uni- 
versitat  Mainz  in  Germersheim,     248,  291,  294,  295,  298,  314 

Weltsch,  Robert  (geb.  1891  in  Prag),  aus  dem  Prager  zionistischen 
Kreis  hervorgegangen,  war  von  1921-1939  Chefredakteur  der 
>Jiidischen  Rundschau<,  fur  die  W.  B.  seinen  Kafka-Essay,  schrieb. 
Lebte  spater  in  Jerusalem,  seit  1945  in  London.      234 

Wyneken,  Gustav  (1875-1964),  der  Fuhrer  der  radikalen  Schul- 
reform,  Begriinder  der  Freien  Schulgemeinde  Wickersdorf.  Autor 
von  >Schule  und  Jugendkultur<  und  Herausgeber  der  Zeitschrift 
>Der  Anfang<.  War  W.B's  Lehrer  im  Landeserziehungsheim  Hau- 
binda  und  stand  seitdem  mit  ihm  in  engem  Kontakt  bis  1915,  be- 
sonders  1912  bis  1914.  Nur  W.  B's  Absagebrief  an  ihn,  mit  dem  er 
die  Beziehung  abbrach,  ist  bisher  zum  Vorschein  gekommen.      39 


Namenr egister 


Abraham,  Pierre  818 

Ach,  NarziB  von  564 

Adorno,  Gretel  geb.  Karplus  12, 
6+0,  662,  663,  664,  671,  679, 
741,  779,  788,  799,  809,  823, 
824,  825,  828,  834,  835,  839, 
848,  856,  860,  861,  862 

Adorno,  Marie  geb.  Cavelli  809 

Adorno,  Oscar  809 

Adorno,  Theodor  Wiesengrund  7, 
11,  12,  13,  169,  552,  556,  565, 
569,  592,  597,  600,  685-688, 
718,  722  f .,  726,  727,  737,  739, 
741,  749,  750,  765,  771,  780, 
800,  801,  804,  811,  828,  835, 
837,838,841,844,845 

Aeschylus  338 

Aflah,  Abu  344 

Agnon, S.J.  212,  225,  2281,  240, 
243,  255,  257  £.,  261,  272,  275, 
281,  283,  286,  289,  291,  357, 
369,  374,  383,  417,  468,  494, 
579,  601 

Alain  703 

Alanus  ab  Insulis  238,  367 

Albert  77 

Alewyn,  Richard  469 

Andersen,  Johann  Christian  198, 
199 

Andreas  Salome,  Lou  601 

Andrian,  Leopold  von  454 

Angelus  Silesius  28,  97 

D'Anrmnzio,  Gabriele  498,  681 

Apollinaire,  Guillaume  340 

Appel  813 

Aragon,  Louis  446,  663 

Arendt,  Hannah'  12,  804,  810, 
846  f. 

Aretino,  Pietro  31, 198 


Arndt,  Ernst  Moritz   229 
Asselineau,  Charles  238 
Ave-Lallemant,    Friedrich    Chri- 
stian Benedict  211  f, 

Baader,  Franz  von  134/135,  137, 
139,369,494,502,619 

Bachenschwanz,  Lebrecht  307 

Bachofen,  Johann  Jakob  409, 416, 
614,  616,  640,  642,  646,  650, 
652,  653,  660 

Baechtold,  Jakob  504,  760 

Baeck,  Leo  476 

Baumker,  Clemens  224  f.,  230, 
235,  236 

Baumler,  Alfred  735 

Balfour,  Arthur  James  520 

Ball,  Hugo  216 

Balzac,  Honore  de  1 07,  111, 
215  f.,  307,  356,  395,  402,  759, 
789,  807 

Barbizon,  Georg  8,  53,  54,  69,  74, 
77,  79,  98,  99,  104,  117,  200 

Baron,  Erich  579 

Barth,  Karl  711,  816 

Barthel,  Ernst  152,  175 

Bassiano,  Marguerite  von  420 

Bauch,  Bruno  143,  159 

Baudelaire,  Charles  120,133,171, 
198,  213,  219,  223,  235,  238, 
247,  250,  253,  255,  259,  265, 
268,  287,  290,  294,  300,  302, 
307,  318,  319,  321,  327,  330, 
334,  339,  351  f.,  356,  362,  366, 
402,  671,  682,  706,  736,  738, 
741,  742,  748  f.,  750  ff.,  765, 
767,  769,  773-776,  777,  778, 
779,  780,  782-790,  791-796, 
798,  800,  801,  802,  805-809, 


870 


811,  814,  819  f.,  821  f.,  823- 
825,  827,  831,  832,  833,  834, 
835,  836,  842,  845,  848,  849, 
850,  854,  855 

Baumgardt,  David  183,  252,  253, 
258,  369 

Baumgartner,  Alexander  477 

Beach,  Sylvia  600,  831,  859 

Becher,  Johannes  R.  772 

Behrend,  Suse  107 

Belmore,  Abraham  29 

Belmore,  Clara  29 

Belmore,  Genia  100  f.,  105 

Belmore,  Gertrude  Henriette  29 

Belmore,  Helmut  80 

Belmore,  Herbert  11,  12,  39,  55, 
74,  102,  140 

Benda,  Julien  466,  703,  755,  801 

Benjamin,  Dora  8,  38,  78,  85, 
409,  579,  651,  668,  685,  738, 
780  f.,  797,  831 

Benjamin,  Dora  Sophie  geb.  Kell- 
ner  8,  11,  19,  100,  101,  102, 
103  f.,  105,  107,  111,  117,  124, 
133,  136,  143,  144,  147,  148, 
153,  154,  156,  157,  158,  159, 
164,  167,  170,  172,  175,  181, 
182,  183,  184,  185,  190,  191, 
194,  198,  200,  202,  204,  208, 
212,  215,  221,  222,  224,  226, 
227,  234-,  236,  238,  239,  241, 
242,  245,  250,  252,  253,  256, 
258,  261,  263,  264,  266,  270, 
273,  274,  275,  276,  279,  283, 
288,  290,  292,  299,  301,  302, 
304,  307,  311,  317,  368,  380, 
408,  445,  448,  458,  476,  479  f\, 
500,  513,  572,  587,  624,  627, 
633,  732,  740,  747,  766,  775, 
777,  781,  802,  844,  846 

Benjamin,  Emil  8,  29,  38,  41,  50, 
73,  78,  85,  133,  176,  185,  210, 
216,  222,  226,  227,  235  f.,  239, 
241,  -243,  250,  256,  273,  279, 
290,  291  £.,  293,  297,  392,  408, 
435 


Benjamin,  Georg  8,  34,  7S,  79, 
85,  191,  397,  408,  525,  579, 
598,  656,  714,  739,  781,  848 

Benjamin,  Hilde  geb.  Lange  409, 
656 

Benjamin,  Paula  geb.  SchonflieB 
8,  29,  38,  41,  50,  73,  76,  78, 
80,  81,  85,  91,  98,  133,  176, 
185,  198,  210,  216,  222,  226, 
227,  235  f.,  239,  243,  250,  256, 
290,  291,  292,  293,  297,  392, 
408,  476,  488,  499,  501,  520, 
521,  525 

Benjamin,  Stefan  Rafael  185  f., 
202,  209,  210,  211,  213,  221, 
226,  227,  228,  231,  240,  243, 
245,  258,  262,  282,  317,  319, 
350,  369,  408,  409,  410,  476, 
480,  539,  543,  553,  572,  587, 
596,  622,  624,  632,  642,  656, 
725,  732,  734,  737,  747,  775, 
777,  781,  802 

Benjamin  (Freiburg  i.  B.)  70 

Benkard,  Ernst  720 

Benn,  Gottfried  731 

Bennett,  Arnold  584,  587 

Beraud,  Henri  704 

Berdjajew,  Nicolaij,  Alexandro- 
vitsch  656 

Berg,  Alban  700  f.,  708  f.,  810 

Bergmann,  Hugo  341,.  357,  417, 
428  f. 

Bergmann,  Lisa  103,  105,  106 

Bergson,  Henri  59,  166,  170 

Berl,  Emmanuel  506,  507 

Bernay,  Leonhard  735 

Bernfeld,  Siegfried  85 

Bernhard  (W.  B.'s  Wirtin  in 
Munchen)  263 

Bernhardi,  AugustFerdinand  198, 
252 

Bernouard,  Francois  427,  600 

Bernoulli,  Carl  Albrecht  186, 
191,  409  1,  416,  614 

Bertram,  Ernst  523 

Bertrand,  Louis  704 


871 


Bethge,  Hans  418 

Bialik/ChajimNachman  617,620 

Biedermann,  Benedict  734 

Binswanger,  Paul  606 

Biram,  Else  283 

Blanqui,  Jerome  Adolphe  741  f., 
752 

BlaB,  Ernst  83 

Blei,  Franz  181,  457 

Bloch,  Carola  480 

Bloch,  Elsa  253,  261 

Bloch,  Ernst  8,  212,  217,  218  f., 
224,  227,  229,  232  f\,  234  f., 
241,  247,  249,  253,  254,  255, 
261,  263,  264,  275,  284,  291, 
295,  320,  343,  350,  353,  362, 
369,  374,  376,  377,  380,  396, 
417,  420,  424,  428,  429  f.,  448, 
476,  480,  509,  520,  529,  533, 
541,  547,  567,  570,  600,  603, 
624,  632,  636  f.,  641,  642,  644, 
648  f.,  655,  669,  771,  779,  780, 
837 

Bloch,  Linda  353,  420,  480 

Bloy,  Leon  358  £. 

Bliicher,  Heinrich  846,  860 

Bluher,  Hans   118,289,571 

Boccaccio,  Giovanni  198 

Bocklin,  Arnold  77 

Bohlendorf ,  Kasimir  Ulrich  Anton 
855 

Boehlich,  Walter  13 

Bbninger,  Theodor  27,  29 

Bogdanow,  Alexander  Alexandro- 
witsch  419 

Bonaventura  77 

Borchardt,  Rudolf  160,  163,168, 
171,  188  fT.,  192,  194,  224,  305, 
341,  453,  459  f.,  855 

Borel,  Henri  278 

Borkenau,  Franz  561,  624 

Bott,  Allan  822 

Boucher,  Francois  56 

Boy-Ed,  Ida  118 

Boy,  Eva  544 

Braker,  Ulrich  413 


Brahms,  Johannes   681 

Brandes,  Georg  477 

Brandt,  (Freihurg  i.  B.)  70,  77 

Brandt,  Wolfgang  70 

Brecht,  Bertolt  8,  12,  13,  19,  20, 
494,  502,  514,  518,  519,  525, 
529  f.,  534  f.,  539,  546,  567, 
572,  574,  575,  594,  596,  598, 
599,  602,  603,  605,  606,  616, 
628,  630,  631,  632,  639,  640, 
641,  645,  644,  645,  646,  655, 
660  f.,  662,  663,  669,  670,  683, 
692  L,  699,  704,  705,  707,  712, 
716,  720,  721,  740,  767,  768, 
769,  770,  771,  772,  776,  777, 
802,804,  811,814,  817,  818  f., 
820,  822 

Brecht,  Helene  s.  Weigel 

Brecht,  Steff  779 

Brecht,  Walther  393,  400,  436, 
438,464,465,471,475 

Bredel,  Willi  670,  716 

Brentano,  Bernard  von  520,  522, 
632 

Brentano,  Christian  198 

Brentano,  Clemens  135,  184,  198 

Breton,  Andre  9,  507 

Breuer,  Isaak  619 

Breysig,  Kurt  112,119 

Brill,  Hans  797 

Brod,  Max  468,  470,  473,  539, 
564,  598,  607,  614,  660,  748, 
756-761,  764,  804 

Bronnen,  Arnolt  s.  Bronner 

Bronner,  Arno  113 

Bruck,  Hans  856,  845 

Bruning,  Heinrich  646 

Bruhn  31 

Brust,  Alfred  453,  464 

Bruun,  Laurids  279 

Bryher,  W.  838,  862 

Buber,  Martin  12,  102,  106,  111, 
112,  113,  132,  142,  184,  268, 
283,  300,  303,  305,  310,  343, 
384,  597,  429,  452,  435  454, 
455,  456,  469,  470,  474,  491, 
670,  697,  744  f.,  758 


872 


Bucharin,     Nikolaj     Ivanovitsch 

417,  546,  788 
Biichner,  Georg  69 
Biihler,  Karl  638 
Burger,  Gottfried  August  191 
Burchardt,  Elsa  s.  Scholem 
Burckhard,  Max  28 
Burckhardt,   Jacob  31,    35,    174, 

363,  434 
Burckhardt,  Carl  Jacob   371,  861 
Burschell,  Friedrich  241,  487 
Busoni,  Feruccio  191 

Caillois,  Roger  843 

Calderon,    Pedro    366,  377,  386, 

406 
Calvin,  Johannes  635 
Caro,  Hiine  208,  222,  252 
Carossa,  Hans  852,  855 
Caspary,  Adolf  369,  637 
Cassirer,    Ernst    300,    362,    407, 

470 
Catull  184,  186,  194 
Celine,  Louis  Ferdinand  731,753 
Cervantes,  Miguel  132,  765,  806 
Chagall,  Marc  155,  214,  260 
Chardin,    Jean    Baptiste    Simeon 

56 
Charpentier,  Gustave  787,  795 
Church  742  f. 
Claudel,  Paul  228,  330 
Cocteau,  Jean  503 
Cohen,  Hermann  137,   180,  185, 

245,  254,  259 
Cohen,  Jakob  und  Isaak  433 
Cohen  (Freiburg  i.  B.)  75 
Cohn,  Alfred  8,  12,  15,  19,  111, 

120,  194,  210,  233,  420,  588, 

801 
Cohn,  Emil  410 
Cohn,  Jonas  61 
Cohn,  Jula  s.  Radt-Cohn 
Cohn-Radt,  Grete  8,  13,  100,  102, 

104,  106,  107,   108,  111,  114, 

115,  116,  117,  118,  668,  702 
Cohrs,  Ferdinand  106  f.,  271 


Collenbusch,  Samuel  554,  635 
Comte,  Auguste  809 
Cornelius,  Hans  379,  392,  857 
Courths-Mahler,  Hedwig  293 
Cranach,  Lukas  548 
Cremieux,  Benjamin  832 
Crepet,  Eugene  213 
Croce,  Benedetto  344 
Curtius,  Ernst  Robert  228 
Cysarz,  Herbert  354,  393,  558 
Czaczkes  s.  Agnon 

Daubler,  Theodor  380 
Damaye,  Henri  645 
Dante,  Alighieri  142,  307 
Daudet,  Leon  349,  755 
Daumier,  Honore  806 
Dausse  828  ff. 
Dauthendey,  Max  569 
Deborin,  Alexander  398 
Dehmel,  Richard  78 
Delcroix,  Carlo  364 
Derain,  Andre  499 
Descartes,  Rene  214,  223,  410 
Desjardins,  Paul  832 
Diebold  822 
Dielitz,  Theodor  748 
Dilthey,  Wilhelm  43,  203,  216 
Dionysius  Areopagita   256 
Doblin,  Alfred  756 
Dollfu!3,  Engelbert  616 
Domke,  Martin  658 
Dostojewskij,     Fedor     Michajlo- 
.     vitsch  133,  157,  171,  173,  205, 

219,  247,  710 
Dreyfus,  Alfred  853 
Dreyfus,  Robert  823,  825 
Driesch,  Hans  417 
Drieu  la  Rochelle,  Pierre    648 
Du  Bos,  Charles  660,  707 
Dudow,  Swetlav  820 
Durer,  Albrecht  76,  366,  471 
Duns  Scotus,  Johannes  235,  246 

Eckermann,  Johann  Peter  198 


873 


Eckhard,  Meister  260 
Eddington,  Arthur  Stanley  761 
Ehrenberg,  Hans  266,  268 
Eichendorif,  Joseph  von  28,  53 
Eisler,  Hanns   603,  609 
Eisler,  Robert  224,240,  291,  410, 

417,  429 
Eleutheros  54 

Elsenhans,  Theodor  144,  162 
Engels,  Friedrich  824  f. 
Englert  (Freiburg  i.  B.)  45,   51, 

70 
Erdmann,  Otto  305 
Ermatinger,  Emil  503  f. 
Ernst,  Fritz  660 
Ernst,  Max  666 
Erpenbeck,  Fritz  819 
Etiemble  717,  718,  724 
Ettlinger,  Karl  30 
Euripides  337,  338 
Ewers,  Hanns  Heinz  46 

Farrere,  Claude  213 

Faulkner,  William  857 

Favez,    Juliane    667,    779,    834, 

835,  840,  861 
Fawcett  584 
Feuchtwanger,  Lion  716 
Fichte,  Johann  Gottlieb   107 
Fischer,  Samuel  244,  279 
Flattau,   Dow    341  1,   347,    348, 

481 
Flaubert,  Gustave  133,  198,  406, 

487,  606,  798 
Forster-Nietzsche,  Elisabeth   191, 

349 
Foucauld  808 
Fourier,  Charles  677 
Fraenkel,  Fritz  859 
Fragonard,  Jean  Honore  56 
France,   Anatole  163,    165,    169, 

171,215,285 
Francesco,  Grete  von  745 
Frank,  Leonhard  181 
Franz  I.  31 
Franz  von  Assisi  636 


Freud,  Sigmund  681,  705,  844 

Freud,  Fania  s.  Scholem 

Freund,  Gisele  643,  828,  859 

Freundlich,  Otto  279 

Frey,  Adolf  283,  284 

Friedlander,  Samuel  191,  230, 
236,  247,  253,  254 

Friedrich  II.  458 

Friedwagner,  Mathias  392 

Fromm,  Erich  527 

Fuchs,  Eduard  650,  655,  665, 
667,  683,  691,  695,  718,  723, 
727,  729,  731,  733,  736,  737 

Fiirst,  Julius  242 

Galsworthy,  John  228 

Gamillscheg,  Ernst  549 

Ganghofer,  Ludwig  349 

Garve,  Christian  191 

Gauguin,  Paul  279,  548,  577, 
582  £.,  584 

GefTroy,  Gustave  741 

Geiger,  Moritz  247,  256 

Gelblum,  Chawa  347  f . 

Gentz,  Friedrich  von  728 

George,  Stefan  15,102,  107,  111, 
114,  115,  142,  144,  156,  161, 
171,  189,  190,  194,  250,  341, 
343,  420,  500,  502,  517,  577  f., 
583,  587,  590,  808,  813,  837, 
850  f.,  853,  854,  855 

Gert,  Valeska  424 

Gide,  Andre  214,  219,  227,  249, 
374,  4571,  460,  499,  506,  551, 
670,  703,  707,  710,  728,  730, 
733,  742,  753,  832,  835,  842, 
850 

Giono,  Jean  813 

Giotto  di  Bodone  363 

Giraudoux,  Jean  365,  415,  427, 
446 

Gladys  (Paris)  83 

Gluck,  Christoph  Willibald  60 

Gluck,  Gustav  529,  542,  646,  844 

Godin,  Amelie  229 

Gorres,  Joseph  von  270,  314 


874 


Goethe,  Johann  Wolfgang  1 5, 
28,  45,  52,  54,  79,  88,  177  f., 
181,  191,  194,  199,  204,  205, 
211,  214,  220,  223,  247,  257, 
259,  265,  275  £.,  281,  284,  287, 
291,  297,  300,  302,  305,  308, 
319,  321,  330,  331,  346,  350, 
351,  362,  367,  368,  371,  372, 
373,  374,  377,  378,  383,  389, 
391,  399,  404,  409,  416,  428, 
433,  437,  441  1,  454,  470,  473, 
475,  477,  481,  482,  483,  496, 
547,  598,  660,  696,  765,  771, 
783,  794,  795,  806,  826,  844, 
855 

Gogh,  Vincent  van  115 

Gogol,  NikolajWassiljewitsch  205 

Goitein,  Schlomo  Dob  Fritz  458 

Goldberg,  Dora  s.  Hiller 

Goldberg,  Oskar  253,  274,  275, 
410,  481,  483,  489,  492,  637, 
638, 

Goldf eld,  Rudolf  82 

Goldstein,  Kurt  207,  501 

Gontscharow,  Iwan  Alexandro- 
witsch  503 

Goya,  Francisco  Jose  de  402 

Grab  von  Hermann s  worth,  Her- 
mann 558 

Gracian,  Baltasar  553,  574,  662 

Grandville,  Jean  Ignace  Isidore 
688 

Greco,  El  Dominicos  Theokopu- 
los  56  f. 

Green,  Julien  482,  501,  504,  507, 
514,  606,  633,  832 

Gretor  s.  Barbizon 

Grimm,  Jacob    189,  394,  794 

Grimm,  Wilhelm  389,  394 

Groethuysen,  Bernhard  391,  420, 
572,  717,  718,  723  f. 

Groot,  Johann  Jakob  Maria  de 
205 

Griinewald,  Matthias  76 

Gryphius,  Andreas  140,  144 

Gubler  822 


Guehenno,  Jean  648 
Guerin,  Maurice  de  140,  193 
Gumpert,  Martin  55,  287,  837 
Gundolf,  Friedrich  181,250,264, 

265,  266,  284,  423,  523,  560 
Gurlitt,  Ludwig  28,  102 
Gutkind,  Erich  8,  161,  169,  175, 
238,  239,  240,  242,  243,  244, 
248,  250,  262,  278,  280,  283, 
287,  290,  293,  301,  307,  309, 
311,  317,  328,  341,  345,  347, 
348,  378,  396,  474,  481,  577, 
580,  749 
Gutkind,   Lucie    238,   243,   244, 
248,  262,  290,  301,  307,  317, 
328,  341,  345,  378,  396,  474, 
481,  580,  749 
Guttmann,  Simon  98  f.,  102,  103, 
106, 107, 183,  215,  253 

Haan,  Jakob  de  357 
Haas,  Willy  413,  464,  468,  518 
Haberlin,  Paul  168,  174 
Haecker,  Theodor   538,  542,  543, 

725 
Halbwachs,  Maurice   834,  840 
Halevi,  Jehuda  242,  346 
Halle,  Erna  231,  236 
Halle,  Toni  161,231 
Halm,  August  78,  103,  107,  110  f. 
Hamann,  Johann  Georg  526,  753 
Hanussen,  Jan  571 
Hardekopf,  Ferdinand  451 
Harding,  Trax  584 
Hardt,  Ludwig  369 
Harnack,  Adolph  von    152,  166, 

180,  349 
Hartwig,  Franz  156 
Hatzfeld,  Adolf  von   348 
Hauff,  Wilhelm  198,  799,  809 
Hauptmann,  Elisabeth   599,  602 
Hauptmann,    Gerhart     62  f .,    64, 

69,  70,  73,  79 
Hauser,  Kaspar  31 
HauBmann,  Georges-Eugene  596, 

602,  675,  683,  775 


875 


Hawkins,  Richmond  Laurin  809 

Haym,  Rudolf  203 

Heartfield,  John  670 

Hebbel,  Friedrich  39,  260,  789 

Hebel,  Johann  Peter  432  f .,  502, 
503,  826 

Heckel,  Erich  115 

Hegel,  Georg  Wilhelm  Friedrich 
166,  170,  171,  355,  373,  506, 
675,  678,  682,  784 

Hegemann,  Werner   396,  458 

Heidegger,  Martin  130,  235,  246, 
252,506,514,524,771 

Heimann,  Moritz  55 

Heine,  Heinrich  678,  705,  707, 
719  f. 

Heine,  Wolfgang   105,  116 

Heinle,  Friedrich  G.  8,  45,  50, 
51,  52,  53,  54,  58,  60  f.,  63,  69, 
70,  71,  74,  79,  80,  82,  83,  84, 
85,  94  ff.,  98,  99,  102,  106, 
107,  109,  115,  116,  119,  157, 
175,  202,  234,  240,  271,  274  1, 
280,  298  f.,  305,  306,  312  f., 
321,331,584,593,781 

Heinle  Wolf  8,  115,  116,  207, 
209,  210,  211,  235,  274  f.,  280, 
290,.  297,  298,  299,  306,  312, 
■      331,  584,  593,  781 

Heinle,  Frau  Wolf  274 

Held,  Hans  Ludwig  129 

Heller,  Otto  545  f. 

Hellingrath,  Norhert  von  130, 
133, 140, 166,  173 

Hennings,  Annemarie   214  f, 

Hennings,  Emmy    214  f. 

Hepburn,  Katharina  772 

Herbertz,  Richard  170,  174,  179, 
188,  203,  210,  222,  223,  227, 
249 

Herder,  Johann  Gottfried   756 

Hermann,  Use  440 

Herzfelde,  Wieland  116,  648,  671 

Herzl,  Theodor  225 

Herzog,  Rudolf  293 

Hesse,  Hermann  82 


Hessel,  Franz  360,  390,  400,  413, 
415,  420,  424,  429,  431,  458, 
474,  485,  489,  494,  502,  633, 
663,  781  f.,  802 

Hessel,    Helen     388,    390,    405, 

415,  419,  680,  833 
Heym,  Georg  115,  185 
Heymann,  Alice  175 
Heymann  (Musiker)   147 
Hildebrandt,  Karl  305 
Hildebrandt,  Kurt  343 
Hiller,  Dora  273 

Hiller,  Kurt  114,  147,  185,  237 

Hirsch,  Julian  279,  280     . 

Hirsch,  Mendel  242 

Hirsch,  Samson  Raphael  129 

Hitler,  Adolf  20,  614,  735,  755, 
777,  818,  827,  831 

Hobbes,  Thomas  396 

Hobrecker,  Karl  359,  366 

Holderlin,  Friedrich  28,  43,  106, 
124,  129,  131,  133,  140,  142, 
144,  160  f.,  166,173,  175,216, 
760,  781,  813,  855 

Honigswald,  Arthur  802 

Hofer,  Karl   115 

Hoffmann,  Ernst  Theodor  Ama- 
deus  796 

Hoffmann,  Paul  55 

Hofmannsthal,  Hugo  von    7,  12, 
13,20,29,72,114,171,294, 
302,  305,  506,  308,  312,  515, 
519,   320  f.,   325,   327  f.,   352, 
341,  577,  581,  385,  591,  593, 

416,  457,  462,  473,  479,  499, 
502,  504,  837,  850  ff.,  854,  855 

Hofmannswaldau,  Christian  Hof- 
mann  von  528 

Holbein  d.  A.  76 

Holitscher,  Arthur  468 

Hollander,  Kathe  247 

Holzmann  279 

Homer  118 

Horkheimer,  Max  7,12,557,569, 
641,  663,  674,  700,  701,  709, 
749  f.,   770  f.,   778,   783,   784, 


876 


797,  808,  825,  857,  842,  843, 

844,  845,  848,  850 
Horovitz,  Joseph  382 
Huch,  Ricarda  449 
Hueber,  Victor   78  1,  92,  93 
Hugo,  Victor  752,  784,  789,  795, 

796,  855 
Humboldt,  Wilhelm  von  378,  395, 

398,  400,  526 
Husserl,  Edmund    77,  162,  210, 

246,  725 

Ibsen,  Henrik  39,  57,  681 
Ihering,  Herbert  519 
Ilf-Petrow     (Ilf,     Ilja    Arnoldo- 

witsch-Petrow,  Jewgenij  Petro- 

witsch)  645,  648 

Jacobsen,  Jens  Peter     150,  850, 

856 
Jammes,  Francis   133,  214 
Jaray  (Wien)   650 
Jaspers,  Karl  266,  268 
Jean  Paul    243,  372,  789,  790, 

792 
Jennings,  Hargrave   366 
Jentzsch,  Robert   115,  183,  185 
Jeremias,  Alfred  250 
Jochmann,  Gustav  825 
Joel,  Ernst  221,456 
Joel,  Karl   143 
Jokisch  647 
Jolles,  Andre  746 
Joseephy,   Friederike   (Tante  von 

W.B.)  81,91 
Jouhandeau,  Marcel    490,  506  1, 

515,615,832 
Jouglet,  Rene  465 
Jouve,  Pierre  Jean  717 
Joyce,  James  600,  641,  833 
Jung,    Carl    Gustav    640  f.,    674, 

675,731,733,736,844 
Juvenal  616 

Kafka,    Franz    397,    475  f.,    555, 
539,   564  f.,   5711,   600,   605, 


605  f.,  607  f.,  610,  6111,  6131, 

6151,  617  fl,  620,  6231,  628 

bis  631,  635,  6381,  6431,  649, 

651,  660,  676,  680,  695,  707, 

748,   756-764,  766,  803,   804, 

807,  852 
Kahr,  Gustav  von  273 
Kaiser,  Georg  421 
Kalb,  Charlotte  von  118 
Kandinsky,    Wassily     155,    214, 

229,  260 
Kant,  Immanuel    41,  47,  50,  59, 

61,  81,  136,  137,  138,  1491, 

1511,   1581,   161,    163,    165, 

174,  176,  180,  187,  188,  223, 

542,  554,  636,  753 
Kantorowicz,  Alfred  670 
KarlV.  31 

Karplus,  Gretel  s.  Adorno 
Kassner,  Rudolf  255 
Katz,  Erich  81 
Kautzsch,  Rudolf  392 
Keller,   Gottfried    47,   204,   428, 

446,   4481,   451,   452,   5031, 

523,  725,  760,  817 
Keller,  Philipp  45,  46,  51,  52,  53, 

54,  57,  60,  61,  70,  71,  72,  77 
Kellermann,  Bernhard   78 
Kellner,  Dora  Sophie  s.  Benjamin 
Kellner,  Leon  185,  213,  223,  235, 

241,  291  ft.,  317,  342,  392 
Kellner  (Schwiegermutter  von 

W.B.)     185,    213,    241,    260,. 

292,  317 
Kellner,  Rafael  186 
Kellner,  Victor  297,  572 
Kerr,  Alfred  466,  484,  490 
Kesten,  Hermann   482,  642,  832, 

856 
Keyserling,  Hermann  von  468 
Kiepenheuer,  Gustav  529 
Kierkegaard,   Soren    47,   48,   79, 

130,  565,  581,  673,  678,  680, 

681,682,779,794,809 
Kisch,  Egon  Erwin  845 
Klages,  Ludwig    112,  247,  409, 


877 


477,  514,  5151,  554,614,  640, 

675,  678 
Klee,  Paul    12,  1541,  214,  242, 

260,  262,  268,  282,  283,  543, 

762,  824 
Kleinberg,  Alfred  480 
Kleist,  Heinrich  von   115,  150 
Klenau,  Inge  von  812 
Klopstock,  Friedrich  Gottlieb  820 
Klossowski,    Pierre     691,    702  f., 

705,  708,  709,  845 
Knebel,   Karl  Ludwig  von    194, 

220 
Kohn,  Hans  537 
Kolisch,  Rudolf  809 
Kolmar,  Gertrud  504 
Kommerell,  Max  481,  500,  502 
Konstantin  I.   174,  434 
Korff,  Hermann  August  319 
Korschel  (Mitschiiler  W.  B.'s)  36 
Kracauer,    Siegfried     352,    429, 

432,  480,  567,  642,  820 
Kraft,  Julius  644 
Kraft,  Werner   7,  9,  12,  13,  134, 

144,  153,  156,  159  1,  161,  163, 

168,  184,  186,  189,  197,  231, 

236,  244,  247,  254,  396,  576, 

598,  624,  647,  656,  759 
Kraker,  Gertrud  175 
Kralik,  Richard  401 
Kranold,   Hermann    75,   77 
Kraus,  Karl   238,  251,  254,  296, 

377,  423,  424,  466,  484,  490, 

492,  514,  518,  524,  525,  526, 

603,  605,  616,  620,  623,  630, 

643,  678,  720,  730,  820,  855 
Krauss,  Samuel   245,  250 
Kroner,  Richard  59,  61 
Krupskaja,  Nadeshda  Konstanti- 

nowa  503 
Kubin,  Alfred  233,  855 
Kuhnert,  Herbert  75 
Kurella,  Alfred   520 
Kutscher,  Arthur  401 

Lacis,  Daga  440,  553 


Lacis,  Asja  8,  347,  348,  351,  355, 

380,  440,  478,  483,  486,  501, 

553,  656  f.,  663,  724 
Lagerlof,  Selma  42 
Landau,  Henryk  265,  266 
Landau,  Moses  Israel  242 
Landauer,  Carl  642 
Landauer,  Gustav  310 
Landsberg,  Paul  Ludwig  702 
Langenscheidt,  Gustav  183  f.,  186 
Langgasser,  Elisabeth   636,  813 
Langweil  341 
Larbaud,  Valery  405 
La  Rochefoucauld,  Francois  860 
Lasker-Schiiler,  Else   1141,169, 

179,  706  f. 
Lassalle,  Ferdinand  623 
Leal,  Juan  Valdez  402 
Lechter,  Melchior  347 
Lederer,  Emil  252,  254,  255,  264, 

268,  270,  295 
Lederer,  Frau  Emil  270 
Lehmann,  Siegfried  49 
Lehmann,  Walter  130,  225,  2811 
Leibniz,  Gottfried  Wilhelm  323 
Leichter,  Otto  750 
Leiris,  Michel  843 
Lenclos,  Ninon  de  43 
Lenin,    Wladimir    Iljitsch     374, 

397,  477,  503 
Lenya,  Lotte  666 

Lenz,    Jakob    Michael    Reinhold 

115 
Leon,  Mose  de  694 
Leonardo  da  Vinci  67 
Lepsius,  Reinhold  808 
Lepsius,  Sabine  808 
Lesser,  geb.  Falkenhain  [?]  48 
Lessing,  Gotthold  Ephraim    132, 

186,  212,  436 
Levin,  Hertha  104 
Levy,  Sylvain  815 
Lewin,  Schmarja  519,  538 
Lewy,  Ernst  247,  248,  268,  2791, 

398,  401 

Lewy,  Frau  Ernst  280 


878 


Lichtenberg,  Georg  Christoph 

152,  538,  549,  562  f. 
Lichtenberger,  Henri   699 
Lieb,  Fritz  12,13,711,740 
Liebert,  Arthur  246  f.,  735 
Liebstockel,  Hans  560 
Linke,Paul  143  f\,  162,383 
Lion,  Ferdinand   742,  754,  816  f. 
Litt,  Theodor  395 
Littauer  369,  403 
Ljesskow,   Nikolaj  Semjonovitsch 

460,  710  £.,  714,  733,739 
Louis  XV  194 
Louis  Philippe  192,  806      - 
Loewenson,  Erwin  185,  369 
Lbwenthal,  Leo  788 
Lowith,  Karl  779 
Ludwig,  Emil  476 
Lukacs,    Georg     263,    295,    350, 

355,  374,  381,  396,  417,  482, 

509,  678,  809 
Lukrez   630 

Luther,  Martin  434,  635 
Luxemburg,  Rosa  250  f.,  486,  605 
Lyk,  Hugo  287,  288 

Macchiavelli,  Nicolo  314 
Macdonald,  Philipp  712 
Mach,  Ernst  850 
Macke,  August  260 
Maeterlinck,  Maurice  681 
Magnes,  Judah  L.  454,  455,  462, 
463  f\,  469,  470,  471,  472,  473, 
475,  476,  478,  479,  491,  493, 

510,  560 

Mahler,  Gustav  798,  849 
Maimon,  Salomo  262 
Maimonides,  Moses  258 
Maistre,  Joseph  de  759 
Male,  Emile  460 
Mallarmee,  Stephan  681,  706 
Malraux,  Andre*   717 
Mandeville,  Bernard  de  840 
Manet,  Edouard  679 
Mann,    Klaus    642,    653,    656  f., 
660 


Mann,  Heinrich  71,  77^  195,  642 
Mann,    Thomas    131,    195,    256, 

374,  377  f.,  381,  625 
Mannheim,  Karl  295,  727 
Manning  (Freiburg  i.  B.)    45,  51, 

52,  54,  61,  70 
Marcus,  Ahron  242 
Marees,  Franz  von  115 
Margueritte,  Paul  213 
Margueritte,  Victor  213 
Marx,  Karl  8,  416,  506,  604,  740, 

787,  808 
Marx,  Moses  290,  397,  417,  749 
Marx- Steinschn eider,    Kitty     12, 

13,  562,  564,  565  £.,  572,  573, 

575  f.,  579,  594,  615,  685,  693, 

749 
Mathisson,  Friedrich  39 
Matthias,  Leo  54 
Mauclair,  Camille  704 
Maugham,  William  Somerset   601 
Maupassant,   Guy   de  81  f.,   682, 

805,  809,  849  f. 
Maurras,  Charles  349 
Mauthner,  Fritz  28 
May,  Karl  343 

Mayer,  Max  493,  497,  499,  502 
Mehring,    Franz  502,    508,    524, 

622 
Mendelssohn,  Anja  477 
Mendelssohn,  Georg  477 
Mendelssohn,  Moses  404 
Mercy,  Heinrich  748 
Meryon,  Charles  706,  752 
Meyer,    Conrad    Ferdinand    301, 

495 
Meyrink,  Gustav  279 
Meyerhold,     Wsewolod     Emile- 

witsch  440 
Michel,  Ernst  305 
Michel,  Wilhelm  813 
Michelangelo,  M.  Buonarroti  363, 

364 
Milton,  John  314 
Mirgeler,  Albert  472,  482 
Moliere,  Jean  Baptiste  251,  735 


879 


Molitor,  Franz  Joseph  134,  136, 

208,  218 
Molkentin  105 
Monnier,  Adrienne  12,  ,693,  703, 

704,  743,  780,  831,  832,  833, 

834,  838,  840 
Montaigne,  Michel  de  743,  753, 

754 
Montherlant,  Henri  de  648,  833 
Moore,  George  600 
Moore,  Merril  862 
Morand,  Paul  704 
Morgenstern,   Soma  809,    811  f., 

845 
Miiller,  Adam  181 
Miiller,  Ernst  470 
Miiller  (Freiburg  i.  B.)  83,  85 
Mullerheim,  Kathe  82 
Muller-Jabusch,  Maximilian  75 
Munch  817 
Miinchhausen,     Thankmar     von 

390,  405,  414,  419,  420 
Miinzer,  Thomas  284,  291 
Munch,  Edward  115 
Murillo,  Bartolome  Estehan  404 
Musil,  Robert  111,575 
Mussolini,  Benito  353,  777 

Nadhemy  von  Borutin,  Sidonie 
721 

Napoleon  Buonaparte  458 

Napoleon  III.  596 

Natorp,  Paul  316 

Neresheimer,  Eugen  251 

Nestroy,  Johann  290 

Nettesheim,  Agrippa  von  223 

Neumann,  Franz  726,  727 

Neurath,  Otto  735 

Nietzsche,  Friedrich  29,  52,  33, 
36,  47,  86,  107,  163,  166,  186, 
191,  205,  232,  260,  410,  554, 
742,752,779,788 

Noeggerath,  Felix  135,  138  £., 
150  f.,  158,178,  183,211,224, 
278,  287,  574  £.,  551,  554,  568, 
572,  577,  633,  647,  701  f. 


Noeggerath,  Jean  Jacques  632 
Novalis  135,  137  f.,  192,  193,  343 

Ohler,  August  351 
Off enbach,  Jacques  466,518,  673 
Oko,  Adolf  550 
Olschki,  Leonardo  265 
Oppler-Leyhand  60 
Origenes  739 
Ostertag,  Ferdinand  717 
Ostwald,  Wilhelm  54,  58,  279 
Otto,  Adolph  300 
Otway,  Thomas  321 
Overbeck,   Franz  163,   166,   186, 
191,  410 

Palladio,  Andrea  435 

Panferow,    Fjodor    Iwanowitsch 

486 
Panofsky,  Erwin  366,  457,  460 
Paquet,  Alfons  505 
Paracelsus  755  f. 
Paulhan,  Jean  717 
Pauly,  Jean  de  435 
Peguy,   Charles     214,   217,   220, 

232,  244,  449,  784,  795 
Perse,  St.-John  380  f.,  388,  390, 

395,  405 
Pestalozzi,  Johann  Heinrich  546 
Petrarca,  Francesco  232 
Pflaum,  Heinz  264,  266,  410,  557 
Philippe,    Charles   Louis     165  f., 

171,  175,  215 
Picard,  Max  518 
Picasso,  Pablo  155  f.,  823 
Pindar  130,  133,  140,  142,  173, 

184 
Pinthus,  Kurt  81 
Pirandello,  Luigi  833 
Piscator,  Erwin  502 
Platen,  August  von  115,190,  195, 

813 
Platon    92,   150,   171,   199,   525, 

337,  760 
Plechanow,     Georgij     Valentino- 

witsch  520,  521 


880 


Plessner,  Helmuth  246 

Podszus,  Friedrich  266 

Poe,  Edgar  Allan  299,  597,  682, 
752,791,806,809 

Polgar,  Alfred  494,  802 

Pollack,  Dora  Sophie  s.  Benjamin 

Pollack,  Lisa  s.  Bergmann 

Pollack,  Max  100,  105,  107,  108, 
111 

Pollock,  Friedrich  12,  621,  626, 
652,  662,  665,  666  f.,  689,  690, 
749,  750,  769,  771,  775,  836, 
862 

Pourtales,  Guy  de  420 

Properz  183  f.,  186,  194 

Proust,  Marcel  395,  403,  405, 
406,  409,  410,  411,  412,  414, 
420,  423,  427,  429,  431  £.,  433, 
445,  473,  480,  485  f.,  492,  496, 
497,  509,  538,  557  f.,  682,  783, 
823,  832,  849,  852  f. 

Pulyer,  Max  137 

Puschkin,  Alexander  Sergeje- 
witsch  615 

Quentin,  Franz  s.  StrauB,  Ludwig 

Radt,  Fritz  9,  114,  414,  515,  588, 
646 

Radt,  Grete  s.  Cohn-Radt 

Radt-Cohn,  Jula  8,  11,  12,  13, 
120,  172,  195,  204,  227,  233, 
260,  262,  264,  266,  414,  467, 
515,  646 

Raffael,  Santi  154,  365 

Raimund,  Ferdinand  409 

Rang,  Bernhard  334 

Rang,  Emma  get.  Kressner  357, 
361,  362,  370,  397 

Rang,  Florens  Christian  7,  12, 
13,  20,  268,  271,  275  ff.,  278, 
280,  283,  285,  286  f.,  294,  319, 
329,  331,'  340,  545,  5561, 
561  f.  569,  570  £.,  373,  374, 
389,  392,  397,  406,  438,  447, 
453,  464,  465,  634 


Rang,   Helmuth    300,   315,   524, 

525,  534,  557,  362 
Rathenau,  Walter  181,  189,  310, 

448 
Razowski  856 
Redon,  Odilon  233 
Regnier,  Henri  de  706 
Reich,  Bernhard  409 
Reichenbach,  Hans  735 
Reinhardt,    Karl    Friedrich    von 

220 
Reinhold,  Chanoch  545 
Renan,  Ernest  755 
Retz,  Jean  Francois  de  859,  860 
Richter,  Hans  356 
Rickert,    Heinrich    41,    61,    176, 

246,  266,  268,  857 
Riehl,  Alois  81 
Rilke,  Rainer  Maria  58,  60,  87, 

106,  140,  169,  380  £.,  591,  395 
Rimbaud,  Arthur  855 
Ritter,  Johann  Wilhelm  542  f . 
Riviere,  Jacques  265 
Rodin,  Auguste  106 
Roefller,  Rudolf  745,  746,  747 
Rolland,  Romain  228,  705 
Romain,  Jules  705,  828,  852,  854 
Rops,  Daniel  402 
Rosenberg,  Arthur  558,  648 
Rosenstock,  Eugen  295  f .,  324 
Rosenzweig,  Edith  295,  296 
Rosenzweig,  Franz  264,265,  281, 

282,  295,  296,  545,  545,  575, 

454,468,508,557,670,744 
Rosetti,  Dante  Gabriel  420 
Roth,  Joseph  810 
Rousseau,  Jean  Jacques  853,  855, 

842 
Rowohlt,  Ernst  446,  522  f.,  802 
Rubiner,  Ludwig  181 
Rychner,    Max    12,    497,    525  f., 

528,  545,  604 

Sachs,  Franz  8,  11,  59,  44,  45, 
50,  55,  60,  62,  64  f.,  66,  77,  80, 
100  f.,  104  f.  106,  117 


881 


Sade,   Donatieu  Alphonse   Fran- 
cois de  789, 840 
Saillet,  Maurice  615 
Saint   Simon,    Claude   Henri    de 

673,  809 
Salomon,  Gottfried  297, 320, 373, 

376,  392 
Salten,  Felix  854 
Saturnus  (Freiburg  i.  B.)  75 
Savonarola,  Girolamo  787 
Saxl,  Fritz  366,  470,  479 
Scelle  834,. 840 
Schaeder,  Grete  470,  504 
Schaeder,  Hans  Heinrich  470, 504 
Schafer,  Dietrich  349 
Schafer,  Wilhelm  118 
Schaffner,  Jakob   33 
Schanz,  Frieda  349,  730 
Schapp,  Wilhelm  383 
Schapiro,  Meyer  822,  856  f . 
Scheerbart,  Paul  136,   223,  227, 

238,247,282,698 
Scheffler,  Karl  49,  115 
Scheler,  Max  181,  417,  702 
Schelling,      Friedrich      Wilhelm 

Joseph  137 
Schestow,    Lew    606,    655,    700, 

734,  803 
Schestow,  Frau  Lew  805 
Schiller,   Friedrich    59,   61,   191, 

855 
Schlegel,    August    Wilhelm    34, 

135,137,186,191,199 
Schlegel,    Friedrich    135,    137  f., 

181, 186, 191, 193, 199 
Schleiermacher,    Friedrich   Ernst 

Daniel  137,  166,  169,  176,  191, 

203 
Schlosser,  Rudolf  190 
Schmidt,  Julian  436 
Schmidt-RotlufE,  Karl  102,  115 
Schmitz,  Alfred  176 
Schmitz,  Alice  s.  Heymann 
Schnorr  von  Carolsf  eld,  Julius  247 
Schneider  (Freiburg  i.  B.)  75 
Schocken,  Salman  550, 660, 846f. 


Schoen,  Ernst    10,   11,  19,  116, 

263,  266,  319  f.,  373,  384,  396, 
409,  429,  494,  556,  559,  567, 
644,  646  1,  704 

Schoen,  Hansi  (Johanna  von  Ro- 

gendorf)  12  f.,  429 
Schonberg,  Arnold  810 
SchonflieB,  Arthur  474 
SchonfLieB,  Paula  s.  Benjamin 
Schoeps,  Hans  Jochaim  539,  561, 

563  ff.,  571,  617,  619 
Scholem,  Arthur  225,  237,  239, 

367,  373,  538 
Scholem,  Betty  geb,  Hirsch  171, 

264,  416,  525 

Scholem,  Elsa  geb.  Burchardt 
263,  264,  265,  267,  270,  272, 
273,  279,  282,  284,  286,  289, 
291,  343,  348,  350,  368,  417, 
448,  458,  481,  610,  619 

Scholem,  Erich  261,457,474,  525 

Scholem,  Fania  geb.  Freud  729, 
734,  765,  801 

Scholem,  Gerhard  19  f.,  103,  125, 
141,  188,  189,  190,  191,  192, 
202,  208,  302,  308,  328,  448, 
463  1,  487,  522,  573,  574,  594, 
615  f.,  628,  629,  639,  642,  647, 
,659,  670,  712,  721,  744,  767, 
768,  779,  782 

Scholem,  Reinhold  230,  237 

Scholem,  Werner  368,  409,  575, 
576,  656,  714,  735 

Schottky,  Ferdinand  130 

Schottlaender,  Rudolf  412,  413, 
485 

Schreher,  Daniel  Paul  397 

Schroder,  Rudolf  Alexander  171 

Schuler,  Alfred  516 

Schultz,  Franz  249,297,308,  373, 
375,  379,  392,  393 

Schulze-Gavernitz,  Friedrich  Gott- 
lob  410 

Schumacher,  Joachim  771 

Schwab,  Christoph  Theodor  760 

Seewald,  Richard  745 


882 


Seidmann-Freud,  Tom  560 
Seligson,  Carla  77,  82,  116,  124 
Seligson,  Rika  96,  506 
Seligson-Ritter,  Marianne  97,  98 
Selz,  Guy  647 

Selz,Jean  556,569,589,  591,  620 
Seume;  Johann  Gottfried  644 
Shakespeare,  William  59,  45,  81, 

250,  285,  285,  286,  562,  586, 

589,  406,  415,  518,  654,  676, 

750,  855 
Shaw,  George  Bernard  206 
Signorelli,  Luca  564 
Simenon,  Georges  655,  648,  704, 

711  f. 
Simmel,    Georg    162,    785,    808, 

824  f. 
Simon,  Ernst  552,  568 
Simon,  Heinrich  427,565,812 
Sokrates  152,  557,  581,  724,  760 
Sophokles  557,  558 
Sorel,  Georges  252 
Sparnaay,  H.  546 
Speyer,  Wilhelm  498  £.,  501,  802 
Spinoza,  Benedictus  de  102 
Spira,  Theodor  505,  590 
Spitteler,  Carl  28,  56,  37,  57,  62, 

90,91,812 
fepitzer,  Moritz  606 
Spranger,  Eduard  395 
Starhemberg,  Ernst  Riidiger  von 

616,  623 
Steffin,  Margarete   656 
Stein,  Heinrich  von  171,  186 
Stein,  Ludwig  152 
Steiner,  Herbert  391 
Steinfeld,  Alfred  35,  59,  122 
Steinheim,  Salomon  Ludwig    450, 

454 
Steinschneider,  Gustav  277,  571, 

576 
Steinschneider,     Karl    576,     594, 

697 
Steinschneider,    Kitty    s.    Marx- 

Steinschneider 
Steinschneider,  Toni  s.  Halle 


Steinschneider  s.  Hanussen 

Steinthal,  Hajim  398 

Stent ock-Fermor,  Alexander  von 

818 
Stenbock-Fermor,  Frau  Alexander 

von  818 
Stendhal  81,  235,  307,  550,  651 
Stern,  William  86 
Sternberger,  Dolf  802,  822 
Sterne,  Laurence  108,  152,  168, 

450,  451,  579 
Stevenson,    Robert    Louis     651, 

655,  771 
Stifter,  Adalbert  166,   187,   188, 

195,  195  if.,  205  ff.,  255,  254 
Stone,  Reynold  (Sascha)  440 
Storm,  Theodor  28 
Straus,  Genevieve  823 
Straufi,  Fritz  74,  105 
StrauB,  Leo  489,  492,  537,  655, 

714 
StrauB,  Ludwig  50,  55,  61,  144, 

153,  239,  468 
StrauB,  Max  212,  258,  240,  261 
Strich,  Fritz  469,  471 
Strindberg,  Johann  August   59,  88 
Suares,  Andre*  216 
Susmann,  Margarete  650 
Swift,  Jonathan  261 
Swinburne,  Algernon  Charles  224 

Tacitus  192 
Terenz  364 
Thackeray,  William  Make-Peace 

682 
Theokrit  260 
Thibaudet,  Albert  406 
Thieme,  Karl  12 
Thieme,  Susanne  13 
Tiberius  348 
Tibull  183  f.,  186 
Tieck,    Ludwig    137,    381,    383,  . 

849 
Tiedemann,  Rolf  12 
Tillich,  Hannah  749 
Tillich,  Paul  591,  749 


883 


Toller,  Ernst  377 

Tolstoij,  Lew  Nikolajewitsch  31, 

34  f. 
Tonndorf,  Max  216 
Toscanini,  Arthuro  799 
Tramer,  Hans  370 
Tretjakow,  Sergej  772 
Trotzkij,  Lew  Davidowitsch  409, 

553, 574 
Tscherning,  Andreas  407 
Tuchler,  Kurt  8,  44,  49 
Tiirkischer,  Karl  253 
Tumarkin,  Anna  174,  735 
Tzara,  Tristan  356 

Unger,    Erich     252,    253,    254, 
273  f.,  280,  288,  289,  291,  369, 
411,  481,  515,  516 
Unger  (Freiburg  i.  B.)  77 
Unruh,  Fritz  von  404,  416,  426  f., 
432 

Valentin,  Karl  353 

Valery,  Paul  381,  393,  542,  707, 

710,  813,  815,  828,  832 
Varnhagen  von  Ense,  Rahel  660, 

728,  804,  811 
Verlaine,  Paul  215,  484 
Very,  Pierre  648 
Vesper,  Will  28 
Vesper-Waentig,  Kathe  28 
Viertel,  Berthold  630 
Viktor  Imanuel  III.  364 
Virgil  364,  725 
Vollmoller,  Karl  397 
Voltaire  514 
Vulliaud,  Paul  435 

Wagner,  Richard  205,  681,  682, 

741,  786,  844,  849 
Wahl,  Jean  717 
Wallach,  Eugen  424 
Walser,  Robert  502 
Walzel,  Oskar  436 
Warburg,  Aby  438 
Wassermann,  Jakob  31 


Watson,  John  Broadus  514 
Watteau,  Jean  Antoine  56 
Weber,  Alfred  295 
Weber,  Marianne  295 
Wedekind,  Frank  39,  681 
Wegner,  Paul  586 
Weidle,  Wladimir  759 
Weigel,  Helene  645,  658,  740 
Weigel,  Valentin  733' 
Weill,  Kurt  603 
Weisgerber,  Leo  580 
WeiJBbach,    Richard     250,    255, 

259,  264,  267  £.,  271,  272,  290, 

294,  319,  321,  327,  539 
Welk,  Ehm  607 
Welti,  Albert  Jakob  77 
Weltsch,  Robert  491,  606 
Werder,  Dietrich  von  dem  374 
Wesselski,  Albert  385  f. 
Whitman,  Walt  600 
Wiegand,  Willy  531,   578,   581, 

588  f.,  395,  399,  400,  401,  446, 

459 
Wieland,  Christoph  Martin  589, 

591    " 
Wiener,  Elisabeth  592,  779 
Wiener,  Meir  429 
Wiesengrund,  Theodor  s.  Adorno 
Wiesenthal,  Grete  60,  496 
Wiertz,  Antoine  402 
Wieruzowski,  Lena  101 
Wilamowitz-Moellendorff,  Ulrich 

von  345 
Wilde,  Oscar  42,-600 
Willstadter,  Richard  359 
Winkler,  Eugen  Gottlob  812  f. 
Winter,  Joseph  401 
Wissing,    Egon    517,    552,    602, 

640,  718  1,  769 
Wissing-Feis,  Gert  517 
Wissing-Karplus,    Liselotte    718, 

769 
Wittig,  Joseph  442,  447 
Witz,  Konrad  76 
Wolfflin,  Heinrich  43 
Wolde,  Ludwig  331 


884 


Wolff,  Kurt  244 

Wolff,  Lotte  363 

Wolfradt,  Willy  39, 53, 62, 81, 108 

Wolfskehl,  Karl  458,  492,  559 

Wolter,  Charlotte  238 

Wolters,  Friedrich  516 

Wyneken,  Gustav  8,  9,  17,  44, 
48,  52,  54,  55,  57,  59,  63,  66, 
68,  70,  74,  79,  80,  82  f.,  86,  93, 
95,  103, 104,  108,  110 


Zech,  Paul  484 
Zeitlin,  Hillel  129 
Zilsel,  Edgar  129 
Zuckerkandl,  Victor  756 
Zur  Linden,  Luise  199 
Zweig,  Arnold  360 
Zweig,  Stefan  351  1,  356,  395 
Zschokke,  Heinrich  Daniel  35